Wie dumm kann man eigentlich sein.

Wie dumm kann man sein Klimawandel Boot bis zum Hals

Wenn jemand in seinem Wohnzimmer sitzt, Fernsehen schaut und Erdnussflips isst, während sein Dachstuhl brennt, sein Keller vollläuft und sein Carport wegfliegt – was würde man ihm raten? „Wir möchten ja nicht stören, aber vielleicht sollten Sie etwas unternehmen, weil ihr Dachstuhl brennt, ihr Keller vollläuft und ihr Carport wegfliegt.“ Und wenn der- oder diejenige dann stoisch sitzen bleibt, weil die Füße ja noch nicht nass seien und das bisschen Wärme von oben eigentlich ganz angenehm ist, was würde man dann sagen? Richtig, wie ignorant, wie kurzsichtig, wie dumm kann man eigentlich sein.

Blöd nur, dass wir alle so dumm sind. Jetzt in diesem Moment. Alle zusammen hocken wir in unseren warmen Nestern und bewegen uns nicht. Kein Stück. Oder vielleicht ein kleines Stück, weil wir neuerdings ja die Äpfel in unser mitgebrachtes Einkaufsnetz stecken und dieses Jahr nicht in Urlaub geflogen sind. Das muss doch fürs Erste reichen.

Das tut es aber leider nicht. Die Fakten sind seit Jahren, nein Jahrzehnten bekannt. Die Wissenschaft, an deren Lippen wir dieses Jahr auf einmal alle so hängen, spielt uns die gleiche Platte seit sehr, sehr langer Zeit vor. Quasi der Extended Longplayer mit A- und B-Seite, der sich „Der Klimawandel und seine Folgen“ nennt. Wir hören einfach nicht – mehr – hin. Die Medien berichten seit 40 Jahren und wir schalten um oder ab. So lange schon? Ja. Wenn man diesen (hier) Beitrag zur ersten Klimakonferenz aus dem Jahr 1979 hört, fragt man sich, was sich seitdem außer der Mode wirklich geändert hat. Die Fakten jedenfalls nicht. Zur Einordnung: 1979 wurde der erste Walkman erfunden.

Und so sitzt man in diesem Krisenjahr 2020, in dem sich so viel auf einmal veränderte, was man niemals für möglich hielt (keine Schwarze Null, kein Oktoberfest, kein Ballermannurlaub) und räsoniert: Wann beginnt man ein langfristiges Problem zu lösen? Mit welcher Dringlichkeit geht man Herausforderungen an, die über Generationen entstehen und wirken? Wie geht man mit Krisenjahrzehnten um?

Aber vor allem fragt man sich: worauf genau warten wir (außer darauf, dass es in Kalifornien einfach wieder kälter wird)? Dass uns jemand etwas verbietet, verteuert oder unliebsam macht?

Wenn alle anderen weitermachen, warum soll dann ausgerechnet ich damit aufhören? Wenn alle schneller, höher, weiter wollen, ist Stillstand schließlich Rückstand. Man will schon Teil der ganzen Show sein. Das heißt dann aber auch, dass wir alle Teil des Problems sind. Und wir bedeutet eben auch du. Du, ja, du. Nein, nicht die anderen, nicht die Chinesen, nicht die Autoindustrie, nicht Donald Trump, du. Denn für „die anderen“ bist du Teil der anderen. Und so ist jeder immer irgendwie „die anderen“.

Und vor allem bist du für jemanden ein Wähler. In spätestens vier Jahren. Immer. Und so löscht die Politik den Brand mit einem Teelöffel. Weil sie Angst hat, ihre Macht, derer sie sich nicht traut zu bedienen, zu verlieren. Eine Macht, die wir ihnen leihweise geben. Eine Macht, derer sie sich nur bedient, wenn wir akut mal so richtig in der Klemme stecken. Finanzkrise, Atomunfall, Pandemie. Dann sprudelt das Löschwasser durch die Geldhähne. Aber die Probleme von überübermorgen gewinnen heute keine Wahl. Legislaturperioden sind das Narkosemittel gegen den Klimawandel.

Aber was kann ein einzelner schon bewegen? Sehr wenig. Aber gehen wir deswegen nicht wählen oder halten uns nicht an die Verkehrsordnung (ok, bis auf diese eine lebenszeitverachtende Fußgängerampel)? Wir akzeptieren so viele Regeln, Kodexe und Gesetze in der Hoffnung und Annahme, dass alle anderen dies auch tun. So wird unser aller gemeinsames Leben erst möglich. Das nennt sich dann wohl Gesellschaft. Es sind keine großen Hebel, die ein einzelner bewegt. Sondern zig Millionen kleine, die in Summe etwas bewegen.

Wenn man ehrlich ist, haben wir bisher nur die Hebel bewegt, die leicht von der Hand gingen und dafür relativ wenig bewegen. Die Nummer mit dem Obstnetz und dem Kohleausstieg in 18 Jahren zum Beispiel (anscheinend kann man eher volljährig werden als auf Braunkohle zu verzichten – obwohl von den 160.000 Beschäftigten in der Kohleindustrie eh nur noch ca. 20.000 übrig und Bürgerkriege ausgeblieben sind;  Quelle: https://de.statista.com/)

Die Hebel, die mit Kraft, Angst, Mut, Verzicht oder Tofu verbunden sind, rühren wir erst mal noch nicht an. So warm ist es nun auch wieder nicht. Und ob dieser große, vertraute Hebel, der sich vielleicht Flugreisen, Diesel oder Hackbraten nennt, wirklich etwas bewegt, wenn ich ihn umlege, das muss mir nun wirklich erst einmal jemand beweisen. Natürlich darf man nicht in puren Aktionismus und Planlosigkeit verfallen, aber wenn es fünf – Sekunden – vor Zwölf ist, ist es vielleicht nicht der richtige Moment für einen Uhrenvergleich oder eine Grundsatzdiskussion über das Konzept „Zeit“. Die wesentlichen Fakten sind da. Denn Wissenschaftler streiten über, aber einigen sich eben auch seit Jahren auf die wichtigen Hebel, die zu bedienen sind. Dieselbe Wissenschaft, die Flugzeuge entwickelt, in die wir steigen, ohne dass wir an den physikalischen Kräften zweifeln. Dieselbe Forschung, die Technologien erfindet, denen wir mehr vertrauen als dem eigenen Verstand.

