Poesie und Politik – Plädoyer für mehr Stabreime für Stabschefs

Auf ein Bier mit Özedmir Bundestagswahl 2017 Wahlkampf Die Grünen Wahlplakat

Man möchte denken, der Bundestagswahl“kampf“ 2017 habe bereits seinen spektakulären Höhepunkt darin erlebt, dass bei einer Wahlkampfveranstaltung der Kanzlerin an der Siegbrücke in Siegen (kein Witz) Papptafeln mit „I ♥ Raute“ hochgehalten wurden. Wir nähern uns damit dem Zeitalter des Merkel-Emojis! Wow. Der bisherige Wahlkampf ist spannungsgeladen, unvorhersehbar und quotenstark, wie die dritte Wiederholung einer Traumschiff-Folge. Im Hessischen Rundfunk. Das Wort „Kampf“ erfährt eine völlig neue Bedeutung – die Ermüdungstaktik wird neu und sehr wörtlich interpretiert.

Merkel Raute Siegen Wahlkampf I love Raute Angela Merkel Kanlzerin
Foto: Westfalenpost

Doch nun kommt Schwung in die ganze Sache. Aber so richtig. Was ist der Vorbote dafür, dass uns sehr bald scharfe Attacken und spannende Duelle in ihren Bann ziehen und der Wahlkampf eine apokalyptische Intensität entwickelt wird? Cem Sessions! Plakate verkündigen die verheißungsvolle Botschaft – im Salon bei Hopfen und Malz darf hemmungslos gecemt werden. Wer sich unter dem Begriff Cem Session nichts vorstellen kann oder sich fragt, was ein nordalbanischer Fluss mit den Grünen zu tun hat, der sei beruhigt: Wortwitz und Poesie füllen an dieser Stelle und jeder anderen Stelle des Wahlkampfes die wunderbare Leere, die die fehlenden Inhalte hinterlassen.

Doch was macht den Zauber dieses Wahlplakates und damit dieses Wahlprogramms genau aus? Der Mut zum Reim! Welch Magie liegt in der Poesie. Sie fördert die Einprägsamkeit und öffnet gleichzeitig ganz neue Bild- und Assoziationsketten. Was trinkt der Özdemir wohl für eine Sorte Bier? Ab wann fängt er an zu nuscheln und wie alle anderen mit der Autoindustrie zu kuscheln? Hab ich meine Zeit vertan, wenn die Häppchen alle sind vegan?

Genau deshalb brauchen wir mehr Stabreime für Stabschefs! Hier direkt ein paar sicherlich mehrheitstaugliche Vorschläge:

  • Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben – und inhaltsleere Wahlplakate kleben.
  • Zeit für mehr Gerechtigkeit – und Martins Leben in baldiger Einsamkeit.
  • Zukunft wird aus Mut gemacht – diesen Slogan hat ein Praktikant vollbracht.
  • Denken wir neu – Zahnarztgattinen kauft anderes Katzenstreu!
  • Die Zukunft, für die wir gerne kämpfen – während die Grünen Bio-Brokkoli-Röschen dämpfen.
  • Programm für Deutschland – der Eintritt kostet den Verstand.

Dem Wahlkampfslogan der Grünen folgend, wäre es doch umso mutiger, wenn nicht nur temporäre Parteiprogramme, an die sich niemand weder in der Gegenwart noch in der Zukunft zu erinnern vermag, poetisiert würden. Warum nicht gleich die ganze Partei:

  • CDU – 16 Jahre Regierungszeit vergehen wie im Nu.
  • CSU – schaut her, was ich Drolliges in Dirndl und Lederhose tu.
  • SPD – ich werde Kanzler, ach nee.
  • Die Linke – nimm mich jetzt, auch wenn ich stinke.
  • Die Grünen – dank Tofu sollt ihr alle sühnen.
  • FDP – ohje.
  • AfD – tut der Petry mal endlich jemand weh?
  • Piratenpartei – und ihr dachtet die Zeit für LAN-Partys sei vorbei!

Wer sich nun wundert, warum dieser Beitrag vergleichsweise kurz und inhaltsleer war – der stelle sich schon mal auf den „Wahlkrampf“ ein. Er wird genauso. Einzig die folgende Frage könnte doch noch etwas Spannung in die ganze Scharade bringen: Trinkt Özdemir Bier auch vor vier?

Damit könnten wir gut und gerne leben.




Kopf hoch – genug der frommen Gesichtsbestrahlung!

