Schubladen voll Generationen.

Silvester Frohes Neues Dinner for One 2020 Corona

1986 ist ein guter Jahrgang. Ein ganz feiner Tropfen. Nicht zuletzt dank leichter Spuren radioaktiver Durchseuchung strahlt dieser Jahrgang vor Optimismus und Brillianz. Gereift in einer Zeit des Überflusses, leichten Übergewichts und Überangebots an Videospielen und Spielkameraden bewegt er sich mit souveräner Selbstzweifelei und orientierungsloser Zielstrebigkeit durch dieses krisenerschütterte Paradies unseres modernen Lebens. Er tanzt auf den Trümmern gefallener Mauer und eingestürzter Hochhäuser. Reist durch wirkliche und virtuelle Welten gleichermaßen souverän. Und besucht Oma in Pinneberg an ihrem Geburtstag. Er hat Muffins mitgebracht, Oma hat Frankfurter Kranz gebacken. Oder so. War das doch das mit der Generation Y.

Ach, was Y-s ich denn.

Quälte man sich in der Schule noch mit dem Auswendiglernen irgendwelcher Epochen und ihrer epochalen Datumsgrenzen und Folklore, so befasst man sich heute anscheinend nur noch mit Mini-Ären: die Rede ist nicht von ganz, ganz kleinen Millionären sondern von Generationen. Sehr viel Gerede. Jedes X-beliebige Verhalten wird von B wie Baby Boomer bis Z wie Smartphone versucht, irgendeiner Alterskohorte zuzuschieben. Und mit jeder Eigenschaft schiebt sie sich weiter zu, die Schublade, in der wir alle stecken. Die eine Generation will nur, dass alles so bleibt wie es ist, die andere das WLAN-Passwort. Die nächste sucht den Sinn, die andere den Schlüssel zu ihrem inzwischen in die Jahre gekommenen Golf. Die eine raucht Gras seit exakt 52 Jahren, die andere pflegt den Rasen vor der verklinkerten Doppelhaushälfte. Die eine lebt mit einem Gartenzwerg in ihrer Schublade, die andere mit Online-Konzern-Riesen. Was sie in ihrer Schublade vereint, sind prägende Ereignisse, die ihr Leben in Bahnen lenkten, und statistische Ergebnisse, die ihr Leben beschreiben und in eine Schublade stopfen lässt. Kniefall, Mauerfall, Atomunfall. Irgendetwas passiert in einer Phase, in der wir schon denken und handeln, aber noch nicht immer gleich denken und handeln. Es hinterlässt einen gemeinsamen Fußabdruck im Gedächtnis einer Generation und bestimmt ihren weiteren Weg. Der eigene Weg ist individuell und doch sind die auf ihm gesetzten Wegweiser kollektiv.

So der Gedanke, der seit Generationen weitergeben wird. Ein Gedanke, der zu unserem immer wieder putzigen Bestreben passt,  diese bunte, widersprüchliche, verdammt anstrengende Welt irgendwie zu begreifen und zu ordnen. Das Leben ist nun mal eines der härtesten. Da hilft man sich gerne dabei, indem man Oma und Enkel in sauber beschriftete und beschriebene Fächer stopft – um ohne viel Aufwand zu verstehen, warum Oma jedes Mal diese fettige, aufwändige Buttertorte backt, die wie Zement im Magen liegt, und warum das Enkelkind jedes Mal diese grotesken, in Papiertütchen steckenden Zementkugeln aus Schokolade mitbringt und das für einen Ausdruck von Wertschätzung hält. Doch was sagt unser Geburtstagsjahr am Ende wirklich über uns aus? Zementiert das Denken in Generationen am Ende nicht die Klischees, derer wir uns so gerne bedienen, wie die Generation X Statussymbole anhäuft und Generation Z Sprachnachrichten verschickt? Entstehen durch das Denken in Generationen nicht tiefe Gräben, über die wir dann wieder mühsam Brücken bauen? Die Baby Boomer haben den Klimawandel verpennt, aber wir schlafen einmal drüber und verzeihen ihnen großherzig, während wir im Flieger nach Bali dösen. Die Generation Z ist eben immer online, aber warum antworten sie nicht direkt auf meine Nachricht, obwohl ich die blauen Häckchen doch sehe, verdammt! Wer gewinnt damals und morgen bei diesem Alt gegen Jung? Bei diesem Schubladenkampf, bei dem am Ende nur alle einen an der Schachtel haben?

Jedem, der den Schellenaffen regelmäßig – bis ganz unten – liest, dürfte mindestens ein Babyboomer bekannt sein, der die sozialen Medien mehr liebt als die sozial konforme Balkonbepflanzung. Jeder, der den Schellenaffen regelmäßig – bis ganz unten – liest, dürfte mindestens eine kommunikative, mitteilsame, offene, interessierte Person der „Generation Silent“ kennen. Jeder, den Schellenaffen regelmäßig – bis ganz unten – liest, kennt mindestens einen Ypsiloner, der nicht bei Amazon angemeldet ist und trotzdem abends einschlafen kann. Und der morgens wieder aufwacht, in seiner zugigen, klapprigen Schublade, und davon träumt,  in eine Kiste der Socken-Hasser, Bier-Kenner, Wäscheklammern-Verweigerer und Dackel-Liebhaber gesteckt zu werden. In diesem Verhalten irgendein Muster zu erkennen sei dann wohl den zukünftigen Generationen überlassen. Den Generationen Ä, Ö und Ü.




Nur Augen für dich.