Wie bewegen wir also diese großen Hebel? Indem wir uns mit dem irgendwie unheimlichen, aber auch verkraftbaren Gedanken vertraut machen, dass es keine kleine Frühjahrsdiät ist, die wir brauchen. Sondern eine grundlegende Lebensumstellung. Wir alle, also auch du, werden in einem „neuen Normal“ irgendwann leben. Entweder in einem, in dem wir weniger reisen, konsumieren, verbrauchen, besitzen möchten, oder eben in einem, in dem wir weniger reisen, konsumieren, verbrauchen, besitzen können. Weil die Erde überstrapaziert wurde. Irreversibel. Irreparabel. Die Entscheidung wird uns irgendwann abgenommen. Nutzen wir also die Zeit, die wir noch haben, um die Entscheidung mitzugestalten. Wir das heißt du und ich. Nutze deine Zeit, die dir noch bleibt. Sie ist so endlich, wie die Ressourcen unserer Erde.

Seit 1979 hat sich viel getan auf dieser unserer Erde. Manches hat sich zum Guten gewandelt. Manches nicht. Die weltweiten Emissionen haben sich seitdem verdoppelt (Quelle: https://www.climatewatchdata.org/). Und doch hat 2020 gezeigt, dass wir viel mehr können, als wir glauben. Möge man auf uns im Jahre 2061 zurückblicken und vieles sagen, nur nicht eines: Wie dumm kann man eigentlich sein.




Karma is real.

Donald Trump Falsches Zitat Corona Infektion USA

Diese Woche begannen Menschen, an Karma zu glauben. Sie begannen daran zu glauben, dass irgendwo ein fernöstlicher Dude mit Gesichtsbehaarung und Rechenschieber auf einer Wolke sitzt und die guten und die schlechten Taten eines jeden Erdenbürgers und Eichhörnchens aufrechnet. Gerät ein jemand ins Minus durch schlechtes Verhalten, sorgt sein sauber geführtes Protokoll dafür, dass man sich aussperrt, abgelaufene Milch trinkt oder krank wird. Je nach Punktestand wird man sogar schlimm krank.

Zur Veranschaulichung der Mechanik hilft ein völlig fiktiv wirkendes Beispiel: ein Mann, der Frauen ungefragt in den Schritt greift, der sich selbst für das Managen einer Krise lobt, an der unter seiner Verantwortung 200.000 Menschen gestorben sind, der den Klimawandel für noch größeren Quatsch als sein eigenes Gerede hält, dieser Mann hat sich nun selber mit jenem Virus infiziert, den er wahlweise für Fake-News, eine chinesische Böswilligkeit oder eine maskierte Übertreibung hielt. Er liegt im Krankenhaus und Menschen halten dies für einen Ausdruck von überirdischer Gerechtigkeit. Sie trällern leise „make Rechenschieber great again“ vor sich hin und hoffen, dass ihre Milch nicht sauer wird. Denn insgeheim wissen sie, dass sie sich mit solchen Gedanken das versauen, an das sie so jungfräulich zu glauben begannen: ihr eigenes Karma. Denn die Karma-Buchhalter, die Pluspunkte verteilen, wenn man jemandem anderem etwas Schlechtes wünscht, dürften so schwer zu finden sein wie die Pluspunkte, die auf dem Rechenschieber eines Donald Trump dokumentiert sind.

Um sein eigenes Karma nicht so einem Idioten zu opfern, sollte man also all die Genugtuung, kleinen Glücksgefühle und schäbigen Gedanken runterschlucken wie saure Milch und das tun, was Donald Trump niemals tun würde: Mitleid für jemand empfinden, der krank ist, auch wenn man ihn nicht leiden kann. Möge er weniger leiden als viele der Menschen, die aufgrund seiner Fehlentscheidungen leiden mussten. Warum? Weil er bei aller Boshaftigkeit und Arschlöchrigkeit ein Lebewesen ist. In seinen eigenen Augen ein übernatürliches Lebewesen, in den Augen vieler ein unternatürliches Lebewesen, aber eben ein Lebewesen.

Also schützen wir unser eigenes Karma und denken stattdessen vielleicht einfach an Melania Trump, die neben der Bürde, ohnehin jeden Morgen in einem Fieberalbtraum neben Donald Trump aufzuwachen, nun auch noch Corona ertragen muss und sich vermutlich fragt, was mit ihrem Karma nicht stimmt.




Ausverkauftes Hallen.

Empty seat leere Ränge Konzert Semperoper Oper Besucher

Die Bilder sind ähnlich. Die Menschen stehen in Schlangen gekauert vor dem Einlass. Mühsam haben sie ein Ticket ergattert. Jeder Platz ist besetzt. Der Abend ist ausverkauft – und trotzdem leer. Bühne frei! Und der Rest irgendwie auch…

Nachdem wir monatelang unsere Tanzbeine und Klatschhände verkümmern ließen (bis auf den einen peinlichen Moment, als man das eine Glas zu viel Wein trank und die Musik zuhause aufdrehte), sehnen wir uns nach – ja, wonach eigentlich? Den Ellbogen eines Fremden in den Rippen zu spüren? Knietief im Biermorast zu stehen? Den Konzertabend an der Garderobe zu „verringen“? Den Punkt auf dem Spielfeld zu suchen, der sich Ball nennt?

Empty seat leere Ränge Stadion Besucher

Nach Monaten der digitalen Teilhabe, die schnell in reale Teilnahmslosigkeit überging, sehnt man sich nach echten Erlebnissen. Nach Eindrücken, die riechen, schmecken, laut sind, eben irgendwie menschengemacht. Mit Gefühl und so. Nicht mit Login und so. Live-Streams, Video-Banalitäten und mein Tagebuch als Podcast sind wie vegane Würste: sie können dir schmecken, wenn du gar nicht erst erwartest, dass sie wie eine richtige Wurst schmecken. Sondern wenn du eher von Raufasertapete ausgehst. Dann sind sie ok.

