Das arme Würstchen.

Armes Würstchen Wurst Donald Trump

Jetzt sitzt er da in diesem Haus, das nicht seines ist, und man fragt sich, was er als nächstes tut. Wird er die Einrichtung mit seinem Neuner-Eisen zertrümmern? Wirft er sein Handy an die Wand, weil er merkt, dass Dinge nicht wahrer werden, wenn man sie in Großbuchstaben schreibt? Drückt er widerspenstig den Knopf, weil er seinem Nachfolger das Leben noch ein paar Atome schwerer machen möchte als es ohnehin schon sein dürfte? Was macht er, die arme Wurst, die bald auf die Straße gesetzt wird?

Immerhin sucht er zur Selbstregulierung zunächst einen Ort auf, an dem man eher eine ruhige Kugel schiebt. Ob er an diesem Tag zweimal verloren hat, ist nicht überliefert. Sein allgemeiner Gemütszustand legt es zumindest nahe, dass die Partie Golf weniger kathartisch war als erhofft. Das ist aber auch einfach ein schwieriger Tag, dieser Tag, an dem man sich mit Fakten auseinandersetzen muss, wo man Fakten doch noch weniger mag als zu verlieren. Nennen wir sie stattdessen vielleicht daher besser Details. Da ist zum Beispiel dieses Detail, dass ein latent zwielichtiger Politiker, der den Klimawandel ebenso wie die eigene Fehlbarkeit leugnet, 71 Millionen Wählerstimmen gewonnen hat. Das sind mehr Wählerstimmen, als jeder amtierende US-Präsident jemals zuvor bei einer Wahl gewonnen hat (Tweet realDonaldTrump). Damit kann man ja wohl nur eines sein: ein Sieger! Wäre da eben nur nicht dieses zweite, klitzekleine Details, dass da ein Gegenkandidat war, der noch mehr Stimmen erhalten hat. Und das auch noch so feige und frankiert per Brief. Anstatt heroisch an die Urne zu treten. Albern. Dass da überhaupt ein Gegenkandidat nötig war. Einfach albern, diese Bagatelle.

Dann wäre da noch dieses marginale Detail, das ein Hotel von einem Gartencenter unterscheidet (www.spiegel.de/politik/ausland/donald-trump-kuendigt-pressekonferenz-in-luxushotel-statt-industriegebiet-an). Wenn man das übersieht, dann kündigt man halt aus Versehen eine Presskonferenz am falschen Ort an und muss dann heroische Halbwahrheiten zwischen einem Einäscherungsdienst und einem Garagentor abhalten. Das Ende und verschlossene Türen sind dabei ein durchaus gut gewählter Rahmen. Insbesondere, wenn man um Geld betteln möchte, weil der eigene Wahlkampf ein bisschen teurer war als gedacht (www.spiegel.de/politik/ausland/donald-trump-will-mit-spenden-wahlkampfschulden-bezahlen). Das geht in einem Luxushotel schlechter als in einem trostlosen Industriegebiet. Da dürften sich die Taschen nur so öffnen. Zumal da noch dieses lästige Detail, dass man als normaler Bürger nicht immun ist und sich auf einmal wieder an Gesetze halten muss, auf einen wartet. Gut, wenn man da ein bisschen mehr Geld einsammelt für Gerichtskosten – aller Art. (www.zeit.de/politik/ausland/2020-11/donald-trump-wahlniederlage-immunitaet-klagen).

Dies alles wäre ziemlich witzig – wäre es nicht real. Denn mit einem Detail hat er recht: „BAD THINGS HAPPENED“ (Tweet realDonaldTrump). Es ist also an der Zeit, dass gute Dinge passieren – und ein gewisses Würstchen endlich auf die Straße gesetzt wird. Und der ganze Wurstgulasch ein Ende hat.




Hasst du sie noch alle?

Hass Hasshilft Hasskommentare Hate

Kinder dürfen vieles, was Erwachsene noch immer gerne dürfen würden. Mittagsschlaf halten. Den Nachmittag mit Freunden abhängen. Sich an einem Bonbon erfreuen. Kinder lassen ihren Emotionen und Bedürfnissen freien Lauf. Und so dürfen Kinder auch eines, was man als Erwachsener zu kontrollieren gelernt hat: sie dürfen hassen. Sie dürfen Spinat so sehr hassen, dass sie ihn an die Wand werfen. Sie dürfen das Zähneputzen so sehr hassen, dass sie sich auf den Boden werfen. Sie dürfen den Jungen mit der laufenden Nase so doof finden, dass sie ihn mit Sand bewerfen. Denn sie wissen es ja noch nicht besser. Als Erwachsener kratzt man dann das Grünzeug aus der Bücherwand und die Reste seines vormals herzallerliebsten Balges von den Bodenfliesen und erklärt ihm die Welt. Man erklärt ihm diese Welt, in der man Dinge zu akzeptieren lernen muss, die einem vielleicht nicht immer schmecken. Diese Welt, in der es Platz für Wut, aber keinen Raum für unkontrollierten Hass gibt. Diese Welt, in der man sich sicher bewegen und sprechen darf, weil man weiß, dass einen niemand aus Hass mit Sand oder Schlimmerem bewerfen wird.

So dachte man. Doch dann gehen einem schleichend irgendwie die Argumente aus. Der Hass scheint salonfähig geworden zu sein. Dieser Eindruck entsteht, wenn man den amerikanischen Wahlkampf verfolgt, der in seiner Hässlichkeit und Unversöhnlichkeit kaum zu überbieten möglich scheint. Der Gedanke kommt auf, wenn man hört, dass Menschen auf offener Straße willkürlich enthauptet werden. Das Gefühl schleicht sich ein, wenn man die Kommentarspalten einer beliebigen Internetseite betrachtet. Anonym, bedrohlich, laut spürt man ihn immer mehr, diesen Hass, der keine Versöhnung zu kennen scheint. Man hört, liest und spürt diese abgrundtiefe Abscheu, die nichts mehr mit aufgewühlter Wut, mit der man noch sprechen, diskutieren oder getrennte Wege gehen kann, zu tun hat. Hass ist unkontrollierte Angst. Wer hasst, lebt in einer Einbahnstraße. Einer Straße, in der jeder Gegenverkehr verboten und bedrohlich ist. Man wähnt sich als einziger auf dem richtigen Weg.