Organspendeausweis Organspende

Wenn man so drüber nachdenkt, ist es wirklich ein Wunder. Da bewegt sich ein Muskel ein ganzes Leben lang ohne unser Zutun. Wir können noch so viel anspannen, die Luft anhalten, trainieren, Proteinshakes trinken oder darüber sinnieren, der Muskel verrichtet seine Arbeit von ganz alleine. Wir können ihn ein bisschen aus dem eingespielten Takt bringen, indem wir uns anstrengen oder ruhiger atmen. Aber bald findet der Muskel wieder seinen eigenen Arbeitsrhythmus. Und arbeitet vor sich hin. Bis er irgendwann nicht mehr kann. Irgendwann ist er müde von der vielen Arbeit. Erschöpft von seinem arbeitsreichen Leben.

Irgendwann stirbt unser Herz. Und wir mit ihm.

Wie ein Handy ohne Akku, sind wir ohne unser Herz ziemlich nutzlos. Keinen Schritt können wir gehen, keinen Atemzug mehr nehmen. Ein Glück, ein Wunder, dass wir uns gegenseitig haben. Doch das größere Wunder ist eigentlich, dass unser Herz nicht wirklich stirbt, wenn wir sterben. Dass es uns nicht wirklich braucht. Unser Herz kann auch in einer anderen Brust weiterarbeiten, weiterschlagen, weiterleben. Es ist quasi der Akku, der herstellerunabhängig funktioniert. Der Arbeitskollege, der bei allen Anschluss findet.

Doch bekommt dieses Wunderwesen nur sehr selten die Chance, sich ein zweites Mal, ein zweites Leben lang zu beweisen. Seinen Dienst jemand anderem anzubieten, in der Hoffnung, dass die beiden schon miteinander klar kommen werden. In Deutschland bekam 2019 344-mal ein Herz die Chance, die Verantwortung, für ein zweites Leben zu leben (Quelle: https://www.dso.de/organspende/statistiken-berichte/organspende).

Ob das viel oder wenig, gut oder schlecht, besser als nichts oder mehr als genug, immerhin etwas oder ein Fortschritt ist, sei dahin gestellt. Jeder hat seine persönlichen Gedanken und Körperreaktionen bei der Vorstellung, dass man „ausgeweidet“ wird, dass man am Ende jemandem noch mal einen ziemlich großen Gefallen tun kann oder dass man im Himmel dann plötzlich ohne Herz erwachen könnte. Die Frage, ob man selbst möchte, dass das eigene Herz, die strapazierte Leber, die strahlenden Augen länger leben sollen als man selbst, ist eine der persönlichsten Fragen, die man mit sich ausmachen kann. Nein, muss. Denn wenn ich mir darüber keine Gedanken mache, müssen es irgendwann Menschen für mich machen, Menschen, die mich ein Leben lang geliebt haben und es noch immer tun. In einem Moment größter Erschütterung, Trauer, Überforderung müssen sie die Fragen beantworten: Hätte sie/er das gewollt? Um diesen grauenvollen Konjunktiv aus diesen Sätzen zu nehmen, gibt es in unserem wunderbaren Land, das Kehrwochen und Nacktheit im Straßenverkehr (also im echten) reguliert, ein einfaches Mittel. Ein Stück Pappe im Portmonee, auf dem man „nein/ja/bitte nicht die Augen/die Leber hat Gebrauchsspuren“ ankreuzen kann. Und die Frage ist geklärt. Eindeutig.

Organspendeausweis Organspende

Dieses Ja-Nein tragen 39% unserer Bevölkerung mit sich herum (Quelle: https://www.organspende-info.de/zahlen-und-fakten/einstellungen-und-wissen.html). Der Rest trägt ein großes Fragezeichen auf seinen Schultern und Organen. Warum? Das Thema hat mit unserem Ende zu tun. Mit dem Sterben und unserer Endlichkeit. Über den Tod denkt man nun wirklich nicht gerne nach. Dieses kleine Detail ignoriert man gerne, als sei es nur ein gruseliges Gerücht, diese ganze Sache mit dem Sterben und so.

Dabei geht es beim Thema Organspende eigentlich genau um das Gegenteil vom Sterben: dem Tod ein Leben geben. Weiterleben ermöglichen. Weiterleben für einen Menschen, der geliebt wird, der Leben möchte und mit viel Glück weiterleben könnte. Dieser geliebte Mensch kann irgendwann der eigene Lieblingsmensch sein. Würde man da nicht verrückt werden, wenn man wüsste, dass viele Menschen vielleicht nichts gegen die Spende eines rettenden Organs gehabt hätten, aber einfach mit einem leeren Portmonee, mit einem Fragezeichen über dem Kopf gestorben sind?

Es stand zur Debatte, ob jeder automatisch ein „Ja“ bekommen soll, es sei denn, er widerspricht aktiv, um alle dazu zu bewegen, ihre Bedenken und Sorgen aktiv zu äußern anstatt die Unentschlossenheit und Bequemlichkeit sprechen zu lassen. Es kam anders (Widerspruchsregelung im Bundestag abgelehnt). Was bedeutet: solange man ihn noch bewegen kann, sollte man einfach seinen Hintern hoch kriegen und diesen Zettel ausfüllen, der deutlich einfacher zu „organ-isieren“ ist als die Erstattung eines Bahntickets. Das eigene Herz schlägt dabei vielleicht etwas schneller, aber beruhigt sich dann auch schnell wieder. Versprochen.

(Hier kann der Organspendeausweis beantragt oder selbst direkt ausgedruckt werden – am besten an die Lieblingsmenschen direkt weiterleiten: https://www.bzga.de/infomaterialien/organspende/ )




Auf einmal.

