Lasst uns froh und nicht mehr ganz knusprig sein

Weihnachten Lebkuchenmann

Was ist Weihnachten – außer verknotete Lichterketten, kariöse Kekse, schnappatmige Kinder, magenweitende Hirschbraten, vergessene Geschenke und ungeduschte Sissi-Revivals? Mit Religion und Glaube hat das Fest in Zeiten, in denen wir unsere eigene Transzendenz und Spiritualität baukastenartig selbst zusammenzimmern, herzlich wenig zu tun. Für viele ist das Weihnachtsfest eine wahllose Anhäufung von Feiertage, an denen man große Mengen an Kalorien und Familienmitgliedern ertragen muss. Beides so schwer verdaulich, wie die Geschichte vom Bday eines jungfräulich empfangenen Gottessohnes himself.

Im Streben nach Perfektion und zimtiger Stimmung empfinden viele sodann vornehmlich puren Stress. Die höllisch Heilige Nacht wirkt herausfordernder als ein Kindergeburtstag der ADHs-Kitagruppe „Kleiner Flosack“. Zu viele Mäuler und Menschen gilt es gleichzeitig glücklich zu machen. Doch was nützen all die Vorfreude und Vorbereitung, wenn man vor lauter hektischer Jonglage von Erwartungen, Geschenken und Kartoffelknödeln den eigentlichen Moment des Genusses verpasst? Denn ein Fest des Genusses soll und wird Weihnachten immer sein. Wir genießen die Tage ohne Pendlerverkehr, Arzttermine und Monday Blues. Doch was ist es nun genau an Weihnachten, was es mehr sein lässt als ein bisschen Urlaub mit Lametta?

Weihnachten Rockefeller Center Christmas Tree

Weihnachten ist vor allem eines: das Gefühl von Zuhause-Sein. Ob wir selber „Driving Home for Christmas“ im Stau auf der A1 anstimmen oder am Küchenfenster stehend Empfänger der heimkehrenden Besucher sind, ein Gefühl von Zuhause verbindet uns an Weihnachten. Zuhause ist dabei kein bestimmter physischer, vertrauter Ort, sondern vielmehr ein emotionaler Ort der Verbundenheit mit anderen vertrauten Menschen. Weihnachten ist ein Fest der Familie und Freunde. Ein Fest der Begegnungen. Dabei ist es doch eigentlich egal, ob diese Begegnungen neben einem schiefen Weihnachtsbaum oder über einer versalzenen Ente geschehen.

Eine zentrale Rolle wohnt dabei diesen eigenartigen Menschen und komischen Vögeln inne, die einem als lebenslange Zwangsfreundschaften irgendwie aufgebürdet wurden. Auch bekannt als Familie. Ob durch Blut, Heirat oder besonders komplizierte Lebensformen verflochten, Familien bringt und hält eine eigenartige Form der Liebe zusammen. Ganz ohne Schmetterlinge im Bauch, Erotik, Sichverstellen oder Hinterfragen des Beziehungsstatuses lieben wir unsere Familie. Das würden wir natürlich niemals zugeben. In ihrer zu egoistischen, langweiligen, verfressenen, ehrlichen, unmodischen, gemeinen, spießigen (…) Art raubt sie uns den letzten Nerv und allerletzten Knödel auf dem Teller (nicht dass wir noch Hunger gehabt hätten, aber es geht ums Prinzip).

Verbringen wir Weihnachten also im Kreise nervtötender Menschen sollten wir dankbar sein. Wir haben eine Familie. Das hat nicht jeder. Lasst uns froh und… nichts anderes sein.

Um nun doch etwaige familiäre oder endogastrale Spannung durch herzhaftes Lachen zu lösen, sei zum Punktespiel „Lasst uns pups-froh und nicht mehr ganz knusprig sein“ geraten. Zur Förderung des Frohsinns und für ein schepperndes Weihnachtsfest gilt es vom 24. bis 26.12. eine maximale Punktzahl zu erarbeiten:

  1. Die eignen Socken ausziehen und an den Baum hängen. (1 Punkt)
  2. Sich während des Festmahls mit Disney-Namen ansprechen. „Ariel magst du mir mal den Rotkohl reichen? – Gerne Pocahontas. Wann kommen eigentlich die Aristocats?“. Einen Bonuspunkt gibt es, wenn dies in einem öffentlichen, gastronomischen Betrieb aufrechterhalten wird. „Meine Daisy Duck nimmt auch ein Glas vom Merlot.“ (1 Punkt)
  3. Gemeinsam unter dem Baum „Wann wird’s mal endlich wieder Sommer“ oder „Despacito“ singen. (1 Punkt)
  4. Mit einem Hammer auf den Christstollen schlagen, nach der Adventskerze greifen und „Ich geh unter Tage. Glück auf.“ rufen. (1 Punkt)
  5. Jemandem unbemerkt Aufkleber oder Etiketten auf den Rücken kleben. Einen Bonuspunkt gibt es für Verwendung eines Schellenaffen-Stickers. (1 Punkt + 1 Bonus-Punkt)
  6. Unter verwenden folgender Begriffe anwesenden Kindern die Weihnachtsgeschichte erklären: Jamaica-Aus, I Bims, Fidget-Spinner, Bitcoins, Donald Trump und Hornhauthobel. (2 Punkte)
  7. Gekochte Eier gemeinsam bemalen. (2 Punkte)
  8. 27% des Kekstellers auf einmal in den Mund stecken und „Stille Nacht“ pfeifen – bis zum Ende. (2 Punkte)
  9. Im Falle einer familiären musikalischen Einlage plötzlich Liegestütze oder Kniebeugen (im Takt) machen. (2 Punkte)
  10. In der Kirche „Wohoooo“ rufen. Zwei Extrapunkte gibt es, wenn der Ruf unmittelbar nach einem „Und nun falten wir die Hände zum Gebet“ erfolgt. (2 Punkte + 2 Bonus-Punkt)
  11. In der Kirche einen Fremden high-fiven. Einen Extrapunkt gibt es für das Abklatschen eines Würdenträgers (3 Punkte + 1 Bonus-Punkt)
  12. Teile des Festessens heimlich verpacken und jemandem als Geschenk überreichen. Einen Extrapunkt gibt es für das Überreichen fleischlicher Nahrungsmittel an einen Vegetarier – mit den Worten „Für dich wie immer eine kleine Extrawurst“. (3 Punkte + 1 Bonus-Punkt)
  13. Ein unbeliebtes Weihnachtsgeschenk am gleichen Abend bei ebay Kleinanzeigen inserieren. Einen Extrapunkt gibt es, wenn das Geschenk bis zum 26.12. verkauft wurde. (3 Punkte + 1 Bonus-Punkt)
  14. Lebende Haustiere im Weihnachtsbaum verstecken. Zwei Bonuspunkte gibt es, wenn es sich dabei um Fische handelt. (3 Punkte + 2 Bonus-Punkt)

Der Schellenaffe wünscht euch frohe Weihachten – und sich selber Spielstände und Erfahrungsberichte. Lasst uns froh und scheppernd sein!

Weihnachten Weihnachtsbaum

 




Der Plan

Heute wird Klartext geschrieben. Das ist ja alles ganz putzig hier, einmal die Woche eine seichte Geschichte, kommentiert von „dreimal beliebiger Buchstabe“ (Hab dich lieb), geliked von unseriösen Wannabe-Influencern, die weder des Deutsch noch der Ironie mächtig sind, und geteilt von Freunden, die mir mitleidig die Stange halten, vermutlich in der Hoffnung bald montags endlich wieder Bild.de auf dem Weg zur Arbeit lesen zu dürfen. Alles ganz nett, aber von nett wird man nicht satt. Ich bin gierig. Ich will Geld verdienen und ein Millionenpublikum belästigen. Ich brauche folglich: einen Marketingplan, der es in sich hat. Eine Vermarktungsstrategie, die nice und nicht nur nett ist.