Hass Hasshilft Hasskommentare Hate

Jeder von uns kennt diese Straße und war schon verleitet, auf ihr zu fahren. Man hasst diesen einen Kollegen, der sich immer mit fremden Lorbeeren schmückt und damit auch noch durchkommt. Man hasst den Geruch von Kohl. Man hasst Schalke. Man hasst Menschen im Allgemeinen (Ich hasse Menschen). Aber wenn man so „hasst“, hasst man nicht wirklich. Man wird nicht hässlich. Man ist wütend, enttäuscht, frustriert, aber weiß dabei, dass man grade wütend, enttäuscht oder frustriert ist. Man spürt die eigene Wut und nimmt sie wahr. Man gratuliert dem Kollegen vielleicht nicht zum Geburtstag. Aber man wünscht seinem Kollegen nicht den Tod oder zündet die Wohnung jenes Kohlliebhabers an. Bei der Gasentwicklung hätte man eh Angst vor der Denotation. Die meisten Menschen kontrollieren sich in ihrer Wut.

Doch wer sind diese Menschen, die mit voller Wut auf die Einbahnstraße biegen und gerne noch mal beschleunigen? Wie viele sind es? Sitzen sie in der U-Bahn, im Büro, im Café neben einem, während sie Angela Merkel an den Galgen wünschen? Sicherlich gilt: der Hass ist eine laut brüllende Minderheit. Die Mehrheit der Menschen ist mal genervt, ziemlich sauer oder oft enttäuscht, aber sie hasst nicht. Doch diese Mehrheit ist zumeist auch eines: leise. Und so entsteht der Eindruck einer Gesellschaft gespickt mit anonymem Hass. Ist der Hass an sich gewachsen, oder nur der Raum gewachsen, ihn zu artikulieren und entfalten? Es wurde gewiss einfacher, hässlich zu sein. Musste man früher zumindest Porto für einen Drohbrief aufbringen oder sich genau überlegen, ob man vor Haustüren rumlungert, um jemand beim Gang zu Briefkasten als „dreckige Fotze“ zu beschimpfen, ist Hass nun kostenlos. Und nicht „umsonst“. Schnell stehen andere bereit, um zu applaudieren, wie toll die eigenen Beleidigungen artikuliert wurden. Die Anonymität ist die Macht der Feiglinge. Und diese Macht wächst. Denn die stille Mehrheit gewöhnt sich an den neuen Tonfall. Sie stellt Menschen ein, die den Hass aus den Kommentarspalten löschen. Sie gewöhnt sich an „Stück Scheiße“ als eine Form der Meinungsäußerung (Fall Renate Künast). Sie zuckt mit den Schultern. Oder duckt sich in der Hoffnung, dass ein kleiner harmloser Blog niemals irgendjemandem hasserfüllt aufstoßen wird. Bitte nicht ich.

Aber mal ehrlich: wer will sich daran gewöhnen? Hass in der Gesellschaft ist keine gute Gesellschaft. Oder fällt irgendjemand ein Beispiel ein, wo Hass mal für ein kollektiven Glücksgefühl und richtig tolle Ergebnis für die Menschheit gesorgt hat? Wir leben in einer Demokratie, die immer unperfekt, nie fertig, aber vor allem eines ist: wehrhaft. Einer Demokratie, in der man diskutiert, streiten darf und mit Kritik umgehen muss. Wer das nicht gelernt hat, darf gerne versuchen, dies zu lernen. Wer es nicht lernen möchte, der darf gerne denken, was er möchte, aber ihm darf kein Raum gegeben werden, um zu sprechen. Hass darf keine Likes mehr bekommen können. Nichts ist schlimmer für jemanden der hasst, als wenn sein Hass niemand hört – oder wenn er am Ende denen hilft, die er vernichten möchte (www.hasshilft.de). Wer hasst, muss die Erfahrung machen, dass die Einbahnstraße eine Sackgasse ist – an deren Ende man alleine mit einer Wand redet.

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Zwischen den Meeren liegt das Glück.

Dänemark Denmark Happiness Strand Herbst Rodhus

Es kann eigentlich nur an dieser Sprache liegen. An dieser Geräusche-Emission, die klingt, als würde ein Japaner rückwärts jodeln, während er eine heiße Kartoffel im Mund tranchiert. So hört es sich jedenfalls an – dieses Dänisch. Wer nicht lacht, wenn ein Däne irgendetwas sagt, was sich wie „Hoideldoideldudeldoi“ anhört, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Hoideldoi-los verloren muss er oder sie sein. Denn selbst die Dänen scheinen sich über ihre eigene Lautmalerei zu amüsieren. Anders ist dieser positive, fröhliche, lächelnde Grundanstrich in diesem Land schließlich nicht zu erklären. Oder warum scheinen, nein sind die Dänen so glücklich? Dänemark gilt als eines der glücklichsten Länder der Welt. So lange wie es den World Happiness Report gibt (seit 2012), solange befindet sich das putzige kleine Land zwischen den Meeren auf einem der ersten drei Plätze (Quelle: worldhappiness.report). Zur Einordnung: Deutschland dümpelt da irgendwo hinter Irland auf Platz siebzehn herum.

Dänemark Denmark Happiness Strand Herbst Rodhus Regenbogen

Die Antwort findet sich weniger in den Statistiken und Auswertungen eines globalen Gefühlsberichts als in diesem Land selbst. Sie findet sich bei der Fahrt über ruhige Straßen, beim Einkaufsbummel durch freundliche Geschäfte, beim Spaziergang durch windumtoste Küstenlandschaften ohne Strandnippes und anderen Plastikmüll. Schnell merkt der Gast: in Dänemark nervt einen irgendwie nichts. Nicht einmal der Regen. Dieser perlt an seinen Bewohnern ab, wie vieles andere auch. Doch womit sind diese Dänen imprägniert? Und muss man sich nur lange genug an ihnen reiben, um etwas davon abzubekommen?

