Skandal: Digitalisierung stellt sich als Bluff heraus.

Silicon Valley. Der technologische Fortschritt wird als Errungenschaft der Moderne gefeiert. Die Digitalisierung ist auf dem Vormarsch. Sie wird stetig neue Bereiche unseres Lebens erobern. Ihre jüngste Errungenschaft sind sprachgesteuerte Häuser, sprechende Uhren und selbstfahrende Autos. Diese Grundannahme unserer modernen Gesellschaft gerät nun jedoch ins Wanken. Neueste Forschungsergebnisse rufen Zweifel hieran auf. Ein internationales Team an Wissenschaftlern untersuchte den Inbegriff der Digitalisierung, das sogenannte „Smartphone“. Was sie beim Blick in das Innere der vermeintlich elektronischen Wundergeräte entdeckten, entsetzt nun die Welt.

Im Inneren aller untersuchten „Smartphones“ fand sie die gleiche Technik: jene, die in den neunziger Jahren bei sogenannten „Tamagotchis“ im Einsatz war. Durch die sich sehr stark ähnelnden Funktionsweisen der Geräte waren die Wissenschaftler zunächst auf eine mögliche Verbindung aufmerksam geworden und untersuchten, ob ein Zusammenhang zwischen den beiden Techniken besteht. Das regelmäßige Fordern von Aufmerksamkeit, die nervtötenden, akustischen Signale und das perfide Gefühl der Unterlegenheit in der Bedienung waren Schlüsselindikatoren.

Der Verdacht bestätigte sich nun und so konnten die Wissenschaftler ein Mysterium der Moderne klären, indem sie die Frage beantworteten, wohin all die Tamagotchis Ende der Neunziger verschwanden. Während Umweltbehörden diese Form des Recyclings begrüßten, sind Technikbegeisterte auf der ganzen Welt entsetzt und fragen sich, wie sie sich so blenden lassen konnten? Von einem glänzenden, bunten Display? In ihrer Studie erklären die Wissenschaftler dieses Phänomen damit, dass die Höhe des Kaufpreises zu einer Überreaktion im Gehirn führen würde, die den Besitzer des Gerätes Dinge sehen, spüren und hören lasse, die nicht da seien (wie zum Beispiel Personen, die sie „Siri“ nennen, oder Vibrationen). Sie nannten das neu entdeckte Phänomen „Algorithmen“. Und so stellten sie sogar einen besonders engen, nicht nur begrifflichen Zusammenhang fest zwischen „Tamagotchis“, welches sich aus den japanischen Worten für „Ei“ und „Uhr“ ableitet und den Geräten der Firma Apple, die stets einen Hinweis auf Eier im Namen enthalten.

Zudem erklärt die Studie, die auf einem Overhead-Projektor der Weltöffentlichkeit präsentiert wurde, warum diese Verbindung so lange unbemerkt blieb. Die Geräte, die von den Forschern als „recycelte Eier-Uhren“ betitelt wurden, würden bei einem Defekt (der im Übrigen meist durch das Vergessen des überteuerten Verkaufspreises entstünde) nicht repariert, sondern durch ein neues Gerät ausgetauscht . Dadurch würde nie jemand in das Innere der Geräte schauen und deren Technik genauer untersuchen. Gleiches Vorgehen zeigte sich damals wiederum bei Tamagotchis. Waren sie defekt, wurden sie weggeworfen (gegen eine Wand). Daher vermuten die Wissenschaftler, dass Tamagotchis selber nur weiterverarbeitete Technik sind und ihre Elektronik ursprünglich aus Eieruhren übernommen wurde.

Doch damit nicht genug: Neben diesem Phänomen werden die Forscher als nächstes die Frage untersuchen, ob in unseren modernen Computern Muttis alte Haartrockner verarbeitet wurden. Die Tatsache, dass beide Apparaturen viel heiße Luft erzeugen, brachte sie auf die Fährte. Gespannt wartet die Welt daher nun auf die nächsten Studienergebnisse – und das Klingeln ihrer Eieruhren.




Maximalpigmentierte Schaumküsse and Mohr.

Dickmann Negerkuss Mohrenkopf Toleranz Rassismus Sprache Wortwahl

Meine Oma war ein weit gereister, belesener und toleranter Mensch. Sie widmete den Großteil ihres Daseins anderen und vererbte ihren Humor und ihre positive Sicht auf das Leben. Sie erzählte gerne Witze, am liebsten über sich selbst. Diese meine Oma sagte das Wort „Neger“. Sie sagte es in der Öffentlichkeit und Zuhause. Beiläufig wie das Wort „Fahrkarte“ baute sie es in Gespräche über ihre Vergangenheit oder ihren Alltag ein. Sie dachte sich nichts dabei. Wies man sie darauf hin, dass man das nicht sagen dürfe, fragte sie, warum das nach all den Jahren nicht mehr erlaubt sei? Als neunmalkluger Enkel gingen einem dann schnell die Argumente aus und man knabberte unsicher an seinem Schokoladen-Schaumkuss mit Fettglasur.

Meine Oma, die mir jeden Abend liebevoll einen Apfel in Stückchen schnitt und mich Fußball in ihrer Wohnung spielen ließ, ist eine Befürworterin der Sklaverei und Diskriminierung dunkelhäutiger Menschen – zumindest wenn man den öffentlichen Debatten Glauben schenkt. Nur Rassisten oder ungebildete Menschen, die sich einen feuchten Schaumkuss um die Vergangenheit scheren, verwenden das N-Wort. Klarer Fall.

Doch so klar das Urteil vornehmlich weißer Eliten, so schwer empfinden es viele, den Überblick zu behalten, welche Worte erlaubt und welche verdorben sind, wie die Packung Milch aus der letzten Jahreszeit. Wie soll man Menschen, die ohne zu erröten durchs Leben kommen (um es mal umständlich zu umschreiben), denn nun nennen? Schwarz, farbig, dunkelhäutig, maximalpigmentiert? Und wie um Gottes/Göttinnen willen nicht? Neger oder Mohr? Oder sollte man eh nur über Haarfarben (und – zustände) sprechen, aber nicht über Hautfarben? Meine Oma verwendete das Wort Neger, weil sie nach 91 Jahren keinen Grund darin sah, ihre Sprache zu ändern. Schnell trifft man die Annahme, dass sie, weil sie das Wort nie abänderte, ihre Einstellung andersfarbigen Menschen gegenüber überkommen sein könnte. Doch anstatt sich in Debatten um einzelne Worte zu verlieren, könnte man eigentlich auch auf die vom Verwender beabsichtige Intention hinter den Worten schauen – anstatt pauschal alle Fans von Mohrenköpfen und Negerküssen ein schikanierendes Wesen zu unterstellen. Sind „Dickmänner“ dann nicht eh die nächste Stufe der diskriminierenden Wortwahl? Warum wird Männern mehr Dicke zugetraut als Frauen? Müsste es nicht sogar „Dickwesen m/w/n“ oder „vom Body Mass Index herausgeforderte Personen“ heißen? So wird Wortwahl schnell zur Wortqual. Wenn man liest, dass als neuestes Wortopfer der Begriff „exotisch“ in Verruf gerät, fragt man sich, ob man bald nicht mehr von „Drogeriemärkten“ (vermitteln einen lockeren Umgang mit Suchtmitteln) und „Kindergärten“ (suggeriert, man würde Kinder anpflanzen oder alleine im Garten leben lassen) sprechen darf.

