Schubladen voll Generationen.

Silvester Frohes Neues Dinner for One 2020 Corona

1986 ist ein guter Jahrgang. Ein ganz feiner Tropfen. Nicht zuletzt dank leichter Spuren radioaktiver Durchseuchung strahlt dieser Jahrgang vor Optimismus und Brillianz. Gereift in einer Zeit des Überflusses, leichten Übergewichts und Überangebots an Videospielen und Spielkameraden bewegt er sich mit souveräner Selbstzweifelei und orientierungsloser Zielstrebigkeit durch dieses krisenerschütterte Paradies unseres modernen Lebens. Er tanzt auf den Trümmern gefallener Mauer und eingestürzter Hochhäuser. Reist durch wirkliche und virtuelle Welten gleichermaßen souverän. Und besucht Oma in Pinneberg an ihrem Geburtstag. Er hat Muffins mitgebracht, Oma hat Frankfurter Kranz gebacken. Oder so. War das doch das mit der Generation Y.

Ach, was Y-s ich denn.

Quälte man sich in der Schule noch mit dem Auswendiglernen irgendwelcher Epochen und ihrer epochalen Datumsgrenzen und Folklore, so befasst man sich heute anscheinend nur noch mit Mini-Ären: die Rede ist nicht von ganz, ganz kleinen Millionären sondern von Generationen. Sehr viel Gerede. Jedes X-beliebige Verhalten wird von B wie Baby Boomer bis Z wie Smartphone versucht, irgendeiner Alterskohorte zuzuschieben. Und mit jeder Eigenschaft schiebt sie sich weiter zu, die Schublade, in der wir alle stecken. Die eine Generation will nur, dass alles so bleibt wie es ist, die andere das WLAN-Passwort. Die nächste sucht den Sinn, die andere den Schlüssel zu ihrem inzwischen in die Jahre gekommenen Golf. Die eine raucht Gras seit exakt 52 Jahren, die andere pflegt den Rasen vor der verklinkerten Doppelhaushälfte. Die eine lebt mit einem Gartenzwerg in ihrer Schublade, die andere mit Online-Konzern-Riesen. Was sie in ihrer Schublade vereint, sind prägende Ereignisse, die ihr Leben in Bahnen lenkten, und statistische Ergebnisse, die ihr Leben beschreiben und in eine Schublade stopfen lässt. Kniefall, Mauerfall, Atomunfall. Irgendetwas passiert in einer Phase, in der wir schon denken und handeln, aber noch nicht immer gleich denken und handeln. Es hinterlässt einen gemeinsamen Fußabdruck im Gedächtnis einer Generation und bestimmt ihren weiteren Weg. Der eigene Weg ist individuell und doch sind die auf ihm gesetzten Wegweiser kollektiv.

So der Gedanke, der seit Generationen weitergeben wird. Ein Gedanke, der zu unserem immer wieder putzigen Bestreben passt,  diese bunte, widersprüchliche, verdammt anstrengende Welt irgendwie zu begreifen und zu ordnen. Das Leben ist nun mal eines der härtesten. Da hilft man sich gerne dabei, indem man Oma und Enkel in sauber beschriftete und beschriebene Fächer stopft – um ohne viel Aufwand zu verstehen, warum Oma jedes Mal diese fettige, aufwändige Buttertorte backt, die wie Zement im Magen liegt, und warum das Enkelkind jedes Mal diese grotesken, in Papiertütchen steckenden Zementkugeln aus Schokolade mitbringt und das für einen Ausdruck von Wertschätzung hält. Doch was sagt unser Geburtstagsjahr am Ende wirklich über uns aus? Zementiert das Denken in Generationen am Ende nicht die Klischees, derer wir uns so gerne bedienen, wie die Generation X Statussymbole anhäuft und Generation Z Sprachnachrichten verschickt? Entstehen durch das Denken in Generationen nicht tiefe Gräben, über die wir dann wieder mühsam Brücken bauen? Die Baby Boomer haben den Klimawandel verpennt, aber wir schlafen einmal drüber und verzeihen ihnen großherzig, während wir im Flieger nach Bali dösen. Die Generation Z ist eben immer online, aber warum antworten sie nicht direkt auf meine Nachricht, obwohl ich die blauen Häckchen doch sehe, verdammt! Wer gewinnt damals und morgen bei diesem Alt gegen Jung? Bei diesem Schubladenkampf, bei dem am Ende nur alle einen an der Schachtel haben?

