Kinder, Kinder.

Lego Star Wars Erwachsen werden Kinder Legostein

Er will. Er will. Er will. Jeden Abend. Das gleiche Drama. Er will mit seinem Lego spielen. Anstatt ins Bett zu gehen, aufzuräumen oder seine Steuererklärung zu machen. Der erwachsene Mann will einfach jeden Abend Zeit mit bunt eingefärbten Klötzen aus Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymerisat verbringen und Dinge bauen, von denen er sonst vielleicht nur träumt. Ein Porsche, ein Haus oder eben ein Imperial TIE Fighter™. Er ist nicht alleine mit dieser Sehnsucht. Während Frauen die Pandemie dazu nutzen, selbstgestrickten Mundschutz zu fermentieren, spielen Männer mit Legosteinen. Und während sie den Krieg der Sterne auf dem Küchentisch nachspielen, fragt man sich, ob der Mensch jemals erwachsen wird?

Als Kind ging man stets davon aus, dass man ab einem bestimmten Alter erwachsen sei. Schließlich waren ja alle Menschen eines gewissen Alters erwachsen. Sehr erwachsen sogar. So mit ernstem Gesichtsausdruck, Girokontokarte und Angst vorm Klettern. Erwachsen werden die Alten. Doch dann saß man in der Univorlesung und schrieb sich noch immer Zettelchen mit seinen Freunden. Oder ging mit Anfang dreißig nachts schaukeln. Und fragte sich: wann werde ich eigentlich erwachsen? Werde ich überhaupt jemals erwachsen?

Wenn man Bilder von sich aus der Kindheit sieht, fühlt man sich eigenartig distanziert zu der kleinen Person, die da auf dem Bild Pony reitet, Drachen steigen lässt oder Legostädte baut. Man wundert sich über das runde Gesicht, das einen entfernt an irgendwen erinnert. Doch gleichzeitig fühlt man sich sonderbar nah zu der Freude, die man damals spürte und den Gedanken, die durch den schlecht frisierten Kopf pusteten. Äußerlich verändert man sich ständig und unaufhaltsam. Innerlich tut sich hingegen erschreckend wenig. Es gibt keinen Bruch der Gedanken, wie es eine Lücke zwischen zwei Momentaufnahmen gibt. Die Gedanken von damals sind Teil des Schepperns von heute. Nicht mehr ganz so schrill. Doch der Klang ist der gleiche. Die Furcht vor dem alten Schuldirektor spürt man noch genauso wie die Aufregung vor der ersten Fahrstunde. Ist und bleibt man am Ende ein faltiges, grauhaariges Kind mit Dispokredit und Zahnzusatzversicherung?

Der äußere Verfall führt mittlerweile dazu, dass man auf offener Straße gesiezt wird oder der offensichtlich älteste Mensch in einem Raum ist. Doch unweigerlich schaut man sich suchend um – nach einem Erwachsenen, der hier ein Auge auf alles haben sollte. Dabei führt man gemeinsam mit den Menschen, mit denen man früher Kind war, heute das, von dem man damals dachte es sei das Leben von Erwachsenen. Man unterhält sich über Klemmmarkisen, Kinderbetreuung und Anlagestrategien. Man besitzt einen Christbaumständer. Doch manchmal lacht man laut auf (vor allem wenn jemand Ständer sagt) und wundert sich gemeinsam darüber, wie man so sang- und klanglos in dieses Leben eines Erwachsenen rutschen konnte. Erwachsen waren und sind schließlich immer die anderen. Man redet zwar nicht mehr über das Gleiche, aber man redet noch immer gleich. Und baut nur ein paar Erwachsenenwörter in seine Sätze mit ein. Wie Klemmmarkise. Und hofft, dass es keinem auffällt, wie mega komisch man das findet. Ob man mit 90 wohl auch noch mega sagt und sich immer noch fragt, wie heiß man Jeans eigentlich waschen darf? Weil man mit 90 noch Jeans trägt? Oder rutscht man irgendwann auf seinen Senkern aus auf dem schmalen Grat zwischen „jung geblieben“ und „mega peinlich“?

Erwachsen werden Kinder Spielzeug ferngesteuertes Auto

Als Kind wollte man immer die Dinge machen, die nur die Erwachsenen durften. Lange aufbleiben, am Sekt nippen oder einkaufen gehen. Heute sehnt man sich nach den Dingen, die nur Kinder machen durften. Man versucht sie „einzuerwachsenen“, um das kantig gewordene Gesicht nicht zu verlieren. Der Hula Hoop Reifen wird zum High-End-Sportgerät. Der Lego-Porsche ist hochpreisiges Interior-Design für alle Liebhaber schneller Oldtimer. Das Longboard beugt dem Burnout vor und hilft dabei, sich endlich mehr fallen zu lassen. Und irgendwann werden die Sneaker vom Orthopäden empfohlen.

Und man freut sich darüber wie ein Kind.




Kein Grund mütend zu sein.

Corona verpiss dich witzig Schellenaffe Corona

Irgendwas Witziges. Man muss ja nicht direkt wie ein menschgewordener Käfer mit bauchkrampfartigen Zuckungen am Boden liegen, aber irgendetwas, was einen von den Magengeschwüren ein wenig ablenkt, das wäre hübsch. Ein kleines Kribbeln, das wäre reizend. Denn bei allen Reizen der letzten Zeit, kribbeln tut schon länger nichts mehr. Höchstens das ausgefranste Haupthaar über den Ohren. Immerhin hört man dadurch nur noch gedämpft die Rufe der muhenden Tante und des sch-impfenden Onkels. Irgendwie wirkt man mit Kotletten, die aussehen wie Koteletts, verletzlicher. Wir Menschen mit dieser Stöhnfrisur auf dem Kopf wirken auf einmal so vulnerabel wie ein Mistkäfer, der auf dem Rücken liegt. In der Fußgängerzone, die schon lange keine Risikozone mehr ist. Zumindest für Insekten.

Doch was hilft gegen dieses Gefühl, das neuerdings „mütend“ genannt wird? Wer auch immer sich diesen Satzpartikel ausgedacht hat: er scheint aus der Seele einer angesäuerten, erschöpften Gesellschaft zu sprechen. Voller Ungeduld und Unverständnis möchte man immer mehr feste auf den Boden stampfen, wenn die Füße nicht so betäubt vom vielen Stillhalten wären. Aber was nützt das Gepolter und Gezeter? Das Geschrei und Gemecker?

Wir sind nun mal müde. Schlaftrunken von der vielen Zeit zum Ausschlafen. Übernächtigt von unseren Gedanken, die das Einzige sind, was uns noch um den Schlaf bringen kann. Gelangweilt von den vielen Nachrichten, die von keinen Neuigkeiten mehr berichten. Und langsam mischt sich Wut zur Erschöpfung. Wir sind sauer auf ohnmächtige Machthaber. Aufgebracht über Verantwortungszirkus. Entsetzt über die, die quer- statt nachdenken.

