Und nu?

Silvester 2022 Kater Frühstück Vodka Wodka Dose Thunfisch

Und was jetzt? Neues Jahr und alte Sorgen? Mitten angekommen in diesen „Zwanzigerjahren“, von denen wichtige Menschen begonnen haben zu sprechen und bei deren Erwähnung man unweigerlich an Damen mit Federschmuck und Herren in Wollflanell-Dreiteilern denkt, möchte man eigentlich direkt wieder raus aus den Zwanzigern. Zurück vielleicht in die Jahre, als noch DJ Bobo und nicht Christian Lindner über „Freedom“ sprach. Oder hinaus in die Zeit, in der Niesen wieder ein Genuss und kein Grund zum gesellschaftlichen Luftanhalten wurde. Allzu golden war dieses Jahrzehnt bisher nicht. Die beiden geschafften Jahre glichen eher zwei Nullen.

Doch so wenig man Lust auf das unmaskierte Gesicht von Friedrich Merz oder darauf hat, dauerhaft mit Stäbchen in der Nase wie Walross Antje herumzulaufen, so wenig ausgeprägt ist die Vorliebe für Pessimismus (oder Realismus, je nach allgemeiner Grundverfassung). Wohin allzu viel Miesepetrigkeit furcht äh führt, lässt sich schließlich an Friedrichs Gesicht ablesen.

Also: Was wird 2022 gut? 2021 ist geschafft. Das ist vielleicht direkt zu Beginn die positivste Nachricht des Jahres. Trump weg, Wahlkrampf vorbei und die Pandemie mutierte – von etwas Ungeheuerlichem zu etwas Lästigem. Die Frage nach dem Klopapier geht einem schon länger wieder an besonders dunklen Orten vorbei. Zwar fühlt man sich noch immer wie auf einer Reise in die Vergangenheit, wenn man vor einer mit roter Absperrkordel versperrten Tür wartet, bis der Türsteher die Ausweisdokumente überprüft hat. Die anwesende Maske im Gesicht und der fehlende Bass im Ohr erinnern einen alsbald jedoch daran, dass man sich in der Gegenwart eines Schreibwarenladens befindet. Aus dem Club wurde „Paper-la-papp“. Auch wenn das griechische Alphabet sich weiterhin geringer Beliebtheit erfreuen wird, so dürften in diesem Jahr Textaufgaben eine erfrischende Aktualität erhalten und zumindest Siebtklässler sich nach all den Entbehrungen unterhalten fühlen: bei vier Impfstoffen und sechs Impfdosen, wie viele Kombinationsmöglichkeiten gibt es? Positiv dürfte auch sein, dass durch die viel beschworene „Spaltung der Gesellschaft“ endlich der Teil abgespalten ist, der dumm ist. Im Übrigen ist jener unterbelichtete Teil auch 2022 daran zu erkennen, dass er Fackeln unter Straßenlaternen anzündet. Wahrscheinlich hofft er, durch doppelte Ausleuchtung zwielichtige Echsenmenschen zu finden. Aber diese werden auch 2022 nicht in Erscheinung treten. Erneut eine frohe Kunde.

2022 gibt es mehr Geld. Für wen, weiß man nicht. Aber wenn alles mehr Geld kostet, wird es schon den oder die Richtigen am Ende erreichen. Gewiss. Alles andere wäre ungerecht und respektlos. Und Respektlosigkeit kann Olaf nun mal gar nicht leiden. Für den mitunter fehlenden Elan und Nervenkitzel empfiehlt sich zudem ein selbstgestaltetes Bullshit-Bingo für Kanzlerreden aller Art. Worte wie „Respekt“, „impfen“ und „Zukunft“ sind hierbei echte Erfolgsgaranten. Risikofreudigere Mitspieler mögen sich an Begriffen wie „Rotbuche“, „Pechlibelle“ oder „Wechselkröte“ wagen. Besonders erstgenanntes Lebewesen des Jahres sollte für eine „rote Socke“ nun wirklich eine Steilvorlage sein. Wer da noch verliert, ist nun wirklich eine hornblättrige Armleuchteralge! Apropos Armleuchter: unterhaltsam ist auch die Wette darauf, nach wie vielen Minuten Karl Lauterbach in den Abendnachrichten erscheint. Die Frage, ob er erscheint, stellt sich nicht mehr.

Besonders erbaulich wird auch 2022 erneut der Sommer werden. Also jene zwei Wochen, in denen die Deutschen endlich nicht mehr über Viren, sondern über das, was sie wirklich bewegt, sprechen werden: das Wetter. Mäßig warm, feucht bis trocken. Nicht nur ideal für das sparrige Kleingabelzahnmoos, sondern für alles und jeden. Wer die warmen Tage nicht dazu nutzt, um im lauwarmen Sommerregen zu DJ Bobos „Freedom“ auf dem mit Katzenstreu ausgelegten Balkon zu tanzen, dem ist nicht mehr zu helfen!

Wer bei all diesen Prognosen wenig innerliche Wärme spürt, dem sei gesagt: Wir leben in chronischer Veränderung. Der ewige Wandel ist meist menschengemacht (eine Wechselkröte sehnt sich selten nach einer neuen Netflix-Serie oder Stehlampe). Die letzten zwei Jahre gaben uns das beklemmende Gefühl, gefangen zu sein – zwischen absolutem Stillstand und exponentieller Veränderung. Ausgebremst und überfordert starren wir in die großen Scheinwerfer des Jahres 2022 und fragen uns „Wann wird es endlich, wie es 2019 war?“ Doch 2019 wird es nie wieder geben. So wie es 2021 nie wieder geben wird. Egal, ob mit oder ohne Pandemie. Vielleicht ist 2022 ein gutes Jahr, um zu begreifen, dass wir den Wandel im Äußeren niemals werden kontrollieren können. Kein Windrad, keine Impfdosis und kein Fermentations-Set werden unser Hier und Jetzt konservieren. Es gibt im Leben keine Garantien – auf Gerechtigkeit, Benzinpreise oder Renteneintrittsalter. Doch das ist nebensächlich. Denn das, was zählt, ist das was das Außen im Innen auslöst. Was zählt, ist mit welcher „Hornblättrigkeit“ wir mit dem umgehen, was uns Gesundheitsminister, Fackelträger oder – wenn man ehrlich ist – DJ Bobo manches Mal zumuten. Ob Zynismus und Pessimismus unsere Denkwege erkranken lassen oder ob wir mit Zuversicht, Gelassenheit und Dankbarkeit auf Katzenstreu tanzen.

Was 2022 gut wird – liegt ganz an dir.




Kurzer Prozess.

