Podcast – Netflix für Sehmüde

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Na, was machst du gerade? Verrückte Vermutung: lesen? Damit gäbest du dich einer der ältesten Formen der Bildung, Kommunikation und vor allem Unterhaltung hin. Durch Lesen werden Buchstaben zu Bildern im Kopf. Geschriebene Worte regen unsere Phantasie an, erzeugen Emotionen und vermitteln Wissen. Warum sonst gibt es noch immer Schulbücher, Bedienungsanleitungen oder diesen Blog. Doch geschriebenes Wort ist – wenn man ehrlich ist – auch eine der umständlichsten Formen der Bildung, Kommunikation und Unterhaltung. Lesen ist so praktisch, wie eine Fernreise mit einem Fahrschüler. Es verlangt viel Aufmerksamkeit, je nach Erfahrung kommt man nur langsam voran und wenn man abdriftet verschwendet man meistens seine Lebenszeit.

Im Gehen lesen nur die Mutigsten, beim Führen eines Kraftfahrzeuges nur die „Lebensmutigsten“. In der Badewanne, am Strand, in der Hängematte – es ist ein ewiger Kampf zwischen Sonnenlicht, Feuchtigkeit und Muskelkraft. Wem einmal die gewellten, panierten Seiten einer Enzyklopädie auf den müden Kopf oder ein iPad in den Sand gefallen ist, weiß wovon die Rede ist. Ganz zu schweigen von den Fehlerquellen, die überall lauern – an dieser Stelle herzliche Grüße an mein Konsortium an anonymen Rechtschreibhelfern.

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Lesen erscheint in unserer schnelllebigen Zeit des Alles-Gleichzeitig-Machens so zeitgemäß wie eine Telefonzelle.Und so verändert sich unser Leseverhalten – Seite um Seite. Den Anfang nahm das Hörbuch. Nachdem Kinder bereits wesentliche Jahre ihrer Jugend auf dem Boden malend, Lego spielend und einem Hörspiel lauschend verbracht haben, entdeckte die Welt der Protokolle malenden und Manager spielenden Erwachsenen das Hörbuch ebenfalls für sich. Wer keine Zeit zum Lesen findet, lässt sich eben Romane und Ratgeber vorlesen. So wurde die U-Bahn-Fahrt oder der Bügelabend zum Vorlesespaß. Doch so richtig will das Hörbuch nicht durchstarten. Zum einen braucht es nur einen sehr einfachen Impuls, um die Aufmerksamkeitsspanne zu durchbrechen: das Vibrieren eines Handys und der Faden ist verloren. Zum anderen lesen dem einen die Sprecher zu langsam, dem anderen zu schnell. Dem einen ist die Stimme zu monoton, dem anderen zu albern verstellt. Der Vorleser in meinem Kopf trifft hingegen immer den richtigen Ton. Spätestens wenn man zum fünften Mal das gleiche Kapitel hört, weil man nicht mehr weiß an welcher Stelle man gestern eingeschlafen ist, denkt man wehmütig an die Zeit zurück, als man noch mit einem Buch auf der Brust entschlummert ist.

Und so entwickelt und verbreitet sich ein neues Format der Unterhaltung: der Podcast, das Netflix für Sehmüde.Fragt man im eigenen Umfeld nach dem Nutzungsverhalten, sagen die wenigsten „Podwas?. Die meisten antworten mit einer nicht enden wollenden Empfehlungsliste für Fitness-, Business- oder Sex-Podcasts. Das Hörbuch ist tot, lang leben der Podcast.