Marmeladenbrot Intervallfasten Trendthemen Brot Marmelade

Auf einmal reden alle davon. Nicht von dem einen, von dem jeder redet und über das eigentlich schon seit Monaten niemand mehr sprechen möchte, es aber dennoch tut, weil man über nichts anderes mehr redet. Nein, die Rede ist von den anderen Dingen, über die auf einmal jeder redet, wenn es einmal nicht um das eine geht. Zum Beispiel redet man über das Intervallfasten. Geredet darüber wird derzeit viel. Machen tut es vermutlich kaum jemand. Außer darüber eben darüber reden, dass man im Grunde gesagt, einfach nicht mehr frühstückt. Das macht man. Auf einmal. Anstatt auf Kohlenhydrate, Proteine, Basilikum, Diäten – oder was auch immer der vorherige, garantierte Abnehmtipp war – zu verzichten, verzichtet man auf Marmeladenbrote. Und verzichtet nicht darauf, jedem davon zu erzählen. In immer wiederkehrenden Intervallen. Mit unterschiedlichen Menschen. Zu unterschiedlichen Zeiten. Nur nicht zum Frühstück redet man darüber, denn das isst man ja nicht mehr.

Oder man redet über ETFs. Anstatt über Riester-Renten („Ha, guter, alter Witz“) oder Eigentumswohnung („Pah, die Immobilienblase..“) redet man über ETFs. Ohne zu wissen, was es eigentlich ist, dies etfwas. Aber da jeder davon redet, muss es der Hit sein. So wie damals die Hitcoins, äh Bitcoins. Die verstand zwar niemand (war ja auch sehr kryptisch), aber die wollte auch jeder haben, bis er sie hatte und nicht wusste, was er damit machen sollte. Jedenfalls, ETFs muss man einfach haben, jetzt. Ansonsten droht Altersarmut, jetzt, zumal man viel Geld in Kryptowährungen gesteckt hat und nicht weiß, ob das Geld noch da ist. Am liebsten würde man seine Bitcoins in ETFs investieren, aber das kann man nicht. Genauso wenig, wie man auf Marmeladenbrote verzichten kann. Aber darüber redet man besser nicht. Jetzt.

Stattdessen macht man einen Baristakurs. Wegen die Umwelt und so. Denn man hat genug von der Nespressomaschine, mit der man jahrelang Geld aufgebrüht hat. What else. Das ist nicht gut für die Umwelt des eigenen Portmonees. Bei aller Durchlässigkeit erinnert man sich dann noch daran, dass Filterkaffee auch dann noch nicht schmeckt, wenn ihn der volltätowierte, bärtige Webdesigner vierundzwanzig Stunden durch einen Filter tropfen lässt und dann für vierundzwanzig Euro kalt verkauft. Pro Schluck. Und so redet man warmherzig nun über Siebträger. Denn der Siebträger im eigenen Kopf ist so vergesslich, dass er vergessen hat, wie man Kaffee kocht. Dabei weiß das doch eigentlich jeder Praktikant. Aber jetzt nicht mehr. Denn mit Wasserdruck umgehen, will gelernt sein. Mit dem Kurszertifitakt kriegt man in diesen schwierigen Zeiten wenigstens noch einen Praktikumsplatz, wenn alle Siebe reißen. Wobei wir auch beim Thema wären: nichts wird so heiß getrunken, wie es warm geredet wird.

Ach warm, diese Hitze! Unerträglich. Darum reden wir darüber jeden Sommer. Erneut. Wie warm es ist und dass die Sonne scheint. Auf einmal. Wir reden über diese ganze heiße Luft. Auch dann noch, wenn wir wieder frühstücken, in MFGs investieren und Tee trinken. Und darüber reden. Als sei es etwas Besonderes. Auf einmal. Aber auf einmal heißt eben: einmal. Und dann nie wieder. Alles irgendwie ein bisschen Marmelade.




Chefsache.

Cheftasse Chefsache Ficken Sie sich Emaillebecher Tasse Becher

Fast jeder kennt ihn. Diesen einen Menschen in seinem Leben, der bestimmt, wann man morgens aufsteht. Wie lange man in Urlaub fährt. Wie viel Geld man ausgibt. Wie oft man seine Freunde sieht. Wie gestresst man im Alltag ist. Dieser eine Mensch, der bestimmt, wie glücklich man im Leben ist. Dieser Chef des eigenen Lebens ist häufig weder der Mensch, der einen morgens im Spiegel durch öffnungsgesperrte Augen anschaut oder der beim Zähneputzen am Hosenbein zupft und auf den Arm genommen werden möchte – dieser Chef ist der Chef auf der Arbeit.

Zumindest gefühlt – denn kaum eine Person beeinflusst so viele Eckpunkte unseres Lebens. Ohne sich mitunter überhaupt bewusst zu sein, dass er oder sie mehr Einfluss als ein Ehepartner haben kann. Doch viel wesentlicher als der Rahmen, den uns unser  Vorgesetzter setzt, ist der Einfluss auf die „Farbenfreude“, die wir auf dieser in den Rahmen gespannten Leinwand zeichnen. Kaum jemand bestimmt so sehr, wie zufrieden wir an unserem Arbeitsplatz sind, der eben einen wesentlichen Teil des Platzes in unserem Leben einnimmt. Wie wohl, wertgeschätzt, gefordert und gefördert wir uns fühlen. Oder eben wie unwohl.

Hört man sich um, kann jeder dieses eine Lied singen. Diese gedankenschwere, manchmal erschöpfte, manchmal stinkwütende Melodie davon, wenn man sich von seinem Chef schlecht behandelt fühlt. Wenn Projekte im Chaos versinken. Wenn Arbeitszeiten sich ausdehnen wie Hosenbunde im Home Office. Wenn man vergeblich auf Anerkennung wartet. Wenn man Emails bekommt statt Antworten. Wenn man das Netto jeden Monats anschaut und sich fragt, was unterm Strich eigentlich übrig bleibt: Schmerzensgeld oder Entlohnung? Lohn oder Hohn? Studien belegen: die meisten kündigen nicht ihren Aufgaben, ihren Gehältern, ihren Kollegen, ihrem Kantinenfraß oder einem anonymen Arbeitgeber.

