Im Suv fahren verboten?

Schlimm, diese maroden Straßen in deutschen Städten. Überall lauern Schlaglöcher, die so tief sind wie der Weitblick eines Verkehrsministers. Straßen werden monatelang gesperrt, bis Gras über die Sache wächst. Staus bilden sich, sodass man meinen könnte, Hupen sei Teil des Gesangs heimischer Singvögel. Abscheulicher Wahnsinn – dem man auch nicht entfliehen kann, indem man auf öffentliche Verkehrsmittel ausweicht. Dort bilden sich unmenschliche Menschenstaus, in denen man sich wünscht, man würde wenigstens nicht mit der Nase, sondern mit dem Ohr in der Achsel des Mitfahrers stecken, um das Gerede und dieses unsägliche „Treten sie aus der Lichtschranke“ nicht mehr hören zu müssen. Im Niesnebel des Nebenmenschen duschend denkt man an das Wort „Tröpfcheninfektion“. Nein, der öffentliche Zu-nah-Verkehr ist nun wirklich keine Alternative.

Es bleibt nur das Auto.

Und so tut man, was man tun muss, um im Verkehrskrieg zu überleben: man rüstet auf und wird Teil der Eppendorfer Panzerbrigade. Wohl eher im Suff als bei klarem Verstand, legt man sich ein auf Extremsituationen spezialisiertes Fahrzeug zu, ein Sports Utility Vehicle. Die Kritik an diesem Platz- und Spritschlucker prallt daran im hohem Bogen ab, wie ein vom Kühlergrill erfasster Radfahrer oder ein Schwarm Zugvögel. Es ist einfach ein super utility vehicle! Dank der Reifen, die den Durchmesser manch einer Innenstadtwohnung haben, verschwinden Schlaglöcher und Absperrzäune. Freie Fahrt voraus, durchaus. Andere Verkehrsteilnehmer werden einfach weggerammt oder bei Bedarf mit Hilfe der angebrachten Seilwinde abgeschleppt. Praktisch ist diese auch, falls die kleine Charlotte auf dem Heimweg noch ein bisschen Wasserski auf der Alster fahren möchte. Sogar bei Einbruch der Dämmerung ist dies noch möglich dank der dezenten Beleuchtungsanlage auf dem Dach, die in ihrer Strahlkraft an die Landebahn eines Flughafens erinnert. Getreu dem Motto „Platz hat man nicht, Platz verschafft man sich.“ hat das Parkproblem ein Ende. Je enger die Parklücke, desto besser ist es ohnehin, dienen die Dächer der anderen Autos doch als praktische Tritthilfe, um überhaupt hinter das Steuer zu gelangen oder die Wocheneinkäufe, bzw. das, was davon noch übrig ist nach zwei Kilometern Stadtverkehr, vom Dachgepäckträger zu heben. Alles suver!

SUV Geländewagen Verkehrswende

Und so ist solch ein Fahrzeug nicht nur zugebenen willkommener Spottstoff, sondern vor allem zum Symbol sinnloser, verantwortungsloser Dekadenz geworden. Der SUVer-GAU. Warum? Fährt jemand einen Porsche, ein Fahrzeug, das insbesondere in der Stadt noch sinnloser sein dürfte mit seinen zwei Sitzen und seiner Beschleunigung von 0 auf Tempo 30 in einer Sekunde, wird er beneidet oder lediglich belächelt. Ach, der braucht das für sein Ego. Bullibesitzer sind entspannte Hippies, deren Fahrzeuge sich von positiven Vorurteilen und nur selten von miefendem Diesel ernähren. Aber fährt jemand ein SUV, kochen die Emotionen hoch. Der Motor des Zorns heult auf. Aus Neid und Missgunst wird echter Hass.