Büro Arbeit Arbeitsalltag Digital Flur Office

ASAP. Wer kennt es nicht. Was klingt wie ein besonders ätzender Fliesenreiniger („Wisch den Kalk ab, mit Asap!“), ist eine besonders reizvolle Datumsangabe: as soon as possible. Wer sich hierbei im plüschigen, zärtlichen Lehrplan einer Waldorfschule wähnt und sich erst mal eine Tasse Glückstee aufbrüht, wird ASAP heiß erwischt werden. Spätestens wenn über Telefonteamszoomail minütlich nach dem Arbeitsstand gefragt wird, merkt man, dass mit „heeey duuu, mach sobald du kannst“ eigentlich der Wunsch nach dem Antritt einer Zeitreise gemeint ist. Einer Reise ins Gestern. Wer wiederum versucht in der Vergangenheit Aufgaben zu erledigen, die ihm im Heute gestellt wurden, dem fehlt es grundsätzlich an einem guten Gefühl für Raum und Zeit. Vielleicht ist dadurch der Hang zur Verkürzung zu erklären, der in der Welt der nicht manuellen, sprich weniger handfesten Berufe seit geraumer Zeit Einzug hält. „FYI – wann die PPT mit dem BP done sein muss ist noch TBD, aber spätestens EOB. Wenn du sie verschickst, nimm mich in CC und schicke das RSVP PLS direkt mit.“ Was TBD wirklich bedeutet, muss erst noch decided werden. Oder discussed. Oder Dudelsack. Aber wer weiß das schon. Denn Zeit, um die Bedeutung von Abkürzungen zu recherchieren hat am Ende eh höchstens der Schülerpraktikant, dessen wichtigstes „priority project“ jedoch das Aufräumen der firmeneigenen Asservatenkammer ist. Und zwar ASAP, aber spätestens bevor die Klassenlehrerin zu Besuch kommt, um sich nach dem Befinden des Sohnes des Golffreundes des Geschäftsführers zu erkunden. Nein, wer Zeit hat, der hat bald noch mehr Zeit, weil er keinen Job mehr hat. Und so hat wirklich niemand Zeit für ineffizientes Geplänkel, also das Sprechen in ganzen Sätzen und vollständigen Wörtern, in diesen auf absolute Höchstleistung getrimmten Vordenkermaschinen der modernen Wirtschaft. Nein. Hier geht es schließlich 24/7 darum, die Welt mit einem App-basierten, KI-gesteuerten, vollautomatisierten, purpose-fundierten, digitalen Kantinenspeiseplan und mit Hilfe eines in Firmenfarben laminierten Fahrradkuriers zu retten. Oder es geht eben darum, Unternehmen zu beraten, die an der Entwicklung App-basierter, KI-gesteuerter, vollautomatisierter, purpose-fundierter, digitaler Kantinenspeisepläne arbeiten und irgendwie ein Problem mit ihrer Firmenfarbe und/oder ihrem Fahrradkurier haben. Oder es geht um irgendwas mit Social Media.

Um all diese Herausforderungen gleichzeitig und natürlich ASAP zu lösen,, bedarf es geölter Arbeitsabläufe, zu deren Steuerung man geölte Arbeitsabläufe braucht. Die Prozesse zur Steuerung der Prozesse dokumentiert man folgerichtig in einer Prozess-Matrix. Die Matrix dient dazu einem jeden Mitarbeitenden regelmäßig die Möglichkeit zu bieten, aus der zweidimensionalen Bildschirmwelt aufzutauchen (bis Marc Zuckerberg das mit dem 3D-Meta-Keiner-versteht-was-er-meint geregelt hat). Jede Abteilung dokumentiert und prozessiert ihre eigenen Abläufe. Hierbei wird kleinlichst darauf geachtet, dass keine andere Abteilung oder Firmensoftware eine Ahnung davon bekommt, was in jener Abteilung getan wird. Wo kämen wir da hin – außer weiter?! Das nur durch akribische Detailarbeit zu erzielende Ergebnis dieser Bemühungen nennt sich schlussendlich „Matrixenlager“. Um die Undurchsichtigkeit eines jeden Unternehmensbereiches darüber hinaus sicherzustellen, werden diese vierteljährlich umbenannt und um eines der folgenden Worte in willkürlicher Aneinanderreihung ergänzt: Digital, Innovation, Strategic, EMEA und/oder Gurkensalat. Der mit einem Blaumann (Mann mit blauem Anzug) bestückte unterqualifizierte, überbezahlte Posten des Vorturners ist ein „Head off“, also eine eher kopflos wirkende Gestalt mittelstarker Zumutung und Alterung. Er dient primär der allgemeinen Verwirrung.

Ebenjener Chefgestalt stellt man in der Regel Termine ein (während man sich eigentlich gerne selber einen einstellen würde, vorzugsweise einen GT), um mit ihr zu sprechen. Einfach anrufen ist keine Option. Auch dann nicht, wenn der Blaumann blau macht und nicht zum eingestellten Termin erscheint. Es folgt der Follow-Up-Termin, bei dem besprochen wird, wann es zeitlich passen würde um zu sprechen. Einfach so angerufen werden lediglich Menschen, denen man eine E-Mail schicken wird, um deren Versand verbal zu begleiten („Ich hab dir grad was geschickt. Hast du dir das schon angeschaut?“). Diese zweidimensionale Form der Kommunikation wurde nun bereichert um eine dritte Dimension, die beides in sich vereint: schriftliches Gelaber in Form eines Chats. Chats haben sich seit ihrer Erfindung in den späten Neunzigern nur unwesentlich verändert. Sie dienen weiterhin dem spätpubertären Austausch fragwürdiger Wortreihungen und Bildchen. Neuerdings bewegen die Bilder nicht nur den Hormonspiegel, sondern auch sich selbst. Also die Bildchen. Das nennt sich Gif und wirkt besonders giffig. Gifs sind nicht zu verwechseln mit der sehr artgleich erscheinenden Funktion der „Video-Telefonie“. Hier wiederholt sich zwar auch sehr viel, aber Tierbabys spielen nur eine untergeordnete Rolle, indem sie unter dem Tisch des Gegenübers das WLAN-Kabel (ha ha) anfressen.