In den Diskussionen um politisch korrekte Sprache geht es primär um die Wirkung der Sprache. Um den Empfänger der Sprache. Die Sicht des Senders, sei er eine friedfertige, alte Frau, die den Diskussionen nicht mehr folgen kann oder will, wird gerne vergessen. Dass es aber einen riesendickmanngroßen Graben zwischen dem, was ich sage und dem, was ich meine, geben kann, wird jeder Paartherapeut bestätigen. Oder es wird gerne allen Sendern die gleiche Intention unterstellt. Verwendet ein AfD-Politiker Begriffe wie „Volk“ und „Neger“, sagt und meint er etwas Bestimmtes. Er möchte vermutlich bewusste Verbindungen zur Vergangenheit schaffen, provozieren oder einfach nur seinen braunen Hirnfürzen Erleichterung verschaffen. Meine Großmutter hingegen nicht.

Doch gleichzeitig stellt sich die Frage, ob wir, wenn man jedem erlaubt, alles zu sagen – er meint es ja nicht so – abdriften in eine verrohende Gesellschaft ohne Bezug zu Vergangenem und klaren Grenzen. Was tut so weh daran, ein Gendersternchen zu setzen, um den Raum für bewusste und unbewusste Diskriminierung sternchenweise zu verkleinern? Wenn man eben nicht mehr nur von dem „Arzt“ redet, zeichnen vielleicht mehr Kinder das Bild einer Ärztin in ihr Malbuch oder in das Traumbuch ihrer eigenen Zukunft. Schaden kann es nicht.

Wie so oft gibt es nicht nur schwarz oder weiß. Die Mitte ist vermutlich auch hier das Maß der Dinge. So wie ein Sternchen niemandem weh tut, so sollte auch ein fehlendes Sternchen nicht jedes Mal als eine Verletzung empfunden werden. Man sollte sich vielleicht einfach öfters einen herzlichen Kuss geben. Und Schaum über den Neger wachsen lassen.




„Ich lass das jetzt so“ – ein Plädoyer gegen Pärfecktionismus.

Perfekt defekt Automat

Aus Fehlern soll man bekanntlich lernen. Ganz so als sei jeder Fehltritt nur als geradezu bewusst gesetzter Schritt im Optimierungsprozess des eigenen Lebens gemacht worden. Fehler sind Teil des Trainingsplans, der das Ziel hat der perfekte Mensch zu werden. Daher antworten Bewerber und Mitarbeiter gerne auf die Frage nach den eigenen Schwächen damit, dass man als einzige Schwäche eigentlich nur sagen könne, dass man selber ja leider schrecklich perfektionistisch sei, aber daran arbeiten würde. Die perfektionistische Antwort eines Perfektionisten.

Doch warum hat der Mensch dann mehr als einen Kater im Leben? Warum schließt er immer wieder sinnlose Versicherungen und Abos ab? Warum gibt es die Pille danach und Mittel gegen Völlegefühl (quasi die Pille danach für den ungeschützten Essverkehr)? Warum setzt man immer wieder Kommas völlig falsch? Warum sagt man überhaupt immer wieder Kommas statt Kommata?

Perfekte Pflanzenpflege.
Perfekte Pflanzenpflege.

Da man eben Fehler macht, weil man es nicht besser weiß – oder wissen will. Weil man in seinem Leben nicht nur lernen, sondern auch leben möchte. Aber vor allem weil man lernt, dass einem Perfektionismus am Ende eigentlich niemand dankt. Der Einserschüler ist der unbeliebte Streber. Der perfekt zur Augenfarbe abgestimmte Wollschal juckt am Ende nur einen selbst. Die perfekte Präsentation wird durch die Frage nach dem W-LAN-Passwort und dem Auftrag für die nächste Projektvorstellung wertgeschätzt.

Und so stellt man fest, dass man sehr schnell ein perfekter Idiot ist, der scheinbar noch nicht perfekt genug war, sonst würde sich das ja alles noch nicht so unperfekt anfühlen. Man zweifelt an sich, nicht am Perfektionismus. Selbst Weltrekordler sagen selten, dass sie unverbesserlich sind und nun die Füße schneller und höher als alle anderen legen werden. Das Streben nach Perfektionsmus wird gemeinhin erwartet. Alles andere wird als Arroganz oder Faulheit verstanden. Und nicht verstanden. Doch mit diesem Streben nach Perfektionismus setzen wir uns ein unerreichbares Ziel, das sich je näher wir ihm kommen wieder von uns wegbewegt und zwar deshalb, weil wir unser selbstgestecktes Ziel doch noch mal ein Stück weiter von unserem jetzigen untrainierten, einfallslosen, fehlerbehafteten Standpunkt, der nach nassem Hund riecht, entfernen möchten. Wie ein Esel nach der Mohrrübe vor seiner Nase strebt, so versuchen wir die perfekte Hochzeit, den perfekten Job, den perfekten Partner zu erreichen. Wir verlieren uns lieber in einem Vorhaben, als in einem Moment.

Perfekt Einparken
Perfektes Einparken.

Ist der Partner dann doch nicht Dr. Dr. Dipl. Ing. mit der Statur eines Bodybuilders und dem Geist eines Expertenkomitees, sondern das wunderkindlichste an ihm die Ähnlichkeit der Frisur mit der von Einstein dann machen wir geknickt Abstrichen und sagen, es ist halt nicht perfekt. Wir sagen „Die Wohnung ist perfekt, bis auf…“ und es folgt eine Liste eigentümlich zusammengestellter Anforderungen an die eigene Behausung. Wir stören uns am Hochzeitstag über das Wetter und den nicht perfekt gekühlten Sekt.

Warum kennen wir nur das perfekte Schwarz und Weiß? Warum lassen wir nicht öfter Fünfe gerade und P eine Ziffer sein? Warum lassen wir nicht öfter dieses Grau zwischen Schlamperei und Perfektionismus zu? Das nennt sich dann Pragmatismus und der in ist der Regel durchaus gesundheitsfördernd.

