Affenzirkus.

Affenzirkus Notfallhirn Grips forte

Man kennt das. Etwas Schlimmes passiert und Blumen und Kerzen werden niedergelegt. Der Spendenaufruf läuft. Eine Trauerfeier für die Opfer wird abgehalten. Irgendjemand hält eine Rede, in der er nach Worten und einem Schuldigen sucht. Alles als Ausdruck von Anteilnahme. Von Betroffenheit. Von Empathie. Für Affen. Für Affen aus dem Zoo: In Krefeld brennt das Affenhaus nieder und die menschlichen Affen trauern. Sie trauern, um die niedlichen Tiere, die sie ein Leben lang in wenigen Quadratmetern gefangen halten, um sie einmal im Jahr begaffen zu können. Wenn diese Kreaturen – sicher sehr qual- und grauenvoll – verbrennen, leidet man mit ihnen. Wenn sie in ihren Käfigen weiterleben, nicht. Mit Verlaub, das ist irgendwie affiges Verhalten. So affig, dass sich der Affe mit den Schellen gegen den Kopf hauen möchte und sich fragt: Ist es nicht eigentlich ebenso schlimm, in einem Käfig zu leben wie in ihm zu verbrennen?

Affenzirkus Affe Fellmantel

Aber dieses affige Verhalten ist gleichzeitig nur menschlich. Zum einen suchen wir das Andersartige. Das Besondere interessiert und die Dramen faszinieren uns. Die Tausende von Affen, die in Zoos leben und sich vielleicht etwas anderes als ein All-Inclusive-Leben in der zugigen deutschen Provinz wünschen würden, sind banaler Alltag. Aber wenn 21 Affen verbrennen, weil irgendjemand seinen guten Neujahrswünschen einheizen musste, eher er sie gen Himmel steigen ließ, dann sind das schockierende Nachrichten und Bilder, die uns wirklich erreichen. Notre Dame muss erst lichterloh brennen, ehe Menschen beginnen, in Denkmalpflege zu investieren (Investitionen in Denk-mal-nach-Pflege scheinen ohnehin spärlich zu sein). Erst mussten unsere Sommer heiß werden und Freibäder der Wurstauslage an der Frischetheke zu ähneln beginnen, ehe uns diese ganze Sache mit dem Klimawandel zu dämmern begann. Wäre der Eisbär auf seiner immer kleiner werdenden Scholle auf der Elbe an uns vorbei getrieben, hätten wir vermutlich eher begonnen zu begreifen. Die Medien befeuern diese Nachfrage nur zu gerne mit glühenden, nachbarschaftlichen Bonmots.

Zum anderen fehlt uns, der Spezies, die sich neun Episoden Star Wars ausdenkt und Pizza-Scheren erfindet, mitunter die Vorstellungskraft für alles, was sich nur ein bisschen weiter entfernt von dem Käfig, in dem wir selbst leben, zuträgt. Wenn derzeit Hunderte von Affen und Millionen anderer Tiere in den unbekannten, fernen Wäldern Australiens verbrennen, dann ist das eben 16.000km weit entfernt von unserer alltäglichen Vorstellungskraft. Brennen Affen, die womöglich auch noch von deutschen Steuergeldern durchgefüttert werden, ist das greif- und damit vorstellbar. Uns fehlt Grips für so etwas, wie den Klimawandel (und dessen direkter Verbindung zu unserem alltäglichen Verhalten). Oder dafür, dass Dinge in fernen Ländern geschehen, die Menschen ihre Kinder alleine auf eine lebensgefährliche Fluchtreise schicken lassen. Dafür, wie es ist, in einem Zelt in Griechenland zu erfrieren. Griechenland kennen wir schließlich nur als warm und gastfreundlich. So schlimm kann das schon nicht sein da auf Lesbos, denkt sich der tapfere Pfadfinder in uns. Und das bisschen Buschbrände kann man ja wohl auch noch irgendwie löschen. Eine Fläche so groß wie Belgien ist ja wirklich überschaubar. Hier in unserem Land, in dem wir für Affen Häuser bauen, ist jedenfalls kein Platz mehr für fremdländische Menschen und ferne Dramen.

Zum neuen Jahr wünscht sich ausgerechnet der Schellenaffe daher vor allem eins: ein bisschen weniger Affenzirkus. Und etwas mehr menschliche Akrobatik.




Hohoho statt mimimi – Nachhilfe in Sachen Dankbarkeit.

Heul doch Aufkleber Weinerlichkeit

Ach Weihnachten, du bist ist diese schöne Zeit der Besinnlichkeit, der Ein- und Heimkehr, des Friedens und der…blabla. Das klingt ja alles ganz rührselig und gut gemeint. Aber für viele Menschen scheint Weihnachten ein Fest der Völlerei, Hektik und Frustration zu sein. Die Geschäfte sind so voll wie die Autobahnen. Die Gänsepreise sind gen Himmel geflogen. Die Geschenke sind weder erdacht noch besorgt. Originell schon gar nicht. Der Glühwein ist zwar ganz belebend, aber überall diese lebenden Menschen. Und dann noch dieses windschiefe Gerippe im Wohnzimmer, das mehr Nadeln verliert, als der spirrige, eigene Partner noch Haare auf dem Kopf hat.

Besonders an Weihnachten scheinen die Erwartung an unsere Realität und die Realität selbst so weit auseinander zu klaffen, dass wir nur noch gestresst und jammernd in ihren Abgrund gaffen. Und so wird besonders an Weihnachten deutlich, wie leicht man sich mit Banalitäten aufhalten und an ihnen wundweinen kann. So wird besonders an Weihnachten deutlich, wie schnell man den Blick für das Wesentliche verlieren kann. Wie schnell man es sich in der Blase der eigenen Problemchen und Sorgen wohlig einrichtet und denkt „Ja, ich habs wirklich nicht leicht im Leben.“ Schließlich zwickt auch noch die Achillesferse und der nächste Männerschnupfen kommt bestimmt.

Dass das ziemliche Geistesschwäche ist, wissen wir. Aber das mit der Zufriedenheit, die ja am Ende nur ein Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber der eigenen Lebenslage ist, ist so eine Sache. Man wäre ja dankbarer im Allgemeinen, wenn da nicht Donald Trump und dieser hässliche Kater wären, die gleichermaßen auf alle Nachbargrundstücke kacken. Man wäre ja zufrieden, wenn man selbst anstelle der rechthaberischen Luftpumpe aus dem Controlling befördert worden wäre. Man wäre ja glücklich, wenn da nicht die Sorge vor Schnabeltassen und dem Altern im Allgemeinen wäre. Man wäre ja glücklich, wenn da nicht das Wenn und Aber wäre.