Wir sind so müde und wütend in dieser endlos wirkenden Pandemie.

Fertig ist der mütende Bürger. Fix und fertig.

Corona verpiss dich witzig Schellenaffe Corona
Corona – zum Abschuss freigegeben.

Doch wann, wenn nicht jetzt gibt es gute Gelegenheiten, Dinge mit Abstand zu betrachten. Mit eineinhalb Meter oder eineinhalb Jahren Abstand. Ist denn alles wirklich so schlimm und hoffnungslos? Wie so oft scheinen wir das Grauen besser zu kennen als die Gründe zur Hoffnung. Dabei kennen wir alle mittlerweile jemand, der bereits geimpft wurde. Wir kennen jemand, der sich kürzlich kostenlos testen ließ. Wir kennen jemand, der mehr Zeit mit seinen Kindern genießt. Wir kennen jemand, der seine Umgebung neu entdeckt. Wir kennen jemand, der die Ausrede zum Nichtstun still und leise genießt. Manchmal sind wir sogar selbst dieser jemand. Und wenn wir es – noch – nicht sind, ist das kein Grund, sich wie ein trotziges Kind „Pandemimimi“ schreiend auf den Boden zu werfen. Im Altenheim motzen doch auch nicht alle darüber, dass sie auf kein Metallica Konzert gehen oder nicht nach Malle fliegen können. Wobei das ein witziger Anblick wäre. Also die Erwachsenen, die auf dem Boden schreien und die Omis, die „Nothing Else Matters“ grölen. Und irgendwas, Witziges wollten wir ja endlich mal wieder erleben.

Kein Grund zum Lachen haben Menschen, die starben, Schmerzen erleiden oder ihren Halt im Leben verlieren. Alle anderen haben noch genügend Gründe zum Lachen. Diese zum Beispiel:

Corona verpiss dich witzig Schellenaffe Corona
Junges Gemüse, hinten.

Corona Hund am Steuer witzig Schellenaffe Corona
Fahrraddiebe, Fahrradliebe?

Corona Hund am Steuer witzig Schellenaffe Corona
*Die Beule war schon..“

Man muss die Augen eben nur offen halten, um das Gute zu sehen. Sowohl die Augen, die den Blick nach außen richten. Als auch jene, die nach innen schauen. Auch wenn der Durchblick manchmal erschwert ist.

Corona Hund am Steuer witzig Schellenaffe Corona
Putz(ige)hilfe.




Vorsorge.

Do epic shit Alter Alterung junges Ich Spruch

Kriegen sie sich? Wer ist der Mörder? Ist die Milch noch haltbar? Lohnt sich die Steuerklärung? Ist der Pickel morgen weg? Wie gerne würde man manchmal vorspulen. Nur um etwas gönnerhafter die Gegenwart zu erleben und abends friedlicher einzuschlafen. Doch diese Lust scheint zu schwinden. Niemand wagt es derzeit weit nach vorne zu schauen. Wer weiß, was dort blüht. Irgendwie ahnt man, dass die Haltbarkeit von Milch in dieser fernen Zukunft das geringste Problem sein wird. Irgendwo zwischen der Frage, wann man wohl geimpft und wann der eigene Wohnort unfreiwillig am Meer liegen wird, kann es eigentlich nur klumpig werden.

Doch bei allem säuerlichen Pessimismus wünscht man sich manchmal doch eine kurze, heimliche Grußbotschaft seines Zukunfts-Ichs. Denn spätestens, wenn man alte Fotos und vergangene Entscheidungen betrachtet, wünscht man sich manchmal, man habe damals gewusst, was man heute weiß. Nein, Schlaghosen stehen dir nicht. Ja, trau dich ruhig. Nun ja, überlegt dir das mit der Ausbildung zur Sprengstoffexpertin noch mal.

Wenn ich 95 Jahre alt werde, zahlen sich meine Einzahlungen in die private Altersvorsorgekasse aus. Ab dann gehe bzw. rolle ich als zahn- und gehörlose Gewinnerin vom Platz. Als Besiegerin des kapitalistischen Systems. Doch lohnt sich der lange Weg? Wie ist das Leben im Jahr – Moment – 2081? Was würde mein 95-jähriges Ich zu meinem heutigen Leben zwischen Birnen auf der Pizza und Gurkensalat im Kopf sagen?

„Liebes jüngeres Ich,

da ich dir mein faltiges Hologramm nicht mehr antun möchte, diktiere ich etwas antiquiert dem Microchip in meinem linken Daumen diese Zeilen. Also Daumen hoch, hier spricht deine Zukunft. Du fragst dich gewiss, was diese Zukunft, was diese deinige Zukunft so bringt. Reichtum, Krankheit, Glück, Stolpern? Zunächst wirst du in der Tat immer reicher. Der Reichtum an Krankheiten nimmt zu. Wobei Krankheit übertrieben ist. Es sind diese Zipperlein, mit denen du morgens in letzter Zeit aufwachst und dich fragst, ob das jetzt immer so ist. Nein, es bleibt nicht so. Es werden mehr. Mit jedem Morgen kommt zu einem alten ein neues hinzu. Und was exponentielles Wachstum bedeutet, hast du, glaub ich in letzter Zeit zu verstehen gelernt. Ab einem gewissen Alter – ich glaub es war irgendwann zwischen 39 und 51 – fühlt sich dein eigener Körper wie ein Altglascontainer an: schwer, sperrig und voller Scherben. Ein bisschen miefig, manchmal recht laut, beginnen die Menschen dich zu beäugen und fragen sich, wann du abgeholt wirst. Deswegen mein erster Rat: springe, hüpfe, tanze, renne das nächste Mal, wenn du deinen Walk of Shame antrittst und mit deinen klimpernden Tüten zum Glascontainer huschst. Eskaliere solange du noch kannst. Denn wie gerne würde ich heute noch mal für einen Augenblick die Bodenhaftung verlieren. Doch eine unsichtbare Haftcreme bindet uns im Alter fest. Aber um dich zu beruhigen: mit 95 denkst du nicht mehr daran, was du vor sechzig Jahren alles tun konntest. Sondern fragst dich vor allem, was du vor sechzig Minuten getan hast.

Alter Alterung junges Ich Rollator

Du denkst auch nicht mehr daran, wie du einmal aussahst. Sondern hast zu ignorieren gelernt, was dir der Spiegel als neue Realität vorgaukelt. Fifthy shades of grey and gravity. Immerhin dein Geist altert nicht. Du denkst noch immer in den ähnlichen konzentrischen Bahnen, in deren Mittelpunkt sich alles um die Suche nach dem Sinn und der nächsten Mahlzeit dreht. Apropos schwer verdaulich: glaub mir, dünner wird’s nicht mehr. Egal, was du isst, die Kleidergrößen steigen linear. Doch mit der Schwere kommt eine angenehme Leichtigkeit. Dein Interesse an dieser einen oder jeder anderen Stelle an deinem Körper fällt linear ab. Ich glaub es war Mitte der Sechziger, als du das letzte Mal an dir heruntergeschaut hast. Da kriegt man eh nur Nackenschmerzen von. Und das Zipperlein konntest du nicht auch noch gebrauchen.