Und so treibt einen die Seh-, Hör, Fühllust zaghaft zurück in die Konzerträume, Opernhäuser und Sportarenen. Kontrolliert, registriert und irritiert sitzen wir in ausverkauften Hallen und lauschen dem Hallen unseres Klatschens. Dem Hüsteln des Sängers. Dem Keuchen des Spielers. Anstatt nach Bier riecht es nach hundertprozentigem Alkohol. Anstatt Mensch sieht man Sitzmöbelvariationen. Man sitzt regungslos hinter seiner Maske kauernd und wartet darauf, dass man gebeten wird zu gehen. Zu intim wirkt die ansonsten vertraute Kulisse. Zu abgezählt und auserwählt ihre Beiwohner. „Ich muss in die Generalprobe geplatzt sein.“

Empty seat leere Ränge Konzert Open Air Reeperbahnfestival Besucher

Doch dann beginnt das Spiel. Wirklich. Real und doch irgendwie surreal. Und man ertappt sich dabei, wie man auf einmal etwas spürt, was man seinen bewunderten Idolen gegenüber nie empfand: Mitleid. Nicht weil das Publikum klein ist, sondern weil der Raum, in dem es regungslos sitzt, so riesengroß. Und still. Die Größe suggeriert, dass hier viel mehr Menschen sein müssten und dass dem nicht so ist, kann ja nur an dem da auf der Bühne liegen. Man zweifelt automatisch an der Güteklasse der Spieler, Sänger und Darsteller. Nicht am Zustand der Welt. Man wähnt sich im Damensport, in der Kreisliga oder in der Nachwuchsförderung (rein auf die Besucherzahl bezogen!). Man schämt sich heimlich für die gähnende Leere, die einen unangenehm berührt, die einem ins Gesicht schreit „so viel mehr wäre möglich!“ Und gleichzeitig spürt man die Verantwortung, die auf einem lastet. Man muss klatschen und lächeln – als maximaler Ausdruck von Ekstase – für alle die, die gerne hier wären. Auch der größte Beifallsboykottierer haut wild in die Pranken, da er den Blick des Künstlers zu spüren glaubt und weiß, dass nur jeder einzelne diesen Ort mit dem füllen kann, wofür er geschaffen wurde: mit Applaus.

Doch was ist ein Konzert, ein Fußballspiel, ein Theaterstück, wenn ihm der eigentliche Resonanzraum, für den es geschaffen wurde, fehlt: das Publikum? Und seine Bewegungen, sein Mitsingen, sein Auspfeifen? Ist man nicht genau wegen dieser emotionalen Atmosphäre hierher gekommen? Wegen dieser Ansteckungsgefahr?

Doch mindestens einer ist ja immerhin da, um uns anzustecken. Spätestens wenn das Ohr diese Stimme wieder singen hört oder das Auge diese Bewegungen sieht, wenn wir die – vielleicht verzweifelte – Leidenschaft der Akteure spüren, dann wacht da in uns etwas auf, was man nicht so genau beschreiben kann. Eine Spannung, die keine Technik vermitteln kann. Eine Energie, die man zuhause auf seiner Couch nicht spürt. Ein Erlebnis, was man sehr lange Zeit nicht hatte. Einen Abend, von dem die da vorne vermutlich ebenfalls sagen werden: besser als nichts, diese Dehnübung für die Sinne, dieser Maskenball ohne Aufforderung zum Tanz, dieser Labortest mit Publikum, dieses ausverkaufte Hallen. Alles besser, als gar kein Echo.




Die Camper.

Camping Campingurlaub Campingplatz Vanlife

2020 läuft nicht. So gar nicht. 2020 rollt. Über Stock und über Stein. Und über die A1. Es rollen die Bullis, die Camper und die weißen Gefrierkombinationen mit Satellitenschüssel auf dem Dach und Gisela und Manfred hinter dem Steuer. Eingepfercht durch offensichtliche oder unsichtbare Grenzen sind sie gezwungen zum Urlaub vor der eigenen Haustüre. Selbige Haustüre packt man ein und macht sich auf den Weg in die Uckermark oder nach Usedom, um dort auf 8 qm mal so richtig auszuspannen: 2020 ist das Jahr des Camping-Urlaubs. 2020 ist aber auch das Jahr, das alles durcheinander brachte. So durcheinander wie eben ein Thailandurlauber in der Uckermark ist. Und so treffen 2020 Menschen aufeinander, die sonst fein säuberlich in getrennten Welten aneinander vorbeirollen. Es treffen Dauercamper und ihr englischer Rasen auf graspflegende Althippies und #vanlife-Enthusiasten mit Gräserallergie. Zur allgemeinen Camper-Verständigung daher hier eine Kategorisierung des fahrenden Volkes.

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Der Rentner.

Eigentlich gehört er nicht zum fahrenden Volk. Denn Bewegung versucht er im Allgemeinen zu vermeiden, bedeutet sie doch vor allem eines: etwas bewegt sich. Und dadurch ist es ja dann nicht mehr wie oder wo es war. Das wäre dann eine Veränderung. Und Veränderung ist schlecht. Wie man an den Spritpreisen und diesen Corona-Regeln ja sieht. Nein, der campende Rentner mag Beständigkeit. Daher liebt er seinen beständigen Standplatz. Umgeben von anderen standhaften Rentnern fühlt er sich bestandsgeschützt. An seinem festen Standplatz. Wehe, jemand anderes setzt einen Reifen auf seinen Platz oder kommt seinem weißen Kühlschrank auf Rädern zu nahe. Zur Sicherheit werden daher Teppiche, Zelte, Gartenzäune und mit Platzpatronen ausgestattete Gartenzwerge mittransportiert und rechtwinklig postiert. Ebenso wie das eigene Gesäß in einen Baumwollzweiteiler gesteckt und unter dem Vorzelt platziert wird. Und sich zwei Wochen lang nicht bewegt. Nichts bewegt sich – außer der Augen, die sich bewege um zu gaffen. Auf andere gaffende Rentner und eben jene Exoten, die das Jahr 2020 in sein Reich gespült hat. Er fühlt sich dabei wild und frei, dem eigenen Alltag entflohen, in dem er normalerweise im Baumwollzweiteiler hinter seinem Gartenzaun sitzt und auf parkende Autos gafft. Nein, hier genießt er das einfache Leben – auf seinen 60.000€ teuren, stillstehenden Rädern. Das Motto seines Urlaubes ist: Hauptsache wie zuhause.