Während man nun damit beschäftigt ist, das passende Gif zum Thema „Katzenbaby weihnachtlich“ und im Home Office den Kantinenspeiseplan herauszusuchen, macht die Spendenorganisation, die einem zu jedem Monatsende eine Zuwendung zukommen lässt, tatsächlich so etwas wie „Umsatz“. Schock, große Not! Wie konnte das passieren? Diese eigenwilligen „Kunden“ sind schuld hieran. Dabei wollte man genau das doch tunlichst vermeiden. Damit sich dergleichen nicht wiederholt, gibt es prompt neue Prozesse, Firmenfarben, Beförderungen – und das wichtigste: eine Projektgruppe, die sich „Future United Change Kickoff“ nennt und sich vorrangig damit beschäftigt, eine passende Projektsoftware zu finden, um damit das Projekt zu steuern, das sich der Steuerung von Projekten annehmen soll. Die Software „Projekt unification hub“ steht ganz oben im Kurs.

Wer jetzt nur denkt „Puh, Fuck“ ist nicht nur in der digitalen Arbeitswelt angekommen, sondern auch in der Realität. Oder gehen wir etwa die heutigen, globalen Herausforderungen wesentlich anders an? Denn egal ob auf der Erde oder auf dem Bürostuhl: wir drehen uns gerne im Kreis.




In einfacher Sprache.

Sprache einfache Sprache Ökozid Klimakrise

Da wir offenkundig kognitiv zu limitiert oder allgemein zu indolent sind, um den komplexen Sachverhalt des menschengemachten Ökozid in seiner Singularität und Dringlichkeit zu realisieren und demzufolge Volksvertretern unsere Zukunft in die von Tremor geplagten Greifapparate geben, die nicht imstande sind das Substantiv „Verzicht“ zutreffend zu artikulieren oder buchstabieren, während sie in einer schottischen Hafenstadt Shortbread essen, bedarf es einer methodischen Adjustierung bei der Vermittlung essentieller Fakten. Wir bedienen uns heute folglich der von Behördenauftritten, Pädagogen und Streitgesprächen bekannten Vorgehensweise, die mit „in einfacher Sprache“ für gewöhnlich etikettiert wird.

Klimakrise in einfacher Sprache klingt dann so, wenn ein Affe, bei dem es klingelt, sich daran versucht:

Der Erde geht es nicht so gut. Sie hat Fieber. Ziemlich doll. Sie hat viele doofe Sachen verschluckt, die sie nicht mag. Kaugummis und so. Deswegen hat die Erde jetzt auch noch Bauchweh. Dabei hat die Erde so viel zu tun. Sie macht jeden Tag ganz viele Tiere und Menschen satt. Sie kann nicht frei machen (dabei würde sie gerne mal zum Mars fliegen), weil niemand anderes ihre Arbeit machen kann.

Die Erde hat keinen Schnupfen oder nur einen schlechten Tag. Wenn man ihr nicht hilft, wird sie nie wieder gesund. Wenn die Erde krank ist, dann ist das nicht gut für Tiere und Menschen. Du fragst dich bestimmt, warum die Erde denn krank ist. Die Erde ist krank wegen der Menschen, die sie brauchen. Denn die Menschen machen, dass der Erde ganz warm ist. Nicht kuschelig warm, sondern heiß. Wie machen die Menschen das denn? Die sind ja viel, viel kleiner als die Erde. Die Menschen haben sich Maschinen ausgedacht, die größer sind als sie selbst. Das sind tolle Maschinen, die ganz viel können. Mit diesen Maschinen fahren sie zum Beispiel Schuhe einkaufen (die sie nicht brauchen, weil sie ja nicht mehr gehen), nähen sich Anziehsachen oder fliegen zum Mond (auf den uns die Erde gerne schießen würde). Die Maschinen husten bei der Arbeit nur leider ganz doll. Dabei pusten sie Staub aus. Staub ist nicht gut für die Atmosphäre, also für die Stimmung. Die Erde kriegt schlechte Laune, weil der Staub auf ihrer Haut liegt. Das kitzelt nicht nur, sondern verstopft auch die kleinen Löcher auf der Haut, mit denen man schwitzt. Der Erde wird warm. So warm, dass das Eis in ihrer Hand schmilzt. Weil das Eis ins Wasser tropft, wird das Meer mehr. Die Leute sagen, dass die Niederlande deswegen bald nicht mehr da sind und Hamburg am Meer liegt. Das ist nicht so toll, wie es klingt, weil ja dann die ganzen Holländer auch in Hamburg leben. Das ist ganz schöner Käse, weil dann in keinem Loch mehr Platz ist. Die Maschinen der Menschen spucken noch mehr gemeine Sachen aus. Ganz viele Dinge, die man nicht gut schlucken kann. Plastik, Alexa und Cybermobbing zum Beispiel. Du fragst dich bestimmt, warum die Menschen die fiesen Maschinen nicht einfach ausschalten. Das ist eine gute Frage. Das weiß keiner so genau. Die Menschen sagen meistens irgendwas mit mein Malle, mein Schnitzel oder mein Blick auf windkraftfreie Monokulturen. Die Maschinen sagen nur brummbrumm oder „Du hast 1 neue Nachricht“.

Die Menschen haben die Maschinen wohl lieber als die Erde. Sie müssen die Maschinen zum Fressen gern haben. Doch leider kann man die Maschinen ja nicht essen. Anders als die Erde. Wahrscheinlich hat den Menschen das nur noch nie jemand so gesagt, dass sie es verstehen. Deswegen hier noch mal in ganz einfacher Sprache: lasst uns aufhören, so offenkundig kognitiv limitiert oder allgemein indolent zu sein, lasst uns anfangen, die Singularität und Dringlichkeit des menschengemachten Ökozid zu realisieren und gemeinsam mit unseren Volksvertretern das Substantiv „Verzicht“ zutreffend zu artikulieren und buchstabieren. Aus purer Unbegabtheit für das Leben möchte schließlich niemand selbiges verlieren. Ganz einfach.




Unter sich.

Alles geben nur nicht auf Porzellan Spruch Schellenaffe Psyche

Manchmal begegnet man Menschen aus der Vergangenheit. Wege kreuzen sich erneut, mal bewusst, mal stolpernd. Mal geplant, mal zufällig. Plötzlich tauchen sie hinter einer Wand hervor. Und überraschen, erfreuen oder nerven uns. Wir vergleichen den Besuch aus dem Früher mit unserem Jetzt und fragen uns, wie schön dieses Früher einmal war oder was wir an diesem Früher eigentlich einmal fanden. Wir sortieren uns gemeinsam neu auf dem Zeitstrahl, der uns gegeben wurde. Vielleicht bleibt der Besuch für eine Weile, vielleicht verschwindet er so schnell wie er kam. Manchmal bleibt er für immer.

Diese Besucher sind zuweilen unsere Gedanken. Dann besucht uns altes Denken im Hier und Jetzt. Manches kommt plötzlich, anderes kündigt sich an. Manches kommt früher, anderes später. Manche Gedanken erfreuen uns, manche bringen uns zum Nachdenken. Und manche werfen uns aus der Bahn, auf der wir so zielstrebig und achtsam unterwegs waren.