Anstatt sich die Frage zu stellen, was Donald Trump oder die Karriere eines Menschen, den man nicht mal mag, mit der eigenen Zufriedenheit zu tun haben und ob man sich nicht eher darüber freuen sollte, altern zu dürfen, hadern wir mit allem, was sich uns in den Weg stellt. Wir lassen uns von unseren Problemen und Ängsten im Kopf zuparken. Wir haben Angst davor, keinen Partner, keinen Job, keine Ferienunterkunft zu finden. Angst davor zu erkranken, verarmen, vereinsamen. Eine Leben ohne the German Angst ist das zwar möglich, aber erscheint uns eher sinnlos und irgendwie beängstigend.

Dabei könnte man doch eigentlich sagen: Je mehr Ängste man hat, desto dankbarer kann man am Ende sein. Ängste sind schließlich die Sorgen vor Problemen, die man noch nicht oder nie hat. Ohne Wenn und Aber, es ist Zeit „umzuparken im Kopf“. Denn Probleme verschwinden nicht, indem man ihnen einen All-Inclusive-Urlaub im eigenen Leben anbietet. „Schön, dass Sie da sind. Darf ich ihnen ein Upgrade anbieten? Unsere Paranoia-Suite mit einem fantastischen Blick auf die Bucht der Hysterie ist noch frei.“ Für alle Pessimisten, denen das mit den erhobenen Mundwinkeln noch etwas schwer fällt, sei eine Aufwärmübung für Einsteiger empfohlen: es könnte ja noch viel schlimmer sein. Besser die trockene Gans steht auf dem Tisch, anstatt am Tisch zu sitzen. Bei uns explodieren zwar Silvesterböller vor Mitternacht, aber keine Bomben. Zwar isst jemand eine Dose Thunfisch im Zugabteil, aber immerhin reist kein Opa mit harten Eiern mit.

Wir leben in historischen Zeiten. In historisch guten Zeiten. Wir erleben nachweislich so viel Wohlstand, so wenig Arbeitslosigkeit, so viel Sicherheit, so viel Frieden wie noch keine Generation vor uns erleben durfte. Keine Kriege, keine Kollapse, keine Epidemien. Sicherlich kommen irgendwann auch wieder schlechtere Zeiten – globalgalaktisch oder ganz persönlich betrachtet. Doch anstatt voller Angst zu leben, dass sich dieser wohlige Zustand ändern könnte, könnte man die Wohligkeit des Zustandes bewusst genießen. Man könnte doch einfach mal die Klappe halten, zu viel Wein trinken, zu viel von der zu fettigen Gans essen, zu viel Geld für zu teure Geschenke ausgeben – und zu viel Dankbarkeit den Menschen zeigen, die einem im Leben genau richtig viel bedeuten. Denn an Weihnachten sollte man anstatt die Daumen zu drücken, dass einem nichts Schlimmes passieren möge, Menschen drücken. Ganz feste. Dann verschwinden manche Probleme. Oder sie werden zumindest etwas kleiner gedrückt.




Im Visier.

Handy Fotografieren Fotos Visier

Diese armen Menschen. Sie müssen verloren sein in dieser Welt. Allein gelassen mit einer Sonderbegabung, die kaum einer wahrnimmt oder gar wertschätzt. Sie sind alleingelassen mit einer Besonderheit, einer Mischung aus Zwangsstörung und Sehbehinderung, die sie die Welt gänzlich anders wahrnehmen lässt als ihre ordinären Mitmenschen, denen sie gerne einen farbenfrohen Teint, einen hübschen Bilderrahmen und Katzenschnurrbarthaare zuführen.

Die Rede ist von Menschen mit einem fotografischen Zellgedächtnis.

Auslöser für diese querformatige Form der Alltagsbeeinträchtigung ist ein Auslöser. Also das Auslösen. Das Auslösen der Handykamera. Es dient der Befriedigung des Zwanges, alles zu foto- oder videodokumentieren und zur Erlösung von der Ödnis einen Moment erleben zu müssen, in dem man sich gerade mit seiner vor dem Gesicht angesiedelt Suchthilfe befindet. Das will ja auch keiner erleben, dass einem die ganze Zeit etwas die Sicht behindert. Da lenkt man sich lieber mit etwas ab, was einem die Sicht behindert. Äh ja.

Menschen mit dieser ausgeprägten Vorliebe für den fotografischen Irrealismus sind zahlreich. Sie sind nicht nur an einem Brett aus Metall und Glas vor dem Kopf zu erkennen. Man identifiziert sie leicht dank ihres befremdlichen Verhaltens. Sie tanzen nicht auf Konzerten. Sie kennen als einziger im Stadion nicht den Spielstand. Sie klatschen keinen Beifall. Sie stehen, wenn alle anderen sitzen. Man hat den Eindruck, sie kriegen im Allgemeinen wenig von ihrer Umwelt mit. Das ist der traurige Nebeneffekt dieser Sonderbegabung.

Das Schöne daran ist jedoch, dass man sich mit dieser psychologischen Eigenschaft an nichts, rein gar nichts mehr erinnern muss. Sehfähigkeit und Hirnleistung werden komplett outgesourct. Alles ist dokumentiert. Der unzähligste Besuch auf einem Weihnachtsmarkt. Die gesamte Playlist eines Konzertes. Das Schreiben eines 129. Blogbeitrags. Das Bild im Museum. Jeder Tag eines jeden Urlaubes. So muss man nicht mehr wissen müssen, wann man wo jemals gewesen ist. Das fotografische Zellgedächtnis weiß es. Ebenso weiß es, wie das Konzert war. Welche Chance der Mittelstürmer in der letzten Minute vergeben hat. Welche Fische im Meer schwammen. Es weiß lediglich nicht, wie die Wassertemperatur war.

Handy Fotografieren Fotos Visier
Fussball auf dem Bildschirm.
Handy Fotografieren Fotos Visier
Beifällig.
Handy Fotografieren Fotos Visier
Whale watching irgendwie anders.
Handy Fotografieren Fotos Visier
Tolle Musik.
Handy Fotografieren Fotos Visier
Tolles Bild.
Handy Fotografieren Fotos Visier
Neuester Trend: man hat ja zwei Hände.

