Vorsorge.

Do epic shit Alter Alterung junges Ich Spruch

Kriegen sie sich? Wer ist der Mörder? Ist die Milch noch haltbar? Lohnt sich die Steuerklärung? Ist der Pickel morgen weg? Wie gerne würde man manchmal vorspulen. Nur um etwas gönnerhafter die Gegenwart zu erleben und abends friedlicher einzuschlafen. Doch diese Lust scheint zu schwinden. Niemand wagt es derzeit weit nach vorne zu schauen. Wer weiß, was dort blüht. Irgendwie ahnt man, dass die Haltbarkeit von Milch in dieser fernen Zukunft das geringste Problem sein wird. Irgendwo zwischen der Frage, wann man wohl geimpft und wann der eigene Wohnort unfreiwillig am Meer liegen wird, kann es eigentlich nur klumpig werden.

Doch bei allem säuerlichen Pessimismus wünscht man sich manchmal doch eine kurze, heimliche Grußbotschaft seines Zukunfts-Ichs. Denn spätestens, wenn man alte Fotos und vergangene Entscheidungen betrachtet, wünscht man sich manchmal, man habe damals gewusst, was man heute weiß. Nein, Schlaghosen stehen dir nicht. Ja, trau dich ruhig. Nun ja, überlegt dir das mit der Ausbildung zur Sprengstoffexpertin noch mal.

Wenn ich 95 Jahre alt werde, zahlen sich meine Einzahlungen in die private Altersvorsorgekasse aus. Ab dann gehe bzw. rolle ich als zahn- und gehörlose Gewinnerin vom Platz. Als Besiegerin des kapitalistischen Systems. Doch lohnt sich der lange Weg? Wie ist das Leben im Jahr – Moment – 2081? Was würde mein 95-jähriges Ich zu meinem heutigen Leben zwischen Birnen auf der Pizza und Gurkensalat im Kopf sagen?

„Liebes jüngeres Ich,

da ich dir mein faltiges Hologramm nicht mehr antun möchte, diktiere ich etwas antiquiert dem Microchip in meinem linken Daumen diese Zeilen. Also Daumen hoch, hier spricht deine Zukunft. Du fragst dich gewiss, was diese Zukunft, was diese deinige Zukunft so bringt. Reichtum, Krankheit, Glück, Stolpern? Zunächst wirst du in der Tat immer reicher. Der Reichtum an Krankheiten nimmt zu. Wobei Krankheit übertrieben ist. Es sind diese Zipperlein, mit denen du morgens in letzter Zeit aufwachst und dich fragst, ob das jetzt immer so ist. Nein, es bleibt nicht so. Es werden mehr. Mit jedem Morgen kommt zu einem alten ein neues hinzu. Und was exponentielles Wachstum bedeutet, hast du, glaub ich in letzter Zeit zu verstehen gelernt. Ab einem gewissen Alter – ich glaub es war irgendwann zwischen 39 und 51 – fühlt sich dein eigener Körper wie ein Altglascontainer an: schwer, sperrig und voller Scherben. Ein bisschen miefig, manchmal recht laut, beginnen die Menschen dich zu beäugen und fragen sich, wann du abgeholt wirst. Deswegen mein erster Rat: springe, hüpfe, tanze, renne das nächste Mal, wenn du deinen Walk of Shame antrittst und mit deinen klimpernden Tüten zum Glascontainer huschst. Eskaliere solange du noch kannst. Denn wie gerne würde ich heute noch mal für einen Augenblick die Bodenhaftung verlieren. Doch eine unsichtbare Haftcreme bindet uns im Alter fest. Aber um dich zu beruhigen: mit 95 denkst du nicht mehr daran, was du vor sechzig Jahren alles tun konntest. Sondern fragst dich vor allem, was du vor sechzig Minuten getan hast.

Alter Alterung junges Ich Rollator

Du denkst auch nicht mehr daran, wie du einmal aussahst. Sondern hast zu ignorieren gelernt, was dir der Spiegel als neue Realität vorgaukelt. Fifthy shades of grey and gravity. Immerhin dein Geist altert nicht. Du denkst noch immer in den ähnlichen konzentrischen Bahnen, in deren Mittelpunkt sich alles um die Suche nach dem Sinn und der nächsten Mahlzeit dreht. Apropos schwer verdaulich: glaub mir, dünner wird’s nicht mehr. Egal, was du isst, die Kleidergrößen steigen linear. Doch mit der Schwere kommt eine angenehme Leichtigkeit. Dein Interesse an dieser einen oder jeder anderen Stelle an deinem Körper fällt linear ab. Ich glaub es war Mitte der Sechziger, als du das letzte Mal an dir heruntergeschaut hast. Da kriegt man eh nur Nackenschmerzen von. Und das Zipperlein konntest du nicht auch noch gebrauchen.

Und wie ist die Welt so? Sie hat sich kaum verändert. Es reden noch immer alle vom nahenden Ende. Die Apokalypse beginnt eben wie jede Diät immer morgen. Nach – wie hieß es noch, ach ja – Corona haben sich alle erst mal ein Astra Zeneca aufgemacht. Anschließend wurde es ein wenig hektisch rund um die Sache mit dem Klima. Viel wurde unternommen, manches bewirkte sogar etwas, manches nichts. Eisbären und Autos gibt es noch immer. Dafür hast du seit vielen Wintern die Heizung nicht mehr angemacht. Seit du in ein nachhaltiges Altern-Heim gezogen bist und alle von einem schlimmen Meteoriten sprechen, den sie Donald getauft haben, verfolgst du die allgemeinen Debatten nicht mehr so intensiv. Nach dir die Sintflut. Wobei du dich auch auf den letzten Metern noch bemühst, ein verantwortungsbewusstes Leben zu führen. Nur das Experiment mit dem Holz-Rollator währte nicht lange. Krachend gescheitert. Seitdem schickst du vor allem dein Hologramm zu externen Terminen. Also zu Arztterminen. Gründe zum Ausgehen gibt es leider nicht mehr viele. Die meisten, die ein Leben lang mit dir gefeiert haben, sind nicht mehr da. Das auszuhalten ist das schwerste, nein das einzige schwere am Altern. Dieses schleichende Schwinden aller Wegbegleiter. Daher mein innigster Rat: liebe, spüre, unterstütze, achte die Menschen in deinem Leben – jederzeit, hemmungslos. So, als gäbe es kein Morgen. Denn irgendwann gibt es kein Morgen mehr. Und dann sitzt du mit 95 irgendwo und weißt nicht mehr wohin mit deiner sich anstauenden Liebe. Ok, du hast im Heim tatsächlich noch mal jemand kennengelernt. Aber er isst Fleisch. Illegal natürlich. Das muss man sich mal vorstellen. Alleine wie er den Singvögeln hier nachstellt. So richtig glaubst du nicht an eine gemeinsame Zukunft. Aber wer weiß schon was Morgen ist. Du lässt es auf dich zukommen. 

