Stadt, Land, kein Bus.

Stadt Land Schwan Straße

Ich bin gestrandet. Im Nirgendwo. Ich komme nicht weg. Man lässt mich nicht. Es ist 22.17 Uhr und ich stehe an einer Bushaltestelle – die das nächste Mal am nächsten Morgen angefahren wird. Ich fühle mich wie eine Mülltonne am Straßenrand, die nicht abgeholt wurde. Ich bin stinkig.

Dabei hätte ich es besser wissen müssen. Groß geworden in ländlichen Gegenden, weiß ich um die logistischen Tücken des Dorflebens. Ich weiß, dass ein Hinweg immer und unmittelbar die Planung des Rückweges beinhalten muss. Dass öffentliche Verkehrsmittel ausschließlich für schreiende Schüler und schweigsame Rentner auf dem Weg zum Orthopäden vorgesehen sind. Dass der letzte Bus immer zu früh abfährt.

Erinnerungen an dieses andere Leben prasseln auf mich nieder. Ich denke an das Herumtollen auf weichem Waldboden. Daran, dass man einfach in fremde Häuser gegangen und nach einem Spielkameraden gefragt hat. Daran, dass man sich zum „Shoppen“ verabredet hat und mit geschmierten Broten in die „Stadt“ gefahren ist. Es gab den einen Italiener, den einen Bäcker und den einen Schreibwarenladen, der das kindliche Grundeinkommen verschlingen durfte. Eine Kindheit ohne Termine, Handyempfang und Systemgastronomie. Frei, ungebändigt und doch voller natürlicher Grenzen. Jenseits dieser Grenzen funkelten die mehr als zweistöckigen Häuser der Großtadt. Diese Welt voller Möglichkeiten wirkte verlockend und auch ein bisschen beängstigend. Wie Center Shock Kaugummis.

Stadt Land

Und so begibt man sich irgendwann hinaus in diese urbane Welt. Man stürzte sich hinein in den Rausch der 24-Stunden-voller-Möglichkeiten. Die Großtadt bietet alles, jederzeit, egal ob ich es brauche oder nicht. Rund um die Uhr ist alles möglich (Ausnahme Bayern). Döner zum Frühstück, Wocheneinkauf nach den Tagesthemen, Zahnarzttermin in der Mittagspause. Jeden Tag eröffnen und schließen mehr Restaurants als es in einem Landkreis Bushaltestellen gibt. Man gibt sich begeistert der veganen Schnitzeljagd um den besten Kaffee, Burger oder eiweißbasierten Longdrink der Stadt hin. Dabei versucht man immer das zu entdecken, was noch keiner kennt und von dem jeder redet. Auf dem Land geht man in das Restaurant, das jeder kennt und von dem keiner redet. Die Ungewissheit, ob der Bus oder die Bahn schon vorbeigefahren sind, gibt es nicht, an jeder Haltestelle steht jederzeit jemand. Leise rauscht irgendwo immer der Verkehr, wie zum Refrain heult regelmäßig ein Martinshorn.

Stadt Land

Immer und überall begegneten man Menschen. Man ist nie alleine und doch nicht geschützt vor Einsamkeit. Seine Nachbarn kennt man nicht. Redet man auf dem Land mit-, aber vor allen Dingen übereinander, so verschwindet man in der Stadt in einlullender Anonymität. Beschäftigt sich die eine Welt mit der Aussaat des Rasens, der Scheidung von Frau Müller und dem undichten Carport, ärgert man sich in der anderen Welt über den Dachschaden der WG über einem.

Und so erwischt man sich irgendwann dabei, wie man dem Ruf einer Amsel lauscht und sich ganz plötzlich und hinterhältig ein bisschen nach dem Ausbleiben all dieser Möglichkeiten sehnt. Der Rausch der Möglichkeiten endet irgendwann in Überforderung und Abstumpfung. Es ist einfach anstrengend, jeden Tag etwas Neues zu entdecken. Man interessiert sich plötzlich für Urban Gardening, Schrebergärten, Wochenmärkte und Baumpatenschaften. Spätestens wenn Kinder in die Lebensplanung treten, fragt man sich, ob man möchte, dass der eigene Nachwuchs eher die schnellste U-Bahn-Verbindung oder die lokalen Singvögeln bestimmen kann. Plötzlich sieht das Gras auf der anderen Seite nicht nur weniger vermüllt, sondern auch wieder grüner aus. Doch dann steht man wieder gestrandet an einer Bushaltestelle. Die Singvögel sind einem verdammt egal und man sehnt sich nach Spätis, Taxischlangen und Menschen ohne praktische Kurzhaarschnitte.

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Und so erinnere ich mich an eine weitere alte Weisheit des Landlebens: man ist nie zu alt, um sich von seinen Eltern abholen zu lassen. Auf dem Heimweg fahren wir an dem alten Schreibwarenladen vorbei. Beruhigt stelle ich fest, dass er noch immer keinem Vapianobucks gewichen ist. Und so kehre ich beruhigt von der einen zurück in die andere Welt. Und bleibe doch eine Reisende zwischen den Welten.