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Der Aktivurlauber.

Er hat alles. Einfach alles dabei. Kanus, e-Mountainbikes, Wanderstöcke, Segelyachten und Funktionskleidung für jedes Temperaturgefälle. Auch alle Tassen hat er dabei, auch wenn er nicht alle Tassen im Schrank hat. Wie zuhause möchte er alle Optionen nur einen Kunstfaserkleidungswechsel weit weg haben. Wanderkarten, Wanderapps und Brotkrümel weisen ihm den Weg durch seinen Abenteuerurlaub. Den Winter verbrachte er damit, eine Dachhalterung für sein Kanu und eine Ladestation für seine e-Bikes an sein Wohnwagen zu bauen. Denn außer Müßiggang hält er nichts für so unnütz wie Verleihbetriebe. Nein, es muss schon das eigene Gerät sein. Einzig die Ehefrau würde er gerne mal verleihen. Oder austauschen gegen ein anderes Geräte. Aber das Motto seines Urlaubes ist nun mal: hauptsächlich Sachen wie zuhause.

Die Familie.

„Und wenn wir die Kinder einfach aussetzen?“ Da die Raststätte doch etwas sehr trostlos erschien, entschied man sich für einen Campingplatz, um sich seiner Kinder mitsamt ihrer Habseligkeiten zu entledigen. Der alte Wohnwagen der Schwiegereltern ist kaum zu erkennen unter all den Tretrollern, Bällen und Wäscheleinen voll frisch gewaschener Kinderkleidung. Die Kinder sind leider noch immer zu erkennen. An ihrem Geschrei und Gezeter – diesmal nur auf 8 statt 80 Quadratmetern. Da wird der Camper zum Schallverstärker. Aber man liebt sie eben innig. Wenn sie schlafen. Quer im Ehebett. Das Motto des Urlaubs: wie zuhause, leider.

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Die Hippies.

Man reist mit Hängematte – auf dem Kopf und hängt sich zwischen zwei Bäume. Die Wüstensafari durch Burkina Faso wurde ebenso wie das Batik-Festival aus unerfindlichen Gründen abgesagt. Alles dünnhäutige, faschistoide Bedenkenträger. Das Dachzelt auf dem Jeep spannt man dennoch auf. Und ab. Und man ernährt sich vom dem, was die Natur hergibt. Gras und Pilze. Nur den Scherz mit den Duschmarken versteht man nicht. Man ist schließlich eines der seltenen Krustentiere, dass kein Wasser braucht. Und keine Platzordnung. Das Motto des Urlaubs ist: alles wie zuhause, wenn man denn eins hätte.

Die Van-Life-Enthusiasten.

Und da sitzen dann die von Instagram angelockten Bullibesitzer, die ihr aufwendig ausgebautes Fahrzeug ihrem natürlichen Terrain zuführen wollten und vom einfachen Leben träumten. Bis sie feststellten, dass es hier kein WLAN und Flat White gibt in diesem einfachen Leben, in dem ein Rührei am Morgen nicht mehr ganz so einfach ist. Und es doch irgendwie mögen. Dieses auf einfache Dinge beschränkte Leben. Dieses Leben, in dem man dem Bus morgens nicht mehr hinterher rennt, weil man ihn ja selbst steuert. Dieses Leben, in dem man das Treiben der Menschen statt die Bewegungen auf dem Handy beobachtet. Dieses Leben, auf absoluter Enge, das einem das Gefühl von Freiheit und Raum gibt. Dieses Leben mit so wenig, das einem so viel gibt. Das Motto des Urlaubs: wie, was, wo war noch mal zuhause?

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Schubladen voll Generationen.

Silvester Frohes Neues Dinner for One 2020 Corona

1986 ist ein guter Jahrgang. Ein ganz feiner Tropfen. Nicht zuletzt dank leichter Spuren radioaktiver Durchseuchung strahlt dieser Jahrgang vor Optimismus und Brillianz. Gereift in einer Zeit des Überflusses, leichten Übergewichts und Überangebots an Videospielen und Spielkameraden bewegt er sich mit souveräner Selbstzweifelei und orientierungsloser Zielstrebigkeit durch dieses krisenerschütterte Paradies unseres modernen Lebens. Er tanzt auf den Trümmern gefallener Mauer und eingestürzter Hochhäuser. Reist durch wirkliche und virtuelle Welten gleichermaßen souverän. Und besucht Oma in Pinneberg an ihrem Geburtstag. Er hat Muffins mitgebracht, Oma hat Frankfurter Kranz gebacken. Oder so. War das doch das mit der Generation Y.

Ach, was Y-s ich denn.

Quälte man sich in der Schule noch mit dem Auswendiglernen irgendwelcher Epochen und ihrer epochalen Datumsgrenzen und Folklore, so befasst man sich heute anscheinend nur noch mit Mini-Ären: die Rede ist nicht von ganz, ganz kleinen Millionären sondern von Generationen. Sehr viel Gerede. Jedes X-beliebige Verhalten wird von B wie Baby Boomer bis Z wie Smartphone versucht, irgendeiner Alterskohorte zuzuschieben. Und mit jeder Eigenschaft schiebt sie sich weiter zu, die Schublade, in der wir alle stecken. Die eine Generation will nur, dass alles so bleibt wie es ist, die andere das WLAN-Passwort. Die nächste sucht den Sinn, die andere den Schlüssel zu ihrem inzwischen in die Jahre gekommenen Golf. Die eine raucht Gras seit exakt 52 Jahren, die andere pflegt den Rasen vor der verklinkerten Doppelhaushälfte. Die eine lebt mit einem Gartenzwerg in ihrer Schublade, die andere mit Online-Konzern-Riesen. Was sie in ihrer Schublade vereint, sind prägende Ereignisse, die ihr Leben in Bahnen lenkten, und statistische Ergebnisse, die ihr Leben beschreiben und in eine Schublade stopfen lässt. Kniefall, Mauerfall, Atomunfall. Irgendetwas passiert in einer Phase, in der wir schon denken und handeln, aber noch nicht immer gleich denken und handeln. Es hinterlässt einen gemeinsamen Fußabdruck im Gedächtnis einer Generation und bestimmt ihren weiteren Weg. Der eigene Weg ist individuell und doch sind die auf ihm gesetzten Wegweiser kollektiv.