Jedem, der den Schellenaffen regelmäßig – bis ganz unten – liest, dürfte mindestens ein Babyboomer bekannt sein, der die sozialen Medien mehr liebt als die sozial konforme Balkonbepflanzung. Jeder, der den Schellenaffen regelmäßig – bis ganz unten – liest, dürfte mindestens eine kommunikative, mitteilsame, offene, interessierte Person der „Generation Silent“ kennen. Jeder, den Schellenaffen regelmäßig – bis ganz unten – liest, kennt mindestens einen Ypsiloner, der nicht bei Amazon angemeldet ist und trotzdem abends einschlafen kann. Und der morgens wieder aufwacht, in seiner zugigen, klapprigen Schublade, und davon träumt,  in eine Kiste der Socken-Hasser, Bier-Kenner, Wäscheklammern-Verweigerer und Dackel-Liebhaber gesteckt zu werden. In diesem Verhalten irgendein Muster zu erkennen sei dann wohl den zukünftigen Generationen überlassen. Den Generationen Ä, Ö und Ü.




Nur Augen für dich.

Organspendeausweis Organspende

Wenn man so drüber nachdenkt, ist es wirklich ein Wunder. Da bewegt sich ein Muskel ein ganzes Leben lang ohne unser Zutun. Wir können noch so viel anspannen, die Luft anhalten, trainieren, Proteinshakes trinken oder darüber sinnieren, der Muskel verrichtet seine Arbeit von ganz alleine. Wir können ihn ein bisschen aus dem eingespielten Takt bringen, indem wir uns anstrengen oder ruhiger atmen. Aber bald findet der Muskel wieder seinen eigenen Arbeitsrhythmus. Und arbeitet vor sich hin. Bis er irgendwann nicht mehr kann. Irgendwann ist er müde von der vielen Arbeit. Erschöpft von seinem arbeitsreichen Leben.

Irgendwann stirbt unser Herz. Und wir mit ihm.

Wie ein Handy ohne Akku, sind wir ohne unser Herz ziemlich nutzlos. Keinen Schritt können wir gehen, keinen Atemzug mehr nehmen. Ein Glück, ein Wunder, dass wir uns gegenseitig haben. Doch das größere Wunder ist eigentlich, dass unser Herz nicht wirklich stirbt, wenn wir sterben. Dass es uns nicht wirklich braucht. Unser Herz kann auch in einer anderen Brust weiterarbeiten, weiterschlagen, weiterleben. Es ist quasi der Akku, der herstellerunabhängig funktioniert. Der Arbeitskollege, der bei allen Anschluss findet.

Doch bekommt dieses Wunderwesen nur sehr selten die Chance, sich ein zweites Mal, ein zweites Leben lang zu beweisen. Seinen Dienst jemand anderem anzubieten, in der Hoffnung, dass die beiden schon miteinander klar kommen werden. In Deutschland bekam 2019 344-mal ein Herz die Chance, die Verantwortung, für ein zweites Leben zu leben (Quelle: https://www.dso.de/organspende/statistiken-berichte/organspende).

Ob das viel oder wenig, gut oder schlecht, besser als nichts oder mehr als genug, immerhin etwas oder ein Fortschritt ist, sei dahin gestellt. Jeder hat seine persönlichen Gedanken und Körperreaktionen bei der Vorstellung, dass man „ausgeweidet“ wird, dass man am Ende jemandem noch mal einen ziemlich großen Gefallen tun kann oder dass man im Himmel dann plötzlich ohne Herz erwachen könnte. Die Frage, ob man selbst möchte, dass das eigene Herz, die strapazierte Leber, die strahlenden Augen länger leben sollen als man selbst, ist eine der persönlichsten Fragen, die man mit sich ausmachen kann. Nein, muss. Denn wenn ich mir darüber keine Gedanken mache, müssen es irgendwann Menschen für mich machen, Menschen, die mich ein Leben lang geliebt haben und es noch immer tun. In einem Moment größter Erschütterung, Trauer, Überforderung müssen sie die Fragen beantworten: Hätte sie/er das gewollt? Um diesen grauenvollen Konjunktiv aus diesen Sätzen zu nehmen, gibt es in unserem wunderbaren Land, das Kehrwochen und Nacktheit im Straßenverkehr (also im echten) reguliert, ein einfaches Mittel. Ein Stück Pappe im Portmonee, auf dem man „nein/ja/bitte nicht die Augen/die Leber hat Gebrauchsspuren“ ankreuzen kann. Und die Frage ist geklärt. Eindeutig.

