Singapur – zwischen Genuss und Gesetz

Singapur bei Nacht

Ich bin eine Verbrecherin, eine skrupellose Kriminelle. Gleich zwei Straftaten habe ich binnen 30 Minuten begangen und spüre nicht einmal Reue. Ich habe in der U-Bahn Cola getrunken, weil ich durstig war. Anschließend bin ich quer über eine Straße gelaufen, ohne eine Ampel zu suchen, weil ich faul war. Es fühlte sich beides richtig und gut an. Doch bin ich zu Gast in einem Land, in dem dies nicht richtig und nicht gut ist.

Ich bin in Singapur – einer Stadt der Genüsse und Gesetze.

Auf den ersten Blick wird man berauscht von dieser Millionenstadt. Hoch sind die Häuser, grün die Alleen, vielseitig die Kulturen, vorzüglich das Essensangebot. Die Menschen zeigen sich freundlich, hilfsbereit und weltoffen. Schwüle Hitze und kühler Luxus benebeln den Geist. Ursprünglicher tropischer Regenwald und mit Palmen verzierte Gucci-Kleider sind einen verschwitzen Steinwurf voneinander entfernt. Die nächtlichen Lichter verleiten zum unbekümmerten Träumen.

Singapur

Alles scheint in Singapur möglich – bis auf eines: Chaos.Sauberkeit und Ordnung sind das S und O in Singapore, dieser isolierten Welt. Herrscht in den zum Greifen nahen Nachbarländern Südostasiens ein sympathisches, allgegenwärtiges Durcheinander aus Straßenlärm, Unordnung und Infektionsgefahr, wirkt Singapur so steril wie das Arztbesteck eines Kieferchirurgen. Alles ist pünktlich, sauber und gesittet. Man stellt sich vor, wie ein Außerirdischer das erste Mal auf der Erde landet und zunächst im possierlichen Singapur auf die wirkliche Menschheit vorbereitet wird. In dieser Quarantänezone für Aliens findet sich schließlich ein Querschnitt so vieler Kulturen – Asien, Indien, Europa – aber in einem überschaubaren und geordneten Rahmen.

Singapur Garden of the trees

Der Grund für diese außerirdisch wirkende Makellosigkeit ist mal offensichtlich, mal verborgen. In jedem Fall trägt er einen faden Beigeschmack: unbeugsame Disziplin. Singapur ist zwar ein Staat, der das Etikett der Demokratie trägt (aber natürlich nirgendwo aufkleben würde). Schaut man jedoch unter die spiegelglatte Fassade, entdeckt man ein Einparteiensystem, das rigorose Gesetze und Strafen androht und verhängt. Würde beispielsweise mein kleinkriminelles, durstiges Verhalten beobachtet, würde mich eine Strafe in Höhe meines Flugticketpreises erwarten. Oder ich dürfte als besonders resilienter Wiederholungstäter gleich für drei Monate ein charmantes Gefängnis besuchen und mir ein gänzlich neues Rückflugticket besorgen. Ein vermutlich außerirdisches Erlebnis.

Doch wo in London, Kapstadt und Los Angeles starke Polizeipräsenz zur Ordnung mahnt und Sicherheit suggeriert, sucht man in Singapur vergeblich nach bewaffneten Ordnungshütern. Stattdessen begleiten einen Videokameras durch den Tag. Wo in anderen Ländern Bettler um eine Spende bitten und vor Taschendieben gewarnt wird, mahnen Hinweisschilder zur Ordnung und bewerben eine WhatsApp-Nummer zur Denunziation. Ich fühle mich beobachtet – wobei dies vermutlich zu gleichen Teilen der Tatsache geschuldet ist, dass ich mir als einziger Passagier in der U-Bahn den Kopf stoße. Ich beginne mich angesichts des Strafmaßes für so banales „Vergehen“ zu fragen, ob der Coffee to Go in der eigenen Hand einem Molotow-Cocktail gleich kommt. Auf welcher Straßenseite muss ich gehen? Wo darf ich meinem nassen Regenschirm ablegen und muss er im rechten Winkel drapiert werden? Fragen, die ich mir bisher im Leben nicht gestellt habe.