Dänemark Denmark Happiness Strand Herbst Leuchtturm Wanderdüne

Was den Dänen anscheinend ein kleines Stück Glück Vorsprung vor vielen anderen zu geben scheint, ist nicht ihr funktionierendes Staatswesen, Gesundheitssystem und Bildungsprogramm. Das haben andere auch. Was sie zusätzlich zu haben scheinen, ist die glücklichmachendere Einstellung zu den Dingen. In all dem japanischen Gejodel haben sie dafür einen eigenen Begriff geprägt, der sogar in andere Sprachen überschwappt: Hygge. Dabei geht es um mehr, als darum, seine Kissenbezüge farblich mit den Nasenhaaren des Partners abzustimmen oder öfter mal eine Kerze anzuzünden. Hygge beschreibt eine Gemütlichkeit, eine Gelassenheit, die eine ganze Gesellschaft zu prägen scheint. Hygge ist die Fähigkeit, sich den einfachen, schönen Dingen zu widmen und in intimer Freude mit oder an dem zu erfreuen, was man hat. Einen Partner, mit dem man ins Kaminfeuer starren kann. Mehrere Freunde, mit denen man seine Picknickdecke teilen kann. Ein gutes Buch, mit dem man Partner und Freunde eine Zeit lang auch mal vergessen kann. Selbst der einsamste Bauernhof sieht hyggelig aus, während man bei uns schnell an irgendwas mit „Familiendrama“ an einem solchen Ort denkt. Nein, auch hier grüßt eine kleine Lampe im Fenster den Besucher. Denn Lampen in Fenstern erhellen keine Räume, sondern vorbeifahrende Gedanken.

Dänemark Denmark Happiness Strand Herbst Hotdog Wurst

Und so sitzt man bei Hotdog und Softeis und merkt: es ist der gesunde Umgang mit den ungesunden Dingen, die einen glücklicher machen. Mit diesem dänischen Gedankenfilter scheint das Leben schöner zu sein. Und gleichzeitig schöner zu werden. Hübsche Häuser, gut gekleidete Menschen, perfekte Radwege zeugen von einer unsichtbaren Ordnung und Verbundenheit. Horrende Steuern zahlt man gerne, da man sieht, was sie bewirken: eine bessere Gemeinschaft.

Am Ende nervt den Besucher doch etwas: die Tatsache, dass man wieder nach Hause fahren muss. Jedoch fährt man nicht ohne sich gründlich gerieben zu haben. Nicht an den Dingen, die man nicht ändern kann. Sondern an den Dänen, von denen man sich eine Scheibe abreiben möchte.

 Dänemark Denmark Happiness Strand Herbst Sonnenuntergang Rohdes Blokhus




Schaf, Kindlein, Schaf.

Schaf Kindlein Schaf Einschlafen Schlafen Schäfchen zählen

Dieses kleine, flauschige Äffchen im Kopf, es kennt ja wirklich keine Pause. Nicht mal hier im Bett ist es still. Leise klappert es auch zwischen den Daunen noch dumpf vor sich hin. Hach, dabei ist das Bett ja die beste Erfindung der Menschheit. Weich, warm, friedlich liegt man sich in ihm in den Schlaf. Was kann es Magischeres geben? Dabei ist seine gänzliche Kraft bisher kaum angewendet oder untersucht worden. Wie viele Kriege wären vermeidbar, wie viele Konflikte würden sich lösen, wenn die Kontrahenten einfach im Bett liegen blieben? Ob getrennt oder direkt gemeinsam – einfach mal liegen bleiben. Für den Weltfrieden. Es ruhen die Waffen und ihre Besitzer. Soldaten würden weiche Kopfkissen und beruhigende Tees verteilen. Drohnen würden Schlaflieder surrend über Herrschersitzen kreisen. Quasi als „leere Drohnung“. Hat man als Kind eigentlich wirklich Schlaflieder gehört? Wurde einem vorgesungen? Irgendwie kann man sich daran nicht erinnern. Und sich ebenso wenig vorstellen, dass die eigenen Eltern sich selber und einem selbst das angetan haben: „Schlaf, Kindchen, schlaf“ wimmernd an der Bettkante hocken und sich fragen, wann sie das letzte Mal in einer Karaoke-Bar waren. Dann würden sie sich bestimmt erinnert haben (ist das überhaupt eine Zeitform?), dass sie noch nie in einer Karaoke-Bar waren, weil sie nicht singen können, und sich gefragt haben, ob sie ihr Kind traumatisieren mit den gewürgten Disharmonien. So wie sie selbst von einem Karaoke-Abend traumatisiert gewesen wären. Und so liegt ihr Kind dreißig Jahre später im Bett und kann nicht einschlafen, weil es sich fragt, ob jemals jemand mal „Schlaf, Kindchen, Schlaf“ in einer Karaoke-Bar gesungen hat. Es kann nicht schlafen, weil die Stimmen in seinem Kopf nicht singen, sondern einfach nur vor sich hin lallen. Wie die Stimmen in einer Karaoke-Bar eben auch. Sollten die Stimmen also vielleicht etwas singen? Nur was? „Ich bin Bettmensch/ Halb Mensch und halb Bett / Hört sich komisch an / Bin eigentlich ganz nett.“ Olli Schulz ist der Mann, der beweist, dass man auch alles werden kann, wenn man es einfach nur tut. Sänger ohne Singstimme. Moderator mit Sprachfehler. Schlafloser Traum mit Überbiss. Für schlaflose Frauen. Wow. Nein, man sollte besser irgendetwas zählen. Außer die Minuten, die man wach im Bett liegt und nicht einschlafen kann. Schafe vielleicht. Warum zählt man eigentlich Schafe? Weil sie so flauschig wie ein Kopfkissen sind? Wow, das ist fantasievoll. Dabei sehen geschorene Schafe aus wie gerupfte Hühner – auf Heroinentzug. Ungemütlich. Außerdem sind Schafe viel zu schnell. Da könnte man auch Autos auf der A3 oder Häschen zählen. Wieso heißt es eigentlich Häs-chen und nicht Häschen? Die deutsche Sprache ist auch wirklicher verkorkster als jeder Schraubverschluss. Man könnte komische deutsche Wörter zählen. Oder deutsche Städte, die wie Verben klingen? Gießen, Essen.. Essen ist ja auch so eine Stadt, über die als Rechtfertigung für ihre Existenz gesagt wird „sie hat auch schöne Ecken“. Was heißt, dass sie keine schönen Flächen hat. Essen könnte man eigentlich auch noch was. Aber direkt vor dem Schlafen – und der Schlaf steht ja wirklich unmittelbar bevor, verdammt noch mal! – etwas zu essen ist so, als würde man sich noch mal einen Drink bestellen für die Taxifahrt nach Hause. Oder als würde man sich schminken, bevor man duschen geht. Schminken ist, wenn man so darüber nachdenkt, eigentlich auch etwas sehr Bizarres. So wie Essen. Also die Stadt. Man malt, pinselt, tupft sich im Gesicht an, um besser auszusehen, ohne dass es jemand so richtig merkt. Man erschafft jeden Morgen ein Gemälde im Gesicht, mit dem Ziel, dass keiner das Gemälde erkennt, aber es für eine leere Leinwand hält, die wie ein Gemälde aussieht. Das ist sogar verworrener als die Textaufgaben damals in der Schule, die mit Authentizität irgendwie auch immer wenig zu tun hatten. Wer erfindet diese Aufgaben in Schulbüchern eigentlich? Drei Äpfel fallen vom Baum und Susi sitzt in einem Zug von München nach Hamburg mit einer Geschwindigkeit von 120 km/h. Peter pflückt zehn Erdbeeren auf dem Feld. Wie viel Kartoffeln hat der Bauer im Korb? Man könnte Kartoffeln zählen. Eins, zwei, drei..wie viele Kartoffeln gab und gibt es wohl auf dieser Welt? Mehr Kartoffeln als Schafe? Mehr Kartoffeln als Kriege? Kriege, das ist ja auch ein schönes Thema zum Einschlafen. Warum schlafen Menschen überhaupt? Weil sie müde werden, darum. Und damit der Affe einfach mal Sendepause hat. Damit er einfach mal die Klappe hält.