Ohne jetzt zu arrogant zu wirken, aber ein bisschen muss ich schon über dich, mein junges Ich, lächeln. Den Großteil deines schönen Lebens hast du nach vorne geschaut. Bist irgendwas entgegengelaufen, selten hinterhergerannt. Schwanktest zwischen Vorfreude und Vorsorge. Du kämpftest immer wieder mit dem Pessimisten und dem Optimisten in dir. Dabei übersahst du zu oft den Realisten in dir – jene Stimme in dir, die die Realität wahrnimmt wie sie ist. Vor lauter Vorsorge über das, was einmal sein könnte, hast du manches Mal vergessen das zu sehen, was gerade ist. Im Alter hat sich das Ganze nun umgekehrt und du ertappst dich dabei, wie du zurückschaust auf das, was einmal war. Oder du ertappst dich dabei wegzudösen. Das kommt auch exponentiell häufiger vor. Mein letzter Rat lautet daher: denke nicht an mich, sondern an dich.

Deiner Vorsorge bin ich gleichwohl natürlich dankbar. Ich haue die Kohle jetzt auf den Kopf und gönne mir eine Kugel Eis von deiner so fleißig angesparten Rente. Die Eisdielen haben nämlich inzwischen das ganze Jahr geöffnet. Du siehst: Daumen hoch für deine Zukunft.  

Bis bald, also verdammt weit weg bald,

Deine Alte.




Minimal besser.

Minimalismus Papperlapapp Pappe Konsum Papiermüll

2 Füße. Ziemlicher Durchschnitt. Nichts Besonderes.

26 Paar Schuhe. Ziemlicher Durchschnitt. Nichts Besonderes.

52 Schuhe für 2 Füße. Das sollte etwas Besonderes sein.

Etwas besonders Dämliches.

Wir leben in einem Meer aus Mehr. Fett und satt schwimmen wir oben auf diesem Mehr. Wir sind übergewichtig. Wir konsumieren bis zur Unkenntlichkeit. Neue Schuhe, neue Apps, neue Serien, neue Kerzenständer. Weil die alten Schuhe zwar eingetragen, aber sattgesehen sind. Weil die neue App bestimmt hält, was die alte versprach. Weil der neue Kerzenständer endlich die Gemütlichkeit bringt, die man niemals spürte. In dieser nicht mehr ganz so neuen Welt konsumieren wir neue Dinge, um alte Probleme zu lösen. Nur noch dieses eine neue Ding, dann bin ich glücklich. Ganz bestimmt. Dieses größere Auto, jener neue Joghurt mit Erdbeerkeksen. Das dauerhafte Glücksgefühl ist nur noch eine Kaufentscheidung von uns entfernt. Das ist die Erzählung, die wir jeden Tag hören. Der wir so gerne lauschen. Die wir so sehr glauben.

Diese Welt hat uns das Konsumieren so einfach gemacht, dass selbst dann, wenn das Einkommen klamm und die Geschäfte geschlossen werden, der Kaufrausch weitergeht. Er wird zur bürgerlichen Pflicht erhoben. Steuern werden gesenkt, damit wir das Gefühl haben, Geld zu sparen, während wir es ausgeben. Die Wahl von Waren und Marken ist so wichtig geworden wie die Wahl von Entscheidern und Parteien. Wir sind der systemrelevante Held, der den Laden am Laufen hält. Gleichzeitig konsumieren wir begeistert, um die Stille in unseren Wohnungen und Köpfen zu übertönen. Dieses Mehr zieht neuerdings ein Meer an Pappkartons und Menschenschlangen vor Postfilialen nach sich. Ansonsten ist alles wie immer. Und so sitzen wir in unserem Zuhause voller Gegenständigem und fühlen uns leer. Ziemlicher Durchschnitt. Nichts Besonderes.

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Nicht besonders erzählenswert wäre dieses possierliche Dilemma des modernen, mündigen Bürgers, wenn der eigene Konsum lediglich Einkommen verschieben würde. Dann hätten alle mehr. Der eine mehr Dinge und jemand anderes mehr Geld, um sich Dinge zu kaufen. Aber da wir nicht in einer realitätsfernen Residenz von Vladimir Putin leben, sondern in einer Wirklichkeit, in der alles abgezählt ist, wird die Geschichte schwieriger. Denn: der Konsum des einen nimmt jemand anderem etwas weg. Die Lieferadresse weicht von der Rechnungsadresse ab. Jemand anderes bezahlt für unseren Konsum. Jemand anderes bezahlt in Form von schlechter Luft, trockener Erde, Plastik im Meer, einer Kindheit voller Arbeit. Die Litanei ist bekannt. Der Begriff „Lastschriftverfahren“ schien noch nie so zeitgemäß zu sein.

Dabei wissen wir es bei aller Payback-Punkte-Sammelei doch eigentlich längst besser. Wir wissen, dass es im Leben nicht um das WMF-Geschirrset für 3.000 Treupunkte oder um Erdbeeren im Januar geht. Wir wissen, dass es nicht darum geht, etwas zu haben, sondern etwas zu sein. Es heißt ja schließlich auch nicht Dahaben, sondern Dasein.

Soweit so logisch. Was dennoch nur schwer zu begreifen scheint, ist die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Menschen ab einem gewissen Einkommensniveau nicht mehr Glück spüren durch ein Mehr an Geld. Geld, das uns von Hunger, Krankheit und Existenzangst befreit, steigert die Zufriedenheit. Aber die paar Scheine netto mehr zur Finanzierung einer Mitgliedschaft im Golfclub machen uns nicht unbedingt glücklicher. Und doch halten wir fest an dem Glauben, dass Konsum, für den man nun mal Geld braucht, glücklich macht. Wir werden förmlich fest getackert an diesen Glauben. Denn so finanziert sich dieses ganze Kartenhaus, das wir Wirtschaft nennen. Wir leben in einer gigantischen Werbefläche, die erst durch unseren Konsum bezahlt wird. Spätestens jetzt schwirrt einem der Kopf und man möchte sich unter einer Wolldecke in der neuesten Trendfarbe verkriechen.

Und dann? Die vergangenen Monate lehrten uns einiges. Vor allem begriffen wir, dass mehr entbehrlich ist, als wir es für möglich gehalten hätten. Hosen im Büro zum Beispiel. Doch was ist das, was uns am Ende dieser beschwerlichen Reise als unentbehrlich erscheint? Wir vermissen den Schnack mit Kollegen im Büro, nicht den imposanten Elbblick aus dem Konferenzraum. Wir sehnen uns nicht nach der Pizza beim Italiener, sondern nach dem Erlebnis Pizzaessen beim Italiener. Wir vermissen das Stimmengewirr, den Blick auf eine Karte, die wir schon auswendig können, die Erinnerung an den letzten Urlaub in der Toskana, den Sambuca, der schmeckt wie bittere Glückseligkeit. Wir vermissen Begegnungen und Erlebnisse. Noch schlimmer: das, was uns so fehlt, ist zur Gefahr verkommen. Das, was uns fehlt, bringt diejenigen in Gefahr, die uns so sehr fehlen. Das zu verarbeiten, ist schwieriger zu verdauen als Essen 2 aus der Kantine, die wie eine Hexenküche aus einer anderen Welt aus unserer Erinnerung verschwindet. Wir vermissen Menschlichkeit, die den Menschen erst zum Menschen macht.

Donald Trump Falsches Zitat Corona Infektion USA

Doch nutzen wir die Zeit, die so zäh zu verstreichen scheint und räumen auf. Um Platz schaffen für Menschlichkeit. Und für Dinge, die uns wirklich wichtig sind.