Jesus Smartphone Handy Religion

Gemeinhin wird behauptet, unsere westliche Gesellschaft habe jeden Glauben verloren. Gottlos, ohne religiösen Halt taumeln wir durch unser Leben. Wir scheinen an nichts zu glauben außer an uns  selbst und vielleicht noch an die Kraft von Misteltee. Wir meiden Gotteshäuser und kennen Kirchendiener nur als Karnevalskostüme. Doch der frevelhafte Schein trügt. Immer wieder ist zu beobachten, wie Menschen allen Alters fromm ihre Häupter neigen. Wie sie ihre Hände vor der Brust vereinen. Wie sie innehalten, um sich erleuchten zu lassen.

Und sie werden erleuchtet.

In der Regel vom Display eines Samsung Galaxy oder iPhone 6S.

Smartphones sind unsere neue Religion geworden – sie weisen uns den Weg durch dieses diffuse irdische Leben. Wir spüren ihre erbebende Nähe, auch wenn wir sie nicht sehen. Wir bekreuzigen uns vor ihnen (PIN). Wir lauschen ihren Chorälen. Wir studieren ihre Psalme. Mit geneigten Häuptern und der Geschwindigkeit einer Springprozession laufen wir durch diese Wirklichkeit – mit dem stetigen Gedanken an unsere Funkverbindung nach da oben.

Die vereinnahmende Stärke dieser auf der Leistungsfähigkeit eines Akkumulators basierenden Glaubensgemeinschaft besteht zum einen in ihrer Einbindung in den Alltag. Wir brauchen keine Tempel, keine Festtage, keine Opferkerzen. Dem Smartphone-Gott huldigen wir überall. Konzerte erleben wir durch unser göttliches Auge. Abendessen werden durch Bibelzitate erhellt.  U-Bahnfahrten werden durch geistliche Gesänge begleitet. Selbst im Bett halten wir noch für gewöhnlich für ein kurzes, letztes Stoßgebet inne. Die Verbreitung dieser Religion ist gewaltig: hartnäckig wie Zahnbelag hält sich das Gerücht, dass mehr Menschen ein Mobiltelefon besäßen, als eine Zahnbürste. Egal, ob es stimmt oder nicht, die Tatsache, dass es stimmen könnte spricht für sich.

Zum anderen bietet diese LTE-ligion so viele Antworten – auf Fragen, die wir uns vielleicht gar nicht gestellt haben. Wir interagieren mit unseren Telefonen im Schnitt 140-mal – pro Tag. Ich kenne Menschen, die weniger Schritte an einem Tag absolvieren, geschweige denn mit so vielen Erdenbürgern sprechen. Neben der „Kommunikation“  mit anderen Glaubensbrüdern und –schwestern verbringen wir die meiste Zeit jedoch damit Dinge zu suchen  und unseren Gott allerhand zu fragen. Das Ganze gleicht weniger der Suche nach dem Sinn – als der Suche nach dem Unsinn:

Unsinnige Google Search Anfragen Google Suchanfragen

Doch bleibt die Frage: verblendet so viel Frömmigkeit den Blick für das Irdische? Denn die Kehrseite der Religiosität ist: Das Dogma der blauen Doppelhäkchen. Wir spüren den permanenten Druck des Reagieren-Müssens und die Angst etwas zu verpassen. Auch wenn sich nicht jeder ohne Handy direkt dem Jüngsten Gericht ausgeliefert fühlen mag – irgendwie unbehaglich ist es schon. Und sei es, weil man nichts in der Hand hat, mit dem man einem ermüdenden Gespräch oder erdrückendem Schweigen aus dem Weg gehen kann.

Doch eigentlich gibt es keinen Grund für Unbehagen: Wie oft hast du tatsächlich mal eine wichtige Nachricht verpasst? Wie oft hat dich dein Handy schon in eine Sackgasse navigiert? Wie oft konnte ein Telefonat nicht warten, bis du die U-Bahn verlassen hast? Durch welche Linse hast du dein letztes Konzert gesehen? Und die wichtigste Frage: musst du genau jetzt ein Katzenbaby-Video mit „Gefällt mir“ in den globalen Kontext einordnen?

 

Alte Frau ohne Handy Frau Menge Smartphone (c) Boston Globe
© Boston Globe, John Blanding
Lass den kleinen Kasten aus Plastik, Metall und Algorithmen doch einfach mal zuhause. Auch wenn dein Gegenüber vielleicht nicht gottgleich ist – schaue ihm oder ihr doch einfach mal wieder ins Gesicht. Laufe mal wieder ohne Ziel und Zeitplan los. Mach mal wieder Bilder – mit deinen Augen. Sei unfrömmig!

Und um dich von deiner drängendsten existentialistischen Frage zu erlösen: 1.70. So groß ist Putin. Und ja Schnittlauchblüten kann man essen. Muss man aber nicht. Herrgott!

(Du kannst das Ding eigentlich gleich die ganze Woche ausgeschaltet lassen – bis Montag verpasst du eh nichts.)




Moin, Schätzelein – von Rheinländern, Hanseaten und Mexikanern.

