Im Visier.

Diese armen Menschen. Sie müssen verloren sein in dieser Welt. Allein gelassen mit einer Sonderbegabung, die kaum einer wahrnimmt oder gar wertschätzt. Sie sind alleingelassen mit einer Besonderheit, einer Mischung aus Zwangsstörung und Sehbehinderung, die sie die Welt gänzlich anders wahrnehmen lässt als ihre ordinären Mitmenschen, denen sie gerne einen farbenfrohen Teint, einen hübschen Bilderrahmen und Katzenschnurrbarthaare zuführen.
Die Rede ist von Menschen mit einem fotografischen Zellgedächtnis.
Auslöser für diese querformatige Form der Alltagsbeeinträchtigung ist ein Auslöser. Also das Auslösen. Das Auslösen der Handykamera. Es dient der Befriedigung des Zwanges, alles zu foto- oder videodokumentieren und zur Erlösung von der Ödnis einen Moment erleben zu müssen, in dem man sich gerade mit seiner vor dem Gesicht angesiedelt Suchthilfe befindet. Das will ja auch keiner erleben, dass einem die ganze Zeit etwas die Sicht behindert. Da lenkt man sich lieber mit etwas ab, was einem die Sicht behindert. Äh ja.
Menschen mit dieser ausgeprägten Vorliebe für den fotografischen Irrealismus sind zahlreich. Sie sind nicht nur an einem Brett aus Metall und Glas vor dem Kopf zu erkennen. Man identifiziert sie leicht dank ihres befremdlichen Verhaltens. Sie tanzen nicht auf Konzerten. Sie kennen als einziger im Stadion nicht den Spielstand. Sie klatschen keinen Beifall. Sie stehen, wenn alle anderen sitzen. Man hat den Eindruck, sie kriegen im Allgemeinen wenig von ihrer Umwelt mit. Das ist der traurige Nebeneffekt dieser Sonderbegabung.
Das Schöne daran ist jedoch, dass man sich mit dieser psychologischen Eigenschaft an nichts, rein gar nichts mehr erinnern muss. Sehfähigkeit und Hirnleistung werden komplett outgesourct. Alles ist dokumentiert. Der unzähligste Besuch auf einem Weihnachtsmarkt. Die gesamte Playlist eines Konzertes. Das Schreiben eines 129. Blogbeitrags. Das Bild im Museum. Jeder Tag eines jeden Urlaubes. So muss man nicht mehr wissen müssen, wann man wo jemals gewesen ist. Das fotografische Zellgedächtnis weiß es. Ebenso weiß es, wie das Konzert war. Welche Chance der Mittelstürmer in der letzten Minute vergeben hat. Welche Fische im Meer schwammen. Es weiß lediglich nicht, wie die Wassertemperatur war.






Als Mensch ohne Sonderbegabung kratzt man sich regelmäßig – mit zwei freien Händen – am Kopf und denkt sich „bei denen klickts wohl“. Aber am Ende bleibt die Frage: Wenn man selber Fotos von Menschen macht, die Fotos machen, inwiefern unterscheidet man sich dann noch von Menschen, die Fotos machen? Oder ist man nur, wie bei einer dieser russischen Matrojschka Puppen, eine weitere Bilderschicht, die noch weiter weg vom eigentlichen Herzstück entfernt ist? Der Kern des Lebens trägt jedenfalls eher selten Katzenöhrchen, Schnurrbarthaare und einen Bilderrahmen um sich herum.