Keine Hose, kein Problem.

Die Sonne scheint durch das Fenster. Die eigene Müdigkeit wird angestrahlt und ausgeknipst. Diffus versucht man sich an seine letzten Träume zu erinnern, während man in einem sonderbaren Tagtraum erwacht.
Es ist Zeit aufzustehen und zur Arbeit zu gehen.
Der Arbeitsweg beginnt mit leichter Verspätung an der menschenleeren Bettkante. Man schnappt sich noch schnell seine Zahnbürste, steckt sie sich in den Mund und macht sich auf den Weg. Zur Arbeit. In ausgefranster Unterhose. Unterwegs liest man auf dem Handy – die Uhrzeit. Und lauscht ein wenig der Musik – des zweiten Handyweckers.
So kräftezehrend und lange wie ewige Pendelstrecke ist, so lange braucht der eigene Computer um hochzufahren. Doch in der Zwischenzeit macht man sich erst einmal einen Kaffee. Das dreckige Geschirr stapelt sich schon wieder in der Kaffeeküche. Schlimm, diese rücksichtslosen, nur an sich denkenden Bürobewohner. Immerhin ist keiner dieses Gesindes in Sichtweite und möchte sich über die Rücksichtlosigkeit der anderen unterhalten, während er insgeheim an sich denkt.
Irgendwie merkt man früh an diesem Arbeitstag, dass man die Arbeitskollegen in letzter Zeit nicht mehr gut riechen kann.
Und so setzt man sich ungeduscht auf seinen Arbeitsplatz und gähnt genüsslich. Ein leiser Furz entfährt, der niemanden zu interessieren scheint. Noch eine Stunde bis zum ersten Termin. Der richtige Zeitpunkt, um sich seiner ersten Aufgabe, dem besonders komplexen Projekt mit den vielen Bausteinen und schwierigen Lösungswegen zu widmen. Mit noch frischem, morgendlichen Geist setzt man sich an die herausfordernde Aufgabe: das 1000-Teile-Puzzle. Der Projektleiter ruft zwischendurch an und fragt nach dem allgemeinen Vorankommen. Bestens, man habe soeben eine schier unlösbar erscheinende Phase des Projektes gemeistert. Die Lösung war irgendwie unter den Teppich gekehrt worden (das Puzzle-Teil mit der rechten Turmspitze des Schloss Neuschwansteins).
Man zieht sich noch schnell sein zerlöchertes T-Shirt mit der Aufschrift „ABI 2,003 ‰ – Meist dichter als Denker“ an und schlurft ins erste Meeting des Tages. Allmählich trudeln die ersten Kollegen ein. Wie ein gut gelaunter DJ fragen sie zur Begrüßung „Könnt ihr mich hören?“. Die Masse schweigt. Keiner scheint zu tanzen. Von irgendwoher dröhnen Geräusche eines Rasenmähers in den Meetingraum. Jemand isst eine Tüte Chips. Man beschließt die Zeit zu nutzen, um sich lustige Tiervideos anzuschauen und blickt nur kurz auf, als der Referent plötzlich verschwunden ist. Mitten in seinem Satz hat er den Raum verlassen. Doch niemand scheint sich darüber zu wundern. Der Kollege mit der besonders ausgewogenen Ernährung steht auf und holt sich etwas zu trinken. Das Ploppen einer geöffneten Bierflasche hallt durch den Raum. Der Redner kehrt so unvermittelt zurück wie er gegangen ist und fragt nur „Ab wann war ich weg?“. Ganz so, als sei er kurz eingenickt. Ein Kollege bewegt seine Lippen, als würde er auf die Frage antworten. Doch es kommt kein Geräusch aus seiner Kehle. Wie ein Fisch bewegt er seinen Mund, doch niemand schaut hin. Mitten in die Präsentation hinein platzt es plötzlich aus ihm heraus „Mist, ich war stumm“. Auch auf diese Feststellung folgt nur stille Zustimmung. Am Ende des Termins rufen alle ein ohrenbetäubend lautes „BIS BA“ und verlassen gleichzeitig und fluchtartig den Raum.

In der Mittagspause hängt man kurz die Wäsche auf und rollt sich an seinem Arbeitsplatz nur für ein kurzes Nickerchen zusammen. Die Kantine möchte man eigentlich meiden seit der „Schweinebraten mit Knödeln und Rotkohl“ einer Suppenschüssel voll Cornflakes gewichen und der Service quasi nicht mehr existent ist. Aber die Portionen stimmen immerhin noch.
Nach dem Mittag widmet man sich dem e-Learning für Führungskräfte zum Thema Feedbackkultur („Super Mario“) und freut sich wie ein Moorhuhn über erste Erfolge. Doch dann ruft Mutter an und reißt einen aus der produktiven Konzentrationsphase. Man wimmelt sie ab nach einer Stunde und eilt in den nächsten Termin. Der Chef begrüßt die Runde mit einem „Sei endlich still“. Sein Hund ist auch dabei und wedelt fröhlich mit dem Schwanz. Alle anderen sind stumm. Leicht rot anlaufend ruft er „Kann mal jemand den Hund hier wegnehmen?“. Keiner steht auf. Seine Frau huscht schließlich kurz herein und zerrt den Hund ohne ein Wort des Grußes aus dem Besprechungsraum. Die Kinder des Abteilungsleiters nutzen die Gunst der Stunde und laufen ebenfalls kurz in den Raum, um ihr gemaltes Meetingprotokoll in die Runde zu zeigen. Nach einem kurzen Handgemenge ist es plötzlich sehr still. Der Chef bewegt sich nicht mehr. Er ist eingefroren, obwohl man selber nur (also ausschließlich) ein T-Shirt trägt und es als recht warm im Raum empfindet. Als kurze Zeit später eine E-mail des Chefs folgt („Rudi hat auf den WLAN-Router gepinkelt. Bitte Termin verschieben.“) und man sich wundert, wie er diese ohne jede Regung verfassen konnte, löst sich die Runde auf. Der Chef bleibt bewegungslos zurück.
Eilig geht man zurück an den Arbeitsplatz. Man muss schließlich noch einiges schaffen heute. Unter anderem Staffel 2, Folge 4 bis 9. Und für die Steuerabteilung wollte man auch noch etwas fertig machen. Da man ein besonderer Verfechter von Teamarbeit ist, bittet man den lieblichen Silvaner Riesling um Mithilfe. Und prompt geht die Arbeit viel flüssiger von der Hand.
Doch dann ist es endlich 13:45. Feierabend für heute. Zeit, sich endlich den schönen Dingen des Lebens zu zuwenden. Wie dem Brett-vor-dem-Kopf-Spiel „Mensch, ärger dich nicht über Vorurteile“. Oder dem 1000-teiligen Puzzle „Dein Email-Postfach“.