Fragwürdige Berufe – der Coach.

Coach Coaching Seminar Flipcharts Buntstifte Bauklötze

Coach: Liebe Teilnehmer, ist es nicht schön, dass Sie sich alle heute Zeit für dieses wichtige Seminar genommen haben?

Teilnehmer: Ich bin wegen der Häppchen hier.

Coach: Kennt denn jemand das Thema des Seminars?

Teilnehmer: Erfolgreiches Schnittchenstellen-Management?

Coach (lacht verkrampft): Ist es nicht schön, wenn man Humor hat?

Teilnehmer: Sie verwechseln hier – denke ich – zwei artverwandte, aber dennoch verschiedene, tief menschliche Bedürfnisse miteinander, aber: Humor ist nicht Hunger. Coach ist ja auch nicht Couch. Leider.

Coach: Haben Sie denn alle Ihre Vorbereitungsarbeit gemacht und daran gedacht, einen Gegenstand mitzubringen, der Ihren Führungsstil beschreibt?

Teilnehmer: Ich habe eine Tupperdose mitgebracht.

Coach: Aha, ist das nicht interessant? Was fühlen Sie, wenn Sie diesen Gegenstand betrachten?

Teilnehmer: Hunger.

Coach: Auf Führungsarbeit?

Teilnehmer: Ja. Auf das Führen eines Häppchens in meinen Mund.

Coach: Nun, was erhoffen Sie sich von diesem Tag?

Teilnehmer: Ich erhoffe mir, dass Sie mal zum Punkt kommen und wenigstens einen Satz nicht mit ihrem Lieblingsgegenstand – dem Fragezeichen – beenden.

Coach: Supi, wollen wir beginnen?

Teilnehmer: …aber ich gehe nicht mit allzu viel Hoffnung in diesen Tag.

Coach: Was halten Sie davon, wenn Sie Ihre heutigen Emotionen auf diese unterschiedlichen Karten malen und an die Pinnwand hängen?

Teilnehmer: Gegenfrage: was halten Sie davon, wenn ich Ihnen mit diesem wasserfesten Filzstift eine hübsche Mono-Braue male und neben ihre Naselöcher „Coaching Zone“ schreibe?

Coach Coaching Flipcharts Seminar Wachsmalstifte Edding

Coach: Kann ich ein kurzes Echo zu dieser Idee bekommen?

Teilnehmer: Ein kurzes Echo bekommen…bekommen..kommen.

Coach: Kann es sein, dass Sie Humor als Schutzmechanismus benutzen, um sich nicht mit Ihren eigenen Gefühlen auseinander setzen zu müssen?

Teilnehmer: Auseinander setzen zu müssen…müssen…üssen.

Coach: Möchten Sie diese Situation vielleicht ansonsten mit diesen Bauklötzen nachstellen?

Teilnehmer (greift nach einem Bauklotz und führt ihn zum Mund): Ich verstehe ja, dass der Kostendruck das gesamte Unternehmen erfasst hat. Aber muss man da wirklich jeden Cent umdrehen und jetzt auch noch ausgerechnet bei den Häppchen für Seminarteilnehmer sparen? So trockene, pappige Briketts würde man doch nicht mal einer Taube füttern. Da geht meine Tupperdose lieber leer aus. Könnte man dann nicht wenigstens diese Pappkarten aus Esspapier machen?

Coach Coaching Bauklötze Seminar

Coach (geht zu einem Flipchart): Ist das nicht eine tolle Idee, die wir hier in unserem Themenspeicher notieren wollen?

Teilnehmer: Ich finde ja im Allgemeinen, dass alles, was man auf Flipcharts notiert, so flippig ist wie Chartmusik oder eine Unterhaltung mit diesen Holzkeilen. Daher verdient es diesen Namen nicht. Flopchart oder Umblätterboard fände ich angemessener. Notieren Sie das mal bitte in Ihrem Themenspeicher –  den ich im Übrigen auch eher Kein-Esspapierkorb nennen würde.

Coach: Da bin ich ganz bei dir, darf ich trotzdem fragen, warum?

Teilnehmer: Nein.

Coach: Nein?

Teilnehmer: Sie dürfen mich nichts fragen.

Coach: Wie fühlt es sich dann für Sie an, dass ich nur in Fragen spreche?

Teilnehmer: War das eine Frage?

Coach: Was denkst du?

Teilnehmer: Ich denke: bitte machen Sie mal einen Punkt. Wollten Sie das wissen?

Coach: Hast du auch das Gefühl, dass wir hier nicht weiterkommen?

Teilnehmer: Ja.

Coach: Was macht das mit dir?

Teilnehmer: Ich merke nicht, dass hier heute irgendjemand irgendetwas macht. Ich habe ein tiefes Gefühl der Machlosigkeit.

Coach: Wissen Sie, dass es ein wichtiger erster Schritt ist, sich dieses Gefühls bewusst zu werden?

Teilnehmer: Da staune ich aber Bauklötze.

Coach: Darf ich – damit wir pünktlich (Teilnehmer lacht) zum Ende kommen – eine letzte Frage stellen?

Teilnehmer: Lassen Sie mich raten „Gibt es noch Fragen – die ich nicht gestellt habe?“ Ich denke nein.

Coach: Was nehmen Sie nach diesem Tag mit?

Teilnehmer: Eine Tupperdose, die so leer ist wie Ihr Themenspeicher, und den Vorsatz, nie wieder ein Seminar zu besuchen. Punkt.

Coach: Ist das nicht schön? Wer möchte das Schlusswort sprechen?

Teilnehmer (steht auf): Ich möchte ein Zeichen setzen. Unverschwungen. (verlässt den Raum)

Coach Coaching Flipcharts Seminar Pappkarten




Betriebsfeiern – eine Betriebsanleitung.