Damit er einfach mal Denkpause hat.




Wie dumm kann man eigentlich sein.

Wie dumm kann man sein Klimawandel Boot bis zum Hals

Wenn jemand in seinem Wohnzimmer sitzt, Fernsehen schaut und Erdnussflips isst, während sein Dachstuhl brennt, sein Keller vollläuft und sein Carport wegfliegt – was würde man ihm raten? „Wir möchten ja nicht stören, aber vielleicht sollten Sie etwas unternehmen, weil ihr Dachstuhl brennt, ihr Keller vollläuft und ihr Carport wegfliegt.“ Und wenn der- oder diejenige dann stoisch sitzen bleibt, weil die Füße ja noch nicht nass seien und das bisschen Wärme von oben eigentlich ganz angenehm ist, was würde man dann sagen? Richtig, wie ignorant, wie kurzsichtig, wie dumm kann man eigentlich sein.

Blöd nur, dass wir alle so dumm sind. Jetzt in diesem Moment. Alle zusammen hocken wir in unseren warmen Nestern und bewegen uns nicht. Kein Stück. Oder vielleicht ein kleines Stück, weil wir neuerdings ja die Äpfel in unser mitgebrachtes Einkaufsnetz stecken und dieses Jahr nicht in Urlaub geflogen sind. Das muss doch fürs Erste reichen.

Das tut es aber leider nicht. Die Fakten sind seit Jahren, nein Jahrzehnten bekannt. Die Wissenschaft, an deren Lippen wir dieses Jahr auf einmal alle so hängen, spielt uns die gleiche Platte seit sehr, sehr langer Zeit vor. Quasi der Extended Longplayer mit A- und B-Seite, der sich „Der Klimawandel und seine Folgen“ nennt. Wir hören einfach nicht – mehr – hin. Die Medien berichten seit 40 Jahren und wir schalten um oder ab. So lange schon? Ja. Wenn man diesen (hier) Beitrag zur ersten Klimakonferenz aus dem Jahr 1979 hört, fragt man sich, was sich seitdem außer der Mode wirklich geändert hat. Die Fakten jedenfalls nicht. Zur Einordnung: 1979 wurde der erste Walkman erfunden.

Und so sitzt man in diesem Krisenjahr 2020, in dem sich so viel auf einmal veränderte, was man niemals für möglich hielt (keine Schwarze Null, kein Oktoberfest, kein Ballermannurlaub) und räsoniert: Wann beginnt man ein langfristiges Problem zu lösen? Mit welcher Dringlichkeit geht man Herausforderungen an, die über Generationen entstehen und wirken? Wie geht man mit Krisenjahrzehnten um?

Aber vor allem fragt man sich: worauf genau warten wir (außer darauf, dass es in Kalifornien einfach wieder kälter wird)? Dass uns jemand etwas verbietet, verteuert oder unliebsam macht?

Wenn alle anderen weitermachen, warum soll dann ausgerechnet ich damit aufhören? Wenn alle schneller, höher, weiter wollen, ist Stillstand schließlich Rückstand. Man will schon Teil der ganzen Show sein. Das heißt dann aber auch, dass wir alle Teil des Problems sind. Und wir bedeutet eben auch du. Du, ja, du. Nein, nicht die anderen, nicht die Chinesen, nicht die Autoindustrie, nicht Donald Trump, du. Denn für „die anderen“ bist du Teil der anderen. Und so ist jeder immer irgendwie „die anderen“.

Und vor allem bist du für jemanden ein Wähler. In spätestens vier Jahren. Immer. Und so löscht die Politik den Brand mit einem Teelöffel. Weil sie Angst hat, ihre Macht, derer sie sich nicht traut zu bedienen, zu verlieren. Eine Macht, die wir ihnen leihweise geben. Eine Macht, derer sie sich nur bedient, wenn wir akut mal so richtig in der Klemme stecken. Finanzkrise, Atomunfall, Pandemie. Dann sprudelt das Löschwasser durch die Geldhähne. Aber die Probleme von überübermorgen gewinnen heute keine Wahl. Legislaturperioden sind das Narkosemittel gegen den Klimawandel.

Aber was kann ein einzelner schon bewegen? Sehr wenig. Aber gehen wir deswegen nicht wählen oder halten uns nicht an die Verkehrsordnung (ok, bis auf diese eine lebenszeitverachtende Fußgängerampel)? Wir akzeptieren so viele Regeln, Kodexe und Gesetze in der Hoffnung und Annahme, dass alle anderen dies auch tun. So wird unser aller gemeinsames Leben erst möglich. Das nennt sich dann wohl Gesellschaft. Es sind keine großen Hebel, die ein einzelner bewegt. Sondern zig Millionen kleine, die in Summe etwas bewegen.

