Spazieren, gähn.

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Man nimmt sich ja recht viel vor in diesen Zeiten. Vieles, was man schon längst mal tun wollte, aber nie so recht die Zeit dafür hatte. Und dann stellt man fest, dass jetzt auch nicht die richtige Zeit dafür ist. Eigentlich ist nie die richtige Zeit. Für die Dinge, die man nie tun möchte. Warum auch. Jetzt ist halt nicht nie. Und so ist nie die Zeit, den Keller aufzuräumen, den Handstand zu erlernen oder mal wieder einen Brief zu schreiben. Schon gar nicht alles gleichzeitig zu tun. Und so lehnt man sich zurück in seinen beschwipsten Videokonferenzen und ist stolz darauf, immerhin einmal Ostereier angemalt zu haben. Man sollte sich ja nicht zu viel auflasten in diesen belastenden Zeiten.

Um dem sich selbst auferlegten Aktionismus dann doch noch etwas Luft zu verschaffen, geht man an die frische Luft. Etwas, das man eigentlich nur der viel beschreitenden und beschriebenen Risikogruppe jenseits der Naturhaarfarbe zutraut. Beige Rentner schreiten durch sattes Grün. Auf der Suche nach Enten, die sie füttern können. Personenkreise, die Smartphone ohne „sch“ aussprechen, laufen, tanzen, rollen, scrollen oder durchstehen hingegen das Leben. Aber gehen, das tun nur pensionierte „Gang-ster“. Normalerweise.

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Aber da Normalität den Jahreswechsel leider verpasst hat und im Jahr 2019 stehengeblieben zu sein scheint, geht man nun. Spazieren. Als sei es ganz normal. Bedächtig einen Schritt vor den anderen zu setzen, bis man wieder am Ausgangspunkt seines ersten Schrittes angekommen ist. Ganz normal. Ganz normal sind die zahlreichen Jogginghosen, die einem entgegen gehen, ohne zu laufen. Ganz normal ist die Flucht in Büsche und Hecken, sobald sich jemand auf dem eigenen Wege nähert. Das grußlose Passieren Po an Po. Ganz normal geworden ist das unterbewusste Zählen von Personenkreisen und Suchen nach verwandtschaftlichen Gesichtszügen größerer Gesichtsversammlungen.

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Unnormal scheint lediglich die unerlässlich scheinende Sonne. Während sie ihren Freigang zu genießen scheint, beobachtet man fasziniert in ihrem Schein das Erwachen der Natur – und das Erschaffen facettenreicher Gesichtsverschleierungen. Im Visier der Schweißermaske spiegelt sich die Blütenpracht und man träumt von Vollverschleierungspflicht. Man lauscht klatschenden Gummihandschuhen, während fremde Hunde um die Beine tänzeln. Sie gehen nicht spazieren. Sie rennen, springen und spielen miteinander. Während ihre Herrchen sich mit dem Radius eines Barockkleides grüßen und Kinder auf ausgedachten Schlössern turnen. Man grüßt den dritten Streifenpolizisten, der an einem vorbeispaziert. Selbst Beamte scheinen sich in diesen Zeiten für das Gehen ohne Ziel zu begeistern.

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Man nimmt sich ja recht viel vor in diesen Zeiten. Vieles, was man schon längst mal wieder tun wollte, aber nicht so recht die Möglichkeit hierfür hat. Wie Essen zu gehen, zu niesen – oder einfach wegzulaufen, wenn jemand vorschlägt, spazieren zu gehen.




Wie Zuhause.

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Samstagabend. Irgendwo in Deutschland. 

Sie: Wo gehen wir heute Abend essen? Auf „Ristorante La Casa“ oder das „Microwave“ hab ich irgendwie nicht schon wieder Lust. Da waren wir so häufig in letzter Zeit.

Er: Wie wärs mit dem „Esszimmer“? Das ist so ein neuer Laden direkt bei uns um die Ecke. Der ist derzeit in aller Munde.

Sie: Und was gibt es da so?

Er: Das ist so ein ganz neuartiges Konzept. Der Koch schaut einfach, was er im Kühlschrank hat und stellt dir daraus etwas ganz Eigenes zusammen.

Sie: Das klingt doch spannend. Meinst du, wir sollten reservieren?

Er: Besser wäre es. Moment. [Nimmt sein Handy ans Ohr] „Guten Abend, wir würden gerne einen Tisch für zwei Personen reservieren. Ja, für heute Abend. Ja, ich warte. Er schaut nach. Ja? Ja, gerne am Fenster. Perfekt, bis nachher.“ [legt sein Handy weg]

Sie: Und?

Er: Wir haben Glück. Der einzige Tisch ist noch frei.

Sie: Super. Aber jetzt hast du gar keine Uhrzeit abgemacht?

Er: Das ist egal, man kann wohl kommen, wann man möchte.

Sie: Hast du Lust, vorher noch zwei Bier im Kiosk „Zur Vorratskammer“ zu holen und unterwegs zu trinken? Ich würd mich und anderes dann mal in der Zwischenzeit in der Küche frisch machen. Ich muss nur noch kurz abduschen, den Spargel. Und Zehen schneiden. Knoblauchzehen. Und dann noch Schinken.

Er: Prima Idee. Es geht auch nichts über ein kühles Keinwegbier. [steht auf, verlässt den Raum und kommt mit zwei geöffneten Bierflaschen zurück]

Er: Ah, da ist es. Nach dir.

Sie: Oh, das ist aber schön eingerichtet hier. So persönlich.

Er: Und intim. Ich mag es, dass das „Esszimmer“ nur einen Tisch hat. Es soll zudem vor allem für seinen unaufdringlichen Service bekannt sein.

Sie: Toll. Man fühlt sich gleich, wie zuhause.

Er: Guten Abend die Dame. Willkommen im Esszimmer. Was kann ich für Sie tun?

Sie: Wir haben einen Tisch reserviert. Für zwei Personen.