Singapur Schilder Regeln Strafen

Und so beginne ich zu recherchieren und stelle zum Beispiel fest, dass ich mit meinem Bruder niemals zusammen nach Singapur fahren sollte: Streit in der Öffentlichkeit wird mit 5.000 SDR bestraft. Ob sich das Strafmaß reduziert, wenn man erklärt, dass es nur um den Besitzanspruch eines Kekses ging, bleibt offen. Schusseligkeit in Form eines fallengelassenen Bonbonpapiers oder Vergesslichkeit in Form einer nicht gespülten Toiletten wird ebenfalls hochpreisig bestraft. „Verwechselt“ man wiederum einen Aufzug mit einem Pissoir, löst der Urin ein Geruchssensor aus, der die Türen bis zum Eintreffen der Polizei verschließt. So sind hier selbst Verhaftungen effizient gestaltet. Es empfiehlt sich also nur große Geschäfte in Fahrstühlen zu machen. Das Sinnbild für Zügellosigkeit, Chaos und Verwahrlosung ist wiederum nicht ein beschmutzter Fahrstuhl, sondern ein Kaugummi. Selbstverständlich. Genauso wie Cannabis kann man daher in diesem Land, in dem man vom Boden essen könnte, es aber nicht dürfte, keine Kaugummis kaufen. Es sei denn man hat ein ärztliches Attest. Die Strafen hierfür sind im Allgemeinen keine wie die von banalen Ordnungswidrigkeiten, sondern so hoch angesetzt, dass einem das Trinken, Kauen und Zetern schnell vergeht.

Dass einem Gast aus der Ferne dieses Ordnungs- und Regelwerk befremdlich erscheint, ist vermutlich normal. Doch wie empfinden die Singapurer selbst ihr System aus kompromissloser Ordnung? So normal, wie dem Deutschen sein festes Brot erscheint. Der Taxifahrer schwärmt stolz davon, wie sauber und sicher seine Stadt sei und dass man hier nicht einmal Waffen kaufen könne. Ich frage mich, ob Kaugummis auch unter Waffen fallen und er mir beibringen kann, wie man denn mit einem Kaugummi jemand tötet. Jüngeren Generationen werden jedoch ein zunehmend lockerer Umgang mit den Regeln und ein zartes Aufbegehren gegen die subtile Despotie zugesprochen. Ich habe sogar junge Menschen bei Rot über die Straße gehen sehen. Irre.

Singapur Skyline

Läuft man nun ob bei Rot oder Grün durch diese Stadt erfreut man sich beschämt der Vorzüge, die dieser denunziatorische Polizeistaat mit sich bringt.Nirgendwo habe ich mich bisher so sicher – ok und beobachtet – gefühlt. Anstatt mir Gedanken über die Fahrtauglichkeit des Taxifahrers, die Sauberkeit der Toilette oder die Zwielichtigkeit meiner Wohngegend zu machen, kann ich die Eindrücke dieser Stadt sorgenfrei aufnehmen und geniessen. Doch bei all der Schönheit und Pracht, sollte wohl beim Entdecken neuer Welten  der kritische Blick hinter die Kulissen nicht fehlen.

Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Urlaub und Reisen.

Egal auf welcher Reise, ein bisschen Aufbegehren hat noch nie geschadet: kurz vor der Rückkehr ins geradezu anarchisch wirkende Deutschland, setze ich noch einmal alles auf eine Karte und laufe illegalerweise nackt durch mein eigenes Zimmer. Und frage mich, ob es eigentlich eine Strafe fürs Spannen gibt in diesem Singapur, der Stadt zwischen gepflegter Ironie und ordentlichem Wahnsinn.




Geschwisterliebe – vielschichtiger als ein Doppelkeks.

Geschwister Großer Bruder

Ich weine. Ich schreie. Ich tobe. Purer Zorn, rasende Wut erfüllt meinen Kopf. Es rauscht zwischen meinen Ohren. Ich sehe rot vor den Augen. Und das feiste Grinsen meines großen Bruders.

Ich blicke in das Lächeln eines Siegers.

Mein Bruder hat wieder den richtigen Knopf gedrückt, den passenden Hebel bedient. Und so schwinge ich mich empor vom friedlichen kleinen Goldengel auf das Zerstörungs- und Geräuschniveau eines Glasschneiders. Ich weiß, dass er genau das erreichen wollte. Und doch kann ich nicht anders, als meinem Zorn freien Laufen zu lassen. Mein Bruder hat den letzten Doppelkeks, auf den ich numerisch alleinigen Anspruch gehabt hätte, abgeleckt und zurück auf meinen Teller gelegt.