Als Mensch ohne Sonderbegabung kratzt man sich regelmäßig – mit zwei freien Händen – am Kopf und denkt sich „bei denen klickts wohl“. Aber am Ende bleibt die Frage: Wenn man selber Fotos von Menschen macht, die Fotos machen, inwiefern unterscheidet man sich dann noch von Menschen, die Fotos machen? Oder ist man nur, wie bei einer dieser russischen Matrojschka Puppen, eine weitere Bilderschicht, die noch weiter weg vom eigentlichen Herzstück entfernt ist? Der Kern des Lebens trägt jedenfalls eher selten Katzenöhrchen, Schnurrbarthaare und einen Bilderrahmen um sich herum.




Die Du-Man Show – ist dein Leben ein Theaterstück?

Höhere Wesen Kunst Trumanshow Schellenaffe Scheppern im Kopf

Gemeinhin gibt es zwei Lager, um die sich die Menschheit sortiert. Es gibt die einen, die felsenfest an Propheten, Heilige, ihr Smartphone oder sonstige gottgleiche Wesen glauben, die ihr kleines Schicksal steuern und lenken. Sie glauben daran, dass sich schon irgendjemand etwas dabei gedacht haben wird, Nahrungsergänzungsmittel für Haustiere und Fernsehsendungen, bei denen man seinen Partner anhand der Genitalien aussuchen darf zu erschaffen. Die anderen glauben an den Gott der Willkür, an den Zufall, der alles lenkt und keinen wirklichen Weg für uns vorgesehen hat. Der Weg, auf dem man am Ende ganz alleine schreitet, robbt oder hüpft, ist das Ziel. Ob man im Drive-Inn oder bei seiner pflegebedürftigen Großtante abbiegt, ist alleine die eigene Entscheidung. Das Universum findet das so interessant, wie die Form der Genitalien eines potentiellen Ehepartners.

Doch was ist, wenn es eigentlich ganz anders ist?  Was wäre, wenn das Leben weder einem Schicksal folgt noch vom Zufall gesteuert wird? Was wäre, wenn dein Leben ein Theaterstück wäre, bei dem einzig deine Rolle improvisiert wird? Wenn sich irgendjemand ein Skript für deinen Alltag überlegt hat, dem alle folgen? Wenn dein Leben ausschließlich aus Statisten, Kulissen und Schauspielern bestehen würde? Eine scheppernd bescheuerte Vorstellung.

Wenn man mal realistisch ist, ist das mit diesem „Weltall“ und „Internet“ doch eh alles völlig unglaubwürdiger Quatsch. Das kann sich doch nur irgend so ein Netflix- (ach ne das gibt es ja dann auch nicht wirklich)-Drehbuchschreiberling mit mangelhaften Sozialkompetenzen ausgedacht haben. Ebenso abstrus, wie Flugzeuge, Weltkriege und Heidi Klum.  Alles ergibt auf einmal einen Sinn, wenn man sich vorstellt, nicht irgendein Gott, sondern ein Regisseur oder Produzent habe sich das alles ausgedacht, um das Publikum bei Laune und die Quote hoch zu halten. Man weiß dann endlich, warum Menschen manchmal geistig abwesend wirken (ein Chip im Kopf gibt ihnen die neusten Regieanweisungen durch) und ständig auf ihre Smartphones starren (sie lesen das Skript noch mal durch). Warum man ganz „zufällig“ an unmöglichen Orten alte Bekannte trifft (die Begegnungen dienen als sogenannter Cliffhänger, um die Spannung aufrecht zu erhalten). Man begreift, warum im Straßenverkehr so unfassbar viele grenzdebile Verkehrsteilnehmer anzutreffen sind (die Aufgabe, zahlreiche Statisten gleichzeitig abzustimmen, ist schließlich sehr komplex, da geht einem schon mal der eine oder andere durch, der dann einfach ohne zu blinken in den Gegenverkehr abbiegt, um dort ungeschickt rückwärts einzuparken).

Aber vor allem bekommt man endlich eine Antwort auf die alltägliche Frage, die nicht nur Archivare und Lehrer aller Art bewegt: Wen interessiert es eigentlich, was ich hier mache? Das eigene Leben, der eigene banale Alltag zwischen Zähneputzen und Zähneputzen bekommt plötzlich eine Bedeutung, wenn man sich vorstellt, dass die Zuschauer Wetten auf das eigene Verhalten setzen und eine Rolle als Statisten im Wartezimmer in Folge 15.896 oder ein Set der in der Waschmaschine „verlorenen“ Socken gewinnen können. Wird sie wieder Zahnpasta auf ihr Oberteil tropfen und wenn ja, wird sie es vor oder nach Verlassen der Wohnung bemerken?

Unterhaltsam ist auch die Vorstellung, was hinter den Kulissen vor sich gehen muss, wenn ein Urlaub geplant wird. Die Gewinnspielbeteiligung ist immer besonders hoch, wenn es darum geht zu erraten, in welches Land man fahren wird, also welcher Statist sich bei der Einflussnahme durchsetzen wird. Länder mit eigener Währung und anderen Sprachen werden erdacht, in Gesprächen gezielt platziert und sobald das Reiseziel festgelegt wurde, werden diese erbaut. Vulkaneruptionen ( die Wortschöpfung des „Eyjafjallajökull“, jenes Islandischen Vulkans, der 2010 „ausbrach“, ist auf einen Wutausbruch des Produzenten zurückzuführen, dessen wutschnaubende Worte ähnlich klangen, als er erfuhr, dass „China“ nicht fertiggestellt worden war) und Streiks des Bodenpersonals werden erfunden, sollte man mit dem Bau der Kulissen nicht rechtzeitig fertig geworden sein. Man wird gegebenenfalls in einen als sogenanntes „Flugzeug“ getarnten Simulator gesteckt, der 20 Stunden lang wackelt, Essen aus Bienenwaben serviert und einen in der Produktionshalle nebenan, in der eigenen Wirklichkeit „Australien“ genannt, wieder ausspuckt. Im Übrigen ist dem Mitarbeiter, der sich ein hüpfendes „Beuteltier“ ausdachte und es auch noch „Känguru“ nannte, ein echter Coup gelungen: groß war die Sorge, dass spätestens mit Erschaffung dieses abstrusen Wesens auffliegen würde, dass hier irgendein eigenartiges Schauspiel vonstattengeht, aber nein, Kängurus wurden zum großen Liebling der „Du-Man-Show“.