Betriebsfeier Weihnachtsfeier Sommerfest Discokugel

Es ist diese besondere Zeit im Jahr. Diese Zeit, in der sich Fremde in die Arme fallen, man in tief hängendes Lametta läuft und viel zu viel isst und trinkt. Es ist die Zeit der Betriebsfeierei. Während die sommerliche Version des Zwangsamüsement unter gemeinschaftlich verbundenen Arbeitssklaven in der Regel mit allerlei Aktivitäten aufwartet, ist die Winterausgabe der Betriebsfeier in der Regel von Passivität geprägt. Das Sommerfest scheint ein Überlebenscamp für Schreibtischhelden zu sein. Vom Steuern verschiedenster Wasserfahrzeuge über Lama-Trekking, Trommelkurse oder Geocaching, alles scheint möglich zu sein. Hauptsache, man könnte es auch bei Jochen Schweizer kaufen. Nie weiß man, was im nächsten Jahr geboten wird. Gewiss ist lediglich, dass es regnen wird und man am nächsten Tag Muskelkater an Stellen hat, von denen man nicht einmal wusste, dass sie muskelkaterfähig sind.

Die Firmenweihnachtsfeier ist hingegen wie Dinner for One komplett vorhersehbar. Und alle Jahre wieder lacht man trotzdem. Das Ambiente, der Ablauf, aber vor allem die Protagonisten sind jedes Jahr so überraschend wie der Moment, als der Kellner über den Tigerkopf stolpert. Die Kulisse bildet eine praktisch anmutende Mehrzweckhalle, die mit roten Schleifen, Tannenzweigen und Servietten, die das Firmenlogo tragen, kaschiert wurde. Der Ablaufplan dient zunächst der Erzeugung eines maximalen Gefühls des Sichbetrinkenwollens. Die Feierlichkeiten beginnen in der Regel mit einer nüchternen Präsentation von Umsatzzahlen und Visionen für das neue Jahr, die unterbrochen wird von gezwungenem Szenenapplaus für Mitglieder der Geschäftsführung und Kaffeepausen mit dünnem Filterkaffee. Es folgt ein deftiges Abendessen, das als Grundlage für alles weitere dienen soll. Und dann beginnt das Schauspiel mit irgendeiner besonders gut gelaunten Coverband oder DJ Johnny Cool, der „kein Tanzbein unberührt“ lassen wird – gefolgt vom Auftritt der Protagonisten.

Weihnachtsfeiern bieten vor allem die Möglichkeit, männliche Vertriebsmitarbeiter in ihrem natürlichem Umfeld zu beobachten. Erkennbar an einer geschwellten Brust und einem schwankenden Gang, besetzen sie zunächst das Revier rund um die Bar. Später verteidigen sie mittels ausladender Armbewegungen und unrhythmisch gefeuerten „Luftpistolen“ die Tanzfläche für sich. Dabei ist ihr geschärfter Blick immer auf weibliche Artverwandte gerichtet. Monogamie ist an diesem Abend so beliebt, wie ein Fahrzeug der Konkurrenz auf dem Firmenparkplatz.

Das einzige Weibchen, welches auf die Brunftversuche reagieren wird, ist erkennbar an dunkel geschminkten, leicht schielenden Smokey Eyes, niveauflexiblem Dekolleté und Absätzen, die so hoch sind wie das Proseccoglas in der Hand. Bei der Bestellung an der Bar ruft sie gerne „metoo“. Egal in welcher Abteilung sie arbeitet, an diesem Abend ist sie entschlossen, im Innendienst tätig zu werden.

Hingegen mehr auf Außenwirkung fokussiert sind die Kollegen aus der Marketingabteilung. Einfach zu identifizieren an aufwendigen, glitzernden Kostümen – selbst wenn kein Verkleidungsmotto ausgelobt wurde. Für gewöhnlich sind sie in Gespräche verwickelt: mit dem Barpersonal, um die Zutaten ihres Longdrinks zu diskutieren oder dem DJ, um sich dieses eine Lied von Katrina and the Waves zu wünschen.

Betriebsfeier Weihnachtsfeier Drinks

Der Typ aus der IT-Abteilung wird zu später Stunde seinen voluminöses, öliges Haupthaar öffnen und headbangend auf der Tanzfläche stehen. Die Mehrheit der Mittänzer wird sich in diesem Moment an den Füllstand ihrer Blase erinnern und „mal kurz Kacheln zählen“ gehen. Lange vor dieser Episode wird die Buchhaltung die Örtlichkeit verlassen haben, um pünktlich am nächsten Morgen ihrer Arbeit nachzugehen. Erkennbar daran, dass am Folgetag eine Rechnung mit der Anmerkung „Falsche Anschrift“ im eigenen Postfach liegen wird. Abteilungsleiter sind hingegen daran zu erkennen, dass sie Tabletts mit Kurzen in der Menge verteilen und Verkleidungsstücke aus der Fotoecke auftragen.

Besagte Fotostation ist im Übrigen der Ort, an dem alle Protagonisten egalitär alkoholisiert schließlich zusammenkommen und sich durchmischen. Die Durchmischung erfolgt jedoch nur für diesen einen Abend. Am nächsten Tag schauen alle die Fotos an und fragen sich, ob die Person neben sich eigentlich Teil des Garderobenpersonals war. Während den meisten Fotomotiven das Beweismaterial peinlich ist, wird es sich für eine Person als nützlich erweisen. Das an diesem Abend gezeugte Firmenbaby wird diese Fotos Jahre später entdecken und sich fragen, ob das Papa mit dem Rentiergeweih auf dem Kopf ist.




Wenn Legastheniker Tätowierer werden – warum wir werden, was wir sind.