Er: Ihre Begleitung verspätetet sich wohl?

Sie: Ja, das mit den Parkplätzen ist hier in der Gegend ja immer schwierig. Aber er kommt sicher gleich.

Er: Ich schaue kurz nach, welchen Tisch wir für Sie an diesem schönen Abend reserviert haben. Und dann bringe ich Sie schon einmal an Ihren Platz, wenn es genehm ist. [schaut in seine leere Hand]

Sie: Sehr gerne.

Er: Dann folgen Sie mir bitte. So, da wären wir. [rückt den Stuhl am Tisch zurück]

Sie: Direkt am Fenster, wie schön. [setzt sich an den Tisch]

Er: Darf es ein Aperitif sei?

Sie: Gerne. Hätten Sie diesen einen Chardonnay vom Penny da? Den für 3,99€? Jahrgang egal.

Er: Selbstverständlich. Eine ausgezeichnete Wahl, besonders die Egal-Abfüllung zeichnet sich durch ihren gleichgültigen Abgang aus.

Sie: Hervorragend. Dann nehmen wir davon eine Flasche.

Er: Sehr gerne. Den Wein haben wir Ihnen schon eingeschenkt. Ich bin gleich wieder da. [setzt sich an den Tisch]

Sie: Und hast du einen Parkplatz gefunden?

Er: Ja, direkt in unserer Tiefgarage.

Sie: Perfekt. Ich kann mich nicht entscheiden? Soll ich das Risotto nehmen oder rein gar nichts?

Er: Ich liebäugele ebenfalls mit dem Risotto. Oder einem Leberwurstbrot.

Sie: Dann lass uns doch beide das Risotto nehmen.

Er: Haben Sie schon etwas gefunden?

Sie: Sie kommen aber immer zur rechten Zeit. Wir nehmen beide das Risotto.

Er: Eine vorzügliche Wahl. Ein Moment bitte. [verlässt das Esszimmer] 

Sie: Ich hoffe, es dauert nicht so lange. Ich hab riesigen Hu..

Er [betritt mit zwei Tellern den Raum]: So, nun geht’s los. Hier hätten wir zweimal das Risotto auf Tellern, an sehr viel Käse und mit einer Spur zu viel Penny-Wein. Lassen Sie es sich schmecken. [setzt sich an den Tisch]

Sie: Das ging ja schnell.

Er: Sehr lecker. Schmeckt wie bei uns zuhause.

Sie: Schade, dass man im Restaurant nie Nachschlag bekommt. Ich geh mal kurz ums Eck. Weißt du, wo hier wohl die Toiletten sind?

Er: Nein, keine Ahnung.

Sie [verlässt den Raum und kommt mit einem Kochtopf in der Hand wieder]: Darf es noch etwas Nachschlag sein, der Herr?

Er: Sehr gerne. Für meine Begleitung bitte ebenfalls.

Sie: Selbstverständlich gerne. [setzt sich an den Tisch] Du, die haben hier nur eine Toilette für alle Gäste. Das finde ich etwas bedenklich.

Er: In diesen Zeiten ist es vermutlich einfach schwierig, für mehr als eine Toilette Klopapier aufzubringen.

Sie: Stimmt, da hast du vermutlich recht. Darf ich abräumen? Hat es Ihnen geschmeckt?

Er: Sehr sogar. Richten Sie einen Gruß an den Koch aus.

Sie: Ich soll mich von dir grüßen.

Er: Was machen wir mit dem angebrochenen Abend? Hast du noch Lust auf einen Absacker?

Sie: Sehr gerne. Kennst du eine Bar hier in der Nähe?

Er: Ja. Die Bar nennt sich „The Bathroom“ und ist bekannt für ihren mentholhaltigen Drink, wobei „the mouthwash“ ist wohl eher ein Shot, denn ein Drink.

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Sie: Ach, ist der Laden nicht direkt neben dem „In die Falle“? Da legt heut Abend DJ Sleepy auf.

Er: Ist das nicht, der der für seine Remixe der kleinen Nachtmusik bekannt ist?

Sie: Ja genau. Wobei wir wahrscheinlich schauen sollten, dass es nicht zu spät wird. Wir sind morgen zum Brunch in der „Balkoneria“ verabredet.

Er: Ach, das war morgen? Mit wem treffen wir uns noch mal?

Sie: Amsel, Drossel, Fink und Star.

Er: Ach, stimmt, ganz vergessen. Naja, aber es ist ja erst 18:15. Ein Getränk schaffen wir noch. Ich bestelle dann mal die Rechnung. Die Rechnung bitte!

Sie: Das macht genau null Euro. Wir akzeptieren leider weder Bargeld noch Kartenzahlungen.

Er: Ach, kann man dann hier nur mit AbwaschenExpress bezahlen?

Sie: Ja, genau. Brauchen Sie eine Quittung?

Er: Ja gerne. Man weiß schließlich nie, wo man die mal anlegen kann.

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Keine Hose, kein Problem.

Home office Heimarbeit Büroalltag Keine Hose kein Problem

Die Sonne scheint durch das Fenster. Die eigene Müdigkeit wird angestrahlt und ausgeknipst. Diffus versucht man sich an seine letzten Träume zu erinnern, während man in einem sonderbaren Tagtraum erwacht.

Es ist Zeit aufzustehen und zur Arbeit zu gehen.

Der Arbeitsweg beginnt mit leichter Verspätung an der menschenleeren Bettkante. Man schnappt sich noch schnell seine Zahnbürste, steckt sie sich in den Mund und macht sich auf den Weg. Zur Arbeit. In ausgefranster Unterhose. Unterwegs liest man auf dem Handy – die Uhrzeit. Und lauscht ein wenig der Musik – des zweiten Handyweckers.