Also: Fang zum Beispiel mit deinen Füßen an, die dich ja irgendwann wieder zu einem Konzert tragen oder auf einer Hochzeit mit dir tanzen sollen. Wie wichtig sind sie dir? Wie häufig schaust du sie an? Bei der Gelegenheit zähle sie auch noch mal ab. Und dann zähle deine Schuhe. Es sind garantiert mehr als du denkst. Und dann frage dich: bin ich ein so großer Fußfan, dass ich jede Woche ein anderes Paar tragen können möchte? Wenn du deinen Füßen diese Achtung entgegenbringen möchtest, freue dich. Du hast etwas gefunden, was dir im Leben wahres Glück bereitet. Nutze die Zeit und baue deinen Schuhen ein riesiges Regal, sodass du sie immer sehen kannst. Putze sie. Sortiere sie. Erinnere dich an die Wege, die ihr zusammen gegangen seid.

Wenn du deinen Schuhen oder deinen Kerzenständern oder deiner Topfsammlung nur etwas weniger Emotionalität und Leidenschaft entgegenbringen kannst, verschenke oder verkaufe sie (siehe Beitrag: Letzte Preis). Und gib ihnen so die Chance, bei einem echten Liebhaber ein erfüllteres, blasenfreies Leben zu erhalten. Verkaufe deinen Spaghetti-Topf, in der Hoffnung, dass du das Problem damit nicht nur in einen anderen Haushalt verschiebst, sondern der unbenutzte Spaghetti-Topf in den Händen eines begnadeten Kochs landet, der Spaghetti selber herstellt und regelmäßig seinen Lieblingsmenschen serviert, weil es das beste Essen ist, das er sich im Leben vorstellen kann. Kein geringerer sollte der Käufer deines Topfes sein. Kein geringerer solltest du sein, wenn du überlegst, dir einen Spaghetti-Topf zu kaufen.

Und wo du gerade in deinem Leben aufräumst, räume deine Zeit gleich mit auf. Schau einmal zum Beispiel nach, wie viel Zeit du an deinem Handy verbringst (neue Modelle können das). Und dann überlege, was du mit der Zeit, die dir ja im Allgemeinen im Leben ach so sehr fehlt, hättest tun können. Wie viel aufrichtige Briefe hättest du schreiben können, anstatt belanglose Emojis zu verschicken. Wie gut wäre dein Klavierspiel, wenn du jeden Tag, direkt nach dem Aufstehen, so viel Zeit mit Üben verbringen würdest. Denke nach, bevor du dich bei Clubtik oder Tokhouse oder was auch immer anmeldest. Denke darüber nach, was du dir von der Investition deiner Zeit erhoffst.

Du musst ja nicht gleich zum asketischen Minimalisten werden, der in seinem einen Leben alles nur einmal besitzt außer seinen Unterhosen. Doch versuche einmal, anstatt in mehr von allem, mehr in das zu investieren, was dir wichtig ist. Dauerhaft. Aufrichtig. Minimiere deinen Konsum materieller und nicht materieller Dinge. Und schaffe Platz zum Denken. Helfen. Sparen. Lieben. Atmen.

Wenn man einmal den Schalter umgelegt hat, ist es schwer, ihn wieder zurück in seine Ausgangsposition zu hieven. Wenn man einmal begriffen hat, was so schwer zu begreifen war, dann ist es umso schwerer, die Erkenntnis zu vergessen. Dieser Griff nach dem Schalter, nach der Erkenntnis, ist das aufrichtige Durchdringen der abgewetzten Aussage: weniger ist mehr.

„Love people, use things. The opposite never works.“ – the Minimalists.




Immer gleich anders.

Veränderung Schellenaffe Discokugel

Nichts bleibt, wie es war. Unser Leben ist Flubber. Erinnert sich noch jemand an dieses cineastische Meisterwerk über grünen Schleim? Jedenfalls ist unser Leben wackelige Götterspeise, die nie fest wird und sich allen Formen anzupassen vermag. Wir leben in ewiger Veränderung und passen uns dem an, was die Bahndurchsage verkündet. So weit, so klar – wie grüner Nasenauswurf oder Bahndurchsagen eben sein können.

Doch bei all den ewigen Veränderungen, mit denen wir uns zu arrangieren gelernt haben, eines bleibt immer gleich: der Glaube daran, dass sich alles ändern wird. Und zwar, dass in einem neuen Jahr alles anders wird. Dass alles sich zum Guten verändern wird, was in den letzten zwölf Monaten, naja, eher so mittel war. Diesmal wirklich. Diese Hoffnung ist fest mit uns verbunden. Denn niemand sitzt am Neujahrstag alleine mit einer Familienpackung Plunderteilchen bei Tische und denkt sich: ich möchte auch im neuen Jahr meiner Fettleibigkeit und Beziehungsunfähigkeit absolute Treue schwören. Oder keiner nimmt sich ganze feste vor in der Privatinsolvenz zu bleiben, weil er dieses Gefühl der abgrundtiefen Panik so lieb gewonnen hat wie ein Plunderteilchen.

Wir glauben, der Jahreswechsel wird es schon richten. Doch warum genau sollte sich, weil eine 0 zur 1 wurde, unser neuer Alltag wieder von einer absoluten Null zur Eins mit Sternchen wandeln? Und so sitzen wir weiterhin ausgebremst und uns über unseren naiven Irrglauben wundernd zuhause. All die Reiseziele bleiben genau dort, wo sie im letzten Jahr auch waren: in Wartestellung. All die Gutscheine bleiben in ihren Umschlägen. All die Pläne liegen in der Schublade. Und niemand macht diese dreiste Veränderung, die keiner wollte, wieder rückgängig. Niemand stellt die Discokugel wieder an.

Doch für alle, die sich nach einer Veränderung des aktuellen Zustandes sehnen, kommt hier die Erlösung: der Schellenaffe wird sich verändern (geschickt eingelocht, ich weiß). Über die Jahre hat er seinen Stil, seine Themen und seine Leserschaft stetig verändert. Nun geht es an die Dosierung. Bisher hat der Schellenaffe als stummer und doch lauter Begleiter jeden Montag – also wirklich jeden Montag in den letzten dreieinhalb Jahren – dem Wochenstart seinen faden Beigeschmack versucht zu rauben und ein bisschen Süßungsmittel geliefert. Einfach so. Nun wird das Scheppern am ersten Montag im Monat erscheinen, also monatlich, zwölfmal im Jahr. Am ersten Montag im neuen Monat – griffig abgekürzt EMINEM – gibt es wie gehabt einen völlig willkürlichen Beitrag. Warum? Einfach so. Denn nichts bleibt, wie es war. So hat der Affe mit den Schellen mehr Zeit, seine wirren Gedanken zu sortieren (sonst kommt nur Flubber raus, wie man sieht) und sich gleichzeitig neuen Projekten zu widmen. Auf jene darf man sich freuen. So, wie man sich fortan auf EMINEM freuen darf. Wer hätte das gedacht. So verändert sich die Welt.

(Um sicher zu gehen, dass niemand verloren geht auf diesem sich verändernden Weg, hier als kleiner Stolperstein die Erscheinungstermine, die man sich am besten direkt im Kalender notiert: 04.01.2021 / 01.02.2021 / 01.03.2021 / 05.04.2021 / 03.05.2021 / 07.06.2021 / 05.07.2021 / 02.08.2021 / 06.09.2021 / 04.10.2021 / 01.11.2021 / 06.12.2021)




Dinner for One.