Organspendeausweis Organspende

Dieses Ja-Nein tragen 39% unserer Bevölkerung mit sich herum (Quelle: https://www.organspende-info.de/zahlen-und-fakten/einstellungen-und-wissen.html). Der Rest trägt ein großes Fragezeichen auf seinen Schultern und Organen. Warum? Das Thema hat mit unserem Ende zu tun. Mit dem Sterben und unserer Endlichkeit. Über den Tod denkt man nun wirklich nicht gerne nach. Dieses kleine Detail ignoriert man gerne, als sei es nur ein gruseliges Gerücht, diese ganze Sache mit dem Sterben und so.

Dabei geht es beim Thema Organspende eigentlich genau um das Gegenteil vom Sterben: dem Tod ein Leben geben. Weiterleben ermöglichen. Weiterleben für einen Menschen, der geliebt wird, der Leben möchte und mit viel Glück weiterleben könnte. Dieser geliebte Mensch kann irgendwann der eigene Lieblingsmensch sein. Würde man da nicht verrückt werden, wenn man wüsste, dass viele Menschen vielleicht nichts gegen die Spende eines rettenden Organs gehabt hätten, aber einfach mit einem leeren Portmonee, mit einem Fragezeichen über dem Kopf gestorben sind?

Es stand zur Debatte, ob jeder automatisch ein „Ja“ bekommen soll, es sei denn, er widerspricht aktiv, um alle dazu zu bewegen, ihre Bedenken und Sorgen aktiv zu äußern anstatt die Unentschlossenheit und Bequemlichkeit sprechen zu lassen. Es kam anders (Widerspruchsregelung im Bundestag abgelehnt). Was bedeutet: solange man ihn noch bewegen kann, sollte man einfach seinen Hintern hoch kriegen und diesen Zettel ausfüllen, der deutlich einfacher zu „organ-isieren“ ist als die Erstattung eines Bahntickets. Das eigene Herz schlägt dabei vielleicht etwas schneller, aber beruhigt sich dann auch schnell wieder. Versprochen.

(Hier kann der Organspendeausweis beantragt oder selbst direkt ausgedruckt werden – am besten an die Lieblingsmenschen direkt weiterleiten: https://www.bzga.de/infomaterialien/organspende/ )




Auf einmal.

Marmeladenbrot Intervallfasten Trendthemen Brot Marmelade

Auf einmal reden alle davon. Nicht von dem einen, von dem jeder redet und über das eigentlich schon seit Monaten niemand mehr sprechen möchte, es aber dennoch tut, weil man über nichts anderes mehr redet. Nein, die Rede ist von den anderen Dingen, über die auf einmal jeder redet, wenn es einmal nicht um das eine geht. Zum Beispiel redet man über das Intervallfasten. Geredet darüber wird derzeit viel. Machen tut es vermutlich kaum jemand. Außer darüber eben darüber reden, dass man im Grunde gesagt, einfach nicht mehr frühstückt. Das macht man. Auf einmal. Anstatt auf Kohlenhydrate, Proteine, Basilikum, Diäten – oder was auch immer der vorherige, garantierte Abnehmtipp war – zu verzichten, verzichtet man auf Marmeladenbrote. Und verzichtet nicht darauf, jedem davon zu erzählen. In immer wiederkehrenden Intervallen. Mit unterschiedlichen Menschen. Zu unterschiedlichen Zeiten. Nur nicht zum Frühstück redet man darüber, denn das isst man ja nicht mehr.