Die meisten Menschen kündigen ihrem Chef.

Personalwechsel ist teuer und mühselig. Wie kann man die Ursache für solche Verschwendung von Geld, Zeit und Leben unbemerkt geschehen lassen? Sollte man da nicht eine Art „Führerschein“ für Führungskräfte (ok, schwierige Wortwahl) ins Leben rufen, um Mindestansprüche an dem Umgang mit Menschen sicherzustellen? Wie kann diese geballte Inkompetenz existieren, die mehr als nur Einzelmeinungen verweichlichter Arbeitsverweigerer sind? So unterschiedlich die Gründe für den Frust am Chef auch sein mögen, ein Muster (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) lässt sich nicht von der Hand weisen. Ein Muster aus Krustenbildung und Wundenlecken.

Stellt man die Frage, wer in der Regel befördert wird, rufen vermutlich nur diejenigen „der Beste!!!“, die selber soeben befördert wurden. Das Gros wird eher so etwas sagen „derjenige, der sich als der Beste verkaufen kann“. Was nicht das Gleiche ist. Sich manchmal sogar widerspricht. Denn der eine ist der Beste im Lösen einer Aufgabe, der andere der Beste im an sich Reißen, Aufblasen, Ansabbern, Umverteilen, Ablagern und langsamen Verwesen einer Aufgabe. Der eine kann. Der andere will. Der eine denkt an Inhalte, der andere an Machterhalte. Zu oft kommt man mit Empathie und Fachkenntnissen weniger oder langsamer voran als mit Rhetorik und Machthunger. Und so bildet sich eine feste Kruste, aus Menschen, die Menschen befördern, die sind wie sie selbst (siehe auch Frauen und die Macht.): laute, schnelle und machthungrige Verkäufer und Netzwerker, die die Kunst beherrschen, sich ihrem Gegenüber jederzeit anzupassen. Der Bewerber wird freundlich umworben, der Mitarbeiter freundlich darauf hingewiesen, den Scheiss jetzt einfach zu machen und dem eigenen Chef wird eine problemfreie Welt präsentiert. Bloß kein Bremser oder Bedenkenträger sein. Lieber das Maximum aus den immer saurer werdenden „Vollzeitäquivalenten“ pressen. Das Motto der Kruste: nach oben stets hui, nach unten stetig pfui. Gut beim Chef statt ein guter Chef.

Und unter der Kruste? Da rottet sich – gerade in Deutschland – häufig eine sich selbst bejammernde Herde an Unternehmensbewohnern zusammen, die gerne anonym bleibt und sich ihre Wunden leckt. So hart das eigene Urteil über die Zustände auch ist, so weich sind ihre Worte. So hoch die Erwartungen an den Chef sind („So schwer kann das ja nicht sein“), so klein ist der Wille, diese auch klar zu artikulieren. Das bringt ja eh nichts, außer vielleicht ein Kündigungsschreiben. Er gab Feedback, und war dann weg. Wenn man nichts sagt, dann macht man auch nichts falsch. Aber eben auch nichts besser. So lebt man in seiner Welt der „die da oben sind schuld“ und versucht niemandem im Weg zu stehen. Aus Angst davor, seinen Job zu verlieren, den man eh schon lange nicht mehr mag. Oder aus Angst vor der Anstrengung, sich überlegen zu müssen, was man eigentlich (sagen) möchte. Man leckt sich lieber seine Wunden, heimlich, am Kaffeeautomaten, bis zur Rente. Wund gejammert.

Und so bewegen wir uns einer Welt, in der die einen nichts hören und die anderen nichts sagen wollen. Miteinander. Zueinander. In der die einen damit durchkommen und die anderen sie durchkommen lassen. Jeder Paartherapeut hätte seine pure Freude an der Dysfunktionalität dieser Beziehung. Sie sicherte ihm die Rente und den teuren Sommerurlaub.

Kann man Menschen wirklich ändern? Vermutlich nicht. Kann man ändern, wie Menschen miteinander kommunizieren? Vermutlich ja. Doch Kommunikation lebt eben davon, dass jemand etwas sagt und jemand anderes etwas hört. Und das muss nicht gleich ein „Ficken Sie sich“ sein. Man könnte es zunächst mit dem Kindergarten Basiswissen beginnen: was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu. Oder willst du, dass die anderen über dich reden statt mit dir? Dass jemand deine Sandburg als seine ausgibt? Dass dir keiner beim Puzzeln hilft, auch wenn du nicht weiterkommst? Dass sich jemand beim Schaukeln vordrängelt? Ne, das wäre ja Kindergarten. Totaler Kindergarten.

Vieles ist Chefsache, aber nicht alles in diesem Kindergarten.




Es war einmal.

Geschichten Erzähler Bibel Buch

Ein uneheliches Kind kommt zur Welt. Manche halten den Jungen für Gottes Sohn. Andere glauben ihm nicht. Das ist bis heute so.

Diese Geschichte kann man so erzählen. Oder sie über 27 Bücher und zahlreiche Erzählungen hinweg mit Details ausschmücken. Sie anhand von Anekdoten und Erlebnissen beschreiben. Personen benennen, deren Lebensinhalt darin besteht, über die Narration zu wachen. Ehrentag ausrufen, um sich diese Geschichte immer wieder gegenseitig zu erzählen. Die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu Christi.