Wenn man ehrlich ist, haben wir bisher nur die Hebel bewegt, die leicht von der Hand gingen und dafür relativ wenig bewegen. Die Nummer mit dem Obstnetz und dem Kohleausstieg in 18 Jahren zum Beispiel (anscheinend kann man eher volljährig werden als auf Braunkohle zu verzichten – obwohl von den 160.000 Beschäftigten in der Kohleindustrie eh nur noch ca. 20.000 übrig und Bürgerkriege ausgeblieben sind;  Quelle: https://de.statista.com/)

Die Hebel, die mit Kraft, Angst, Mut, Verzicht oder Tofu verbunden sind, rühren wir erst mal noch nicht an. So warm ist es nun auch wieder nicht. Und ob dieser große, vertraute Hebel, der sich vielleicht Flugreisen, Diesel oder Hackbraten nennt, wirklich etwas bewegt, wenn ich ihn umlege, das muss mir nun wirklich erst einmal jemand beweisen. Natürlich darf man nicht in puren Aktionismus und Planlosigkeit verfallen, aber wenn es fünf – Sekunden – vor Zwölf ist, ist es vielleicht nicht der richtige Moment für einen Uhrenvergleich oder eine Grundsatzdiskussion über das Konzept „Zeit“. Die wesentlichen Fakten sind da. Denn Wissenschaftler streiten über, aber einigen sich eben auch seit Jahren auf die wichtigen Hebel, die zu bedienen sind. Dieselbe Wissenschaft, die Flugzeuge entwickelt, in die wir steigen, ohne dass wir an den physikalischen Kräften zweifeln. Dieselbe Forschung, die Technologien erfindet, denen wir mehr vertrauen als dem eigenen Verstand.

Wie bewegen wir also diese großen Hebel? Indem wir uns mit dem irgendwie unheimlichen, aber auch verkraftbaren Gedanken vertraut machen, dass es keine kleine Frühjahrsdiät ist, die wir brauchen. Sondern eine grundlegende Lebensumstellung. Wir alle, also auch du, werden in einem „neuen Normal“ irgendwann leben. Entweder in einem, in dem wir weniger reisen, konsumieren, verbrauchen, besitzen möchten, oder eben in einem, in dem wir weniger reisen, konsumieren, verbrauchen, besitzen können. Weil die Erde überstrapaziert wurde. Irreversibel. Irreparabel. Die Entscheidung wird uns irgendwann abgenommen. Nutzen wir also die Zeit, die wir noch haben, um die Entscheidung mitzugestalten. Wir das heißt du und ich. Nutze deine Zeit, die dir noch bleibt. Sie ist so endlich, wie die Ressourcen unserer Erde.

Seit 1979 hat sich viel getan auf dieser unserer Erde. Manches hat sich zum Guten gewandelt. Manches nicht. Die weltweiten Emissionen haben sich seitdem verdoppelt (Quelle: https://www.climatewatchdata.org/). Und doch hat 2020 gezeigt, dass wir viel mehr können, als wir glauben. Möge man auf uns im Jahre 2061 zurückblicken und vieles sagen, nur nicht eines: Wie dumm kann man eigentlich sein.




Karma is real.

Donald Trump Falsches Zitat Corona Infektion USA

Diese Woche begannen Menschen, an Karma zu glauben. Sie begannen daran zu glauben, dass irgendwo ein fernöstlicher Dude mit Gesichtsbehaarung und Rechenschieber auf einer Wolke sitzt und die guten und die schlechten Taten eines jeden Erdenbürgers und Eichhörnchens aufrechnet. Gerät ein jemand ins Minus durch schlechtes Verhalten, sorgt sein sauber geführtes Protokoll dafür, dass man sich aussperrt, abgelaufene Milch trinkt oder krank wird. Je nach Punktestand wird man sogar schlimm krank.

Zur Veranschaulichung der Mechanik hilft ein völlig fiktiv wirkendes Beispiel: ein Mann, der Frauen ungefragt in den Schritt greift, der sich selbst für das Managen einer Krise lobt, an der unter seiner Verantwortung 200.000 Menschen gestorben sind, der den Klimawandel für noch größeren Quatsch als sein eigenes Gerede hält, dieser Mann hat sich nun selber mit jenem Virus infiziert, den er wahlweise für Fake-News, eine chinesische Böswilligkeit oder eine maskierte Übertreibung hielt. Er liegt im Krankenhaus und Menschen halten dies für einen Ausdruck von überirdischer Gerechtigkeit. Sie trällern leise „make Rechenschieber great again“ vor sich hin und hoffen, dass ihre Milch nicht sauer wird. Denn insgeheim wissen sie, dass sie sich mit solchen Gedanken das versauen, an das sie so jungfräulich zu glauben begannen: ihr eigenes Karma. Denn die Karma-Buchhalter, die Pluspunkte verteilen, wenn man jemandem anderem etwas Schlechtes wünscht, dürften so schwer zu finden sein wie die Pluspunkte, die auf dem Rechenschieber eines Donald Trump dokumentiert sind.

Um sein eigenes Karma nicht so einem Idioten zu opfern, sollte man also all die Genugtuung, kleinen Glücksgefühle und schäbigen Gedanken runterschlucken wie saure Milch und das tun, was Donald Trump niemals tun würde: Mitleid für jemand empfinden, der krank ist, auch wenn man ihn nicht leiden kann. Möge er weniger leiden als viele der Menschen, die aufgrund seiner Fehlentscheidungen leiden mussten. Warum? Weil er bei aller Boshaftigkeit und Arschlöchrigkeit ein Lebewesen ist. In seinen eigenen Augen ein übernatürliches Lebewesen, in den Augen vieler ein unternatürliches Lebewesen, aber eben ein Lebewesen.

Also schützen wir unser eigenes Karma und denken stattdessen vielleicht einfach an Melania Trump, die neben der Bürde, ohnehin jeden Morgen in einem Fieberalbtraum neben Donald Trump aufzuwachen, nun auch noch Corona ertragen muss und sich vermutlich fragt, was mit ihrem Karma nicht stimmt.




Ausverkauftes Hallen.