Ohne ein Früher gibt es keine Vergangenheit, die uns einholt. Wir müssen ein Teil unseres Lebens gelebt haben, um diese Besucher zu empfangen. Und so sitzen wir da – so vorhersehbar plötzlich – irgendwo zwischen dem ersten Drittel, der besseren Hälfte und dem ganzen Chaos unseres Lebens und fragen uns „Seit wann reise ich mit schwerem Gepäck?“. Seit wann stellen die Stimmen in unseren Köpfen diese Fragen, auf die wir keine Antworten kennen? Seit wann sind diese Gedanken da, die nicht vergessen können? Seit wann führen wir dieses Leben, von dem wir dachten, dass es sich anders anfühlen würde? Seit wann sind wir erwachsen und doch nicht bereit?

Zwischen dem Jenseits der Dreißig und Diesseits der Neunzig beginnt man unweigerlich nachzudenken. Über das, was keinmal war und einmal sein wird. Angekommen in dem Leben, das wir doch selbst gewählt haben, machen uns diese Gedanken manchmal neugierig, wagemutig oder zufrieden. Doch viel häufiger als man denkt, dass jeder denkt, machen sie uns Angst, panisch, traurig. Mitunter tief verborgen unter der farbenfrohen Gegenwart bahnt sich das Vergangene seinen Weg in unser Bewusstsein. Der Besuch in unserem Kopf ist plötzlich da, eingeladen durch einen unbekannten Auslöser und möchte nicht mehr gehen. Auch wenn wir versuchen, einen Mantel des Schweigens über ihn zu werfen, er bleibt, dieser ungebetene Gast, der uns den Schlaf und die Sinne raubt.

Und meist geschieht etwas wunderliches: Wir reden mit den Stimmen in unserem Kopf – vehement, direkt, laut – und wundern uns, dass uns niemand unterbricht. Niemand widerspricht. Wir bleiben unter uns. Wir reden mit den Stimmen. Anstatt über die Stimmen. Denn über diese Stimmen kann man nicht sprechen, was sagen sie bloß über uns! Was sollen andere darüber denken, was wir denken! Wir glauben, wenn wir über Dinge schweigen, sind und bleiben sie weniger real.

Mut Porzellan Spruch Schellenaffe Psyche

Dabei ist sich komisch zu fühlen, das Normalste dieser komischen Welt. Daher ist dies hier ein Appell deines Selbst an dich: rede! Und zwar nicht mit dir, sondern mit jemandem, der dir widerspricht. Mit jemandem, der sich auskennt mit ungebetenen Besuchern, die nicht gehen wollen. Mit jemandem, der dir helfen kann. Denn die Antwort auf die Frage „Brauche ich Hilfe?“ ist immer „Ja“.

Jeder hat Dinge erlebt, die er nicht wahrhaben will oder erst später begreifen wird. Ein verstorbener Elternteil, eine verpasste Liebe, eine schwere Kindheit, ein falscher Körper. Jeder, wirklich jeder reist mit schwerem Gepäck. Doch wer sagt, dass wir dieses Gepäck alleine tragen müssen?




Zwischen Angst und Schmecken. 

Toscana Genuss Rotwein Pizza Essen Eis Kaffee

Das sollte es werden:

Das Auge ist schnell satt. Gedeckt sind die Farben, schrill die Touristen, gewohnt die Kulissen. Zwischen altem Gemäuer und stummen Hügellandschaften wandert der Blick durch vertraute Postkarten. Alles scheint vorhergesehen. Selbst imposante Gesten der lokalen, sprechenden Gemeinde gleichen einer einstudierten Parodie eigener Vorurteile, die stets mitreisen in die Ferne. In dieser Ferne, in der man hofft, der Nähe der eigenen Sicht auf die Welt zu entkommen. Nein, die Toskana erlebt man nicht mit den Augen. Wer sie versucht zu sehen, bleibt blind. Für den ungefilterten Blick.

Sprudelnd und zischend steht die Kanne auf dem Herd. Wie ein brodelnder Vulkan. In ihr tobt das dunkle, heiße Etwas, das nun umgefüllt wird in Thermoskannen. Ungefilterter Espresso. Kannenweise. Der toskanische Gaumen kennt keine Kompromisse. Und so beginnt ein toskanischer Tag mit starkem Herzklopfen. Und Kuchen. Süß und sinnlich. Dazu süßer Saft, süße Marmelade, süßes Gebäck. Als wäre man im überzuckerten Traum eines Kindes erwacht. Süßigkeiten zum Frühstück!Und helles Brot ohne das Versprechen, irgend etwas Gutes zu bewirken. Starke Knochen, gesunde Haut oder Darmkontraktionen. Nichts. Einfach nur Brot. Mit irgendwas dazu, das salzig und verwegen schmeckt. Und selbst wenn die Kiwi aus Neuseeland kommt, schmeckt sie hier nach mehr.

Nein, wer die Toskana erleben möchte, muss die Augen schließen und den Mund öffnen. Biss für Biss offenbart sich eine Welt fernab von Nährstofftabellen und Sättigungsbeilagen. Brot und Olivenöl. Gegrilltes Gemüse. Geschmortes Fleisch. Knusprige Pizza. Und über allem schwarzer, aromatischer, wohliger Trüffel. So einfach und doch so darin-baden-wollen. Dazu gibt es dunkle, wohlklingende Weine. Und zum Nachtisch ein paar Cantuccini, die man in Dessertwein erweicht, oder Tiramisu, das am Ende alles erweicht.

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So unvorstellbar es ist, Omas alte Butterkekse in Korn zu dippen, so sonderbar erscheint einem das eigene Essverhalten bis zu diesen Bissen. Warum Remoulade, warum „Nein, danke eine Cola light“, warum Tiefkühlpizza? Und so lädt man den Kofferraum voll mit klimpernden Urlaubserinnerungen, in der Hoffnung irgendetwas – außer ein paar Pfunden mehr – mit zu nehmen nach Haus an den heimischen Esstisch.