Geschichten Erzähler Bibel Buch

So oder so ähnlich vermögen es manche Menschen, ihren Urlaubsbericht, nächtlichen Traum oder Einkaufszettel ausschmückend vorzutragen. Sie nehmen den Zuhörer mit auf eine Reise. Eine Reise, die manchmal länger, farbenfroher und verwegener als das „echte“ Erlebnis erscheint. Die fantasievoller ist als jeder Traum. Die sinnlicher ist als jeder Obststand. Sie durchreisen ihre Reisen mehrfach. In ihren Erzählungen. In den Erinnerungen, die sie teilen. Und damit am Leben erhalten. Sie machen aus einer Mücke keinen Elefanten, aber mindestens einen grauen Schwarm, der sie mit dem Leben bedrohte. Sie kennen keine Ein-Wort-Sätze. Sie müssen keine Abenteuer erleben, um abenteuerlich zu erzählen. Sie berichten mit allen Sinnen, nicht mit Fakten. Sie sind Geschichtenerzähler. Und damit Meister einer Kunst.

Sie haben keine Zeit sich kurzzufassen, diese Erzähler des Lebens. 

Und doch sind sie nichts ohne ihre Zuhörer. Ohne ihre ganz persönliche Bühne, die sie in einem Wartezimmer, auf einem Bahnsteig oder in einem Telefonanruf aufbauen können. Sie sind verloren ohne ihr privates Publikum, das die meisten Fragen im Leben vielleicht mit „Gut, danke. Und selbst?“ beantwortet. Dem zu viele Details anmaßend, zu wenig Präzision ausschweifend erscheint. Zuhörer, die niemandem mit banalen Geschichten die Zeit stehlen möchten. Und wen es tatsächlich interessiert, was man im Urlaub gegessen hat, der kann ja nachfragen. Scholle. Gut, danke. Und selbst? Wer präzise fragt, kriegt präzise Antworten. Doch erzählen Antworten eine Geschichte? Zur Geschichte wird die Scholle erst, wenn man den Fluss, in dem sie lebte, den Fischer, der sie fing, den Koch, der sie zubereitete und den Genuss, den sie bereitet, hinzufügt. Wenn man der toten Begegnung Leben einhaucht. Durch den Atmen eines Erzählers. Wir schreiben alle unsere Geschichten, doch erzählen können sie/wir nur manche.

Und so gliedern wir uns ein bisschen auf mit jeder unserer Geschichten – in diejenigen, die sie beschreiben und diejenigen, die den Beschreibungen zuhören. In diejenigen, die Geschichten erzählen. Und diejenigen, die Fakten austauschen. In diejenigen, die auf dem Punkt leben, auf den die anderen nie kommen werden. So war es einmal. Und so wird es immer sein.




Rückkehr an einen unbekannten Ort.

Ort Urlaub Ferien Meer

Es rauscht. Leise und beständig. Ruhig und verlässlich. In den Ohren. Im Wind. In den Bäumen. In den Gedanken. Es rauscht dieses schimmernde Meer. Und seine Wellen, die einen tragen. Angespült, wie ein Stück vergessenes Treibholz, ist man hier. An einem unbekannten Ort. Und fühlt sich doch wie ein Heimkehrer. Zurückgekehrt nach einer langen Zeit.

Einer Zeit des Rausches im Verstand, nicht des Rauschens in der Seele. Des Müssens und Sollens. Des Tun und Lassens. Einer Welt der Zeitenmessung und Standortbestimmung. Des festen Lebensrhythmus und klaren Taktes. Einem Leben, in dem man sich Erinnerungszettel schreibt für aktive Pausen und passives Leben. In dem man Dinge erledigt und Dinge einen selbst. In dem man sich Wecker stellt und doch nicht erwacht.

Und nun ist man hier. An einem Ort des einfachen Wollens. An dem man das Müssen vergisst. Und das Wunschlose begreift. Einem Ort, an dem das Meer rauscht. Endlich. Unendlich. Wo irgendwo Geschirr klappert und Kinder rufen. Wo der Klang der Vögel einen weckt. Und die Verheißung auf einen Tag voll barfüßiger Leichtigkeit und süßer Melone. Ein Tag, an dem man von der Sonne berührt wird und im Salz des Meeres badet. An dem man in Bücher und Gespräche taucht. Ganz tief. Und nicht mehr auftauchen möchte. Ein Tag, an dem die Zikaden in den Bäumen den Takt vorgeben und die innere Uhr stehen bleibt. Man riecht ihn, den Sommer, mit allen Sinnen. An diesem Tag, den man verträumt und dessen Nacht man durchwacht. Ein Tag im Leben, so weit entfernt vom eigenen Leben und doch so nah an sich selbst. Man kehrt zurück in diese verträumte Kulisse. An diesen unbekannten, vertrauten Ort. Man kehrt zurück zu sich selbst.

Bis es Zeit ist für die Heimkehr. Ein zweites Mal. Man macht sich zurück auf den Weg an den bekannten und manchmal fremden Ort. Fühlt sich neu sortiert. Von der Sonne und klaren Gedanken frisch erstrahlt. Man nimmt sie mit, diese Ent-Spannung. Dieses Gleichgewicht auf seinem manchmal schwankenden Weg. Wie man sie mitnimmt, die Sommersprossen. Und die Sandkörner zwischen den Zehen. Zwischen den Dingen. Zwischen den Orten.




Kopfsalat, kreativ angemacht.

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Ein Wolf, der die eigene Großmutter verspeist. Ein „dü-dü-düdü-düm“, das jedes Ohr kennt. Ein für die Ewigkeit gemaltes Bild, auf dem die Zeit verrinnt. Ein überheblicher Präsident, der die Pläne seines Widersachers für gut befindet, weil es ja die eigenen Ideen seien, die dieser geklaut habe. Ein Sketch, im Laufe dessen eine Nudel das Gesicht des Gegenübers durchläuft. Ein Parlamentsgebäude, das in Stoff gehüllt wird. Ein Zwerg mit haarigen Füßen, der einen goldenen Ring in ein großes Feuer wirft, um, äh, ja, warum eigentlich noch mal? Eine Kugel Eis, die die Geschmacksrichtung „Gurke“ (er)trägt.