Hamburg Regen Speicherstadt Moin

Ich bin Rheinländerin. Ein Satz, den ich nie gedacht hätte zu sagen. Sind doch Rheinländer funkemarieende, Kölsch aus Blumenvasen trinkende, lärmende Lachmöwen, die auf alles und jeden sch…allend lachen. Der oberflächliche, immer frohe Amerikaner Deutschlands. Ich bin zwar zwischen Rhein und Ruhr geboren und sozialisiert worden, aber mit diesen schwer zu verstehenden und noch schwerer zu ertragenden Pappnasen habe ich nichts zu tun. Jarnix, Schätzelein.

Hochdeutsch sprechend entflog ich vor einigen Jahren meiner ewig klönen- und klüngelnden Brutstätte und machte zunächst in OWL (Ostwestfalen-Lippe) erste Lernerfahrungen im Umgang mit der zu Stirnfalten geneigten Gesellschaft jenseits der eigenen Pappnase: Lachen setzt scheinbar ausnahmslos immer einen ernsthaften, überdurchschnittlich starken Grund zur Freude voraus. In der Warteschlange im Supermarkt ist es unangebracht, Barcelona-Reisetipps mit Fremden auszutauschen (dabei sind die katalanischen Tapas wirklich so juut). Busfahrern werden ausschließlich Fahrkarten, keine Grußformeln präsentiert.

Zwar beäugten sich die Rheinländerin und Westfalen mitunter eulenhaft, doch nichts bereitete mich auf den wahren Antagonisten der rheinischen Frohnatur vor. Ich wähnte mich bereits im Exil, doch lebte ich in einer friedlichen umnebelten nordrheinwestfälischen Idylle, umgeben von Artverwandten, die immerhin zwischen rhein- und ruhrnahen Besiedlungsgebieten unterscheiden und nach drei Dosen Paderborner Urquell ein passables Schätzelein über die lippischen Lippen lallen können.

Oh Irrtum. Oh Naivität. Oh Kölsche Jötter – ich rufe euch, stehet mir bei.

HH.

Selten war ein Autokennzeichen so unpassend, wie jenes dieser Hansestadt Hamburg. Die Stadt ohne viel haha. Manch ein Navigationsgerät interpretiert die Abkürzung einer nur logischen Algorithmik folgend daher auch als HinterHof. Erneut ein Beweis dafür, dass uns Technik in der Regel überlegen ist.

Hamburg. Keine Perle der Gastfreundschaft und Offenherzigkeit. Eher ein leicht unterkühlter Kiesel – trotz Woolrich Jacken.

Hamburg offenbart sich mir als eine Kiesgrube aus Menschen, die zwar irgendwas mit Medien machen, aber in ihrem Erscheinungsbild unkreativer sind als ein Benediktinerorden. Hamburger winken, flirten, stolpern, kichern niemals. Sie finden sich selber so unterkühlt, dass sie sich in Horden unter Heizstrahlern zusammenrotten. Dabei müssten doch gerade Hanseaten um die Rettung des Planeten betteln: noch ein einziger zusätzlicher durch die Klimakatastrophe verursachter Regentag und die Kinder in dieser Stadt werden mit Regenschirm und Schwimmhäuten geboren. Und so einen Schirm möchte nun wirklich keine Frau durch ihren Gebärkanal pressen. Hamburg gleicht auch ohne Heizpilzemissionen bereits einer tropischen Tundra: immer feucht, immer kalt. Doch löst selbst diese Strafgefangenschaft in der ewigen Befeuchtungsanlage keine emotionalen Regungen und Proteststürme aus. Der Hanseat zeigt sich mir so steif und verschlossen wie die Regenschirme, die seine Weibchen in naher Zukunft gebären werden.

Emotional wird der Hanseate nur unter zwei Umständen: erstens beim Fußball. Doch düngt in Köln ein flauschiger Paarhufer den Rasen (ach Hennes), wehen hier Raute und Totenschädel im eisigen Wind – Hamburgs Fußball ist ein ernstgemeinter Gefahrenstoffhinweis. Positive Emotionen sind hier so selten wie eine einstellige Niederlage des HSV gegen den FC Bayern.

Umstand zwei ist der einzige echte Keim der Hoffnung für tausende Zugezogene. Er weckt das Hanseatische Feuer. Lateinamerikanisches Temperament tritt zu Tage, Fremde fallen sich in die Arme, Völker verbinden sich. Der Auslöser?

Mexikaner.