Berufe failed tattoe Berufswahl

Man entscheidet in einem Alter, in dem man Buffalo-Schuhe oder Lady Gaga noch für eine richtig gute Idee hält über seinen weiteren Lebens- und Werdegang. Darüber in welche ungefähre Himmelsrichtung man den Rest seines Lebens berufspendeln wird. Darüber von wie viel Stress, Geld und Flugmeilen das eigene Dasein geprägt sein wird. Darüber, ob man Menschen dauerhafte Erinnerungen an die eigene ausgeprägte Lese-Rechtschreibschwäche unter die Haut stechen wird.

Ein bisschen wirkt diese zwangläufig in jungen Jahren erforderliche Berufswahl so, als könne man auch gleich dazu übergehen, Kinderehen zu erlauben und Teenie-Schwangerschaften zu fördern.  Und so bereitet man die ansonsten für bedingt zurechnungsfähig gehaltene Jugend von langer Hand auf die Frage „Was möchtest du werden?“ vor. Fragt bereits der Opa nach dem Berufswunsch, antwortet der Enkel „Baggerfahrer“. In das Poesiealbum der besten Freundin schreibt man später „Grundschullehrerin“. Man besucht die Berufsberatung des Arbeitsamts – die einem jedoch nahelegt Tankwart zu werden, lediglich weil man gerne mit Menschen zusammenarbeiten möchte und Autos mag. Man schwankt und wandelt, bis die ersten Weichenstellungen tatsächlich  anstehen und das Schlingern auf einmal schwieriger wird. Die Entscheidung kündigt sich lange an und ist doch schneller da als eine Wespe im Limonadenglas.

Doch was ist es, was am Ende unsere Berufswahl tatsächlich beeinflusst? Zufälle oder bewusste Entscheidungen? Sind es die Erwartungen der Eltern, das eigene Milieu, die Schulnoten, der pubertäre Hormoncocktail oder echte eigene Interessen? Auf allzu viel Lebenserfahrung als Entscheidungsgrundlage kann man jedenfalls nicht zurückgreifen. Ein Fakt, der vermutlich gesellschaftlich durchaus begrüßenswert ist, denn sonst würde ja niemand freiwillig den Beruf des Urologen oder Grundschullehrers für Musik ergreifen wollen. Wer schließlich einmal „eitrige Hämorrhoideninfektion“ gegoogelt oder einen Raum voller Erstklässler mit „Klang“-Hölzchen und Glockenspielen betreten hat, würde definitiv andere berufliche Entscheidungen treffen.

Man definiert also einen wesentlichen Bereich seines Lebens mehr oder minder mit Verstand und auf erst kürzlich ausgewachsenen, sehr wackligen Beinen stehend. Doch warum halten wir so sehr an dieser wackligen Entscheidung fest – während wir die Buffalo-Schuhe schon lange abgelegt und Lady Gaga abgedreht haben? Warum gibt es, nein, warum ergreifen wir so selten Möglichkeiten im Laufe des Werdeganges, andere Pfade auszuprobieren? Stattdessen fahren wir fünfzig Jahre lang den gleichen Weg entlang. Wir wechseln vielleicht mal auf die Überholspur, aber dennoch fahren wir immer in die gleiche Richtung. Wäre es für uns persönlich und für die Gesellschaft nicht viel interessanter, wenn wir abbiegen und die Richtung wechseln würden?

Berufe Berufswahl AnzugträgerBei der Frage geht es nicht um Aussteigerfantasien von ausgebrannten Anzugträgern, die plötzlich Schafzüchter in Neuseeland werden möchten (bis sie feststellen, dass sie Flugangst und eine Ziegenhaarallergie haben). Es geht darum mehr als nur ein Talent, ein Interesse in seinem Leben zu nutzen und zu fördern. Es gibt so viele Berufe, warum sollte man nicht mehr als nur diesen einen ausprobieren und erlernen können. Man könnte vom Gärtner zum IT-Berater umschulen und anstelle von Azaleen Algorithmen bewirtschaften. Anstatt Anlagepapiere könnte man Kinder hüten. Oder zunächst kariöse Löcher flicken und später Golfschülern beim Einlochen anleiten. Wie bunt wäre unsere Welt. Wie vielseitig unsere Tischgespräche. Wie spannend unsere Leben. Und selbst wenn man mal in einen Kreisverkehr gerät und nach einer Yoga-Lehrer-Ausbildung doch wieder „im herabschauendem Angestellten“ vor einem Computer hockt, was haben wir zu verlieren?

Die bisschen verprasste Ausbildungsgelder und Staus auf den Straßen, weil 61-jährige Grundschullehrerinnen eine Fortbildung zur Fernkraftfahrerin machen wollen, verkraften wir doch allemal – wenn man dafür geistig aktive, motivierte und engagierte Mitarbeiter anstatt abgestumpfter, gelangweilter Bioandroiden bekommt. Also: mehr kurvige Karrieren. Mehr schlecht frisierte Lebensläufe. Mehr links abbiegen statt links überholen. Getreu dem Motto: Never give up. Always belive.




Sommer im Büro – ein Tag voller Konzentroh ein Vögelchen.

Büro Alltag Arbeitsplatz Firma Computer

Heute bist du mal so richtig produktiv. Heute bist du eine Mensch gewordene Ballmaschine, die alle Aufgaben schwungvoll wegschmettert. Bis zum Home Run bleibt deine Seite des Feldes heute so sauber, dass daneben Sagrotan wie Trinkwasser aus den Slums von Bogota wirkt. Heute stammelst du nicht wie Edmund Stoiber, wenn er von Flughäfen spricht, heute sitzt jeder Satz. Weil das ja klar ist. Pointiert und fokussiert erarbeitest du dir heute einen frühen Feierabend in der Sonne statt im Elektrosmog zu verstrahlen. Keine Nachspielzeit. Keine Fehlpässe.