Als wohlportionierte Sprechkolumne haben Podcasts in der Regel eine Länge von irgendwas unter einer Stunde und passen damit perfekt in unsere Zeit: kurz, knackig und wenn ich einschlafe, habe ich trotzdem nichts Wesentliches verpasst. Profis stellen beim Zuhören sogar die doppelte Geschwindigkeit ein, um Zeit zu sparen. Sich von einer Helium- Stimme, die an Mini Mouse erinnert, den Weg zu starken Bauchmuskeln/ souveräner Verhandlungsführung/lustvollem Geschlechtsverkehr erklären zu lassen ist dann vermutlich in der Tat sehr einprägsam. Der Podcast kann überall und jederzeit konsumiert werden. Beim Zähneputzen, Bügeln, Busfahren, Sport, im Bett, wahrscheinlich sogar beim „Sport im Bett“. Die Themenwelt ist dabei so bunt, dass sich der Schellenaffe dagegen so eintönig liest wie ein Bausparvertrag. Podcasts sind dadurch weitaus mehr als Gutenachtgeschichten für Erwachsene: von spirituellen Séancen über ironisches Gebrabbel bis zu Ted Talks für Startup-Gründer ist alles dabei. Doch im Wesentlichen geht es um folgende drei Fragestellungen: wie werde ich erfolgreicher/sicher auferstehen/weniger gelangweilt?

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Und wer sind die Menschen, die uns da irgendeinen Schwank aus irgendeinem Leben erzählen? Die wenigsten werden ein „Podcasting“ durchlaufen haben. Anders als bei Büchern gibt es für Podcasts in der Regel kein Lektorat. Die meisten dürften sich nicht einmal allzu detailliert überlegen, was sie eigentlich sagen möchten und fangen einfach mal an zu sprechen. Wahrscheinlich in etwa so wie bei einer Sprachnachricht oder einer beliebigen Unternehmenspräsentation. Das Ergebnis ist sodann manchmal unterhaltsam, manchmal bildend, manchmal nervtötend und manchmal weiß man es nicht, weil man direkt eingeschlafen ist.

Apropos unterhaltsam bis narkotisierend: wer nun des Lesens müde ist und in Zukunft gerne einen Text des Schellenaffens vorgelesen haben möchte, möge sich gerne über das Kontaktformular bei mir melden. Am besten per Link zur einer Audiobotschaft. Ich lese ungern. Der gewünschte Text wird dann übrigens abwechselnd mit breitem rheinischen Dialekt oder einem fingierten indischen Akzent auf B2-Niveau gesprochen werden. Schätzelein, du wolle Podcast lauschen?




Ein Besuch im „Menschencafé “ für Katzen.

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Sonntagsnachmittags halb vier in Deutschland. Es ist Zeit für Kaffee und Kuchen. Der siebenunddreißigste aus Katzenkot produzierte Cold Brew Coffee mit veganem Haferbrikett vermag jedoch nicht mehr zu begeistern. Und so begibt sich der unterforderte, hippe Großstädter auf die Suche nach neuen Erlebnissen und Formen des kurzweiligen Amüsements. Die Jagd treibt ihn schließlich in eine neue Variante des naturverbundenen Konsums: das Katzencafé . Umgarnt von vierbeinigen Freunden verbringt er dort seine wenige freie Zeit. Seine Sorgen von der Seele streichelnd gibt er sich diesem Stubentiger-Balsam für urbane Psychen hin, schlürft puristische, warme Milch und kommt mit einer Perserkatze auf dem Schoß endlich zur Ruhe. Oder wie muss man sich das vorstellen? Genau dies gilt es herauszufinden und so begebe ich mich in die Höhle des Löwen – auf eine Expedition in die Tier- und Menschenwelt.

Der „Katzentempel“ begrüßt seine Besucher zunächst mit einer doppeltürigen Schleuse, an deren Ende eine kratzige, humanoide Kellnerin mit Desinfektionsspray wartet. Ich fühle mich so willkommen wie ein Grippevirus. Bevor ich mit Tieren in Kontakt kommen darf, die sich an ihrem eigenen Gesäß lecken, werde ich zunächst Keim befreit. Dies erscheint mir so logisch wie die Algebrafähigkeiten einer Siamkatze. Aber gut. Ich beuge mich der ersten Regel und hoffe am Ende des Besuchs wenigstens erneut besprüht und mit einer Fusselrolle gereinigt zu werden.