Mein Bruder hat mir beigebracht was Ungerechtigkeit ist.

Dieses je nach Blickwinkel traumatische bis triumphale Erlebnis ereignete sich vor 20 Jahren. Es hätte aber auch ohne Probleme vor 20 Minuten stattfinden können – und in jeder anderen Familie. Welche Mutter kennt nicht das Gefühl einer Innenohrexplosion angesichts der offen ausgetragenen Diskussionskultur ihrer eigenproduzierten Erbengemeinde?

Doch was genau macht diese eigenwillige Beziehung zwischen Geschwistern eigentlich aus? Geschwister bekommt man lebenslänglich. Es sind die Menschen mit denen wir die längste gemeinsame Vergangenheit – und (toi toi toi) Zukunft – teilen. Anders als Freunde oder Goldhamster suchen wir sie uns nicht aus, sondern sie werden in unser Leben geboren. Wir teilen zwar Gene, Nasenform und Erziehung und entwickeln dennoch mitunter komplett konträre Persönlichkeiten. Konfliktpotential lauert überall. Und doch bleiben sie Geschwister, auch wenn man noch so tobt und schreit. Freunde kann man entfrienden, von Partnern kann man sich trennen – zu Geschwistern kann man nicht sagen „ich bin nicht mehr mit dir verwandt.“ Selbst wenn man den Kontakt abbricht, die Verbindung lässt sich niemals ganz kappen. Wie zwei Doppelkekshälften sind Geschwister getrennt und doch miteinander verbunden.

So werden sie zusammen älter und doch niemals gemeinsam erwachsen. Sie verändern sich und bleiben doch immer gleich. Die Rollenmuster sind im Bewusstsein eingeprägt, wie die Erinnerung an den ersten Streit um die Fernbedienung. Besonders wenn die Eltern gegenwärtig sind, pflegt man die alten Umgangsformen und erwischt sich dabei wie man als erwachsene Person seine Eltern anschaut und sagt „Der hat mich geärgert!“

Bei kaum einer Beziehung sind die Muster so deutlich wie bei derjenigen zwischen großem Bruder und kleiner Schwester. Unter Schwestern oder Brüdern an sich herrscht jeweils aufgrund der zwangsläufig ähnlichen geschlechtsbezogenen Erwartungshaltungen mitunter Rivalität. Man möchte mehr Tore schießen als der große Bruder, so beliebt sein wie die kleine Schwester. Das ständige „Warum darf der/die das?“ dürfte bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern schneller auf Hand und Zunge liegen. Ältere Schwestern und jüngere Brüder sind wiederum durch ihren Reifegrad oft weit voneinander entfernt. Mädchen werden schneller erwachsen und sind im gefühlten Alter zu weit entfernt von den Lego spielenden kleinen Plagegeistern. Pubertät trifft auf Playmobil.

Großer Bruder und kleine Schwester haben –  wenn es gut läuft – eine spezielle Form der Verbundenheit. All den Gender-Debatten zum Trotz üben große Brüder einen  ganz eigenen altmodischen Besitzanspruch aus: nur ich darf meine kleine Schwester ärgern. Nur der Bruder darf sie in einem eigenartigen mindestens 18 Jahre währenden Überlebenscamp mit Gemeinheiten,  Gegenständen und Nasenauswurf bewerfen. Weint und schreit sie aus einem anderen Grund als wegen eines selbst abgeleckten Gebäckteils, wissen sie oft nicht was sie tun sollen – außer den Verursacher zu „konfrontieren“ bis er selber ein durchweichter Keks ist. Die kleine Schwester ist für andere tabu. Die kleine Schwester selber kennt wiederum kaum Tabus. Sie kämpft sich mit den großen Jungs durchs Dickicht, spielt mit ihnen MarioCart und schaut Fernsehen mit dem nasebohrenden Bruder. Oft ist sie einfach still und leise dabei. Und lernt still und leise fürs Leben – zu streiten, sich durchzusetzen, Tore zu schießen und angeknabberte Doppelkekshälften zu sezieren.