So der Gedanke, der seit Generationen weitergeben wird. Ein Gedanke, der zu unserem immer wieder putzigen Bestreben passt,  diese bunte, widersprüchliche, verdammt anstrengende Welt irgendwie zu begreifen und zu ordnen. Das Leben ist nun mal eines der härtesten. Da hilft man sich gerne dabei, indem man Oma und Enkel in sauber beschriftete und beschriebene Fächer stopft – um ohne viel Aufwand zu verstehen, warum Oma jedes Mal diese fettige, aufwändige Buttertorte backt, die wie Zement im Magen liegt, und warum das Enkelkind jedes Mal diese grotesken, in Papiertütchen steckenden Zementkugeln aus Schokolade mitbringt und das für einen Ausdruck von Wertschätzung hält. Doch was sagt unser Geburtstagsjahr am Ende wirklich über uns aus? Zementiert das Denken in Generationen am Ende nicht die Klischees, derer wir uns so gerne bedienen, wie die Generation X Statussymbole anhäuft und Generation Z Sprachnachrichten verschickt? Entstehen durch das Denken in Generationen nicht tiefe Gräben, über die wir dann wieder mühsam Brücken bauen? Die Baby Boomer haben den Klimawandel verpennt, aber wir schlafen einmal drüber und verzeihen ihnen großherzig, während wir im Flieger nach Bali dösen. Die Generation Z ist eben immer online, aber warum antworten sie nicht direkt auf meine Nachricht, obwohl ich die blauen Häckchen doch sehe, verdammt! Wer gewinnt damals und morgen bei diesem Alt gegen Jung? Bei diesem Schubladenkampf, bei dem am Ende nur alle einen an der Schachtel haben?

Jedem, der den Schellenaffen regelmäßig – bis ganz unten – liest, dürfte mindestens ein Babyboomer bekannt sein, der die sozialen Medien mehr liebt als die sozial konforme Balkonbepflanzung. Jeder, der den Schellenaffen regelmäßig – bis ganz unten – liest, dürfte mindestens eine kommunikative, mitteilsame, offene, interessierte Person der „Generation Silent“ kennen. Jeder, den Schellenaffen regelmäßig – bis ganz unten – liest, kennt mindestens einen Ypsiloner, der nicht bei Amazon angemeldet ist und trotzdem abends einschlafen kann. Und der morgens wieder aufwacht, in seiner zugigen, klapprigen Schublade, und davon träumt,  in eine Kiste der Socken-Hasser, Bier-Kenner, Wäscheklammern-Verweigerer und Dackel-Liebhaber gesteckt zu werden. In diesem Verhalten irgendein Muster zu erkennen sei dann wohl den zukünftigen Generationen überlassen. Den Generationen Ä, Ö und Ü.




Nur Augen für dich.

Organspendeausweis Organspende

Wenn man so drüber nachdenkt, ist es wirklich ein Wunder. Da bewegt sich ein Muskel ein ganzes Leben lang ohne unser Zutun. Wir können noch so viel anspannen, die Luft anhalten, trainieren, Proteinshakes trinken oder darüber sinnieren, der Muskel verrichtet seine Arbeit von ganz alleine. Wir können ihn ein bisschen aus dem eingespielten Takt bringen, indem wir uns anstrengen oder ruhiger atmen. Aber bald findet der Muskel wieder seinen eigenen Arbeitsrhythmus. Und arbeitet vor sich hin. Bis er irgendwann nicht mehr kann. Irgendwann ist er müde von der vielen Arbeit. Erschöpft von seinem arbeitsreichen Leben.

Irgendwann stirbt unser Herz. Und wir mit ihm.

Wie ein Handy ohne Akku, sind wir ohne unser Herz ziemlich nutzlos. Keinen Schritt können wir gehen, keinen Atemzug mehr nehmen. Ein Glück, ein Wunder, dass wir uns gegenseitig haben. Doch das größere Wunder ist eigentlich, dass unser Herz nicht wirklich stirbt, wenn wir sterben. Dass es uns nicht wirklich braucht. Unser Herz kann auch in einer anderen Brust weiterarbeiten, weiterschlagen, weiterleben. Es ist quasi der Akku, der herstellerunabhängig funktioniert. Der Arbeitskollege, der bei allen Anschluss findet.

Doch bekommt dieses Wunderwesen nur sehr selten die Chance, sich ein zweites Mal, ein zweites Leben lang zu beweisen. Seinen Dienst jemand anderem anzubieten, in der Hoffnung, dass die beiden schon miteinander klar kommen werden. In Deutschland bekam 2019 344-mal ein Herz die Chance, die Verantwortung, für ein zweites Leben zu leben (Quelle: https://www.dso.de/organspende/statistiken-berichte/organspende).

Ob das viel oder wenig, gut oder schlecht, besser als nichts oder mehr als genug, immerhin etwas oder ein Fortschritt ist, sei dahin gestellt. Jeder hat seine persönlichen Gedanken und Körperreaktionen bei der Vorstellung, dass man „ausgeweidet“ wird, dass man am Ende jemandem noch mal einen ziemlich großen Gefallen tun kann oder dass man im Himmel dann plötzlich ohne Herz erwachen könnte. Die Frage, ob man selbst möchte, dass das eigene Herz, die strapazierte Leber, die strahlenden Augen länger leben sollen als man selbst, ist eine der persönlichsten Fragen, die man mit sich ausmachen kann. Nein, muss. Denn wenn ich mir darüber keine Gedanken mache, müssen es irgendwann Menschen für mich machen, Menschen, die mich ein Leben lang geliebt haben und es noch immer tun. In einem Moment größter Erschütterung, Trauer, Überforderung müssen sie die Fragen beantworten: Hätte sie/er das gewollt? Um diesen grauenvollen Konjunktiv aus diesen Sätzen zu nehmen, gibt es in unserem wunderbaren Land, das Kehrwochen und Nacktheit im Straßenverkehr (also im echten) reguliert, ein einfaches Mittel. Ein Stück Pappe im Portmonee, auf dem man „nein/ja/bitte nicht die Augen/die Leber hat Gebrauchsspuren“ ankreuzen kann. Und die Frage ist geklärt. Eindeutig.