Und wie ist die Welt so? Sie hat sich kaum verändert. Es reden noch immer alle vom nahenden Ende. Die Apokalypse beginnt eben wie jede Diät immer morgen. Nach – wie hieß es noch, ach ja – Corona haben sich alle erst mal ein Astra Zeneca aufgemacht. Anschließend wurde es ein wenig hektisch rund um die Sache mit dem Klima. Viel wurde unternommen, manches bewirkte sogar etwas, manches nichts. Eisbären und Autos gibt es noch immer. Dafür hast du seit vielen Wintern die Heizung nicht mehr angemacht. Seit du in ein nachhaltiges Altern-Heim gezogen bist und alle von einem schlimmen Meteoriten sprechen, den sie Donald getauft haben, verfolgst du die allgemeinen Debatten nicht mehr so intensiv. Nach dir die Sintflut. Wobei du dich auch auf den letzten Metern noch bemühst, ein verantwortungsbewusstes Leben zu führen. Nur das Experiment mit dem Holz-Rollator währte nicht lange. Krachend gescheitert. Seitdem schickst du vor allem dein Hologramm zu externen Terminen. Also zu Arztterminen. Gründe zum Ausgehen gibt es leider nicht mehr viele. Die meisten, die ein Leben lang mit dir gefeiert haben, sind nicht mehr da. Das auszuhalten ist das schwerste, nein das einzige schwere am Altern. Dieses schleichende Schwinden aller Wegbegleiter. Daher mein innigster Rat: liebe, spüre, unterstütze, achte die Menschen in deinem Leben – jederzeit, hemmungslos. So, als gäbe es kein Morgen. Denn irgendwann gibt es kein Morgen mehr. Und dann sitzt du mit 95 irgendwo und weißt nicht mehr wohin mit deiner sich anstauenden Liebe. Ok, du hast im Heim tatsächlich noch mal jemand kennengelernt. Aber er isst Fleisch. Illegal natürlich. Das muss man sich mal vorstellen. Alleine wie er den Singvögeln hier nachstellt. So richtig glaubst du nicht an eine gemeinsame Zukunft. Aber wer weiß schon was Morgen ist. Du lässt es auf dich zukommen. 

Ohne jetzt zu arrogant zu wirken, aber ein bisschen muss ich schon über dich, mein junges Ich, lächeln. Den Großteil deines schönen Lebens hast du nach vorne geschaut. Bist irgendwas entgegengelaufen, selten hinterhergerannt. Schwanktest zwischen Vorfreude und Vorsorge. Du kämpftest immer wieder mit dem Pessimisten und dem Optimisten in dir. Dabei übersahst du zu oft den Realisten in dir – jene Stimme in dir, die die Realität wahrnimmt wie sie ist. Vor lauter Vorsorge über das, was einmal sein könnte, hast du manches Mal vergessen das zu sehen, was gerade ist. Im Alter hat sich das Ganze nun umgekehrt und du ertappst dich dabei, wie du zurückschaust auf das, was einmal war. Oder du ertappst dich dabei wegzudösen. Das kommt auch exponentiell häufiger vor. Mein letzter Rat lautet daher: denke nicht an mich, sondern an dich.

Deiner Vorsorge bin ich gleichwohl natürlich dankbar. Ich haue die Kohle jetzt auf den Kopf und gönne mir eine Kugel Eis von deiner so fleißig angesparten Rente. Die Eisdielen haben nämlich inzwischen das ganze Jahr geöffnet. Du siehst: Daumen hoch für deine Zukunft.  

Bis bald, also verdammt weit weg bald,

Deine Alte.




Minimal besser.

Minimalismus Papperlapapp Pappe Konsum Papiermüll

2 Füße. Ziemlicher Durchschnitt. Nichts Besonderes.

26 Paar Schuhe. Ziemlicher Durchschnitt. Nichts Besonderes.

52 Schuhe für 2 Füße. Das sollte etwas Besonderes sein.

Etwas besonders Dämliches.

Wir leben in einem Meer aus Mehr. Fett und satt schwimmen wir oben auf diesem Mehr. Wir sind übergewichtig. Wir konsumieren bis zur Unkenntlichkeit. Neue Schuhe, neue Apps, neue Serien, neue Kerzenständer. Weil die alten Schuhe zwar eingetragen, aber sattgesehen sind. Weil die neue App bestimmt hält, was die alte versprach. Weil der neue Kerzenständer endlich die Gemütlichkeit bringt, die man niemals spürte. In dieser nicht mehr ganz so neuen Welt konsumieren wir neue Dinge, um alte Probleme zu lösen. Nur noch dieses eine neue Ding, dann bin ich glücklich. Ganz bestimmt. Dieses größere Auto, jener neue Joghurt mit Erdbeerkeksen. Das dauerhafte Glücksgefühl ist nur noch eine Kaufentscheidung von uns entfernt. Das ist die Erzählung, die wir jeden Tag hören. Der wir so gerne lauschen. Die wir so sehr glauben.

Diese Welt hat uns das Konsumieren so einfach gemacht, dass selbst dann, wenn das Einkommen klamm und die Geschäfte geschlossen werden, der Kaufrausch weitergeht. Er wird zur bürgerlichen Pflicht erhoben. Steuern werden gesenkt, damit wir das Gefühl haben, Geld zu sparen, während wir es ausgeben. Die Wahl von Waren und Marken ist so wichtig geworden wie die Wahl von Entscheidern und Parteien. Wir sind der systemrelevante Held, der den Laden am Laufen hält. Gleichzeitig konsumieren wir begeistert, um die Stille in unseren Wohnungen und Köpfen zu übertönen. Dieses Mehr zieht neuerdings ein Meer an Pappkartons und Menschenschlangen vor Postfilialen nach sich. Ansonsten ist alles wie immer. Und so sitzen wir in unserem Zuhause voller Gegenständigem und fühlen uns leer. Ziemlicher Durchschnitt. Nichts Besonderes.