So kräftezehrend und lange wie ewige Pendelstrecke ist, so lange braucht der eigene Computer um hochzufahren. Doch in der Zwischenzeit macht man sich erst einmal einen Kaffee. Das dreckige Geschirr stapelt sich schon wieder in der Kaffeeküche. Schlimm, diese rücksichtslosen, nur an sich denkenden Bürobewohner. Immerhin ist keiner dieses Gesindes in Sichtweite und möchte sich über die Rücksichtlosigkeit der anderen unterhalten, während er insgeheim an sich denkt.

Irgendwie merkt man früh an diesem Arbeitstag, dass man die Arbeitskollegen in letzter Zeit nicht mehr gut riechen kann.

Und so setzt man sich ungeduscht auf seinen Arbeitsplatz und gähnt genüsslich. Ein leiser Furz entfährt, der niemanden zu interessieren scheint. Noch eine Stunde bis zum ersten Termin. Der richtige Zeitpunkt, um sich seiner ersten Aufgabe, dem besonders komplexen Projekt mit den vielen Bausteinen und schwierigen Lösungswegen zu widmen. Mit noch frischem, morgendlichen Geist setzt man sich an die herausfordernde Aufgabe: das 1000-Teile-Puzzle. Der Projektleiter ruft zwischendurch an und fragt nach dem allgemeinen Vorankommen. Bestens, man habe soeben eine schier unlösbar erscheinende Phase des Projektes gemeistert. Die Lösung war irgendwie unter den Teppich gekehrt worden (das Puzzle-Teil mit der rechten Turmspitze des Schloss Neuschwansteins).

Man zieht sich noch schnell sein zerlöchertes T-Shirt mit der Aufschrift „ABI 2,003 ‰ – Meist dichter als Denker“ an und schlurft ins erste Meeting des Tages. Allmählich trudeln die ersten Kollegen ein. Wie ein gut gelaunter DJ fragen sie zur Begrüßung „Könnt ihr mich hören?“. Die Masse schweigt. Keiner scheint zu tanzen. Von irgendwoher dröhnen Geräusche eines Rasenmähers in den Meetingraum. Jemand isst eine Tüte Chips. Man beschließt die Zeit zu nutzen, um sich lustige Tiervideos anzuschauen und blickt nur kurz auf, als der Referent plötzlich verschwunden ist. Mitten in seinem Satz hat er den Raum verlassen. Doch niemand scheint sich darüber zu wundern. Der Kollege mit der besonders ausgewogenen Ernährung steht auf und holt sich etwas zu trinken. Das Ploppen einer geöffneten Bierflasche hallt durch den Raum. Der Redner kehrt so unvermittelt zurück wie er gegangen ist und fragt nur „Ab wann war ich weg?“. Ganz so, als sei er kurz eingenickt. Ein Kollege bewegt seine Lippen, als würde er auf die Frage antworten. Doch es kommt kein Geräusch aus seiner Kehle. Wie ein Fisch bewegt er seinen Mund, doch niemand schaut hin. Mitten in die Präsentation hinein platzt es plötzlich aus ihm heraus „Mist, ich war stumm“. Auch auf diese Feststellung folgt nur stille Zustimmung. Am Ende des Termins rufen alle ein ohrenbetäubend lautes „BIS BA“ und verlassen gleichzeitig und fluchtartig den Raum.

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In der Mittagspause hängt man kurz die Wäsche auf und rollt sich an seinem Arbeitsplatz nur für ein kurzes Nickerchen zusammen. Die Kantine möchte man eigentlich meiden seit der „Schweinebraten mit Knödeln und Rotkohl“ einer Suppenschüssel voll Cornflakes gewichen und der Service quasi nicht mehr existent ist. Aber die Portionen stimmen immerhin noch.

Nach dem Mittag widmet man sich dem e-Learning für Führungskräfte zum Thema Feedbackkultur („Super Mario“) und freut sich wie ein Moorhuhn über erste Erfolge. Doch dann ruft Mutter an und reißt einen aus der produktiven Konzentrationsphase. Man wimmelt sie ab nach einer Stunde und eilt in den nächsten Termin. Der Chef begrüßt die Runde mit einem „Sei endlich still“. Sein Hund ist auch dabei und wedelt fröhlich mit dem Schwanz. Alle anderen sind stumm. Leicht rot anlaufend ruft er „Kann mal jemand den Hund hier wegnehmen?“. Keiner steht auf. Seine Frau huscht schließlich kurz herein und zerrt den Hund ohne ein Wort des Grußes aus dem Besprechungsraum. Die Kinder des Abteilungsleiters nutzen die Gunst der Stunde und laufen ebenfalls kurz in den Raum, um ihr gemaltes Meetingprotokoll in die Runde zu zeigen. Nach einem kurzen Handgemenge ist es plötzlich sehr still. Der Chef bewegt sich nicht mehr. Er ist eingefroren, obwohl man selber nur (also ausschließlich) ein T-Shirt trägt und es als recht warm im Raum empfindet. Als kurze Zeit später eine E-mail des Chefs folgt („Rudi hat auf den WLAN-Router gepinkelt. Bitte Termin verschieben.“) und man sich wundert, wie er diese ohne jede Regung verfassen konnte, löst sich die Runde auf. Der Chef bleibt bewegungslos zurück.

Eilig geht man zurück an den Arbeitsplatz. Man muss schließlich noch einiges schaffen heute. Unter anderem Staffel 2, Folge 4 bis 9. Und für die Steuerabteilung wollte man auch noch etwas fertig machen. Da man ein besonderer Verfechter von Teamarbeit ist, bittet man den lieblichen Silvaner Riesling um Mithilfe. Und prompt geht die Arbeit viel flüssiger von der Hand.

Doch dann ist es endlich 13:45. Feierabend für heute. Zeit, sich endlich den schönen Dingen des Lebens zu zuwenden. Wie dem Brett-vor-dem-Kopf-Spiel „Mensch, ärger dich nicht über Vorurteile“. Oder dem 1000-teiligen Puzzle „Dein Email-Postfach“.