Organspendeausweis Organspende

Dieses Ja-Nein tragen 39% unserer Bevölkerung mit sich herum (Quelle: https://www.organspende-info.de/zahlen-und-fakten/einstellungen-und-wissen.html). Der Rest trägt ein großes Fragezeichen auf seinen Schultern und Organen. Warum? Das Thema hat mit unserem Ende zu tun. Mit dem Sterben und unserer Endlichkeit. Über den Tod denkt man nun wirklich nicht gerne nach. Dieses kleine Detail ignoriert man gerne, als sei es nur ein gruseliges Gerücht, diese ganze Sache mit dem Sterben und so.

Dabei geht es beim Thema Organspende eigentlich genau um das Gegenteil vom Sterben: dem Tod ein Leben geben. Weiterleben ermöglichen. Weiterleben für einen Menschen, der geliebt wird, der Leben möchte und mit viel Glück weiterleben könnte. Dieser geliebte Mensch kann irgendwann der eigene Lieblingsmensch sein. Würde man da nicht verrückt werden, wenn man wüsste, dass viele Menschen vielleicht nichts gegen die Spende eines rettenden Organs gehabt hätten, aber einfach mit einem leeren Portmonee, mit einem Fragezeichen über dem Kopf gestorben sind?

Es stand zur Debatte, ob jeder automatisch ein „Ja“ bekommen soll, es sei denn, er widerspricht aktiv, um alle dazu zu bewegen, ihre Bedenken und Sorgen aktiv zu äußern anstatt die Unentschlossenheit und Bequemlichkeit sprechen zu lassen. Es kam anders (Widerspruchsregelung im Bundestag abgelehnt). Was bedeutet: solange man ihn noch bewegen kann, sollte man einfach seinen Hintern hoch kriegen und diesen Zettel ausfüllen, der deutlich einfacher zu „organ-isieren“ ist als die Erstattung eines Bahntickets. Das eigene Herz schlägt dabei vielleicht etwas schneller, aber beruhigt sich dann auch schnell wieder. Versprochen.

(Hier kann der Organspendeausweis beantragt oder selbst direkt ausgedruckt werden – am besten an die Lieblingsmenschen direkt weiterleiten: https://www.bzga.de/infomaterialien/organspende/ )




Auf einmal.

Marmeladenbrot Intervallfasten Trendthemen Brot Marmelade

Auf einmal reden alle davon. Nicht von dem einen, von dem jeder redet und über das eigentlich schon seit Monaten niemand mehr sprechen möchte, es aber dennoch tut, weil man über nichts anderes mehr redet. Nein, die Rede ist von den anderen Dingen, über die auf einmal jeder redet, wenn es einmal nicht um das eine geht. Zum Beispiel redet man über das Intervallfasten. Geredet darüber wird derzeit viel. Machen tut es vermutlich kaum jemand. Außer darüber eben darüber reden, dass man im Grunde gesagt, einfach nicht mehr frühstückt. Das macht man. Auf einmal. Anstatt auf Kohlenhydrate, Proteine, Basilikum, Diäten – oder was auch immer der vorherige, garantierte Abnehmtipp war – zu verzichten, verzichtet man auf Marmeladenbrote. Und verzichtet nicht darauf, jedem davon zu erzählen. In immer wiederkehrenden Intervallen. Mit unterschiedlichen Menschen. Zu unterschiedlichen Zeiten. Nur nicht zum Frühstück redet man darüber, denn das isst man ja nicht mehr.

Oder man redet über ETFs. Anstatt über Riester-Renten („Ha, guter, alter Witz“) oder Eigentumswohnung („Pah, die Immobilienblase..“) redet man über ETFs. Ohne zu wissen, was es eigentlich ist, dies etfwas. Aber da jeder davon redet, muss es der Hit sein. So wie damals die Hitcoins, äh Bitcoins. Die verstand zwar niemand (war ja auch sehr kryptisch), aber die wollte auch jeder haben, bis er sie hatte und nicht wusste, was er damit machen sollte. Jedenfalls, ETFs muss man einfach haben, jetzt. Ansonsten droht Altersarmut, jetzt, zumal man viel Geld in Kryptowährungen gesteckt hat und nicht weiß, ob das Geld noch da ist. Am liebsten würde man seine Bitcoins in ETFs investieren, aber das kann man nicht. Genauso wenig, wie man auf Marmeladenbrote verzichten kann. Aber darüber redet man besser nicht. Jetzt.

Stattdessen macht man einen Baristakurs. Wegen die Umwelt und so. Denn man hat genug von der Nespressomaschine, mit der man jahrelang Geld aufgebrüht hat. What else. Das ist nicht gut für die Umwelt des eigenen Portmonees. Bei aller Durchlässigkeit erinnert man sich dann noch daran, dass Filterkaffee auch dann noch nicht schmeckt, wenn ihn der volltätowierte, bärtige Webdesigner vierundzwanzig Stunden durch einen Filter tropfen lässt und dann für vierundzwanzig Euro kalt verkauft. Pro Schluck. Und so redet man warmherzig nun über Siebträger. Denn der Siebträger im eigenen Kopf ist so vergesslich, dass er vergessen hat, wie man Kaffee kocht. Dabei weiß das doch eigentlich jeder Praktikant. Aber jetzt nicht mehr. Denn mit Wasserdruck umgehen, will gelernt sein. Mit dem Kurszertifitakt kriegt man in diesen schwierigen Zeiten wenigstens noch einen Praktikumsplatz, wenn alle Siebe reißen. Wobei wir auch beim Thema wären: nichts wird so heiß getrunken, wie es warm geredet wird.

Ach warm, diese Hitze! Unerträglich. Darum reden wir darüber jeden Sommer. Erneut. Wie warm es ist und dass die Sonne scheint. Auf einmal. Wir reden über diese ganze heiße Luft. Auch dann noch, wenn wir wieder frühstücken, in MFGs investieren und Tee trinken. Und darüber reden. Als sei es etwas Besonderes. Auf einmal. Aber auf einmal heißt eben: einmal. Und dann nie wieder. Alles irgendwie ein bisschen Marmelade.




Es war einmal.

