Moin, Schätzelein – von Rheinländern, Hanseaten und Mexikanern.

Hamburg Regen Speicherstadt Moin

Ich bin Rheinländerin. Ein Satz, den ich nie gedacht hätte zu sagen. Sind doch Rheinländer funkemarieende, Kölsch aus Blumenvasen trinkende, lärmende Lachmöwen, die auf alles und jeden sch…allend lachen. Der oberflächliche, immer frohe Amerikaner Deutschlands. Ich bin zwar zwischen Rhein und Ruhr geboren und sozialisiert worden, aber mit diesen schwer zu verstehenden und noch schwerer zu ertragenden Pappnasen habe ich nichts zu tun. Jarnix, Schätzelein.

Hochdeutsch sprechend entflog ich vor einigen Jahren meiner ewig klönen- und klüngelnden Brutstätte und machte zunächst in OWL (Ostwestfalen-Lippe) erste Lernerfahrungen im Umgang mit der zu Stirnfalten geneigten Gesellschaft jenseits der eigenen Pappnase: Lachen setzt scheinbar ausnahmslos immer einen ernsthaften, überdurchschnittlich starken Grund zur Freude voraus. In der Warteschlange im Supermarkt ist es unangebracht, Barcelona-Reisetipps mit Fremden auszutauschen (dabei sind die katalanischen Tapas wirklich so juut). Busfahrern werden ausschließlich Fahrkarten, keine Grußformeln präsentiert.

Zwar beäugten sich die Rheinländerin und Westfalen mitunter eulenhaft, doch nichts bereitete mich auf den wahren Antagonisten der rheinischen Frohnatur vor. Ich wähnte mich bereits im Exil, doch lebte ich in einer friedlichen umnebelten nordrheinwestfälischen Idylle, umgeben von Artverwandten, die immerhin zwischen rhein- und ruhrnahen Besiedlungsgebieten unterscheiden und nach drei Dosen Paderborner Urquell ein passables Schätzelein über die lippischen Lippen lallen können.

Oh Irrtum. Oh Naivität. Oh Kölsche Jötter – ich rufe euch, stehet mir bei.

HH.

Selten war ein Autokennzeichen so unpassend, wie jenes dieser Hansestadt Hamburg. Die Stadt ohne viel haha. Manch ein Navigationsgerät interpretiert die Abkürzung einer nur logischen Algorithmik folgend daher auch als HinterHof. Erneut ein Beweis dafür, dass uns Technik in der Regel überlegen ist.

Hamburg. Keine Perle der Gastfreundschaft und Offenherzigkeit. Eher ein leicht unterkühlter Kiesel – trotz Woolrich Jacken.

Hamburg offenbart sich mir als eine Kiesgrube aus Menschen, die zwar irgendwas mit Medien machen, aber in ihrem Erscheinungsbild unkreativer sind als ein Benediktinerorden. Hamburger winken, flirten, stolpern, kichern niemals. Sie finden sich selber so unterkühlt, dass sie sich in Horden unter Heizstrahlern zusammenrotten. Dabei müssten doch gerade Hanseaten um die Rettung des Planeten betteln: noch ein einziger zusätzlicher durch die Klimakatastrophe verursachter Regentag und die Kinder in dieser Stadt werden mit Regenschirm und Schwimmhäuten geboren. Und so einen Schirm möchte nun wirklich keine Frau durch ihren Gebärkanal pressen. Hamburg gleicht auch ohne Heizpilzemissionen bereits einer tropischen Tundra: immer feucht, immer kalt. Doch löst selbst diese Strafgefangenschaft in der ewigen Befeuchtungsanlage keine emotionalen Regungen und Proteststürme aus. Der Hanseat zeigt sich mir so steif und verschlossen wie die Regenschirme, die seine Weibchen in naher Zukunft gebären werden.