Also, guten Morgen, liebe gemeinschaftlich verbundenen Arbeitssklaven. Heute bin ich so produktiv, dass ihr…der Laptop verbindet sich schon wieder nicht mit dem Bildschirm. Neustart. Alle Stecker überprüfen. Erneuter Start in den Morgen.

„Ihr Windows-Passwort (firmenname01) ist abgelaufen.“

„Das Passwort erfüllt die Anforderungen nicht.“

„Das Passwort wurde bereits verwendet.“

Nachdem dein neues Passwort (bAllmaschinE123) akzeptiert wurde, fährt dein Computer hoch. Während das Emailprogramm geladen wird, holst du dir den ersten Kaffee des Tages. Effiziente Wartezeitnutzung nennt sich das. Beim erneuten Gang in die Kaffeeküche – Löffel vergessen –  kann man sich ja auch eigentlich direkt einen kleinen Obstteller zubereiten. Vitamine und Energie sind wichtig für leistungsstarke Bürolympioniken, wie dich. Durch diesen Ausflug lernst du schlussendlich, wo sich der Firmenverbandskasten befindet und die einfache Frage „Wie war der Urlaub?“ nicht mehr zu stellen. Nach einem Pflastereinsatz und fünfzehnminütigen Kurzvortrag zu den Wind- und Wetterverhältnisse auf Norderney im Mai kehrst du zu deinem Platz zurück.

 

Büro Alltag Arbeitsplatz Kaffee

Zunächst bearbeitest du die wirklich wichtigsten Emails. Du meldest dich zum Firmengrillen an. In der Beitragsliste trägst du Nudelsalat ein und druckst schnell ein paar einfache Rezepte für mediterrane Pastavariationen aus. Aus Versehen in Farbe. Einseitig bedruckt. Zur Wiedervorlage markierte Emails leuchten plötzlich auf einmal auf deinem Bildschirm auf. Du markierst sie orange. Die bereits orange markierten Emails des Vortages markierst du sodann rot. Die bereits rot markierten Emails der Vorwoche bearbeitest du mit STR-A + ENTF. Zufrieden lehnst du dich auf dem wippenden Bürostuhl zurück. Du hast das Gefühl, heute schon viel geschafft zu haben. Das Klingeln des Telefons reißt dich jedoch aus deiner Siegerpose. Doch der Kollege deutet deinen konzentrierten Blick ins Nichts als kreative Schaffensphase und ist so freundlich den Anruf entgegen zu nehmen. „Nein, ist gerade nicht am Platz. Kann ich etwas ausrichten?“ Er malt ein Blümchen auf seine Schreibtischunterlage.

Die Blume erinnert dich daran, dass du dich um den traurigen Farn in der Ecke kümmern wolltest. Der knusprige Herbert leidet unter dem warmen Sommer, wie die gesamte Belegschaft, und lässt die wenigen verbliebenen Blätter hängen. Du gießt ihn und holst dir bei der Gelegenheit selber eine Karaffe mit Wasser. Hydration ist das ü und o fürs Büro. Es fördert schließlich die Gehirnleistung. Und die Betriebsamkeit der Blase. Du gehst auf Toilette und beantwortest dabei deine privaten Nachrichten auf dem Handy. Und schaust dir Tierbabyvideos an. Und likest die Urlaubsfotos diverser Angehöriger und Freunde. Diese Oasen der Erholung müssen bei einem so hochkonzentrierten Job, wie deinem, schließlich sein.

Mit einem gemurmelten „Sorry war noch in einem anderen Meeting“ stolperst du verspätet in deinen ersten Termin des Tages herein. Auch wenn du der Unterhaltung nicht folgen kannst, kritzelst du Notizen auf deinen Block. Ein hübsches Kunstwerk entsteht. Am Endes der Sitzung sagst du „Richtig gutes Meeting. Wer übernimmt welche Aufgabe?“. Die auf dich gerichteten Blicke ignorierst du versiert.

Büro Büro Alltag Arbeitsplatz

Deine Mittagspause verbringst du in der Warteschleife der IT-Hotline. Du kannst dich nicht mehr mit dem Laufwerk verbinden und kommst so an die Bilder des Sommerfestes nicht heran. Du wolltest überprüfen, ob du so betrunken auf den Fotos aussiehst, wie du es tatsächlich warst. Während du beobachtest, wie dein Mauszeiger per Fernwartung aus Indien gesteuert über deinen Bildschirm huscht, tropft Salatdressing auf deine Tastatur.

Nach dem Mittag steht ein unangenehmes Telefonat an. Es geht um Geld. Doch du fasst den eigentlich sicheren Plan, es nur zweimal klingeln zu lassen und beim dann erforderlichen Rückruf selber wiederum nicht abzunehmen. Dieses endlose Ding-Dong-Ping-Pong hat dich schon oft sehr weit gebracht. Die meisten Probleme verschwinden schließlich von selbst, wenn man sich nicht über sie spricht. Doch dieses Mal nimmt jemand beim zweiten Klingelton am anderen Ende ab. „Gut, dass Sie sich melden.“ Du erwiderst „Das ist doch selbstverständlich“ und beschließt, es in Zukunft nur noch einmal klingeln zu lassen.

Kaum hast du aufgelegt, wählst du dich in eine Telefonkonferenz ein. Du bist zu spät, weil du erst beim dritten Versuch den Einwahlcode korrekt eingegeben hast. Das Telefonat hat eigentlich bereits begonnen, kommt jedoch nicht richtig in Gang, da der Vortragende wiederholt von „Lautes Rascheln has joined the conference“ und „Unheimliche Atemgeräusche has left the conference“-Ansagen unterbrochen wird. Nach einer Stunde des „Könnt ihr mich hören?“ und „Kannst du die Frage noch mal wiederholen?“ beendet ihr schließlich erleichtert und „ergebnisoffen“ die Telco.