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Nicht besonders erzählenswert wäre dieses possierliche Dilemma des modernen, mündigen Bürgers, wenn der eigene Konsum lediglich Einkommen verschieben würde. Dann hätten alle mehr. Der eine mehr Dinge und jemand anderes mehr Geld, um sich Dinge zu kaufen. Aber da wir nicht in einer realitätsfernen Residenz von Vladimir Putin leben, sondern in einer Wirklichkeit, in der alles abgezählt ist, wird die Geschichte schwieriger. Denn: der Konsum des einen nimmt jemand anderem etwas weg. Die Lieferadresse weicht von der Rechnungsadresse ab. Jemand anderes bezahlt für unseren Konsum. Jemand anderes bezahlt in Form von schlechter Luft, trockener Erde, Plastik im Meer, einer Kindheit voller Arbeit. Die Litanei ist bekannt. Der Begriff „Lastschriftverfahren“ schien noch nie so zeitgemäß zu sein.

Dabei wissen wir es bei aller Payback-Punkte-Sammelei doch eigentlich längst besser. Wir wissen, dass es im Leben nicht um das WMF-Geschirrset für 3.000 Treupunkte oder um Erdbeeren im Januar geht. Wir wissen, dass es nicht darum geht, etwas zu haben, sondern etwas zu sein. Es heißt ja schließlich auch nicht Dahaben, sondern Dasein.

Soweit so logisch. Was dennoch nur schwer zu begreifen scheint, ist die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Menschen ab einem gewissen Einkommensniveau nicht mehr Glück spüren durch ein Mehr an Geld. Geld, das uns von Hunger, Krankheit und Existenzangst befreit, steigert die Zufriedenheit. Aber die paar Scheine netto mehr zur Finanzierung einer Mitgliedschaft im Golfclub machen uns nicht unbedingt glücklicher. Und doch halten wir fest an dem Glauben, dass Konsum, für den man nun mal Geld braucht, glücklich macht. Wir werden förmlich fest getackert an diesen Glauben. Denn so finanziert sich dieses ganze Kartenhaus, das wir Wirtschaft nennen. Wir leben in einer gigantischen Werbefläche, die erst durch unseren Konsum bezahlt wird. Spätestens jetzt schwirrt einem der Kopf und man möchte sich unter einer Wolldecke in der neuesten Trendfarbe verkriechen.

Und dann? Die vergangenen Monate lehrten uns einiges. Vor allem begriffen wir, dass mehr entbehrlich ist, als wir es für möglich gehalten hätten. Hosen im Büro zum Beispiel. Doch was ist das, was uns am Ende dieser beschwerlichen Reise als unentbehrlich erscheint? Wir vermissen den Schnack mit Kollegen im Büro, nicht den imposanten Elbblick aus dem Konferenzraum. Wir sehnen uns nicht nach der Pizza beim Italiener, sondern nach dem Erlebnis Pizzaessen beim Italiener. Wir vermissen das Stimmengewirr, den Blick auf eine Karte, die wir schon auswendig können, die Erinnerung an den letzten Urlaub in der Toskana, den Sambuca, der schmeckt wie bittere Glückseligkeit. Wir vermissen Begegnungen und Erlebnisse. Noch schlimmer: das, was uns so fehlt, ist zur Gefahr verkommen. Das, was uns fehlt, bringt diejenigen in Gefahr, die uns so sehr fehlen. Das zu verarbeiten, ist schwieriger zu verdauen als Essen 2 aus der Kantine, die wie eine Hexenküche aus einer anderen Welt aus unserer Erinnerung verschwindet. Wir vermissen Menschlichkeit, die den Menschen erst zum Menschen macht.

Donald Trump Falsches Zitat Corona Infektion USA

Doch nutzen wir die Zeit, die so zäh zu verstreichen scheint und räumen auf. Um Platz schaffen für Menschlichkeit. Und für Dinge, die uns wirklich wichtig sind.

Also: Fang zum Beispiel mit deinen Füßen an, die dich ja irgendwann wieder zu einem Konzert tragen oder auf einer Hochzeit mit dir tanzen sollen. Wie wichtig sind sie dir? Wie häufig schaust du sie an? Bei der Gelegenheit zähle sie auch noch mal ab. Und dann zähle deine Schuhe. Es sind garantiert mehr als du denkst. Und dann frage dich: bin ich ein so großer Fußfan, dass ich jede Woche ein anderes Paar tragen können möchte? Wenn du deinen Füßen diese Achtung entgegenbringen möchtest, freue dich. Du hast etwas gefunden, was dir im Leben wahres Glück bereitet. Nutze die Zeit und baue deinen Schuhen ein riesiges Regal, sodass du sie immer sehen kannst. Putze sie. Sortiere sie. Erinnere dich an die Wege, die ihr zusammen gegangen seid.

Wenn du deinen Schuhen oder deinen Kerzenständern oder deiner Topfsammlung nur etwas weniger Emotionalität und Leidenschaft entgegenbringen kannst, verschenke oder verkaufe sie (siehe Beitrag: Letzte Preis). Und gib ihnen so die Chance, bei einem echten Liebhaber ein erfüllteres, blasenfreies Leben zu erhalten. Verkaufe deinen Spaghetti-Topf, in der Hoffnung, dass du das Problem damit nicht nur in einen anderen Haushalt verschiebst, sondern der unbenutzte Spaghetti-Topf in den Händen eines begnadeten Kochs landet, der Spaghetti selber herstellt und regelmäßig seinen Lieblingsmenschen serviert, weil es das beste Essen ist, das er sich im Leben vorstellen kann. Kein geringerer sollte der Käufer deines Topfes sein. Kein geringerer solltest du sein, wenn du überlegst, dir einen Spaghetti-Topf zu kaufen.

Und wo du gerade in deinem Leben aufräumst, räume deine Zeit gleich mit auf. Schau einmal zum Beispiel nach, wie viel Zeit du an deinem Handy verbringst (neue Modelle können das). Und dann überlege, was du mit der Zeit, die dir ja im Allgemeinen im Leben ach so sehr fehlt, hättest tun können. Wie viel aufrichtige Briefe hättest du schreiben können, anstatt belanglose Emojis zu verschicken. Wie gut wäre dein Klavierspiel, wenn du jeden Tag, direkt nach dem Aufstehen, so viel Zeit mit Üben verbringen würdest. Denke nach, bevor du dich bei Clubtik oder Tokhouse oder was auch immer anmeldest. Denke darüber nach, was du dir von der Investition deiner Zeit erhoffst.

Du musst ja nicht gleich zum asketischen Minimalisten werden, der in seinem einen Leben alles nur einmal besitzt außer seinen Unterhosen. Doch versuche einmal, anstatt in mehr von allem, mehr in das zu investieren, was dir wichtig ist. Dauerhaft. Aufrichtig. Minimiere deinen Konsum materieller und nicht materieller Dinge. Und schaffe Platz zum Denken. Helfen. Sparen. Lieben. Atmen.

Wenn man einmal den Schalter umgelegt hat, ist es schwer, ihn wieder zurück in seine Ausgangsposition zu hieven. Wenn man einmal begriffen hat, was so schwer zu begreifen war, dann ist es umso schwerer, die Erkenntnis zu vergessen. Dieser Griff nach dem Schalter, nach der Erkenntnis, ist das aufrichtige Durchdringen der abgewetzten Aussage: weniger ist mehr.