Der Gedanke, dass das eigene Leben eine Unterhaltungssendung ist, beruhigt irgendwie. Es gibt dem Leben Relevanz und Leichtigkeit. Irgendjemand wird den Mist schon hinter den Kulissen wieder ausbaden bzw. sich etwas dabei gedacht haben. Gleichzeitig regt er aber auch den Drang zur Rebellion an. Was wäre, wenn man einfach ganz ganz schnell plötzlich wieder in die Richtung laufen würde, aus der man gekommen ist? Wenn man zu Freunden oder Partnern sagt „Deine Rolle in meinem Leben verstehe ich nicht.“? Wenn man plötzlich laut gen Decke ruft „Ist euch nichts besseres eingefallen“? Man würde in dieser Welt als die schizophrene, paranoide, durchgedrehte Alte abgestempelt. Aber in der anderen Welt würde man vielleicht die Quoten gen Himmel schrauben. Oder was auch immer da oben in der anderen Welt dann ist.




„Ich lass das jetzt so“ – ein Plädoyer gegen Pärfecktionismus.

Perfekt defekt Automat

Aus Fehlern soll man bekanntlich lernen. Ganz so als sei jeder Fehltritt nur als geradezu bewusst gesetzter Schritt im Optimierungsprozess des eigenen Lebens gemacht worden. Fehler sind Teil des Trainingsplans, der das Ziel hat der perfekte Mensch zu werden. Daher antworten Bewerber und Mitarbeiter gerne auf die Frage nach den eigenen Schwächen damit, dass man als einzige Schwäche eigentlich nur sagen könne, dass man selber ja leider schrecklich perfektionistisch sei, aber daran arbeiten würde. Die perfektionistische Antwort eines Perfektionisten.

Doch warum hat der Mensch dann mehr als einen Kater im Leben? Warum schließt er immer wieder sinnlose Versicherungen und Abos ab? Warum gibt es die Pille danach und Mittel gegen Völlegefühl (quasi die Pille danach für den ungeschützten Essverkehr)? Warum setzt man immer wieder Kommas völlig falsch? Warum sagt man überhaupt immer wieder Kommas statt Kommata?

Perfekte Pflanzenpflege.
Perfekte Pflanzenpflege.

Da man eben Fehler macht, weil man es nicht besser weiß – oder wissen will. Weil man in seinem Leben nicht nur lernen, sondern auch leben möchte. Aber vor allem weil man lernt, dass einem Perfektionismus am Ende eigentlich niemand dankt. Der Einserschüler ist der unbeliebte Streber. Der perfekt zur Augenfarbe abgestimmte Wollschal juckt am Ende nur einen selbst. Die perfekte Präsentation wird durch die Frage nach dem W-LAN-Passwort und dem Auftrag für die nächste Projektvorstellung wertgeschätzt.

Und so stellt man fest, dass man sehr schnell ein perfekter Idiot ist, der scheinbar noch nicht perfekt genug war, sonst würde sich das ja alles noch nicht so unperfekt anfühlen. Man zweifelt an sich, nicht am Perfektionismus. Selbst Weltrekordler sagen selten, dass sie unverbesserlich sind und nun die Füße schneller und höher als alle anderen legen werden. Das Streben nach Perfektionsmus wird gemeinhin erwartet. Alles andere wird als Arroganz oder Faulheit verstanden. Und nicht verstanden. Doch mit diesem Streben nach Perfektionismus setzen wir uns ein unerreichbares Ziel, das sich je näher wir ihm kommen wieder von uns wegbewegt und zwar deshalb, weil wir unser selbstgestecktes Ziel doch noch mal ein Stück weiter von unserem jetzigen untrainierten, einfallslosen, fehlerbehafteten Standpunkt, der nach nassem Hund riecht, entfernen möchten. Wie ein Esel nach der Mohrrübe vor seiner Nase strebt, so versuchen wir die perfekte Hochzeit, den perfekten Job, den perfekten Partner zu erreichen. Wir verlieren uns lieber in einem Vorhaben, als in einem Moment.

Perfekt Einparken
Perfektes Einparken.

Ist der Partner dann doch nicht Dr. Dr. Dipl. Ing. mit der Statur eines Bodybuilders und dem Geist eines Expertenkomitees, sondern das wunderkindlichste an ihm die Ähnlichkeit der Frisur mit der von Einstein dann machen wir geknickt Abstrichen und sagen, es ist halt nicht perfekt. Wir sagen „Die Wohnung ist perfekt, bis auf…“ und es folgt eine Liste eigentümlich zusammengestellter Anforderungen an die eigene Behausung. Wir stören uns am Hochzeitstag über das Wetter und den nicht perfekt gekühlten Sekt.

Warum kennen wir nur das perfekte Schwarz und Weiß? Warum lassen wir nicht öfter Fünfe gerade und P eine Ziffer sein? Warum lassen wir nicht öfter dieses Grau zwischen Schlamperei und Perfektionismus zu? Das nennt sich dann Pragmatismus und der in ist der Regel durchaus gesundheitsfördernd.

Anfangs hat sich der Schellenaffe viele Gedanken gemacht um seine Worte, Sätze und Texte. Dies könnte man noch einbringen, jenes kann man besser sagen. Jeder nachträglich gefundene Fehler löste ein leichtes Scheppern im Kopf aus. Doch mit den Jahren wurde aus dem Faible für das feingliederige Feilen am Satzpartikel ein Hang zum hemmungslosen „Ach, ich lass das jetzt so.“ Gemerkt hat es keiner bis kaum einer. Heute ist er daher sogar so weit gegangen den Text einfach mal weder zu korrigieren, noch lektorieren oder sonst wie perfektionieren.

Denn: warum sollte voll ok nicht auch perfekt sein?

Perfekt defekt Uhr
Perfekter Zeitpunkt.




Der Autopulliot.

Autopilot Pullover ausziehen Pulli Automatismen

Die kalte Jahreszeit ist da. Und mit ihr ist – neben dem schrecklichen Moment, in dem man das erste Mal wieder „Last Christmas“ in irgendeiner Verkaufsstätte hört und verzweifelt feststellt, dass dieses Folterinstrument des modernen Music Boardings noch immer nicht aus dem kollektiven Gedächtnis gespült wurde – der Zeitpunkt gekommen, warme Kleidung zu tragen. Dicke Jacken, die an Rettungsringe aus Daunen erinnern. Schals, die Menschen enthalsen. Und warme Pullover, die die nie erreichte Bikinifigur endlich wieder kaschieren. Doch stellt sich nach den Monaten der textilen Leichtigkeit die Frage: wie ziehe ich eigentlich einen Pullover an und wieder aus? Eine essentielle Frage, die uns alle erwärmt, sich aber niemand stellt. Wie die Frage, was „last Christmas“ eigentlich so Nervtötendes passiert ist, dass man Generationen von Menschen damit „bestören“ muss.

