Ode an die Gäule und Gesäßmuskulatur – ein Protokoll meiner Selbstgespräche

Andalusien Wanderreiten Pferde Ausreiten Rancho La Paz

Der Mensch braucht Abenteuer – sei es in Form einer zweifach falschen PIN-Eingabe, eines abgelaufenen Joghurtbechers oder eben einer Woche Wanderreiten durch Andalusien.

Doch bevor wir zu meinem tiefenpsychologisch bemerkenswertes Gedankenprotokoll kommen, gilt es einen Irrtum vorweg klarzustellen: obwohl ich mich freiwillig für einen vierbeinigen Reisepartner entschieden habe, weigere ich mich in die infantile, Longchamp-Taschen tragende Kategorie „Pferdemädchen“ eingestuft zu werden. Mein Abonnement der Fachzeitschrift Wendy datiert zurück in die 90er und ich finde Pferdebesitzer per se äußerst fragwürdig und/oder garstig. Entweder sie schwärmen von ihrem Pferd wie von einem lebensunfähigen aber zuckersüßen Säugling („Oh wie süß meine Stute die Ohren anlegt und die Zähne zeigt. Ich glaube sie lächelt mich an. “) oder sie gehen mit dir um, als seist du selbst ein lebensunfähiger, und alles andere als zuckersüßer Säugling („Hab ich den Befehl gegeben vom Pferd zu fallen? Ich denke nicht. Entferne dich, deine Tränen und diese zuckersüßen Pferdeäpfel aus dem Sand.“). Nenne mich Pferdemädchen und ich werde zu Fury.

Es folgt also nun das literarisch wertvolle Protokoll meiner Selbstgespräche, die ich über 42 Stunden, 170 km und 6 Tagen hoch zu Ross führen durfte:

Tag 0 – Nice to reit you, Pisco.

Du bist also mein neuer Lebenspartner für eine Woche? Schön dich für zwei Stunden schon einmal Probefahren zu dürfen. Groß gewachsen, markante Nase, volle Mähne – irgendwie passt du zu mir. Pisco heißt du? Zweckdienlich, wie der Drink! Ok, keiner lacht, reiß nicht an den Zügeln, sondern dich zusammen. Die schauen dich alle an wie einen schlecht frisierten, fortpflanzungsunfähigen Muli. Das sind alles zwar nett aussehende, aber potentielle Pferdemädchen hier in deiner Mitreitergruppe – da sagt man nicht solche ungefilterten Dinge wie „Pisco? Da hoffe ich mal hier wird keiner sour.“ Niemanden veräppeln, sonst bist du ganz schnell der Clown, der bei den Rodeos die Stiere einfangen darf.

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Tag 1 – Hoppe, hoppe Reiter, wenn er sitzt dann schreit er.

Ich muss mal. Mir wird schlecht. Wann sind wir endlich da? So eine Autofahrt kann wirklich strapaziös sein. Wie es den Tieren im Transporter wohl geht? Es wäre schon irgendwie beeindruckend, wenn ich sagen könnte „Also, ich habe Pferde schon kotzen gesehen.“ Heute sind wir nur drei Stunden hoch zu Ross? Ach das schaffe ich doch mit der linken Pobacke. Oh K..osake, ich glaub ich hab mir die Hüfte ausgerenkt. Nein, ich bin mir sicher. Was heißt auf Spanisch „Mobile Gehhilfe“ und „Umtauschgarantie“?

Tag 2 – Die Leiden der jungen Wanderreiter.