Mit Abstand betrachtet.

unendliches blau Himmel Wolken blauer Himmel

Was für ein Anblick. Klar, strahlend, frisch und so tief dieses Blau. Durchbrochen von ein paar weißen Wolken, die so wattig wirken, dass man sich in ihnen gerne räkeln und noch mal umdrehen möchte. Nur ganz kurz. Welch ein träumerischer Anblick. Und doch wirkt das Bild irgendwie fremd. Anders. Ungewohnt. Etwas fehlt. Erst beim zweiten Blick sieht das Auge, was das Ohr schon feststellte: es fehlen die Streifen. Die weißen, scharfen Linien, die wie Narben den Himmel durchkreuzen. Und mit ihnen fehlt das dumpfe Rauschen.

Es fehlen die Flugzeuge am Horizont.

Es fehlt der Mensch im Himmel.

Wie lange werden wir uns an diesen Anblick gewöhnen? An die Stille, die von der sonst tosenden Autobahn her weht? An die klare Luft über Peking? An die Delfine, die sich in der Bucht vor Venedig tummeln?

Wir werden uns an das Jahr 2020 gewöhnen und erinnern, als das Jahr, in dem wir uns begannen, einer nie dagewesenen Menschheitsaufgabe zu stellen. Das Jahr, in dem wir zeigten, dass Unvorstellbares plötzlich möglich ist. Dass sich das gesamte Leben der Menschheit plötzlich ins Gegenteil verkehrte. Das Jahr, in dem wir eine unsichtbare Bedrohung bekämpften, die das ganze Leben, wie wir es kennen, bedrohen sollte. Das Jahr, in dem wir dem Rat der Wissenschaftler folgten. Tag für Tag. In dem wir sehnsüchtig auf weltweit geltende Regeln warteten und abgestimmtes Vorgehen zwischen Ländern und Kontinenten bejubelten. Das Jahr, das die deutsche Automobilindustrie in die Knie zwang. Das Jahr, in dem jeder hoffte, wenigstens einmal in den Urlaub fahren zu können und versprachen, dies so sehr zu genießen, als sei es ein Schlummern auf stillen Wolken. In dem wir vergaßen, was Staunachrichten im Radio sind.

Und doch ist 2020 erneut das Jahr, in dem sich noch immer viel zu wenige für den Klimawandel engagierten. In dem sich zu wenig, zu langsam bewegte. In dem wir uns das Mantra „der Umbruch braucht Zeit“ (die wir nicht mehr haben) so häufig aufsagten, wie wir uns die Hände wuschen.

Der Gedanke, was möglich wäre, wenn die globale Erderwärmung so bekämpft würde wie eine globale Pandemie, ist irgendetwas zwischen wut- und mutmachend. Man ist wütend auf sich selbst, weil es erst den Arschtritt bzw. Hinweis eines mikroskopisch kleinen Zwerges braucht, um sein Verhalten radikal zu ändern. Weil es erst Verbote braucht, um all die Dinge zu tun, von denen man weiß, dass man sie tun sollte. Sei es mal herausfinden, wer überhaupt die eigenen Nachbarn sind. Sei es zu erkennen, dass das Wort „Pflegekräftemangel“ kein ferner Laut aus den Medien, sondern ein Wort mit einem verdammt nahen Echo ist. Sei es, dass man nicht fünf Mal im Jahr in Urlaub fahren muss, um glücklich zu sein. Sei es, dass man sich anstatt in ein Flugzeug in eine Videokonferenz setzen kann. Sei es, dass Kinderbeschäftigung mehr sein kann, als die Fahrt mit dem Auto zur Kita.

Zugleich macht der Gedanke Mut, dass die Menschheit erkennt, zu was sie allen Bedenkenträgern zum Trotz imstande ist, wenn alle anpacken. Er macht Mut, da in Zeiten der Krise geifernde Populisten ihren Zauber verlieren (wer traut schließlich Männern, deren größte Hirnleistung darin besteht, sich an ihr Twitter-Passwort zu erinnern oder Hundekrawatten zu binden, schon die Lösung von Menschheitsaufgaben zu). Er macht Mut, weil man beginnt zu begreifen, was man im Leben wirklich braucht, und was nicht. Wir ziehen voller Mut Kondenslinien im Kopf, die Wesentliches von Unwichtigem trennen.

Doch vor allem macht der Gedanke eines: nachdenklich. Was wäre möglich, wenn wir ähnlich zupackend, aber weniger panisch den Klimawandel angehen würden? Warum muss uns erst etwas genommen werden, ehe wir sehen, wie kostbar es ist? Meinte Greta das, als sie sagte „I want you to panic“?

Im Kleinen, wie im Großen erkennen wir: der Preis, den wir 2020 zahlen, ist hoch. Sehr hoch. Ob Milliardenpakete, Aktienabstürze oder die Angst vor der eigenen Mietzahlung, der Kampf um das, was uns so kostbar ist, wird teuer. Schmerzhaft teuer. Umso schöner wäre es doch, wenn dieses horrende Lehrgeld kein einmaliges Experiment bleibt, sondern wenn wir irgendetwas daraus lernen würden. Jeder für sich. Jeder für alle. Denn so wie unsere Lungen verbunden sind, so sind es auch unsere aller Leben.




Samtweich – eine Ode an das Popapier.

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Dunkel war`s, kein Mensch an fremder Stelle.

Passanten getrieben von panischer Schnelle.

Unsichtbar die Gefahr,

die niemals vorher war.

Fremd ist das Vertraute,

haltlos, die Welt, die man sich erbaute.

 

Flucht vor dem Gefühl, kratzig und rau.

Dem Zustand, hässlich und grau.

Treibt uns an deine Pforten,

den Eingang zu stilleren Orten.

Samtweich

jenes Reich.

Zuflucht vor der Welt, aus der man floh.

Du bist Balsam für den Po.

 

Von Ballast befreiter.