Also, wie zieht man einen Pullover aus? Es gibt verschiedenste Techniken, derer sich die wenigsten bewusst sind. Den Von-unten-Hochzieher mit gekreuzten Armen, erkennbar an einer leicht invertierten Frisur nach Vollzug der Methodik. Oder den Rutsch-mir-mal-den-Buckel-hoch, der geradezu archaisch in seiner unstrukturierten, übergriffigen Ausführung wirkt. Oder den Ärmel-for-one. Hier stellt sich wiederum die Folgefrage der Abfolge, also mit welchem Ärmel begonnen und wann der Kopf befreit wird. Als letztes, was zur Folge hat, dass man den Pullover um den Hals trägt, wie eine dieser alten Halskrausen aus der Renaissance. Oder zwischendurch, was in einer garantierten Verstopfung der Dachluke und temporärer Orientierungslosigkeit enden wird.

Autopilot Pullover ausziehen Pulli Automatismen

Man merkt leicht: das Feld ist (ent)packend, und doch kaum wissenschaftlich erforscht. Ähnlich fesselnd ist die Frage: wo befindet sich das A, wie „automatisch“, auf der Tastatur? Die meisten werden nun in Gedanken das Wort „Auto“ tippen, um sich zu zur Antwort auf diese Frage – Achtung flach – vorzutasten. Dabei berühren wir dieses A täglich, mutmaßlich häufiger als jedes andere – räusper – A. So wie wir uns täglich die Schuhe zubinden. Ohne wirklich erklären zu können, wie man (selbst) eine Schleife bindet. Und wie man es eben nicht tut. Für unzählige Bewegungsabläufe kennt unser – ja was eigentlich? Hirn? Daumenmuskel? Betriebssystem? – Kontrollzentrum nur eine einzige, zigmal erprobte Abfolge von Handgriffen, Bewegungen und Hergängen. Wir steigen immer mit dem einen Bein zuerst in die Hose, wir greifen immer mit der einen Hand das Messer, wir falten (oder zwielichtige Gestalten zerknüllen es dem Hören sagen nach sogar, welch „Anarschisten“) das Klopapier immer gleich. Versucht man sich einmal in einer anderen Reihenfolge abzutrocknen, rutscht man beinahe aus und steigt feucht in seine Socken, die man auch immer entweder erst vor oder nach der Hose anzieht. Schneidet man spiegelverkehrt eine Scheibe Brot ab, schneidet man sich verquer in den Finger. Und merkt anschließend gleich: ein kleiner Schnitt für einen Finger. Ein großer Einschnitt für Bewegungsabläufe. Sich mit einem Pflaster am Zeigefinger die Zähne zu putzen, gleicht auf einmal einem endoskopischen Eingriff am Kniegelenk einer Feldmaus.

Autopilot Schnürsenkel Schleifebinden Autopilot Automatismen

Der Körper funktioniert ohne unser Zutun. Denken hilft – wie so oft im Leben – selten. Es sind diese Automatismen, die unser Überleben, aber zumindest ein geordnetes Erscheinungsbild und Navigieren im Alltag sicheren. Es wirkt beinahe so, als sei dieses Scheppern im Kopf, diese Gedankenkarusselle und Redseligkeit des Menschen nur dazu da, ihm das Gefühl zu geben, hier irgendwas selber aktiv steuern zu dürfen. Wie ein Kind, das im Flugzeugautomaten vor dem Supermarkt spielen darf und denkt, es sei Pilot. Doch der Autopilot hat eigentlich die Kontrolle über uns und bestimmt unseren Alltag. Schaut man Kindern beim wachsen und lernen zu, merkt man, dass hier gerade der Autopilot programmiert wird. Und man merkt, dass man irgendwie froh ist, dass man diese Phase der Programmierung hinter sich hat. Dass man nicht mehr lernen muss, wie man rückwärts geht und vorwärts spricht. Versucht man im höheren Alter Dinge, wie Stricken oder Diplomatie zu lernen oder einen Tanzkurs mit Würde zu absolvieren, merkt man plötzlich, wie sehr einem der Autopilot fehlt und wie schwer dessen Manipulation sein kann. Denn beginnt man darüber nachzudenken, was man eigentlich tut, tut man dies selten gut.

Und doch kann es unterhaltsam sein, sich selber zu beobachten. Dabei zu beobachten, wie man immer das eine Auge zu erst mit Wimperntusche betüncht (und dabei immer den Mund weit öffnet). Wie man immer gleich in seiner Wohnung steht, ohne darüber nachgedacht zu haben, mit welchem Schlüssel man wie eine Haustür eigentlich aufschließt. Wie man immer gleich montags www.schellenaffe.de eintippt, ohne dass wir sagen könnten, wo sich alle Buchstaben auf einer Tastatur befinden und mit welchem Finger wir welche Taste drücken. Der Autopilot übernimmt das „wie wir etwas machen“ für uns. Doch das „warum wir etwas machen“ überlässt er weiterhin uns. Das bisschen Scheppern sei uns immerhin gegönnt. Darauf ein A.




Montag mal anders.

Montag mimimimontag Arbeit

Wie ein flauschiger kleiner Affe hangeln wir uns jede Woche von Baum zu Baum. Von einem Baum – auf dem wir gemütlich mit unseren Lieblingsaffen abhängen, uns an Sachen, die nicht auf Bäumen wachsen, satt essen und den Ausblick genießen – zum nächsten. Das Leben könnte so schön sein, wäre da nicht diese affige Pendelstrecke. Zwischen den Bäumen wartet schließlich der einsame freie Fall auf uns. Festgeschnallt an einem Bürostuhl ziehen uns die Schwerkraft und die viele heiße Luft der Arbeitswoche nach unten.

Schon wieder Montag.

Bevor der Tag beginnt, geht er einem schon auf den Wecker. Denn man lässt sich von einem Wecker aus dem Tiefschlaf reißen, schiebt sich mit halbgeöffneten Augen wie ein grobmotorischer Schimpanse ein Toastbrot unter oder in die Nase und sich selber schließlich in ein Verkehrsmittel voller Affen. Dann hängt man den Tag ab an einem nur selten an prachtvolle Baumkronen erinnernden Ort. Dort ist man umgeben von E-Mails, die den Nährwert einer Bananenschale haben, und von bizarren Primaten, die ihren Nährwert aus dem Wort „Weisungsbefugnis“ oder „Kundschaft“ ziehen. Auf dem Heimweg begegnet man wieder den gleichen Affen, mit den gleichen müden Augen. Die eigenen müden Augen setzt man abends vor irgendwas Flimmerndes, einen Fernseher oder die alte Lavalampe aus dem Keller. Vorbei ist der Mimimimontag. Einer von fünf geschafft. Noch vier Tage bis zum Wochenende.

