Ausgesorgt.

Man möge sich vorstellen, Deutschland wäre Italien. Wenn wir nicht gerade Pizzen mit Sauerbraten belegen, Audis in der Größe und Farbe einer Dose Tomaten produzieren und Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger aneinander gedrückt ausdrucksvoll an die Stirn führen würden, dann würden wir an diesem sonnigen Wochenende vermutliches eines tun: in Autokorsos durch die Straßen fahren und unserer Freunde durch das wiederholte Betätigen eines akustischen Signalgebers Ausdruck verleihen. Wir würden ein krisenresistentes Gesundheitssystem, einen soliden Staatshaushalt und vernünftig agierende Politiker behupen und bejubeln, „fantastico!“ Wir würden Laternenpfähle umarmen, weil wir nicht wüssten, wohin mit all unserer elektrisierenden Liebe und strahlenden Emotionalität.
Doch wir sind nicht Italien. Wir sind Deutschland, das Land der sachlichen Feststellungen und Schwimmverbote für Abwasserkanäle. Das Land, in dem die Frage „Wie gehts“ mit einem lebensbejahenden „Muss ja“ beantwortet wird. Das Land, in dem das Glas nicht nur halb leer ist, sondern morgen sicher ganz leer, verkalkt, rissig und abgestanden. Wenn es uns nicht eh irgendjemand vorher schon wegnimmt. Deutschland scheint nicht an Dänemark zu grenzen, sondern an Dantes Höllenkreise. Denn irgendwas ist ja immer. Sei es die Lockerungen zu spät, die zweite Welle zu gewiss, der Sommer zu trocken, die Windräder zu laut, die Erdbeeren zu teuer und die RTL-Moderatoren zu billig.
Das Glas ist immer halb voll – mit Sorgen. Voll mit Sorgen, darüber, dass uns jemand das nimmt, worüber wir uns so viele Sorgen machen. Und dann hätten wir ja nichts mehr, worüber wir uns Sorgen machen könnten. Doch vor lauter Sorgen darüber, etwas zu verlieren, wachsen wir langsam aus den Rollschuhen heraus, die mit weißen Rollen noch immer in unserem Schrank stehen. Wir haben Angst unpünktlich zu sein – und verpassen doch alles. Und so sind das, was in Deutschland laut ist, türkische Hochzeiten und italienische Siege bei irgendwelchen Ballsportereignissen.
Dabei beneidet uns vermutlich ein Großteil der Erdbevölkerung um den Zustand des Landes, in dem wir leben. Und was machen wir? Wir machen uns Sorgen, was sonst. Sorgen, um die Kosten leerer Krankenhausbetten, die Länge der Sommerferien und die Wahrscheinlichkeit eines bayrischen Kanzlers. Denn „Vorsorge“ ist schließlich alles.
Dabei ist Sorge doch eigentlich Angst vor Problemen, die man nicht hat. Ganz so, als würde man sich über sein neues privates Langstreckenflugzeug freuen, nur weil man einen Lottoschein ausgefüllt hat, sorgen wir uns um Dinge, die vermutlich niemals eintreten werden. Was hält uns – abgesehen von unserem mürrischen Erbgut und den gerunzelten Stirnfalten – also davon ab, ein bisschen weniger sorgenvoll auf das zu blicken, was man gemeinhin irdisches Dasein nennt? Nur weil man Dinge auf sich zukommen lässt, ist man schließlich nicht direkt gleichgültig. Nur weil man nicht vom Schlechtesten ausgeht, ist man nicht peinlich naiv. Nur weil man sich über etwas Schönes freut, wird man nicht direkt mit einem Meteoritenschauer im eigenen Vorgarten oder einer Pandemie apokalyptischen Ausmaßes gestraft. Man bekommt höchstens ein paar Lachfalten und steckt andere damit an. Mit Zuversicht, Gelassenheit und Dankbarkeit hat man doch eigentlich ganz gut ausgesorgt.
Ob es der Dalai Lama oder der eigene Menschenverstand erdacht hat, sei dahingestellt, aber eine sehr einfache und doch tiefgründige Weisheit könnte helfen auf dem Weg der Erleichterung: „Kannst du die Dinge ändern, dann mach dir keine Sorgen. Kannst du die Dinge nicht ändern, dann mach dir keine Sorgen.“ Merkste selber, ne?

