Emotional wird der Hanseate nur unter zwei Umständen: erstens beim Fußball. Doch düngt in Köln ein flauschiger Paarhufer den Rasen (ach Hennes), wehen hier Raute und Totenschädel im eisigen Wind – Hamburgs Fußball ist ein ernstgemeinter Gefahrenstoffhinweis. Positive Emotionen sind hier so selten wie eine einstellige Niederlage des HSV gegen den FC Bayern.

Umstand zwei ist der einzige echte Keim der Hoffnung für tausende Zugezogene. Er weckt das Hanseatische Feuer. Lateinamerikanisches Temperament tritt zu Tage, Fremde fallen sich in die Arme, Völker verbinden sich. Der Auslöser?

Mexikaner.

Wo andere Mauern bauen, öffnet sich der Hamburger: „kommt in Heerscharen, Mexikaner kann es nie zu viel geben!“ 0,2dl-weise beginnt der Hamburger zu lachen und zu scherzen. Anfänger, die das Gebräu aus Tomatensaft, Korn und Tabasco mit einem edelsüßen Erdbeer-Lime-Shot verwechseln, werden herzlich ausgelacht und zum Speien in den Hinterhof komplimentiert. Shot um Shot weicht die mentale Vollverschleierung. Das rheinische Herz jubelt. Ich möchte fremde Hamburger bützen und beginne zu singen Da simma dabei, dat is…schneller vorbei als der Sommer in Hamburg.

Hamburg Mexikaner Shots

Ein einfacher Satz zerstört die zarte nach Tomaten und Kater schmeckende Pflanze der Hoffnung. „Du kommst aus NRW? Aus dem Pott also.“ Ich möchte mexikanisches Feuer in das Gesicht meines Gegenübers spucken. Flüsse im Namen tragend möchte man meinen es sei ein Leichtes, die zwei geografischen Regionen zu treten. Doch Rheinland und Ruhrgebiet zerfließen leichtfertig. Würde man einem Westberliner sagen, er käme aus Ostberlin fände man zeitnah einen brennenden Hundehaufen – produziert von einem Westpudel – vor seiner Haustür. Berliner, guter Punkt, die sind übrigens die jähzornige Weiterentwicklung des Hanseaten. Aber das führt zu weit.

Getreu dem rheinischen Grundgesetz spucke ich kein Feuer, sondern verabschiede ich mich sodann freundlich von meinem Gegenüber. Maach et jot. Ich greife nach meinem Regenschirm und frage mich, ob Horst Seehofer vielleicht doch nicht so unsympathisch ist.

Ach. Jede Jeck is anders.




Zum Quietschen – über den Vormarsch der Adilette und den Salonschuh Sneaker.

Adilette Sneaker Badelatsche Adidas

Ein schöner Sommerabend. Ich sitze in einem guten Restaurant und unterhalte mich angeregt mit meinem Gegenüber. Plötzlich betritt eine junge Frau die Außenterrasse. Sie hat etwas Gehetztes an sich. Suchend schweift ihr Blick über die Tische und Gäste hinweg. Mein Blick wandert zu ihren Füßen. Sie trägt blau-weiß gestreifte Badelatschen an den fein pedikürten Füßen. Ich denke: ach die Arme hat sich beim Müll runtertragen wohl ausgeschlossen. Doch macht sie keinerlei Anstalten, um einen Telefonanschluss zu bitten. Stattdessen setzt sie sich zu einer Gruppe und bestellt eine Minz-Rhabarber-Schorle.

So langsam wie die Wassertropfen an meinem Glas herunterlaufen, so gemächlich beginne ich zu begreifen: die Adilette ist salonfähig geworden.

Doch warum bin ich eigentlich überrascht? Als Sommer-Edition des omnipräsenten Sneaker bietet die Adilette schließlich Max Air auch für die ausscherendsten Spreizzehen – ohne auf das vertraute Quietschgeräusch verzichten zu müssen. Die Adilette scheint nicht mehr nur eine Gummischlappe für das Gruppenduscherlebnis im Sportverein zu sein. Sie ist zum Superstar aufgestiegen und präsentiert sich in bunten Streifenkombinationen, mit Püschelchen oder Goldverzierung. Sie schlurft durch die Saunalandschaft ebenso wie über renommierte Laufstege und Flure der Oberstufenklasse. Der gummigewordene Super Gau! Der Kunststoff, aus dem lunar epic Träume gemacht sind.