Montag mimimimontag Arbeit

Doch was bedeutet es, wenn der Montag als Gang zur rostigen Guillotine empfunden wird? Wer so lebt, dessen Lebensjahr besteht aus 52 Wochenenden. Statt 365 Tage erlebt man lediglich 104 Tage mit Grauschleier dazwischen. Klingt irgendwie nebulös. Doch was hält uns davon ab, Floskeln wie „schon wieder Montag“ oder „endlich Urlaub“ aus unserem Vokabular zu streichen? Warum feiern wir das Bergfest, anstatt den Montag zu würdigen? Warum freuen wir uns so selten darüber, eine flauschige Arbeitsstelle zu haben, bei der wir weder unser Leben noch unsere Würde gefährden, bei der wir Menschen außerhalb unserer kleinen Baumkrone begegnen, bei der wir etwas lernen, bei der wir weniger Zeit als in unserem Bett verbringen? Und im Bett begegnen den wenigsten von uns Fremde, die mit uns über die letzten Umsatzzahlen sprechen möchten.

Arbeit kann und soll uns bereichern. Im wahrsten Sinne.

Wer jedoch jeden Montag mit einem Sinne betäubenden Scheppern im Kopf erwacht, sollte sich fragen, warum er in einem Land der Vollbeschäftigung, des Fachkräftemangels, der flexiblen Arbeitszeitmodelle, nichts gegen diesen Lärm im eigenen Körper unternimmt. Wer auf einer Hallig lebt, Bergmann sein will, Zeit seines Lebens in einer Videothek gearbeitet hat und Angst vor dem Internet hat, dem fehlen vielleicht ein bisschen die Möglichkeiten. Aber fehlen jedem von uns die Optionen?

Was hält uns davon ab, zwischen den Bäumen zu fliegen anstatt zu fallen – und diesen Flug zumindest versuchen zu genießen?

Doch bei aller geistigen Selbstbekehrung und -belehrung, am Ende bleibt in der Regel eine kräftezehrende Arbeitswoche, in der wir mit Kollegen, Kunden und überhaupt mit Menschen – igitt – interagieren müssen. In der wir nicht immer frei in unseren Entscheidungen und Aussagen sind. In der wir von einem Folterinstrument der Moderne, dem Wecker, diktiert werden. Man möchte ja arbeiten, aber muss es gleich so viel? Muss es nicht, die Bäume könnten auch dichter beieinander stehen. Das nennt sich dann Arbeitszeitverkürzung oder Auszeit oder Home Office oder was auch immer sich das 21. Jahrhundert noch alles einfallen lässt, um den Menschen die Arbeit schmackhafter zu machen. Um den Montag ein bisschen weniger bitter schmecken zu lassen. Wir müssen nur anbeißen.




Ein Haus. Ein sonderbares Haus.

Inserat Wohnung Haus puristische Villa Annouce

„Ich hab‘ ein Haus, trinke kein Käffchen und stehe nie am Herd.

Ich hab‘ ein Haus, sehe aus wie ein Äffchen und bin ein Nerd.

und Jeder, der mich nicht fragt, kriegt meine 2×1 Million gelehrt.“

Wie lebt es sich in einer puristischen Villa, die in ihrer Schlichtheit mit einem begehbaren Weinkühlraum aufwartet und in der man bescheidene 1.839.000 € mit Weitblick am Wasser versenken kann?

Man betritt als Besucher das Anwesen. Kobe-Rinder und Trüffelschweine weiden neben der aus Marmor gepflasterten und daher sehr rutschigen, kaum passierbaren Auffahrt. Am Eingangsportal, dessen wuchtige Türen von Shaolin-Mönchen mit bloßen Händen gezimmert wurden, wartet der Rundfunkchor Berlin auf den Gast. Anstatt dem Gast das Anklopfen zu überlassen, setzen die Sänger zu einem infernalen „Klopf, Klopf“ ein. Die Tür wird geöffnet und man betritt die puristische Villa mit Weitblick. Weit ist der Blick in das Entree, in dem Ming-Vasen als Regenschirmständer und abgemagerte Models als Kleiderhaken angeordnet wurden.

Man wird ins Wohnzimmer geleitet, in dem Lang Lang am Konzertflügel sitzt und ein paar besonders schmissige Balladen von DJ Ötzi intoniert. Durch die schweren Vorhänge des puristischen Salons sieht man, wie die Sonne im Meer untergeht. Man wusste gar nicht, dass dieser Ort am Meer liegt. Lag er auch nicht, klärt der Hausherr auf. Man habe einen Kanal verlegen lassen. Ebenso sei ein Landeplatz für die Concorde gebaut worden. Dieser befände sich unweit hinter dem Elfenwald, in dem Figuren aus „Der Herr der Ringe“ ihre letzten Tage bis zum Renteneintrittsalter verbringen.

Der Hausherr fragt, ob man vor dem Mahle gerne einer Opernaufführung im eigenen Heimkino beiwohnen möge („Die neue Inszenierung der „Zauberidiote“ ist beeindruckend.“) oder lieber durch die Showroom-Garage flanieren möchte. Man entscheidet sich für die Besichtigung der Gartenlaube, die mit Fußbodenheizung, Lichtinstallation und einem Fuhrpark bestehend aus Fiat Multipla’s aufwartet. Sortiert nach Komplementärfarben. Da man ein Hang zu Superlativen habe, so der Hausherr, habe manch sich dazu genötigt gefühlt, die größte Ansammlung des hässlichsten Autos der Welt zu besitzen. Durch die Wände der Garage hört man die Arie der Königin der Nacht. Geldscheine als Dämmmaterial stellen sich doch nicht als allzu geeignet heraus. Die Oper würde ohne Unterbrechung aufgeführt, erklärt der Patron. Wo kämen wir denn hin, wenn Kunst nur noch ab einer bestimmten Besucherzahl stattfinden würde.