Wo andere Mauern bauen, öffnet sich der Hamburger: „kommt in Heerscharen, Mexikaner kann es nie zu viel geben!“ 0,2dl-weise beginnt der Hamburger zu lachen und zu scherzen. Anfänger, die das Gebräu aus Tomatensaft, Korn und Tabasco mit einem edelsüßen Erdbeer-Lime-Shot verwechseln, werden herzlich ausgelacht und zum Speien in den Hinterhof komplimentiert. Shot um Shot weicht die mentale Vollverschleierung. Das rheinische Herz jubelt. Ich möchte fremde Hamburger bützen und beginne zu singen Da simma dabei, dat is…schneller vorbei als der Sommer in Hamburg.

Hamburg Mexikaner Shots

Ein einfacher Satz zerstört die zarte nach Tomaten und Kater schmeckende Pflanze der Hoffnung. „Du kommst aus NRW? Aus dem Pott also.“ Ich möchte mexikanisches Feuer in das Gesicht meines Gegenübers spucken. Flüsse im Namen tragend möchte man meinen es sei ein Leichtes, die zwei geografischen Regionen zu treten. Doch Rheinland und Ruhrgebiet zerfließen leichtfertig. Würde man einem Westberliner sagen, er käme aus Ostberlin fände man zeitnah einen brennenden Hundehaufen – produziert von einem Westpudel – vor seiner Haustür. Berliner, guter Punkt, die sind übrigens die jähzornige Weiterentwicklung des Hanseaten. Aber das führt zu weit.

Getreu dem rheinischen Grundgesetz spucke ich kein Feuer, sondern verabschiede ich mich sodann freundlich von meinem Gegenüber. Maach et jot. Ich greife nach meinem Regenschirm und frage mich, ob Horst Seehofer vielleicht doch nicht so unsympathisch ist.

Ach. Jede Jeck is anders.




Zum Quietschen – über den Vormarsch der Adilette und den Salonschuh Sneaker.

Adilette Sneaker Badelatsche Adidas

Ein schöner Sommerabend. Ich sitze in einem guten Restaurant und unterhalte mich angeregt mit meinem Gegenüber. Plötzlich betritt eine junge Frau die Außenterrasse. Sie hat etwas Gehetztes an sich. Suchend schweift ihr Blick über die Tische und Gäste hinweg. Mein Blick wandert zu ihren Füßen. Sie trägt blau-weiß gestreifte Badelatschen an den fein pedikürten Füßen. Ich denke: ach die Arme hat sich beim Müll runtertragen wohl ausgeschlossen. Doch macht sie keinerlei Anstalten, um einen Telefonanschluss zu bitten. Stattdessen setzt sie sich zu einer Gruppe und bestellt eine Minz-Rhabarber-Schorle.

So langsam wie die Wassertropfen an meinem Glas herunterlaufen, so gemächlich beginne ich zu begreifen: die Adilette ist salonfähig geworden.

Doch warum bin ich eigentlich überrascht? Als Sommer-Edition des omnipräsenten Sneaker bietet die Adilette schließlich Max Air auch für die ausscherendsten Spreizzehen – ohne auf das vertraute Quietschgeräusch verzichten zu müssen. Die Adilette scheint nicht mehr nur eine Gummischlappe für das Gruppenduscherlebnis im Sportverein zu sein. Sie ist zum Superstar aufgestiegen und präsentiert sich in bunten Streifenkombinationen, mit Püschelchen oder Goldverzierung. Sie schlurft durch die Saunalandschaft ebenso wie über renommierte Laufstege und Flure der Oberstufenklasse. Der gummigewordene Super Gau! Der Kunststoff, aus dem lunar epic Träume gemacht sind.

Ist es tatsächlich so, dass wir unser gesamtes Leben auf Gummisohlen verbringen? Sind elegante Lederschuhe, Pumps und Sandalen – ohne uns – über den Jordan gegangen? Waren Turnschuhe nicht eigentlich ausschließlich als Messgrad pubertärer Coolness vorgesehen? Als wären wir für immer juvenate, tragen wir mittlerweile Sneaker in allen Altersklassen und Lebenslagen: egal ob wir dem Presto in der Elbphilharmonie lauschen, uns beim Vorstellungsgespräch als Allstar unter den Bewerbern verkaufen oder uns wie ein brünftiger Reebok in der Bar an die willigen Weibchen heranquietschen, ohne Gummi geht nichts. Ob New York, Neu-Delhi oder Neu-Brandenburg – das Phänomen Sneaker ist eines, das alle Etnies zu überspannen scheint.

Sneaker Turnschuhe

Der Übergang vom Sportgerät „Turnschuh“ hin zur Stilikone „Sneaker“ ist dabei flyknit. Vom Stepper in die S-Bahn sneakt sich der latschige Treter. Der rasante Aufstieg scheint dabei leicht zu erklären: man läuft zwar nicht wie Gazelle oder Puma, aber Mensch die Dinger sind einfach bequem. Waren Schuhe früher wie eine Zugfahrt durch Indien in der billigsten Klasse – gequetscht und übelriechend – sind sie heute menschenfreundlich. Adieu Blasenpflaster! Und wenn einem dann vielleicht noch Heidi und Guido Maria Whatshisname bestätigten, dass unsere dreckig bunte Schuhtracht der letzte quietschende Schrei und Ausdruck eines besonders distinguierten Styles ist, lehnen wir uns zufrieden in unserem Fußbett zurück.