Der Frage nach einer zwingend erforderlichen Reservierung (schon verstanden, das ist hier grade the shit in der Stadt) folgt ein Kurzreferat über die allgemeinen, unbedingt zu befolgenden Geschäftsbedingungen. Während das Regelwerk auf mich niederprasselt frage ich mich, ob ich eigentlich ein Café, eine Boeing 747 oder eine Säuglingsstation betrete. Nicht anfassen beim Schlafen, nicht hochheben, nicht füttern solle man die Katzen. Ob diese Regeln auch auf das weitere Personal oder andere Besucher zutreffen, wird nicht erklärt. Ich wittere eine Lücke im System und lasse mich zu meinem Tisch geleiten. Leicht verspannt setze ich mich und lasse meinen Blick schweifen – bzw. öffne meine Ohren. Die Stimmung ist gedämpft. Niemand lacht. Es wird nur sehr leise gesprochen. Keine Katze weit und breit. Kein Wunder, mir wäre das hier auch zu fad. Ich frage mich, ob ich etwas missverstanden habe und die Katzen als günstiges Küchenpersonal eingesetzt werden. Bekommen die Tiere hier eigentlich den Mindestlohn?

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Die Inneneinrichtung des Katzentempels scheint jedenfalls auf die Huldigung der Katzen hin ausgerichtet zu sein: überall stehen Häuschen, Kartons, Kratzbäume und Kletterregale zur Entzückung der Zwei- bis Vierbeiner bereit. Es gibt sogar mit Federn bestückte kleine Angelruten. Ob zum neckischen Spiel mit anderen Gästen oder zum Abstauben der Katzentreppen ist wohl jedem selbst überlassen. Der große, vollgestellte Raum bietet die Atmosphäre eines Zoofachgeschäfts ohne Aquarien. Der Geruch weckt ähnliche Assoziationen.

Da das Café freundlich – durch ein Hinweisschild an der Eingangstür – mitteilt kein Streichelzoo, sondern ein normales Café mit beweglichem Interieur zu sein, fühlt man sich schließlich verpflichtet etwas zu konsumieren. Das Chili kommt nicht in Frage, zu leicht lässt sich hier unbeliebtes Katzenfutter nachhaltig weiterverarbeiten. So fällt die Wahl auf ein einfaches Stück Kuchen. Doch so recht möchte es nicht schmecken. Man glaubt permanent ein Haar in seinem Mund zu spüren. Ich möchte jedoch nicht melodramatisch wirken und schlucke die Paranoia und Nahrung herunter. Kurz stelle ich mir vor, wie ich beim Verlassen des Tempels ein Büschel Haare hochwürge und auf den Bordstein spucke.

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Doch meine Gedanken werden durchkreuzt – von einer Katze. So einer echten, mit Fell und Schnurrbart. So einer, wie sie mir tagtäglich in meiner Nachbarschaft begegnet. Irre – ist das, was nun folgt. Allgemeines Kopfdrehen und Stühlerücken. Handykameras werden gezückt. Die ohnehin wenigen Gespräche verstummen. Eine Katze! Die gespannte Stille wird durchbrochen von den hysterischen Quietschgeräuschen einer asiatischen Dame am Nachbartisch, die die Verfolgung aufnimmt. Man selber möchte mit dem Kater flüchten. Ein zu einfacher Witz („Denkt die das ist hier Running Muschi?“) liegt mir auf der Zunge. Ich unterdrücke ihn und tue stattdessen etwas mir irgendwie logisch Erscheinendes. In die Stille hinein miaue ich. Scheinbar äußerst akzentfrei, denn Kater und Asiatin drehen sich ruckartig zu mir um. Und im nächsten Moment passiert das, was passieren musste: die Dame miaut und mauzt sich die Seele aus dem Leib und kriecht fotografierend zwischen den Stühlen umher. Ein schönes, menschliches Schauspiel.

