Ankommen ohne Ziel – Fragen an Sprinter und Life Coaches.

Straße Tunnel Transporter

Bald werde ich endlich schaukeln dürfen. Bald darf ich bei dir übernachten. Bald werde ich in die Schule gehen. Bald werde ich endlich ausziehen. Bald habe ich einen tollen Beruf. Bald ist Wochenende. Bald finde ich die große Liebe. Bald bekommen wir einen Bausparvertrag. Bald bekommen wir Kinder. Bald können unsere Kinder schaukeln. Bald ziehen sie aus.

Und schon bald bekomme ich eine neue Hüfte und denke an früher.

Unser Leben scheint ein ewiges Bald zu sein. Ein konstantes Wollen und Werden. Ein permanentes Planen und Vorhaben. So wie wir reisen, so leben wir. Immer die nächste Etappe im Visier, im Display des unbeseelten Navigationsgerätes. Wir leben auf der Autobahn. Nur in absoluten Notfällen halten wir auf dem Standstreifen. Kurvige Landstraßen bereiten uns Unbehagen. Sackgassen sind zynische Zeitverschwendung, wie ein erneut gelesenes Buch.

Straße Autobahn Sonnenuntergang Schild Vorbeifahren

Wir reisen mit festen Zielen. Wir leben mit festen Zielen. Planlosigkeit gilt als eine mittelschwere Vorstufe der kompletten Verwahrlosung. Man denkt an Kopfläuse und Wundliegegeschwüre. Lehnt man eine Beförderung ab oder möchte man auch ohne Familie in Teilzeit arbeiten gilt man als Karriereverweigerer und selbstverliebtes Opfer der Generation Y. Beantwortet man die Frage „Und wo sehen Sie sich in 10 Jahren?“ mit „ In der festen Umarmung meines Sofas“, wird einem geraten, einen Life Coach aufzusuchen. Coach statt Couch. Doch ist man, wenn man sein Leben daueroptimiert und am Ende einem Arbeitstitel, einer Ziffer auf einem Gehaltszettel oder fremden Erwartungen unterwirft nicht vielmehr ein Lebensverweigerer?

Es geht soweit, dass unsere Lebens-, ach bereits unsere Wochenendgestaltung mitunter an Kriegsplanung erinnert.  Bilder von uniformierten Männern, die mit Schiebern kleine Reiterfiguren über große Kartentische schieben und ernst schauen, kommen in den Sinn. Es gilt die Westfront mit Truppen aus dem Burgund zu sichern (Weinabend mit den Nachbarn), Versorgungstrupps loszuschicken (Einkäufe erledigen), einen Simulationskampf durchzuführen (Spieleabend mit Freunden) und einen Hinterhalt im Morgengrauen vorzubereiten (Brunch bei den Schwiegereltern). Wir scheinen einen permanenten Grabenkampf mit unserer verstreichenden Lebenszeit zu führen.

Der Mensch strebt solange er lebt. Stillstand ist atmender Tod. Wir scheinen in dem festen Glauben zu leben es gäbe eine Ziellinie, als würden wir mit unserer gerannten Lebensleistung genau festlegen können, wann dieses Endziel erreicht wird. Zwar mag die Wade oder gar der Laufpartner irgendwann schlapp machen, aber wir halten uns für den alleinigen Herrscher der Geschwindigkeit und zurückgelegten Distanz unseres Lebens auf der Autobahn. Erwarten wir, dass am Ende jemand applaudiert oder korrigiert „Die Schwungphase musst du etwas verlängern und präziser links abrollen“ ?

Doch was ist, wenn es keinen Sieger, kein Endziel gibt? Was, wenn das Sein gar keine feste Richtung hat? Weder eine Gerade, noch ein Rundkurs ist – sondern sich eher wie eine Wolke oder eine Pobacke darstellt: irgendetwas Deformiertes zwischen Anfang und Ende, etwas Formarmes zwischen Oben und Unten?

Was ist dann unser permanentes Rennen, wenn nicht eine Flucht vor dieser einen Gegenwart? Pläne, Möglichkeiten gibt es viele – ehrliche Realität nur eine. Wir sammeln Momente, als wären sie Kastanien auf der Straße. Wir fotografieren Erlebnisse, als würden wir sie uns für später aufheben wollen, weil wir gerade keine Zeit für sie haben. Wir kaufen Andenken, an die wir nie wieder denken. Ist unser Fotoalbum irgendwann voll, zu voll nehmen wir uns schließlich eine „Auszeit“ – von uns selbst, von unserem Leben. Im Schweigekloster, in der Hängematte, im Ausbildungskurs für Life Coaches stellen wir dann fest: Mist, du bist ja immer noch da. Man kann sich eben nicht selber auswechseln und durch einen neuen, frischeren Spieler ersetzen lassen. Die Auswechslung übernehmen irgendwann andere für uns.

Spielen müssen wir also selbst. Selber laufen. Oder am besten gemütlich gehen. Wenn der Weg das Ziel sein soll, dann sollte man doch eigentlich so langsam gehen wie es irgendwie geht. Lockeres Traben im Tempo eines Reiner Calmund sollte unsere Höchstgeschwindigkeit sein. Trampelpfad statt Autobahn. Spaziergang statt Wettlauf. Statt den Blinker links zu setzen, rechts den Wegesrand bewundern. Eine zugegeben empirisch schwach belegte These: es gibt schließlich noch immer mehr Blumen als Hundehaufen am Wegesrand zu entdecken. Wir leben in so sicheren Zeiten, wie kaum eine Generation vor uns. Diese Sicherheit ist ein kostbares Privileg. Ein Geschenk – wir sollten das Geschenk auspacken und uns daran erfreuen, anstatt es zu versichern, wegzusperren oder unbenutzt zu verkaufen.

Gehe doch heute mal wieder schaukeln. Es gab eine Zeit, da war das das wichtigste Ziel in deinem Leben. Und sage nicht „Das mache ich bald.“ – irgendwann ist bald zu spät. Für diese Erkenntnis muss man nun wirklich kein Life Coach sein.