Doch wo hört der Schnürsenkel auf? Bei Brautausstattern, Regierungsansprachen oder buddhistischen Mönchen? Während ich mich frage, ob wir vielleicht eine New Balance finden sollten, beobachte ich wie die Kellnerin die Getränke bringt. Dabei schwappt etwas Schorle ausgerechnet auf den nackten belatschten Fuß. Die Dame zum Fuß bleibt so stoisch wie Chuck Noris, greift nach der Wasserflasche ihrer Sitznachbarin und kippt sich einen großen Schluck Sprudel auf die klebrigen Zehen. Flux sauber.

Sehr original.

 

(P.S.: Vielen Dank für alle eure Bilder von Füßen und überraschend schönen Bodenbelägen – sag noch mal einer Deutschland wäre kein hilfsbereites, schönes Pflaster.)




Feezbuk – Mama, Papa, was macht ihr denn hier?

Facebook Freundschaftsanfrage Deine Mudda Soziale Medien

[Feezbuk]. Was wie ein jiddisches Gericht klingt, ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Umwälzung. Einer unbemerkten sozialen Revolution: Die Generation jenseits der Millennials ist in den sozialen Medien angekommen. Unsere Eltern posten blühende Geranien auf Instagram, checken auf Feezbuk ein, schauen sich Basteltutorials auf Youtube an und schreiben Amazon-Bewertungen für Laubhäcksler. Ob sie tindern möchte ich einfach nicht wissen.

Sozial bedeutet „auf die menschliche Gemeinschaft bezogen, zu ihr gehörend“. Da ist es nur logisch, dass die größte Kohorte unserer Gesellschaft Teil dieses Austausches wird. Und sein muss. Aber muss es meine Mutter sein? Sie, hier? Eine kurze chronologische Bestandsaufnahme.

Die Generation unserer Eltern besaß zwar vor uns ein erstes Mobiltelefon. Die Geräte mit der Ästhetik einer Gegensprechanlage dienten jedoch ausschließlich dazu, Oma Bescheid zu geben, dass wir im Stau stehen. Und das zweite Kind in besagtem Stau mit dem Spielen von Snake ruhig zu stellen (das erste Kind wurde selbstredend mit dem Familien-Gameboy narkotisiert).

Diese Geräte, die Nummernreihen und keine Namen trugen, wurden selten gehört, oft vergessen, nie beherrscht. Und nie gemocht. Skeptisch wurde beäugt wie sich die nachfolgenden Generationen jedes Jahr ein neues Handy zum Geburtstag schenken ließen und sich synchron die chronische Rundrückenhaltung der Juniors zu verschlimmern schien. Computer wurden als bedrohlicher Schreibmaschinen-Ersatz betrachtet und per Ein-Finger-Such-Tipp-System auf Distanz gehalten.

Zur Erziehung der Erzieher verschenkte man selber schließlich iPads und Smartphones. Feierlich nahm Mama das Geschenk entgegen, mit den Worten „Das hat ja keine Tasten. Aber mit dem anderen kann ich doch auch telefonieren?“. Das Gerät wird zwar aus Höflichkeit installiert, aber weiterhin selten gehört, oft vergessen, nie beherrscht. Und nie gemocht.

So dachte die gebeugte Jugend. Bis zu jenem Tag.

„Der-Vorname-Deiner-Mutter Dein-Nachname hat dir eine Freundschaftsanfrage geschickt“.

Meine erste Reaktion: „Mama, ich muss deine Privatsphäreeinstellungen prüfen! Sofort!“ Doch Mutter hat wie unser Weihnachtsmenü auch diesen Coup von langer Hand geplant. Zu lange hat sich die Generation zwischen Rennrad und Rollator von einem wesentlichen Teil der Gesellschaft ausgeschlossen gefühlt. Der virtuellen Gesellschaft. Skepsis und Überforderung sind Neugier und Lernbereitschaft gewichen. Mutti hat eigenständig ein Profil erstellt (vielleicht wurde zunächst versucht bei einer Behörde eine Zulassung zu beantragen), einen schiefen Selfie hochgeladen, ihre Freunde gefunden – und sich schelmisch über die Panik in meiner Stimme gefreut.