Anfangs hat sich der Schellenaffe viele Gedanken gemacht um seine Worte, Sätze und Texte. Dies könnte man noch einbringen, jenes kann man besser sagen. Jeder nachträglich gefundene Fehler löste ein leichtes Scheppern im Kopf aus. Doch mit den Jahren wurde aus dem Faible für das feingliederige Feilen am Satzpartikel ein Hang zum hemmungslosen „Ach, ich lass das jetzt so.“ Gemerkt hat es keiner bis kaum einer. Heute ist er daher sogar so weit gegangen den Text einfach mal weder zu korrigieren, noch lektorieren oder sonst wie perfektionieren.

Denn: warum sollte voll ok nicht auch perfekt sein?

Perfekt defekt Uhr
Perfekter Zeitpunkt.




Frauen und die Macht.

Frauen Feminismus Emanzipation Ladies

Ich werde ignoriert. Ich rede und werde ignoriert. Mein Gegenüber blickt abwesend durch mich durch, als sei ich eine leere Pfandflasche, fingert an seinem Kugelschreiber herum und schaut schließlich die Person neben mir fragend an. Diese fängt wiederum mitten in meinem Satz an zu reden, sagt umschweifend das Gleiche, was ich soeben sagte und wird mit verbalem Beifall von den anderen anwesenden Personen belohnt.

Mir gegenüber sitzt ein Mann. Neben mir sitzt ein Mann.

Anstatt meinen Sitznachbarn mit einem freundlichen „Bei Gelegenheit erkläre ich dir sehr gerne noch einmal den Unterschied zwischen einem Punkt und einem Komma“ in die Schranken zu weisen, schweige ich und staune. Ist das grade wirklich passiert? Bin ich einfach inkompetenter, als ich immer dachte, oder bin ich soeben diskriminiert worden? Bin ich „emanzpfindlich“? Oder feinfühlig feministisch? Findet die Diskriminierung in meinem Kopf statt oder ist sie Realität?

Dachte sich der Kugelschreiberkollege wirklich, der Frau höre ich nicht zu, die kann eh nichts, weil sie einen höheren Östrogenspiegel und damit zwangsläufig weniger auf dem Kasten hat? Oder zweifelt er meine Fachkenntnisse an – völlig ungeachtet der Tatsache, dass ich neben viel Verantwortung auch einen Büstenhalter trage? Beschwere ich mich über den Umgang, bausche ich etwas auf oder spreche ich die schonungslose Wahrheit aus? So oder so würde meine Kritik vermutlich als latent hysterisch und vielleicht sogar als zickig abgestempelt werden. Doch wie oft wurde einem Mann wiederum attestiert, zickig zu sein, weil er sich darüber mokierte, nicht aussprechen zu dürfen? Vermutlich so häufig, wie einer Frau gesagt wird, wow, die hat aber wirklich Eierstöcke in der Hose.

Ohne es zu bemerken oder gar zu beabsichtigen, befindet man sich mitten in einer gesellschaftlichen Debatte rund um das Thema Feminismus und Emanzipation im 21. Jahrhundert. Dabei gilt doch eigentlich „betroffen sind immer die anderen“. Einem selbst geht es gut, man selber wird doch nicht diskriminiert. Kein Grund wütend zu sein. Man macht es sich lieber in seiner Blase der Emanzipation gemütlich. Dinge hübsch einrichten können wir Frauen ja eh so gut.

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Blickt man oberflächlich auf unsere Gesellschaft, gibt es tatsächlich kaum einen Grund, an der Gleichberechtigung zu zweifeln. Frauen wählen, arbeiten und führen ein selbstbestimmtes Leben. Undenkbar ist es, die vergleichsweise jungen Errungenschaften der Moderne, wie das Wahlrecht für Frauen oder die Strafverfolgung von Vergewaltigung in der Ehe, anzuzweifeln. Wir werden sogar von einer Bundeskanzlerin und zahllosen Ministerinnen regiert. Oberflächlich betrachtet scheint alles in Ordnung zu sein. So wie ein guter BH eben einen Hängebusen quaschieren kann. Der Feminismus scheint nur noch nicht begriffen zu haben, dass er in Vorruhestand gehen – und in den Genuss der erhöhten Altersarmut für Frauen kommen darf. Ein bisschen feministischer Feinschliff, aber eigentlich ist das Werk der Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft vollbracht. Hier muss ja schließlich keine Frau ein Kopftuch tragen.

Ist das so? Sind mit den diskriminierenden Gesetzen die Mauern im Kopf plötzlich verschwunden? Oder gärt da eigentlich noch immer etwas unter der Oberfläche, was wir kaum greifen, belegen oder wahrhaben wollen? Tragen wir die Kopftücher im statt auf dem Kopf?

Während Wahlen zur Hälfte von Frauen mitbestimmt und daher eine weibliche Staatschefin möglich gemacht wird, deutet sich am Beispiel der „freien“, geistig verschleierten Wirtschaft ein anderes Bild, ein ungleicheres Bild an. Frauen haben zwar die besseren Schul- und Uniabschlüsse, springen ehrgeizig und zunächst erfolgversprechend auf die Karriereleiter und erobern die ersten Sprossen. Doch was passiert dann? Dann scheint sich ihr Aufstieg peu a peu zu verlangsamen, und das, obwohl sie zwar seltener Kinder kriegen und sich immer öfter mit Männern die Erziehung und das bisschen Haushalt teilen. Doch Frauen beginnen alsbald an Grenzen zu stoßen. An unüberwindbare Grenzen, die man nur mit der Hilfe anderer überwinden kann. Während Männer unbeirrt emporklettern und sich von starken, eben fast ausschließlich männlichen Händen nach oben ziehen lassen, umarmen sich Frauen gegenseitig auf der mittleren Sprosse und zweifeln gemeinsam daran, ob sie das wirklich können und wollen. Dort oben wartet keine Frau, die sie in Vorstände oder Aufsichtsräte zieht. Männer hingegen fördern ihre eigenen, etwas jüngeren Duplikate und halten so ein System am Leben, in dem Menschen mit Gemächt mächtig sind und über Boni, Gehälter und Karriereschritte entscheiden. Sind Quoten, die in anderen Ländern eine undiskutierte Selbstverständlichkeit wie das Frauenwahlrecht sind, das Lösungsmittel für das testosteronverklebte Problem? Vielleicht. Vielleicht reduziert sich so der Anteil der Quotenmänner, die sicherlich nicht ausschließlich alle auf ihren Posten sind, weil sie die beste Besetzung für den Zirkus waren. Man möchte wirklich laut lachen, wenn dann von trotzigen Männern „so einer Quotenfrau“ vorgehalten wird, sie sei nur wegen ihres Geschlechts hier gelandet. Ja ne, ist klar, ihr wart immer der neutral einzig beste Kandidat für den Job.