Das wurde es:

Wut. Unverständnis. Todesangst. Spätestens wenn man auf dem Standstreifen hupend überholt wird, rutscht es einem raus:„Die haben hier wohl alle die Ravioli offen!“ Italiens Straßen sind irgendwas zwischen Panik auf der einen und „Attacke!“ auf der anderen Seite. Abstand hält der Italiener höchstens zum Blinker oder dem Bremspedal. Kurven erachtet er als den perfekten Ort zum Beschleunigen im Gegenverkehr und Mittelstreifen weisen ihm den Weg. Vorausschauendes Fahren wird in dieser Apokalypse der Straßenverkehrsordnung als zielgerichtetes Überholen zu jeder Zeit verstanden. Vergeblich sucht man als einziger irgendwas im toten Winkel – sei es eine Polizeistreife, die all diese Missetaten ahndet – während sich Bandscheiben und Stoßdämpfer in einer Leidensgemeinschaft durch Schlaglöcher, Bodenwellen und Risse aller Art kämpfen. Spätestens wenn die Straße in einem Flussbett endet, sehnt man sich nach großzügigen EU-Geldern, die all die Unebenheiten stopfen und Fahrschulen fördern mögen. Koste es was es wolle.

Und so betet man dafür, dass all die Kostbarkeiten im Kofferraum das Ziel „StVO“ unbeschadet erreichen mögen und gelobt hernach immer bei Gelb zu bremsen und der Dreißig stets zu huldigen.

Doch alsbald auf dem Brenner verbindet man das eine mit dem anderen und begreift: Wer so ungezügelt genießt hat kein Geld für Straßen. Keine Zeit für Langsamkeit. Keinen Glauben an Regeln und Gesetze.

Oder ist eben einfach völlig überzuckert unterwegs im Straßenverkehr.




Nur das Nötigste

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Ein Umzug berührt. Und zwar alle Dinge, die man besitzt. Wirklich alle. Vom Gefrierbeutel bis zur Skiunterwäsche. Vom Salzstreuer bis zum Zuckerhut. Von der Fußmatte bis zur Deckenlampe. Nichts bleibt unberührt. Denn nichts darf zurückbleiben. Außer vielleicht den Flusen im Abguss und Konfettiresten auf den Küchenschränken. Ob beim Ein- oder Auspacken, irgendwann fasst und schaut man jedes dieser Dinge an und fragt sich, ob man dieses Buch noch mal lesen oder jenes Tchibogerät jemals benutzen wird. Man beginnt zu verschrotten, verkaufen – oder verschenken. Manches Mal indem man besonders gut erhaltene Nutzlosigkeiten einfach an die Bordsteinkante stellt. In der Hoffnung, dass sie ihre Nutzlosigkeit überwinden und einen neuen Nutznießer finden werden. Und so ergibt es sich, dass man in der Abenddämmerung durch die Straßen läuft und sich seinen Weg bahnt zwischen Töpfen, die ihren Deckel suchen, und Vasen, in denen sich der Regen sammelt. Weggespült wird der Nippes von Passanten. Immer. Bis sie umziehen und ihn erneut ausspucken. An einer anderen Straßenecke. Ein ausgeklügeltes Mehrwegsystem.

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Doch warum häuft man so viel Zeug an, dass eine ganze Umschlagwelt an Straßenabfällen existieren kann? Eine Vorahnung der Antwort bekommt man an jenem Ort, an den man einzieht, wenn man umzieht: im Baumarkt. Dieser Ort, an dem man nichts findet, was es nicht gibt. Der Ort, wo man einen Anker kaufen, Luftbe- und entfeuchter gleichzeitig erwerben, und Splinte, Pappbuchstaben und Bitumen-Dickbeschichtung bewundern kann. „Wie“, „wo“, „was“ sind die Fragen, die sich die Besucher im Baumarkt stellen (sollen). Wie viele „Warum“ fragen angesichts 257 „verschiedener“ Varianten an Eimern für weiße Farbe weiß niemand. Wem die Auswahl so beschränkt wie ein Holzkohlegrill ohne eigene App und Drehspieß-Vorrichtung erscheint, der kann sich sein eigenes Weiß notfalls zusammenmischen lassen. Mit der Geschmacksrichtung Oma´s Gebiss im Morgentau.

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Und doch stecken hinter diesen unterschiedlichen 257 Weißen Hersteller, die davon leben können. Wie wo was weiß der Geier warum. Warum gibt es unendliche viele Geschmacksrichtungen für Chips, Müsli und Riesling aus der Pfalz? Warum gibt es mehr Nagellackfarben als Zehen und Finger? Warum gibt es mehr Gläser als Trinkanlässe? Warum gibt es so viel vom Gleichen, das aber nicht dasselbe ist? Und warum besitze ich so viel von dem Gleichen, das nicht dasselbe ist? Das fragt man sich, wenn man umzieht und dieses viele vom Gleichen als Last auf seinen Armen spürt und sich fragt, ob man nicht einen Tragegurt gebrauchen könnte. In der Farbe Radieschen im Morgentau. Am besten gleich zwei, falls der andere mal kaputt geht.

Woher kommt dieses Überangebot an allem, das eine Übernachfrage an allem nach sich zieht? Oder bestimmt die Nachfrage wirklich das Angebot, wie uns die Zigaretten-, Mineralöl und Nippesindustrie glauben machen möchte? Sind wir es, die den Duschabzieher in der Farbe des Hornhauthobels wirklich wollen und partout keinen Duschabzieher kaufen, bis er nicht in der gewünschten Farbe „besinnliches Morgengrauen“ erhältlich ist? Wir sind anscheinend„der Markt“, von dem die Dame vor der Tagesschau immer berichtet. Und damit Grund dafür, dass es keinen einzigen Gegenstand nur in einer einzigen Ausführung gibt. Wirklich keinen. Nirgendwo. Niemals. Und wir sind der Grund, warum irgendwo auf dieser Welt gerade jemand an der „Weiterentwicklung“ von Duschabziehern forscht. An ergonomischen Griffen, Nano-Oberflächen und LED-Beleuchtung.

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Ein erster Schritt, um diesen Irrsinn an sich abperlen zu lassen, wie ein Duschabzieher der Zukunft, könnte sein, nur noch das zu kaufen, was oben rechts im Regal (oder Onlineshop) steht. Die Nudelsorte. Das Duschgel. Das Herrenhemd. Alles andere wird links liegen gelassen. Denn dieses Produkt oben rechts hat ja heute schon eine überzeugte Käuferschaft. So schlecht kann es ja dann nicht sein. Wenn das alle machen, gibt es bald von allem nur noch das Nötigste. Und wir essen kollektiv Dinkel-Penne, duften nach „Sternfrucht und Melone“ und tragen weiße Hemden in XXL. Bequemer als einen einfachen Eimer weiße Farbe im Baumarkt zu kaufen, kann dieses Leben eigentlich nur sein.




Blasenerzürnung.