Oder man redet über ETFs. Anstatt über Riester-Renten („Ha, guter, alter Witz“) oder Eigentumswohnung („Pah, die Immobilienblase..“) redet man über ETFs. Ohne zu wissen, was es eigentlich ist, dies etfwas. Aber da jeder davon redet, muss es der Hit sein. So wie damals die Hitcoins, äh Bitcoins. Die verstand zwar niemand (war ja auch sehr kryptisch), aber die wollte auch jeder haben, bis er sie hatte und nicht wusste, was er damit machen sollte. Jedenfalls, ETFs muss man einfach haben, jetzt. Ansonsten droht Altersarmut, jetzt, zumal man viel Geld in Kryptowährungen gesteckt hat und nicht weiß, ob das Geld noch da ist. Am liebsten würde man seine Bitcoins in ETFs investieren, aber das kann man nicht. Genauso wenig, wie man auf Marmeladenbrote verzichten kann. Aber darüber redet man besser nicht. Jetzt.

Stattdessen macht man einen Baristakurs. Wegen die Umwelt und so. Denn man hat genug von der Nespressomaschine, mit der man jahrelang Geld aufgebrüht hat. What else. Das ist nicht gut für die Umwelt des eigenen Portmonees. Bei aller Durchlässigkeit erinnert man sich dann noch daran, dass Filterkaffee auch dann noch nicht schmeckt, wenn ihn der volltätowierte, bärtige Webdesigner vierundzwanzig Stunden durch einen Filter tropfen lässt und dann für vierundzwanzig Euro kalt verkauft. Pro Schluck. Und so redet man warmherzig nun über Siebträger. Denn der Siebträger im eigenen Kopf ist so vergesslich, dass er vergessen hat, wie man Kaffee kocht. Dabei weiß das doch eigentlich jeder Praktikant. Aber jetzt nicht mehr. Denn mit Wasserdruck umgehen, will gelernt sein. Mit dem Kurszertifitakt kriegt man in diesen schwierigen Zeiten wenigstens noch einen Praktikumsplatz, wenn alle Siebe reißen. Wobei wir auch beim Thema wären: nichts wird so heiß getrunken, wie es warm geredet wird.

Ach warm, diese Hitze! Unerträglich. Darum reden wir darüber jeden Sommer. Erneut. Wie warm es ist und dass die Sonne scheint. Auf einmal. Wir reden über diese ganze heiße Luft. Auch dann noch, wenn wir wieder frühstücken, in MFGs investieren und Tee trinken. Und darüber reden. Als sei es etwas Besonderes. Auf einmal. Aber auf einmal heißt eben: einmal. Und dann nie wieder. Alles irgendwie ein bisschen Marmelade.




Chefsache.

Cheftasse Chefsache Ficken Sie sich Emaillebecher Tasse Becher

Fast jeder kennt ihn. Diesen einen Menschen in seinem Leben, der bestimmt, wann man morgens aufsteht. Wie lange man in Urlaub fährt. Wie viel Geld man ausgibt. Wie oft man seine Freunde sieht. Wie gestresst man im Alltag ist. Dieser eine Mensch, der bestimmt, wie glücklich man im Leben ist. Dieser Chef des eigenen Lebens ist häufig weder der Mensch, der einen morgens im Spiegel durch öffnungsgesperrte Augen anschaut oder der beim Zähneputzen am Hosenbein zupft und auf den Arm genommen werden möchte – dieser Chef ist der Chef auf der Arbeit.

Zumindest gefühlt – denn kaum eine Person beeinflusst so viele Eckpunkte unseres Lebens. Ohne sich mitunter überhaupt bewusst zu sein, dass er oder sie mehr Einfluss als ein Ehepartner haben kann. Doch viel wesentlicher als der Rahmen, den uns unser  Vorgesetzter setzt, ist der Einfluss auf die „Farbenfreude“, die wir auf dieser in den Rahmen gespannten Leinwand zeichnen. Kaum jemand bestimmt so sehr, wie zufrieden wir an unserem Arbeitsplatz sind, der eben einen wesentlichen Teil des Platzes in unserem Leben einnimmt. Wie wohl, wertgeschätzt, gefordert und gefördert wir uns fühlen. Oder eben wie unwohl.