Dass es völlig sinnlos und unverantwortlich ist ein Geländewagen mit Seilwinde über die Elbchaussee zu fahren, steht außer Frage.  Doch warum stürzen wir uns so auf diesen im Vergleich zur Gesamtgröße der klimaschädlichen Blechlawine kleinen Beitrag? Warum reden alle von dieser klobigen, quadratischen Spitze, des stetig schmelzenden Eisberges? Weil es so schön angreifbar naher Irrsinn ist. Der Sündenbock mit Stoßstange parkt nebenan. Wunderbar. Bis nicht mal diese SUV-Fahrer zum Umparken im Kopf bewegt wurden, muss ich gar nicht erst beginnen, an meiner persönlichen, vielleicht weniger sichtbaren Form der Dekadenz etwas zu ändern. Mit meinem wöchentlichen Online-Shopping-Trip oder meiner aus Trinkwasser gespeisten Toilettenspülung hat das doch nichts zu tun. Dass der abscheuliche SUV vielleicht nur wenige Kilometer im Jahr bewegt wird und dann dazu genutzt werden könnte, um in den Sommerurlaub an die Nordsee zu fahren statt nach Ägypten zu fliegen, wird gar nicht erst für möglich gehalten. Zugleich unverantwortlich und verantwortlich sind wie immer die anderen. Dass es allerdings um mehr geht als alleine die Anzahl der überdimensionierten Blechpanzer zu reduzieren, scheint manchmal im toten Winkel unseres Bewusstseins zu liegen. Das Kleinklein ist eben greif- und verkraftbarer als die große Verkehrswende. Doch vielleicht sollte man den nächsten auf einem bepflanzten Grünstreifen geparkten, mit Schlammspray angesprühten Geländewagen weniger als Zündschlüssel für den nächsten Wutausbruch sehen, sondern eher als Mahnmal dafür, dass wir alle unser Verhalten ändern müssen. Die einen haben eben einen deutlich längeren Weg zu gehen als manch anderer.




Wurstegal.

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Dieser Duft. Dieser Geruch, der schon beim Gedanken daran, beim Schreiben darüber den Speichel im Mund sprudeln lässt. Dieses Odeur de gegrilltes Steak. Es betört die Sinne und betäubt den Verstand. Saftig einladend auf dem Teller platziert, verheißungsvoll zart liegt es angeschnitten vor mir, dieses Stück purer Genuss. Mein Gegenüber pikst ein besonders anmutig erscheinendes Stück auf seine Gabel und lacht mich hämisch grinsend an: „Na, sicher, dass du nichts möchtest?“ Der betörende Teller ist nicht mein Teller.

Diese Szene habe ich in abgewandelter, aber immer fleischlich realer Form unzählige Male erlebt. Seit ich mich darum bemühe, mich vegetarisch zu ernähren, stelle ich fest, wie nervtötend es ist, wenn Menschen andere penetrant von ihren Ideologien überzeugen und zu ihren Glaubenssätzen bekehren wollen. Anderen vorgeben zu wollen, was sie zu tun oder zu lassen haben. Was sie zu essen haben. Dabei begegnen einem doch eher selten militante, ungewaschene Veganer, die anderen den Milchkaffee aus der Hand schlagen und mit brennenden Tofu-Briketts um sich werfen. Rechthaberisch und angriffslustig sind meist die anderen. Die Vegetarier-Fresser, vor denen man sich beinahe dafür schämen muss, für all die armen, niedlichen Tiere, die wegen mir nicht getötet werden. Schämst du dich nicht für deine Extrawurst?

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Mache ich eine Ausnahme, um der Köchin zu huldigen, die ihren Urlaubstag mit einem Truthahn in der Küche verbracht hat oder wenn im Urlaub die Frage nach einem vegetarischen Gericht mit „So, chicken?“ beantwortet wird, ist das ein besonders gefundenes Fressen für die Fleischesser. Also doch keinen Hack besser.