Frauen Feminismus Emanzipation Damen

Doch gleichzeitig stellt sich die Frage, ob weniger Frauen in Führungspositionen sind, nur weil sie nicht sollen – oder weil sie vielleicht auch nicht wollen. Weil sie sich nicht wehren oder sich nicht etwas zutrauen wollen. Zum Unterbrechen gehört schließlich immer auch jemand, der sich unterbrechen lässt. Oder weil sie ihr Leben seltener einer 80-Stunden-Woche opfern und irgendjemandem etwas beweisen wollen. Selbst wenn einen jemand von oben zieht, klettern muss man schließlich immer noch selber.

Ich habe in der Situation nichts gesagt. Doch durch Schweigen lüften sich die wenigsten Kopftücher im Kopf und Konflikte im Leben. Eine bessere Reaktion wäre wohl gewesen zu sagen „Herzlich Willkommen in meinem Satz, liebes Männchen.“




Wurstegal.

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Dieser Duft. Dieser Geruch, der schon beim Gedanken daran, beim Schreiben darüber den Speichel im Mund sprudeln lässt. Dieses Odeur de gegrilltes Steak. Es betört die Sinne und betäubt den Verstand. Saftig einladend auf dem Teller platziert, verheißungsvoll zart liegt es angeschnitten vor mir, dieses Stück purer Genuss. Mein Gegenüber pikst ein besonders anmutig erscheinendes Stück auf seine Gabel und lacht mich hämisch grinsend an: „Na, sicher, dass du nichts möchtest?“ Der betörende Teller ist nicht mein Teller.

Diese Szene habe ich in abgewandelter, aber immer fleischlich realer Form unzählige Male erlebt. Seit ich mich darum bemühe, mich vegetarisch zu ernähren, stelle ich fest, wie nervtötend es ist, wenn Menschen andere penetrant von ihren Ideologien überzeugen und zu ihren Glaubenssätzen bekehren wollen. Anderen vorgeben zu wollen, was sie zu tun oder zu lassen haben. Was sie zu essen haben. Dabei begegnen einem doch eher selten militante, ungewaschene Veganer, die anderen den Milchkaffee aus der Hand schlagen und mit brennenden Tofu-Briketts um sich werfen. Rechthaberisch und angriffslustig sind meist die anderen. Die Vegetarier-Fresser, vor denen man sich beinahe dafür schämen muss, für all die armen, niedlichen Tiere, die wegen mir nicht getötet werden. Schämst du dich nicht für deine Extrawurst?

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Mache ich eine Ausnahme, um der Köchin zu huldigen, die ihren Urlaubstag mit einem Truthahn in der Küche verbracht hat oder wenn im Urlaub die Frage nach einem vegetarischen Gericht mit „So, chicken?“ beantwortet wird, ist das ein besonders gefundenes Fressen für die Fleischesser. Also doch keinen Hack besser.

Doch warum löst eine so persönliche Entscheidung, wie die  der eigene Ernährung, so starke Reaktionen bei anderen aus, die weder mit meinem Gaumen noch meinem Magen verbunden sind? Würde ich nach all den Jahren wieder anfangen, Diddl-Blätter zu sammeln, würde ich vermutlich mitleidig beäugt werden und kaum einer würde befürchten, ich würde ihn ebenfalls dazu bekehren wollen mitzusammeln. Selbst, wenn ich fragen würde, warum jemand nicht mitmachen möchte, würde er lediglich achselzuckend „kannste halt knicken“ sagen. Die Konversation wäre kürzer als eine Knackwurst. Hätte ich eine Allergie, würde sich keiner veranlasst fühlen, genüsslich ein bisschen Gluten in sich hineinzuschaufeln und „hmm, lecker“ zu sagen. Reagiert mein eigenes Gewissen allergisch auf das Töten von Lebewesen und unnötiges Zerstören von dem bisschen Klima, das es noch zu retten gibt, ist das etwas anderes. Wenn ich sage, ich esse keinen Hund, halten mich alle für einen schlechten Witz. Wenn ich sage, ich esse nichts was ein Fell hat, egal ob es Sitzmachen kann, ist es besserwisserischer Ernst.

Die Reaktionen schwanken zwischen „Geschnetzeltem Zynischer Art“ und einem Hackbraten aus Rechtfertigungen. Wer selbst kein Fleisch mehr isst, weiß auf einmal, wie viel Fleisch andere Menschen konsumieren. Weil sie es ungefragt erzählen. Warum? Das eigene schlechte Gewissen sitzt plötzlich mit am Tisch und stochert genüsslich im Salat herum. Unbewusst sitzen die Schlagzeilen über barbarische Massentierhaltung und verheerende Klimabilanzen furzender Kühe mit am Tisch und fragen, ob man ihnen das Wasser reichen könnte. Kann man nicht. Daher erzählt man, dass man nun wirklich nur noch selten Fleisch esse, als hoffe man, das grüne Gegenüber würde einem nicht auch noch den letzten Hähnchenschenkel aus der Hand reißen.

Dabei wünsche ich jedem, der sein Gewissen unter einer Bratensauce verstecken kann, guten Appetit. Ich hoffe, es schmeckt. Wirklich. Ich möchte niemandem über die Entenleber laufen.

Doch ein Vegetarier verdirbt oft den Appetit. Er wird als mitessender Vorwurf empfunden. Eine Provokation. Mehr noch: Er wird mit seinem Grillkäse und Süßkartoffeln auf dem Teller als eine bittere Bedrohung empfunden. Eine Bedrohung der eigenen Lebensgewohnheiten. Eine Bedrohung der persönlichen Freiheit. Eine Bedrohung des Schnitzeltages. Da wird der Fleischesser in der Pfanne verrückt.  Komischerweise wurden sehr selten 10% der Bevölkerung so viel Macht zugesprochen, dass sie einen der größten Industriezweige Deutschlands in die Knie zwingen und Kantinenspeisepläne zu einer fleischfreien Zone erklären könnten. Das wäre so, als würde man Angst davor haben, dass die FDP den nächsten aalglatten, unrasierten Bundespräsidenten stellen und die soziale Marktwirtschaft eindämmen würde (10,7% der Stimmen bei der letzten Bundestagswahl). Wie genau soll ich mit meinem Grünkernbratling gegen die 60kg jährlichem Fleischkonsum pro deutschem Magen ankommen?