Silvester Corona 2021 Happy New Year Dinner for One

Endlich! Endlich! Endlich gute Nachrichten! Ja, es gibt sie noch – die richtig guten Nachrichten: Die Bomben, die Drogen, die Exzesse haben ein Ende. Nichts und niemand eskaliert. Niemand ballert einen oder sich einen weg. Stattdessen wird isoliert und höchstens ein bisschen beflissentlich fermentiert (Gemüse, Früchte oder eben der eigene Körper wird eingelegt, bis er zu Alkohol wird). Same procedure as every month of this year. Endlich mal wirklich Dinner for One. Or two. Oder die Quersumme der Anzahl an Haushalten multipliziert mit Phi.

Das neue Jahr kommt, doch Silvester fällt aus. Wem wird es überhaupt fehlen? Wer mag schon Silvester? Also so wirklich? So wie man vielleicht seinen Geburtstag, das Weihnachtsfest oder den Tag, an dem Boris Johnson einen Friseursalon betritt, mag? Dieser letzte Tag im Jahr ist doch das Letzte. An jedem Tag im Jahr darf man um zehn Uhr ins Bett gehen, wenn einem danach ist. Niemand käme auf die Idee zu sagen, man sei einsam, langweilig oder humorbefreit. Man erntet eher Anerkennung für ein so forderndes Leben, das man anscheinend führt und die Disziplin, die man aufbringt, um dieses zu meistern. Aber wer am 31.12. vor Mitternacht ins Bett geht, ist ein unvermittelbarer, freud- und freundeloser Kauz. Doch selbst, wenn man den Mut aufbrächte, allen „und was machst du Silvester?“-Fragen zu trotzen und den Abend mit Daunen zu verbringen, man käme nicht dazu, schnarchend zu protestieren. Denn mit Einbruch der Dunkelheit stellt sich dieses beklemmende Gefühl ein, in Aleppo zu sein. Jedoch in einer eigenartigeren Version eines Kriegsgebiet, in der die Menschen anscheinend so wenig Hoffnung sehen, dass sie dazu übergehen, ihr Geld anzuzünden oder es ganz in die Luft zu sprengen.

Doch dieses Jahr wird alles anders. Weniger Selbstzerstörung und zerstörte Briefkästen. Weniger süßen Sekt, mehr feinperlig geschüttelter Weißwein. Weniger Gespräche über Vorsätze, die sich jedes Jahr – wie Dinner for One – wiederholen. Derzeit nimmt sich eh niemand, wirklich niemand irgendetwas vor. Außer vielleicht noch durch die Haustür zu passen.Wer Pläne jenseits der Haustür schmiedet, nährt sich wohl von Enttäuschungen und Absagen. Oder mag einfach Gutscheine.

Und so ergeben sich völlig neue Fragen: Wie es wohl ist, ohne Konfetti zwischen den Bodendielen, ohne Kopfschmerzen zwischen den Schläfen aufzuwachen und in ein neues Jahr zu starten? Wahrscheinlich recht langweilig und unaufgeregt. Aber das sollte ein gutes Omen sein. Möge das neue Jahr also wie der Neujahrsmorgen werden: ausgeschlafen und frisch. Und nicht wie der Kater nach einem nervenaufreibenden Vorabend werden: dickschädelig und bettarm. Möge uns das neue Jahr viele Gründe zum ausgelassenen Feiern geben (siehe zum Beispiel: Frohes Neues). Mögen wir diese Gelegenheiten nutzen, um in die mit zehn gesunden Fingern versehrten Hände zu klatschen.

Egal, wann.

Silvester Frohes Neues Dinner for One 2020 Corona




Schön negativ bleiben.

Negativ Testergebnis Covid Optimismus positiv

Langsam wird es ein bisschen anstrengend. So ein wenig mühsam. Peu à peu schwindet die Kraft, sich selber und seine Gedanken zu beherrschen. Die kleinen Klumpen Kacke, die sonst auf einen einprasselten und die man bisher noch immer mit kraftvollem Optimismus weg zu schmettern vermochte, sind einem nicht enden wollenden Fluss an Gülle gewichen (ja, der heutige Beitrag enthält Spuren von Kraftausdrücken). Trog um Trog entleert sich über den eigenen Gedanken und man kauert sich unter seinem löchrig werdenden kleinen Regenschirm zusammen, um sich vor der gröbsten Scheiße zu schützen. Schlägt man die Zeitung auf, schaltet den Fernseher ein, blickt auf sein Handy oder hört den Menschen zu, fällt es immer schwerer durch den Gülleregen den Sonnenschein zu erkennen. Alles mieft und motzt. Dass die Welt noch nicht endgültig untergegangen ist, kann nur daran liegen, dass Gülle ein recht tragfähiges Medium ist. Wir sinken so langsam, dass wir es nicht mehr merken. Aber es geht bergab. Das ist so klar wie, ach, klar ist schon lange nichts mehr. Oder hat hier noch irgendjemand den Durchblick? Oder irgendeinen Plan? So wundert es einen eigentlich auch nicht mehr, dass man in einer Zeit lebt, in der man nur dann noch irgendetwas tun darf, wenn man negativ ist. Wir testen uns und sind erleichtert, wenn wir negativ sind. Positiv zu sein ist eher so mittelschwierig. Der Gedanke, dass es anderen – früher oder heute – noch schlechter geht, tröstet uns irgendwie auch schon lange nicht mehr. Erst recht dann nicht, wenn man Schalke Fan ist.

Negativ Testergebnis Covid Optimismus positiv Naja so mittel

Ehrlich gesagt, diese Litanei ist so ein riesiger, stinkender Mist wie alle Schlagzeilen, die einem in letzter Zeit ins Gesicht geknallt wurden. Können wir uns alle bitte mal wieder für einen Moment zusammenreißen? Wem hilft es, wenn man sich in Selbstmitleid und Pessimismus suhlt? Wenn man nur noch auf die Schattenseite der Medaillen schaut? Und dabei völlig vergisst, dass man eine Medaille in der Hand hält. Für alle Unsportlichen: das ist der Inbegriff von Kampfgeist, Erfolg und Glück. Anstatt an Dingen zu verzweifeln, dir wir nicht oder kaum beeinflussen können, wie wäre es, wenn wir uns ein bisschen zusammenreißen und beginnen, in der Gülle genüsslich zu baden? Warm und ph-neutral ist sie ja. Machen wir das Beste draus. Hören wir auf, immer nur über Mist zu reden. Wie wäre es als Aufwärmübung, wenn wir das Fest, das sonst ja immer ach so schrecklich anstrengend, gehetzt und gemästet ist, für das nutzen, wofür es eigentlich gedacht ist: Besinnung. Anstatt darüber zu jammern, dass jenes Fest dieses Jahr nicht so ist, wie wir es jedes Jahr nicht wollen, könnten wir uns mal besinnen. Nicht auf das, was sich als schleimiger Bodensatz in dem Gülletrog langsam absetzt, sondern auf das, was uns – trotz allem – jauchzen und frohlocken lässt. Auch wenn wir diese Verben langsam verlernt zu haben scheinen. Reden wir bitte über schöne Reiseerinnerungen, bei denen es doch völlig egal ist, in welchem Kalenderjahr sie den Weg in unser Herz fanden. Oder über kühne Träume, bei denen man ohnehin nie weiß, wann sie sich erfüllen. Oder die nach Braten und Zimt duftende Gegenwart, die wir so gerne vergessen. Schenken wir uns selbst ein gutes Stück Optimismus. Unverpackt. Nicht umtauschbar. Denn am Ende werden nicht unsere Schleimhäute getestet. Sondern unsere Zuversicht und Gelassenheit. Möge dieser Test positiv ausfallen.