Wie kommt man auf solche Ideen?

Eine Frage, auf die es keine noch so kreative Antwort gibt, auch wenn die Antwort vermutlich „Kreativität“ ist. Allein dieser Satz ist eine verworrene, abstruse, vielleicht kreative Zumutung. Der eine mag ihn irrwitzig, der andere irrsinnig, wieder jemand anders irre langweilig finden, diesen Satz. Doch am Ende dieses Satzes bleibt die Frage: was ist Kreativität? Ist Kreativität das, was unserem Scheppern im Kopf eine Melodie gibt? Das, was unsere Erfahrungen und Eindrücke zu neuen Erfahrungen und Eindrücken werden lässt – und damit unserem monotonen Takt des Lebens Leben verleiht? So wie Loriot eine Nudel in einem Gesicht sah, so sehen wir Turnübungen einer Pastavariation im Fernsehen. So wie Monet Seerosen sah, so sehen wir Monets Seerosen. Und sie lösen etwas in uns aus. Neue Gedanken, neue Assoziationen, neue Ideen.

Wir bewundern „kreative Menschen“. So kreativ ich selber bin, so sehr bin ich meist maßlos beeindruckt von farbenfrohen Bildern, die andere zeichnen – sei es im Auge oder im Kopf. Beeindruckt von unvorhersehbaren Anfängen und plötzlichem Ende. Von neuen Gerüchen und neuinterpretierten Klängen. Wie kann man das nur können? Dabei werde ich selbst oft gefragt, warum ich das kann. Woher ich meine Ideen nehme. Hier ist nun die Antwort: jeden Sonntagnachmittag werfe eine kleine, gelbe Pille in der Form eines Geistesblitzes ein, woraufhin ich mir eine Flasche Löwenzahnwasser aufmache und beginne, auf einer vollgeschmierten Kreidetafel ein wahnsinnig kompliziertes Berechnungsmodell für kreative Flugbahnen zu erstellen, an dessen Landepunkt ich bei der Firma Vorwerk „Idee, Größe: 42 mit Tiefgang, Farbe: schillernd bis magnatopinktiell, Zustand: neu“ durch den Wink mit einem aus verwaisten Taubennestern, die ich auf meiner Fensterbank sammele, gebauten Zauberstab in meinen Warenkorb lege und hoffe, dass die Idee bis Montag 00:00 Uhr geliefert wird. So oder so ähnlich.

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Kreativität ist ein Nest. Und zugleich einer der wenigen Räume unseres Lebens, den man nicht kontrollieren oder steuern kann. Ein Raum, der kein universelles gut oder schlecht kennt. Kreativität ist oft weniger ein Nachdenken denn ein Abwarten. Ein Warten darauf, dass ein Wort, ein Bild, ein Gedanke in den Sinn kommt. Warten darauf, dass die Melodie des Schepperns einsetzt. Warten darauf, dass die Hand den Pinsel über die Leinwand bewegt. Dass der Fuß einen unerwarteten Pass spielt. Dass der Mund eine schlagfertige Antwort formuliert. Dass der Gaumen das richtige Gewürz ersinnt. Woher diese Dinge kommen, die keinem Schema folgen? Sie folgen irgendeiner Form der Stimulation, die eben nicht einer mathematischen Gleichung oder wissenschaftlichen Berechnung folgt. Und das ist das Schöne daran. Jeder wird anders stimuliert und macht daraus wiederum etwas anderes. Jeder ist kreativ. Auf seine Weise. Gibt man verschiedenen Gruppen eine Aufgabe und viele Möglichkeiten, macht jede Gruppe garantiert etwas ganz Anderes daraus. Die eine malt, die andere reimt. Wieder eine andere erkennt die kreative Möglichkeit, eine Pause zu machen. Keine Gruppe wird zu dem gleichen „Ergebnis“ kommen.

Und so stelle ich mir unseren Kopf vor, wie eine Scheune, die uns allen gegeben wird. Aus der Scheune macht der eine einen Kuhstall, der andere ein Café, der nächste ein Zentrum zur Spinnentherapie. Wieder jemand anders errichtet eine Fabrik zur Herstellung von Löwenzahnwasser. Oder reißt die Scheune ab und baut sich aus dem Holz ein Baumhaus, das er in Stoff kleidet, um Touristen anzulocken. Unserer Kreativität sind in der Tat selten Grenzen gesetzt. Der Beweis dieser These dürfte sich im Übrigen erneut in den Kommentaren zu diesem B-B-Beitrag finden.

Und doch frage ich mich regelmäßig: was ist, wenn alle Ideen irgendwann erdacht sind? Wenn es keine neue Musik mehr gibt, weil alle Notenkombinationen gespielt? Wenn es keine neuen Gerichte mehr gibt, weil alles, was die Erde hergibt, zusammengekocht wurde? Wenn mir einfach nichts Neues mehr einfällt? Dann setze ich auf die nach der Kreativität zweitschönste Eigenschaft der Menschheit: die Vergesslichkeit.




Frohes Neues.

Silvester Frohes Neues Dinner for One 2020 Corona

Das erste Mal hat nicht so gut funktioniert. Also eigentlich hat es gar nicht funktioniert. Komplette Fehlzündung, wie manches erste Mal. Versuchen wir es also einfach noch mal. Denn Versuch macht ja bekanntlich klug. Und – um das vorwegzunehmen – genau so betrunken. Silvester 2020 und seine guten Vorsätze sind krachend gescheitert. Zeit also, es ein zweites Mal anzustoßenn, das nicht mehr ganz so neue und doch unverbrauchte Jahr 2020.