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Und selbst wenn der Anteil der Vegetarier und Veganer an der essenden Bevölkerung steigen sollte, sollte man dann nicht davon ausgehen, dass hier das Prinzip der Schwarmintelligenz greift und weniger das der ideologischen Verblendung? Warum sollte auf einmal „alles Käse“ sein? Wäre dies nicht vielmehr ein Zeichen dafür, dass mehr Menschen den Zusammenhang zwischen den Kulleraugen eines Kälbchens und dem duftenden Steak auf dem Teller nicht länger ignorieren? Wäre nicht mehr sprießende Vielfalt statt blutiger Einfalt die Folge? Mehr Falafel statt immer Döner. Mehr Pommes statt nur Currywurst. Mehr Funghi statt ewig Prosciutto. Niemand wird dazu gezwungen werden, Tofuwürstchen und vegane Schnitzel zu essen. Das wirkte ohnehin so, als würde man sein klappriges Hollandrad mit Motorengeräuschen ausstatten lassen, weil man sein Auto vermisst. Aber wir werden vermutlich, hoffentlich, alle dazu gezwungen werden, den wahren Preis unseres Konsums zu bezahlen. Der wahre Preis ist eben nicht 3,33€ für ein Kilo Schweinerippen. Wir werden uns mit den Folgen unseres Verhaltens beschäftigen müssen. Uns mit unserem Gewissen auseinandersetzen. Also Dinge lernen, die man eigentlich bereits kleinen Kindern gemeinsam mit den Essmanieren versucht beizubringen.

Anstatt Vegetarier also mit Erbsen zu bewerfen, fragt sie doch einfach mal, warum sie sich dafür entschieden haben, einen anderen Weg als 90% der restlichen Bevölkerung einzuschlagen? Oder lasst sie einfach in Ruhe aufessen und akzeptiert, dass Geschmäcke eben verschieden sind. Was man selber isst, sollte doch eigentlich anderen wurstegal sein. Denn diese gegenseitigen Bekehrungsversuche sind doch vor allem eines: Käse.




Doppelkinn und Nasenhaare – das Selfie.

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Das Selbstportrait besitzt eine lange Geschichte. Spätestens mit der Renaissance begannen immer mehr selbstbewusste Künstler ihre eigenen Nasen zu tupfen, ihre Augen zu pinseln, sich in akribischer Handarbeit durch ihr eigenes Haar zu streichen. Meist malte oder formte man sich in einsamer, nach Darmproblemen aussehender Denkerpose, starr der Blick, schmal der Mund. Ein Lächeln oder debiles Grinsen suchte man in der Regel vergebens. Van Gogh beispielsweise sieht auf seinem berühmten Selbstbildnis aus, als sei er auf dem Weg zu einer Darmspiegelung. So schlicht wie die Emotionalität, so einfach ist die Kulisse. Keine Sehenswürdigkeiten, keine wilden Tiere, keine Umarmung mit den Sauffreunden aus der Spelunke „Zum goldenen Pony“.

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Heute ist aus diesem elitären, edlen Kunsthandwerk der Selbstreflexion etwas anderes geworden. Etwas Animalisches, Weltumspannendes, das ewig bleibt und doch vergänglicher ist als Zahnbelag. Es wurde Teil der allgegenwärtigen Selbstperfektion. Niemand sitzt mehr lange still in einer darmverschnürenden Pose. Nur ein „Tupfer“ und das Werk ist fertig: das Selfie. Egal, ob der Eifelturm oder die Badezimmerfliesen, die Kulisse bleibt Nebensache. Der Begriff „Fototapete“ erhält eine neue Bedeutung. Was ins Gewicht fällt, ist das Gesicht. Das eigene. Die Mimik in diesem sehr intim nahen Gesicht changiert zwischen debiler Euphorie und der altbekannten Denkerpose mit Darmproblemen – jedoch weiterentwickelt um die Hommage an die Gesichtszüge eines Erpels (#duckface). Motto „Ich und meine Fratze“. Hinzukommt ein abgeschnittener Oberschenkel. Zumindest sieht der Arm, der die Kamera hält und aus dem Bild ragt, in der Regel aus, als sei er eigentlich ein stattliches Bein. Um das Bein aus dem Bild zu schneiden, greifen einige Selbstportraitierer auch gerne zur Spiegeltechnik, die jedoch die sehr seltene Fähigkeit zum räumlichen Denken erfordert.

Selfie Selbstportrait Selbstbildnis Selfiestick FotosNicht selten wird hingegen die banale Kulisse angereichert durch andere Menschen. Es entsteht das Gruppenselfie – Motto „viel Mensch“. Man rottet sich unter der Achsel seines Nachbarn zusammen und kommt sich näher. In der Regel ist die Sonne, deren Untergang als Kulisse dienen sollte, längst verschwunden, bis das Gruppenselbstportrait erschaffen ist. Irgendjemand blinzelt, redet („Mist, ich habe, glaub ich, hatte die Augen zu.“) oder selbstseziert sich („Nein, das müssen wir noch mal machen. Ich sehe unmöglich aus.“) immer.

Und so spuckt der Hashtag #selfie über 400 Millionen Ergebnisse aus. Ermöglicht hat diese Fast Food(o) – Welle der technische Fortschritt. Jedes Handy und bald jede elektrische Zahnbürste besitzt eine eigens für Selfies erdachte Kamera. Studierte Menschen haben eine Technik entwickelt nur für Nahaufnahmen der Nasenhaare. Wie erhellend. Eine ganze Industrie formte sich um den Verkauf von teleskopischen Stehhilfen für Selfiebehinderungen (Selfiestick). Als es hingegen noch keine digitale Fotografie gab, sind nur sehr wenige Menschen auf die Idee gekommen, sich ihre behäbige Kamera selbst ins Gesicht zu halten. Der Mut wurde in der Regel mit einer verschwommenen Nahaufnahme der eigenen Stirnfalte belohnt.

Selfie Selbstportrait Selbstbildnis Selfiestick Fotos

Doch woher kommt der moderne Drang, diese technische Weiter- bzw. Näher-dran-Entwicklung auch wirklich zu nutzen? Ständig und überall? Sich in Todesgefahr zu begeben (die Todesursache „Selfie“ hat inzwischen ihren Weg in Statistiken gefunden)? Warum machen sich Menschen zum Hofnarren, indem sie ihr Tablet vor dem Taj Mahal gen Himmel strecken, als sei es eine Bibel, nur um ein Selbstportrait zu machen vor einer Kulisse, die aus Menschen besteht, die Selbstportraits machen? Warum schauen wir uns im Nachhinein einer Reise oder eines Lebens vor allem die Bilder an, auf denen wir selber abgelichtet sind? Sind wir alle so selbstverliebt?