So jetzt geht es also richtig los. 9,5 Stunden Reiten in totaler Abgeschiedenheit. Ich bin bereit. Sonnencreme, Antimückenspray, Schmerzmittel, alles dabei – um sich ja nicht durch profane körperliche Schmerzen von den wirklich tiefen, bewusstseinsverändernden Selbstanalysen abzubringen. Sinn und Ziel des Lebens, die eigene Kindheit, Karriere und Kontoführung, ich bin präpariert, um mich von Freud und Pisco in meine Gedankenwelten tragen zu lassen. Endlich mal Zeit sich und sein Leben neu zu sortieren…ich trinke nur noch schnell einen Schluck Wasser. Bei der Hitze ist das ja wichtig. Huch ein Olivenbaum, oh ich liebe Oliven. Igitt bitter. Bitter fühlen sich auch jetzt schon meine Oberschenkel an. Ob die Piscos Mähne wohl mit Haaröl pflegen, die glänzt so bemerkenswert. Boah jetzt äppelt er schon wieder. Der hat ja auch eine von Gott gesegnete Verdauung. Mist, ich muss mal. Nein, lenk dich mit einem Foto der schönen Wälder und Geröllfelder ab. Ein kurzer Blick auf die Uhr. 18 Minuten geschafft. Wieviel Prozent sind das eigentlich von 9,5 Stunden? Kopfrechnen war ja nie deine Stärke…An dieser Stelle bricht (Gott sei Dank) die Erinnerung ab und ich erlange wieder Bewusstsein als ich den kalten Strahl einer Duschbrause auf meinem Kopf spüre. Erleichtert stelle ich fest, dass ich immerhin den Reithelm abgenommen habe.

Tag 3 – Korkwälder und kein Wifi.

Die Erkenntnis des Tages stellt sich früh ein: die maslowsche Bedürfnispyramide muss für den modernen Menschen neu sortiert werden. An erster Stelle stehen nicht mehr physiologische Grundbedürfnisse, wie Nahrung und Schlaf. Nein eine stabile, mobile Internetverbindung scheint ganz an erster Stelle der Existenzerhaltung zu stehen . Während Pisco und ich einzig und alleine der Reitführerin followen und in real time im Korkwald einchecken – posten, texten und sharen meine Mitreiter was das totale Funkloch des Nationalparks hergibt.

Sieht denn hier keiner die von Farnen und Korkeichen gesäumten Wälder? Die Adler die über dem Tal kreisen? Die wilden Mulis, die uns folgen möchten? Hört keiner diese sinfonische, absolute Stille? Spürt keiner das Kratzen der Olivenbaumäste auf der Haut? Riecht keiner die von der Sonne erwärmten Piniennadeln? Der Kosmos da draußen ist völlig irrelevant, diese einsame, magische Bergwelt ist das Einzige was für die Sinne jetzt zählt. Wahnsinn dieser Blick, diese Weite..und diese Tiefe. Ach du Kosake, das müssen wir alles wieder herunterreiten? Pisco, das ist mir zu steil! Nein, ich.., ok du machst das schon. Beeindruckend was du alles kannst, die Mädels hier können dir sicher einen eigenen reichweitenstarken YouTube-Channel einrichten und dich groß rausbringen. Wir müssten deine hyperaktive Verdauung nur in den Griff bekommen. Dem Schiet möchte dann doch keiner followen.

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Tag 4 – Als die Tiere den Wald verließen.

Raus aus dem schattigen Gebirge. Rein in die sengende Steppe. Endlich werden die Knochen im frischen Galopp neu arrangiert und der Staub abgeschüttelt. Vorbei an dösenden Mulis, müffelnden Ziegen, gackernden Gänsen, hoppelnden Hasen und einer vierspurigen Autobahn geht die Reitreise. Brütend heiß ist die Luft, wohltuend lauwarm sind die Gedanken. Dem Scheppern im Kopf und Schreien des Körpers ist ein entspannendes Klappern gewichen.

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Tag 5 – Nichts als die nackte Wahrheit.

Also ne jetzt ist es genug. Ich kann dieses Trotten nicht mehr Hören. Warum liege ich nicht einfach am Strand, wie es alle anderen nordländischen Touristen hier machen und hole mir nicht nur auf Nacken und Handrücken einen Sonnenbrand? Jetzt habe ich scheinbar auch diesen besonderen Tinitus, eine unter reisenden Deutschen und Männern mit Schnupfen weitverbreitete Form des konstanten Mimimimimimimi (siehe Mimimi). Wie auf einem Langstreckenflug finde ich langsam keine Sitzposition mehr, die sich nicht anfühlt als würden meine Knochen aus rostigen Stahlstreben bestehen. Und jetzt reiten wir auch noch über Stierweiden, umgeben von frohgemuten, freien Bullen, die Hörner haben wie Interkontinentalraketen? Mit einem Pisco, der gestern schon Rennradfahrer für nordkoreanische Diktatoren hielt? Na bravo…oh das Meer! Ich rieche es. Ich höre es. Ich sehe es. Ich reite am Strand. Die Welle brechen an Piscos Beinen, vorbei ist das Weinen. Welch Glück! Welch Freude! Welch..Entsetzen! Das ist ein Nacktstrand! Lederbusen und deutsche Würstchen wohin man sieht. Pisco, ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich mich auf unserem Abenteuer einmal wie ein Tierquäler fühlen würde. Nun es ist so weit. Welch beschämendes Gefühl dich der „Natur“ so auszuliefern.