Du gönnst dir ein drittes Stück vom Geburtstagskuchen des Kollegen aus der Buchhaltung, auch wenn das Backwerk in seiner Drögheit an den Charakter des Bäckers erinnert. Krümel emulgieren mit den Spuren vom Mittagessen. Das tippt sich alles fest. Erschrocken stellst du fest, dass du 34 Fenster auf deinem PC geöffnet hast. Wie lange es alleine dauern wird, all diese begonnen Aufgaben abzubrechen. Daher beschließt du den Feierabend einzuläuten und schließt alle Fenster. Das bringt dich auf die Idee, einmal zu lüften. Ach wie süß, ein Spatz sitzt auf der Fensterbank. Du machst ein Foto. Auf dem Heimweg postest du im Fahrstuhl das Bild mit dem Kommentar „Uff. Für heute ausgeflogen“.

Am nächsten Tag kurz vor dem Mittag liken deine Arbeitskollegen das Bild – während du dich fragst, wer in der Kabine neben dir sitzt.

Büro Alltag Aufzug




Der Plan

Heute wird Klartext geschrieben. Das ist ja alles ganz putzig hier, einmal die Woche eine seichte Geschichte, kommentiert von „dreimal beliebiger Buchstabe“ (Hab dich lieb), geliked von unseriösen Wannabe-Influencern, die weder des Deutsch noch der Ironie mächtig sind, und geteilt von Freunden, die mir mitleidig die Stange halten, vermutlich in der Hoffnung bald montags endlich wieder Bild.de auf dem Weg zur Arbeit lesen zu dürfen. Alles ganz nett, aber von nett wird man nicht satt. Ich bin gierig. Ich will Geld verdienen und ein Millionenpublikum belästigen. Ich brauche folglich: einen Marketingplan, der es in sich hat. Eine Vermarktungsstrategie, die nice und nicht nur nett ist.

Beginnen wir mit einer Bestandsaufnahme – und den ersten, fundamentalen Fehlern, die ich begangen habe bei Inbetriebnahme meines öffentlichen Affenzirkuses. Wie jeder weiß, gibt es einzig und alleine drei Dinge, die den Menschen wirklich faszinieren und bewegen. Das sind weder Affen, Worte, noch Montage. Es sind nackte Haut, Babys und Tierkinder. Wenn ich das mit dem bescheuerten Scheppern aus Gründen der Kontinuität weiterbehalten möchte muss ich das Logo also umbauen: ein Kleinkind haut zwei nackte Affenbabys zusammen. Zudem sollte der Markenname – ob Schellenaffe, Kind-haut-Affen oder irgendetwas anderes wird in einer Marktforschung auf Merkbarkeit und Einzigartigkeit hin validiert werden – deutlich unlesbarer geschrieben werden. Idealerweise in einem mondänen Kreis um das Logo, sodass man nicht weiß wo der Anfang ist. Denn welche Marke möchte nicht den Kopf seiner Konsumenten verdrehen. Da diese „Neuausrichtung“ selbst meine PowerPoint-Fähigkeiten überschreitet (das derzeitige Logo ist tatsächlich in Power Point entstanden), mögen sich arbeitslose Webdesigner, die sich dieser unwürdigen Aufgabe stellen wollen bitte bei mir über das Kontaktformular melden. Hier ein erster Designentwurf der „Naffeschelle“:

Naffeschelle Logo Kind Affe

Die Logoerneuerung wird sodann als Teil meines ersten Marketingcoups als Relaunch, also als marktverändernde Neuausrichtung der Brand vermarktet. Ob Launch oder Relaunch, zu jeder Marke gehört auch immer eine emotionale Definition des Markenkerns. Das lernen BWL-Studenten bereits bevor sie sich das erste Mal den Kragen ihres Poloshirtes hochgestellt haben. Wofür steht also meine Marke? Was ist der emotionale Kern meines Produktes? Auch hier habe ich alles falsch gemacht, was möglich war. Scheppern im Kopf ist ein souveräner Griff in die klappernde Toilette. Naffeschelle muss das verbinden, was die Menschheit wirklich bewegt.  Im Jahr 2017 ist laut Google Trends der meistgesuchte Begriff „Wetter“. In der Bildersuche ist es „Tattoo“. Demzufolge ist der neue Kern der Marke „Naffeschelle – Wetter tätowiert“. Hierfür brauche ich unverbrauchte, nackte Haut. Demnach gilt es eine Vielzahl (genauer: 365) williger Praktikanten mit der Aussicht auf falsche Hierarchien und flexible Überstunden zu locken und als lebende Wetterkarten einzusetzen. „Orkantief Holger kreist über den Atlantik, also den rechten Quatrizeps diese schmächtigen Informatikstundenten, von Westen heran. Ziehen Sie sich also warm an und Dirk wirf dir bitte auch wieder etwas über.“

Neben dieser nützlichen Dienstleistung, wird das Angebot der Naffeschelle durch Bilder und Videos meines Alltags ergänzt. Naffeschelle geht schließlich nicht nur auf, sondern auch unter die Haut. Zur emotionalen Ansprache und Bindung meiner Follower muss ich persönlicher werden. Authentizität, Nähe und radikale Transparenz fordern, dass ich mich beim Anbringen eines neue WC-Steins, bei Rücksendung eines Amazon-Paketes, bei der Zahnzwischenraumreinigung oder beim Durchblättern der Einkauf-Aktuell filme. Diese ganzen von Schachtelsätzen und angeberisch eloquenten Begrifflichkeiten durchzogenen Berichte kann ich mir wiederum ersparen. Texte lasse ich fortan in Bulgarien schreiben – bzw. programmieren. Der Inhalt wird ausschließlich aus vordefinierten Textbausteinen und Listen bestehen:

  • 10 Gründe warum [Games of Thrones bezogene Fragestellung]
  • 5 Tipps gegen [banales Liebes- oder Ordnungsproblem]
  • Wusstest du, dass 7 [mit einem Gebetswürfel erfundene Fakten]

Soviel zum vielfältigen Dienstleistungsangebot der Naffeschelle. Nun zur wichtigsten Frage: Wie erhöhe ich die Bekanntheit von Naffeschelle und erreiche meine Zielgruppe der 27-jährigen, angelaffinen, transgender Mungobohnenliebhaber ? Ich brauche wie Cristiano Ronaldo oder Katzenbabys vor allem eins: Aufmerksamkeit. Dies erziele ich in der heutigen Zeit omnipräsenter Werbebotschaften nur durch eines: Radikalität. Ich brauche einen PR-Stunt, eine Guerilla-Aktion, die es in die Feeds und Fernsehnachrichten der Republik schafft. Hierzu bedarf es Mut zum Ungewöhnlichen. Das Thema Scheppern bietet hier ungeahnte Spielräume.

Naffeschelle wird durch scheppernde Becken auf sich aufmerksam machen. An ungewöhnlichen Orten platziert sich das Marketingteam und wird durch Lärm von sich reden machen. Private Trau(er)reden, angespannte Fahrprüfungen, trockene Pressekonferenzen, Neujahrsansprachen, Militärmanöver auf hoher See, im Kreissaal, beim Snoozen oder beim Kauf eines Bananenschneiders bei Tchibo – Naffeschelle wird diese Momente kakophonisch begleiten und seine Botschaft verbreiten: viel Lärm um nichts. Passend hierzu wird es eine Social Media Kampagne geben: eine bunte Auswahl digitaler Wanderhuren, auch bekannt als Influencer, wird käuflich erworben und ebenfalls Becken schwingend ihren Fans von Naffeschelle berichten. Durch die Verwendung uniquer Hashtags (#makeradaugreatagain #belastend #naffeschellechallenge #ichbinbescheppert) wird die Aktion „abgerautet“.

Flankiert wird das Marketingpaket zudem durch eine user generated content Aktion. Hierzu wird es eine Verlosung über Facebook geben: Verlinke unter dem Bild einer trocknen Toastbrotscheibe deinen uninspirierendsten Freund und erhalte einen exklusiven Merchandizing Artikel: einen mit Naffeschelle gebrandeten Nagelknipser.

Wer an dieser Stelle nun verwirrt und ausgeknipst ist, dem sei gratuliert. Die Marketingbotschaft „Scheppern im Kopf“ wurde peneriert, der Markenkern verstanden. Hervorragend. Wer mich, sich und Dirk wiederum vor all dem bewahren möchte erzähle doch einfach seinen Freunden, Steuerberatern oder Busfahrern vom Schellenaffen. Auch wenn man davon nicht satt wird, das wäre sehr nett. Oder nice.




Was werde ich, wenn ich doof bin?

Breakfast Bowl Essen von oben

Liebe Kinder,

heute möchte ich euch in unserer Unterrichtsreihe „Was werde ich, wenn ich groß bin“ einen wirklich tollen Beruf vorstellen. Letzte Woche haben wir über Lehrer, Ärzte und Schauspieler gesprochen. Doch das klang nach einer Menge Arbeit, oder? Der heutige Beruf für Sitzenbleiber hingegen verbindet das alles und ist eine viel aufregendere, bedeutsamere Arbeit, die aber nicht jeder von euch erlernen kann. Auch wenn man dafür gar nichts können muss. Und auch nichts lernen.

Ihr arbeitet mit wichtigen Menschen, also eigentlich vor allem mit euch selbst, zusammen. Ihr könnt den ganzen Tag zuhause sein oder einfach verreisen. Ihr werdet ganz viel ausschlafen und nie müde, ganz viel essen und nicht dick, ganz viel besitzen und nicht reich. Ihr werdet zerrissene Hosen tragen und seid trotzdem angezogen. Ihr sammelt ganz viele Freunde und Herzchen-Emojis und seid trotzdem alleine.

Heute geht es um den Beruf des „Influencer“.  

Aber was macht ein Influencer eigentlich? Ich habe euch ein paar Bilder mitgebracht, die euch zeigen, wie der tolle, aber anstrengende Arbeitsalltag eines Influencers aussieht. Er erwacht morgens in aller Frühe, schminkt und frisiert sich, legt sich wieder ins Bett und steht dann mit der Mittagssonne gut gelaunt und total ausgeschlafen auf. Hello World.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram caro_e

Zum Frühstück löffelt der Influencer dann alles, was das Hotelbuffet hergibt – immer aus einer einzigen Schüssel. Das mit dem Schneiden und Zerkauen fester Nahrung mag er nicht. Er mag sein Leben gerne breiig und löffelweise. Meistens legt er alle Zutaten in einer auf halb eins ausgerichteten, geraden Linie in die Schale – die Technik hat er vom frühkindlichen Koksen gelernt – und bedient sich ergänzend bei der Blumendeko am Buffet oder den Süßigkeiten vom letzten Karnevalszug der Kinder.