Der Gast wird nun ins Speisezimmer geleitet. Im Vorbeigehen an der Designerküche hört man die Stimme von Jamie Oliver, der in Selbstgespräche vertieft zu sein scheint. „Hey Leute, heute zeige ich euch wie man Schmalz-Stullen mit einer Prise Dekandez für eure Freunde und Familie schmiert.“ Ein erfolgreicher Designer habe die Küche gestaltet, so der Hausherr. Der Designer, Herr Höffner, sei reich und berühmt geworden durch seine Küchen mit wuchtigen Eichenfronten, beigen Kacheln und Plastiktischdecken mit Blumenmuster. Zu Tisch erklärt der Hausherr – über eine im vergoldeten Tischbein installierte Gegensprechanlage, da die Tafel so lang ist, das man sich über die Distanz sonst kaum noch verständigen könnte – dass der Wein aus den Südhängen des begehbaren Weinkühlraumes stammt. Man selber habe den begehbaren Weinkühlraum allerdings nie begangen, da man ja einen Mundschenk habe, der den Tetra-Pak-Wein, manchmal auch den Blumendünger, übrigens meist ganz ohne zu tropfen, in Füllhörner aus alten Fiat Multipla Schaltknüppel umfüllen und darreichen würde. Lang Lang wurde in der Zwischenzeit durch Metallica abgelöst, die den Rest des Abends stimmungsvoll, musikalisch begleiten.

Das Mahl, das mehrheitlich mit Blattgold bedeckt und daher an mit Rettungsdecken eingehüllte Katastrophenopfer erinnerte, liegt schwer im Magen. Wie Heavy Metal. Wie Schwermetall. Zur Förderung der bisher eher puristisch agierenden Verdauung wird zum Absacker im Kaminzimmer nebenan geladen. Der Absacker besteht aus einem schwindelerregenden Abseilakt der Artisten des Cirque du Soleil. Schließlich verabschiedet sich der Gast und wird vom exhumierten Enzo Ferrari in einem Golfmobil zurück zum Eingangstor der puristischen Villa am Wasser mit Weitblick gefahren. Zum Abschied wird für den Gast ein Feuerwerk gezündet und ein Flugzeug kreist über der Villa. Es zieht einen Banner hinter sich her, auf dem in geschwungenen Lettern steht: „Die Welt widdewidde wie sie mir gefällt.“

Manche machen, andere denken sich die Welt, wie sie ihnen gefällt.




Im Suv fahren verboten?

Schlimm, diese maroden Straßen in deutschen Städten. Überall lauern Schlaglöcher, die so tief sind wie der Weitblick eines Verkehrsministers. Straßen werden monatelang gesperrt, bis Gras über die Sache wächst. Staus bilden sich, sodass man meinen könnte, Hupen sei Teil des Gesangs heimischer Singvögel. Abscheulicher Wahnsinn – dem man auch nicht entfliehen kann, indem man auf öffentliche Verkehrsmittel ausweicht. Dort bilden sich unmenschliche Menschenstaus, in denen man sich wünscht, man würde wenigstens nicht mit der Nase, sondern mit dem Ohr in der Achsel des Mitfahrers stecken, um das Gerede und dieses unsägliche „Treten sie aus der Lichtschranke“ nicht mehr hören zu müssen. Im Niesnebel des Nebenmenschen duschend denkt man an das Wort „Tröpfcheninfektion“. Nein, der öffentliche Zu-nah-Verkehr ist nun wirklich keine Alternative.

Es bleibt nur das Auto.

Und so tut man, was man tun muss, um im Verkehrskrieg zu überleben: man rüstet auf und wird Teil der Eppendorfer Panzerbrigade. Wohl eher im Suff als bei klarem Verstand, legt man sich ein auf Extremsituationen spezialisiertes Fahrzeug zu, ein Sports Utility Vehicle. Die Kritik an diesem Platz- und Spritschlucker prallt daran im hohem Bogen ab, wie ein vom Kühlergrill erfasster Radfahrer oder ein Schwarm Zugvögel. Es ist einfach ein super utility vehicle! Dank der Reifen, die den Durchmesser manch einer Innenstadtwohnung haben, verschwinden Schlaglöcher und Absperrzäune. Freie Fahrt voraus, durchaus. Andere Verkehrsteilnehmer werden einfach weggerammt oder bei Bedarf mit Hilfe der angebrachten Seilwinde abgeschleppt. Praktisch ist diese auch, falls die kleine Charlotte auf dem Heimweg noch ein bisschen Wasserski auf der Alster fahren möchte. Sogar bei Einbruch der Dämmerung ist dies noch möglich dank der dezenten Beleuchtungsanlage auf dem Dach, die in ihrer Strahlkraft an die Landebahn eines Flughafens erinnert. Getreu dem Motto „Platz hat man nicht, Platz verschafft man sich.“ hat das Parkproblem ein Ende. Je enger die Parklücke, desto besser ist es ohnehin, dienen die Dächer der anderen Autos doch als praktische Tritthilfe, um überhaupt hinter das Steuer zu gelangen oder die Wocheneinkäufe, bzw. das, was davon noch übrig ist nach zwei Kilometern Stadtverkehr, vom Dachgepäckträger zu heben. Alles suver!

SUV Geländewagen Verkehrswende

Und so ist solch ein Fahrzeug nicht nur zugebenen willkommener Spottstoff, sondern vor allem zum Symbol sinnloser, verantwortungsloser Dekadenz geworden. Der SUVer-GAU. Warum? Fährt jemand einen Porsche, ein Fahrzeug, das insbesondere in der Stadt noch sinnloser sein dürfte mit seinen zwei Sitzen und seiner Beschleunigung von 0 auf Tempo 30 in einer Sekunde, wird er beneidet oder lediglich belächelt. Ach, der braucht das für sein Ego. Bullibesitzer sind entspannte Hippies, deren Fahrzeuge sich von positiven Vorurteilen und nur selten von miefendem Diesel ernähren. Aber fährt jemand ein SUV, kochen die Emotionen hoch. Der Motor des Zorns heult auf. Aus Neid und Missgunst wird echter Hass.

Dass es völlig sinnlos und unverantwortlich ist ein Geländewagen mit Seilwinde über die Elbchaussee zu fahren, steht außer Frage.  Doch warum stürzen wir uns so auf diesen im Vergleich zur Gesamtgröße der klimaschädlichen Blechlawine kleinen Beitrag? Warum reden alle von dieser klobigen, quadratischen Spitze, des stetig schmelzenden Eisberges? Weil es so schön angreifbar naher Irrsinn ist. Der Sündenbock mit Stoßstange parkt nebenan. Wunderbar. Bis nicht mal diese SUV-Fahrer zum Umparken im Kopf bewegt wurden, muss ich gar nicht erst beginnen, an meiner persönlichen, vielleicht weniger sichtbaren Form der Dekadenz etwas zu ändern. Mit meinem wöchentlichen Online-Shopping-Trip oder meiner aus Trinkwasser gespeisten Toilettenspülung hat das doch nichts zu tun. Dass der abscheuliche SUV vielleicht nur wenige Kilometer im Jahr bewegt wird und dann dazu genutzt werden könnte, um in den Sommerurlaub an die Nordsee zu fahren statt nach Ägypten zu fliegen, wird gar nicht erst für möglich gehalten. Zugleich unverantwortlich und verantwortlich sind wie immer die anderen. Dass es allerdings um mehr geht als alleine die Anzahl der überdimensionierten Blechpanzer zu reduzieren, scheint manchmal im toten Winkel unseres Bewusstseins zu liegen. Das Kleinklein ist eben greif- und verkraftbarer als die große Verkehrswende. Doch vielleicht sollte man den nächsten auf einem bepflanzten Grünstreifen geparkten, mit Schlammspray angesprühten Geländewagen weniger als Zündschlüssel für den nächsten Wutausbruch sehen, sondern eher als Mahnmal dafür, dass wir alle unser Verhalten ändern müssen. Die einen haben eben einen deutlich längeren Weg zu gehen als manch anderer.