Andalusien Wanderreiten Pferde Ausreiten Rancho La Paz

Tag 6 – Ankommen.

Der Wind rauscht durch die einsamen Pinienwälder – oder ist es das türkisblaue Meer welches wir schon wieder hören? Die Stunden, Tage, Landschaften gehen fließend ineinander über. Und plötzlich ist da nichts als nackter, aber beruhigenderweise menschenleerer Strand vor uns. So schnell wie der Wind schießen wir über die Weite – Sand und Salzwasser spritzen ins Gesicht. Warum mache ich diesen Urlaub – jetzt erst?

Angekommen.

Adiós Pisco. Ach wie süß, du zeigst deine verfaulten Zähne. Ich glaub du lächelst mir zum Abschied zu. Zuckersüß. Und das nächste Abenteuer beginnt: Wie lautete meine PIN-Nummer noch mal?




Welcome to Zwitscherland

Schweiz Walensee Switzerland Alpen Schweizer Flagge

Das isch huere guet. Ich schaue in das Antlitz der vermeintlichen Edelprostituierten mit Gütesiegel. Sie heißt Emmi und sieht in der Tat frisch und appetitanregend aus. Emmi ist ein Pfirsich-Maracuja-Joghurt. Eine ernsthafte Haltung bewahrend entledige ich die huere guete Emmi ihrer Verpackung, tauche meinen Löffel in sie hinein und beginne schweigend zu genießen.

In meinem Kopf scheppert der Affe „Welcome back to Switzerland“ – ein Land voller Überraschungen, Eigenarten und sich bewahrheitender Klischees. Während der alpine Nachbar Österreich sich seiner Mehlspeisen erfreut und ansonsten in diffuser Gewöhnlichkeit in Frieden gelassen wird, platzt diese von einem gewissenhaften Zoll zusammengehaltene Schweiz vor Vorurteilen und Stereotypen. Die Schweiz ist sauber, höflich, teuer, bergig, produziert lebensverändernde Schokolade und bausparverträgeauflösende Uhren, redet komisch und und… Dies ist alles ausnahmslos korrekt. Oder korräkt wie der Schweizer verlauten würde.

Preisniveau und Berge sind quasi identisch: sie sind beeindruckend hoch und rühren Gäste zu Tränen (mitunter auch zur Schwindelei). Ob Matterhorn oder Milchpreise, die Schweizer lieben ihre Berge und ihre Währung – halten ihre Dimensionen aber für völlig normal proportioniert.

Schweiz Switzerland Alpen

Normal ist auch die Benutzung öffentlicher Toiletten und der Verzicht auf Zugverspätungen in diesem blinkenden Altersruhesitze von Meister Propper. Dreck und Chaos haben in der Schweiz einfach keine Aufenthaltsbewilligung. So kann man auf Schweizer Bahnsteigen durchaus bedenkenfrei Butterbrote schmieren und seine Steuererklärung sortieren. Es gibt keine (sichtbaren) Obdachtlosen, keine unkontrollierten Warteschlangen, keine Glasflaschen im Hausmüll. Dieser gemeinschaftliche Ordnungssinn gibt diesem kleinen Land einen festen Rahmen.

Eine unordentliche Sprache ist wiederum das, was dieses urige Bergvolk in diesem Gefüge zusammenhält. Und nach außen hin abgrenzt.