Beginnen wir mit einer Bestandsaufnahme – und den ersten, fundamentalen Fehlern, die ich begangen habe bei Inbetriebnahme meines öffentlichen Affenzirkuses. Wie jeder weiß, gibt es einzig und alleine drei Dinge, die den Menschen wirklich faszinieren und bewegen. Das sind weder Affen, Worte, noch Montage. Es sind nackte Haut, Babys und Tierkinder. Wenn ich das mit dem bescheuerten Scheppern aus Gründen der Kontinuität weiterbehalten möchte muss ich das Logo also umbauen: ein Kleinkind haut zwei nackte Affenbabys zusammen. Zudem sollte der Markenname – ob Schellenaffe, Kind-haut-Affen oder irgendetwas anderes wird in einer Marktforschung auf Merkbarkeit und Einzigartigkeit hin validiert werden – deutlich unlesbarer geschrieben werden. Idealerweise in einem mondänen Kreis um das Logo, sodass man nicht weiß wo der Anfang ist. Denn welche Marke möchte nicht den Kopf seiner Konsumenten verdrehen. Da diese „Neuausrichtung“ selbst meine PowerPoint-Fähigkeiten überschreitet (das derzeitige Logo ist tatsächlich in Power Point entstanden), mögen sich arbeitslose Webdesigner, die sich dieser unwürdigen Aufgabe stellen wollen bitte bei mir über das Kontaktformular melden. Hier ein erster Designentwurf der „Naffeschelle“:

Naffeschelle Logo Kind Affe

Die Logoerneuerung wird sodann als Teil meines ersten Marketingcoups als Relaunch, also als marktverändernde Neuausrichtung der Brand vermarktet. Ob Launch oder Relaunch, zu jeder Marke gehört auch immer eine emotionale Definition des Markenkerns. Das lernen BWL-Studenten bereits bevor sie sich das erste Mal den Kragen ihres Poloshirtes hochgestellt haben. Wofür steht also meine Marke? Was ist der emotionale Kern meines Produktes? Auch hier habe ich alles falsch gemacht, was möglich war. Scheppern im Kopf ist ein souveräner Griff in die klappernde Toilette. Naffeschelle muss das verbinden, was die Menschheit wirklich bewegt.  Im Jahr 2017 ist laut Google Trends der meistgesuchte Begriff „Wetter“. In der Bildersuche ist es „Tattoo“. Demzufolge ist der neue Kern der Marke „Naffeschelle – Wetter tätowiert“. Hierfür brauche ich unverbrauchte, nackte Haut. Demnach gilt es eine Vielzahl (genauer: 365) williger Praktikanten mit der Aussicht auf falsche Hierarchien und flexible Überstunden zu locken und als lebende Wetterkarten einzusetzen. „Orkantief Holger kreist über den Atlantik, also den rechten Quatrizeps diese schmächtigen Informatikstundenten, von Westen heran. Ziehen Sie sich also warm an und Dirk wirf dir bitte auch wieder etwas über.“

Neben dieser nützlichen Dienstleistung, wird das Angebot der Naffeschelle durch Bilder und Videos meines Alltags ergänzt. Naffeschelle geht schließlich nicht nur auf, sondern auch unter die Haut. Zur emotionalen Ansprache und Bindung meiner Follower muss ich persönlicher werden. Authentizität, Nähe und radikale Transparenz fordern, dass ich mich beim Anbringen eines neue WC-Steins, bei Rücksendung eines Amazon-Paketes, bei der Zahnzwischenraumreinigung oder beim Durchblättern der Einkauf-Aktuell filme. Diese ganzen von Schachtelsätzen und angeberisch eloquenten Begrifflichkeiten durchzogenen Berichte kann ich mir wiederum ersparen. Texte lasse ich fortan in Bulgarien schreiben – bzw. programmieren. Der Inhalt wird ausschließlich aus vordefinierten Textbausteinen und Listen bestehen:

  • 10 Gründe warum [Games of Thrones bezogene Fragestellung]
  • 5 Tipps gegen [banales Liebes- oder Ordnungsproblem]
  • Wusstest du, dass 7 [mit einem Gebetswürfel erfundene Fakten]

Soviel zum vielfältigen Dienstleistungsangebot der Naffeschelle. Nun zur wichtigsten Frage: Wie erhöhe ich die Bekanntheit von Naffeschelle und erreiche meine Zielgruppe der 27-jährigen, angelaffinen, transgender Mungobohnenliebhaber ? Ich brauche wie Cristiano Ronaldo oder Katzenbabys vor allem eins: Aufmerksamkeit. Dies erziele ich in der heutigen Zeit omnipräsenter Werbebotschaften nur durch eines: Radikalität. Ich brauche einen PR-Stunt, eine Guerilla-Aktion, die es in die Feeds und Fernsehnachrichten der Republik schafft. Hierzu bedarf es Mut zum Ungewöhnlichen. Das Thema Scheppern bietet hier ungeahnte Spielräume.