Meine zweite Reaktion: „Oh Gott, was hab ich gepostet?“ Ach ne, ich poste ja eh nichts auf Facebook. Erleichterung. Sie schon. Ständig. Mama posted vor („Das nächste Reiseziel ist gebucht“), während („Tolle Scholle an der Ostsee gegessen“) und nach („Schon wieder ein Jahr her? Zeit für den nächsten Besuch“) jeder Reise. Dazwischen hält sie ihre Fangemeinde mit Gartenbildern, Kommentierung der Lokalzeitungsbeiträge und lustigen Tiervideos bei Laune. Ich staune und komme nur schwerlich mit dem Liken hinterher. Anstatt „Kind, zieh dich warm an“ fallen nun Sätze wie „Moment, ich muss noch ein Foto für Instagram machen“. Erst als sie ein Bikini-Foto von mir (“Wow ich wusste nicht, dass meine Tochter ein Sixpack hat“, Kommentar leicht verändert) postete, wurde es Zeit für eine kurze Intervention.

Doch davon unbeirrt wird weiter gepostet, geshared, geliked, was die Mobile-Daten-Verbindungen hergeben. Doch wie konnte es passieren, dass uns die Generation der rüstigen Silberrücken zu überholen scheint?Blumenwiese Garten

Zum einen der Faktor Zeit. Sind wir chronisch gestresst zwischen Beruf, Fortpflanzung und Badezimmer-Putzen sitzen Mutti und Vati im WLAN-versorgten Garten und finden Zeit und Begeisterung darin sich mit neuen Medien zu beschäftigen. Wir treten aus hyperaktiven Whatsapp-Gruppen aus und fantasieren von Digital-Detox-Ferien in der Eifel. Unsere Eltern freuen sich hingegen über jede Nachricht und Neuigkeit. Mutti hat eine 30-minütige Response-Rate – von 100%. Es wundert mich ohnehin, warum noch keiner auf die Idee gekommen ist, zeitkritisches Community Managemet an 50plus outzusourcen, anstatt schlecht bezahlte Werbeagenturlakaien damit zu beauftragen.

Anders als in den vertrauten klassischen Medien wird ihnen die Themenauswahl dabei nicht vorgegeben und die Interaktion auf einen sehr zeitversetzten Leserbrief beschränkt. Das „Alles. Jeder. Jederzeit.“ der neuen Medien beängstigt und berauscht sie zugleich.

Zum anderen kommt der Faktor „sozial“ hinzu. Unseren Eltern nutzen soziale Medien genau wofür sie erschaffen wurden: für sozialen Austausch. Nicht um Neid zu schüren, um die Dicke der eigenen Oberschenkel zu demonstrieren oder mittels Herzchen-Anzahl unter einem Post die eigene Wichtigkeit zu quantifizieren. Diese Generation verwendet keine Filter. Was soll der Quatsch? Das Leben ist auch so schön genug. Facebook, Whatsapp und Instagram werden tatsächlich genutzt, um Freundschaften zu pflegen, sich von anderen Menschen inspirieren zu lassen und um Anteil zu nehmen, an allem was jenseits der Geranienkübel passiert. Ehrlich. Aufrichtig. Interessiert.

Anstatt also ihr Verhalten zu belächeln und beäugen, sollten wir nicht ungefiltert einsehen, dass wir der „alten“ Generation nicht gönnerhaft etwas beibringen, sondern dass wir voneinander lernen können? Eine Erkenntnis, die wir selten hören wollen, oft vergessen, nie beherrschen. Aber eigentlich mögen sollten.

Und wer weiß, vielleicht verhelfen unsere Eltern ohne unser Wissen bereits Studi-VZ zu einer Renaissance. Eine kleine Familien-Reunion in der Gruppe „Wenn ich alt bin, werde ich nur nörgeln. Das wird ein Spaß“ ist doch irgendwie ein erwärmender Gedanke und in der Tat ein Spaß.




Die Kraft der Symbole – von Eulen, Kakteen und Einhorn-Toilettenpapier.

Einhorn Toilettenpapier

Symbole besitzen eine eigene Kraft. Sie sind Stellvertreter für Worte. Sie erzählen ohne zu sprechen. Universell in ihrer Art kennen sie keine Ländergrenzen oder komplizierten Deklinationen. Denkt man an das christliche Kreuz, die weiße Friedenstaube, das Hakenkreuz oder das @-Zeichen beginnt man zu begreifen, welche Gewalt Zeichen besitzen können. Fahnen, Wappen, Firmenlogos, sie alle zehren von der simplifizierend und zugleich facettenreich Kraft der Symbolik.

Genau wie unsere Polkappen, wird diese natürliche, beständige Kraft nun von der modernen Gesellschaft bedroht. Denn: Symbole werden zur Mode, mit Symbolik lässt sich plötzlich Geld verdienen. Tätowierer, Modehäuser und Inneneinrichter erfreuen sich der stetig steigenden Zahl der süchtigen Symboliker. Doch wie kam es dazu? Den Anfang nahm ein harmloses Wesen der Gattung Strigiformes.