Ist es tatsächlich so, dass wir unser gesamtes Leben auf Gummisohlen verbringen? Sind elegante Lederschuhe, Pumps und Sandalen – ohne uns – über den Jordan gegangen? Waren Turnschuhe nicht eigentlich ausschließlich als Messgrad pubertärer Coolness vorgesehen? Als wären wir für immer juvenate, tragen wir mittlerweile Sneaker in allen Altersklassen und Lebenslagen: egal ob wir dem Presto in der Elbphilharmonie lauschen, uns beim Vorstellungsgespräch als Allstar unter den Bewerbern verkaufen oder uns wie ein brünftiger Reebok in der Bar an die willigen Weibchen heranquietschen, ohne Gummi geht nichts. Ob New York, Neu-Delhi oder Neu-Brandenburg – das Phänomen Sneaker ist eines, das alle Etnies zu überspannen scheint.

Sneaker Turnschuhe

Der Übergang vom Sportgerät „Turnschuh“ hin zur Stilikone „Sneaker“ ist dabei flyknit. Vom Stepper in die S-Bahn sneakt sich der latschige Treter. Der rasante Aufstieg scheint dabei leicht zu erklären: man läuft zwar nicht wie Gazelle oder Puma, aber Mensch die Dinger sind einfach bequem. Waren Schuhe früher wie eine Zugfahrt durch Indien in der billigsten Klasse – gequetscht und übelriechend – sind sie heute menschenfreundlich. Adieu Blasenpflaster! Und wenn einem dann vielleicht noch Heidi und Guido Maria Whatshisname bestätigten, dass unsere dreckig bunte Schuhtracht der letzte quietschende Schrei und Ausdruck eines besonders distinguierten Styles ist, lehnen wir uns zufrieden in unserem Fußbett zurück.

Doch wo hört der Schnürsenkel auf? Bei Brautausstattern, Regierungsansprachen oder buddhistischen Mönchen? Während ich mich frage, ob wir vielleicht eine New Balance finden sollten, beobachte ich wie die Kellnerin die Getränke bringt. Dabei schwappt etwas Schorle ausgerechnet auf den nackten belatschten Fuß. Die Dame zum Fuß bleibt so stoisch wie Chuck Noris, greift nach der Wasserflasche ihrer Sitznachbarin und kippt sich einen großen Schluck Sprudel auf die klebrigen Zehen. Flux sauber.

Sehr original.

 

(P.S.: Vielen Dank für alle eure Bilder von Füßen und überraschend schönen Bodenbelägen – sag noch mal einer Deutschland wäre kein hilfsbereites, schönes Pflaster.)




Heute mache ich mir kein Abendbrot, heute mache ich mir Gedanken.

Gedanken Brot Kopfkino

Herzlich Willkommen, treten Sie ein! Heute präsentieren wir Ihnen eine ganz besondere Vorstellung – die Privatpremiere des neusten Blockbuster von Starregisseur und Hauptdarsteller Du Alleine. Das cineastische Highlight wurde kürzlich in Cannes mit dem Goldenen Cortex in der Kategorie frauenaffines, emotionales Genrekino prämiert und überzeugt das zur Selbstkritik veranlagte Publikum im Sturm:

Kopfkino – eine Reise aus der Wirklichkeit.

Kopfkino

Die mitunter verworrene Handlung dieses Meisterstücks wird Sie in den Bann ziehen: eine vornehmlich weibliche Hauptrolle irrt durch die Zeit. Die Handlung erscheint zunächst simpel, geradezu banal und alltäglich. Mahlzeiten, Meetings, Migräne.

