Hier könnte Ihre Werbung stehen. Tut sie aber nicht.

Werbung Schellenaffe Werbebotschaften Werbeblindheit abstruse Werbung

Der Mensch wirbt, so lange er lebt. Er wirbt um die Gunst anderer, um ihre Liebe und um andere Anstellungsverhältnisse. Er macht Werbung für seinen Charakter, seinen Lebenslauf, den Schnitt seiner Mietwohnung oder die Hochbegabung des eigenen Kindes. Der Mensch sendet zuversichtlich seine Werbebotschaften in die Welt – in der Hoffnung, dass diese irgendwo empfangen werden und überzeugen. Doch leider gleicht sein Werben um Beachtung dem Blumengießen bei Starkregen. Dem Tränken einer Orchidee in Zeiten des Monsuns. Sie gehen unter. Ertränkt in einer Flut mächtigerer Botschaften. Wirklich relevanter Botschaften wie „Neu!,  „Alles muss raus!“ oder „3 andere Personen (die Sie nicht kennen) schauen sich gerade dieses Angebot an“. Liebesschwüre, die da vielleicht auch raus müssen, aber alt sind, hören sich maximal 1 andere Person gleichzeitig an. Da kann Mensch nur verlieren. Und sich fein(er) verpinkeln.

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Manche Untersuchungen sprechen von bis 10.000 Werbebotschaften, die uns jeden Tag erreichen. Oder eben auch nicht. Das sind, je nachdem ob man Wurstwerbung als Herzenssache auch in seine Träume einbaut oder viel oder wenig Schlaf findet, trotz des permanenten Gefühls die Produktinnovation des Jahres zu verpassen, ca. zehn Botschaften pro Minute. Das wäre so, als würde man alle sechs Sekunden eine Initiativbewerbung verschicken.

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Alle sechs Sekunden verliebt sich nur leider kein Mensch in eine Werbebotschaft. Daher versucht man sich abzuheben von der plakativen Werbemasse. Je schwacher der Inhalt, desto abstruser wird in der Regel der Ort des Absendens einer Werbebotschaft gewählt. Und so hat man sich mittlerweile an Toilettenaushänge, nicht nur für Geduld werbende Kofferbänder und an über alle Endgeräte verfolgende Bannerwerbung gewöhnt. Neuerdings kann man sogar sein eigenes Fahrrad als knor(r)ke Werbefläche (für Tütensuppen) vermieten oder sich per Hologramm die Schaufensterauslagen selber konfigurieren. Wie werbevoll.

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Neben dem Werbeort steht das Werbewort. Und hier gilt in der Regel, dass Werbeblindheit mit Werbeblödheit bekämpft werden muss. Das ist zwar blutwurstige Herzenssache, aber auch fast immer ein Grund zum Weinen.

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Werbung führt halt – wie der Tod – fast immer zu Komplikationen: emotional und finanziell. Glücklich sei, wer da einen klaren Verstand bewahrt und sich durch einen Fondsmanager oder Genussentdecker gut beraten oder gebraten weiß. Insbesondere, wenn es um plörrige Werbung für die eigene Werbung geht (wie oft geschehen in Fachmedien wie der Lebensmittelzeitung).

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Wenn alle „Jetzt. Neu. Zugreifen.“ schreien, trauen sich halt nur die Mutigen „Schon immer alt. Zugreifen oder liegenlassen. Uns egal“ zu sagen. Bravocado, wer sich da etwas traut und Werbebotschaften mit Reim und Pein hinaushaut.

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Wer nun den Bedarf verspürt seinen eigenen Werbebotschaften die nötige Eleganz und Abstrusität zu verleihen, möge sich gerne jederzeit an den Schellenaffen wenden. Ihm fällt immer etwas ein. Sein schepperndes Spezialgebiet ist im Übrigen die wirkungsstarke Vermarktung unser aller allerletzten Werbefläche:  „Jetzt. Neu. Alles muss sterben. Sichern Sie sich jetzt die Grabsteininschrift „Hier könnte ihre Werbung stehen“.

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(Marc-Uwe Kling, Der falsche Kalender)




168 Stunden – das kleine Einmaleins und die großen Fragen.

Zeit Uhr Dackel

168. So viele Kalorien liefern 30g Erdnüsse.

168. Das sind 38km/h oberhalb eines viel diskutierten Tempolimits auf deutschen Autobahnen.

168. Dahinter verbirgt sich der Paragraf des Strafgesetzbuches, der die Störung der Totenruhe unter Strafe setzt.

168. So viele Stunden hat eine Woche. Sieben Tage. Vierundzwanzig Stunden. Eine Rechnung, die einfacher – und naheliegender – als jede Kalorienberechnung ist. Und doch stellt man sie nie auf. Hundertachtundsechzig Stunden. Während das Urteil über 30g Erdnüsse einfach fällt, fragt man sich: ist 168 viel? Oder ist das vertickt noch mal wenig Zeit?