Doch warum löst eine so persönliche Entscheidung, wie die  der eigene Ernährung, so starke Reaktionen bei anderen aus, die weder mit meinem Gaumen noch meinem Magen verbunden sind? Würde ich nach all den Jahren wieder anfangen, Diddl-Blätter zu sammeln, würde ich vermutlich mitleidig beäugt werden und kaum einer würde befürchten, ich würde ihn ebenfalls dazu bekehren wollen mitzusammeln. Selbst, wenn ich fragen würde, warum jemand nicht mitmachen möchte, würde er lediglich achselzuckend „kannste halt knicken“ sagen. Die Konversation wäre kürzer als eine Knackwurst. Hätte ich eine Allergie, würde sich keiner veranlasst fühlen, genüsslich ein bisschen Gluten in sich hineinzuschaufeln und „hmm, lecker“ zu sagen. Reagiert mein eigenes Gewissen allergisch auf das Töten von Lebewesen und unnötiges Zerstören von dem bisschen Klima, das es noch zu retten gibt, ist das etwas anderes. Wenn ich sage, ich esse keinen Hund, halten mich alle für einen schlechten Witz. Wenn ich sage, ich esse nichts was ein Fell hat, egal ob es Sitzmachen kann, ist es besserwisserischer Ernst.

Die Reaktionen schwanken zwischen „Geschnetzeltem Zynischer Art“ und einem Hackbraten aus Rechtfertigungen. Wer selbst kein Fleisch mehr isst, weiß auf einmal, wie viel Fleisch andere Menschen konsumieren. Weil sie es ungefragt erzählen. Warum? Das eigene schlechte Gewissen sitzt plötzlich mit am Tisch und stochert genüsslich im Salat herum. Unbewusst sitzen die Schlagzeilen über barbarische Massentierhaltung und verheerende Klimabilanzen furzender Kühe mit am Tisch und fragen, ob man ihnen das Wasser reichen könnte. Kann man nicht. Daher erzählt man, dass man nun wirklich nur noch selten Fleisch esse, als hoffe man, das grüne Gegenüber würde einem nicht auch noch den letzten Hähnchenschenkel aus der Hand reißen.

Dabei wünsche ich jedem, der sein Gewissen unter einer Bratensauce verstecken kann, guten Appetit. Ich hoffe, es schmeckt. Wirklich. Ich möchte niemandem über die Entenleber laufen.

Doch ein Vegetarier verdirbt oft den Appetit. Er wird als mitessender Vorwurf empfunden. Eine Provokation. Mehr noch: Er wird mit seinem Grillkäse und Süßkartoffeln auf dem Teller als eine bittere Bedrohung empfunden. Eine Bedrohung der eigenen Lebensgewohnheiten. Eine Bedrohung der persönlichen Freiheit. Eine Bedrohung des Schnitzeltages. Da wird der Fleischesser in der Pfanne verrückt.  Komischerweise wurden sehr selten 10% der Bevölkerung so viel Macht zugesprochen, dass sie einen der größten Industriezweige Deutschlands in die Knie zwingen und Kantinenspeisepläne zu einer fleischfreien Zone erklären könnten. Das wäre so, als würde man Angst davor haben, dass die FDP den nächsten aalglatten, unrasierten Bundespräsidenten stellen und die soziale Marktwirtschaft eindämmen würde (10,7% der Stimmen bei der letzten Bundestagswahl). Wie genau soll ich mit meinem Grünkernbratling gegen die 60kg jährlichem Fleischkonsum pro deutschem Magen ankommen?

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Und selbst wenn der Anteil der Vegetarier und Veganer an der essenden Bevölkerung steigen sollte, sollte man dann nicht davon ausgehen, dass hier das Prinzip der Schwarmintelligenz greift und weniger das der ideologischen Verblendung? Warum sollte auf einmal „alles Käse“ sein? Wäre dies nicht vielmehr ein Zeichen dafür, dass mehr Menschen den Zusammenhang zwischen den Kulleraugen eines Kälbchens und dem duftenden Steak auf dem Teller nicht länger ignorieren? Wäre nicht mehr sprießende Vielfalt statt blutiger Einfalt die Folge? Mehr Falafel statt immer Döner. Mehr Pommes statt nur Currywurst. Mehr Funghi statt ewig Prosciutto. Niemand wird dazu gezwungen werden, Tofuwürstchen und vegane Schnitzel zu essen. Das wirkte ohnehin so, als würde man sein klappriges Hollandrad mit Motorengeräuschen ausstatten lassen, weil man sein Auto vermisst. Aber wir werden vermutlich, hoffentlich, alle dazu gezwungen werden, den wahren Preis unseres Konsums zu bezahlen. Der wahre Preis ist eben nicht 3,33€ für ein Kilo Schweinerippen. Wir werden uns mit den Folgen unseres Verhaltens beschäftigen müssen. Uns mit unserem Gewissen auseinandersetzen. Also Dinge lernen, die man eigentlich bereits kleinen Kindern gemeinsam mit den Essmanieren versucht beizubringen.