Doch hören wir permanent eine unruhige Erzählerstimme aus dem Off – brillant gespielt von Mind Talk. Mind Talk kommentiert das gesamte Geschehen. Er ist immer da. Er deutet das Verhalten der Haupt- und Nebenfiguren („Die beiden bekommen ein Kind? Das heißt sie hatten…oh Gott.“) und baut eigene Kurzgeschichten in die Handlung ein („Er schaut mir auf den Mundwinkel – hab ich da noch Sauce? Oder hat er einen Silberblick? Oder möchte er mich küssen? Wie schön es wäre unseren Kindern einmal sagen zu können ‚Spaghetti Arrabiata hat Mami und Papi zusammengebracht‘ “).

Ruht die Hauptdarstellerin kommt Mind Talk so richtig in Fahrt. Er beginnt von Traumprinzen, Traumreisen und Traumkarrieren zu berichten. Sein Ideenreichtum scheint schier unendlich. Noch in der einen Szenen fiebrig fantasierend, erleben wir ihn im nächsten Moment bereits wieder zweifelnd und sorgenvoll. Kopfkino ist ein Karussell der Worte, Bilder und Emotionen.

Immerhin schweigt die Erzählerstimme in zwei Szenen und das Karusell scheint für einen Moment stehen zu bleiben: beim Biss in ein Nutellabrot (um danach umso vehementer mit einem Kurzreferat über die menschliche Kalorienbilanz wieder einzusteigen) und wenn Du Alleine betrunken ist. Sehr betrunken. Dann ist es still und man hört nur noch das wohlige Lallen der Hauptdarstellerin und beobachtet gebannt, wie sie in ein Gebüsch fällt.

Doch was macht die Faszination des Kopfkinos aus? Warum sind ihm so viele geradezu verfallen und campieren bereits in den gemütlichen Kinosesseln?

Warum machen wir uns Gedanken statt Abendbrot?

In unseren Gedanken stellen wir uns Dinge vor, interpretieren Unverständliches und konstruieren unsere eigenen Geschichten. Geschichten, die uns zu Tränen rühren, träumen lassen oder traurig stimmen. Wir erleben den eigenen Independence Day, den Untergang der Titanic oder Tatsächlich Liebe. Alles ist möglich dank der Kraft unserer Vorstellung. Ist die Realität diffus und mehrdeutig, schafft Kopfkino Klarheit in unseren scheppernden Köpfen.

Kopfkino vervollständigt die unvollständigen Sätze, die uns das Leben hinwirft.

Doch birgt das Genre eine Gefahr: während Reality TV eine public viewing Veranstaltung für jedermann ist, schauen wir Kopfkino alleine. Wir alleine definieren demnach den Übergang zwischen Wirklichkeit und Wünschen. Rein subjektiv ist dabei unser Skript. Die Abstufung zwischen Interpretation und Projektion ist dabei so verschwommen, wie das Kinoerlebnis eines Kurzsichtigen ohne Brille.

Seien Sie sich also gewahr: wenn sie den Kinosaal verlassen – und das müssen Sie irgendwann, denn von Popcorn und Leinwandlicht kann ja keiner existieren – werden Sie Ihr Leben mit anderen Augen ansehen. Die anderen schauen Sie und Ihre mit Sauce verschmierten Mundwinkel jedoch immer noch mit den gleichen, angewiderten Blicken an.

Angewidert? Mind Talk würde jetzt sagen: amüsiert!




Der beste Job der Welt – fighting #firstworldproblems

Kennst du das auch: du möchtest eine Kiwi mit ins Büro nehmen, wirfst sie frohgemut in deine Tasche und kaum am Schreibtisch angekommen stellst du fest, dass du Kiwi-Smoothie auf dem Weg zu Arbeit produziert hast? Passierte Kiwi – passiert mir ständig. Ein Problem der Kategorie bestürzend.