Empty seat leere Ränge Konzert Semperoper Oper Besucher

Die Bilder sind ähnlich. Die Menschen stehen in Schlangen gekauert vor dem Einlass. Mühsam haben sie ein Ticket ergattert. Jeder Platz ist besetzt. Der Abend ist ausverkauft – und trotzdem leer. Bühne frei! Und der Rest irgendwie auch…

Nachdem wir monatelang unsere Tanzbeine und Klatschhände verkümmern ließen (bis auf den einen peinlichen Moment, als man das eine Glas zu viel Wein trank und die Musik zuhause aufdrehte), sehnen wir uns nach – ja, wonach eigentlich? Den Ellbogen eines Fremden in den Rippen zu spüren? Knietief im Biermorast zu stehen? Den Konzertabend an der Garderobe zu „verringen“? Den Punkt auf dem Spielfeld zu suchen, der sich Ball nennt?

Empty seat leere Ränge Stadion Besucher

Nach Monaten der digitalen Teilhabe, die schnell in reale Teilnahmslosigkeit überging, sehnt man sich nach echten Erlebnissen. Nach Eindrücken, die riechen, schmecken, laut sind, eben irgendwie menschengemacht. Mit Gefühl und so. Nicht mit Login und so. Live-Streams, Video-Banalitäten und mein Tagebuch als Podcast sind wie vegane Würste: sie können dir schmecken, wenn du gar nicht erst erwartest, dass sie wie eine richtige Wurst schmecken. Sondern wenn du eher von Raufasertapete ausgehst. Dann sind sie ok.

Und so treibt einen die Seh-, Hör, Fühllust zaghaft zurück in die Konzerträume, Opernhäuser und Sportarenen. Kontrolliert, registriert und irritiert sitzen wir in ausverkauften Hallen und lauschen dem Hallen unseres Klatschens. Dem Hüsteln des Sängers. Dem Keuchen des Spielers. Anstatt nach Bier riecht es nach hundertprozentigem Alkohol. Anstatt Mensch sieht man Sitzmöbelvariationen. Man sitzt regungslos hinter seiner Maske kauernd und wartet darauf, dass man gebeten wird zu gehen. Zu intim wirkt die ansonsten vertraute Kulisse. Zu abgezählt und auserwählt ihre Beiwohner. „Ich muss in die Generalprobe geplatzt sein.“

Empty seat leere Ränge Konzert Open Air Reeperbahnfestival Besucher

Doch dann beginnt das Spiel. Wirklich. Real und doch irgendwie surreal. Und man ertappt sich dabei, wie man auf einmal etwas spürt, was man seinen bewunderten Idolen gegenüber nie empfand: Mitleid. Nicht weil das Publikum klein ist, sondern weil der Raum, in dem es regungslos sitzt, so riesengroß. Und still. Die Größe suggeriert, dass hier viel mehr Menschen sein müssten und dass dem nicht so ist, kann ja nur an dem da auf der Bühne liegen. Man zweifelt automatisch an der Güteklasse der Spieler, Sänger und Darsteller. Nicht am Zustand der Welt. Man wähnt sich im Damensport, in der Kreisliga oder in der Nachwuchsförderung (rein auf die Besucherzahl bezogen!). Man schämt sich heimlich für die gähnende Leere, die einen unangenehm berührt, die einem ins Gesicht schreit „so viel mehr wäre möglich!“ Und gleichzeitig spürt man die Verantwortung, die auf einem lastet. Man muss klatschen und lächeln – als maximaler Ausdruck von Ekstase – für alle die, die gerne hier wären. Auch der größte Beifallsboykottierer haut wild in die Pranken, da er den Blick des Künstlers zu spüren glaubt und weiß, dass nur jeder einzelne diesen Ort mit dem füllen kann, wofür er geschaffen wurde: mit Applaus.

Doch was ist ein Konzert, ein Fußballspiel, ein Theaterstück, wenn ihm der eigentliche Resonanzraum, für den es geschaffen wurde, fehlt: das Publikum? Und seine Bewegungen, sein Mitsingen, sein Auspfeifen? Ist man nicht genau wegen dieser emotionalen Atmosphäre hierher gekommen? Wegen dieser Ansteckungsgefahr?

Doch mindestens einer ist ja immerhin da, um uns anzustecken. Spätestens wenn das Ohr diese Stimme wieder singen hört oder das Auge diese Bewegungen sieht, wenn wir die – vielleicht verzweifelte – Leidenschaft der Akteure spüren, dann wacht da in uns etwas auf, was man nicht so genau beschreiben kann. Eine Spannung, die keine Technik vermitteln kann. Eine Energie, die man zuhause auf seiner Couch nicht spürt. Ein Erlebnis, was man sehr lange Zeit nicht hatte. Einen Abend, von dem die da vorne vermutlich ebenfalls sagen werden: besser als nichts, diese Dehnübung für die Sinne, dieser Maskenball ohne Aufforderung zum Tanz, dieser Labortest mit Publikum, dieses ausverkaufte Hallen. Alles besser, als gar kein Echo.




Die Heimreise.

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Das Meer tanzt in der untergehenden Sonne. Je tiefer die Sonne sinkt, desto dunkler werden die Blau- und Türkistöne, in denen das Wasser sich bewegt. Wellen brechen am weißen Strand. Wie geräuschvolle, rhythmische Musik rauschen sie im Ohr. Fische schwingen elegant durch die klare Gischt. In der Ferne ziehen dunkle, nasse Wolken über das Meer. Im Sommerregen über den Gezeiten erstrahlt ein Regenbogen durch die kühlen Farben. Während die Sonne langsam im Horizont ertrinkt und mit ihr die Wärme des Tages langsam schwindet.

Was für ein Kitsch! Kitsch, den man in karibischen Katalogzielen vermutet. Doch bietet sich diese Kulisse keine einzige Flugstunde von der eigenen Haustür entfernt. Was sich hier auf Rügen offenbarte, verzaubert allabendlich eben nicht nur Bali, sondern auch Usedom, Sylt oder den Bodensee. Die Sonne geht überall unter. Natürlich gehört etwas Glück dazu, genau diese Stimmung anzutreffen und nicht im Novembernebel Probleme damit zu haben, oben und unten überhaupt zu unterscheiden. Aber Glück oder eine Reiserücktrittsversicherung wird man in baldiger Zukunft bzw. unserer Gegenwart voll allerlei Waldbrände, Hurricanes und Überschwemmungen ohnehin häufiger haben müssen. Egal, wo auf dieser derangierten Welt.