Naffeschelle wird durch scheppernde Becken auf sich aufmerksam machen. An ungewöhnlichen Orten platziert sich das Marketingteam und wird durch Lärm von sich reden machen. Private Trau(er)reden, angespannte Fahrprüfungen, trockene Pressekonferenzen, Neujahrsansprachen, Militärmanöver auf hoher See, im Kreissaal, beim Snoozen oder beim Kauf eines Bananenschneiders bei Tchibo – Naffeschelle wird diese Momente kakophonisch begleiten und seine Botschaft verbreiten: viel Lärm um nichts. Passend hierzu wird es eine Social Media Kampagne geben: eine bunte Auswahl digitaler Wanderhuren, auch bekannt als Influencer, wird käuflich erworben und ebenfalls Becken schwingend ihren Fans von Naffeschelle berichten. Durch die Verwendung uniquer Hashtags (#makeradaugreatagain #belastend #naffeschellechallenge #ichbinbescheppert) wird die Aktion „abgerautet“.

Flankiert wird das Marketingpaket zudem durch eine user generated content Aktion. Hierzu wird es eine Verlosung über Facebook geben: Verlinke unter dem Bild einer trocknen Toastbrotscheibe deinen uninspirierendsten Freund und erhalte einen exklusiven Merchandizing Artikel: einen mit Naffeschelle gebrandeten Nagelknipser.

Wer an dieser Stelle nun verwirrt und ausgeknipst ist, dem sei gratuliert. Die Marketingbotschaft „Scheppern im Kopf“ wurde peneriert, der Markenkern verstanden. Hervorragend. Wer mich, sich und Dirk wiederum vor all dem bewahren möchte erzähle doch einfach seinen Freunden, Steuerberatern oder Busfahrern vom Schellenaffen. Auch wenn man davon nicht satt wird, das wäre sehr nett. Oder nice.




„Nur noch fünf Minuten“ – Snoozen, die schlummernde Gefahr

Wecker Snoozen Schlummern

Alkohol, Nikotin, harte Drogen, Internet, Glücksspiel – das Verlangen danach kann in eine unkontrollierte Begierde umschlagen. Eine Sucht, die abhängig macht von einem bestimmten Rauschstoff, wird immer schwerer zu befriedigen, zu kontrollieren und führt nicht selten zum gesellschaftlichen Ausschluss und gesundheitlichen Problemen. Institutionelle und medizinische Hilfe ist jedoch in der Regel da, um den freien Fall abzufangen.

Doch gibt es parallel hierzu eine dunkle, verlorene Welt an mannigfaltigen, absurden Suchtopfern, die in keine Kategorie, Therapie und Statistik passen. Zu Recht werden diese Opfer belächelt, missachtet und ignoriert. Zu banal ist ihr Leiden, zu irrelevant die Folgen ihrer Sucht, zu albern ihr Rausch. Man denke an Serienjunkies, Redbulltrinker und Noppenfolienfetischisten.

Einer dieser unerkannten Verlierer ist der Snoozer, auch bekannt als Schlummerer.

Symptome.

Der Snoozer ist abhängig von der toxischen Schlummerfunktion seines synthetischen Weckers. Er berauscht sich allmorgendlich an der Weiterschlaftaste seines Handy- oder digitalen Weckers. Das verhängnisvolle an dieser komatösen Suchtform ist seine Regelmäßigkeit. Der Snoozer snoozed an jedem Wochentag. Bilden bei mittelschwer Betroffenen noch Tage, an denen Fernreisen, mündliche Prüfungen oder eigene Geburtstage vorgesehen sind, die Ausnahme, konsumieren Starksnoozer ihre Droge in unerbittlicher Regelmäßigkeit.