Blase Seifenblasen Schellenaffe Himmel

Früher war es der Hauptbahnhof. Dieser miefige, dunkle Ort voller Tauben und unfreundlicher Gerüche. Voller Reize und Rangeleien. Dieser Ort übervoll mit fremden Menschen. Menschen unterschiedlichster Schichten und Oberflächen. Menschen, denen man sonst nie und nie wieder begegnen würde. Und das jeden Tag.

Heute ist dieser Ort, an dem sich alle versammeln, um sich zu vermischen, steril und sortiert: Facebook. Guter Witz. Dieser Ort ist heutzutage das Impfzentrum. Er ist der Ort, an dem wir für einen kurzen Piks aufeinander treffen mit Menschen aller Schichten und Oberflächen. Und dann wieder verschwinden – immunisiert zurück in unsere Blasen, aus denen wir kamen. Der Besuch im Impfzentrum lässt einen kurz erwachen und sich erinnern. Daran, dass man nicht alleine auf dieser Welt lebt, sondern umgeben ist von anderen sprechenden Blasen. Nachdem wir sehr viel Zeit mit uns selbst und den uns selbigen verbrachten, sind wir beinahe überrascht, dass die anderen auch noch da sind. Wir dachten, unsere Welt sei die Welt da draußen. Doch nun stoßen wir da draußen wieder auf jene Blasen, denen wir so schöne Namen gaben wie „alter, weißer Mann“, „linksversifft“ oder „Helikopter-Eltern“. Doch wie reagieren die Blasen, wenn sie sich nach der Zeit des Abstandhalten wieder näher kommen?

Viele platzen. Sehr schnell. Und immer häufiger entweicht dabei ein Shitstorm. Ein unbedacht  (un)gegendertes Wort, ein Inlandsflug, eine zynische Übersprungshandlung unterforderter Tatortkommissare, ein Kinderchor, der irgendwas singt, ein „kreativer“ Lebenslauf und zack, es formiert sich die Armada der anonymen Hasstrolle, die einem irgendwas zwischen Ökodiktatur und Rassismus vorwerfen. Die so schnell nach Rücktritten schreien, dass bald Kleinkinder in die großen Fußstapfen treten werden, weil es uns bald an unbefleckten Erwachsenen fehlt. Wobei Kinder mit ihrem Hang zur körperlichen und verbalen Übergriffigkeit den Job auch nicht lange machen werden. Vielleicht stehen wir vor dem Zeitalter der Steine. Wer weiß. Die Form der allgemeinen Debatten hat jedenfalls etwas Steinzeitartiges. In Zeiten eines Wahlkampfes, der sich um biografische Fehltritte dreht, wird das besonders deutlich. Er gleicht einer chronischen Blasenentzündung.

Wann wurde aus dem Debattieren ein Proklamieren? Wann wurde aus dem Streit um die Sache ein Kampf ums Überleben? Wann wurde die Ablehnung das, was uns am Ende noch verbindet? Vielleicht ist es das Brennglas der Pandemie, die Vorahnung der Verteilkämpfe, die der Klimawandel auslösen wird, die allgemeine Übersättigung unseres Daseins und die Sache mit unsozialen Netzwerken. Jedenfalls scheint sich in den letzten Jahren etwas bahnzubrechen, das irgendwo zwischen „cancel culture“ und „Was darf man denn noch sagen ?!!1!!“ changiert. Man möchte gefälligst sagen dürfen, was man denkt, in seiner Blase, in der alle das gleiche denken und sagen.

Ja, wenn wir die Welt zum Guten verändern wollen, dann braucht es starke Meinungen, gemeinsame Werte und Mut zur Kritik. Und weitere Textbausteine einer Wahlkampfrede. Denn eine klare Haltung ist das, was uns am Ende Größe gibt. Das uns nach außen vor Hass, Missgunst und Abgründen schützt. Doch gleichzeitig brauchen wir etwas Offenes, Weiches, Durchlässiges im Inneren dieser Mauern. Denn wenn jeder seine Meinung einfach nur verteidigt, werden aus den Blasen kleine Patronenkugeln, die aufeinander prallen. Wir sollten unsere Sichtweisen erklären, anstatt sie herablassend zu verteidigen. Wir sollten aufhören, Stellvertreterdiskussionen über kopierte Doktorarbeiten und Gendersternchen zu führen und uns mal um das Wesentliche kümmern. Der nächste Shitstorm sollte uns schietegal sein. Wir sollten aufhören, in Blasen zu denken, in denen jeder Veganer ein Aktivist, jeder weiße Mensch ein Rassist und jeder Ungeimpfte ein Vollidiot ist. Doch bevor wir all dies tun, sollten wir mal bei uns selbst anfangen. Schon der kleine Prinz wusste „Es ist viel schwerer, über sich selbst zu richten, als über andere zu urteilen. Wenn du es schaffst, selbst über dich gerecht zu werden, dann bist du ein wahrer Weiser.“ Ein bisschen mehr Demut und Gelassenheit stünde uns Blasierten ganz gut.

Denn komisch sind ja immer die anderen.

Nur leider bist du für irgendjemand dieser andere. Am Hauptbahnhof. Oder im Impfzentrum.




Die Offenbarung.

Offenbarung Tür offen Öffnung Hauseingang geschlossen

Man gewöhnt sich ja an alles. An diesen Fetzen Stoff vor der Nase. An diese Spritpreise an der Säule. An das Dasein ohne Flugreisen. Man gewöhnt sich sogar an ein Leben ohne Termine. Ohne Pläne. Ohne Verabredungen. Ohne irgendwas. Man lebte monatelang in den immer gleichen Tag hinein. Und hinaus. Hinein. Und hinaus. Man hatte so viel Zeit wie noch nie, denn es gab nichts und niemand, der sie beanspruchte. Außer dem Schrittzähler, der den Kreisen, die man um seine Behausung drehte, einen vermeintlichen Sinn gab. Man hielt das alles durch, weil man wusste, es gibt irgendwann ein Hinaus aus diesem Leben hinter den Möglichkeiten. Irgendwann würde alles wieder so sein, wie es einmal war. Das gemeinsame Bedauern dieser kollektiven Gefahrenbremsung schweißte uns zusammen. Wir arrangierten uns in diesem Zustand, der nicht mal mehr das Niveau eines Rentnerlebens erreichte. Wir träumten vom Schlafen in fremden Betten, von Umarmungen und Tagesgerichten. Viel mehr wertschätzen würde man alles, was so selbstverständlich erschien. Sich mit ach so viel Achtsamkeit und Leidenschaft in das stürzen, was einen früher aufbaute.