Oder du möchtest dir ein frisches Müsli mit Banane machen. Messer und Banane in der Hand haltend fängst du an zu zittern, Schweißperlen bilden sich auf deiner Stirn, dieser Projektaufbau bestehend aus scharfem Gegenstand und erotisierender Frucht überfordert dich. Du legst dich weinend auf den Küchenboden und nuckelst abwechselnd an deinem Daumen und besagter, ungeschnittener Banane. Ein wiederkehrendes Trauma.

Oder du triffst dich mit Freunden zum Picknick im Park. Einer bringt ein Sixpack-Bier mit und du fragst dich im Laufe des Abends wie viel Bier in dem Sixpack war? Sieben? Drei Flaschen? So schnell verliert man den Überblick über sein Leben.

Doch gibt es Hoffnung und eine Lösung für alle deine Lebenskrisen. Wirklich alle.

Tchibo.

Kein Konzern ist so visionär und einflussreich wie dieser Bauchladen aus Hamburg. Ob die Kiwi-to-go-Box („Geschützter Transport und einfaches Essen unterwegs“), der Bananen-Blitzschneider („Mit einem Schnitt 6 Scheiben“) oder der mitzählende Flaschenöffner („Wow-Sound nach der 6. Flasche“) Tchibo nimmt sich der Ängste und Nöte einer von zu viel unsauber geschnittenen Bananenscheiben übersättigten Gesellschaft an.

Du denkst, du hast keine Probleme – dann schafft dir Tchibo gerne welche. Den feindlichen Früchten abgeschworen, entdeckst  du vielleicht Sport als gesunden Ausgleich. Du gehst joggen. Merkst jedoch schnell, dass du deiner eigenen Kondition leichtfüßig davonläufst und dich wie ein Energiefrosch („Ein kleiner Frosch mit großer Ausstrahlung“) fühlst. Tchibos Antwort auf diese Überheblichkeit: der Sprintfallschirm. In einem Sprintfallschirm über der Stadt fliegend, wirken die #firstworldproblems in der Tat gleichmäßig zerkleinert.

Kann man sich also einen besseren Beruf, als den des Produktentwicklers bei Tchibo vorstellen? Du zerschneidest (Kirschtomatenschneider), vakuumierst (Vakuum-Weinverschluss) oder dekorierst (Butterstempel „Skala für leichtes Portionieren und Blumenmotive zum verzieren“) tagtäglich die Probleme eines zur Lebensunfähigkeit veranlagten Millionenpublikums. Stell dir vor, du kannst deinem Date sagen, du hast den Smartphone-Schmuckstecker, Fuchs und Eule oder den Bommel-Maker (für „Pudelmütze oder putziges Tierchen“) erfunden. Die Fußmatte „Just married“ und die WC-Bürste mit Kindersicherung („damit man die Bürste nicht irgendwann im Kinderzimmer wiederfindet“) solltest du von deinen Firmenrabatten zeitnah bestellen. James Bonds Q wirkt gegen dich wie ein debiler Opi, dem die Gelenkwärmer, die Blutzufuhr zum Kopf abschnüren.

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Ein echter Traumjob. Um nun meinem Wunsch ins Entwicklungsteam aufgenommen zu werden sanft vakuumierten Nachdruck zu verleihen,  hier ein paar erste Produktinnovationsideen:

„Döner-To-Go Box inklusive Federung für sanften Anpressdruck – Ali wird staunen.“

„Schnittblumen-Vakuumierer in Form einer Vase in Eulengestalt – für zwar zerdrückte, aber dauerhaft frische Blumen.“

„Mohn-Zahnzwischenraumreinigungsset – der praktische Pinsel mit Ultraschall-Sensorik entfernt lästige Mohnkügelchen auch aus der verwinkeltesten Hackfresse. Mit Aufsteckbürste für Schnittlauch.“

„Avocado-Schneideset bestehend aus einem Kettenhandschuh und stumpfen Messer. Ideal auch für Mittelalterfestspiele.“

Bei aller Innovationskraft und Erfahrung für saisonale Trends wundert es mich, dass Tchibo eine Marktlücke scheinbar übersehen hat.  Aus gegebenem Anlass wäre doch ein G20-Protest-Paket eine wahrlich zündende Konsumidee gewesen: Mit Sprintschirm in Form einer geballten Faust (vor einem Polizisten in kompletter Einsatzuniform kann ja selbst der alte Q weglaufen), ein Rauch-Zerschneide-Set („Für das saubere Filetieren besonders heißer Luft“), den Blitz-Bierhalter („mitsamt Anzündvorrichtung für blitzschnelles Besaufen und Bombardieren“) und den Label-Maker-To-Go („Der ideale Begleiter für das Basteln kreativer Protestschilder im Wegrennen“).