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Und die Tiere? Die Katzen tuen das, was sie schon immer getan haben. Sie ignorieren Menschen. Dabei ist es egal, ob die Menschen ein Stück Kuchen essen oder ein Rad schlagen. Sie verstecken sich, schlafen oder putzen sich. Sie klettern selten, nämlich nur dann, wenn keiner hinsieht. Und sie spielen nicht mit den Federn und Püscheln, die ihnen die Kaffeehausbesucher vor die Pfoten halten. Sie steigen würdevoll wie eh und je über die Utensilien, die ihnen in den Weg gelegt werden und verschwinden in irgendeiner Paketkiste. Was sollen sie auch machen? Jeden Besucher mit einem Milk Tonic begrüßen? Zum gemeinsamen Selfie einladen? Oder eine kurzweilige Revue am Kratzbaum aufführen? Der „Katzentempel“ ist eben nicht Lalaland.

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Eigentlich ist es ja begrüßenswert, wenn die Tierliebe berufstätiger Großstädter nicht in in einem wenig tierliebenden Zoobesuch oder mit dem Kauf einer halbherzig gepflegten Hauskatze endet. Aber warum man sich dann nicht einfach mit einer Thermoskanne und einem Stück Butterkuchen ins nächste Tierheim begibt und seine Hilfe anbietet, bleibt wohl eines der vielen Rätsel des Großstadtdschungels.

Mit der Frage „Wer hat hier eigentlich wen beobachtet?“ im Kopf verlasse ich schließlich das „Menschencafé “ für Katzen. An der frischen Luft läuft ein Hund an mir vorbei. Er wedelt mit dem Schwanz, schnüffelt neugierig an meinem Hosenbein und blickt zu mir hinauf, als wolle er sagen: „Siehste. Hund sind eh die besseren Katzen.“




Tatort – für mich gestorben?

Tatort Sonntagabend

Sonntagabend. Der Beginn einer neuen arbeitsreichen Woche voller Termine und Tumulte liegt vor uns. Der Bürokaffee-Kater lugt um die Ecke, während uns die Reste des Samstagabend noch in den Knochen stecken. Man fragt sich erneut, wo die letzten beiden Tage geblieben sind und sucht die Fernbedienung. Das Drücken der Tasten fällt schwer. Wer angesichts dieser Bürde frohgemut auf seinem Sofa sitzt und sagt: „Ich freue mich, wenn morgen der Wecker klingelt und ich wieder ganz viele Emails schreiben und eigenwillige Menschen ertragen darf“ der ist positiv formuliert etwas ganz besonderes (und definitiv kein Snoozer).

Doch bevor wir vom Rausch des Alltags vereinnahmt werden, suchen wir Halt und Unterhaltung in einem Sonntagabendritual. Dem Tatort. Seit Generationen versammelt sich Deutschland zum Wochenwechsel vor den Fernsehgeräten und verfolgt – ja was eigentlich? Positiv formuliert eine ganz besondere Form der kriminologischen Berichterstattung. Tatort: Sonntagabend. Opfer: Gebührengelder.

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Ein mittlerweile gängiger Untersuchungsbericht liest sich so:

Leiche wurde an einen Dönerspieß gebunden in der Fußgängerzone von Köln-Nippes gefunden. Das Opfer war Chef einer neuen Kryptowährungsfirma, die sich dem Blockchain basierten Handel von Menschen und Zuchtrosen verschrieben hat. Die Suche nach dem Täter verläuft zunächst schleppend, da 1:45 Stunden gefüllt werden müssen und der Ermittler seine eigene schwierige Kindheit und Drogenvergangenheit aufarbeiten muss. Alkoholkonsum spielt in dem Zusammenhang keine unwesentliche Rolle. Der Ermittler hat ein Kind, Partner und/oder die Kontrolle über das eigene Leben eigentlich bereits gänzlich verloren. Weigert sich aber den Dienstwagen abzugeben. Da es ein VW-Diesel ist wird es ihm gewährt.

