Dinner for One.

Endlich! Endlich! Endlich gute Nachrichten! Ja, es gibt sie noch – die richtig guten Nachrichten: Die Bomben, die Drogen, die Exzesse haben ein Ende. Nichts und niemand eskaliert. Niemand ballert einen oder sich einen weg. Stattdessen wird isoliert und höchstens ein bisschen beflissentlich fermentiert (Gemüse, Früchte oder eben der eigene Körper wird eingelegt, bis er zu Alkohol wird). Same procedure as every month of this year. Endlich mal wirklich Dinner for One. Or two. Oder die Quersumme der Anzahl an Haushalten multipliziert mit Phi.
Das neue Jahr kommt, doch Silvester fällt aus. Wem wird es überhaupt fehlen? Wer mag schon Silvester? Also so wirklich? So wie man vielleicht seinen Geburtstag, das Weihnachtsfest oder den Tag, an dem Boris Johnson einen Friseursalon betritt, mag? Dieser letzte Tag im Jahr ist doch das Letzte. An jedem Tag im Jahr darf man um zehn Uhr ins Bett gehen, wenn einem danach ist. Niemand käme auf die Idee zu sagen, man sei einsam, langweilig oder humorbefreit. Man erntet eher Anerkennung für ein so forderndes Leben, das man anscheinend führt und die Disziplin, die man aufbringt, um dieses zu meistern. Aber wer am 31.12. vor Mitternacht ins Bett geht, ist ein unvermittelbarer, freud- und freundeloser Kauz. Doch selbst, wenn man den Mut aufbrächte, allen „und was machst du Silvester?“-Fragen zu trotzen und den Abend mit Daunen zu verbringen, man käme nicht dazu, schnarchend zu protestieren. Denn mit Einbruch der Dunkelheit stellt sich dieses beklemmende Gefühl ein, in Aleppo zu sein. Jedoch in einer eigenartigeren Version eines Kriegsgebiet, in der die Menschen anscheinend so wenig Hoffnung sehen, dass sie dazu übergehen, ihr Geld anzuzünden oder es ganz in die Luft zu sprengen.
Doch dieses Jahr wird alles anders. Weniger Selbstzerstörung und zerstörte Briefkästen. Weniger süßen Sekt, mehr feinperlig geschüttelter Weißwein. Weniger Gespräche über Vorsätze, die sich jedes Jahr – wie Dinner for One – wiederholen. Derzeit nimmt sich eh niemand, wirklich niemand irgendetwas vor. Außer vielleicht noch durch die Haustür zu passen.Wer Pläne jenseits der Haustür schmiedet, nährt sich wohl von Enttäuschungen und Absagen. Oder mag einfach Gutscheine.
Und so ergeben sich völlig neue Fragen: Wie es wohl ist, ohne Konfetti zwischen den Bodendielen, ohne Kopfschmerzen zwischen den Schläfen aufzuwachen und in ein neues Jahr zu starten? Wahrscheinlich recht langweilig und unaufgeregt. Aber das sollte ein gutes Omen sein. Möge das neue Jahr also wie der Neujahrsmorgen werden: ausgeschlafen und frisch. Und nicht wie der Kater nach einem nervenaufreibenden Vorabend werden: dickschädelig und bettarm. Möge uns das neue Jahr viele Gründe zum ausgelassenen Feiern geben (siehe zum Beispiel: Frohes Neues). Mögen wir diese Gelegenheiten nutzen, um in die mit zehn gesunden Fingern versehrten Hände zu klatschen.
Egal, wann.