„Love people, use things. The opposite never works.“ – the Minimalists.




Immer gleich anders.

Veränderung Schellenaffe Discokugel

Nichts bleibt, wie es war. Unser Leben ist Flubber. Erinnert sich noch jemand an dieses cineastische Meisterwerk über grünen Schleim? Jedenfalls ist unser Leben wackelige Götterspeise, die nie fest wird und sich allen Formen anzupassen vermag. Wir leben in ewiger Veränderung und passen uns dem an, was die Bahndurchsage verkündet. So weit, so klar – wie grüner Nasenauswurf oder Bahndurchsagen eben sein können.

Doch bei all den ewigen Veränderungen, mit denen wir uns zu arrangieren gelernt haben, eines bleibt immer gleich: der Glaube daran, dass sich alles ändern wird. Und zwar, dass in einem neuen Jahr alles anders wird. Dass alles sich zum Guten verändern wird, was in den letzten zwölf Monaten, naja, eher so mittel war. Diesmal wirklich. Diese Hoffnung ist fest mit uns verbunden. Denn niemand sitzt am Neujahrstag alleine mit einer Familienpackung Plunderteilchen bei Tische und denkt sich: ich möchte auch im neuen Jahr meiner Fettleibigkeit und Beziehungsunfähigkeit absolute Treue schwören. Oder keiner nimmt sich ganze feste vor in der Privatinsolvenz zu bleiben, weil er dieses Gefühl der abgrundtiefen Panik so lieb gewonnen hat wie ein Plunderteilchen.

Wir glauben, der Jahreswechsel wird es schon richten. Doch warum genau sollte sich, weil eine 0 zur 1 wurde, unser neuer Alltag wieder von einer absoluten Null zur Eins mit Sternchen wandeln? Und so sitzen wir weiterhin ausgebremst und uns über unseren naiven Irrglauben wundernd zuhause. All die Reiseziele bleiben genau dort, wo sie im letzten Jahr auch waren: in Wartestellung. All die Gutscheine bleiben in ihren Umschlägen. All die Pläne liegen in der Schublade. Und niemand macht diese dreiste Veränderung, die keiner wollte, wieder rückgängig. Niemand stellt die Discokugel wieder an.

Doch für alle, die sich nach einer Veränderung des aktuellen Zustandes sehnen, kommt hier die Erlösung: der Schellenaffe wird sich verändern (geschickt eingelocht, ich weiß). Über die Jahre hat er seinen Stil, seine Themen und seine Leserschaft stetig verändert. Nun geht es an die Dosierung. Bisher hat der Schellenaffe als stummer und doch lauter Begleiter jeden Montag – also wirklich jeden Montag in den letzten dreieinhalb Jahren – dem Wochenstart seinen faden Beigeschmack versucht zu rauben und ein bisschen Süßungsmittel geliefert. Einfach so. Nun wird das Scheppern am ersten Montag im Monat erscheinen, also monatlich, zwölfmal im Jahr. Am ersten Montag im neuen Monat – griffig abgekürzt EMINEM – gibt es wie gehabt einen völlig willkürlichen Beitrag. Warum? Einfach so. Denn nichts bleibt, wie es war. So hat der Affe mit den Schellen mehr Zeit, seine wirren Gedanken zu sortieren (sonst kommt nur Flubber raus, wie man sieht) und sich gleichzeitig neuen Projekten zu widmen. Auf jene darf man sich freuen. So, wie man sich fortan auf EMINEM freuen darf. Wer hätte das gedacht. So verändert sich die Welt.

(Um sicher zu gehen, dass niemand verloren geht auf diesem sich verändernden Weg, hier als kleiner Stolperstein die Erscheinungstermine, die man sich am besten direkt im Kalender notiert: 04.01.2021 / 01.02.2021 / 01.03.2021 / 05.04.2021 / 03.05.2021 / 07.06.2021 / 05.07.2021 / 02.08.2021 / 06.09.2021 / 04.10.2021 / 01.11.2021 / 06.12.2021)




Dinner for One.

Silvester Corona 2021 Happy New Year Dinner for One

Endlich! Endlich! Endlich gute Nachrichten! Ja, es gibt sie noch – die richtig guten Nachrichten: Die Bomben, die Drogen, die Exzesse haben ein Ende. Nichts und niemand eskaliert. Niemand ballert einen oder sich einen weg. Stattdessen wird isoliert und höchstens ein bisschen beflissentlich fermentiert (Gemüse, Früchte oder eben der eigene Körper wird eingelegt, bis er zu Alkohol wird). Same procedure as every month of this year. Endlich mal wirklich Dinner for One. Or two. Oder die Quersumme der Anzahl an Haushalten multipliziert mit Phi.

Das neue Jahr kommt, doch Silvester fällt aus. Wem wird es überhaupt fehlen? Wer mag schon Silvester? Also so wirklich? So wie man vielleicht seinen Geburtstag, das Weihnachtsfest oder den Tag, an dem Boris Johnson einen Friseursalon betritt, mag? Dieser letzte Tag im Jahr ist doch das Letzte. An jedem Tag im Jahr darf man um zehn Uhr ins Bett gehen, wenn einem danach ist. Niemand käme auf die Idee zu sagen, man sei einsam, langweilig oder humorbefreit. Man erntet eher Anerkennung für ein so forderndes Leben, das man anscheinend führt und die Disziplin, die man aufbringt, um dieses zu meistern. Aber wer am 31.12. vor Mitternacht ins Bett geht, ist ein unvermittelbarer, freud- und freundeloser Kauz. Doch selbst, wenn man den Mut aufbrächte, allen „und was machst du Silvester?“-Fragen zu trotzen und den Abend mit Daunen zu verbringen, man käme nicht dazu, schnarchend zu protestieren. Denn mit Einbruch der Dunkelheit stellt sich dieses beklemmende Gefühl ein, in Aleppo zu sein. Jedoch in einer eigenartigeren Version eines Kriegsgebiet, in der die Menschen anscheinend so wenig Hoffnung sehen, dass sie dazu übergehen, ihr Geld anzuzünden oder es ganz in die Luft zu sprengen.

Doch dieses Jahr wird alles anders. Weniger Selbstzerstörung und zerstörte Briefkästen. Weniger süßen Sekt, mehr feinperlig geschüttelter Weißwein. Weniger Gespräche über Vorsätze, die sich jedes Jahr – wie Dinner for One – wiederholen. Derzeit nimmt sich eh niemand, wirklich niemand irgendetwas vor. Außer vielleicht noch durch die Haustür zu passen.Wer Pläne jenseits der Haustür schmiedet, nährt sich wohl von Enttäuschungen und Absagen. Oder mag einfach Gutscheine.