Anstatt Vegetarier also mit Erbsen zu bewerfen, fragt sie doch einfach mal, warum sie sich dafür entschieden haben, einen anderen Weg als 90% der restlichen Bevölkerung einzuschlagen? Oder lasst sie einfach in Ruhe aufessen und akzeptiert, dass Geschmäcke eben verschieden sind. Was man selber isst, sollte doch eigentlich anderen wurstegal sein. Denn diese gegenseitigen Bekehrungsversuche sind doch vor allem eines: Käse.




Einen an der Klatsche.

Fernsehen NDR extra3 Irrsinn der Woche Fernsehstudio

Man stelle sich vor, jemand erzählt eine humoristische Anekdote. Etwas Witziges, wie die Meldung, dass Boris Johnson Busmodelle aus alten Weinkisten baut. Womit auch endlich aufgeklärt ist, was die Grundlage für die Geschehnisse auf und in Johnsons Kopf ist: Holzwolle, das Füllmaterial aus Weinkisten.

Und dann stelle man sich vor, dass die herzhaften Lacher und Schenkelklopfer, die dieser Erzählung folgen, zeitversetzt, sagen wir, wenn alsdann über Nierensteine oder das erneute Waldsterben gesprochen wird, hörbar sind. Das exakt gleiche Lachen wird beliebig wiederholt, an passendenden und unpassenden Stellen.

Das nennt man dann Fernsehen. Genauer: die Aufzeichnung einer humoristischen Fernsehsendung.

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Das Fernsehen sieht von außen aus wie eine Mischung aus Verwaltungsgebäuden und, nein, es sieht einfach nur aus wie ein Verwaltungsgebäude. Der Pförtner lässt noch schnell diese eine, die man aus dem Fernsehen kennt, mit ihrem SUV an den Besuchern vorbeibrausen und weist dann den Weg zum Empfangsbereich des Fernsehens. Dort wartet ein Glas Sekt zur Lockerung der germanisch steifen Klatschmuskeln. Und ein paar Gummibärchen als kosteneffiziente Energiezufuhr. So eine Aufnahme kann schließlich sehr lange dauern. Die Aufnahme der Zuckerware geht hingegen recht schnell. Büfett-Fräsen gibt es eben überall.

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Nachdem man an der Garderobe mit der Jacke die Rechte an allen Bildern zwischen der eigenen heiligen Erstkommunion und etwas weniger weihevollen Hüftoperation abgetreten hat, betritt man das Fernsehen von innen. Man schreitet durch Flure, die in ihrer Ruhe und Geschäftigkeit an Krankenhausgänge erinnern. Und schließlich betritt man das Herzstück des Fernsehens: das Studio.

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Das Fernsehen sieht von innen aus wie der Maschinenraum des Traumschiffs. In dem halt jemand herumsteht und den Turbinen Witze erzählt. Man begegnet jedoch zunächst einem Platzanweiser, der einmal nicht nur dazu da ist, Menschen, für die die Unterscheidung zwischen Rang und Reihe mitunter herausfordernd ist, den Weg zu weisen. Der Platzanweiser ist Diskriminierungsbeauftragter für Fernsehanstalten und richtete den Zuschauerraum klatschvoll ein, indem er Menschen nach ihrem Erscheinungsbild sortiert. Man fragt sich angesichts der fettleibigen Klatschaffen in der ersten Reihe, ob der Sender damit die Brücke zu quotenstarkem Hartz-IV-TV schlagen wollte oder ob man selber einfach zu sehr danach aussieht, als habe man einen an der Klatsche.