Und so entsteht zwischen Geschwistern, die sich erbittert um Badezimmerzeiten, Fernbedienungen und Kekse gestritten haben, eine feste Bindung. Verstellen ist zwecklos. Gerade in den so prägendsten ersten Lebensjahren hat man zu viel gemeinsame Zeit verbracht. Man hat so viel zusammen erlebt und durchgestanden, dass man seine Geschwister manchmal besser zu kennen scheint als sich selbst. Auch wenn man später keinen gemeinsamen Alltag mehr teilt und sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt, man wird seine Geschwister immer kennen wie kaum jemand anders. Man wird immer die richtigen Hebel finden – um sie auf die Dattelpalme zu bringen. Oder von ihr runter zu holen.

Mein großer Bruder und ich, wir waren nie ein Herz und eine Seele. Und werden es doch immer sein.




Deutschland, du Land der Dichter, Denker und Erfinder – von Slogans.

Deutschland

Des Deutschen liebstes Reiseziel ist und bleibt Deutschland. So rational wir Deutschen sind, so verständlich ist dieser Schritt. Kann es ein schöneres Reiseziel geben als dieses ordentliche, pünktliche, unaufgeregte, Funktionskleidung tragende Wunderland, welches geteilt ist in 15 kleine, paradiesische Oasen der Vielfalt – und Bayern? Wer braucht da schon fernöstliche Darmviren, italienische Unpünktlichkeit oder amerikanische Fettleibigkeit, die sich zunehmend im Gehirn abzusetzen scheint, wenn er Schwarzbrot, einheitliches Wetter (13° und Nieselregen) und flauschiges Toilettenpapier haben kann.

Jetzt zu Beginn eines jeden Jahres plant und bucht der gewissenhafte Deutsche daher seinen Jahresurlaub im eigenen Land. Doch wo soll die Reise hingehen bei all den Möglichkeiten? So bunt ist die Auswahl, so schwarzrotgolden sind die Aussichten. Längst haben die Bundesländer den Kampf um Besucher, Bewohner und Sanifair-Anlagen-Nutzer aufgenommen. Mit emotional aufwühlenden Werbekampagnen buhlen sie um unsere Gunst und laden uns zum Verweilen ein. Pointierte Slogans lachen uns von Autobahnschildern an und man fährt mit Stolz und Neugier durch dieses vielfältige Land. Ein Land in dem so viel möglich zu sein scheint –  sei es hanseatische Haarentfernung mit Panoramablick (Hamburg: „Wachsen mit Weitsicht.“) oder wohltuende, mecklenburgische Starkstromtherapien mit Megavolt („MV tut gut.“). In diesem Land, das einst geteilt war, gibt es keine Grenzen: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ (Baden-Württemberg) – ok und bescheiden sein, Feinstaub reduzieren und Elektroautos bauen. Aber dafür haben unsere grünen Landesväter einen feschen Borstenschnitt.

Deutschland Hamburg Elphi Landungsbrücken

Eine Reise durch die Republik zeigt uns, dass wir ein Land der Lässigkeit und Toleranz sind. In der Hauptstadt darf gestottert („Be Berlin.“) werden. In Brandenburg darf ein jeder „Neue Perspektiven entdecken.“. Da ist es dann auch völlig in Ordnung, wenn man die „neuen“ Perspektiven der AfD entdeckt und einer Partei der Rückwärtsgewandtheit zu einem 22%-Wahlerfolg verhilft. Dabei denkt die AfD  genau wie NRW, sie sei „Germany at its best.” Das Beste von Germany schlussfolgern wir sind dann also permanente Staus – des Verkehrs oder der Blutzufuhr zum Gehirn.

Deutschland Ruhrgebiet NRW

Im Saarland gilt wiederum „Großes entsteht immer im Kleinen.“ – und es liefert direkt anschauliche Belege, wie zum Beispiel den Größenwahn im Kleingeiste eines Oscar Lafontaine. Großartig. Ehrlicher und direkter agiert man beim Nachbarn Rheinland-Pfalz. Dort gilt „Wir machen’s einfach.“  – nach einem Glas Dornfelder mit der eigenen Cousine. Einfach sind dann auch die Kinder, die hieraus entstehen. Ehrlich ist auch Bremen mit seinem „Bremen erleben.“. Der Besucher ahnt bereits, dass es hier weniger um ein „Bremen genießen oder lieben“ denn um ein „Bremen überleben“ gehen wird. Die hohe Arbeitslosigkeit, Kriminalität und schlechten Schulen der Stadt sind in der Tat ein Erlebnis der Kategorie eindrücklich. Die Weiterreise führt den reiselustigen Bürger sodann nach „Niedersachen. Klar.“…wie Küstennebel. Doch „der echte Norden“ist dann nur in Schleswig-Holstein zu finden. Nur echt mit Güllegeruch und Mittelohrentzündung.