Die Eule.

Ihre großen Telleraugen und die das Kindchenschema-bedienende rundliche Statur erfreuten bald nicht nur Ornithologen und Förster, sondern fanden sich auf Goldkettchen, Handyhüllen und Geburtstagskarten wieder. Damit sich weder Vegetarier noch Fleischfreunde ausgeschlossen fühlen wechseln sich fortan Motive der Flora und Fauna halbjährlich ab. Es folgten demnach Kissenbezüge, Knöcheltattoos und Kaffeetassen mit Palmen, Füchsen und Ananas. Zwar lassen sich nicht immer Tattoos umgestalten und mit der Zeit wird, je nach Körperstelle und Erbgut des Bindegewebes, aus dem schönen Schmetterling ein bedrohlicher Flugsaurier – doch die Bebilderung unseres modernen Lebens lässt sich davon nicht aufhalten.

Derzeit befinden wir uns – ich denke, dass ist allen bewusst – im Zeitalter des Einhorns. Wer, wenn nicht ein Fantasiewesen, scheint das Umsatz- und Entzückungspotential der Symboliker auf eine magische Ebene gebracht zu haben. Es gibt beeinhornte Schokoladen, Verhütungsmittel, und Toilettenpapier. Wer nun erschöpft und mit unförmigen Tattoos übersät denkt, dass er mit dem Einhorn-Kondom seinen Höhepunkt erlebt habe und dass man nun wieder Schönheit der Farbe uni entdecken werde, sei bitte an Artenvielfalt unseres Planeten erinnert. Flamingo, gefolgt von Kaktus, Wassermelone und (Schellen-)Affe stehen bereits in den Startlöchern.

Das Einhorn war nicht der Endgegner, es war erst der Anfang.

Doch warum wischen wir uns mit Einhorn bedrucktem Toilettenpapier das Gesäß ab? Zum einen entfliehen wir dadurch blattweise der mitunter grauen Realität. Ein bisschen Glitzer wertet selbst den unglamourösesten Gang zu Toilette auf. Wir fühlen uns besonders – nur so lange es uns nicht alle gleich tun. Denn gleichzeitig sind Einhörner und ihre Nachkommen Ausdruck einer sich rasant selbstüberholenden Modewelt. Die Halbwertszeit unseres Zeitgeschmacks scheint sich stetig zu halbieren. Wer Silvester 2016 mit Einhorn-Sekt anstieß, galt als Visionär. Wer es 2017 tut, als Verlierer. Spätestens wenn wir jemanden, den wir unsympathisch und unmodisch finden wie z.B. Donald Trump, mit einem magischen Einhorn-Tshirt sehen, ist der Zauber vorbei. Und wir suchen nach dem nächsten kurzzeitigen Rauschmittel.

Einhorn Kostüm Mancorn

So vielfältig wie ihre Rauschmittel ist auch die Gruppe der Symbol-Suchtis selbst. Der gemeine Beobachter identifiziert jedoch drei Gattungen der Symboliker.

Die erste Gruppe der Tchibos sind Symboliker, die der Masse folgen. Sie konsumieren, ohne zu hinterfragen. Beliebte Motive sind hier der Anker (eine seltene Ausnahme aus der Flora-Fauna-Regel) oder die Schwalbe, die sich vermutlich auf dem Oberkörper deiner Zahnhygienikerin befinden wird. Als Quelle der Inspiration dient dieser Gattung das Sortiment eines Kaffeerösters.

Die größte und bekannteste Gruppe sind die Hipster. Symbole dienen hier zur uniformen Demonstration der Individualität. Hipster heben sich vom Mainstream durch einheitliche Screensaver und Socken ab. Die Eule nahm hier ihren Ursprung. Jeder Hipster würde jedoch leugnen jemals mit Eulen in Berührung gekommen zu sein. Beliebte Motive wie Ananas, mustache und Kakteen verdeutlichen: der Hipster mag es gerne bunt und stachelig. Inspiration findet er über das „Followen super nicer Influencer auf Insta“ – und durch Kindergeburtstagsdekorationsartikel. Genau hier hat die Eule übrigens ihren Ursprung.

Die eigentlichen Trendsetter sind die kleine Minderheit der liebevoll zu bezeichnenden Bekloppten. Sie sind äußerst progressiv in ihrer Bildsprache. Man denke an mit Strass versehene Totenköpfe oder Bockwürste als Motiv einer Oberarmtätowierung. Sie lassen sich weder von Menschen noch Tieren inspirieren, sondern ziehen ihre kreative, schöpferische Kraft einzig und alleine aus ergiebigen Drogenrauschen.