Glückseliges Loslassen.

Stiller Begleiter,

nach dem wir fassen.

Du bist der unschuldige Halt,

stiller Ort.

Nur der Darmwind schalt.

Sprich kein Wort.

 

In Einsamkeit eingewattet.

Kein Fremder oder Freund sei je gestattet.

Welch Genuss, du Isolation.

Nach machtvollem Bemühen der gerechte Lohn.

Erfolgreiches Geschäftemachen

ohne verseuchte Rachen.

Oh du Wertpapier,

bleibe zart, bei mir.

 

Blatt um Blatt,

möge es sich nie wenden.

Es gibt niemanden an deiner Statt,

kostbares Gut, in unseren Händen.

Hegen vielschichtiger Reserven.

Möchten wir dich nicht missen.

Niemals zu viel fortwerfen.

Ansonsten geht es uns beschissen.

 

Beschwerlich ist das Verdauen,

dröhnend das ferne Grollen.

Das erdrückende Grauen

droht uns zu überrollen.

Doch welche Rolle spielst du?

Ewiger Pol der Ruh,

Sei nie ausverkauft, du Klopapier,

du unser aller intimer Kavalier.

 

Bei dir sind alle gleich.

Ob braun oder weiß, ob König oder Knecht,

du umwickelst uns samtweich.

Oh Popapier, du bist universell gerecht.

Wir flüchten vor der Welt so harsch

Innerlich durchspült und aufgemischt.

Doch ohne dich sind wir am Arsch.

Ausgewischt.




Kranz bestimmt.

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„Ich kann es nicht mehr hören. Dieses hohle C. Diese ganze heiße, oder zumindest erhitzte Luft geht mir langsam gehörig am A vorbei.“ So mögen die meisten Menschen denken, sofern sie sich nicht aufgrund einer Verstrickung in zu viel Toilettenpapier die Blutzufuhr zum Hirn abgeschnitten haben und dadurch das mit dem Denken im Allgemeinen schwieriger wird. Manch einer ist kurz davor, aus purem Trotz an Türklinken zu lecken, Desinfektionsmittel in den Ausguss zu schütten und seinen verrotzten Ellbogen an irgendjemandem zu reiben. Einfach nur weil er es kann. In einer Welt, in der man mit jedem Tag immer weniger zu können scheint. Insbesondere das mit dem aktiven Nachdenken und dem Verzicht auf Nudeln wird wie gesagt immer schwieriger.

Was man aber tun kann, ist das C den dritten Buchstaben im Alphabet sein lassen und das dahinter beginnende teuflische Wort in all den unzähligen Nachrichtenberichten, Diskussionen, Social Media Hirnfürzen und Schlagzeilen durch ein anderes Wort zu ersetzen. Man sollte es einfach wie Türklinken eben auch nicht in den Mund nehmen und es zum Beispiel durch andere liebreizendere Worte austauschen. Wie zum Beispiel „Wellensittich“. Denn wer hat schon etwas gegen gute Manieren und Sittiche:

„Aus Angst vor Wellensittichen steigen die Hamsterkäufe.“

„Zahlreiche Flüge aufgrund von Wellensittichen gestrichen“

Oder wer wäre angesichts leerer Regale und hohler Phrasen nicht gerne von etwas mehr Kompetenz umgeben:

„Home Office für alle Mitarbeiter mit Verdacht auf Kompetenz.“

„Börsen weltweit rückläufig aus Angst vor den Folgen von Kompetenz.“

Oder man ersetzt diese fiese, nach Tod, Verdammnis und Desinfektion schmeckende Begrifflichkeit direkt durch ein gänzlich positives Wort der Glückseligkeit:

„Aus Angst vor Liebe verbietet Israel Deutschen die Einreise.“

„Die Folgen der Liebe sind weltweit spürbar und ungewiss.“

„Nach Karnevalsfeier steigt die Zahl der Fälle von Liebe sprunghaft.“

Während sich also „Liebe rasant verbreitet“ könnte man gleichsam dazu übergehen, der Schönheit des Begriffs „Ehrenkranz“ (lateinisch: nun ja man versteht den Punkt) zu huldigen und in seinen aktiven Wortschatz munter aufzunehmen. Man spricht von Ehrenkränzen statt Kreisverkehren, Stuhlkreisen und Körperrundungen. Dem Kaffeekranz wird auf einmal die angemessene Erhabenheit zuteil. Wobei derlei Zusammenkünfte von mehr als acht Personen vermutlich bald als virtuelles Meeting abgehalten werden müssen. Aber wem, wen nicht uns, dem Ehrenkranz der Schöpfung, fällt da nicht für alles eine passende Antwort ein. Kranz bestimmt. Selbst wenn wir uns auf ewig im Kranz drehen – wie ein Hamster im Rad.




Es verbreitet sich.

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Klopapier. Das scheint die Antwort zu sein, auf die die Menschheit so fieberhaft wartet. So sehnsüchtig. So verzweifelt. So panisch. Dick umwickelt um den eigenen Körper. Mehrere Rollen am besten mehrlagigen Papiers ergeben den vielschichtigsten Schutz. Vor der Welt und all ihren ungreifbaren Gefahren. Ganz gewiss. Anders sind die derzeitigen Zustände nicht zu erklären. Anders ist nicht zu begründen, warum Menschen den Jahresvorrat an Toilettenpapier einer Jugendherberge aus Supermärkten karren, schnell in ihre Autos verladen und mit quietschenden Reifen den Parkplatz verlassen. Sie müssen in irgendetwas verwickelt sein.