Als bräuchten wir die Bestätigung, dass wir selber in dem Moment anwesend waren, machen wir Erinnerungsfotos von uns selbst in einem Moment. Als würde es die Welt interessieren, teilen wir all diese unzähligen Belegbilder mit der Welt. Bevor ein Moment wirklich geschehen ist, wollen wir uns bereits mitteilen. Doch was wird aus dem Moment, wenn der Moment nur noch darin besteht, ein Foto von dem Moment zu machen? Erinnern wir uns wirklich an die beeindruckende Größe eines historischen Bauwerkes, an die Tiefe einer Klippe und den Lärm der Möwen, die über ihr kreischen, wenn wir damit beschäftigt sind, all die Kolossalität in ein Bild mit uns zu zwängen? Das wirkliche Innehalten, nicht nur für ein Bild, fällt uns schwer. Und so scheint das Selfie Ausdruck einer Welt geworden zu sein, die sich gerne um sich selber kreist und die Aufmerksamkeitsspanne eines Nasenhaares besitzt.

Auf den zweiten Blick beginnt man van Goghs Gesichtsausdruck daher anders zu deuten. Als habe er geahnt, was die Menschheit einmal erschaffen würde, blickt er von seinem Werk, das zur Selfiekulisse degradiert wurde, herab, als möchte er uns sagen „Seid nicht so selfiesh. Ihr habt auch nur Blähungen – vor allem im Kopf.“




Zum Schießen.

Fußball Stadion Spiel Arena Soccer

Männer, die tanzen und Konfetti werfen. Männer, die sich in den Armen liegen und farbenfrohe Kleidung tragen. Männer, die weinen und sich gegenseitig Trost spenden. Männer, die andere Männer begehren und verehren.

Fußball Stadion Spiel Arena Soccer

Was nach einer spritzigen Salve schwuler Vorurteile aus der Klischeekanone oder einem romantischen Nachmittag auf dem Christopher Street Day klingt, beschreibt vielmehr einen vorrangig heterosexuellen Fetisch engagierter Männer jeden Alters, jeder Herkunft, jeder Einkommensteuerklasse. Es geht um Ecken und Kanten und irgendwas Rundes. Was nicht immer rund läuft. Es geht um tiefe Liebe und brodelnden Hass. Es geht um die zweitschönste Nebensache der Welt: Fußball. Es geht um den Sportgottesdienst am Wochenende: den Stadionbesuch.

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Jeder hat einen. Diesen Verein, den er mag und jeder Arbeitskollege hasst. Um ihm zu huldigen, diesem Verein, pilgern sie jedes Wochenende zu Hunderttausenden an die grüngedeckten Altäre. Sie rotten sich in Prozessionen zusammen, lange vor dem Anpfiff stehen sie bereits in Gruppen beisammen und beten für einen Sieg ihrer Ordensbrüder. Der Messwein sprudelt in Massen und beschwingten Schrittes betritt man die heiligen Hallen. Es wird noch schnell eine Bratwurst in Bier gelegt und dann beginnt das Spektakel. Halbgötter in Schweiß treten irgendwas Rundes und Mann ist angekommen. Mit sich und den Seinen im Reinen. Die Gespräche verstummen. Stattdessen schreit, singt oder pfeift man ab und zu. Man lässt den Emotionen freien Lauf – auf das Tor. Manchmal sprudelt das Glück. Manchmal sind Hopfen und Malz verloren oder einfach nur verschüttet. Neunzig Minuten herrscht anarchischer Frieden.

Fußball Stadion Spiel Arena Soccer

Doch warum sind Fußballstadien einer dieser wenigen Orte, an denen sich vor Herrentoiletten lange Schlangen bilden, während die Damentoiletten an Kreuzfahrtkabinen auf einem untergehenden Boot erinnern? Warum sind Fußballstadien Männersache, wenn doch sonst so vieles „brüstiert“ wird? Eine vielleicht doch eher bananenflankige als steilpassgenaue These: Weil es beim Fußball um den Fußball geht und keine anderen Nebensächlichkeiten. Suchen sich Frauen gerne gemeinschaftliche Hobbys, bei denen man noch möglichst viel reden kann (frau trifft sich zum Stricken, Shoppen oder Nordic Talking), so ist in einem Stadion kein Platz für intime Gespräche. Man spricht nicht über die unglückliche Ehe, wenn jemand „Schieß doch!“ hinter einem schreit – oder über die Diagnose „grauer Star“, wenn jemand die Lebenskrise mit „Bist du blind, oder was?“ kommentiert. In einen Sack aus zwielichtig gefärbtem Polyester gekleidet werden Äußerlichkeiten egal. Man lässt den Emotionen freien Lauf, ohne über Emotionen sprechen zu müssen. Im Lärm eines Stadions lässt es sich wunderbar schweigen. Es geht darum, einfach mal die Pässe zu halten.

Die andere, etwas frigidere These wäre: im Stadion zieht es ganz schön.

Fußball Stadion Spiel Arena Soccer




Dreißigjährige Pärchen. 

Spieleabend Dreißigjährige Pärchen Brettspiel Trinkspiel

Raus aus dem Gröbsten. Rein in die feine Welt, von Rewe und Instagram. Mit dreißig ist man fein angekommen. Man verdient Geld, um sich Dinge leisten zu können. Man besitzt freie Wochenenden und Jahresurlaub, um dieses Geld auszugeben und die Sinnkrise zu kaschieren, die eine 60-Stunden-Woche so nach sich zieht. Man hat es sich gemütlich gemacht in seinem Leben mit programmierbarer Waschmaschine, Weinregal – und diesem Partner, den man seit geraumer Zeit nun an der noch faltenfreien Backe hat. Ein Überbleibsel und Zeitzeuge der jovialen Jugendzeit, einer Zeit, in der man noch so richtig wild war und Instant Kaffee trank und sich Trinkspielen traf.

Mit Scham und Wehmut blickt man auf dieses „ach damals“. Nun sitzt man als Wir auf der gemeinsam erworbenen Designer-Couch, teilt sich ein gemeinsames Konto und diverse Eigenarten. Du und ich gibt es nicht mehr. Wir schauen den Tatort. Wir mögen keine Fertiggerichte. Wir lieben Barcelona im Mai. Und wir beginnen uns ein wenig zu langweilen. Gegenseitig. In unserem hyggeligen Wohn- und Wir-Raum. Und so verspürt man den Drang sich herausfordern zu müssen, ehe man mit dreißig bereits im geistigen Rentenalter angekommen ist. Man kriecht hervor unter seiner Kaschmirkuscheldecke und den Unterlagen für die Steuererklärung und meldet sich an für einen sportlichen Wettstreit. Für ein Messen der Kräfte. Für den Vierkampf um den Titel. Den Wirkampf des besten Paares.

Man verabredet sich zum Pärchenabend.