Der tägliche Rausch wird in der Regel am Vorabend mit der Programmierung des Weckers vorbereitet. Es beginnt zunächst mit einer einfachen Berechnung: „Ich sollte morgen um 9 Uhr im Büro sein. Mit Frühstücken und Duschen sollte ich um 8 Uhr aufstehen.“ Schlussfolgern suchtfreie, des 1×1 fähige Menschen daraus, dass sie ihren Weckapparat auf 8 Uhr einstellen müssen, beginnt beim Snoozer eine eigene Zeitenrechnung. „Ich stelle den Wecker auf 7:33. Dann kann ich dreimal snoozen und muss nicht direkt aufstehen.“

Bei den meisten Snooze-Apparaten ist eine 9-minütige Schlummerzeit fest voreingestellt. Während der Suchtneuling zunächst lediglich einen Wecker stellt und diesen zwei bis zwölf mal durch Drücken der Schlummertaste wiedererschallen lässt, gehen erfahrene Snoozer deutlich perfider vor.   Stark abhängige Schlummerer umgehen die Dosierungsvorgabe und programmieren eine eigene Symphonie aus ca. zwei bis neun Weckern, die einer genau abgestimmter Taktung folgend im Minuten-Rhythmus einsetzen. Üblicherweise unterscheiden sich die Wecktöne in ihrer Dramaturgie. Je früher, desto lieblicher. Je später, desto schriller. Die Anzahl der Wecktöne steigt also exponentiell an. Die sich wiederholenden, lieblichen Sirenen des Anfangs werden durch immer mehr schrille Stimmen ergänzt. Kurz vor dem Höhepunkt drückt der Snoozer quasi im Viervierteltakt auf die Schlummertaste. Das große Finale bildet sodann in der Regel der Backup-Wecker: eine alte Telefonklingel, die suchtkranke Knochen durchfährt und zu unmittelbarer Schnappatmung und Öffnung der Augenlider führt.

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Verlauf. 

Entsprechend vorbereitet beginnt am nächsten Morgen schließlich mit dem ersten sanften Weckklingelton das Sucht- und Rauscherlebnis. Mit geschlossenen Augen und verschlossenem Geist wird der erste Misston komplett unterbewusst durch Betätigung der Schlummertaste pausiert. Neuerkrankte suchen mitunter versehentlich im Gesicht ihres Bettnachbarn nach der Schlummertaste (und wundern sich über das Ertönen eines zusätzlichen Warnsignals). Erfahrene Snoozer zeichnet hingegen eine aus der Mikrorobotik bekannte Präzision aus. Lediglich ein Softwareupdate, im Zuge dessen der Schlummerbutton pixelweise replatziert wird, vermag sie aus dem Takt zu bringen.

Je nach Suchtlevel wird dieser Schritt dann beim Einsetzen des nächsten Weckers oder Repetition des ersten Wecktones wiederholt. Es folgt ein nahezu bewusstloser Rausch des Dösen, Klingeln, Dösen, Klingeln…irgendwann erreicht der Snoozer schliesslich ein Level mittelklarer Gedankenfähigkeit. An dieser Stelle setzt seine fatale Rechenlogik und eigene Zeitrechnung erneut ein: „Ich hole mir einfach ein Brötchen beim Bäcker…ich dusche ohne Haare zu waschen…es ist nicht schlimm, wenn ich viertel nach neun am Schreibtisch sitze…halb zehn ist auch in Ordnung…eigentlich muss ich gar nicht zur Arbeit. Ich öffne nur kurz meine Augen, um meine Kündigung zu verfassen…gleich…“

Wecker Handwerker Snoozen Schlummertaste

Das markante Schrillen des Backup-Weckers führt schließlich zu einem katapultartigen Erwachungsschock. Dieser Höhepunkt des Snoozeerlebnisses zeichnet sich durch Herzrasen, weit geöffnete Pupillen und Panikattacken aus – wird jedoch direkt gefolgt von einem Komplettverlust jeder Körperspannung. Der Snoozer kippt in einer seitlichen Wälzbewegung wie ein Betrunkener in der U-Bahn von seiner gepolsterten Unterlage und landet auf dem harten, kalten Boden. Er torkelt anschließend in die Nassstätte seiner Behausung. Manchmal verläuft er sich und sucht vergeblich in seiner Küche nach einer Zahnbürste. Kognitive Störungen und Orientierungslosigkeit sind eine der vielen Folgen des Snoozens.

Ursachen und Verbreitung.