So wäre Bangladesch wenigstens indirekt ein Teilnehmer des Gipfels gewesen.




Feezbuk – Mama, Papa, was macht ihr denn hier?

Facebook Freundschaftsanfrage Deine Mudda Soziale Medien

[Feezbuk]. Was wie ein jiddisches Gericht klingt, ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Umwälzung. Einer unbemerkten sozialen Revolution: Die Generation jenseits der Millennials ist in den sozialen Medien angekommen. Unsere Eltern posten blühende Geranien auf Instagram, checken auf Feezbuk ein, schauen sich Basteltutorials auf Youtube an und schreiben Amazon-Bewertungen für Laubhäcksler. Ob sie tindern möchte ich einfach nicht wissen.

Sozial bedeutet „auf die menschliche Gemeinschaft bezogen, zu ihr gehörend“. Da ist es nur logisch, dass die größte Kohorte unserer Gesellschaft Teil dieses Austausches wird. Und sein muss. Aber muss es meine Mutter sein? Sie, hier? Eine kurze chronologische Bestandsaufnahme.

Die Generation unserer Eltern besaß zwar vor uns ein erstes Mobiltelefon. Die Geräte mit der Ästhetik einer Gegensprechanlage dienten jedoch ausschließlich dazu, Oma Bescheid zu geben, dass wir im Stau stehen. Und das zweite Kind in besagtem Stau mit dem Spielen von Snake ruhig zu stellen (das erste Kind wurde selbstredend mit dem Familien-Gameboy narkotisiert).

Diese Geräte, die Nummernreihen und keine Namen trugen, wurden selten gehört, oft vergessen, nie beherrscht. Und nie gemocht. Skeptisch wurde beäugt wie sich die nachfolgenden Generationen jedes Jahr ein neues Handy zum Geburtstag schenken ließen und sich synchron die chronische Rundrückenhaltung der Juniors zu verschlimmern schien. Computer wurden als bedrohlicher Schreibmaschinen-Ersatz betrachtet und per Ein-Finger-Such-Tipp-System auf Distanz gehalten.

Zur Erziehung der Erzieher verschenkte man selber schließlich iPads und Smartphones. Feierlich nahm Mama das Geschenk entgegen, mit den Worten „Das hat ja keine Tasten. Aber mit dem anderen kann ich doch auch telefonieren?“. Das Gerät wird zwar aus Höflichkeit installiert, aber weiterhin selten gehört, oft vergessen, nie beherrscht. Und nie gemocht.

So dachte die gebeugte Jugend. Bis zu jenem Tag.

„Der-Vorname-Deiner-Mutter Dein-Nachname hat dir eine Freundschaftsanfrage geschickt“.

Meine erste Reaktion: „Mama, ich muss deine Privatsphäreeinstellungen prüfen! Sofort!“ Doch Mutter hat wie unser Weihnachtsmenü auch diesen Coup von langer Hand geplant. Zu lange hat sich die Generation zwischen Rennrad und Rollator von einem wesentlichen Teil der Gesellschaft ausgeschlossen gefühlt. Der virtuellen Gesellschaft. Skepsis und Überforderung sind Neugier und Lernbereitschaft gewichen. Mutti hat eigenständig ein Profil erstellt (vielleicht wurde zunächst versucht bei einer Behörde eine Zulassung zu beantragen), einen schiefen Selfie hochgeladen, ihre Freunde gefunden – und sich schelmisch über die Panik in meiner Stimme gefreut.