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Nachdem man seinen Platz in der Gesellschaft zugewiesen bekam (dritte Reihe, immerhin noch vor den beigen Rentnern), betritt der Einheizer die Bühne. Er ist dazu da, den Menschen das Abprusten zu erleichtern und löst die ersten Lacher. Eigentlich ist er witziger und schlagfertiger als der eigentliche Witzemacher, der ins Fernsehen kommt, aber mit allzu viel Gerechtigkeit rechnet man beim Fernsehen ja ohnehin nicht. So klatscht und lacht man sich fünf Minuten warm und locker – und doch beschleicht einen das beklemmende Gefühl, irgendwie beobachtet zu werden. Vielleicht sind es die Kameras in der Größe eines Kleinbusses, die auf den eigenen Rachen gerichtet sind, die dieses subtile Gefühl auslösen. Möglich.

Dem Einheizer folgt der eigentliche Witzemacher, der weniger Witze und einen nervösen Eindruck macht. Er begrüßt die Menge herzlich und euphorisch und verschwindet erneut von der Bühne, um die Menge zu begrüßen – in dem er in eine der Riesenkameras spricht. Wie ein eifersüchtiger Ehepartner fühlt man sich verletzt. „Ach, auf einmal bin ich nicht mehr gut genug für dich. Hast nur noch Augen für die andere.“ Und doch lächelt man weiter. Es könnte ja eine Kamera auf einen gerichtet sein. Allzeit b(e)reites Grinsen, auch wenn man sich fühlt, als würde man ein fremdes Gespräch belauschen. Ein Gespräch, das jemand vorher ausformuliert hat und nun vorgelesen wird. Unter der in die Zuhörer gerichteten Kamera laufen die Witze wie Aktienkurse über den Teleprompter. Schnellleser erkennt man an einem leicht zeitversetzten Lachen. Und daran, dass sie beim nächsten Mal in die letzte Reihe verbannt werden.

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Doch kaum hat das Vorlesen begonnen, ist es eigentlich auch schon wieder vorbei. Oder auch nicht. Denn: Man stelle sich erneut vor, jemand erzählt eine humoristische Anekdote. Alle lachen über Boris und seine Busse. Doch dann sagt jemand „der Witz war ein bisschen zu lang, kannst du den bitte genauso, aber circa zwanzig Sekunden kürzer erzählen?“ Der Witz wird erneut erzählt, alle lachen und klatschen erneut. Leicht irritiert, aber total authentisch. Wie wenn Oma den einen Witz erzählt, den sie bei jeder Familienfeier zum Besten gibt.

Der Witzbold kündigt schließlich die nächste Sendung im Programm an und verbeugt sich. Musik und ein letztes klatschendes Aufbäumen setzen ein. Dann ist die Show vorbei. Vergeblich wartet man auf den Beginn der angekündigten Nachrichtensendung. Stattdessen wird man des Raumes verwiesen. Eilig begibt man sich auf dem Heimweg. Die Sendung wird schließlich bald ausgestrahlt und man möchte sich gerne beim Klatschen beobachten. Und die Witze ein drittes Mal hören. Ob das Lachen zu dem Witz gehört ist dabei so nebensächlich, wie die Frage, ob Boris Johnson wirklich Busse aus Weinkisten baut.

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Wat mud, dat mudder.

Tough Mudder Mudder Island Hinternislauf Schlamm Matsch

Das Leben steckt voller Hindernissen und Hürden, die wir versuchen zu meistern. Manche umgehen wir weiträumig, andere versuchen wir mutig und tatkräftig zu überwinden. Bei den wenigsten Herausforderungen im Leben müssen wir jedoch befürchten, in einer mit Eiswürfel angereicherten Güllegrube zu landen und anschließend von Elektroschocks und Feuerwehrschläuchen malträtiert zu werden.