Die Greta-Frage.

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Greta segelt. Um die Welt. Um die Welt zu verändern. Greta fliegt nicht um die Welt, um an einer Klimakonferenz teilzunehmen. Greta lebt vor, wie man es anders machen kann. Sofern man einen Magen besitzt, der so stark ist wie der eigene Wille.

Und doch lebt Greta vor, wie man es nicht unbedingt besser machen kann. Denn Greta, das mutige schwedische Mädchen, reist nicht alleine über den dunklen, tiefen Atlantik. Sie reist mit einer professionellen Segelcrew. Da Segeln, anders als selbst der holperigste Ryanairflug, eine echte Strapaze ist, muss die Crew für den Rückweg ausgetauscht werden. Per Flugzeug.

Da beißt sich die Schwedin also in den Pferdeschwanz und die Öffentlichkeit freut sich hämisch. Sie rechnet akribisch die Klimabilanz von Gretas Klassenfahrt hoch und runter. Es geht ja schließlich um die Rettung des Planeten. Da sollte man erst mal genauer nachzählen, ehe man etwas tut. Diese gutmenschliche Greta bedroht schließlich unsere Freiheit, unser Easyjet-Leben und unser Dasein als Flughuren, die nicht mehr wandern. Sie will, dass wir im Sommerurlaub auf der Müritz segeln und in der Dusche mit dem Seifenstück kämpfen. Welch Barbarei. Wie erfreulich ist es da zu sehen, dass bei allem Aufwand, allen Strapazen, die sie auf sich nimmt, Greta kein CO2-chen besser ist als wir. Da kann man sich ja direkt die Mühe und die Müritz sparen und weiterleben wie bisher. Zumal man ja mittlerweile auf den Plastikstrohhalm verzichtet.

Und so segelt Greta vor allem an gegen Widersprüche und Widerstände. Gegen Behäbigkeit und Gehässigkeit. Gegen Hässlichkeit im Charakter. Greta segelt in einem Windkanal, aus dem ihr mit voller Wucht die ökologische Ignoranz einer ganzen industrialisierten Erdbevölkerung ins Gesicht bläst. Während wir uns von dem wärmer werdenden Wind, angereichert mit Feinstaub und Mikroplastik, treiben lassen, versucht sie, stehen zu bleiben. Alleine. Doch alleine wird sie, wie ein einsamer Baum auf einem Feld, umknicken und zerbrechen. Was Greta sucht, braucht, fordert, ist ein Wald. Ein dichter Wald, der sich gegen den Wind stellt. Fest und unumstößlich. Durchlässig und doch stark. Kein Wegducken mehr. Sondern Hingucken.

Doch Gretas aufwendige Reise mit fragwürdiger Bilanz bestätigt uns in unserem Denken: die Probleme sind so überwältigend, die Lösungen so komplex, die Welt so verworren, was kann ich da schon bewegen. Die Hektik spare ich mir besser gleich. Dass jedes Wir aus vielen Ichs besteht, vergessen wir gerne. Und so bleibt der Einzelne in der Deckung und versteckt sich hinter einem „Jemand wird sich schon kümmern.“ und „So schlimm wird es schon nicht werden. Der August war ja bisher nun wirklich nicht warm.“ Wir beruhigen uns im Kleinklein von Maßnahmen, die nicht weh tun: „An Wochentagen, die mit F, wie Fleisch anfangen, esse ich kein Fleisch mehr. Außer Wurst.“ Doch ohne echten Schmerz für ein jedes Ich wird das Wir diese Aufgabe nicht meistern.

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Finde den Fehler.

Und so scheint die einzige Lösung ein erzwungenes Wir zu sein. Wir müssen dazu gezwungen werden, indem es keine Plastiktüten mehr für alle gibt, indem fliegen teurer und Bahnfahren billiger wird. Indem Gesetze und Preisregulation eingeführt werden. Indem unser Leben im Überfluss einen schmerzhaften Preis bekommt. Denn bisher zahlen Polkappen, arme Länder und zukünftige Generationen diesen Preis. Nicht wir.

Doch Regeln alleine lösen die Probleme nicht. Gesetze orientieren sich viel zu oft an der Wählergunst. An Versprechen. An „Mehr Reichtum für alle!“. Es braucht den kollektiven Mut, sich gegen den Wind zu stellen. Zu sagen „Meer! Meer!“ statt „Mehr! Mehr“. Es braucht eine so simple Erkenntnis, die zur Grundlage der Mathematik gehört, die beinahe zu banal für unseren Algorithmen programmierenden Menschenverstand ist: die Erkenntnis, dass unendliches Wachstum in einer endlichen Welt nicht möglich ist. Es braucht diese Greta-Klage des 21. Jahrhunderts. Es braucht das Begreifen, dass die Zeit des ewigen Fortschreitens, des Fortschritts, wie wir ihn kennen, vorbei sein muss. Dass es an der Zeit ist zu bewahren, statt zu bewässern und bebauen. Dass wir konservieren statt konsumieren sollten. Dass unser Glück nicht von einem neuen Turnschuh abhängig ist, sondern von der Luft, die wir in uns tragen. Es wäre schön, wenn wir morgen nicht in New York, sondern in der Realität aufwachen würden. Es wäre schön, wenn wir „friday and any other weekday for future“ ausrufen würden.

Zumal es ja schon irgendwie peinlich wäre, in die Geschichtsbücher einzugehen, als Teil dieses winzig kleinen Jahrhunderts, dass ausgerechnet wegen der leckeren Tapas in Barcelona und dieser schönen, leichten Plastikflaschen das Ende des blauen Planeten mit seinen weißen Stränden, grünen Regenwäldern und schneebedeckten Berggipfeln einläuten würde.

Die Gretchen-Frage, die am Ende noch bleibt: Greta, warum skypst du nicht einfach?