Eine Frage des gesunden Menschenverstandes.

Welche Überschrift tragen diese vergangenen Monate? „Du bist stummgeschaltet“. Oder „Naja, so mittel.“. Als Soundtrack dient vielleicht der very long Player „Best of Hotline Tunes“. Das Essen des Jahres ist irgendetwas Fermentiertes mit Hefe und Alkohol. Das Produkt des Jahres ausverkauft. Doch was ist die Erkenntnis des Jahres, die uns zwischen all dieser „laukühlen“ Fallzahlen-Folklore wirklich erleuchtet? Dass der eigene Beruf irrelevant, aber dafür in der Jogginghose zu bewältigen ist? Dass Friedrich Merz aussieht wie Mr. Burns (ja wirklich!)?
Bei all dem Wirrwarr der Stimmen in und um unseren Kopfes fällt es manchmal schwer, genau hinzu schauen. Das zu hören, was uns Dinge, die nicht immer sprechen können, sagen wollen. Das, was es zu begreifen gilt, zu sehen. Doch dieses Mal ist es eigentlich recht einfach. So einfach wie ein Oneway-Ticket. Und doch reden wir nicht wirklich darüber. Darüber, dass wir abhängig sind. Angewiesen auf dieses eine, was wir nicht erzwingen, kaufen oder festkleben können. Wir reden nicht über das, was wir vielleicht erst dann wirklich verstehen, wenn wir es nicht mehr haben: unsere Gesundheit.
Wir sind abhängig von der an sich beeindruckenden Funktionsfähigkeit unseres Körpers. Hakt nur ein Rädchen oder fällt es gar aus in diesem Hochleistungsrechner, wird es ungemütlich in unserem Körper und damit in unserem Leben. Wir können nicht mehr gut laufen. Nicht mehr richtig denken. Oder eben nicht mehr ausreichend atmen. Es fängt mit einem Schnitt am Finger (an), der beim Händewaschen brennt. Und reicht bis…daran will man lieber nicht denken. Die Details sollte man sich wohl besser ersparen. Denn ein Leben, in dem man ständig das bedrohliche Piepen lebenserhaltender Geräte zu hören glaubt, ist eine einzige Schattensimulation – und damit genauso so sinnvoll, wie ein Schattensimulator eben ist (Tchibo – Homeshadows Schattensimulator). Was nützt Gesundheit, die man aus Angst vor Krankheit besser bei Seite legt? Wer lebt, geht nun mal ein relativ hohes Risiko ein zu sterben. Irgendwie beruhigt es ja auch zu wissen, dass alles ein Ende hat. Man stelle sich nur vor, dass man wie die Queen unendlich viele Staatslenker erleben muss, ohne jemals zu sterben. Spätestens irgendwo zwischen Margret Thatcher und Boris Johnson vergeht einem daran irgendwie die Lust. Das, was wir Alterungsprozess nennen, erleichtert vielleicht am Ende das Ende. Den Abschied von dem, was wir einmal angefangen haben. Je mehr an uns herunterhängt, desto weniger hängen wir vielleicht an diesem Leben.
Und doch erschaudern wir jedes Mal, wenn sie näher kommen, diese Bombeneinschläge. Die Diagnosen, die Dramen, die Details. Zwischen betroffen und getroffen liegt manchmal nur ein Arztbesuch. Oder neuerdings ein Rachenabstrich. Ist man getroffen, fokussiert sich das Leben. Es kreist sich fortan um die Frage der eigenen Genesung. Immer beiläufiger werden Karriereschritte oder Einkaufsgänge. Es geht um das Wesentliche. Denn wir sind eben ein Wesen wie jedes andere, das davon abhängt, dass es funktioniert. Damit das so bleibt, forschen und therapieren wir. Wir versuchen zu lindern und heilen und erschaffen sogar ein System dafür: das Gesundheitssystem. Mit dem Begriff versuchen wir uns zu suggerieren, dass, wenn man es systematisch angeht, dann kriegt man das schon alles wieder hin. Mit der Unbesiegbarkeit des eigenen Körpers. Doch dass dem so nicht ist, wissen wir. Eigentlich. Doch manchmal braucht es ein Jahr, wie dieses, um uns das erneut vor Augen zu führen. Ein Jahr, in dem wir unser gesamtes Leben stummschalten, nur um nicht zu erkranken. Und so ist die Überschrift, die diese vergangenen Monate tragen, vielleicht doch eher „Zahnschmerzen sind auch mal wieder ok.“