Positive Weihnachten euch allen!




Moment mal.

Moment Momentaufnahme Corona 2020

„Entschuldigen Sie, aber darf ich Sie fragen, wo Sie Ihre Maske her haben?“ Ich erkläre dem halben Gesicht einer mutmaßlich älteren Dame vor mir, wo ich meine überaus komfortable, atmungsaktive und empfehlenswerte Gesichtsverschleierung erworben habe. Als sei es das Normalste der Welt. Denn irgendwie ist es normal – geworden. Diese Gespräche. Die früher einmal skurril und irgendwie surreal gewesen wären. Skurreal. Aber was ist schon normal. Die Realität ist es jedenfalls nicht. Ein paar Nahaufnahmen dieser Momente, die sich neuerdings normal zu nennen scheinen.

***

Dieser Moment, wenn man maskiert die Sparkasse betritt und es niemanden interessiert. Man wartet auf den Alarm. Doch das einzige Geräusch ist das leise Platzen eines Traumes vom Banküberfall. Er verschwindet, wie ein Aerosolbläschen vor den beschlagenen Brillengläsern.

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Dieses Entsetzen, wenn sich Menschen in „alten“ Filmen die Hände schütteln. Wann hat man sich zuletzt über einen zu feuchten, festen oder kraftlosen Händedruck entsetzt?

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Diese Enttäuschung darüber, dass man seine Wohnung nicht verlässt – außer um seine Päckchen noch immer bei den Nachbarn abzuholen. Der Zettel am Briefkasten „Leider konnten wir Sie zuhause nicht antreffen“ schmeckt zynisch. Der Paketbote ist noch immer ein Fremder. Die Enttäuschung darüber ist neu.

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Dieses Gefühl, dass man jemanden belauscht, wenn man auf einmal die Anweisungen des Fußballtrainers mithört. Man dachte immer, er sei Pantomime und alle anderen Akteure stumm. Statt Fangesänge hört der Fan nun Gerede – noch mehr Gerede.

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Dieses Gesicht, das so fremd wirkt, weil es mal wieder geschminkt wurde. Die Augen hatte sich entwöhnt. Doch die Handbewegungen sind noch immer leicht wie Puder.

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Diese stille Freude über die heimlich getragene Jogginghose unter dem Schreibtisch. Konferenzen waren nie so gemütlich. Wären da nicht die unbequemeren Dinge, bei denen kein Stretchanteil hilft.

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Dieser Kater, der keine verrauchten Kleider kennt. Die Kopfschmerzen sind die gleichen, auch wenn sich der schwere Kopf keine Gedanken über die Lücken in der Erinnerung und der Geldbörse machen muss. Stattdessen fragt er sich, wie Taxis noch mal riechen.

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Dieser Einblick in das Arbeitszimmer und die Nasenlöcher fremder Menschen. Anstatt anhand von glänzenden Smartphones und edlen Aktentaschen merkt man Eitelkeit nun anhand eines Bücherregals. Harry Potter und „Excel für Dummies“ scheinen wohl unterster Regalboden zu sein.

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Das Gefühl etwas zu verpassen, das bleibt auch, wenn es nichts mehr gibt, was verpasst werden kann. Niemand erlebt irgendetwas. Dieses Etwas wurde das eigene Leben, das man verpasst. Gehört einem das eigene Leben noch, wenn es nicht mehr auf einen zu hören scheint?

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Dieses Weniger, das mehr wurde. Die Corona-App scheint die einzige Plattform zu sein, bei der man sich über geringe „Follower“-Zahlen zu freuen scheint. Steigt die Zahl, steigt das kratzige Gefühl im Hals. Exponentiell.

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Diese Müdigkeit, von der kein Schlaf befreit. Man war nie so ausgeschlafen, so früh im Bett, so spät „auf dem Weg zur Arbeit“. Und doch ist man müde. Müde der Sorgen, der sich ewig kreisenden Gedanken. Erschöpft vom Gefühl, in einem sonderbaren Traum gefangen zu sein. Dabei ist es nur das Bevölkerungsschutzgesetz, das einen gefangen hält.

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Diese Füße, die zu wachsen scheinen, weil sie nicht mehr eingeengt und wund gelaufen werden. Glücksgefüße machen sich breit.

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Dieser Unglaube über illegale Fitnessstudios. Fand man früher auf einsamen Parkdecks Spritzen, findet man dort heute Hanteln und Gummimatten. Heimlich aufgebaut für verzweifelte Bewegungsjunkies, die plötzlich am Rande der Legalität gemeinsam Schweiß spritzen.

Moment Momentaufnahme Corona 2020

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Dieses Gerede über Klopapier, das zum Wertpapier wurde. Man kann es nicht mehr kaufen. Und nicht mehr hören. Man stellt man langsam auf Durchzug. Wie eine leere Rolle Klopapier.

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Dieser Grund zum Feiern, der einem im Halse stecken bleibt. Spätestens wenn das Weihnachtsfest zur Textaufgabe wird (wenn 4 Personen aus 5 Haushalten zusammenkommen, wer ist dann schwanger?), wünschte man sich, die Schulen wären offen geblieben. Denn wer, wenn nicht zukünftige Generationen sollen diese skurreale Aufgabe für uns lösen?

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Diese Gelassenheit, die auf die Probe gestellt wird. Aber keine Alternative kennt.




Die Ohm-Macht.

Yoga Matte Flow Yoga Entspannung Hamburg Yogamatte

Die Welt steht auf dem Kopf. Und macht „ooohmmmmmm“ dabei. Wirklich. Klingt, als habe man einen Vogel? Den hat man. Mehr als einen sogar. Taube, Krähe, Kranich, was darf es sein? Oder lieber Hund in allen Varianten, Fische und Kamel? Was klingt wie die Speisefolge eines fernöstliches Schnellrestaurants, ist die Übungsfolge einer fernöstlichen Entschleunigungsform: Yoga.

Aber zunächst einmal einatmen. Und ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Das geht erst mal so eine Weile weiter. Um „anzukommen“ auf seiner Matte. Um anzukommen an dem Ort, an dem man sich eigentlich die ganze Zeit wähnte: im Hier und Jetzt. Aber schnell merkt man, dass man völlig regungslos zwischen Vergangenheit und Zukunft hin und her springt. Als würde man alle Folgen „Zurück in die Zukunft“ in fünffacher Geschwindigkeit gleichzeitig schauen. Das Einzige, was zu ruhen scheint, sind die Beine im Schneidersitz. Sie sind eingeschlafen. Um die Gedanken an Lähmungserscheinungen und den Geistestanz zu unterbrechen, fängt man an zu röcheln. Wie Darth Vader mit Krümel im Helm. Die Yoga-Lehrerin sagt den Namen dieser Atemtechnik. Irgendwas mit „ohwei“.

Mit einigen sanften Bewegungen beginnt man sodann seine Muskeln aufzuwärmen. Ehe man sich versieht, befindet man sich in etwas, was sich „herabschauender Hund“ nennt, aber eher den Namen „hinauffurzendes Schwein“ oder „untergehendes Selbstbewusstsein“ verdient. Mit dem Kopf über dem Abgrund baumelnd sucht man vergeblich nach Motorik und Gelenken. Das aufkommende Schwindelgefühl scheint immerhin das Kreisen der Gedanken zu unterbrechen.