Meine zweite Reaktion: „Oh Gott, was hab ich gepostet?“ Ach ne, ich poste ja eh nichts auf Facebook. Erleichterung. Sie schon. Ständig. Mama posted vor („Das nächste Reiseziel ist gebucht“), während („Tolle Scholle an der Ostsee gegessen“) und nach („Schon wieder ein Jahr her? Zeit für den nächsten Besuch“) jeder Reise. Dazwischen hält sie ihre Fangemeinde mit Gartenbildern, Kommentierung der Lokalzeitungsbeiträge und lustigen Tiervideos bei Laune. Ich staune und komme nur schwerlich mit dem Liken hinterher. Anstatt „Kind, zieh dich warm an“ fallen nun Sätze wie „Moment, ich muss noch ein Foto für Instagram machen“. Erst als sie ein Bikini-Foto von mir (“Wow ich wusste nicht, dass meine Tochter ein Sixpack hat“, Kommentar leicht verändert) postete, wurde es Zeit für eine kurze Intervention.

Doch davon unbeirrt wird weiter gepostet, geshared, geliked, was die Mobile-Daten-Verbindungen hergeben. Doch wie konnte es passieren, dass uns die Generation der rüstigen Silberrücken zu überholen scheint?Blumenwiese Garten

Zum einen der Faktor Zeit. Sind wir chronisch gestresst zwischen Beruf, Fortpflanzung und Badezimmer-Putzen sitzen Mutti und Vati im WLAN-versorgten Garten und finden Zeit und Begeisterung darin sich mit neuen Medien zu beschäftigen. Wir treten aus hyperaktiven Whatsapp-Gruppen aus und fantasieren von Digital-Detox-Ferien in der Eifel. Unsere Eltern freuen sich hingegen über jede Nachricht und Neuigkeit. Mutti hat eine 30-minütige Response-Rate – von 100%. Es wundert mich ohnehin, warum noch keiner auf die Idee gekommen ist, zeitkritisches Community Managemet an 50plus outzusourcen, anstatt schlecht bezahlte Werbeagenturlakaien damit zu beauftragen.

Anders als in den vertrauten klassischen Medien wird ihnen die Themenauswahl dabei nicht vorgegeben und die Interaktion auf einen sehr zeitversetzten Leserbrief beschränkt. Das „Alles. Jeder. Jederzeit.“ der neuen Medien beängstigt und berauscht sie zugleich.

Zum anderen kommt der Faktor „sozial“ hinzu. Unseren Eltern nutzen soziale Medien genau wofür sie erschaffen wurden: für sozialen Austausch. Nicht um Neid zu schüren, um die Dicke der eigenen Oberschenkel zu demonstrieren oder mittels Herzchen-Anzahl unter einem Post die eigene Wichtigkeit zu quantifizieren. Diese Generation verwendet keine Filter. Was soll der Quatsch? Das Leben ist auch so schön genug. Facebook, Whatsapp und Instagram werden tatsächlich genutzt, um Freundschaften zu pflegen, sich von anderen Menschen inspirieren zu lassen und um Anteil zu nehmen, an allem was jenseits der Geranienkübel passiert. Ehrlich. Aufrichtig. Interessiert.

Anstatt also ihr Verhalten zu belächeln und beäugen, sollten wir nicht ungefiltert einsehen, dass wir der „alten“ Generation nicht gönnerhaft etwas beibringen, sondern dass wir voneinander lernen können? Eine Erkenntnis, die wir selten hören wollen, oft vergessen, nie beherrschen. Aber eigentlich mögen sollten.

Und wer weiß, vielleicht verhelfen unsere Eltern ohne unser Wissen bereits Studi-VZ zu einer Renaissance. Eine kleine Familien-Reunion in der Gruppe „Wenn ich alt bin, werde ich nur nörgeln. Das wird ein Spaß“ ist doch irgendwie ein erwärmender Gedanke und in der Tat ein Spaß.