Deutschland Ostsee Küste Strandkorb

Egal ob man sich nach so viel norddeutschem Kulturreichtum auf den Weg nach Helsinki, Honolulu oder Heilbronn aufmacht – „An Hessen führt kein Weg vorbei.“  Das ist so sicher, wie der Durchfall nach zu viel Apfelwein. Kaum in Hessen angekommen wird man dann aber auch direkt gen neue Bundesländer abgeführt. Hier merkt man den Klassenneulingen an, dass sie sich um mehr Seriosität, Inhalte und Traditionsbewusstsein bemühen. Sachsen-Anhalt brüstet sich neunmalklug als „Ursprungsland der Reformation.“ und möchte dafür bewundert werden, dass jemand mal vor sehr langer Zeit einen Zettel an eine Tür geklebt hat. Thüringen kommt geradezu Freudsch daher mit einem „Hier hat Zukunft Tradition.“ Einzig Sachsen bereitet etwas Zukunftssorgen und scheint sich aus Tradition in einer permanenten Findungsphase aufzuhalten. Im „Land der Frühaufsteher“steht man früh auf, um regelmäßig neue Slogans zu erfinden. Und landet am Ende beim denkbar Unattraktivsten, was dieses Land zu bieten hat: „(So geht) Sächsisch.“ Doch glaubte man Sachsen abgeschlagen auf dem letzten Platz, so überholen uns die Frühaufsteher prompt. Modern, wortwitzig und visionär verkünden die sächsischen digital natives ab diesem Jahr: „Hier macht das Bauhaus Schule. #moderndenken“. #modernEUgelderverschwenden

Und Bayern? Bereitet sich anscheinend auf den geplanten bayexit vor und verweigert sich des albernen Werbeblocks. Bayern kann demzufolge nichts. Nicht einmal Hochdeutsch. Und macht doch wieder einmal alles richtig.




Vorhaben ist wie Machen – nur im Kopf. Zum Vorsatz keinen Vorsatz zu haben.

Vorsätze Neujahrsvorsatz 2018 Liste

Es gibt Menschen, die wie Kometen um unser Dasein kreisen. Sie gehören zum eigenen Leben, auch wenn man sie selten sieht. Mal sind sie in weiter Ferne, mal gelangen sie unerwartet zurück in unser Blickfeld. Fast vergessen sind sie uns im nächsten Moment wieder ganz nah. Trotz ihrer Unbeständigkeit möchte man diese sporadischen Wegbegleiter nicht missen, sind die seltenen Begegnungen mit ihnen doch von Vertrautheit, Erinnerungen und Inspiration geprägt.

Und so startet jedes neue Jahr mit dem Wiedersehen einer dieser besonderen, geschätzten Personengruppen: den Januar-Sportlern, auch bekannt als Fitness-Vorsätzler.

So schnell vergeht ein Jahr – schön, dass ihr wieder da seid! Ohne euch ist der Jahresbeginn einfach nicht das Gleiche. Ihr Menschen, die zu Jahresbeginn auf den Straßen, in U-Bahnen und Büros fehlt, scheint euch stattdessen gemeinschaftlich in Fitness-Studios, Sportgruppen oder joggend zusammenzurotten. Wie sehr habt ihr mir gefehlt! Welch Spaß es ist mit euch in der überfüllten Umkleidekabine kontaktloses Reise nach Gymusalem zu spielen. Wie toll es ist, sich um die Yoga-Matten mit euch zu prügeln und das erlernte Tae Bo Wissen direkt anzuwenden.  Wie beruhigend es sich anfühlt, nicht mehr der einzige zu sein, der bei der Step Aerobic Choreographie aussieht, als wäre er Teil einer bewegungslegasthenischen Fernsehgottesdienstgemeinde, die nicht weiß ob sie gehen oder bleiben soll.