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Im Rhythmus der eigenen Atmung beginnt der Tanz der verkürzten Muskeln. Es folgen allgemein bekannte Bewegungsabfolgen, die sich „Sonnengruß“ nennen. Es grüßen primär allerdings die wieder schneller werdenden Gedanken und Atembewegungen, die man versucht zu kontrollieren. Links, rechts, hoch, runter, vor, zurück. Es gab und gibt noch immer Gründe, warum man nie in die Tanzschule gehen wollte. Schnell wünschte man, man sei wieder Kind. Also „im“ Kind, einer Position, die man wie kaum eine andere zu meistern weiß: als kleines Päckchen auf dem Boden liegend löst sich alles. Auch das „Völlegefühl“ im Bauch.

Aber jetzt hat die Frau da auch noch „Schambein“ gesagt? Ohwei. Schlimm genug, dass die Yoga-Lehrerin überhaupt sprechen kann, aber warum muss sie auch noch, während sie auf ihren Händen im Spagat steht, reden, als würde sie andächtig ein Ave Maria auf der Kirchenbank beten? Selber beginnt man zu beten. „Herrgott, möge mich niemand sehen!“ Doch ehe sich das eigene Schambeingefühl und irgendein Ehrgeiz ihren Weg auf die Matte bahnen, unterbricht die Trainerin die entstehenden Verkrampfungen. Es gehe hier um nichts. Yoga ist nicht olympisch. Niemand erwarte irgendetwas von dir. Du entscheidest, wie weit du gehst. Und du entscheidest eben auch, wie weit du dich von der Dehnbarkeit und Übermenschlichkeit dir fremder Seelen beeindrucken lässt. Dein Fuß hinter deinem Ohr interessiert mich nicht. Mit dieser Einstellung geht man sodann gemütlicher mit den sanft diktierten Herausforderungen um. Wenn ich etwas nicht kann, dann wollte ich halt einfach nicht. Ich oder meine Hüfte. Oder irgendein neu entdeckter Muskel, dem man sich eh erst einmal höflich vorstellen muss. Doch irgendwann rinnt der Schweiß, die Zehen kommen in der Vorwärtsbeuge greifbar näher und die Nummer mit der Brücke versucht man einfach mal – ohne Fahrradhelm. Und siehe da: es geht und der Schädelbasisbruch bleibt aus. Das nennt man dann wohl Erfolge, über die man sich ein bisschen zu freuen beginnt.

Aber das sind Details. Es geht hier ein- und ausatmend um nichts und das große Ganze zugleich. Jedes Mal, wenn man diese Matte ausrollt, lernt man mehr als die dehnbaren Grenzen seines Körpers kennen. Man entdeckt die Grenzen seines Geistes. Seine innere Haltung und Verfassung. Wohin fliegen die Gedanken in den ruhigen Momenten? Wie gehe ich mit Herausforderungen um? Nehme ich wahr oder werte ich? Am Ende geht es um die Regulierung der Lautstärke des Schepperns. Nicht nur auf der Matte. Wenn man zum Abschluss einer Stunde in der „wichtigsten Übung“, die sich irgendwie „Schnaps-Wasser-ja“ nennt, auf seinen zwei Quadratmetern Kautschuk liegt, merkt man, wie es leiser wurde, das Scheppern. Wie es kommt, aber auch wieder geht, wenn man es nur anschaut, anstatt mit ihm zu sprechen. Stattdessen merkt man dieses Kribbeln, dieses Scheppern im Bauch. Ganz so, als sei man ein kleines bisschen in sich selber verliebt. Man spürt nach all der Anstrengung diese komplette Form der Ent-Spannung, die erst im Kontrast mit der vorherigen Anspannung entsteht.

Irgendwann steht man wieder auf. Und merkt, dass man sich dabei nicht mehr wie ein herabschauender Hund fühlt. Eher wie ein lachender Buddha.

Das Lachen in mir grüßt das Lachen in dir.




Letzte Preis.

eBay Kleinanzeigen

Puh, November. Ist ja eher so unteres Mittelfeld in Sachen monatlicher Gefühlsaufwallung. Menschen, die den November als ihren Lieblingsmonat bezeichnen, mögen auch den Geruch von nassem Hund und die Farbe Ocker. Normale Menschen meiden hingegen den November, indem sie verreisen oder Weihnachtsmärkte eröffnen. Diesmal sind die Bedingungen jedoch besonders Novembernebel-trüb. Irgendwo zwischen der Decke, die einem auf den Kopf fällt, und dem Boden, auf dem man im Matsch ausrutscht, kriegt man allmählich ein klein wenig schlechte Laune. Um diese zu überwinden, frönt man dem altbewährten Motto „aufkaufen statt ausrasten“ und lässt sich zum Konsum verführen von laut schreienden Black-Friday-Angeboten, die so hochpreisig sind, dass sie in einen persönlichen schwarzen Freitag zu münden drohen: dem Crash in der eigenen Geldbörse. Und da hat der Cyber Monday, an dem man endgültig zum Cyborg mutieren wird, noch gar nicht begonnen.

Umsatz wird angesichts der eigenen Privatinsolvenz ebenso wie Stauraum für die zahllosen Pakete, die demnächst bei den Nachbarn abgeholt werden sollten, herbeigesehnt. Was also tun? Die Lösung ist denkbar einfach: ausmisten statt ausrasten. Alles Unliebsame, was keinen Herzschlag kennt, soll zu Geld gemacht werden. Hierfür hat dieses Neuland Internet einen wunderbaren virtuellen Ort geschaffen, an dem man sich jedes Mal, wenn man ihn betritt, daran erfreut, dass das wirkliche Leben anders ist als das Leben an jenem Ort. Man freut sich darüber, dass man normalerweise in ganzen Sätzen miteinander kommuniziert, Fremde nicht einfach die eigene Wohnung betreten und man seinen eigenen Rassismus im Griff hat. Dieser Ort, an dem alles anders ist, heißt eBay Kleinanzeigen. Was klingt wie ein Bürgerportal zur Strafverfolgung von Kavaliersdelikten, ist in Wahrheit ein orwellsches Labor zur Studie menschlichen Verhaltens. Als kostenlose Beratung aller Novemberneulinge sei an dieser Stelle daher die Verfahrenweise einmal erläutert.

Zunächst beginnt es mit der Identifikation möglicher Verkaufsobjekte. In diesem Jahr ist dies besonders einfach, da das sogenannte Wichteln ausfällt, bei dem man sich normalerweise solcher Dinge entledigt. eBay Kleinanzeigen bietet die Möglichkeit alle diese zu verkaufen. Wirklich alles. Gegenstände, Dienstleistungen, Lebewesen. Vermutlich sogar gegenständliche Dienstleistungen mit Lebewesen. Oder gebrauchte Lippenstifte.