Geschichten Erzähler Bibel Buch

Ein uneheliches Kind kommt zur Welt. Manche halten den Jungen für Gottes Sohn. Andere glauben ihm nicht. Das ist bis heute so.

Diese Geschichte kann man so erzählen. Oder sie über 27 Bücher und zahlreiche Erzählungen hinweg mit Details ausschmücken. Sie anhand von Anekdoten und Erlebnissen beschreiben. Personen benennen, deren Lebensinhalt darin besteht, über die Narration zu wachen. Ehrentag ausrufen, um sich diese Geschichte immer wieder gegenseitig zu erzählen. Die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu Christi.

Geschichten Erzähler Bibel Buch

So oder so ähnlich vermögen es manche Menschen, ihren Urlaubsbericht, nächtlichen Traum oder Einkaufszettel ausschmückend vorzutragen. Sie nehmen den Zuhörer mit auf eine Reise. Eine Reise, die manchmal länger, farbenfroher und verwegener als das „echte“ Erlebnis erscheint. Die fantasievoller ist als jeder Traum. Die sinnlicher ist als jeder Obststand. Sie durchreisen ihre Reisen mehrfach. In ihren Erzählungen. In den Erinnerungen, die sie teilen. Und damit am Leben erhalten. Sie machen aus einer Mücke keinen Elefanten, aber mindestens einen grauen Schwarm, der sie mit dem Leben bedrohte. Sie kennen keine Ein-Wort-Sätze. Sie müssen keine Abenteuer erleben, um abenteuerlich zu erzählen. Sie berichten mit allen Sinnen, nicht mit Fakten. Sie sind Geschichtenerzähler. Und damit Meister einer Kunst.

Sie haben keine Zeit sich kurzzufassen, diese Erzähler des Lebens. 

Und doch sind sie nichts ohne ihre Zuhörer. Ohne ihre ganz persönliche Bühne, die sie in einem Wartezimmer, auf einem Bahnsteig oder in einem Telefonanruf aufbauen können. Sie sind verloren ohne ihr privates Publikum, das die meisten Fragen im Leben vielleicht mit „Gut, danke. Und selbst?“ beantwortet. Dem zu viele Details anmaßend, zu wenig Präzision ausschweifend erscheint. Zuhörer, die niemandem mit banalen Geschichten die Zeit stehlen möchten. Und wen es tatsächlich interessiert, was man im Urlaub gegessen hat, der kann ja nachfragen. Scholle. Gut, danke. Und selbst? Wer präzise fragt, kriegt präzise Antworten. Doch erzählen Antworten eine Geschichte? Zur Geschichte wird die Scholle erst, wenn man den Fluss, in dem sie lebte, den Fischer, der sie fing, den Koch, der sie zubereitete und den Genuss, den sie bereitet, hinzufügt. Wenn man der toten Begegnung Leben einhaucht. Durch den Atmen eines Erzählers. Wir schreiben alle unsere Geschichten, doch erzählen können sie/wir nur manche.

Und so gliedern wir uns ein bisschen auf mit jeder unserer Geschichten – in diejenigen, die sie beschreiben und diejenigen, die den Beschreibungen zuhören. In diejenigen, die Geschichten erzählen. Und diejenigen, die Fakten austauschen. In diejenigen, die auf dem Punkt leben, auf den die anderen nie kommen werden. So war es einmal. Und so wird es immer sein.




Kopfsalat, kreativ angemacht.

kreativ Kreativität Kunst Ideen

Ein Wolf, der die eigene Großmutter verspeist. Ein „dü-dü-düdü-düm“, das jedes Ohr kennt. Ein für die Ewigkeit gemaltes Bild, auf dem die Zeit verrinnt. Ein überheblicher Präsident, der die Pläne seines Widersachers für gut befindet, weil es ja die eigenen Ideen seien, die dieser geklaut habe. Ein Sketch, im Laufe dessen eine Nudel das Gesicht des Gegenübers durchläuft. Ein Parlamentsgebäude, das in Stoff gehüllt wird. Ein Zwerg mit haarigen Füßen, der einen goldenen Ring in ein großes Feuer wirft, um, äh, ja, warum eigentlich noch mal? Eine Kugel Eis, die die Geschmacksrichtung „Gurke“ (er)trägt.

Wie kommt man auf solche Ideen?

Eine Frage, auf die es keine noch so kreative Antwort gibt, auch wenn die Antwort vermutlich „Kreativität“ ist. Allein dieser Satz ist eine verworrene, abstruse, vielleicht kreative Zumutung. Der eine mag ihn irrwitzig, der andere irrsinnig, wieder jemand anders irre langweilig finden, diesen Satz. Doch am Ende dieses Satzes bleibt die Frage: was ist Kreativität? Ist Kreativität das, was unserem Scheppern im Kopf eine Melodie gibt? Das, was unsere Erfahrungen und Eindrücke zu neuen Erfahrungen und Eindrücken werden lässt – und damit unserem monotonen Takt des Lebens Leben verleiht? So wie Loriot eine Nudel in einem Gesicht sah, so sehen wir Turnübungen einer Pastavariation im Fernsehen. So wie Monet Seerosen sah, so sehen wir Monets Seerosen. Und sie lösen etwas in uns aus. Neue Gedanken, neue Assoziationen, neue Ideen.

Wir bewundern „kreative Menschen“. So kreativ ich selber bin, so sehr bin ich meist maßlos beeindruckt von farbenfrohen Bildern, die andere zeichnen – sei es im Auge oder im Kopf. Beeindruckt von unvorhersehbaren Anfängen und plötzlichem Ende. Von neuen Gerüchen und neuinterpretierten Klängen. Wie kann man das nur können? Dabei werde ich selbst oft gefragt, warum ich das kann. Woher ich meine Ideen nehme. Hier ist nun die Antwort: jeden Sonntagnachmittag werfe eine kleine, gelbe Pille in der Form eines Geistesblitzes ein, woraufhin ich mir eine Flasche Löwenzahnwasser aufmache und beginne, auf einer vollgeschmierten Kreidetafel ein wahnsinnig kompliziertes Berechnungsmodell für kreative Flugbahnen zu erstellen, an dessen Landepunkt ich bei der Firma Vorwerk „Idee, Größe: 42 mit Tiefgang, Farbe: schillernd bis magnatopinktiell, Zustand: neu“ durch den Wink mit einem aus verwaisten Taubennestern, die ich auf meiner Fensterbank sammele, gebauten Zauberstab in meinen Warenkorb lege und hoffe, dass die Idee bis Montag 00:00 Uhr geliefert wird. So oder so ähnlich.

