Schön, dass du endlich da bist, liebes Sommerloch. Der Strom der apokalyptischen Meldungen lässt nach, ebenso der hupende Fluss des morgendlichen Stadtverkehrs und die mürrischen Warteschlangen im Supermarkt. Wie schön ist doch diese kurze Zeit des Jahres, in der man mehr automatische Abwesenheitsantworten als tatsächliche Emails erhält. In der man sein Wochenende damit verbringen darf, seinen Körper der thermonuklearen Strahlung einer Plasmakugel auszusetzen, um die Melaninproduktion der eigenen Hautzellen anzukurbeln – und einfach nur in der Sonne herumzuliegen.
Doch warum wirst du als unheilvolles schwarzes Loch wahrgenommen, liebes Sommerloch? Warum veranstalten wir keine Feste deiner zu Ehren, wie wir es für die Sommersonnenwende, die Gründung unseres Staates oder den vor hunderten Jahren entfahrenen Furz irgendwelcher Heiligen tun? Warum ist der 23.07. zum Beispiel nicht der Tag des Sommerloches, ein Tag an dem einfach wirklich gar nichts getan werden darf?
Weil wir das einfach nicht können. Das Nichtstun. Das Unproduktivsein. Wir erfinden mikroprozessorgesteuerte Kniegelenke, aber beherrschen dennoch den einfachsten Gang nicht: den Müßiggang. Warum suchen wir ständig Beschäftigung und geben uns nie wirklich der Langeweile hin?
Mein Deutschlehrer sagte in der 7. Klasse einen Satz, der mich nachhaltig beschäftigen sollte: „Die Hälfte eurer gefühlten Lebenszeit ist jetzt um. Die Hälfte eures bewussten Lebens ist bereits vorbei.“ Wir schauten ihn damals mit großen, ungläubigen Augen an. Doch je mehr Lebenszeit verstrich, desto mehr begriff ich, dass er recht haben sollte. Kinder haben ein gänzlich anderes Zeitempfinden als Erwachsene. Das wird nicht nur bei Autofahrten in die Sommerferien deutlich. Als Kind konnte man in einem einzigen Tag ein ganzes Leben erleben. Emotionale Höhenflüge wechselten sich unmittelbar mit kreischenden Tiefschlägen ab. So viel passierte innerhalb von vierundzwanzig Stunden, von sechzig Minuten. Sechzig, eine schier unendlich wirkende Zahl. Heute wirkt eine Stunde wie ein Wimpernschlag, mit achtzig dann wohl nur noch wie das Zucken des Augenlids.
Als Kind war man immer ungeduldig, fieberte Dingen entgegen und wenn mal nichts passierte, war sie da. Diese Langeweile. Diese gähnende Ödnis. Oft sagte ich den Satz „Mir ist langweilig“ und suchte mir anschließend eine Beschäftigung oder legte mich einfach auf den Boden meines Kinderzimmers und erträumte mir Bilder anhand der Punkte auf der Raufasertapete oder verfolgte den kantigen Flug der Stubenfliegen. Als Kind waren die Tage so lang, dass ein bisschen gähnende Langeweile unausweichlich war. Und heute?
Vor kurzem war ich auf dem Weg zum Sport. Beim Betreten des Fitnessstudios stellte ich fest, dass ich einen Anruf verpasst hatte und schaute auf mein Handy. Im Gehen. Noch ehe ich überhaupt mein Telefon entsperrt hatte, hörte ich bereits ein Stöhnen hinter mir. Gefolgt von einem „Muss das hier sein?“ und einem Mann der sich an mir vorbeidrängte. Ich fragte mich, ob er glaubte in der Lichtschranke am Eingang werde seine Zeit gemessen. Ich hatte ihn anscheinend von einer neuen Bestzeit abgehalten – und ihn um 0,35 Sekunden seiner Lebenszeit beraubt. Heute halten wir es wohl nicht mal mehr aus, uns 0,35 Sekunden zu „langweilen“. Stattdessen regen wir uns lieber auf. Als Kind wurde im Gefühl der Langweile das Scheppern im Kopf leiser. Es hörte sich an wie das Surren der Fliegen über den Köpfen. Heute wird es in Momenten der Ruhe erst richtig laut.

Gleichzeitig sind unsere Gespräche von leeren Floskeln geprägt wie „Wo ist die Woche geblieben?“, „Bald gibt es schon wieder Lebkuchen.“, „Ich komme zu nichts“ oder „Wie die Zeit rast!“ Dass wir es sind die mindestens so rasen wie die verstreichende Zeit, sehen wir nicht vor lauter Meetingmarathon, Freizeitstress und Lebensplanung. Langeweile empfinden wir als Unbehagen einem Moment völlig ausgeliefert zu sein. Nichtstun oder sich für den Bruchteil einer Sekunde ausbremsen zu lassen wird als Zeitverschwendung wahrgenommen. Doch warum wird „Erleben“ immer mit „Leben“ gleichgesetzt? Kann man überhaupt viel oder wenig leben? Bedeutet Langweile sodann ich lebe weniger als andere?
Sollte man sich in dem – positiv gerechneten – letzten gefühlten Viertel unseres Lebens dann vielleicht nicht doch eher einer italienischen Lebensweisheit hingeben und dem Dolce far niente fröhnen? Und mit einem Kopfsprung in die dunkelblaue Langweile des Sommerlochs springen?
Für alle, die sich dem Thema mal so richtig hingeben und tiefer eintauchen möchten sei folgende Werbung in nicht ganz uneigener Sache empfohlen. Bisher war der Schellenaffe komplett werbefrei. Dies ändert sich nun – nein nicht dank der praktischen Allzwecktücher von VerwischDich mit Markoidiotentechnologie – jetzt neu mit lieblichem Mettigelduft! Der Schellenaffe möchte Werbung machen für die Ausstellung „Lange Weile“, die noch bis zum 9.9.2018 in der Henrichshütte in Hattingen bestaunt werden darf. Klingt langweilig, ist auch so. Der Schellenaffe hat hierzu einen sehr kleinen, natürlich strunz-öden Beitrag geleistet. Es ist zwar kein Zimmerdeckenflugprofil der Musca domestica, aber etwas ähnlich Narkotisierendes dabei entstanden. Also auf ins langweilige Hattingen.