Als nächstes recherchiert der Nippes-Owner den marktüblichen Preis des Verkaufsobjektes und bewertet den Zustand des eigenen Gedöns. Profis dimmen hierfür das Licht. Dies ist ebenfalls hilfreich, um anschließend von einem automatischen Blitz überbelichtete Fotos zu machen. Diese stellt man dann mit einem knackigen Werbeslogan wie „Nippes mit Niveau sucht begüterten PayPal-Kunden“ online und wartet auf erste Interessenten. Ob man dabei den Preis als verhandelbar oder feststehend angibt, spielt keine Rolle. Verhandelt wird so oder so. Jene Verhandlung wird meist mit dem eloquenten Klassiker „Letzte Preis?1!“ eröffnet. Doch nun unterdrückt man den Impuls, denjenigen wegen Sittenwidrigkeit zumindest klein anzuzeigen und antwortet stattdessen mit einem freundlichen „Guten Abend Herr [Name, von dem man nicht weiß, ob es ein Vor- oder Nachname ist], vielen Dank für Ihre Nachricht und das darin bekundete Interesse an unserem hochwertigen Produktangebot. Leider ist es uns aufgrund des Fehlens einer sachlichen Anrede und diverser Satzbausteine nicht möglich, Ihre Anfrage zu bearbeiten. Zur Erzielung eines zeitnahen Vertragsabschlusses und Beseitigung etwaiger Missverständnisse bitten wir daher um erneute Übersendung eines vollständigen Satzes. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Wortschatz.“

eBay Kleinanzeigen Nippes Weiterverkauf verkaufen

In der Regel reagieren Interessenten hierauf wie auf den adventlichen Besuch der Steuerfahndung: sie tauchen unter. Dieses Phänomen der plötzlich einsetzenden gespenstischen Stille ist bekannt aus dem Bereich des Online-Datings und nennt sich „Ghosting“. Reagiert man zunächst noch irritiert und empört auf solch respektlose Formen des menschlichen Umgangs, entdeckt man bald die Nützlichkeit dieser Verfahrensweise und antwortet spätestens nach der dritten wortgewaltigen Preisanfrage nicht mehr auf Nachrichten. Auch nicht mehr auf die der eigenen Familie. Wie soll man auch antworten auf Fragen, die keine Fragen stellen? Man wird so oder so allmählich erschlagen von Wortfetzen und Buchstabenkombinationen. Spätestens wenn man etwas als „zu verschenken“ eingestellt hat, wird man restlos überflutet von der Fanpost „internationaler Käufergruppen“. Ein Wort der Warnung sei daher ausgesprochen: den Begriff „gratis“ sollte man sich auf eBay Kleinanzeigen sparen. Denn kaum ist er ausgesprochen oder –schrieben, wähnt man sich und seinen Nippes in der zwielichtigen Welt des Import-Export – und sich selber auf dem Jahrestreffen anonymer Rassisten. Doch eBay Kleinanzeigen wäre nicht so erfolgreich, wenn es für aufkeimendes Nationalbewusstsein keine automatisches Gegenmittel präsentieren würden: den Portokosten-Pedanten, der einfach nur Deutscher sein kann und Dieter heißt. Man hasst ihn augenblicklich. Wie bei einem Neugeborenen debattiert man mit Dieter Größe und Gewicht des nach Bottrop zu versendenden Babys und verbringt geraume Zeit auf der Internetseite der Deutschen Post. Sind die Verhandlungen irgendwann doch abgeschlossen, beginnt das Duell um Geld und Versand. Wer zuckt zuerst? Da dieses Duell nur etwas für die mutigsten Cowboys ist, suchen sich die meisten Nippes-Owner daher lieber einen vertrauten Kriegsschauplatz aus: das eigene Zuhause.

Und dann ist er da, dieser Moment, dem man so lange entgegengefiebert hat: der Moment, in dem man „Ja“ sagt. Und seine Adresse preisgibt. Von da an schläft man unruhig. Was ist, wenn jemand kommt, um den DVD-Player einfach zu stehlen? Um sich abzulenken, geht man alle Wechselgeldkonflikte im Geiste durch. In den nächsten Tagen hortet man entsprechende Schein-Münz-Kombinationen, um auf 4€ rausgeben zu können. Egal wie. Schließlich klingelt es. An der Tür. Und in der Kasse voller Kleingeld. Es folgt der Verkaufsakt auf der Türschwelle. Kurz und komisch. Wie jedes erste Mal. Erleichtert ist man, wenn man dem namenlosen Fremden schließlich hinterher blickt, der einem die Wohnung leerräumte – ein kleines bisschen leerer zumindest. Man fühlt sich befreit und bereichert. Ein erhabenes Gefühl, das abrupt unterbrochen wird von einem erneuten Läuten der Türklingel. Man befürchtet, der Nippes habe sich direkt im Treppenhaus pulverisiert und schaut zögerlich durch den Türspion – durch den man nur die hinter einem Berg an Paketen versteckte Schirmmütze eines DHL-Boten erkennt. Die Pakete – das erkennt man mit zugekniffenen Augen – tragen alle den eignen Namen als Anschrift. Puh, da ist er wohl: der letzte Scheiß.

(Link zum attraktiven Angebot: https://www.ebay-kleinanzeigen.de/s-anzeige/klopapier-interessante-fehlproduktion-2-in-1-sammler/ )




Eine Frage des gesunden Menschenverstandes. 

Gesundheit bleib gesund

Welche Überschrift tragen diese vergangenen Monate? „Du bist stummgeschaltet“. Oder „Naja, so mittel.“. Als Soundtrack dient vielleicht der very long Player „Best of Hotline Tunes“. Das Essen des Jahres ist irgendetwas Fermentiertes mit Hefe und Alkohol. Das Produkt des Jahres ausverkauft. Doch was ist die Erkenntnis des Jahres, die uns zwischen all dieser „laukühlen“ Fallzahlen-Folklore wirklich erleuchtet? Dass der eigene Beruf irrelevant, aber dafür in der Jogginghose zu bewältigen ist? Dass Friedrich Merz aussieht wie Mr. Burns (ja wirklich!)?

Bei all dem Wirrwarr der Stimmen in und um unseren Kopfes fällt es manchmal schwer, genau hinzu schauen. Das zu hören, was uns Dinge, die nicht immer sprechen können, sagen wollen. Das, was es zu begreifen gilt, zu sehen. Doch dieses Mal ist es eigentlich recht einfach. So einfach wie ein Oneway-Ticket. Und doch reden wir nicht wirklich darüber. Darüber, dass wir abhängig sind. Angewiesen auf dieses eine, was wir nicht erzwingen, kaufen oder festkleben können. Wir reden nicht über das, was wir vielleicht erst dann wirklich verstehen, wenn wir es nicht mehr haben: unsere Gesundheit.

Wir sind abhängig von der an sich beeindruckenden Funktionsfähigkeit unseres Körpers. Hakt nur ein Rädchen oder fällt es gar aus in diesem Hochleistungsrechner, wird es ungemütlich in unserem Körper und damit in unserem Leben. Wir können nicht mehr gut laufen. Nicht mehr richtig denken. Oder eben nicht mehr ausreichend atmen. Es fängt mit einem Schnitt am Finger (an), der beim Händewaschen brennt. Und reicht bis…daran will man lieber nicht denken. Die Details sollte man sich wohl besser ersparen. Denn ein Leben, in dem man ständig das bedrohliche Piepen lebenserhaltender Geräte zu hören glaubt, ist eine einzige Schattensimulation – und damit genauso so sinnvoll, wie ein Schattensimulator eben ist (Tchibo – Homeshadows Schattensimulator). Was nützt Gesundheit, die man aus Angst vor Krankheit besser bei Seite legt? Wer lebt, geht nun mal ein relativ hohes Risiko ein zu sterben. Irgendwie beruhigt es ja auch zu wissen, dass alles ein Ende hat. Man stelle sich nur vor, dass man wie die Queen unendlich viele Staatslenker erleben muss, ohne jemals zu sterben. Spätestens irgendwo zwischen Margret Thatcher und Boris Johnson vergeht einem daran irgendwie die Lust. Das, was wir Alterungsprozess nennen, erleichtert vielleicht am Ende das Ende. Den Abschied von dem, was wir einmal angefangen haben. Je mehr an uns herunterhängt, desto weniger hängen wir vielleicht an diesem Leben.