Die Gäste erscheinen durchnässt und angefroren bei 14 Grad und Nieselregen. Es ist ein milder, langer Winter bisher. Merkwürdig hell ist es. Anstatt die Winterzeit abzuschaffen, wurde sie anscheinend so verändert, dass es nun bis spät abends noch hell ist. Wie erhellend. Geändert haben sich die Zeiten auf vielerlei Weise. Für Menschen, die ihr Geld gerne mit allerlei Tamtam entflammen und explodieren lassen möchten, liegen keine Raketen und Böller mehr in den Geschäften. Stattdessen benutzt man indes hierfür Konzertkarten und WireCard-Aktien. Zudem scheint man nur Blumen, aber kein Blei oder Wachs, gießen zu dürfen. Das Rätseln über die Zukunft übernehmen nun die Rotweinflecken auf dem Tisch und Hobbyvirologen. Dinner for One, die einzige Konstante in unser aller Leben neben dem Frust über Montage, wurde abgedreht. Den Kummer darüber ertränkt man in Gin mehr for One.

Silvester Frohes Neues Dinner for One 2020 Corona

Doch bis auf den latenten Schwund der Folklore ist alles beim Alten. Weihnachten ist so schnell vergangen und gefühlt liegt es schon wieder eine Ewigkeit zurück. Nach den essensreichen Tagen eingesperrt zuhause freut man sich auf ein bisschen Ausgelassenheit mit Freunden. Die Mühsal, in einen Club nicht reinzukommen, erspart man sich lieber direkt und begeht das neue Jahr lieber weihevoll und selber voll in den eigenen vier Wänden. Den Nachbarn hat man nicht Bescheid gegeben, dass es lauter werden könnte, die dürften ja selber lange wach bleiben oder machen eh Urlaub in den Bergen.

Und so beginnt man nachdenklich über das letzte – halbe – Jahr zu philosophieren, zu streiten, darüber, was in der Zeit alles geschehen ist („Nichts? War das nicht auch dieses Jahr?“) und davon zu träumen, was man sich für das nächste alles vornimmt. Endlich verreisen, in die Ferne außerhalb des eigenen Stadtteiles. Der Harz steht ganz oben auf der Liste exotischer Reiseziele. Oder man freut sich auf das Konzert, das in einem Jahr stattfinden wird und dessen Karte man vor einem Jahr gekauft hat. Zu den Vorsätzen gehört auch, weniger Flugreisen anzutreten und die Schätze vor der eigenen Haustüre zu entdecken. Und sich allgemein weniger vorzunehmen – außer das eine vielleicht: gesund zu bleiben.

Um Mitternacht ist es ruhig auf der Straße und warm auf dem Balkon. Das müssen die Vorboten der Erderwärmung sein. Es fühlt sich beinahe an wie eine lauschige Sommernacht. Fröhlich, erhitzt und beschwipst. Das Knistern der Wunderkerzen begleitet die letzten Klänge der Vögel, das eigene Lallen und die „Ruhe!“-Rhetorik der Nachbarn. Die beschwingten „Frohes Neues“-Rufe werden nur erwidert mit einem Blick, der so entgeistert wirkt, wie die Vorstellung einer Mundschutzpflicht, eines globalen Reisestopps oder eines Bundeskanzler Söders. Völlig daneben.

Und so scheint das Motto für das neue, alte Jahr vorgegeben zu sein: wenig Lärm um Nichts.

Silvester Frohes Neues Dinner for One 2020 Corona




Zum Heulen.

heul doch weinen tränen

Rohe Zwiebeln verheißen selten etwas Gutes. Sie riechen, als habe man die Fußballtrikots der B-Jugend seit einem Monat nicht gewaschen. Sie hinterlassenen einen Geschmack und Aroma im Mund, der höchstens in der Hundeschule auf Zuneigung stößt. Und sie bringen sogar erwachsene Männer zum bitterlichen Weinen. Rohe Zwiebeln kennen kein Entrinnen.

Steht jemand mit von Knollen verquollenen Augen vor uns, erschrickt man sich für einen kurzen Moment und fragt, ob alles in Ordnung ist. Denn das öffentliche, unkontrollierte Weinen von Erwachsenen ist schließlich nicht in Ordnung. Heul doch – bitte zuhause. Kinder weinen. Fußballweltmeister dürfen sich mit Tränen in den Augen liegen. Und labile Weiber in Filmen von Nicolas Sparks das süße Popcorn versalzen. Aber darüber hinaus haben es Tränen in unseren Gesellschaften schwer. Wer weint, gilt als schwach und unangenehm für alle Beteiligten.  Heulsusen und Waschlappen werden keine Regierungspräsidenten oder Klassensprecher. Wer nah am Wasser gebaut ist, hat es manchmal schwerer, in der ersten Reihe zu wohnen.

Dabei sind Tränen so vielschichtig wie Zwiebeln. Eine einzige körperliche Reaktion kann so viele seelische Auslöser haben. Die Frustration über den verpassten Bus an einem gestressten Tag. Die Tränen des Schmerzes und des Glücks bei der Geburt eines Kindes. Die Rührung über einen Überraschungsgast. Das Gefühl der Vollkommenheit, wenn man in türkis, funkelndem Meer von einem Schwarm Fische umkreist wird. Die unendlich dunkle Traurigkeit über den Verlust eines Menschen. Das alberne, unkontrollierte Lachen über „Furze, wenn dich Leute umarmen! Das gibt ihnen das Gefühl, stark zu sein.“ Ob Sieger oder Verlierer, Glückspilz oder Pechvogel, heulen tun oft beide. Wir weinen sogar, wenn uns selber nichts geschieht und wir nur in Filmen, Büchern oder Gesprächen erfahren, was jemandem anderen  widerfährt. Wir weinen für andere prophylaktisch mit. Einfach als Absicherung, falls ihre eigenen Tränen nicht ausreichen sollten. Wie eine Art Bewässerungsanlage für trockene Augen.