Vorsatz Sport Fitnessstudio Spinning Neujahrsvorsatz

Doch so schnell euch der Schweiß von der Stirn trieft, so schnell seid ihr leider auch wieder verschwunden.  Kometenschweiß zurücklassend begebt ihr euch wieder in die „hyggelige“ Umlaufbahn eurer Couch, wo ihr die geistige und physische Entleerung des Dschungelcamps und der Fruchtgummitüte vor euch verfolgt. Schnell vergessen sind eure Vorsätze und Besuche – bis zum nächsten Jahr.

Aber warum wollt, warum könnt ihr nicht bleiben? Die Antwort liegt auf der mehr oder minder übergewichtigen Hand:  weil ihr Opfer eines Neujahrsvorsatzes wurdet. Diese Form des vorsätzlichen Selbstbetruges kennzeichnet sich dadurch, dass im post-weihnachtlichen Fresskoma angesichts der eigenen Bauchrolle und misslichen Existenz eine Vielzahl an Entschlüssen gefasst wird. Man stellt fest, dass man auch im vergangenen Jahr wieder nichts erreicht hat – außer vielleicht eine Steigerung des eigenen Körperfettanteils. Im neuen Jahr wird nun alles anders. Man wird gesünder leben, sich vegetarisch ernähren, Amazon und die Firmenkantine boykottieren, Oma öfters anrufen, regelmäßige Schlafzeiten und handyfreie Tage einführen, seinen Kleiderschrank und Freundeskreis ausmisten, sich für Umweltschutz und die eigene Krebsvorsorge engagieren und regelmäßig Sport treiben. Ganz gewiss. Am Silvestermorgen haben die Liste an Vorsätzen und die eigene Entschlusskraft galaktische Ausmaße. Man spürt beinahe Vorfreude: morgen ändere ich mein Leben!

Im Erwachen nach einer durchkämpften Silvesternacht, in der man zu wenig geschlafen, zu viel getrunken, zu durcheinander gegessen und zu wenig erlebt hat, bröckelt bereits die Willenskraft. Man stellt säuerlich fest: morgen ist heute, verdammt. Das Katerfrühstück besteht sodann aus irgendwas mit Speck und der Beantwortung diverser Neujahrsgrüße – auf dem Mobiltelefon. Zwar ruft man tatsächlich seine Großeltern an, bestellt parallel aber bei Amazon ein paar neue Pullover aus fragwürdigen Herstellungsländern – in Vorbereitung einer ganz sicher geplanten Aufräumaktion.  Erleichtert stellt man beim Einlassen eines Schaumbades fest, dass das Fitnessstudio heute leider geschlossen hat.

Da man vollmundig (beim Weihnachtsbratenessen) sichtbare Bauchmuskeln angekündigt und sich für einen Halbmarathon angemeldet hat, begibt man sich in den folgenden Tagen tatsächlich in die Sportstätte seiner Qual. Dass Sport anstrengend ist, hatte man in den letzten elf Monaten leider vergessen. Man beginnt zu googeln, ob sich Bauchmuskeln auch durch einen gefüllten Magen nach außen sichtbar wölben lassen. Spätestens mit Beginn des Karnevals, der Skiferien oder der neuen Staffel einer Lieblingsserie sieht man vom Fitnessstudio dann nur noch den monatlichen Überweisungsbeleg. Immer im Januar Sport zu machen ist ja auch irgendwie eine Form der Regelmäßigkeit.

Doch warum scheitern wir so oft mit unseren Vorsätzen? Auch hier ist die Antwort so simpel, wie das Wegwerfen einer Vorsatzliste: weil das Gewohnheitsschwein sich nicht für Datumsgrenzen interessiert. Warum genau sollte sich mit dem Wechsel der Jahreszahl plötzlich das eigene Verhalten radikal ändern? Das Vorhaben alleine ist eben nur Machen im Kopf. Gleichzeitig sind Neujahrsvorsätze oft davon geprägt, dass wir direkt zur Lösung unseres Problems springen (Fitnessstudio besuchen) anstatt sich eingehend mit den Ursachen zu beschäftigen (ich hasse Gerätetraining und bin dicker wegen Kontrollverlust über Süßkartoffelpommeskonsum). Hinzukommt, dass wir uns zu Neujahr gerne mit einer überwältigenden Anzahl an Vorsätzen überladen, anstatt uns schrittweise einem anderen Lebenswandel anzunähern. Es gibt einem schließlich ein besseres Gefühl, wenn man einen von 37 Vorsätzen schafft als keinen von einem. Nachkommastellen fallen hier auf einmal ins Gewicht. Auf die allgegenwärtige Frage „Und was hast du dir für das neue Jahr vorgenommen?“ antworten die wenigsten „Mein Vorsatz ist keine Vorsätze zu haben.“