Zur Verbreitung der Snoozomanie gibt es wenige Statistiken, es lässt sich jedoch vermuten, dass es sich hierbei um eine weitverbreitete, schlummernde Gefahr handelt. Die Indikatoren sind eindeutig und die Ursachen vielfältig. Flexible Arbeitszeitmodelle, Coffee to go, die Beliebtheit unrasierter Männerwangen und Trockenshampoo befeuern die Verbreitung dieser besonders schweren Form des Schlafmissbrauches. Akut suchtfördernde Faktoren sind zudem an die Fensterscheibe prasselnder Nieselregen, schlecht vorbereitete Meetings und noch schlechter beheizte Zimmer.

Diagnose und Therapie

Die Diagnose ist einfach: stellen Sie sich jeden Morgen mehr als nur einen Wecker sind Sie Risikopatient. Das Risiko erhöht sich, wenn Sie sich die genannten Wecker auf ungerade Uhrzeiten stellen. Stehen Sie später als eine halbe Stunde nach Erklingen des ersten Wecktons auf sind Sie Snoozer. Sie müssen jedoch nicht in Panik oder Sekundenschlaf verfallen. Heilung ist nicht nur möglich, sondern unausweichlich. Die Therapie ist simpel, jedoch langwierig. Es gibt ein durchschlagendes Therapeutikum, das noch alle Snoozer von ihrer Sucht befreit hat.

Das Renteneintrittsalter.




Tinder versus Thermomix – wie sich eine Generation entfremdet

Its a mismatch Thermomix Tinder Generation Match

Um und bei dreißig – ist nicht nur eine solide Keksmenge für einen gemütlichen Adventsnachmittag, sondern auch ein schmackhaftes Alter. Mit dreißig hat man gelernt, auch ohne mütterliche Beihilfe grundsätzlich überlebensfähig zu sein. Der eigene mehr oder minder schwer vermittelbare Charakter ist gefestigt. Man weint nicht mehr (so oft), wenn Geschwister das eigene Erscheinungsbild mehr oder minder schwer beleidigen und hat eine Hausratversicherung abgeschlossen. Es gibt wirklich beste Freunde im Leben, die nicht bei der nächsten großen Pause mit anderen Kindern Schneematsch nach einem werfen oder Vorlesungsmitschriften als Form des Treueeides verlangen. Und das mit dieser Arbeit als Form einer sozialversicherungspflichtigen Freiheitsbestrafung hat man auch irgendwie akzeptiert. Der kostenlose Kaffee schmeckt schließlich und man kann mit den Kollegen Tierbabyvideos austauschen.

Das Leben zwischen den Busreisen – Klassenfahrt und Kaffeefahrt – könnte so schön sein. 

Wäre da nicht dieses Problem mit der zerrinnenden Zeit. Das erste graue Haar wird würdevoll entrissen. Die Aussage „Du siehst erschöpft aus“ häuft sich. Man googelt Bandscheibe und begreift: ich habe ein Haltbarkeitsdatum. Der Schimmelbefall ist noch nicht sichtbar, aber wir wissen, die Verwesung naht. Ein fauler Geruch liegt in der Nase. Wie ein langsamer, rostiger Güterzug rollt da irgendetwas auf einen zu. Doch anstatt sich mit ebenfalls krähenbefüßten Generationsgenossen zusammenzurotten, sich gemeinsam beim Schimmeln solidarisch zu begleiten und auf die Zeit, da man wieder in der letzten Reihe im Bus zusammen sitzen wird zu freuen, passiert etwas Eigenartiges.

Es entstehen Distanz, Fremde, zwei Lager. Separiertes Schimmeln. Getrenntes Weiterleben. Die Generation um und bei dreißig durchzieht eine schweigende, nur auf den zweiten, sehschwächer werdenden Blick sichtbare Kluft zweier Lebenswelten – ein feiner Graben zwischen Tinder und Thermomix.

Entweder ich verfüge über ein Tinderprofil. Oder einen Thermomix.Besitz beider Gimmicks ist nicht möglich, Durchmischung ausgeschlossen. Aßen die beiden Lager früher gemeinsam kalte Dosenravioli in der mitternächtlichen WG-Küche, haben sie sich heute plötzlich nichts mehr zu sagen.

