Wo warst du, als…

Wie viele Dinge begreift man erst, wenn sie eigentlich schon vorbei sind? Man sieht alte Fotos von sich und stellt fest, wie jung man damals aussah. Man spürt wie gerne man einen Menschen hat, wenn er nicht mehr da ist und man ihn vermisst. Man merkt wie schön ein Urlaub wirklich war, wenn man wieder zuhause ist und erkennt, wie glücklich man an diesem anderen Ort war. So sehr wir nach einem Leben voller Achtsamkeit im Hier und Jetzt streben, so sehr sind wir geprägt von unserer Einordnung im Dahinten und Damals. Der Blick vom Ende aus auf die Sachen definiert oft erst, wie wir sie wirklich wahrnehmen. Ob die Dinge eine Bedeutung bekommen oder ob sie verblassen, bis sie irgendwann verschwinden. Der Blick danach entscheidet darüber, ob Erlebnisse Teil unserer eigenen Geschichte werden.
Ähnlich scheint es mit dem zu sein, was wir „die Geschichte“ nennen. Diese unsere gemeinsame Geschichte entsteht erst durch die Wirkung, die ein Ereignis auf den weiteren Lauf der Dinge für uns alle hat. Sie entsteht durch diese Nacherzählung, Nachbetrachtung, Nachbewertung. Was ist es wert, in unserem kollektiven Gedächtnis gespeichert und damit wiedererzählt zu werden und was bleibt eine Fußnote. Meist stellen wir erst mit Abstand fest, wenn etwas „historisch“ ist, nachdem es kein „wie früher“ mehr gibt. Was sind diese Dinge, die den Lauf der Dinge beeinflussen? Zu erkennen sind sie an einer einfache Frage, die ihnen gestellt wird: wo warst du, als…?
Wo warst du, als Tschernobyl passierte? Wo warst du, als die Mauer fiel? Wo warst du, als das World Trade Center einstürzte? Wo warst du während des Sommermärchens? Dass wir diese Frage zumeist beantworten können, belegt die Bedeutung der Erlebnisse. Sie haben sich zusammen mit dem beklemmenden, beängstigenden, intensiven oder berauschenden Gefühl in unsere gemeinsame Erinnerung gebrannt. Sie wurden Geschichte. Geschichte entsteht oft über Generationen und Grenzen hinweg und doch bleibt sie persönlich und unterschiedlich in ihrer Einordnung. Ein damals vierzigjähriger Amerikaner blickt anders als eine fünfzehnjährige Deutsche auf den 11. September 2001. Und doch erinnern sich beide an diesen Tag. An das Gefühl, das sie empfanden. Die Bilder, die sie noch heute sehen. Sie erinnern sich an den Moment der Geschichte. Doch wer merkte wirklich, als das zweite Flugzeug vor unser aller Augen in dieses riesige, starke Hochhaus flog, dass dies ein historischer Tag, eine Weltenströme verändernde Katastrophe war? Wer begriff in diesem Moment, dass es Geschichte war, die dort vor ihm einstürzte? Und wer begriff erst mit Abstand und Analyse, was er dort wirklich miterlebt hat?
Doch dieses Mal scheint alles anders. Wir spüren auf einmal die Gegenwärtigkeit der Geschichte. 2020 ist kein Jahr wie jedes andere. Nach 2020 ist die Welt nicht mehr, wie sie einmal war. 2020 werden wir nicht vergessen. 2020 ist jetzt gewordene Geschichte. Bevor es überhaupt zu Ende geht, ist das Urteil gefällt. Wir sind Zeitzeugen wahrlich historischer Ereignisse. Wie fühlt sich das nun an? Mittendrin zu stecken? Komisch. Anstrengend. Es kann jetzt bitte auch mal vorbei sein. Und doch ist es irgendwie auch beiläufig. Wir leben unser Leben oder das, was davon derzeit lebbar ist. Wir leben in dem heimlichen Versuch, so viel Distanz zwischen uns und der Geschichte zu bekommen. Abstand halten. Der Kampf gegen das Virus ist ein Kampf um die Normalität, die uns auf einmal kostbar und schützenswert erscheint. Wir möchten auf einmal doch nicht mehr „in die Geschichte eingehen“. Hier und da mal eine Maske tragen ist ja noch in Ordnung, aber viel mehr möchte man nun wirklich nicht damit zu tun haben. Ein historischer Hauch darf uns umwehen, aber bitte nicht der Atem des Todes. Ein bisschen mehr Zaungast als Zeitzeuge darf es sein. Geschichte, das sind doch lieber die anderen. Und so lehrt uns dieses Jahr schmerzlich: niemand schreibt Geschichte im Voraus, sie folgt keinem Plan. Es gibt kein Skript, das Rollen und Abläufe definiert. Oder bestimmt, was am Ende der Pandemie in die Geschichte eingeht. Was überhaupt das Ende ist. An was werden wir uns erinnern? Die Bilder aus Bergamo? Die eindringliche Ansprache der Bundeskanzlerin? Diese Versuche, Humor in die Erzählung der Geschichte zu bringen (Video der Bundesregierung „Besonderhelden“)? Einen maskierten Präsident Biden, der seinen Amtseid schwört? Die Wahl eines Kanzler Söder?
Wir wissen es nicht. Jetzt nicht. Aber irgendwann werden wir es wissen. Spätestens dann, wenn uns jemand die Frage stellt: wo warst du, als es 2020 war?