Für ungeübte Ohren hört sich die Schweizer Sprechweise an wie Dänisch mit Bronchitis oder wie das Gestammel eines Verniedlichungs-Tourettpatienten. Man wünscht sich ein schönes Tägli – als wären die Tage hier nicht nur besonders kostspielig, sondern auch besonders knuffig und kurzgewachsen. Man trinkt es Wiili, als würde man süßen Kindersekt trinken. Man zieht sich ein Jäckli über, wenn es Wölkli am Himmel hat. Ob die Wolken dabei die Größe des Kantons Appenzell haben, ist  nebensächlich. Und ja, es hat Wolken am Himmel, so wie es noch Milch im Chülschränkli und viele Lüüt auf einem Konzert hat. Und wie es keine einzige eindeutige Schreibweise für schweizerdeutsche Begrifflichkeiten hat. Nicht nur redet jeder Straßenzug eines Dorfes anders, er schreibt auch, wie die Finger dem Mund folgen möchten. Grüezi Buchstabengrütze! Ein Paradies für Legastheniker, die Hölle für jeden kommunikationsinteressierten Fremdsprachler.

Und mit Fremdsprachler sind Deutsche eingeschlossen. Franz Josef Strauß hört sich im Vergleich auf einmal an, als käme er gebürtig aus Hannover. So lauschen die völlig zurecht als arrogant und plump bezeichneten Deutschen den Schweizer Abendnachrichten und brüsten sich siegessicher damit, dass sie des Schweizerdeutschen so mächtig seien wie der Einfühlsamkeit. Doch die von rollenden r`s und skurrilen Ausdrücken (wie parkieren, retournieren, grillieren) durchzogenen Meldungen sind in höchst avantgardistisch interpretiertem Hochdeutsch vorgetragen. Das Erwachen ist sodann wolkenverhangen, wenn die Berner Wetterfee einfühlsam und scheinbar Brunftlaute verwendend versucht zu erklären, dass es morgen ä chlii viu Wülchli am Himmu chönnt ha. Nicht zuletzt sind deswegen Deutsche auch in der Schweiz stets an multifunktionalen Jack Wolfskin Jacken zu erkennen. Sie haben schließlich den Wetterbericht nicht verstanden und müssen sich auf alle Unwägbarkeiten variabel einstellen. Schweizerdeutsch steht dem Deutschen so nah, wie das Verteidigungsministerium der Gummibärenbande.

Den größten Fehler, den man als Nichtschweizer sodann machen kann, ist zu versuchen, sich der Eingeborenen-Dialektik anzupassen und selber zu radebrechen. Denkt man, man könne in diesem Land der scheinbaren willkürlichen Kombination von Konsonanten und Umlauten einfach nichts falsch machen – so scheitert man bereits am unblamablen Vortrag eines Grüezis. Sprich kein Schweizerdeutsch, sofern du nicht Schweizer oder ein betrunkener Badeneser bist – es kommt nur Grütze heraus!

Die hör- und sehbaren Klischees sind so unendlich wie vermutlich die Schweizer Schreibweisen für Schelläaff. Doch der wahre Kern der Schweiz ist ein anderer. Ein weniger offensichtlicher, aber genauso realer. Es sind die Menschen, die diesem Land einen so eigenen Charakter geben. Es ist dieses so eigenartige und liebenswerte Volk der sehr ordentlich gepflegten und verzollten Gegensätze. So recht will der Schweizer eigentlich in keine Schublade oder kein Chuchichäschtli hineinpassen.

Schweiz Switzerland Zürich Schweizer Fahne

So scheint die Schweiz in sich zerstritten. Sie ist sprachlich und kulturell durch den Röstigraben (zwischen deutschem und französischem Teile) getrennt. Das Tessin wird mitunter komplett verleugnet, wie ein lauter, peinlicher Familienzweig vom Niederrhein. Berner werden ob ihrer Sprechweise belächelt wie Schwäbische Grundschüler. Gleichzeitig ist es ein Land des offen ausgetragenen Nationalstolzes – sichtbar als Fahnenmeer im Vorgarten oder rot-weiße Kreuze auf Joghurtbechern und Zahnarztpraxen. Das Schweizer Nationalbewusstsein ist geprägt von Stolz und Ehrfurcht vor der eigenen Lebensqualität und globalen Qualitätswahrnehmung seiner Errungenschaften. Dieser Nationalismus ist jedoch vor allem nach innen gerichtet. Er gibt das Gefühl von Sicherheit und Zusammenhalt durch Abgrenzung nach außen. Nicht durch Eroberung anderer Kulturen oder das Gefühl der eigenen Überlegenheit. Dafür ist der Schweizer viel zu dezent und zurückhaltend.