Bei manchen Herausforderungen allerdings schon.

Was mit einem „Ohje, ich bin in eine Pfütze getreten“ beginnt und in der kompletten Verspachtelung des eigenen Körpers mit einer Fangopackung aus verschiedensten Matschstufen angereichert durch Kuhdung endet, nennt sich Tough Mudder. Klingt tough bescheuert. Ist es auch. Zumal man auch noch Geld dafür bezahlt. Der eigentliche Anfang ist das Unterschreiben einer Verzichtserklärung. Oder den Erwerb einer Waschmaschine. Man weiß es nicht. Zu genau möchte man die Gefahrenhinweise nicht durchlesen. Man lässt sich hingegen vor dem Start eine Nummer und bereits seine Teilnahmeurkunde in Form eines Trikots überreichen. Retrospektiv stellt man fest: dies wäre der richtige Moment gewesen, zurück zum Parkplatz zu gehen, in ein gemütliches Café zu fahren und ein Stück Sahnetorte zu essen.

Stattdessen rottet man sich in einer Gruppe gleichge/verkleideter Irrer zusammen und beginnt nun einen martialischen Hindernislauf, der positiv betrachtet in der Farbgebung an eine Schokosahnetorte erinnert. Geschmacklich nicht ganz. Auf einer Strecke von 8 km gilt es allerlei gegenständliche Gehässigkeiten zu überwinden, die an eine Mischung aus Schlussverkauf im Baumarkt und Afghanistankrieg erinnern. Man taucht in Eisbecken und Klärgruben. Man klettert über meterhohe Mauern, raue Seile und die Knochen anderer Teilnehmer. Man überwindet Ekel, Höhenangst und die nicht aufgearbeiteten Traumata aus dem Schulsport. Man robbt unter Elektrozäunen an Strandurlaubern vorbei und badet in Scheiße und dem Rest der eigenen Würde. Man schwingt sich an Tauen über einen Abgrund, an dessen anderen Ende ein trockener, auf einmal sehr steriler Bürojob wartet.

Tough Mudder Mudder Island Hinternislauf Schlamm Matsch
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Mudder-5
Tough Mudder Mudder Island Hinternislauf Schlamm Matsch

Dabei geht es um nichts. Rein gar nichts. Keine Medaillen, keine Bestzeiten, keine Siegerehrungen. Am Ziel wartet lediglich ein kühles Bier. Und die Erkenntnis, dass man doch mehr im Leben schafft als man sich zutraut. Wenn man es gemeinsam angeht. Mit einer helfenden Hand, die einen – mehr oder weniger anzüglich – am verschlammten Gesäß hinaufschiebt oder einem starken Arm, der einen von oben zieht, klettert man auch über den Gartenzaun eines Zyklopen. Die wahre menschliche Noblesse tritt ausgerechnet in der unmenschlichsten Gosse zu Tage.

Bleibt dennoch die Frage, warum man sich das alles für ein bisschen Bewusstseinserweiterung antut? Vielleicht, weil man weiß, dass das Gefühl, dass ein Bulldozer Einparkübungen auf den eigenen Knochen gemacht hat, ebenso wie der Dreck auch aus der hintersten Zahnreihe irgendwann wieder verschwindet und dass, was am Ende bleibt den Schmerz wert war: eine völlig verdreckte Teilnehmerurkunde. Denn nur den Muddigen gehört die Welt. 




Safety cards first.

Safety Card Sicherheitshinweise

„Meine Damen und Herren, Sie finden eine Sicherheitskarte mit allen Sicherheitshinweisen in der Sitztasche vor ihnen – sofern nicht ein absonderlicher Kleptomane unter abfallendem Luftdruck in seinem Kopf gelitten und die Karte in einem Akt der angegurteten Rebellion gegen das System entwendet hat.“

Dieser Irre bin ich. Ich klaue Karten mit Sicherheitshinweisen aus Flugzeugen. Jetzt ist es raus. Die Wahrheit. Und die Karte aus der Sitztasche vor mir. Ich entwende überlebenswichtige Informationsbroschüren aus stark überwachten Räumen und bringe Menschen willentlich in Not. Denn wer würde sich im Falle eines Sinkfluges nicht noch mal dringend abgucken wollen, wie man wirklich Ruhe bewahrt und mit einem Turban auf dem Kopf eine Sauerstoffmaske anlegt.