Und doch erschaudern wir jedes Mal, wenn sie näher kommen, diese Bombeneinschläge. Die Diagnosen, die Dramen, die Details. Zwischen betroffen und getroffen liegt manchmal nur ein Arztbesuch. Oder neuerdings ein Rachenabstrich. Ist man getroffen, fokussiert sich das Leben. Es kreist sich fortan um die Frage der eigenen Genesung. Immer beiläufiger werden Karriereschritte oder Einkaufsgänge. Es geht um das Wesentliche. Denn wir sind eben ein Wesen wie jedes andere, das davon abhängt, dass es funktioniert. Damit das so bleibt, forschen und therapieren wir. Wir versuchen zu lindern und heilen und erschaffen sogar ein System dafür: das Gesundheitssystem. Mit dem Begriff versuchen wir uns zu suggerieren, dass, wenn man es systematisch angeht, dann kriegt man das schon alles wieder hin. Mit der Unbesiegbarkeit des eigenen Körpers. Doch dass dem so nicht ist, wissen wir. Eigentlich. Doch manchmal braucht es ein Jahr, wie dieses, um uns das erneut vor Augen zu führen. Ein Jahr, in dem wir unser gesamtes Leben stummschalten, nur um nicht zu erkranken. Und so ist die Überschrift, die diese vergangenen Monate tragen, vielleicht doch eher „Zahnschmerzen sind auch mal wieder ok.“




Wo warst du, als…

Geschichte Historisch

Wie viele Dinge begreift man erst, wenn sie eigentlich schon vorbei sind? Man sieht alte Fotos von sich und stellt fest, wie jung man damals aussah. Man spürt wie gerne man einen Menschen hat, wenn er nicht mehr da ist und man ihn vermisst. Man merkt wie schön ein Urlaub wirklich war, wenn man wieder zuhause ist und erkennt, wie glücklich man an diesem anderen Ort war. So sehr wir nach einem Leben voller Achtsamkeit im Hier und Jetzt streben, so sehr sind wir geprägt von unserer Einordnung im Dahinten und Damals. Der Blick vom Ende aus auf die Sachen definiert oft erst, wie wir sie wirklich wahrnehmen. Ob die Dinge eine Bedeutung bekommen oder ob sie verblassen, bis sie irgendwann verschwinden. Der Blick danach entscheidet darüber, ob Erlebnisse Teil unserer eigenen Geschichte werden.

Ähnlich scheint es mit dem zu sein, was wir „die Geschichte“ nennen. Diese unsere gemeinsame Geschichte entsteht erst durch die Wirkung, die ein Ereignis auf den weiteren Lauf der Dinge für uns alle hat. Sie entsteht durch diese Nacherzählung, Nachbetrachtung, Nachbewertung. Was ist es wert, in unserem kollektiven Gedächtnis gespeichert und damit wiedererzählt zu werden und was bleibt eine Fußnote. Meist stellen wir erst mit Abstand fest, wenn etwas „historisch“ ist, nachdem es kein „wie früher“ mehr gibt. Was sind diese Dinge, die den Lauf der Dinge beeinflussen? Zu erkennen sind sie an einer einfache Frage, die ihnen gestellt wird: wo warst du, als…?

Wo warst du, als Tschernobyl passierte? Wo warst du, als die Mauer fiel? Wo warst du, als das World Trade Center einstürzte? Wo warst du während des Sommermärchens? Dass wir diese Frage zumeist beantworten können, belegt die Bedeutung der Erlebnisse. Sie haben sich zusammen mit dem beklemmenden, beängstigenden, intensiven oder berauschenden Gefühl in unsere gemeinsame Erinnerung gebrannt. Sie wurden Geschichte. Geschichte entsteht oft über Generationen und Grenzen hinweg und doch bleibt sie persönlich und unterschiedlich in ihrer Einordnung. Ein damals vierzigjähriger Amerikaner blickt anders als eine fünfzehnjährige Deutsche auf den 11. September 2001. Und doch erinnern sich beide an diesen Tag. An das Gefühl, das sie empfanden. Die Bilder, die sie noch heute sehen. Sie erinnern sich an den Moment der Geschichte. Doch wer merkte wirklich, als das zweite Flugzeug vor unser aller Augen in dieses riesige, starke Hochhaus flog, dass dies ein historischer Tag, eine Weltenströme verändernde Katastrophe war? Wer begriff in diesem Moment, dass es Geschichte war, die dort vor ihm einstürzte? Und wer begriff erst mit Abstand und Analyse, was er dort wirklich miterlebt hat?

Doch dieses Mal scheint alles anders. Wir spüren auf einmal die Gegenwärtigkeit der Geschichte. 2020 ist kein Jahr wie jedes andere. Nach 2020 ist die Welt nicht mehr, wie sie einmal war. 2020 werden wir nicht vergessen. 2020 ist jetzt gewordene Geschichte. Bevor es überhaupt zu Ende geht, ist das Urteil gefällt. Wir sind Zeitzeugen wahrlich historischer Ereignisse. Wie fühlt sich das nun an? Mittendrin zu stecken? Komisch. Anstrengend. Es kann jetzt bitte auch mal vorbei sein. Und doch ist es irgendwie auch beiläufig. Wir leben unser Leben oder das, was davon derzeit lebbar ist. Wir leben in dem heimlichen Versuch, so viel Distanz zwischen uns und der Geschichte zu bekommen. Abstand halten. Der Kampf gegen das Virus ist ein Kampf um die Normalität, die uns auf einmal kostbar und schützenswert erscheint. Wir möchten auf einmal doch nicht mehr „in die Geschichte eingehen“. Hier und da mal eine Maske tragen ist ja noch in Ordnung, aber viel mehr möchte man nun wirklich nicht damit zu tun haben. Ein historischer Hauch darf uns umwehen, aber bitte nicht der Atem des Todes. Ein bisschen mehr Zaungast als Zeitzeuge darf es sein. Geschichte, das sind doch lieber die anderen. Und so lehrt uns dieses Jahr schmerzlich: niemand schreibt Geschichte im Voraus, sie folgt keinem Plan. Es gibt kein Skript, das Rollen und Abläufe definiert. Oder bestimmt, was am Ende der Pandemie in die Geschichte eingeht. Was überhaupt das Ende ist. An was werden wir uns erinnern? Die Bilder aus Bergamo? Die eindringliche Ansprache der Bundeskanzlerin? Diese Versuche, Humor in die Erzählung der Geschichte zu bringen (Video der Bundesregierung „Besonderhelden“)? Einen maskierten Präsident Biden, der seinen Amtseid schwört? Die Wahl eines Kanzler Söder?

Wir wissen es nicht. Jetzt nicht. Aber irgendwann werden wir es wissen. Spätestens dann, wenn uns jemand die Frage stellt: wo warst du, als es 2020 war?