Verstrickt ist die Situation in der Tat. In einer Welt, in der Menschen und Informationen in ähnlichem Tempo um die Welt reisen, verbreitet sich kaum etwas so schnell, wie der älteste Virus, den die Menschheit kennt und dem sie immer wieder zum Opfer fällt: dem Virus der Panik. Unsichtbar breitet er sich in uns aus. Ohne es zu merken stecken wir uns gegenseitig an. Bis wir ähnliche Symptome zeigen, wie Hamsterkäufe von flauschigem Toilettenpapier, verminderter Appetit auf Peking Ente und das fiebrige Verfolgen halluzinativer Theorien im Internet. Ehe wir uns versehen, misstrauen wir jedem Husten, jedem Chinesen und jeder Türklinke. Wir verzichten auf Reisen, Großveranstaltungen und Aktienkäufe. Der Mikrochip für das neue Handy und die Zuschauer für das Fußballspiel fehlen auf einmal. Und so beginnen wir zu begreifen: verdammt wackelig diese Welt. Da braucht es ein winziges Etwas und Diktaturen geraden ins Wanken, die Weltwirtschaft gerät ins Stocken und wir verlieren eine unserer größten Errungenschaft: unsere Freiheit.

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Eine Freiheit, die wir oftmals genutzt haben, um uns auf Kosten von irgendetwas zu bereichern. Und nun schlägt etwas zurück, was wir verzweifelt versuchen, zu kontrollieren. Irgendetwas lässt seine Muskeln zucken und wir beginnen zu zappeln. Doch wann, wenn nicht im Moment der Krise, zeigt sich der wahre Charakter. Es zeigt sich wer Fakten erklärt, und wer blendet, wer die Lage lösen und wer sie ausnutzen möchte, wer bis zu seiner tropfenden Nasenspitze denkt und wer darüber hinaus. Ausgerechnet in einer Welt, in der es ohnehin an Beständigkeit fehlt (Bündnisse verschwinden, Undenkbares geschieht etc.), zeigt sich wie instabil das Netz ist, das wir um unser Leben gesponnen haben. Doch anstatt uns nun in seinen losen Enden zu verstricken, sollten wir doch dieses eine Organ nutzen, mit dem uns Gott, die Evolution oder unsere Mütter ausgestattet haben, ein Organ das kein anderes Wesen auf diesem Planeten in dieser Weise besitzt und schon ziemlich weit gebracht hat: unser Hirn.

Vorsicht, ja. Demut, bitte. Panik, och nö. Oder gab es jemals einen guten Grund zur Panik?

Die gute Nachricht zum Schluss: Ein Wickelkleid aus Klopapier ist im Übrigen wirklich das beste Mittel gegen jeden Virus. Es führt zur gesellschaftlichen Isolation.




Zum auswandern.

Funktionskleidung Wanderer Wandern Spazierengehen

Was ist der Unterschied zwischen einem Spaziergang und einer Wanderung? Schnell sinniert man über Höhenmeter, Bodenbeschaffenheiten und Kilometerentfernungen. Doch am Ende sind dies alles alberne Nebensächlichkeiten. Banalitäten, die einen weder bergauf noch bergab oder an irgendein Ziel bringen. Der wesentliche Unterscheidungsfaktor hat nichts mit dem Gewand des Terrains an sich zu tun: ein Spaziergang unterscheidet sich von einer Wanderung einzig und ausschließlich durch die Wahl der Garderobe der sich bewegenden Objekte.

Sind Spaziergänger in der Regel lediglich mit einem Hausschlüssel und irgendwas an den Füßen ausgestattet, erkennt man Wanderer an der knisternden Grundstimmung: dem Rascheln ihrer Funktionskleidung. Die Be- bzw. Verkleidung besitzt mehr Adjektive als eine Travestie-Show. Atmungsabweisend, windaktiv. Die Wassersäule entspricht in der Regel der Kilometerentfernung der Tagesetappe. Die Oberbekleidung „ist so vielseitig wie deine Ideen“ (Quelle www.globetrotter.de). Was das bedeutet, keine Idee. Es funktionskleidungiert eben.

Der Wanderer selbst ist ein wandernder Reißverschluss: alles an ihm hat Zähne. Hosenbeine, Ärmel, Bauchgurte. Nicht fehlen darf ein Reißverschlusssack auf dem Rücken des Wanderfreundes. Dieser ist gefüllt mit Energieriegeln, Landkarten, Regenponchos, Fallschirmen, einem Trinkwasserreservoir, den Unterlagen für die Steuererklärung und einem kleinen Elefantenbaby. Man kann ja nie wissen, was einen auf dem Weg alles erwartet. Das Schuhwerk erinnert an alte Mafia-Filme. Man denkt unweigerlich an einbetonierte Füße. Um sich wiederum auf den schweren Beinen halten zu können, greift der Wanderer zu stabilisierendem Stockwerk, welches ihm die Optik einer besonders farbenfrohen Marionettenpuppe verleiht. Und so stöckelt er zügigen Schrittes voran, vorbei an Bremsern und Bummlern, immer zielstrebig und auf alle Witterungen und Widrigkeiten eingestellt. Arktische Eisstürme, monsunartiger Regenfall, tropische Hitze – er ist vorbereitet, der Wanderer in der Krefelder Fußgängerzone.

Er vergeudet keine Zeit durch Kaffeepausen, sondern schlürft unter seinem Regenponcho einen Schluck sich stetig verdünnenden Tee aus der Thermoskanne. Erstickt er in der überfüllten U-Bahn, atmet seine Kleidung für ihn weiter. Im Drogeriemarkt spießt er treffsicher eine Packung Blasenpflaster mit seinen Wanderstöcken auf. Kurz vor der Ladenschlusszeit findet er – das invertiere Beuteltier – das passende Kleingeld in seinem rückwärtigen Speichermedium. Er, der komische Wandervogel, ist wirklich jedem Spazierhirn überlegen. Bis zu jenem Moment, da er bemerkt, dass er etwas Entscheidendes vergessen hat: seinen Hausschlüssel. Da bleibt ihm nur noch eines: auswandern.




Saug gut.