Safety Card Sicherheitshinweise

Doch klaue ich nicht aus purem Hass, sondern aus purer Liebe. Liebe zu meinem Bruder, der wiederum aus purer Irrsinnigkeit diese Karten sammelt. Und tauscht. Und einsortiert. Und archiviert. Und seine Ordner voller Safety Cards abends im Bett durchblättert und fasziniert über ihre Details sinniert. „Interessant, dieser leicht gelbstichtige Orange-Ton der Schwimmwesten. Den habe ich so noch nie gesehen.“ So stelle ich es mir zumindest vor. Mein glücklicher Bruder, der jederzeit den Notausgang findet. Und dessen Netz aus Handlagern inzwischen die ganze Welt umspannt.

Nennen wir ihn daher den Paten.

Berichtet man dem Paten von Urlaubsplänen, geht es nie um das eigentliche Ziel der Reise. „Mit was fliegst du?“ „Mit einem Flugzeug voller Safety Cards.“ Bahnreisen sind tabu. Am Tag der Tat wird der Kontrollanruf am Flughafen nur noch mit einem „Ich weiß, was zu tun ist.“ beantwortet. Und dann beginnt die Tat, deren Hergang einfach erscheint und die doch vorbereitet werden will. Neulinge in der Szene greifen noch am Flughafen zu einem bewährten Hilfsmittel und erwerben eine Zeitschrift, um die Beute später sicher in der neuesten Ausgabe der „KlauLust“ zu verstecken. Dank des Paten steigt in Zeiten der eReader und Tablets zumindest an Flughäfen wieder die Nachfrage nach Zeitungen. Denn Regel Nummer eins lautet: eine gefaltete Karte ist eine tote Karte.

Die Handlanger des Paten betreten schließlich den Tatort. Unter dem strengen Blick der Crew möchte der erste direkt vor der Stewardess in die Knie gehen und seine kriminellen Absichten beichten. „Helfen Sie mir auszusteigen!“ „Bitte boarden Sie zügig das Flugzeug, damit wir pünktlich starten können.“

Und so schleichen die Söldner des Paten zu ihrer Sitzreihe – die sich natürlich niemals an einem Notausgang befinden darf. Denn dort sind die Greifweg zu weit, das Versteck für die Beute „befindet sich in den Staufächern über Ihnen“ und man ist im direkten Visier der Fahnder mit den bunten Halstüchern. An seinem gewöhnlichen Sitzplatz angekommen, wird kurz das Opfer fixiert. Ist es da? Wie sieht es aus? „Gute Ware“ stellt man erleichtert fest. Der Pate wird zufrieden sein.

Safety Card Sicherheitshinweise

Während der Sicherheitseinweisung blättert man unbedacht in seiner Zeitschrift oder der Police seiner Rechtsschutzversicherung. Beim Hinweis auf die „Karte in der Sitztasche vor Ihnen“ flackert kurz das Augenlid, aber ansonsten bleibt man so kühl temperiert wie die Klimaregulierung des Flugsauriers. Und dann beginnt der Flug. Und mit ihm beginnt Regel Nummer zwei zu greifen: erst wenn wir uns in den Sinkflug begeben, solltest du die Karte entnehmen. Der Moment ist nach dem letzten Kontrollgang gekommen. Geschmeidig wie das Verlassen der Flughöhe, wird mit einer geschulten, fließenden Handbewegung die Karte aus ihrem Fach entnommen, kurz interessiert studiert und in ein bereitliegendes Printprodukt oder Gepäckstück der Wahl verstaut. Kurz wartet man ab, ob der erschütterte Sitznachbar den Rufknopf für das Bordpersonal drückt und laut „Dieb! Dieb! Dieb!“ ruft. Doch nur in seltenen Fällen eskaliert die Situation. In der Regel bleibt es ruhig und niemand wird mit Schwimmweste, Sitzgurt und Sauerstoffmaske dingfest gemacht.