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Kreativität ist ein Nest. Und zugleich einer der wenigen Räume unseres Lebens, den man nicht kontrollieren oder steuern kann. Ein Raum, der kein universelles gut oder schlecht kennt. Kreativität ist oft weniger ein Nachdenken denn ein Abwarten. Ein Warten darauf, dass ein Wort, ein Bild, ein Gedanke in den Sinn kommt. Warten darauf, dass die Melodie des Schepperns einsetzt. Warten darauf, dass die Hand den Pinsel über die Leinwand bewegt. Dass der Fuß einen unerwarteten Pass spielt. Dass der Mund eine schlagfertige Antwort formuliert. Dass der Gaumen das richtige Gewürz ersinnt. Woher diese Dinge kommen, die keinem Schema folgen? Sie folgen irgendeiner Form der Stimulation, die eben nicht einer mathematischen Gleichung oder wissenschaftlichen Berechnung folgt. Und das ist das Schöne daran. Jeder wird anders stimuliert und macht daraus wiederum etwas anderes. Jeder ist kreativ. Auf seine Weise. Gibt man verschiedenen Gruppen eine Aufgabe und viele Möglichkeiten, macht jede Gruppe garantiert etwas ganz Anderes daraus. Die eine malt, die andere reimt. Wieder eine andere erkennt die kreative Möglichkeit, eine Pause zu machen. Keine Gruppe wird zu dem gleichen „Ergebnis“ kommen.

Und so stelle ich mir unseren Kopf vor, wie eine Scheune, die uns allen gegeben wird. Aus der Scheune macht der eine einen Kuhstall, der andere ein Café, der nächste ein Zentrum zur Spinnentherapie. Wieder jemand anders errichtet eine Fabrik zur Herstellung von Löwenzahnwasser. Oder reißt die Scheune ab und baut sich aus dem Holz ein Baumhaus, das er in Stoff kleidet, um Touristen anzulocken. Unserer Kreativität sind in der Tat selten Grenzen gesetzt. Der Beweis dieser These dürfte sich im Übrigen erneut in den Kommentaren zu diesem B-B-Beitrag finden.

Und doch frage ich mich regelmäßig: was ist, wenn alle Ideen irgendwann erdacht sind? Wenn es keine neue Musik mehr gibt, weil alle Notenkombinationen gespielt? Wenn es keine neuen Gerichte mehr gibt, weil alles, was die Erde hergibt, zusammengekocht wurde? Wenn mir einfach nichts Neues mehr einfällt? Dann setze ich auf die nach der Kreativität zweitschönste Eigenschaft der Menschheit: die Vergesslichkeit.




Zum Heulen.

heul doch weinen tränen

Rohe Zwiebeln verheißen selten etwas Gutes. Sie riechen, als habe man die Fußballtrikots der B-Jugend seit einem Monat nicht gewaschen. Sie hinterlassenen einen Geschmack und Aroma im Mund, der höchstens in der Hundeschule auf Zuneigung stößt. Und sie bringen sogar erwachsene Männer zum bitterlichen Weinen. Rohe Zwiebeln kennen kein Entrinnen.

Steht jemand mit von Knollen verquollenen Augen vor uns, erschrickt man sich für einen kurzen Moment und fragt, ob alles in Ordnung ist. Denn das öffentliche, unkontrollierte Weinen von Erwachsenen ist schließlich nicht in Ordnung. Heul doch – bitte zuhause. Kinder weinen. Fußballweltmeister dürfen sich mit Tränen in den Augen liegen. Und labile Weiber in Filmen von Nicolas Sparks das süße Popcorn versalzen. Aber darüber hinaus haben es Tränen in unseren Gesellschaften schwer. Wer weint, gilt als schwach und unangenehm für alle Beteiligten.  Heulsusen und Waschlappen werden keine Regierungspräsidenten oder Klassensprecher. Wer nah am Wasser gebaut ist, hat es manchmal schwerer, in der ersten Reihe zu wohnen.

Dabei sind Tränen so vielschichtig wie Zwiebeln. Eine einzige körperliche Reaktion kann so viele seelische Auslöser haben. Die Frustration über den verpassten Bus an einem gestressten Tag. Die Tränen des Schmerzes und des Glücks bei der Geburt eines Kindes. Die Rührung über einen Überraschungsgast. Das Gefühl der Vollkommenheit, wenn man in türkis, funkelndem Meer von einem Schwarm Fische umkreist wird. Die unendlich dunkle Traurigkeit über den Verlust eines Menschen. Das alberne, unkontrollierte Lachen über „Furze, wenn dich Leute umarmen! Das gibt ihnen das Gefühl, stark zu sein.“ Ob Sieger oder Verlierer, Glückspilz oder Pechvogel, heulen tun oft beide. Wir weinen sogar, wenn uns selber nichts geschieht und wir nur in Filmen, Büchern oder Gesprächen erfahren, was jemandem anderen  widerfährt. Wir weinen für andere prophylaktisch mit. Einfach als Absicherung, falls ihre eigenen Tränen nicht ausreichen sollten. Wie eine Art Bewässerungsanlage für trockene Augen.

Doch wie oft weinen wir im Leben? Und wie oft versuchen wir hingegen Tränen herunter zu schlucken? Dabei sind Tränen vielleicht weniger ein Ausdruck von Schwäche als ein Ausdruck starker Emotionalität und Menschlichkeit. Denn Krokodilstränen weint am Ende nur der Mensch.  Sie sind Ausdruck davon, dass man den Mut besitzt, seinen Gefühlen Ausdruck und Ausfluss zu verleihen. Davon, dass man so viel Empathie empfinden kann, dass man den Schmerz oder das Glück anderer Menschen nachempfinden kann. Dass man in der Springflut der Sinne nicht ertrinken muss, sondern sich von ihr treiben lassen kann.

Tränen sind das Salz in der Suppe – das dem Leben eine gewisse Würze verleiht. Also: heul doch.