Hört man sich um, kann jeder dieses eine Lied singen. Diese gedankenschwere, manchmal erschöpfte, manchmal stinkwütende Melodie davon, wenn man sich von seinem Chef schlecht behandelt fühlt. Wenn Projekte im Chaos versinken. Wenn Arbeitszeiten sich ausdehnen wie Hosenbunde im Home Office. Wenn man vergeblich auf Anerkennung wartet. Wenn man Emails bekommt statt Antworten. Wenn man das Netto jeden Monats anschaut und sich fragt, was unterm Strich eigentlich übrig bleibt: Schmerzensgeld oder Entlohnung? Lohn oder Hohn? Studien belegen: die meisten kündigen nicht ihren Aufgaben, ihren Gehältern, ihren Kollegen, ihrem Kantinenfraß oder einem anonymen Arbeitgeber.

Die meisten Menschen kündigen ihrem Chef.

Personalwechsel ist teuer und mühselig. Wie kann man die Ursache für solche Verschwendung von Geld, Zeit und Leben unbemerkt geschehen lassen? Sollte man da nicht eine Art „Führerschein“ für Führungskräfte (ok, schwierige Wortwahl) ins Leben rufen, um Mindestansprüche an dem Umgang mit Menschen sicherzustellen? Wie kann diese geballte Inkompetenz existieren, die mehr als nur Einzelmeinungen verweichlichter Arbeitsverweigerer sind? So unterschiedlich die Gründe für den Frust am Chef auch sein mögen, ein Muster (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) lässt sich nicht von der Hand weisen. Ein Muster aus Krustenbildung und Wundenlecken.

Stellt man die Frage, wer in der Regel befördert wird, rufen vermutlich nur diejenigen „der Beste!!!“, die selber soeben befördert wurden. Das Gros wird eher so etwas sagen „derjenige, der sich als der Beste verkaufen kann“. Was nicht das Gleiche ist. Sich manchmal sogar widerspricht. Denn der eine ist der Beste im Lösen einer Aufgabe, der andere der Beste im an sich Reißen, Aufblasen, Ansabbern, Umverteilen, Ablagern und langsamen Verwesen einer Aufgabe. Der eine kann. Der andere will. Der eine denkt an Inhalte, der andere an Machterhalte. Zu oft kommt man mit Empathie und Fachkenntnissen weniger oder langsamer voran als mit Rhetorik und Machthunger. Und so bildet sich eine feste Kruste, aus Menschen, die Menschen befördern, die sind wie sie selbst (siehe auch Frauen und die Macht.): laute, schnelle und machthungrige Verkäufer und Netzwerker, die die Kunst beherrschen, sich ihrem Gegenüber jederzeit anzupassen. Der Bewerber wird freundlich umworben, der Mitarbeiter freundlich darauf hingewiesen, den Scheiss jetzt einfach zu machen und dem eigenen Chef wird eine problemfreie Welt präsentiert. Bloß kein Bremser oder Bedenkenträger sein. Lieber das Maximum aus den immer saurer werdenden „Vollzeitäquivalenten“ pressen. Das Motto der Kruste: nach oben stets hui, nach unten stetig pfui. Gut beim Chef statt ein guter Chef.

Und unter der Kruste? Da rottet sich – gerade in Deutschland – häufig eine sich selbst bejammernde Herde an Unternehmensbewohnern zusammen, die gerne anonym bleibt und sich ihre Wunden leckt. So hart das eigene Urteil über die Zustände auch ist, so weich sind ihre Worte. So hoch die Erwartungen an den Chef sind („So schwer kann das ja nicht sein“), so klein ist der Wille, diese auch klar zu artikulieren. Das bringt ja eh nichts, außer vielleicht ein Kündigungsschreiben. Er gab Feedback, und war dann weg. Wenn man nichts sagt, dann macht man auch nichts falsch. Aber eben auch nichts besser. So lebt man in seiner Welt der „die da oben sind schuld“ und versucht niemandem im Weg zu stehen. Aus Angst davor, seinen Job zu verlieren, den man eh schon lange nicht mehr mag. Oder aus Angst vor der Anstrengung, sich überlegen zu müssen, was man eigentlich (sagen) möchte. Man leckt sich lieber seine Wunden, heimlich, am Kaffeeautomaten, bis zur Rente. Wund gejammert.

Und so bewegen wir uns einer Welt, in der die einen nichts hören und die anderen nichts sagen wollen. Miteinander. Zueinander. In der die einen damit durchkommen und die anderen sie durchkommen lassen. Jeder Paartherapeut hätte seine pure Freude an der Dysfunktionalität dieser Beziehung. Sie sicherte ihm die Rente und den teuren Sommerurlaub.