 

Instagram Influencer
Quelle: Instagram annafrost

Er nimmt sich dafür (too) much time – weil er noch auf den Postboten wartet, der ihm vermutlich eine Einladung zur Blogger-Konferenz in Bielefeld und die neue EINKAUFAKTUELL mit dem schwierigen Sudoku vorbeibringt.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram lindarellade

Ausgeschlafen und mit einem ganz dicken, voll gefressenen Bauch startet der Influencer schließlich  mit einer kleinen Fahrradtour (Distanz ca. 20m Holzsteg) in den Tag – ausgestattet mit Blumenkörben, seiner für diesen Moment auserwählten besten Freundin Bestie und diversen Fotofiltern. Der bescheidene Influencer needs nothing else.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram caro_e

Nach der Anstrengung springt er zur Abkühlung mit einem great shot in einen hübschen Pool und in das Gesicht eines Kleinkindes.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram caseyneistat

Nachdem er seinem Kind das Gesicht zertrümmert hat, zeugt er dann im Wasser so gleich ein paar neue kleine Influencer oder reitet auf hübschen aufblasbaren Gummitieren. So adorable.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram collagevintage

Manchmal reitet er auch auf einem richtigen Pferd – im Bikini an tropischen Stränden zum Beispiel in Nordamerika. Summer loving im Mai in Kanada. What an experience.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram luisalion

Naja oder er sitzt halt auf dem Gaul und denkt traurig an seine haarlosen, geruchsneutralen Gummitierchen. Einhörner oder Flamingos sind dem Influencer doch immer noch am liebsten. Schrill, bunt und voller heißer Luft sind sie eben einfach seine soulmates, seine loved ones.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram novalanalove

Natürlich macht der Influencer auch ganz alltägliche Dinge. Wie zum Beispiel Sport im Wattenmeer und Wäsche waschen.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram fionaerdmann (wie passend)

Oder er erledigt – trotz sehr, sehr vieler Nahrungsspenden, die ihn täglich erreichen – ein paar Einkäufe im Edeka. Burritos kauft er dann am liebsten im bequemen Döneroutfit.

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Quelle: Instagram philjacob

Irgendwann ist auch ein Influencer mal müde von so viel Aktivitäten. Er ruht sich dann gerne auf der Straße sitzend aus – vorzugsweise in sonnigen Kurvenlagen. Klingt gefährlich, ist es aber nicht – ein einflussreicher, erhobener Arm, eine dicke Schicht Filter und ein Airbag voller luftleerer Likes schützt ihn ganz doll.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram dagibee

Ich könnte euch noch viel mehr von diesem spannenden Beruf erzählen, aber ihr möchtet jetzt wahrscheinlich nur eines wissen: wie werde ich Influencer?

Das ist ganz einfach. Es gilt einfach ein paar simple Dinge zu beachten:

  • Fotos: deine Hauptaufgabe besteht darin Videos oder Fotos von dir in ein soziales Netzwerk deiner Wahl zu stellen, die tägliche, un- ok überschminkte, schonungslose Wahrheit. Dabei gibt es zwei Arten von Bildern, die du verwenden solltest: zum einen Selfies, bei denen du einen Gesichtsausdruck machen solltest, als ob du gerade die Wurzel aus 34.987 ziehst und als Ergebnis einen Pups entfahren lässt. Zum anderen gibt es Fotos von dir aus der Ferne, bei denen du verklärt in den undefinierten Horizont und niemals in das Gesicht deines Gegenübers schaust. Selbst wenn dein Gegenüber gerade sagt „Ich liebe dich“ oder „You are a little too much for me“. Niemals Blickkontakt zulassen – geradeausschauen fällt dir bei deiner neuen klumpigen Mascara-Vollverschleierung in letzter Zeit eh recht schwer.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram jolinamennen

 

Instagram Influencer
Quelle: Instagram marenwolf

  • Sprache: deine Fotos musst du natürlich entsprechend beschriften und katalogisieren. Keine Angst, du musst dazu weder Deutsch noch Englisch beherrschen, schon gar nicht Groß- und Kleinschreibung. Zu verwenden ist eine ausgeklügelte Zeichensprache, stark gestotterte Emojiglyphen. Aber keine Sorge: die Simpsons, ein braunes Äffchen und deine Follower übernehmen das alles gerne für dich.
  • Kleidung: Die Dienstuniform des Influencer ist einfach, aber strikt: Sneaker, zerrissene Jeans und idealerweise Grabgestecke auf dem Kopf. Eine chiemseegroße Sonnenbrille oder das Gestell von Opa mit Fenstergläsern rundet die Tracht formverendend ab. An einem Bad Hirn Day solltest du dein Outfit durch stilvolle Accessoires wie Hundewelpen, Schwangerschaftsbäuche oder Partner, die dich hocheben (#hebebühne), aufwerten.

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Quelle: Instagram santiagos_munez

 

Instagram Influencer
Quelle: Instagram marenwolf

  • Ernährung: anders als dir deine Mutter das beigebracht hat, ißt du alles was dir Fremde geben. Egal ob es Kinderriegel oder Gesichtscreme ist. Wobei du verzehrst das alles nicht wirklich – dann würdest du zu breit für das enge quadratische Format. Du machst ein hübsches Foto, schreibst yummy oder #foodporn darunter und verkaufst die nach Tapete schmeckenden, überteuerten Gaben dann bei Ebay. Deine Ernährung basiert einzig und alleine auf klarem Korn, den du in Coffee to go Bechern durch die Fußgängerzone deiner Kleinstadt trägst. Korn ist schließlich einfach ein tolles Produkt.

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Quelle: Instagram luisalion

 

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Quelle: Instagram model_bianca_

  • Einkommen: du bist eine Wohltätigkeitsorganisation, die von Sach- und Geldspenden lebt. Das wunderbare daran ist, dass dich die Spender alle ausnahmslos richtig gut kennen. Sie schenken dir immer genau deine allerliebsten Produkte. Alles Dinge, die du wirklich magst und auf die du dein Leben lang gewartet hast – während du mit einer Ananas auf einer Parkbank oder mit Dünnpfiff auf einer Kloschüssel sitzt. Everything is gut verdaute flowers & pineapples.

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Quelle: Instagram novalanalove

 

Instagram Influencer
Quelle: Instagram pilotpatrick

Und nun die beste Nachricht zum Ende der Stunde: ihr könnt mit der Influencer-Karriere bereits jetzt als Kindergeldempfänger anfangen. Ihr müsst euch einfach mit eurem Frühstücksmüsli und zusammengekniffenen Wangen fotografieren. Fangt ruhig mal mit euren Smacks morgen früh an. Also hoch die Daumen – wer von euch möchte Influencer werden?