Verdächtigt wird zunächst der Geschäftspartner des Opfers, weil er fies aussieht und die psychisch labile Gefühlslage des Ermittlers ignoriert. Dicke Luft, die Stimmung wird schlechter. Es stellt sich jedoch heraus, dass genannte Person lediglich der Hausmeister war und mit Blähungen kämpfte. Verdächtigt wird der griechische Imbiss nebenan.

Jemand infiziert sich mit Tollwut, ein anderer mit einem humanen Computervirus. Im Fortlauf der Ermittlungen explodiert zudem ein Steinbruch und ein autopilotiertes Fahrzeug stürzt in einen Fluss. Warum lässt sich nicht klären. Vermutet wird, dass noch ausreichend Gebührengelder bei der Produktion übrig waren und jemand „mal richtige Action“ wollte. In der Zwischenzeit küsst die Stieftochter des Opfers den ermittelnden Beamten und gesteht ihren Fetisch für gehäkelte Reizunterwäsche.

Den entscheidenden Hinweis liefert schließlich die blinkende Lichterkette, die um den Hals des Opfers gewickelt war und mit der das Opfer erdrosselt wurde. Dies ergab der Obduktionsbericht des exzentrischen, Zaubertricks mit einer Niere vorführenden Pathologen. Die Lichtinstallation deutet auf einen Täter mit Hang zu technischer Raffinesse hin. Nachdem die attraktive kriminologische Assistentin den Laptop des Opfers knacken konnte (Passwort: 123456), liegen endlich Beweise vor: die Blockchain selbst war der Täter. Sie hat Dönerspieß und Lichterkette bei Amazon Prime bestellt und den ferngesteuerten Hausmeister die technische Inbetriebnahmen vornehmen lassen. Er war willenlos und damit schuldfrei.

Ebenso wie die Zuschauer – die sich mit dem Abspann beginnen zu fragen, ob der eigene banale Alltag vielleicht voller irrwitziger, unerkannter Gefahren steckt; ob die Lichterkette batteriebetrieben war und deshalb blinkte; was eigentlich aus dem griechischen Imbiss und dem bewährten Rezept eines simplen Plots geworden ist:

Leiche taucht auf – vornehmlich aus moderigem Hafenbecken. Kommissar Typ „Ich würde Sie meine Blumen gießen lassen“ raucht eine. Flirt mit der Dame aus dem Innendienst. Diverse Verfolgungsjagden. Am Ende brennt irgendwas. Täter wird festgenommen. Wollte Geld/Zuneigung/Rache. Currywurst und triumphales Dosenbier an der Würstchenbude – mit Blick auf moderiges Hafenbecken.

Stattdessen ist der ohnehin labile Sonntagabend nun gefüllt von Cyperorgs, Sexorgien und psychedelischen Wutausbrüchen. Der Tatort taumelt irgendwo zwischen Fantasystreifen ohne oscarreifes Unterwassermonster und Rosamunde Pilcher mit exzessiver Drogenvergangenheit. Mal ist er großstädtisch orgastisch, mal eher provinziell klamaukig. Mal bietet er eher beschämende Improvisationseinlagen, mal eine Film-im-Film-Handlung, die so verworren wird, dass man sich eher mit dem Thema Kryptowährung, der eigenen Steuererklärung oder diesem Satzbau beschäftigen möchte.

Oft versucht er sich – so auch dieses Mal – an einem politischen Thema. Rechtspopulismus, Fifa-Skandal, Tscheschenienkrieg und Altenpflege. Manchmal gelingt der Gedankenanstoß. Meistens misslingt er, wie das artikulierte Hochdeutsch eines Wotan Wilke-Möhring. Man möchte ihn gemeinsam mit Till Schweiger zur Logopädin schicken. Bei letzterem wäre ein Sonderdoppelpaket mit einem Volkshochschulkurs ratsam. Till, freie Plätze gibt es zum Beispiel bei „Authentischer Auftritt“ hier in Hamburg (Link zur Anmeldung). Das wäre doch was.