Kann man Menschen wirklich ändern? Vermutlich nicht. Kann man ändern, wie Menschen miteinander kommunizieren? Vermutlich ja. Doch Kommunikation lebt eben davon, dass jemand etwas sagt und jemand anderes etwas hört. Und das muss nicht gleich ein „Ficken Sie sich“ sein. Man könnte es zunächst mit dem Kindergarten Basiswissen beginnen: was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu. Oder willst du, dass die anderen über dich reden statt mit dir? Dass jemand deine Sandburg als seine ausgibt? Dass dir keiner beim Puzzeln hilft, auch wenn du nicht weiterkommst? Dass sich jemand beim Schaukeln vordrängelt? Ne, das wäre ja Kindergarten. Totaler Kindergarten.

Vieles ist Chefsache, aber nicht alles in diesem Kindergarten.




Es war einmal.

Geschichten Erzähler Bibel Buch

Ein uneheliches Kind kommt zur Welt. Manche halten den Jungen für Gottes Sohn. Andere glauben ihm nicht. Das ist bis heute so.

Diese Geschichte kann man so erzählen. Oder sie über 27 Bücher und zahlreiche Erzählungen hinweg mit Details ausschmücken. Sie anhand von Anekdoten und Erlebnissen beschreiben. Personen benennen, deren Lebensinhalt darin besteht, über die Narration zu wachen. Ehrentag ausrufen, um sich diese Geschichte immer wieder gegenseitig zu erzählen. Die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu Christi.

Geschichten Erzähler Bibel Buch

So oder so ähnlich vermögen es manche Menschen, ihren Urlaubsbericht, nächtlichen Traum oder Einkaufszettel ausschmückend vorzutragen. Sie nehmen den Zuhörer mit auf eine Reise. Eine Reise, die manchmal länger, farbenfroher und verwegener als das „echte“ Erlebnis erscheint. Die fantasievoller ist als jeder Traum. Die sinnlicher ist als jeder Obststand. Sie durchreisen ihre Reisen mehrfach. In ihren Erzählungen. In den Erinnerungen, die sie teilen. Und damit am Leben erhalten. Sie machen aus einer Mücke keinen Elefanten, aber mindestens einen grauen Schwarm, der sie mit dem Leben bedrohte. Sie kennen keine Ein-Wort-Sätze. Sie müssen keine Abenteuer erleben, um abenteuerlich zu erzählen. Sie berichten mit allen Sinnen, nicht mit Fakten. Sie sind Geschichtenerzähler. Und damit Meister einer Kunst.

Sie haben keine Zeit sich kurzzufassen, diese Erzähler des Lebens. 

Und doch sind sie nichts ohne ihre Zuhörer. Ohne ihre ganz persönliche Bühne, die sie in einem Wartezimmer, auf einem Bahnsteig oder in einem Telefonanruf aufbauen können. Sie sind verloren ohne ihr privates Publikum, das die meisten Fragen im Leben vielleicht mit „Gut, danke. Und selbst?“ beantwortet. Dem zu viele Details anmaßend, zu wenig Präzision ausschweifend erscheint. Zuhörer, die niemandem mit banalen Geschichten die Zeit stehlen möchten. Und wen es tatsächlich interessiert, was man im Urlaub gegessen hat, der kann ja nachfragen. Scholle. Gut, danke. Und selbst? Wer präzise fragt, kriegt präzise Antworten. Doch erzählen Antworten eine Geschichte? Zur Geschichte wird die Scholle erst, wenn man den Fluss, in dem sie lebte, den Fischer, der sie fing, den Koch, der sie zubereitete und den Genuss, den sie bereitet, hinzufügt. Wenn man der toten Begegnung Leben einhaucht. Durch den Atmen eines Erzählers. Wir schreiben alle unsere Geschichten, doch erzählen können sie/wir nur manche.

Und so gliedern wir uns ein bisschen auf mit jeder unserer Geschichten – in diejenigen, die sie beschreiben und diejenigen, die den Beschreibungen zuhören. In diejenigen, die Geschichten erzählen. Und diejenigen, die Fakten austauschen. In diejenigen, die auf dem Punkt leben, auf den die anderen nie kommen werden. So war es einmal. Und so wird es immer sein.