Geordnet und kontrolliert öffnet sich der Schweizer dieser diffusen Welt da draußen. Zum einen, indem er reist. Es gibt keinen Urlaub, in dem nicht ein freundlicher Schweizer neben einem stehend den Sonnenuntergang mit „Huere schön, oderrr?“ kommentieren würde. Den Ungeübten mag dabei die Offenheit gegenüber des Sextourismus irritieren. Zum anderen kann dieses Land so außerordentlich gastfreundlich sein. Schweizer bitten Besucher an ihren Tisch, an ihren Raclettgrill oder Fonduetopf, um sie an der Schönheit ihrer eigenen Heimat teilhaben zu lassen. Zu Ausländern, die dauerhaft im Land bleiben möchten, sagt er hingegen eher „Huere nid schön“ und möchte sie am liebsten gen Herkunftsland retournieren. Besuchen und bewundern ja, bleiben und bewohnen wenn es sein muss.

Schweiz Switzerland Fondue

Der Schweizer ist im besten Sinne unaufgeregt und gutgläubig. Er streikt nicht. Er schert sich nicht um Prominente. So badet Roger Federer seinen millionenschweren Körper im öffentlichen Freibad und Tina Turner radelt unbehelligt um den Zürisee. Er lässt seine Haustüre offen stehen und bekommt Pakete in eine unverschlossene Klappe geliefert (Milchkästli). Der Grund hierfür ist ein tiefer Respekt vor Menschen. Man verletzt sich nicht, man beklaut sich nicht, man lässt sich ausreden, man achtet den anderen.

Wenn man so darüber nachdenkt, ähnelt die Schweiz eigentlich einer von Hügeln und Harmonie umgebenen Gummibärenband. Eine uh huere gueti Määrliwält.




Leben wie Gott in Frankreich – ein Liebesbrief an mein Urlaubsgefühl

Frankreich Urlaub Urlaubsgefühl Ferien Sommer Sonne

Liebes Urlaubsgefühl,

oh wie habe ich dich vermisst. Wie groß und doch undefinierbar war die Sehnsucht. Ich habe die Tage und 1500km gezählt, um dich am Mittelmeer wiederzufinden. Doch warum habe ich dich eigentlich so gern? Weil du bist, wie du bist.

Du bist der Duft nach Pinienwäldern und gegrilltem Fisch.

Du bist Geschmack von salzigem Meerwasser auf den Lippen.

Du bist wohlige Wärme auf der Haut und Sonnenstrahlen auf der Nase.

Du bist sanfter Wind im Haar und wogendes Wellenrauschen im Ohr.

Du bist weinselige Abende und aprikosenmarmeladige Morgen.

Du bist Dösen am helllichten Tag, du bist Sterneschauen in der dunklen Nacht.

Du bist warme Erdtöne und farbgewaltige Früchte.

Du bist Geschmack von oh so vielem auf der Zunge. Frische Feigen. Saftige Melonen. Zartes Lammfleisch. Würziger Ziegenkäse. Buttrige Croissants. Himmelnahes Himbeereis.

Eis Urlaub Urlaubsgefühl Ferien Sommer Sonne

Dermatologen, Fitnesstrainer, Bankberater und das eigene Gewissen – sie alle schweigen. Es ist still und friedlich. Der Kopf scheppert nicht, er summt. Leise, friedlich, irgendeine ferne Melodie. Diese Melodie, diese Leichtigkeit begleitet uns beide durch den Tag. Es ist so schön mit dir, liebes Urlaubsgefühl. Du weckst mich am Morgen, ausgeschlafen und neugierig auf den Tag. Ein Tag ohne Termine. Ohne irgendeine Verpflichtung – außer dir nahe zu sein. Abends fallen wir müde, nicht erschöpft, ins Bett. Und es ist egal ob Mückenstich, Sonnenbrand oder Parkplatzsuche uns reizen wollen. Egal ob fremde Betten, unbekannte Sprachen oder ungewohnte Kulturen uns eigenwillig erscheinen. Du, liebes Urlaubsgefühl, bleibst an meiner Seite. Du gibst mir Gelassenheit und Ruhe. Einfach nur zufrieden sein. Einfach nur sein.