Man trifft sich mit einem BFP, einem befreundeten Pärchen. Irgendjemand kennt sich flüchtig über die Arbeit oder einen anderen zwielichtigen Verein. Um der Einsamkeit in der Zweisamkeit zu entfliehen, verabredet man sich zu „wirt“. Und beschließt, befreundet zu sein.

Spieleabend Dreißigjährige Pärchen Brettspiel Trinkspiel

Um das Reden zu vermeiden, wird ein Erlebnis mit der doppelten Zwangsehe verbunden. Ein Spieleabend oder eine Weinverkostung wäre doch sehr schön. Das kommt BFPs sehr gelegen. Bei selbstgemachten Ravioli, selbstgerolltem Sushi (wie doll) und selbstgewählter Lounge-Musik, die über die Bose-Boxen plätschert, geht das Duell der dreißigjährigen Pärchen dann los.

Wer baut mehr Wir in seine Sätze ein.

Wer riecht besonders lange am Wein.

Wer darf zur miefenden Käseplatte referieren.

Wer den Punktestand notieren.

Wer kann sich leiser in der Küche streiten.

Wer die meisten trockenen Küsse verteilen.

Wer nennt seinen dreißigjährigen Partner häufiger Bärchen.

Wer ist das bessere dreißigjährige Pärchen.

Gute Miene ist das Ziel.

Auch wenn einem einiges missfiel.

Die eine ist devot.

Der andere ein Idiot.

Er will nur dozieren.

Sie kann nicht verlieren.

Der eine kriegt den Mund nicht auf.

Die andere haut ständig irgendwas heraus.

Manchmal sind es auch nur Brotkrümel – die so trocken sind wie der Abend. Konnte man sich früher einfach betrinken und erheiternde Bewusstseinszustände erlangen, so besinnt man sich heute. Auf die Zitrusnoten des Riesling aus Rheinhessen. Es schmeckt so wunderbar, auch wenn man noch nie in Rheinhessen war. Man redet über teure Möbel, die ihr Geld wert sind, und darüber, dass man schon lange nicht mehr zu IKEA geht. Über Rennradtouren und selbstgebaute Bässe. Tauscht Rezepte und Reiseziele aus. Meidet Gespräche über Politik und Persönliches. Über die SPD oder die schwere Kindheit wird nicht gesprochen. Stattdessen plant man ein Weinwochenende im Burgund und lacht darüber, dass man bitte nie wie seine provinziellen, Geranienkästen bepflanzenden und Kreuzfahrten buchenden Eltern werden möchte. Gott, wie spießig, sagt man beim Abräumen der Käseglocke. Darf es noch etwas sein? Hut, Stock oder Mantel?

Haben die Gäste das Heim verlassen, beginnt die zweite Runde „Mensch ärgere dich nicht“ – über seine Angeberei und ihr aufdringliches Parfüm. Über diese Macken, die wir sicherlich nicht haben. Was für ein Paar. Wie abschreckend. Und wie edel, dass wir Zeit mit ihnen verbringen. Aber wir sind schließlich befreundet. Wir, das dreißigjährige Pärchen. Nicht ich. Und nicht du. Zum Einschlafen spielt die Soundanlage, die ihr Geld absolut wert, aber doch irgendwie eigenwillig ist,  Rainald Grebe Dreißigjährige Pärchen„. Und das dreißigjährige Pärchen merkt: verdammt, wir haben den Rettich vergessen.




Menschen, die beigeistern.

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Beige sind die Kutten schmächtiger Messdiener. Beige ist der löchrige Jutebeutel der Biolehrerin. Beige sind Mehlwürmer. Beige ist farbegewordene Langeweile. Beige ist die abwischbare Version eines strahlenden Weiß, die unfatale bzw. unfäkale Variation eines Brauntons. Beige tut nicht weh. Aber auch selten gut. „Dieses Beige steht dir ausgesprochen gut“ dürfte selten gesagt – und ebenso selten als Kompliment aufgefasst werden.

Und so fragt man sich, ob es Zufall sein kann: Beige ist die Farbe der Rentner. Der deutschen Rentner.

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Zwar ist Beige Kleidung gewordene Unauffälligkeit. Und doch ist es auffällig. Gerade auf Reisen zeigt sich immer wieder, wie einfach der Deutsche jenseits der Sechzig danke seiner unkolorierten Volllaminierung zu identifizieren ist. Die Kleiderwechseljahre sind vorbei. Auffällig unauffällig ist die Wahl der Uniform. Nixdavaganz. Praktisch muss es sein. Mit Trekkingsandalen und ordentlichen Socken, Allwetterrucksäcken mit Stullen für unterwegs und kleinkarierte Wanderhemden in Erdtönen ist er gewappnet für den Auf- und Abstieg – aus dem Reisebus. Für das Erjagen einer Tasse Filterkaffe an der Raststätte. Selbst wenn seine Hüfte, sein Hallux-Zeh und seine allgemeine Multimorbidität es nicht mehr zulassen, seine Kleidung wäre bereit für einen 1000-Meilen-Marsch. Doch das Risiko, in einen Regenguss oder Kälteeinbruch zu geraten, wäre trotz blauem Himmel ohnehin zu hoch. Jede Gefahr muss ebenso wie Signalfarben vermieden werden.

Während der beige, weibliche Rentner mitunter mit einem kecken, kleinen Rucksack mit vertikalem Reißverschluss und einem Regenschirm in der schwitzenden Hand sein Ensemble aufpeppt, mag der beige männliche Rentner gerne viele Taschen – an sich dran. Sein liebstes Kleidungsstück ist daher eine ausgebeulte Weste in der Farbe „Ocker“. Bis auf eine Angelrute führt er so alles, was er nicht braucht, stets an und bei sich. Diese seine Rettungsweste dient nicht nur als primäres Identifikations- und Unterscheidungsmerkmal im Großstadtdschungel. Damit weiß er auch allgegenwärtige, organisierte Taschendieb zu verwirren. In den meisten Fächern befinden sich zur Ablenkung ohnehin nur angeschnäuzte Stofftaschentücher.

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Elegante, aber für den eigenen deutschen Spreizfuß ungeeignete Lederschuhe oder gar eine empfindliche, feine Stoffhose sind dem männlichen Beigetarier zuwider. Stattdessen legt er zur eigenen Stabilisierung die Hände hinter dem Rücken zusammen (auch bekannt als „Rückengebetshaltung“) und setzt sich eine meist beige Schirmmütze auf den Kopf, um die eigene Fleischmütze vor der Sonneneinstrahlung bei der nächsten Kirchenbesichtigung zu schützen. Der weibliche Beigetarier weiß wiederum mit einem praktischen Kurzhaarschnitt, in dem Farbreste aus den wilden Zeiten, als man sich noch die Haare färbte, wiederzufinden sind zu beigeistern.