Und so ergeben sich völlig neue Fragen: Wie es wohl ist, ohne Konfetti zwischen den Bodendielen, ohne Kopfschmerzen zwischen den Schläfen aufzuwachen und in ein neues Jahr zu starten? Wahrscheinlich recht langweilig und unaufgeregt. Aber das sollte ein gutes Omen sein. Möge das neue Jahr also wie der Neujahrsmorgen werden: ausgeschlafen und frisch. Und nicht wie der Kater nach einem nervenaufreibenden Vorabend werden: dickschädelig und bettarm. Möge uns das neue Jahr viele Gründe zum ausgelassenen Feiern geben (siehe zum Beispiel: Frohes Neues). Mögen wir diese Gelegenheiten nutzen, um in die mit zehn gesunden Fingern versehrten Hände zu klatschen.

Egal, wann.

Silvester Frohes Neues Dinner for One 2020 Corona




Schön negativ bleiben.

Negativ Testergebnis Covid Optimismus positiv

Langsam wird es ein bisschen anstrengend. So ein wenig mühsam. Peu à peu schwindet die Kraft, sich selber und seine Gedanken zu beherrschen. Die kleinen Klumpen Kacke, die sonst auf einen einprasselten und die man bisher noch immer mit kraftvollem Optimismus weg zu schmettern vermochte, sind einem nicht enden wollenden Fluss an Gülle gewichen (ja, der heutige Beitrag enthält Spuren von Kraftausdrücken). Trog um Trog entleert sich über den eigenen Gedanken und man kauert sich unter seinem löchrig werdenden kleinen Regenschirm zusammen, um sich vor der gröbsten Scheiße zu schützen. Schlägt man die Zeitung auf, schaltet den Fernseher ein, blickt auf sein Handy oder hört den Menschen zu, fällt es immer schwerer durch den Gülleregen den Sonnenschein zu erkennen. Alles mieft und motzt. Dass die Welt noch nicht endgültig untergegangen ist, kann nur daran liegen, dass Gülle ein recht tragfähiges Medium ist. Wir sinken so langsam, dass wir es nicht mehr merken. Aber es geht bergab. Das ist so klar wie, ach, klar ist schon lange nichts mehr. Oder hat hier noch irgendjemand den Durchblick? Oder irgendeinen Plan? So wundert es einen eigentlich auch nicht mehr, dass man in einer Zeit lebt, in der man nur dann noch irgendetwas tun darf, wenn man negativ ist. Wir testen uns und sind erleichtert, wenn wir negativ sind. Positiv zu sein ist eher so mittelschwierig. Der Gedanke, dass es anderen – früher oder heute – noch schlechter geht, tröstet uns irgendwie auch schon lange nicht mehr. Erst recht dann nicht, wenn man Schalke Fan ist.

Negativ Testergebnis Covid Optimismus positiv Naja so mittel

Ehrlich gesagt, diese Litanei ist so ein riesiger, stinkender Mist wie alle Schlagzeilen, die einem in letzter Zeit ins Gesicht geknallt wurden. Können wir uns alle bitte mal wieder für einen Moment zusammenreißen? Wem hilft es, wenn man sich in Selbstmitleid und Pessimismus suhlt? Wenn man nur noch auf die Schattenseite der Medaillen schaut? Und dabei völlig vergisst, dass man eine Medaille in der Hand hält. Für alle Unsportlichen: das ist der Inbegriff von Kampfgeist, Erfolg und Glück. Anstatt an Dingen zu verzweifeln, dir wir nicht oder kaum beeinflussen können, wie wäre es, wenn wir uns ein bisschen zusammenreißen und beginnen, in der Gülle genüsslich zu baden? Warm und ph-neutral ist sie ja. Machen wir das Beste draus. Hören wir auf, immer nur über Mist zu reden. Wie wäre es als Aufwärmübung, wenn wir das Fest, das sonst ja immer ach so schrecklich anstrengend, gehetzt und gemästet ist, für das nutzen, wofür es eigentlich gedacht ist: Besinnung. Anstatt darüber zu jammern, dass jenes Fest dieses Jahr nicht so ist, wie wir es jedes Jahr nicht wollen, könnten wir uns mal besinnen. Nicht auf das, was sich als schleimiger Bodensatz in dem Gülletrog langsam absetzt, sondern auf das, was uns – trotz allem – jauchzen und frohlocken lässt. Auch wenn wir diese Verben langsam verlernt zu haben scheinen. Reden wir bitte über schöne Reiseerinnerungen, bei denen es doch völlig egal ist, in welchem Kalenderjahr sie den Weg in unser Herz fanden. Oder über kühne Träume, bei denen man ohnehin nie weiß, wann sie sich erfüllen. Oder die nach Braten und Zimt duftende Gegenwart, die wir so gerne vergessen. Schenken wir uns selbst ein gutes Stück Optimismus. Unverpackt. Nicht umtauschbar. Denn am Ende werden nicht unsere Schleimhäute getestet. Sondern unsere Zuversicht und Gelassenheit. Möge dieser Test positiv ausfallen.

Positive Weihnachten euch allen!




Eine Frage des gesunden Menschenverstandes. 

Gesundheit bleib gesund

Welche Überschrift tragen diese vergangenen Monate? „Du bist stummgeschaltet“. Oder „Naja, so mittel.“. Als Soundtrack dient vielleicht der very long Player „Best of Hotline Tunes“. Das Essen des Jahres ist irgendetwas Fermentiertes mit Hefe und Alkohol. Das Produkt des Jahres ausverkauft. Doch was ist die Erkenntnis des Jahres, die uns zwischen all dieser „laukühlen“ Fallzahlen-Folklore wirklich erleuchtet? Dass der eigene Beruf irrelevant, aber dafür in der Jogginghose zu bewältigen ist? Dass Friedrich Merz aussieht wie Mr. Burns (ja wirklich!)?

Bei all dem Wirrwarr der Stimmen in und um unseren Kopfes fällt es manchmal schwer, genau hinzu schauen. Das zu hören, was uns Dinge, die nicht immer sprechen können, sagen wollen. Das, was es zu begreifen gilt, zu sehen. Doch dieses Mal ist es eigentlich recht einfach. So einfach wie ein Oneway-Ticket. Und doch reden wir nicht wirklich darüber. Darüber, dass wir abhängig sind. Angewiesen auf dieses eine, was wir nicht erzwingen, kaufen oder festkleben können. Wir reden nicht über das, was wir vielleicht erst dann wirklich verstehen, wenn wir es nicht mehr haben: unsere Gesundheit.