Wahrscheinlich sollte man die einfache Botschaft der ersten Sequenzen eines jeden, wirklich jeden Tatorts einfach ernster nehmen: wegrennen. Aber man tut es nicht und schaltet erneut wieder ein – in der Hoffnung eine der seltenen guten Produktionen zu erwischen oder sich eben wieder aufregen zu können. Denn der Polizeiruf 110 ist ja auch keine Rettung.

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Brrrrr – zitternde Gedanken zum Winter.

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Dumpf und still wirkt die Luft. Kein Vogelgezwitscher, kein Rauschen der Blätter im Wind. Die Kälte verschluckt jeden Klang. Tief hinein in diese klare und kalte Stille fräsen sich die Klänge des Winters: das Geräusch eines Eiskratzers auf der Windschutzscheibe. Das Knirschen der Schuhe im Schnee. Das feine Knarzen und Knacken des Eises.

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Und so kratzt der Winter an all unseren Sinnen.Er macht Unsichtbares sichtbar. Den eigenen Atem. Karge Äste. Spuren im Schnee. Doch vor allem entblößt er eines: den unwirklichen Kampf des Menschen gegen die wahrhaftige Gewalt der Natur. Surreale Räumfahrzeuge kämpfen sich durch die weiße Unendlichkeit. In dicke Stoffe gehüllte Gestalten huschen um Häuserecken. Groß wie Theatervorhänge sind die Schals, rot wie Kirschbonbons die Gesichter, die zu zerklirren scheinen.

Aufgeplusterte Vögel beäugen das zitternde Treiben unter sich. Gehetzt und doch gelähmt wirken die Menschen. Kurz sind die Momente in der unerbittlichen Kälte. Langsam wirken die Bewegungen. Zäh tropfen Worte über die blauen Lippen. Der Mund will nicht mehr gehorchen. Die Gedanken frieren fest. Es zittert im Kopf. Wir hören nur noch das Schreien frierender Hände und Füße. Schnell huschen wir in die Wärme unserer Häuser. Mit der Hitze beginnt das Blut in uns zu pulsieren. Ein undefinierbarer Schmerz. Kälteweh. Wir haben das Gefühl innerlich in Scherben zu zerfallen. Das Gefühl des Winters.

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So geschärft das Gehör, so sensibel der Körper, so erstarrt ist die Welt der Düfte und Geschmäcker.Die Aromen der Natur sind erkaltet. Nichts blüht, nichts verwest. Alles ruht und wartet auf den Beginn des bekannten Kreislaufs. Betäubt ist die Wahrnehmung und doch bilden wir uns ein sie zu schmecken, zu riechen: diese Reinheit der Luft. Klar und pur atmen, saugen wir sie ein. Wie ein kaltes Getränk in der sommerlichen Hitze merken wir wie sie den Weg in unsere Glieder findet. Doch fühlen wir uns beinahe überfrischt. Und beginnen vom Sommer zu träumen.

Wir sind es nicht gewohnt, dass wir etwas nicht kontrollieren, steuern und beeinflussen können. Doch den Jahreszeiten sind wir ausgeliefert – zum Abwarten, Akzeptieren und Träumen verdammt. Wir wärmen uns mit Erinnerungen an den Sommer. An wärmende Sonnenstrahlen auf der nackten Haut. An eine leichte Sommerbrise im Haar. An Geruch von warmem Regen. An die Unbeschwertheit flüchtiger Sommernächte. Wir kennen die Antwort und doch beginnen wir wehmütig zu zweifeln: Sommer, wirst du wirklich wiederkommen?

Doch mit dem ersten wärmenden Sonnenstrahl, dem ersten zarten Ruf der Vögel, der ersten Knospe im Schnee wächst die Hoffnung. Die kalten, dunklen Gedanken werden stiller und stiller – bis sie so leise sind wie der Laut, den eine Schneeflocke macht, wenn sie zu Boden fällt. Ja, der Sommer wird zurückkehren. Gewiss.