Wenn du nun leichtfertig denkst „Symboliker, wie albern. Den Quatsch habe ich doch noch nie mitgemacht“, drehe einmal deine Handyhülle, Kaffeetasse oder Bettwäsche um. Zum Trost alle derer, die nun in die Augen eines Einhorns oder Flamingos blicken: Nachts sind alle Symbole dunkel. Sei einfach froh, dass du selber keine Eule bist.




Jammern als Kulturgut – warum ich meine erstgeborene Tochter Mimimi nenne.

Mimimi Tasse Gesicht

Es ist eine deutsche Tradition junge Generationen nach großen identitätsstiftenden Einflussgrößen jener Zeit zu benennen. Friedrich. Wolfgang. Karl. Katharina. Meine erstgeborene Tochter wird daher einen ebenso identitären Namen unserer modernen Bundesrepublik tragen.

Sie soll Mimimi heißen.

Stiftungen, Straßen und Parks werden nach ihr benannt werden. „Kennst du das Café Ecke Mimimimeile und Einhornallee?“ „Wir präsentieren Ihnen den Ehrenträger der Mimimi Kotzlowski Stiftung für destruktive Weltanschauungen.“

Jammern ist nun mal Deutschlands wertvollstes Kulturgut. Wo Franzosen philosophieren, Italiener la bella vita propagieren, wo Skandinavier stilvolles Design und Familienglück für sich abonnieren – da jammert, motzt, zetert und hadert der Deutsche. Welch Leidenschaft! Großartig! Nichts verbindet eine Gesellschaft mehr als ein einstimmig genuscheltes „Naja, geht so.“

Jammern Na ja Mimimi

Ehrlich, direkt, unverfroren legt der Deutsche den Finger in die – sich sicherlich entzündenden – Wunden unserer Gesellschaft. Das von zu kalkhaltigem Wasser getrübte Glas ist immer halb leer. Das Wetter zu heiß, zu kalt, zu nass, zu trocken. Was regt er sich über zu viele Baustellen, zu viele marode Straßen, zu hohe Spritpreise, zu billige Fertigbrötchen auf. Und wie dankbar sind die Deutschen ihrer Bundesbahn. Ohne sie wäre der Alltag nur halb so bemotzbar. Kein Unternehmen transportiert so viel Hass und so viele Menschen zugleich. Das Sinnbild der deutschen Jammerkultur sind nicht zuletzt die Mundwinkel ihrer eignen Regierungschefin.

Um ein Missverständnis aus dem Weg zu räumen: dem Jammerbürger geht es nicht um die Glorifizierung der Vergangenheit (unsere erinnerbare Geschichte ist ja auch eher nichts wo man sagt „Mensch toll, diese Einmärsche in fremde Länder und Nachkriegsarchitektur“). Es geht einzig und alleine um die Gegenwart, die eben äußerst mimi-mies ist. Ändern möchte man an den Umständen nichts. Warum auch? Dann würde man sich um seine jammervolle Zukunft berauben. Es geht lediglich um eine sachliche Bestandsaufnahme der katastrophalen allgemeinen Gemengelage.

Skurril wird es, wenn der Deutsche auf Reisen geht. Denn: deutsche Motzerei macht niemals Urlaub. Sie kommt an idyllischen Karibikstränden und in flirrenden Metropolen erst richtig in Fahrt. Rikscha-Fahrten zum Preis einer Salatgurke? Zu teuer. Die Klimaanlage ist zu kalt. Der Kaffee zu stark. Gegessen wird zu spät. Mein Gott, und dieser Lärm überall. Der Deutsche antwortet getreu seiner Ideologie als Einziger auf die Frage „Hi, how are you?“ mit „Schon mal besser. Hab Herpes und vermutlich ein Mahnschreiben meines Vermieters im Briefkasten.“ In der Ferne ertappt er sich sodann dabei, festzustellen, dass in der Heimat vielleicht doch nicht alles menschenunwürdig ist. Wie war der Urlaub? „Schön, aber wir hatten keinen Meerblick und das Wetter war sehr wechselhaft. Und schau dir jetzt meinen Rasen an. Desolat.“

Von Flensburg (zu flach) bis Garmisch (zu bergig), von Aachen (zu alt) bis Leipzig (zu jung), von Berlin (zu modern) bis München (zu traditionell) – nichts verbindet dieses Land mehr als seine Kultur des Haderns und Heulens. Herrlich. Was freue ich mich auf die Zeit, wenn ich mit Mimimi über zu volle Autobahnen fahre, in verspäteten Zügen oder an niemals fertiggestellten Flughäfen sitze und ich ihr das weinerliche Wesen der deutschen Kulturnation näherbringen kann.

Und wenn es ein Junge wird? Naja, geht so. Heißt er halt Mimirich.