Doch nun ist er da dieser Moment, an dem die Selbstverständlichkeiten zurückkehren. Hier ist er nun, der Tag, an dem man wieder Geld dafür bezahlt, dass einem jemand ein Getränk öffnet. Der Tag, an dem man Dinge in der Hand hält, die man kaufen möchte. Der Tag, an dem man mal keine Zeit hat. Auf einmal sind sie zurück: die Möglichkeiten. Und mit ihnen ist das zurück, was uns manchmal so schwer erscheint: Entscheidungen. Die Entscheidung darüber, welche Naturdokumentation man heute schaut ist der Frage gewichen: Was mache ich wann mit wem?

Und warum eigentlich? Denn allmählich dämmert es uns: Wie viel kann ich eigentlich noch aushalten – an unterschiedlichen Haushalten? Habe ich mich so sehr daran gewöhnt im Exil zu leben, dass ich mich entwöhnt habe von dem, was mir so wichtig erschien? Von diesem irgendwas mit Menschen.

Verängstigt sagt man sich „Das geht jetzt aber auch sehr schnell…“. Da macht man erst mal besser noch nicht mit. Ganz verantwortungsvoll im Sinne der Gesellschaft spaziert man weiter – vorbei an ausgebuchten Restaurants, die gefüllt sind mit Abenteurern auf der Suche nach dem Kick eines frischgezapften Bieres. Versucht man es doch einmal mit dem Fremdessen, freut man sich erstmals in seinem Leben über jenes herablassende „Haben Sie reserviert? Nein? …“, das einen so oft verzweifeln lies. Man geht leichten Schrittes nach Hause und isst ein Käsebrot. Die Stulle in der Stille, nur gestört vom Vibrieren des Telefons. Das Augenlid beginnt zu zucken angesichts der vielen Anfragen. Ob man was unternehmen möchte? Ja, klar. Einmal in der Woche vielleicht. So für eine Stunde. Wenn es hoch kommt. 52 Verabredungen im Jahr müssen reichen. Alles andere erscheint wie ein Übermaß an Menschlichkeit. Wie etwas ganz und gar Übermenschliches eben. Kaum hat man sich an ihn gewöhnt, verschwindet dieser elende Virus. Genau dann, wenn man ihn braucht. Immer dünner wird die Fassade aus „Dieses Testen ist ja so lästig“ und „Ich bin noch nicht geimpft“. Bald steht man wieder nackt da ohne triftigen Grund dafür, sich nicht mit Menschen abzugeben. Überall kann man wieder einchecken – in sein altes Leben, das einem plötzlich irgendwie gewöhnungsbedürftig erscheint. Offen gesagt: geschlossen war manchmal auch ganz ok.

Offenbarung Tür offen Öffnung Hauseingang geschlossen

Doch so wie man sich schleichend an Gesichter ohne Münder und ein Wattestäbchen im Großhirn gewöhnte, so braucht es eben etwas Zeit, um sich wieder an Gespräche und die Preise für eine Pizza zu gewöhnen. Und doch sollte man vielleicht versuchen, sich ein wenig dessen zu bewahren, was einem bei aller Sorgen und Frustration in den letzten eineinhalb Jahren als ungewöhnlich gut erschien: das spontane Leben in den Tag hinein, die intensive Zeit mit den eigenen Kindern, die Freude über das Wiedersehen mit wichtigen Menschen, die Zeit seine Gedanken zu sortieren… Jetzt wo es wieder möglich ist, sollten wir mehr von dem tun, was uns als völlig „unentwöhnbar“ in der Zeit der Entbehrungen erschien. Der Genuss einer Pizza Diavolo für 16€ oder der Kauf eines Sommerkleides dürfte da eher auf den hinteren Plätzen rangieren. Nach den Monaten, in denen wir jeden Schrank unserer Existenz aussortiert haben, sollten wir nun als letztes auch das aussortieren, was unserem Leben Hektik und Stress verursacht. Denn bevor wir wieder „hochfahren“, sollten wir uns vielleicht erst einmal überlegen, wo wir hinfahren wollen.

Und wer die Karte dabei liest.




Kinder, Kinder.

Lego Star Wars Erwachsen werden Kinder Legostein

Er will. Er will. Er will. Jeden Abend. Das gleiche Drama. Er will mit seinem Lego spielen. Anstatt ins Bett zu gehen, aufzuräumen oder seine Steuererklärung zu machen. Der erwachsene Mann will einfach jeden Abend Zeit mit bunt eingefärbten Klötzen aus Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymerisat verbringen und Dinge bauen, von denen er sonst vielleicht nur träumt. Ein Porsche, ein Haus oder eben ein Imperial TIE Fighter™. Er ist nicht alleine mit dieser Sehnsucht. Während Frauen die Pandemie dazu nutzen, selbstgestrickten Mundschutz zu fermentieren, spielen Männer mit Legosteinen. Und während sie den Krieg der Sterne auf dem Küchentisch nachspielen, fragt man sich, ob der Mensch jemals erwachsen wird?

Als Kind ging man stets davon aus, dass man ab einem bestimmten Alter erwachsen sei. Schließlich waren ja alle Menschen eines gewissen Alters erwachsen. Sehr erwachsen sogar. So mit ernstem Gesichtsausdruck, Girokontokarte und Angst vorm Klettern. Erwachsen werden die Alten. Doch dann saß man in der Univorlesung und schrieb sich noch immer Zettelchen mit seinen Freunden. Oder ging mit Anfang dreißig nachts schaukeln. Und fragte sich: wann werde ich eigentlich erwachsen? Werde ich überhaupt jemals erwachsen?

Wenn man Bilder von sich aus der Kindheit sieht, fühlt man sich eigenartig distanziert zu der kleinen Person, die da auf dem Bild Pony reitet, Drachen steigen lässt oder Legostädte baut. Man wundert sich über das runde Gesicht, das einen entfernt an irgendwen erinnert. Doch gleichzeitig fühlt man sich sonderbar nah zu der Freude, die man damals spürte und den Gedanken, die durch den schlecht frisierten Kopf pusteten. Äußerlich verändert man sich ständig und unaufhaltsam. Innerlich tut sich hingegen erschreckend wenig. Es gibt keinen Bruch der Gedanken, wie es eine Lücke zwischen zwei Momentaufnahmen gibt. Die Gedanken von damals sind Teil des Schepperns von heute. Nicht mehr ganz so schrill. Doch der Klang ist der gleiche. Die Furcht vor dem alten Schuldirektor spürt man noch genauso wie die Aufregung vor der ersten Fahrstunde. Ist und bleibt man am Ende ein faltiges, grauhaariges Kind mit Dispokredit und Zahnzusatzversicherung?