Unmittelbar nach der Landung wird dem Paten berichtet „Melde: der Papeirflieger ist gelandet. Over.“ Ein Beweisfoto liegt bei. Was wiederum mit einer Nachricht beantwortet wird „Der Pate hat dich in seiner Story erwähnt.“ Die beste Tarnung ist schließlich keine Tarnung. Und so beginnt der Handel mit der Hehlerware, die noch nicht einmal kalt ist, bereits im Darknet des Safety Cardells: auf Instagram. Dort werden die Karten, sofern sich das Exemplar noch nicht im Fundus des Paten befindet, zum Tausch angeboten. Auf der ganzen Welt. Gleichzeitig wird so der Druck auf eine zeitnahe Übergabe der Ware erhöht. Und so besteigt irgendwann eine Safety Card erneut ein Flugzeug, aber nicht das für sie vorgesehene Flugzeug – und sie fliegt in einem braunen Briefumschlag erneut um die Welt. Irgendwann landet sie in den Händen eines mexikanischen oder japanischen Safety Cardell-Patens, der vermutlich 15 Jahre alt ist und Karten tauscht, um seine Mathehausaufgaben nicht machen zu müssen.

Safety Card Sicherheitshinweise

Doch warum breche ich nicht einfach aus, aus diesem perfiden System? Und schlimmer noch, warum stifte ich andere dazu, an Teil der Machenschaften dieses Familienclans zu werden? Ich bin mittlerweile zu einer Art Zwischenhändler mit Frequent Beschaffeller Status aufgestiegen und habe Freunde und Fremde in den Untergrund gezogen. Sogar Menschen, die weder mich noch den Paten kennen, die ein geregeltes Leben lebten und sich nichts haben zu Schulden kommen lassen, drücken mir auf einmal ihr Diebesgut in die Hand. Nicht ohne einen gewissen Stolz in der Stimme berichten sie mir von ihren Raubzügen.

Safety Card Sicherheitshinweise

Doch was macht den Reiz aus? Warum verfällt man ihm, dem Paten und seinem Geschäft, so leicht? Der Akt etwas zu entwenden, auf dem explizit vermerkt steht, dass es nicht entwendet werden darf, dies ausgerechnet in einem engen, überwachten Ambiente, dass an den Besucherbereich einer Strafvollzugsanstalt erinnert und zu wissen, dass einem außer einer mittelschweren Blamage nicht wirklich etwas passieren kann, zumal die Absichten hinter der Tat völlig banal und sinnlos sind, wie das Herumfingern mit einer Noppenfolie – dies alles wirkt auf die meisten recht-schaffenden Menschen irgendwie drollig erotisierend. Eine winzig kleine, irrationale Tat der Rebellion in einem ansonsten von Reiserücktrittsversicherungen flauschig eingepackten Leben. Man träumt davon, wie irgendwo in einer tiefen Kammer bei Interpol Fluggastdaten und Diebstahlmeldungen in einer Datenbank analysiert, Querverbindungen zwischen all den Kondensstreifen gesucht werden und schließlich der eigene Name auf eine Beobachtungsliste gepackt wird. Und doch klaut man mutig weiter. Für den Paten. Außer bei Ryanair. Da müsste man die Sitze entwenden, und das wäre nun wirklich nicht mehr durch die Rechtsschutzversicherung abgedeckt.

Safety Card Sicherheitshinweise

Bleibt die Frage: Was nimmt der Pate ins Visier, wenn er alle Flugmodelle multipliziert mit der Anzahl aller Airlines auf dieser Welt bestohlen hat? Vermutlich fängt er dann an als neuen Ausdruck seines rebellischen Wesens Kotztüten zu klaufen – nur um sie in Fernzügen der Deutschen Bahn zu verteilen.