Wir sind abhängig von der an sich beeindruckenden Funktionsfähigkeit unseres Körpers. Hakt nur ein Rädchen oder fällt es gar aus in diesem Hochleistungsrechner, wird es ungemütlich in unserem Körper und damit in unserem Leben. Wir können nicht mehr gut laufen. Nicht mehr richtig denken. Oder eben nicht mehr ausreichend atmen. Es fängt mit einem Schnitt am Finger (an), der beim Händewaschen brennt. Und reicht bis…daran will man lieber nicht denken. Die Details sollte man sich wohl besser ersparen. Denn ein Leben, in dem man ständig das bedrohliche Piepen lebenserhaltender Geräte zu hören glaubt, ist eine einzige Schattensimulation – und damit genauso so sinnvoll, wie ein Schattensimulator eben ist (Tchibo – Homeshadows Schattensimulator). Was nützt Gesundheit, die man aus Angst vor Krankheit besser bei Seite legt? Wer lebt, geht nun mal ein relativ hohes Risiko ein zu sterben. Irgendwie beruhigt es ja auch zu wissen, dass alles ein Ende hat. Man stelle sich nur vor, dass man wie die Queen unendlich viele Staatslenker erleben muss, ohne jemals zu sterben. Spätestens irgendwo zwischen Margret Thatcher und Boris Johnson vergeht einem daran irgendwie die Lust. Das, was wir Alterungsprozess nennen, erleichtert vielleicht am Ende das Ende. Den Abschied von dem, was wir einmal angefangen haben. Je mehr an uns herunterhängt, desto weniger hängen wir vielleicht an diesem Leben.

Und doch erschaudern wir jedes Mal, wenn sie näher kommen, diese Bombeneinschläge. Die Diagnosen, die Dramen, die Details. Zwischen betroffen und getroffen liegt manchmal nur ein Arztbesuch. Oder neuerdings ein Rachenabstrich. Ist man getroffen, fokussiert sich das Leben. Es kreist sich fortan um die Frage der eigenen Genesung. Immer beiläufiger werden Karriereschritte oder Einkaufsgänge. Es geht um das Wesentliche. Denn wir sind eben ein Wesen wie jedes andere, das davon abhängt, dass es funktioniert. Damit das so bleibt, forschen und therapieren wir. Wir versuchen zu lindern und heilen und erschaffen sogar ein System dafür: das Gesundheitssystem. Mit dem Begriff versuchen wir uns zu suggerieren, dass, wenn man es systematisch angeht, dann kriegt man das schon alles wieder hin. Mit der Unbesiegbarkeit des eigenen Körpers. Doch dass dem so nicht ist, wissen wir. Eigentlich. Doch manchmal braucht es ein Jahr, wie dieses, um uns das erneut vor Augen zu führen. Ein Jahr, in dem wir unser gesamtes Leben stummschalten, nur um nicht zu erkranken. Und so ist die Überschrift, die diese vergangenen Monate tragen, vielleicht doch eher „Zahnschmerzen sind auch mal wieder ok.“




Wo warst du, als…

Geschichte Historisch

Wie viele Dinge begreift man erst, wenn sie eigentlich schon vorbei sind? Man sieht alte Fotos von sich und stellt fest, wie jung man damals aussah. Man spürt wie gerne man einen Menschen hat, wenn er nicht mehr da ist und man ihn vermisst. Man merkt wie schön ein Urlaub wirklich war, wenn man wieder zuhause ist und erkennt, wie glücklich man an diesem anderen Ort war. So sehr wir nach einem Leben voller Achtsamkeit im Hier und Jetzt streben, so sehr sind wir geprägt von unserer Einordnung im Dahinten und Damals. Der Blick vom Ende aus auf die Sachen definiert oft erst, wie wir sie wirklich wahrnehmen. Ob die Dinge eine Bedeutung bekommen oder ob sie verblassen, bis sie irgendwann verschwinden. Der Blick danach entscheidet darüber, ob Erlebnisse Teil unserer eigenen Geschichte werden.

Ähnlich scheint es mit dem zu sein, was wir „die Geschichte“ nennen. Diese unsere gemeinsame Geschichte entsteht erst durch die Wirkung, die ein Ereignis auf den weiteren Lauf der Dinge für uns alle hat. Sie entsteht durch diese Nacherzählung, Nachbetrachtung, Nachbewertung. Was ist es wert, in unserem kollektiven Gedächtnis gespeichert und damit wiedererzählt zu werden und was bleibt eine Fußnote. Meist stellen wir erst mit Abstand fest, wenn etwas „historisch“ ist, nachdem es kein „wie früher“ mehr gibt. Was sind diese Dinge, die den Lauf der Dinge beeinflussen? Zu erkennen sind sie an einer einfache Frage, die ihnen gestellt wird: wo warst du, als…?

Wo warst du, als Tschernobyl passierte? Wo warst du, als die Mauer fiel? Wo warst du, als das World Trade Center einstürzte? Wo warst du während des Sommermärchens? Dass wir diese Frage zumeist beantworten können, belegt die Bedeutung der Erlebnisse. Sie haben sich zusammen mit dem beklemmenden, beängstigenden, intensiven oder berauschenden Gefühl in unsere gemeinsame Erinnerung gebrannt. Sie wurden Geschichte. Geschichte entsteht oft über Generationen und Grenzen hinweg und doch bleibt sie persönlich und unterschiedlich in ihrer Einordnung. Ein damals vierzigjähriger Amerikaner blickt anders als eine fünfzehnjährige Deutsche auf den 11. September 2001. Und doch erinnern sich beide an diesen Tag. An das Gefühl, das sie empfanden. Die Bilder, die sie noch heute sehen. Sie erinnern sich an den Moment der Geschichte. Doch wer merkte wirklich, als das zweite Flugzeug vor unser aller Augen in dieses riesige, starke Hochhaus flog, dass dies ein historischer Tag, eine Weltenströme verändernde Katastrophe war? Wer begriff in diesem Moment, dass es Geschichte war, die dort vor ihm einstürzte? Und wer begriff erst mit Abstand und Analyse, was er dort wirklich miterlebt hat?

Doch dieses Mal scheint alles anders. Wir spüren auf einmal die Gegenwärtigkeit der Geschichte. 2020 ist kein Jahr wie jedes andere. Nach 2020 ist die Welt nicht mehr, wie sie einmal war. 2020 werden wir nicht vergessen. 2020 ist jetzt gewordene Geschichte. Bevor es überhaupt zu Ende geht, ist das Urteil gefällt. Wir sind Zeitzeugen wahrlich historischer Ereignisse. Wie fühlt sich das nun an? Mittendrin zu stecken? Komisch. Anstrengend. Es kann jetzt bitte auch mal vorbei sein. Und doch ist es irgendwie auch beiläufig. Wir leben unser Leben oder das, was davon derzeit lebbar ist. Wir leben in dem heimlichen Versuch, so viel Distanz zwischen uns und der Geschichte zu bekommen. Abstand halten. Der Kampf gegen das Virus ist ein Kampf um die Normalität, die uns auf einmal kostbar und schützenswert erscheint. Wir möchten auf einmal doch nicht mehr „in die Geschichte eingehen“. Hier und da mal eine Maske tragen ist ja noch in Ordnung, aber viel mehr möchte man nun wirklich nicht damit zu tun haben. Ein historischer Hauch darf uns umwehen, aber bitte nicht der Atem des Todes. Ein bisschen mehr Zaungast als Zeitzeuge darf es sein. Geschichte, das sind doch lieber die anderen. Und so lehrt uns dieses Jahr schmerzlich: niemand schreibt Geschichte im Voraus, sie folgt keinem Plan. Es gibt kein Skript, das Rollen und Abläufe definiert. Oder bestimmt, was am Ende der Pandemie in die Geschichte eingeht. Was überhaupt das Ende ist. An was werden wir uns erinnern? Die Bilder aus Bergamo? Die eindringliche Ansprache der Bundeskanzlerin? Diese Versuche, Humor in die Erzählung der Geschichte zu bringen (Video der Bundesregierung „Besonderhelden“)? Einen maskierten Präsident Biden, der seinen Amtseid schwört? Die Wahl eines Kanzler Söder?