Der äußere Verfall führt mittlerweile dazu, dass man auf offener Straße gesiezt wird oder der offensichtlich älteste Mensch in einem Raum ist. Doch unweigerlich schaut man sich suchend um – nach einem Erwachsenen, der hier ein Auge auf alles haben sollte. Dabei führt man gemeinsam mit den Menschen, mit denen man früher Kind war, heute das, von dem man damals dachte es sei das Leben von Erwachsenen. Man unterhält sich über Klemmmarkisen, Kinderbetreuung und Anlagestrategien. Man besitzt einen Christbaumständer. Doch manchmal lacht man laut auf (vor allem wenn jemand Ständer sagt) und wundert sich gemeinsam darüber, wie man so sang- und klanglos in dieses Leben eines Erwachsenen rutschen konnte. Erwachsen waren und sind schließlich immer die anderen. Man redet zwar nicht mehr über das Gleiche, aber man redet noch immer gleich. Und baut nur ein paar Erwachsenenwörter in seine Sätze mit ein. Wie Klemmmarkise. Und hofft, dass es keinem auffällt, wie mega komisch man das findet. Ob man mit 90 wohl auch noch mega sagt und sich immer noch fragt, wie heiß man Jeans eigentlich waschen darf? Weil man mit 90 noch Jeans trägt? Oder rutscht man irgendwann auf seinen Senkern aus auf dem schmalen Grat zwischen „jung geblieben“ und „mega peinlich“?

Erwachsen werden Kinder Spielzeug ferngesteuertes Auto

Als Kind wollte man immer die Dinge machen, die nur die Erwachsenen durften. Lange aufbleiben, am Sekt nippen oder einkaufen gehen. Heute sehnt man sich nach den Dingen, die nur Kinder machen durften. Man versucht sie „einzuerwachsenen“, um das kantig gewordene Gesicht nicht zu verlieren. Der Hula Hoop Reifen wird zum High-End-Sportgerät. Der Lego-Porsche ist hochpreisiges Interior-Design für alle Liebhaber schneller Oldtimer. Das Longboard beugt dem Burnout vor und hilft dabei, sich endlich mehr fallen zu lassen. Und irgendwann werden die Sneaker vom Orthopäden empfohlen.

Und man freut sich darüber wie ein Kind.




Kein Grund mütend zu sein.

Corona verpiss dich witzig Schellenaffe Corona

Irgendwas Witziges. Man muss ja nicht direkt wie ein menschgewordener Käfer mit bauchkrampfartigen Zuckungen am Boden liegen, aber irgendetwas, was einen von den Magengeschwüren ein wenig ablenkt, das wäre hübsch. Ein kleines Kribbeln, das wäre reizend. Denn bei allen Reizen der letzten Zeit, kribbeln tut schon länger nichts mehr. Höchstens das ausgefranste Haupthaar über den Ohren. Immerhin hört man dadurch nur noch gedämpft die Rufe der muhenden Tante und des sch-impfenden Onkels. Irgendwie wirkt man mit Kotletten, die aussehen wie Koteletts, verletzlicher. Wir Menschen mit dieser Stöhnfrisur auf dem Kopf wirken auf einmal so vulnerabel wie ein Mistkäfer, der auf dem Rücken liegt. In der Fußgängerzone, die schon lange keine Risikozone mehr ist. Zumindest für Insekten.

Doch was hilft gegen dieses Gefühl, das neuerdings „mütend“ genannt wird? Wer auch immer sich diesen Satzpartikel ausgedacht hat: er scheint aus der Seele einer angesäuerten, erschöpften Gesellschaft zu sprechen. Voller Ungeduld und Unverständnis möchte man immer mehr feste auf den Boden stampfen, wenn die Füße nicht so betäubt vom vielen Stillhalten wären. Aber was nützt das Gepolter und Gezeter? Das Geschrei und Gemecker?

Wir sind nun mal müde. Schlaftrunken von der vielen Zeit zum Ausschlafen. Übernächtigt von unseren Gedanken, die das Einzige sind, was uns noch um den Schlaf bringen kann. Gelangweilt von den vielen Nachrichten, die von keinen Neuigkeiten mehr berichten. Und langsam mischt sich Wut zur Erschöpfung. Wir sind sauer auf ohnmächtige Machthaber. Aufgebracht über Verantwortungszirkus. Entsetzt über die, die quer- statt nachdenken.

Wir sind so müde und wütend in dieser endlos wirkenden Pandemie.

Fertig ist der mütende Bürger. Fix und fertig.

Corona verpiss dich witzig Schellenaffe Corona
Corona – zum Abschuss freigegeben.

Doch wann, wenn nicht jetzt gibt es gute Gelegenheiten, Dinge mit Abstand zu betrachten. Mit eineinhalb Meter oder eineinhalb Jahren Abstand. Ist denn alles wirklich so schlimm und hoffnungslos? Wie so oft scheinen wir das Grauen besser zu kennen als die Gründe zur Hoffnung. Dabei kennen wir alle mittlerweile jemand, der bereits geimpft wurde. Wir kennen jemand, der sich kürzlich kostenlos testen ließ. Wir kennen jemand, der mehr Zeit mit seinen Kindern genießt. Wir kennen jemand, der seine Umgebung neu entdeckt. Wir kennen jemand, der die Ausrede zum Nichtstun still und leise genießt. Manchmal sind wir sogar selbst dieser jemand. Und wenn wir es – noch – nicht sind, ist das kein Grund, sich wie ein trotziges Kind „Pandemimimi“ schreiend auf den Boden zu werfen. Im Altenheim motzen doch auch nicht alle darüber, dass sie auf kein Metallica Konzert gehen oder nicht nach Malle fliegen können. Wobei das ein witziger Anblick wäre. Also die Erwachsenen, die auf dem Boden schreien und die Omis, die „Nothing Else Matters“ grölen. Und irgendwas, Witziges wollten wir ja endlich mal wieder erleben.

Kein Grund zum Lachen haben Menschen, die starben, Schmerzen erleiden oder ihren Halt im Leben verlieren. Alle anderen haben noch genügend Gründe zum Lachen. Diese zum Beispiel:

Corona verpiss dich witzig Schellenaffe Corona
Junges Gemüse, hinten.

Corona Hund am Steuer witzig Schellenaffe Corona
Fahrraddiebe, Fahrradliebe?

Corona Hund am Steuer witzig Schellenaffe Corona
*Die Beule war schon..“

Man muss die Augen eben nur offen halten, um das Gute zu sehen. Sowohl die Augen, die den Blick nach außen richten. Als auch jene, die nach innen schauen. Auch wenn der Durchblick manchmal erschwert ist.

Corona Hund am Steuer witzig Schellenaffe Corona
Putz(ige)hilfe.