Tchibo Sauger Staubsauger

Einatmen. Ausatmen. Das fällt mitunter schwer. Insbesondere Menschen aus Thüringen dürften wissen, was gemeint ist. Doch allen, denen das mit der Respiration reichlich schwer über die Organe geht, sei Rettung verkündet. Der Erlöser aller Schnappatmer und Schnäppchenjäger ist kein geringerer als jene Übergestalt, die uns auch vor unsauber durchtrennten Bananen (Der beste Job der Welt) und mithilfe eines Mikrodermabrasionsgerätes vor was auch immer (In der Sirene liegt die Kraft) errettete: Tchibo. Wer sonst.

Denn Tchibo hat sich dem gesellschaftlichen Wunsch des „Bitte einfach nur weg damit“ verschrieben und allerlei nützliche Hilfswerkzeug zum Wegsaugen allerlei nützlicher Dinge entwickelt. Doch wie in Thüringen gesehen: die richtige Wahl fällt schwer. Dank dieser Einkaufshilfe wird das Aufrüsten jedoch ein Kinderspiel.

Die Blaskapelle des Kaffeerösters weiß vor allem durch Dezibel und ausgefeilte Technik zu beeindrucken. So wartet der beutellose Staubsauger FC9330 mit „ TriActive-Düse, PowerCyclone-5-Technologie (…) und 76 dB max. Schallleistungspegel“ auf. Er ermöglicht damit endlich die Marsmission, die sich die Kinder schon so lange wünschen. Dank des CLEANmaxx-Zyklon-Staubsauger wird das „Staubsaugen in der Wohnung zum Spaziergang“. Ein gemütlicher Bummel, bei dem man sich mit einem Kabel irgendwo zentral fixiert, sternenförmig vor und zurück geht und von Lärm begleitet wird. Der Vergleich liegt so nahe wie das nächste Staubkorn. Oder man gönnt sich direkt den CLEANmaxx-Akku-Zyklonstaubsauger »Pro Power 9196« und bringt damit „die Bodenreinigung zu Hause auf ein ganz neues Level“. Inwiefern höhere Bewusstseinszustände dank eines Sauggerätes erreicht werden können, bleibt ungeklärt. Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass die viele heiße Luft das Gefühl erzeugt durch Raum und Zeit zu schweben und über den Dreck zu fliegen. Experten erwarten daher, dass Tchibo bereits an einer „Bibi Blocksberg“ Sonderedition arbeitet und demnächst der „CLEANhexhex Kartoffelbrei“ eingeführt wird.

Wem das alles ein Spur zu großtourig klingt, dem sei ebenfalls geholfen. Beispielsweise mit einem Mini-Tischsauger im „Westentaschenformat“ oder mit dem Handstaubsauger »MiniVac FC6142/01«, mit dem man nicht nur Hände, sondern auch Mini-Tischsauger und Westen mühelos entfernen kann. Für die Freunde der Feinmotorik sei der Saug-Aufsatz empfohlen, der sich dank seiner schmalen Öffnung „wunderbar zum Reinigen von Tastaturen“ und Mundwinkeln eignet. Den wer braucht schon das €-Zeichen auf der Tastatur oder den Lippen, wenn er sich das Geld aus der Tasche saugen lassen kann.

In der Kategorie „Das saugende Grauen“ finden sich zudem Produkte, die nicht nur von nutzlosem Dreck, wie einer Armada an Stausaugern, befreien. Tchibo erlöst auch von echten Gefahren. Mit dem Milben-Handstaubsauger „haben vor allem Allergiker ein wirksames Instrument, das in der Reinigung von Matratzen, Bettdecken, Kopfkissen und Co. einen echten Unterschied macht.“ Nicht-Allergiker haben vor allem ein wirksames Instrument, das in der Reinigung von Matratzen, Bettdecken, Kopfkissen und Co. wirklich gar keinen Unterschied macht. Sind die Haustiere wiederum etwas größer und flauschiger als mikroskopisch kleine Gliederfüßer, holt man sich katastrophale Zustände ins Haus. Denn: „Haustiere in der Wohnung hält man nicht, ohne deren Haare überall wiederzufinden – und normale Staubsauger kommen da schnell an ihre Grenzen. Es sei denn, man rüstet ein bisschen nach. Und warum dann nicht gleich mit einem Turbo?“ Die rotierende Turbo-Tierhaarbürste entfernt dieses Problem turboschnell. Sie macht die Katze zur Nacktkatze oder den Sittich und auf Wunsch die Ehefrau zum gerupften Huhn.

Unliebsam geparkte Autos lassen sich wiederum ganz einfach mit dem Autosauger entfernen, auch an besonders „schwer zugänglichen Stellen“. Muffige Teppiche fliegen davon, dank des CLEANmaxx Teppichreiniger Professional. „Den Teppich regelmäßig zu saugen, ist schön und gut und richtig und wichtig – eine wirklich gründliche Reinigung braucht aber etwas mehr.“ Der praktische Reiniger entfernt zugleich unnötig platzierte „und“ in einem Satz und das ist schön und gut und richtig und wichtig.

Unter dem Motto „Eins, zwei, streifenfrei“ sagen wir Fensterscheiben bye bye . Der Fenstersauger erlöst vom lästigen Fensterputzen und entfernt Glasscheiben bruchsicher. Die dadurch entstehende Zugluft wird durch die vielActivePustekuching PowerStaubsturm-5-Technologie wohlig warm erhitzt.

Wer bei der vielen Saugerei versehentlich die eigene Hirnmasse abgepumpt hat, dem sei der Akkusauger »SpeedPro FC6722/01« in die Hand und ans Herz gelegt, denn der „einzigartige Staubbehälter lässt sich Entleeren, ohne den Inhalt gleich wieder zu verteilen.“ Tchibo befreit so auch von besonders grobkörniger Lebensunfähigkeit. Oder er legt mit dem iRobot »Roomba® 696« Saugroboter einen flotten Rumba auf das automatisch erkannte Parkett und genießt Tanzeinlagen, „die am besten zum persönlichen Zeitplan passen.“

Übrigens: Befürwortern des feuchten Auswurfs, denen das alles zu aufgeblasen klingt, macht Tchibo gerne Dampf unter dem Hintern. Der multifunktionale Dampfbesen hilft beim „Entfernen von Falten“ und der Dampfreiniger Kompakt „bietet mit bis zu 45 Minuten Dauerdampf“ die Möglichkeit, mal so richtig Dampf abzulassen. Ein Gerät, das sich im Thüringer Landtag größter Beliebtheit erfreuen dürfte.