Wir wissen es nicht. Jetzt nicht. Aber irgendwann werden wir es wissen. Spätestens dann, wenn uns jemand die Frage stellt: wo warst du, als es 2020 war?




Schaf, Kindlein, Schaf.

Schaf Kindlein Schaf Einschlafen Schlafen Schäfchen zählen

Dieses kleine, flauschige Äffchen im Kopf, es kennt ja wirklich keine Pause. Nicht mal hier im Bett ist es still. Leise klappert es auch zwischen den Daunen noch dumpf vor sich hin. Hach, dabei ist das Bett ja die beste Erfindung der Menschheit. Weich, warm, friedlich liegt man sich in ihm in den Schlaf. Was kann es Magischeres geben? Dabei ist seine gänzliche Kraft bisher kaum angewendet oder untersucht worden. Wie viele Kriege wären vermeidbar, wie viele Konflikte würden sich lösen, wenn die Kontrahenten einfach im Bett liegen blieben? Ob getrennt oder direkt gemeinsam – einfach mal liegen bleiben. Für den Weltfrieden. Es ruhen die Waffen und ihre Besitzer. Soldaten würden weiche Kopfkissen und beruhigende Tees verteilen. Drohnen würden Schlaflieder surrend über Herrschersitzen kreisen. Quasi als „leere Drohnung“. Hat man als Kind eigentlich wirklich Schlaflieder gehört? Wurde einem vorgesungen? Irgendwie kann man sich daran nicht erinnern. Und sich ebenso wenig vorstellen, dass die eigenen Eltern sich selber und einem selbst das angetan haben: „Schlaf, Kindchen, schlaf“ wimmernd an der Bettkante hocken und sich fragen, wann sie das letzte Mal in einer Karaoke-Bar waren. Dann würden sie sich bestimmt erinnert haben (ist das überhaupt eine Zeitform?), dass sie noch nie in einer Karaoke-Bar waren, weil sie nicht singen können, und sich gefragt haben, ob sie ihr Kind traumatisieren mit den gewürgten Disharmonien. So wie sie selbst von einem Karaoke-Abend traumatisiert gewesen wären. Und so liegt ihr Kind dreißig Jahre später im Bett und kann nicht einschlafen, weil es sich fragt, ob jemals jemand mal „Schlaf, Kindchen, Schlaf“ in einer Karaoke-Bar gesungen hat. Es kann nicht schlafen, weil die Stimmen in seinem Kopf nicht singen, sondern einfach nur vor sich hin lallen. Wie die Stimmen in einer Karaoke-Bar eben auch. Sollten die Stimmen also vielleicht etwas singen? Nur was? „Ich bin Bettmensch/ Halb Mensch und halb Bett / Hört sich komisch an / Bin eigentlich ganz nett.“ Olli Schulz ist der Mann, der beweist, dass man auch alles werden kann, wenn man es einfach nur tut. Sänger ohne Singstimme. Moderator mit Sprachfehler. Schlafloser Traum mit Überbiss. Für schlaflose Frauen. Wow. Nein, man sollte besser irgendetwas zählen. Außer die Minuten, die man wach im Bett liegt und nicht einschlafen kann. Schafe vielleicht. Warum zählt man eigentlich Schafe? Weil sie so flauschig wie ein Kopfkissen sind? Wow, das ist fantasievoll. Dabei sehen geschorene Schafe aus wie gerupfte Hühner – auf Heroinentzug. Ungemütlich. Außerdem sind Schafe viel zu schnell. Da könnte man auch Autos auf der A3 oder Häschen zählen. Wieso heißt es eigentlich Häs-chen und nicht Häschen? Die deutsche Sprache ist auch wirklicher verkorkster als jeder Schraubverschluss. Man könnte komische deutsche Wörter zählen. Oder deutsche Städte, die wie Verben klingen? Gießen, Essen.. Essen ist ja auch so eine Stadt, über die als Rechtfertigung für ihre Existenz gesagt wird „sie hat auch schöne Ecken“. Was heißt, dass sie keine schönen Flächen hat. Essen könnte man eigentlich auch noch was. Aber direkt vor dem Schlafen – und der Schlaf steht ja wirklich unmittelbar bevor, verdammt noch mal! – etwas zu essen ist so, als würde man sich noch mal einen Drink bestellen für die Taxifahrt nach Hause. Oder als würde man sich schminken, bevor man duschen geht. Schminken ist, wenn man so darüber nachdenkt, eigentlich auch etwas sehr Bizarres. So wie Essen. Also die Stadt. Man malt, pinselt, tupft sich im Gesicht an, um besser auszusehen, ohne dass es jemand so richtig merkt. Man erschafft jeden Morgen ein Gemälde im Gesicht, mit dem Ziel, dass keiner das Gemälde erkennt, aber es für eine leere Leinwand hält, die wie ein Gemälde aussieht. Das ist sogar verworrener als die Textaufgaben damals in der Schule, die mit Authentizität irgendwie auch immer wenig zu tun hatten. Wer erfindet diese Aufgaben in Schulbüchern eigentlich? Drei Äpfel fallen vom Baum und Susi sitzt in einem Zug von München nach Hamburg mit einer Geschwindigkeit von 120 km/h. Peter pflückt zehn Erdbeeren auf dem Feld. Wie viel Kartoffeln hat der Bauer im Korb? Man könnte Kartoffeln zählen. Eins, zwei, drei..wie viele Kartoffeln gab und gibt es wohl auf dieser Welt? Mehr Kartoffeln als Schafe? Mehr Kartoffeln als Kriege? Kriege, das ist ja auch ein schönes Thema zum Einschlafen. Warum schlafen Menschen überhaupt? Weil sie müde werden, darum. Und damit der Affe einfach mal Sendepause hat. Damit er einfach mal die Klappe hält.

Damit er einfach mal Denkpause hat.