Doch eine Frage schwirrt dennoch leise durch den Kopf: Warum kann es nicht immer so sein? Warum musst du mich verlassen?

Weil die Nase – wie den eigenen Körpergeruch – den Duft von Pinien und Meeresluft irgendwann nicht mehr wahrnimmt. Weil das fünfte, ok oder das fünfundzwanzigste Buttercroissant irgendwann wie ein fettgewordener Putzschwamm schmeckt. Weil all die Erdtöne irgendwann eintönig werden. Weil der bereits dritte Sonnenaufgang nach einer mückenumkämpften Nacht verschlafen werden will. Ok, und weil es eines Gelderwerbes bedarf, der die Buttercroissants und Mautstraßen zu finanzieren hilft. Es braucht den Kontrast des Gewohnten, des Vertrauen, des Normalen. 

Weil das Urlaubsgefühl eben den Alltag braucht – so wie die Sonne ohne Schatten nicht strahlen kann.

Lebewohl und bis bald liebes Urlaubsgefühl – grüße Gott in Frankreich von mir.

Dein Schellenaffe

(…der scheinbar vergessen hat, Übergepäck für seine mitunter sperrige Ironie anzumelden)




Ein blindes Huhn sagt mehr als tausend Worte.

Schellenaffe Das Leben ist schön Sonne Kinderspielzeug Affe mit Becken

Das Scheben ist so lön. Es hält so viele Lacher, Freudentränen und Schmunzler für uns bereit, ohne dass man sich besonders anstrengend müsste. Die stetig sprudelnde Quelle dieses unerschöpflichen und unerwarteten Lohfrockens ist eine einfache Lebensweisheit von Millionen von Erdenbürger: erst reden, dann denken.

Da fragt man, ob es das Schuhpaar auch eine Grummer nößer gibt. Man bestellt, eine Flasche Gas ohne Wasser. Man sagt „Links“ und geht nach rechts.  Man bewundert im Amerika-Urlaub, dass die Kinder hier so gut Englisch sprechen. Da winkt man mit dem Pfaunzahl. Da sitzt man im Zugfleug und erklärt der Stewardess gönnerhaft, dass man definitiv auf dem richtigen Platz säße – um dann darauf hingewiesen zu werden, dass man sich auf dem Platz der eigenen Gatenummer befände. Welch bunderwahrer Pauxfas!

Gesichter Augenbrauen

Noch mehr Frund zur Greude birgt das Leben, seit es Autokorrektur gibt. Getreu dem Motto „Erst senden, dann lesen“  freuen wir uns  auf „Endlich Feuerbestattung“ (Feierabend). Wir suchen unsere Brüste (Bürste), wir haken Tod (Todo) Listen ab, wir treffen uns auf ein Weibchen (Weinchen) und dürfen dabei Hunde aufessen (aufpassen). Das Leben weiß es einfach, uns positiv zu überwachen (überraschen). Und für Spannung zu sorgen: klicken wir auf Antworten anstatt auf Weiterleiten sind wir gespannt, ob sich der ursprüngliche Sender bei „Dieses Ausmaß an Inkompetenz habe ich in der Form noch nie erlebt“ tatsächlich geschmeichelt fühlt. Oder die Geschäftsbeziehung feuerbestattet.

Großartig, genau davon brauchen wir mehr. Mehr Lügelzosigkeit! Mehr feinliche Pehler! Mehr linnsose Assaugen! Denn ein blindes Huhn sagt schließlich mehr als tausend Worte.

Ich möchte – trotz inhaltsleerer Wahlplakate und narkotisierender TV-Duelle – regiert werden von Schartin Mulz oder Mangela Erkel. Ich möchte würzigen Bamemcert  an der Trischefheke meines Ekedas bestellen. Ich möchte nach Rostock an der Nordsee fahren und Bischfrötchen essen. Ich möchte die Poffer kacken und kühle, prisch gefresste Camaruja-Schorle unter einem Schonnensirn trinken – in Madrid, Mailand, Hauptsache Italien.

Es hacht das Lerz. Es keppert der Schopf. Oh das Scheben ist so lön!