Doch bei all der sauggenialen Innovationskraft, die Tchibo offenbart, hat der Kaffeeröster eine Kernfrage übersehen: womit sauge ich alle meine Sauger ab?




Zwischen Wahn und Wirklichkeit – ein Abend mit Bolzen Höxter.

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Dinge, die die Welt nicht braucht, gibt es viele. Landtagswahlen. Sabine. Corona. Und so versucht man sein Leben mit Dingen zu füllen, die man für erbaulich und sinnvoll hält. Damit man irgend so etwas wie kuschelige Erfüllung spürt und nicht im geistigen Leerstand vegetiert. Anstatt also einen der unzähligen Tatorte und die eigenen Füße auf dem heimatlichen Polstermöbel zu betrachten, begibt man sich hinaus in die stürmische Welt. Man lässt sich vom Wind treiben und wird in eine schummrige Bar geweht. Wie „Treibeis“.

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Voll, verraucht, leicht siffig – beschreibt das menschliche und nichthumane Interieur. Dies ist der Stoff, aus dem Plakate für Suchtpräventionskampagnen gemacht sind. Doch scheint man ausgerechnet an einem Samstagabend an der Repräsentationsfähigkeit des Etablissements arbeiten zu wollen und hat begonnen zu renovieren. Zumindest ist die Hälfte der farbeimergroßen Trankstelle mit Abdeckfolie für Malerarbeiten verhüllt. Mitten hinein in diese knisternde Stimmung tritt irgendwann ein Mann mit Maleranzug. Sein Kopf ziert ein Hut, wie ihn spanische Toreros beim Stierkampf tragen. Doch mit den Worten „fünf Bier für die Band“ läutet er den Bierkampf und das musikalischen Gemetzel ein. Feierlich verfängt er sich in der Malerfolie und enthüllt dabei seinen Hang zur Selbstperfektion – und die Band des Abends, deren Hauptklängemacher er ist. Sänger ist er nicht. Er ist eher irgendwas zwischen Helge Schneider, Lady Gaga und dem Klabautermann. Und so beginnt die Band zu spielen. Mit normalen Instrumenten, absonderlichen Maleranzügen und Kopfbedeckungen. Hüte mit aufgeklebten Federbällen und Antennen wackeln im Takt der Triangel- und Gitarrenklänge. Zur Lockerung der Stimmung verteilt die mit Mundschutz ausgestattete Band Corona. Und man beginnt als Betrachter zu begreifen: dies wird kein normaler Abend.

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Beinahe nebensächlich nimmt man die triebwerkstarke Musik wahr. Rockig und irgendwie gut ist sie – wenn doch nur niemand singen würde. Die präzise gespielte Triangel ist ebenso wie die Texte kaum hörbar. Der Gesang erinnert ohnehin an Bahndurchsagen. Kunst nur für echte Kenner. Und doch sind die Ansagen eingängig. Irgendjemand will nach Namibia. Und irgendwas mit Bettina. „Fleischsalat und Magerquark“ brennen sich in das Gehirn. Man möchte jemandem ins Gesicht brüllen „Ich lieb dich doch und wir fahren nach Italien“. Reime und Harmonien sind nun wirklich fortschrittsfeindlich. Tütchen mit Fruchtgummi werden als Energielieferanten im paralysierten Publikum verteilt, das ungläubig am Bier nippt und irgendwie berührt mit dem Kopf wippt.

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Das große Finale bahnt sich an. Man pellt sich aus den Maleranzügen. Eine pinke, hautenge Pracht kommt zum Vorschein. Man denkt an erneut an Fleischsalat. Vermutlich ist der Mann mit der zerfetzten, pinken Strumpfhose eigentlich Anlageberater bei der Sparkasse. Irgendwie auch nur irgendetwas zwischen Wahn und Wirklichkeit.

Und so setzt mit dem letzten Spritzer Klangfarbe das Getöse ein. Jubel und Applaus, über diesen Mut zum klangvollen Selbstabriss. Zum realen Wahn, in einer ansonsten vorhersehbaren, kuschelweichen Wirklichkeit. Da die Bar zugleich die Bühne ist, gibt es kein verqualmtes Hinterzimmer für die Stars des Abends. Und so taucht die Band in der Menge unter. Sofern man mit einer Antenne auf dem Kopf wirklich unauffällig untertauchen kann. Man folgt der Antenne durch die Menge und erwirbt eine Schallplatte, um mit dem erlebten Irrsinn irgendwie etwas Gegenständliches verbinden zu können . Auf die Frage hin, woher der illustre Name der Kombo stamme, ob es etwas mit der eignen Herkunft, romantischen Kindheitserinnerungen oder tiefgründigen Botschaften zu tun habe, entgegnet man: „Wir wollten was mit ö und x.“ Aha. Da bei Gründung der Gemeinschaft so etwas wie der Austritt Österreichs aus der EU noch undenkbar war, nannten sie sich folglich nicht Öxit, sondern Höxter. Dazu fällt einem nöx mehr ein. Gar nöx. Außer zu warten „auf die Dinge, die die Welt nicht braucht.“ Wie zum Beispiel eine Schallplatte, wenn man keinen Plattenspieler besitzt. Der nächste Hit von Bolzen Höxter scheint jedenfalls schon geschrieben: „Folgekosten“ oder „Wie viel habe ich gestern getrunken?“

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