Gut, dann followed mir mal alle in den Tindergarten – dort erkläre ich euch dann die genaue Deklination und Viralität der vielen verschiedenen Herz-Emojis. 😘😍❤️💛💚💙💜🖤💔❣️💕💞💓💗💖💘💝💟♥️😻

 




Der beste Job der Welt – fighting #firstworldproblems

Kennst du das auch: du möchtest eine Kiwi mit ins Büro nehmen, wirfst sie frohgemut in deine Tasche und kaum am Schreibtisch angekommen stellst du fest, dass du Kiwi-Smoothie auf dem Weg zu Arbeit produziert hast? Passierte Kiwi – passiert mir ständig. Ein Problem der Kategorie bestürzend.

Oder du möchtest dir ein frisches Müsli mit Banane machen. Messer und Banane in der Hand haltend fängst du an zu zittern, Schweißperlen bilden sich auf deiner Stirn, dieser Projektaufbau bestehend aus scharfem Gegenstand und erotisierender Frucht überfordert dich. Du legst dich weinend auf den Küchenboden und nuckelst abwechselnd an deinem Daumen und besagter, ungeschnittener Banane. Ein wiederkehrendes Trauma.

Oder du triffst dich mit Freunden zum Picknick im Park. Einer bringt ein Sixpack-Bier mit und du fragst dich im Laufe des Abends wie viel Bier in dem Sixpack war? Sieben? Drei Flaschen? So schnell verliert man den Überblick über sein Leben.

Doch gibt es Hoffnung und eine Lösung für alle deine Lebenskrisen. Wirklich alle.

Tchibo.

Kein Konzern ist so visionär und einflussreich wie dieser Bauchladen aus Hamburg. Ob die Kiwi-to-go-Box („Geschützter Transport und einfaches Essen unterwegs“), der Bananen-Blitzschneider („Mit einem Schnitt 6 Scheiben“) oder der mitzählende Flaschenöffner („Wow-Sound nach der 6. Flasche“) Tchibo nimmt sich der Ängste und Nöte einer von zu viel unsauber geschnittenen Bananenscheiben übersättigten Gesellschaft an.

Du denkst, du hast keine Probleme – dann schafft dir Tchibo gerne welche. Den feindlichen Früchten abgeschworen, entdeckst  du vielleicht Sport als gesunden Ausgleich. Du gehst joggen. Merkst jedoch schnell, dass du deiner eigenen Kondition leichtfüßig davonläufst und dich wie ein Energiefrosch („Ein kleiner Frosch mit großer Ausstrahlung“) fühlst. Tchibos Antwort auf diese Überheblichkeit: der Sprintfallschirm. In einem Sprintfallschirm über der Stadt fliegend, wirken die #firstworldproblems in der Tat gleichmäßig zerkleinert.

Kann man sich also einen besseren Beruf, als den des Produktentwicklers bei Tchibo vorstellen? Du zerschneidest (Kirschtomatenschneider), vakuumierst (Vakuum-Weinverschluss) oder dekorierst (Butterstempel „Skala für leichtes Portionieren und Blumenmotive zum verzieren“) tagtäglich die Probleme eines zur Lebensunfähigkeit veranlagten Millionenpublikums. Stell dir vor, du kannst deinem Date sagen, du hast den Smartphone-Schmuckstecker, Fuchs und Eule oder den Bommel-Maker (für „Pudelmütze oder putziges Tierchen“) erfunden. Die Fußmatte „Just married“ und die WC-Bürste mit Kindersicherung („damit man die Bürste nicht irgendwann im Kinderzimmer wiederfindet“) solltest du von deinen Firmenrabatten zeitnah bestellen. James Bonds Q wirkt gegen dich wie ein debiler Opi, dem die Gelenkwärmer, die Blutzufuhr zum Kopf abschnüren.

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Ein echter Traumjob. Um nun meinem Wunsch ins Entwicklungsteam aufgenommen zu werden sanft vakuumierten Nachdruck zu verleihen,  hier ein paar erste Produktinnovationsideen:

„Döner-To-Go Box inklusive Federung für sanften Anpressdruck – Ali wird staunen.“

„Schnittblumen-Vakuumierer in Form einer Vase in Eulengestalt – für zwar zerdrückte, aber dauerhaft frische Blumen.“

„Mohn-Zahnzwischenraumreinigungsset – der praktische Pinsel mit Ultraschall-Sensorik entfernt lästige Mohnkügelchen auch aus der verwinkeltesten Hackfresse. Mit Aufsteckbürste für Schnittlauch.“

„Avocado-Schneideset bestehend aus einem Kettenhandschuh und stumpfen Messer. Ideal auch für Mittelalterfestspiele.“

Bei aller Innovationskraft und Erfahrung für saisonale Trends wundert es mich, dass Tchibo eine Marktlücke scheinbar übersehen hat.  Aus gegebenem Anlass wäre doch ein G20-Protest-Paket eine wahrlich zündende Konsumidee gewesen: Mit Sprintschirm in Form einer geballten Faust (vor einem Polizisten in kompletter Einsatzuniform kann ja selbst der alte Q weglaufen), ein Rauch-Zerschneide-Set („Für das saubere Filetieren besonders heißer Luft“), den Blitz-Bierhalter („mitsamt Anzündvorrichtung für blitzschnelles Besaufen und Bombardieren“) und den Label-Maker-To-Go („Der ideale Begleiter für das Basteln kreativer Protestschilder im Wegrennen“).

So wäre Bangladesch wenigstens indirekt ein Teilnehmer des Gipfels gewesen.