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Es ist möglich – merkt der Fernreisende kleinlaut im Stubenarrest. Gestrandet daheim erkundet er sein eigenes Land, das er, wie er schnell merkt, schlechter kennt als Manhattan oder Madrid. Ein Land, das ihn mehr überrascht als mancher touristischer Trampelpfad, von dem er träumte, bis er auf ihm lief. Er gleitet mit dem Kajak über einsame Seen in der Uckermark. Wandert durch die Wälder des Elbsandsteingebirge. Spaziert durch malerische Städtchen Frankens. Nascht Trauben in den Weinbergen der Pfalz (und spuckt sie wieder aus). Schweift ab beim Blick auf die sich windende Saarschleife. Fährt mit dem Rad durch die Dünen ostfriesischer Inseln. Dabei stand sie nie auf seinem Reiseplan: die deutsche Provinz. Was vorher unter staubiger Spießigkeit begraben war, ist auf einmal Ziel einer Reise – ohne Ziel und Plan.

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Stets wird er auf seiner Reise begleitet von den sich wandelnden Dialekten seiner eigenen Muttersprache und den Eigenheiten ihrer Sprecher. Er begegnet dem Brandenburger Bootsverleiher, der korrekt verwendete Artikel so sinnvoll findet wie der Rheinländer „ditt mit die Schweigen“. Die frische Kühle der Nordsee und ihrer rauen Bewacher weicht der bayrischen Großherzigkeit, die Gläser mit Oberflächenspannung füllt und geduldig erklärt, wenn der Gast „Gerupfter“ für den Schwiegervater hält. Und so ertappt sich der Fernreisende dabei, wie er Speisekarten googelt, weil er Angst hat, Innereien zu bestellen, als sei er in Polen oder Mexico. Wie er mürrisch beäugt wird von den Einheimischen. Wie er anstatt zu schnorcheln in der Provinz ein wenig untertaucht.

Heimreise Deutschland Deutschlandtour Urlaub daheim Strand Ostsee Sommer Natur Franken Weinberg Main

Durch Deutschland reisen wollte der Fernreisende doch erst, wenn er mindestens ein künstliches Gelenk und keinen Abenteuerdrang mehr besitzt. Und nun? Es fehlt der Reise das „teuer“, aber fehlt ihm damit nicht auch das „Abenteuer“? Vielleicht ein wenig. Vielleicht muss man sich auch einfach nur etwas mehr anstrengen, um es zu finden, das Abenteuerliche, das Ungewohnte, das Verkommene, das Fremde im eigenen Zuhause.

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Aber eines vermisst man auf einer Reise durch die eigene Heimat gewiss nicht: sehr viel unnötiges VISA-Währungs-Darmkrankheiten-Datenroaming-Rolexverkäufer-“Gerupftes“. Diese Dinge, die einem Energie und Elektrolyte rauben, sie reisen diesmal nicht mit. Gewiss, ein wahrer Deutscher findet sie überall, diese Kleinigkeiten, über die er sich aufregt, als wolle man ihn irgendwo warten lassen oder gar das Schwarzbrot beim Frühstück vorenthalten. Und so begleitet den Fernreisenden, wie bei jeder Fernreise eben auch, dieses leise, liebliche Gemotze der deutschen Mitreisenden. Die diesmal eben nicht mitreisen, sondern an dem Ort sind, von dem sie immer sagten, dass es doch eh viel schöner ist als in der Ferne: zuhause.

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Die Camper.

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2020 läuft nicht. So gar nicht. 2020 rollt. Über Stock und über Stein. Und über die A1. Es rollen die Bullis, die Camper und die weißen Gefrierkombinationen mit Satellitenschüssel auf dem Dach und Gisela und Manfred hinter dem Steuer. Eingepfercht durch offensichtliche oder unsichtbare Grenzen sind sie gezwungen zum Urlaub vor der eigenen Haustüre. Selbige Haustüre packt man ein und macht sich auf den Weg in die Uckermark oder nach Usedom, um dort auf 8 qm mal so richtig auszuspannen: 2020 ist das Jahr des Camping-Urlaubs. 2020 ist aber auch das Jahr, das alles durcheinander brachte. So durcheinander wie eben ein Thailandurlauber in der Uckermark ist. Und so treffen 2020 Menschen aufeinander, die sonst fein säuberlich in getrennten Welten aneinander vorbeirollen. Es treffen Dauercamper und ihr englischer Rasen auf graspflegende Althippies und #vanlife-Enthusiasten mit Gräserallergie. Zur allgemeinen Camper-Verständigung daher hier eine Kategorisierung des fahrenden Volkes.

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Der Rentner.

Eigentlich gehört er nicht zum fahrenden Volk. Denn Bewegung versucht er im Allgemeinen zu vermeiden, bedeutet sie doch vor allem eines: etwas bewegt sich. Und dadurch ist es ja dann nicht mehr wie oder wo es war. Das wäre dann eine Veränderung. Und Veränderung ist schlecht. Wie man an den Spritpreisen und diesen Corona-Regeln ja sieht. Nein, der campende Rentner mag Beständigkeit. Daher liebt er seinen beständigen Standplatz. Umgeben von anderen standhaften Rentnern fühlt er sich bestandsgeschützt. An seinem festen Standplatz. Wehe, jemand anderes setzt einen Reifen auf seinen Platz oder kommt seinem weißen Kühlschrank auf Rädern zu nahe. Zur Sicherheit werden daher Teppiche, Zelte, Gartenzäune und mit Platzpatronen ausgestattete Gartenzwerge mittransportiert und rechtwinklig postiert. Ebenso wie das eigene Gesäß in einen Baumwollzweiteiler gesteckt und unter dem Vorzelt platziert wird. Und sich zwei Wochen lang nicht bewegt. Nichts bewegt sich – außer der Augen, die sich bewege um zu gaffen. Auf andere gaffende Rentner und eben jene Exoten, die das Jahr 2020 in sein Reich gespült hat. Er fühlt sich dabei wild und frei, dem eigenen Alltag entflohen, in dem er normalerweise im Baumwollzweiteiler hinter seinem Gartenzaun sitzt und auf parkende Autos gafft. Nein, hier genießt er das einfache Leben – auf seinen 60.000€ teuren, stillstehenden Rädern. Das Motto seines Urlaubes ist: Hauptsache wie zuhause.

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Der Aktivurlauber.