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Doch bei aller Beigeisterung wird ein „grauenhafter“ Nebeneffekt der eigenen Bebeigung übersehen: beige Farbe besitzt die Eigenschaft stark abzufärben. Sie überträgt sich nicht nur auf andere Teile der vormals bunten Herde, sondern auch auf ihren Farbuntergrund. Sie sickert in alle Poren. Und so beginnt sich das Äußere nach innen zu kehren und den Charakter zu bemehlen. Ein beiger Schleier legt sich auf den Geist. Der im Gehen stets leicht geöffnete Mund beginnt Sätze wie „Die neuen Straßen haben wir hier alle gezahlt.“ oder „Schrecklich, diese Straßen.“ auszuspucken. 

Beige wird, ehe man seine Trekkingsandalen zu – gewieauchimmerderverschlussfunktioniert – hat, ehe man sich mit seinem Kassengestell versieht, zur Haltung. Zur geistigen Rückengebetshaltung. Da kann ein jeder nur noch die Hände zusammenschlagen. Über dem Kopf. Und sich als Däne ausgeben.  




Die Qual nach der Wahl.

Wahl Wahlplakat SPD Wahlniederlage Europawahl

Wie sie sich winden. Die Verlierer. Wie Regenwürmer, die man mit Terpentin betupft. Da liegen sie in den Fernsehstudios. Scheinwerfer sind auf ihre Augenringe gerichtet. Mikrophone liegen bereit, um sie zu sezieren. Mikrophonisch genau.

Und die Verlierer selbst? Sie haben sich auf diesen Moment nicht vorbereitet. Das mussten sie nicht. Denn er ist schauerlich schöne Routine. Sie holen ihre Spickzettel mit vorgedachten Textbausteinen für solche unrühmlichen Momente aus ihren Schubladen. Die Karten sind inzwischen ganz vergilbt, die Worte darauf sind abgenutzt. Zäh und geschmacklos liegen sie im Mund, wie ein vor fünf Jahren das letzte Mal gekautes Kaugummi.

Mit der ersten Hochrechnung beginnt sodann das Schauspiel. Ein Trauerspiel in unzähligen, identischen Akten. Salven an Fragen werden an die Enttäuschten, die Enttäuscher gerichtet. Und diese liefern Antworten. Nicht auf die an sie gestellten Fragen, aber immerhin sind es Antworten. Auf andere Fragen. Bei der Menge der Fragen, die an einen Verlierer in diesen Tagen gerichtet werden, kann man ja schon mal den chronologischen Überblick verlieren. Es würde nicht wundern, wenn auf ein „Treten Sie zurück?“ einmal eine Antwort „Gut, danke der Nachfrage. Wir hatten tolles Wetter auf Ibiza.“ ertönen würde. Bisher ist die gängigste Antwort auf eine solch unverblümte Kritik an der eigenen Daseinsberechtigung in der Regel jedoch „Jetzt ist nicht Zeit für Personaldebatten. Ich möchte zur Geschlossenheit der eigenen Reihen aufrufen.“ Stimmt, man wechselt Trainer und Spieler ja eigentlich meist in Sommerpausen oder während der Meisterfeierlichkeiten aus.

Die Frage nach dem Umgang mit solch einem desaströsen Wahlergebnis wird ebenso souverän abgeschmettert. Man sei zufrieden mit dem – historisch (ein gerne verwendeter Begriff in diesem Schauspiel) schlechtesten – Wahlergebnis. Die gesteckten Wahlziele, die knapp oberhalb derer der Tierschutzpartei lagen, wurden schließlich erreicht. Die Aussage wird untermauert mit einem strahlenden Gesichtsausdruck, der an dröge Brötchen vom Vortag und tote Tauben erinnert, während Bilder der „Wahlparty“ eingespielt werden, auf denen Ballons in den Parteifarben über den staubigen Linoleumboden wehen und immer wieder von jemandem getreten werden. Die Stimmung ist zum Platzen.

Und wie erklärt man sich das – historisch – schlechte Abschneiden? Anscheinend sei man mit seinen Themen zu diesen possierlichen, „Wählern“ genannten Narren nicht durchgedrungen. Woran einzig und allein Berlin schuld sei. Dieses fiese Moloch. Auf die Frage hin, was denn überhaupt die Themen der eigenen Partei seien, bittet man den Kollegen einer anderen Partei, der zufällig vorbeiläuft, er möge doch mal kurz seine Karteikarte für Wahlversprechen ausleihen. Es folgt ein monotoner Monolog, ein Monotonolog, rund um die Schlagwörter „Wohnungsbau, Steuersenkung, Energiewende, Zukunft, grüne Flüchtlinge, Wohlstand für Wahlen“. Oder so.

Wahl Wahlplakat CDU Wahlniederlage Europawahl

Auf die Frage nach den Konsequenzen, die man aus dieser Wahl nun zöge, reagiert man mit einem geradezu brillanten Verwirrspiel: „Die Frage stellt sich nicht.“ – eine Antwort aus der Liga des „Ach schauen Sie mal dort, ein Vögelchen.“ Ehrgeizige Interviewprofis, die sich versuchen an der Frage nach den Konsequenzen konsequent festzubeißen, werden das erste Mal in ihrem Leben die gänzliche Bedeutung des Begriffs „ausweichen“ kennenlernen. Zunächst werde man Ruhe bewahren. Wie ein „Wahlross“ im Porzellanladen. Sehr lange. Vier bis fünf Jahre. Und die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit treffen. Irgendwann. Was die richtigen Entscheidungen sind, müsse erst einmal gründlich analysiert werden. Weitere vier bis fünf Jahre. Redner und Zuhörer sind an dieser Stelle in der Regel kurz eingenickt. Ein Schläfchen von vier bis fünf kurzen Jahren. Beim Erwachen ist die Fragestellung in jedem Fall vergessen. Unausweichlich vergessen.

Einzig, wenn man auf diese bakteriöse Influenza angesprochen und gefragt wird, ob man nicht erwäge, sich ebenfalls die Haare blau zu färben und einen breitkrempigen Schlapphut zu tragen, um sich ein bisschen zum „Narrwahl“ zu machen und die Stelle zu kaschieren, wo sich eigentlich ein aufgeweckter Geist befinden solle – da platzt einem dann doch mal die Hutschnur. Man „rezogiert“ gereizt und eine ehrliche Antwort rutscht heraus. Digital oder analog, das sei doch alles „wahlich“ egal. Am Ende geht einem schließlich eh alles am analen Medium vorbei. Auf irgendeine Reaktion auf dieses Wahlergebnis kann man also getrost warten bis man grün wird.