Warum sollten wir also ausgerechnet zum Jahreswechsel über unsere Lebensweise und -ziele reflektieren? Warum machen wir es nicht kontinuierlich oder an einem anderen der 365 Tage in diesem unverbrauchten neuen Jahr? Warum zum Beispiel nicht heute am 8. Januar, dem offiziellen Tag des Schaumbades? Oder am 31. Januar, dem internationalen Rückwärts-Tag? Oder dem 28. März, dem Ehrentag des Unkrauts? Das wären doch so viele passendere Tage, um ungewollte Angewohnheiten rückgängig zu machen oder das Unkraut des eigenen Lebens zu entfernen.

Noch passender wäre einzig der 31. März: der Tag des Bunsenbrenners. Spätestens dann könnte man die Liste mit unerreichten Neujahrsvorsätzen wunderbar verbrennen. Burn baby burn – ist übrigens auch eine wunderbare Liedzeile für einen Step Aerobic Kurs.




Shit on – 2018, serviere uns bitte etwas Neues!

2018 Chit On Rioja Shit on

Puh, wäre das also auch geschafft. Dieses 2017 schien geprägt von schlechten Nachrichten, negativen Rekorden und düsteren Zukunftsaussichten. Lichtblicke im Feuer trostloser Botschaften sind einzig sportliche Titel – an dieser Stelle Glückwunsch an Jacqueline Lölling, unsere Weltmeisterin im Skeleton – oder royale Hochzeiten und Geburten. Wenn man so auf das vergangene Jahr schaut, denkt man die Menschheit im Allgemeinen, Politiker im Speziellen besäßen die visionäre Kraft einbeiniger Bahnhofstauben. Bei der Verfolgung eines achtlos weggeworfenen Glyphosat-Weizenbrötchens drohen wir vom verspäteten RE nach Hoffnungslos überrollt zu werden. Überall wachsende Wasserstände, Mieten und Narzissten. Selbst Urlaube sind zu einer Runde Mensch-fürchte-dich-nicht rund um Gedenkstätten zu Terroranschlägen verkommen. Und dünner ist man auch nicht geworden.

Auch der unbeirrteste Optimist kam 2017 an seine Grenzen: wie sein älterer Bruder stand 2017 unter dem Motto „The shit goes on“. Ein unter Taubenkot verkrustetes, semi-sympathisches Jahr geht zu Ende und man fragt sich: fehlt der Blick für oder fehlt das Positive selbst in dieser Welt?

Doch nun ruht alle Hoffnung auf diesem neuen, unverbrauchten Jahr. Hallo 2018! Wir wagen ja gar nicht Großes von dir zu erwarten, kein Weltfrieden, keine Ausbleiben von Naturkatastrophen oder Fehlen detonierter Bomben. Wir geben uns auch mit weniger zufrieden. Ein bisschen weniger explosive Stimmung, ein bisschen mehr bombige Schlagzeilen. Hier ein paar unverbindliche Vorschläge:

„BER bezugsfähig: Miniaturwunderland baut Flughafen in Berlin aus“

„Donald Trump beim Vordrängeln gestürzt und auf die Zunge gefallen. Angelina Jolie spendet ihr Mundorgan.“

„Ach ne doch kein Klimawandel – 20-jährige Zeitungsente des Sommerlocher Tageblatts wird aufgelöst.“

„Prince Harry bekommt vorzeitig Nachwuchs – das Königshaus freut sich über die Geburt der kleinen Angela Markle.“

„Wir sind Weltmeister im Schach-Boxen.“

„Welch Überraschung: das Jugendwort des Jahres ist Indexbasierte Fond-Rente.“

„Panama wird durch Videobeweis Fußball-Weltmeister – vermeintlicher Siegestreffer Portugals wegen Weinerlichkeit und Einkommensabseits aberkannt.“

„Horst Seehofer wird Kauf eines Altersruhesitz an der Adria untersagt – wegen Obergrenze.“

„Das Unwort des Jahres 2018: Pessimist – der einzige Mist, auf dem nichts wächst.“

2018, hau bitte einfach mal einen raus. Hoch die Tassen – shit off!

2018 Prost