Er hat alles. Einfach alles dabei. Kanus, e-Mountainbikes, Wanderstöcke, Segelyachten und Funktionskleidung für jedes Temperaturgefälle. Auch alle Tassen hat er dabei, auch wenn er nicht alle Tassen im Schrank hat. Wie zuhause möchte er alle Optionen nur einen Kunstfaserkleidungswechsel weit weg haben. Wanderkarten, Wanderapps und Brotkrümel weisen ihm den Weg durch seinen Abenteuerurlaub. Den Winter verbrachte er damit, eine Dachhalterung für sein Kanu und eine Ladestation für seine e-Bikes an sein Wohnwagen zu bauen. Denn außer Müßiggang hält er nichts für so unnütz wie Verleihbetriebe. Nein, es muss schon das eigene Gerät sein. Einzig die Ehefrau würde er gerne mal verleihen. Oder austauschen gegen ein anderes Geräte. Aber das Motto seines Urlaubes ist nun mal: hauptsächlich Sachen wie zuhause.

Die Familie.

„Und wenn wir die Kinder einfach aussetzen?“ Da die Raststätte doch etwas sehr trostlos erschien, entschied man sich für einen Campingplatz, um sich seiner Kinder mitsamt ihrer Habseligkeiten zu entledigen. Der alte Wohnwagen der Schwiegereltern ist kaum zu erkennen unter all den Tretrollern, Bällen und Wäscheleinen voll frisch gewaschener Kinderkleidung. Die Kinder sind leider noch immer zu erkennen. An ihrem Geschrei und Gezeter – diesmal nur auf 8 statt 80 Quadratmetern. Da wird der Camper zum Schallverstärker. Aber man liebt sie eben innig. Wenn sie schlafen. Quer im Ehebett. Das Motto des Urlaubs: wie zuhause, leider.

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Die Hippies.

Man reist mit Hängematte – auf dem Kopf und hängt sich zwischen zwei Bäume. Die Wüstensafari durch Burkina Faso wurde ebenso wie das Batik-Festival aus unerfindlichen Gründen abgesagt. Alles dünnhäutige, faschistoide Bedenkenträger. Das Dachzelt auf dem Jeep spannt man dennoch auf. Und ab. Und man ernährt sich vom dem, was die Natur hergibt. Gras und Pilze. Nur den Scherz mit den Duschmarken versteht man nicht. Man ist schließlich eines der seltenen Krustentiere, dass kein Wasser braucht. Und keine Platzordnung. Das Motto des Urlaubs ist: alles wie zuhause, wenn man denn eins hätte.

Die Van-Life-Enthusiasten.

Und da sitzen dann die von Instagram angelockten Bullibesitzer, die ihr aufwendig ausgebautes Fahrzeug ihrem natürlichen Terrain zuführen wollten und vom einfachen Leben träumten. Bis sie feststellten, dass es hier kein WLAN und Flat White gibt in diesem einfachen Leben, in dem ein Rührei am Morgen nicht mehr ganz so einfach ist. Und es doch irgendwie mögen. Dieses auf einfache Dinge beschränkte Leben. Dieses Leben, in dem man dem Bus morgens nicht mehr hinterher rennt, weil man ihn ja selbst steuert. Dieses Leben, in dem man das Treiben der Menschen statt die Bewegungen auf dem Handy beobachtet. Dieses Leben, auf absoluter Enge, das einem das Gefühl von Freiheit und Raum gibt. Dieses Leben mit so wenig, das einem so viel gibt. Das Motto des Urlaubs: wie, was, wo war noch mal zuhause?

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Ich hasse Menschen.

ich hasse Menschen I hate people Hass

Da parkte dieses kleine, auffällige, grüne Auto. Unscheinbar, etwas in die Jahre gekommen stand es am Straßenrand. Eigentlich keines Blickes oder Blinkers würdig. Und doch stach es mir ins Auge. Und ein bisschen ins Herz. Denn auf seiner kleinen Heckscheibe klebte jenes internationale Grundgesetz, das nur einen Paragrafen kennt und keiner Übersetzung bedarf: I hate people.

Ich hasse Menschen. Irgendwas zwischen manchmal und meistens. Meistens hasse ich sie in Wartebereichen. Wenn sie wie sich wie Lemminge an die Klippe drängen, in der Hoffnung, dass ein Flugzeug schneller abhebt, wenn die Türen luftdicht mit Menschen sicher verstopft sind. Oder wenn sie sich am Ende der Rolltreppe erst einmal die Schnürsenkel binden und sich dabei andere Dinge lösen. Oder wenn sie im Straßenverkehr…da sind.

Ich hasse Menschen, die über alles nörgeln, als würden sie in den Favelas von Rio de Janeiro als blinde Müllsammler arbeiten. Die Gewitter spucken, wenn die Sonne scheint. Die groß meckern, wenn die Portionen zu groß sind. Die kein gutes Haar an der Suppe lassen. Die im Tal des Jammerns wohnen und einen bergab ziehen.

Ich hasse den Musikgeschmack der meisten Menschen. Vor allem, wenn ich ihn mit allen Sinnen spüren muss. Wenn die Musik so laut ist, dass selbst Justin Bieber einen Bass bekommt. Oder wenn die Musik so schlecht ist, dass man sich „erschlagern“ möchte. Wenn Menschen rote Pferde, Cotton Eye Joes und Antons aus Tirol singen lassen, dann hasse ich Menschen.

Am liebsten hasse ich Menschen am Morgen. Oder vielleicht hasse ich auch nur den Morgen. Aber doppelt hasst eben besser. Morgens, wenn man nur Mensch sein möchte und andere Menschen auch Mensch sind, dann hasse ich Menschen. Am Morgen.

Doch nun bin ich bösartig erwacht. Ich wurde Opfer meiner eigenen Hassliebe. Denn die Besitzerin des kleinen, grünen Autos hasste nun mal Menschen. Vor allem hasste sie jene Menschen, die ungefragt Fotos ihrer Heckscheibe machen, während sie ungesehen Menschen hassend hinter dem Steuer saß, hinter dem sie sich vor diesen Menschen geschützt fühlte. Und so sprang sie aus dem Fahrzeug und schrie den Menschen an, der da ihr Innerstes fotografierte. Dieser Mensch war ich. Und so stellte ich fest, was ich noch mehr hasse als Menschen: Menschen, die Menschen hassen.