Doch wie oft weinen wir im Leben? Und wie oft versuchen wir hingegen Tränen herunter zu schlucken? Dabei sind Tränen vielleicht weniger ein Ausdruck von Schwäche als ein Ausdruck starker Emotionalität und Menschlichkeit. Denn Krokodilstränen weint am Ende nur der Mensch.  Sie sind Ausdruck davon, dass man den Mut besitzt, seinen Gefühlen Ausdruck und Ausfluss zu verleihen. Davon, dass man so viel Empathie empfinden kann, dass man den Schmerz oder das Glück anderer Menschen nachempfinden kann. Dass man in der Springflut der Sinne nicht ertrinken muss, sondern sich von ihr treiben lassen kann.

Tränen sind das Salz in der Suppe – das dem Leben eine gewisse Würze verleiht. Also: heul doch.




Ziemlich echte Freunde.

Freunde Freundschaft Friends

Wenn man in der Grundschule das Rechnen lernt, dann fängt man damit an, seine kurzen Finger oder rote Äpfel zu zählen. Man addiert seine Lebensjahre, zählt die Tage bis zum Geburtstag oder lernt, dass das Taschengeld mehr wird, weil es durch ein Plus verbunden ist. Doch was man nicht beginnt zu zählen, sind die Dinge, die wirklich zählen. Die Stunden, die man gemeinsam im Wald spielen durfte. Die Bonbons, die man heimlich naschte. Die Kissen, die man brauchte, um sich eine Höhle zu bauen. Und man zählte nicht die Freunde, die einen dabei begleiteten.

Denn was zählen schon Freunde, die man zählt? Eine Frage, die manch Erwachsener zu vergessen scheint, während er Visitenkarten, Follower und Partygäste durchnummeriert und katalogisiert – und diese für Freunde hält. Doch was sind eigentlich Freunde? Echte Freunde? Echte Freunde sind die Menschen, mit denen man Pferde stiehlt und sie wieder zurück auf die Koppel bringt, weil jemand eine Allergie hat. Freunde erleben den ersten Rausch und die (erste) letzte Zigarette. Freunde beenden die Sätze des anderen, ehe dieser seine Gedanke in Worte fassen konnte. Freunde träumen gemeinsam vom Aussteigen und verpassen zusammen die Haltestelle. Echte Freunde sind wie ein Lottogewinn oder eine Wurzelbehandlung: viele braucht man eigentlich nicht im Leben.

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Zwei Liebende werden ein Paar. Eine Handvoll Kollegen ist ein Arbeitsplatz. Doch zwei Freunde sind einfach nur zwei Freunde – eine verdammt kleine Clique, die kein Klickziel verfolgt. Bekanntschaften verbindet ein Zweck, von dem sich mindestens einer erhofft zu profitieren. Oder sei es der Zweck, dass sie schnell wieder verschwinden. Familien verbinden Gene und Gesetze. Beziehungen verbindet irgendwas Diffuses zwischen Sex und der Vorstellung von zwei Gebissen auf dem Nachtisch. Doch Freundschaften haben kein richtiges Ziel, außer die Eckkneipe oder das Ende des Liebeskummers zu erreichen. Sie haben keine Regeln, keine Mathematik, keinen Zweck – außer einem reinen Selbstzweck vielleicht, der darin besteht, dass man selbst das Gefühl hat, nicht völlig verkorkst zu sein, so wie ein dreibeiniger Pitbull mit Schuppenflechte und Durchfall im Tierheim. Oder so verkorkst wie der Sommer 2020 zum Beispiel. Oder Boris Johnson. Oder Boris Johnson im Sommer 2020. Aber selbst Boris hat vermutlich ein paar Freunde, die ihm sagen, dass seine Haare sie zwar an die abgeernteten Weizenfelder in Yorkshire erinnern, aber ihn zum Geburtstag einladen, obwohl und nicht weil er von der Polizei eskortiert wird.

Nicht alle Freunde sind von Dauer. So wie nicht alle Lebensabschnitte, Wohnorte und Einstellungen von Dauer sind. Die Wege mancher Freunde kreuzen sich nur für einen gewissen Teil des Pfades. Dann biegt einer ab. Oder kommt nicht mehr hinterher. Oder steigt in einen SUV. Und doch begleiteten einen auch diese Freunde weiter. Die albernen Witze, die ernsten Sorgen, die CDs, die Dose Bier, die man mit ihnen teilte, sie trägt man als Erinnerungen mit. Auf ihnen läuft man seinen Weg.

Und hat man sich verkorkst lange Zeit nicht gesehen, sei es, weil man gerade von Heinsberg nach Gütersloh umgezogen ist oder so organisiert ist wie der Friseur von Boris, dann spielt das auf wundersame Weise keine Rolle. Man greift förmlich den damals gesprochenen letzten Satz wieder auf und springt kopfüber rein, in das, was einem Leben Erfrischung bringt: echte Freundschaft. Man badet in irgendwas zwischen Erinnerungen der Vergangenheit und Träumen für die Zukunft – und einem großen Stück gegenwärtiger Geborgenheit. Man denkt an gute und an schlechte Zeiten und begreift: Freunde sind eine lachende, ehrliche, unvernünftige, zu viel Wein trinkende, nicht verlieren könnende, deinen Geburtstag vergessen dürfende, dich an deine Sünden erinnernde, schlecht Auto fahrende, irrwitzige, bekloppte Form der Liebe.