Gehöre ich zum Tinder-Trupp, liege ich sonntagabends auf dem Sofa und swipe. Nicht durch meine Wohnung. Sondern durch eine Online-Dating-App meiner Wahl. Ich bin im Kater nach meiner zu glorifizierenden Studienzeit erwacht und stelle fest, dass die guten Deckel alle weg sind. Der eigene Topf fängt an, komische Beulen zu formen und nicht mehr richtig heiß zu werden. Bei Tindereliteship suche ich dennoch nach einem Abschlussgerät mit passgenauem Hobby, Humor und Haltbarkeitsdatum. Irgendein Deckel wäre im Alter ja schließlich ganz schön, eh man selber nicht mehr ganz dicht ist. Notfalls auch ein Gummiaufsatz. Oder ein Stück Alufolie. Irgendwas. Doch der Markt aus zwielichtiger B-Ware mit Brandstellen, Rissen und Baufehlern überzeugt nur selten. So verbringt man schließlich seine Zeit damit, exotische Urlaube zu planen, Serien zu schauen, Gehaltssprünge in Amazon Prime zu investieren und traumatische Datingerlebnisse mit Gleichgesinnten und Gin therapeutisch aufzubereiten. Und darin irgendwie doch seinen Seelenfrieden zu finden.

Tinder Handy

Als Mitglied des Thermomix-Basislager liege ich sonntagabends auf dem Sofa und googele. Nicht nach exotischen Urlaubszielen. Sondern nach den Symptomen für Mumps. Oder nach Brautschuhen, die nicht an die eigene heilige Erstkommunion erinnern. Oder nach einem Ferienhaus mit Carport an der dänischen Küste. Irgendein Kind schreit. Der Partner schweigt. Statt zu Sex und Gin trifft sich der Elternbeirat und der Nachbarschaftsverein zur Verschönerung des Spielplatzes. Der Thermomix verarbeitet Kürbis und Karotten zu Suppe – und ich die Erkenntnis: ich bin im Leben meiner eigenen Eltern erwacht. Die Vorhersehbarkeit, die mein Leben dadurch erhält, beruhigt mich irgendwie. Ich muss den Bauch nicht mehr einziehen im Leben. Ich habe einen Partner, eine Familie, die mich im Alltag und an Sonn- und Feiertagen in den Wahnsinn treiben, im Kern aber eigentlich ganz drollig sind.

Thermomix

Was dem einen Alltag, ist dem anderen Albtraum. Was den einen bewegt, bewegt den anderen zum Gehen. Doch warum trennt das Fehlen eines analogen Alltags nun die beiden Lager so drastisch? Warum empfinden wir statt Neugier und Bereicherung Misstrauen und Desinteresse angesichts dieser anderen Tinder/Thermo-Opfer? Vielleicht fühlen wir uns bedroht. Wir fürchten nicht etwa, dass uns unser Leben weggenommen würde, sondern dass wir der hart erarbeiteten Zufriedenheit mit diesem eigenen Leben beraubt werden. Der andere lebt das vor, was mir vielleicht fehlt. Meinem Lebensmodel wird der Spiegel vorgehalten.

Meetings statt Masern. Vorgesetzten am Ohr. Brei hinter dem Ohr. Yogakurs am helllichten Tag. Feierabendbier egal wann. Frohes Kinderlachen. Friedliche Stille.

Zum Schutz flüchten wir uns daher in Vorurteile.Diese Junggesellen sind doch alle karrieregeile, einsame Egozentriker, die ihr sinnentleertes Leben mit Gegenständen und einsamen Stränden füllen. Bemitleidenswert. Diese Familienmenschen sind desinteressierte, unfreie Spießer, lebendig begraben und unfähig, über etwas anderes als den Stuhlgang ihres Juniors zu sprechen. Grauenhaft.

Doch sollte man sich nicht – anstatt den anderen zu dämonisieren – den anderen Lebenswirklichkeiten öffnen? Sich für die Herausforderungen des anderen ehrlich interessieren, diese gemeinsam meistern, sich gegenseitig bereichern? Man kann den heranrollenden Güterzug zwar gemeinsam auch nicht aufhalten, aber sich bis dahin eine nette Zeit machen. Und zum Beispiel einfach mal einen Abend in der Einbauküche gemeinsam Tindern, während der Thermomix Ravioli zubereitet.