Zeit Taschenrechner 168 Stunden

Wenn man 56 Stunden Schlaf abzieht, in denen man seinen Träumen oder dem Schnarchen seines Bettpartners ausgeliefert ist, verbleiben bewusste 112 Stunden. Zieht man hiervon wiederum eine gewöhnliche Arbeitswoche mit normaler Pendelstrecke ab, bleiben vielleicht noch 60-70 Stunden übrig, die zur wirklich freien Verfügung stehen. Doch wie bewusst verbringen wir diese Zeit – wenn schon fast eine Stunde hiervon für (zugeben gewissenhafte) Zahnpflege wegfällt? Ganz zu schweigen von der Zeit, die wir in Wartezimmern, an Pfandautomaten oder mit Katzenvideos verbringen? Wie viele der uns gegebenen Stunden verbringen wir mit Menschen, die wir lieben? Mit Lachkrämpfen oder Orgasmen? Wie oft im Laufe einer Woche lernen oder begreifen wir etwas? Wie lange schaukeln wir mit Kindern oder telefonieren wir mit der Großmutter?

Doch bevor man sich der Frage widmen kann, ob man etwas wahrhaftig Schönes oder Sinnvolles mit seiner 168 angefangen hat, steht die Betrachtung: Was machen wir eigentlich den ganzen Tag? Es geht dabei weniger darum, mit Hilfe einer Achtsamkeits-App in der U-Bahn zu meditieren oder sich in der Fisch-Position beim Yoga vorzustellen, wie der eigene Atemfluss von all Sorgen und der Knoblauchfahne befreit. Anstatt sich von einem „Zeit ist kostbar“-Mantra hetzen zu lassen, sollte man sich vielleicht erst einmal damit beschäftigen, wie einem die eigene Zeit eigentlich „schmeckt“. Man sollte beginnen bewusste Schlücke aus der eigenen Sanduhr zu nehmen – diese bewusst kosten. Schmecken. Probieren. Verdauen. Um schließlich Phrasen wie „Wo ist nur die Woche geblieben“ aus dem Wortschatz streichen zu können. Was tue ich gerade? Warum tue ich das?

Niemand würde ein 24/7-dauerndes Feuerwerk ertragen. Zu viel Lärm, zu viel Qualm würden irgendwann die Sinne benebeln. Es geht dennoch darum, ab und zu eine Rakete zu zünden, ein paar Funken sprühen zu lassen und das Scheppern bewusst wahrzunehmen. Während des Lesens dieses Beitrags sind im Übrigen vermutlich 0,01% deiner Wochenzeit verstrichen. Hoffen wir, dass in dieser Zeit zumindest ein kleiner Funke übersprang. Vielen Dank für deine kostbare Zeit. Wann hat man diesen Satz eigentlich das letzte Mal gesagt? Und bewusst so gemeint?

Ehe du nun in deine restlichen 168 Stunden für diese Woche entlassen wirst, eine weitere einfache Rechnung aus dem Einmaleins der beschepperten Mathematik der Lebenslehre: Wenn man von den achtzig Jahren durchschnittlicher Lebenserwartung einmal die ersten zehn Jahres des Babybreis und Ich-erkenne-mein-eigenes-Spiegelbild-nicht abzieht, dann bleiben siebzig Jahre in vollem Bewusstsein. Das sind 25.550 Tage. Egal, ob es viel oder wenig erscheint: an deren Ende werden sich nur noch Wenige Gedanken um §168, 168kcal oder 168km/h machen.




Schwer von Begriff.

Begriffe Zapfhahn

O‘zapft is die neue Woche. Und doch ist eigentlich nichts neu – startet sie doch wie jede Woche mit dem gleichen Gedanken „Schon wieder Montag“. Und so beweist der Montag eines: Dass man in seiner immer gleichen Gedankenwelt lebt. Es gibt unzählige wissenschaftliche Studien dazu, dass man sich im Wesentlichen eigentlich jeden Tag mit einem sehr überschaubaren Standardrepertoire immer gleicher Gedanken beschäftigt und einen noch überschaubareren Wortschatz verwendet, um diese zu artikulieren. Und dabei geht es nicht darum, ob man Tram oder Straßenbahn sagt. So wie kleine Kinder konstant an ihrem Lieblingsschnuller saugen, so lutschen wir, die sich gerne als intellektuelle Krone der Schöpfung verstehen, immer wieder an den gleichen einfachen Gedankenketten herum, bis unser Hirn weich ist. „Mag mich dieser Mensch? Was meinte jene Person? Soll ich das noch aufessen? Wo ist eigentlich mein Handy?“ Im Kopf scheppert es, wenn man ehrlich ist, viel weniger als gemeinhin vermutet. Man lauscht eigentlich jeden Tag dem gleichen, leicht leiernden Chorgesang. Man navigiert durch den Alltag ganz so, als würde man im Skiurlaub eigentlich immer nur diese eine blaue Piste herunterfahren.

Um nun zu verhindern, dass statt des trendigen Burnouts ein unerwarteter Boreout droht, braucht das Hirn immer neue Herausforderungen. Metaphorisch gesprochen braucht es Eierschalensollbruchverursacher, die die eigene weicher werdende Hirnkruste aufbrechen. Zumindest aber neue Gedanken, die nicht zur alltäglichen World of Wortkraft (wenn ich das mal so leicht abändern darf) unseres Großhirns gehören – Gedanken, wie sich einen Frauenparkplatz oder einen anderen beliebigen Raum voller Penisse vorzustellen. Nach solchen Einfällen habe ich meine Leser gefragt. Ich ließ mir von fremden Gedankenwelten und Wortschätzen jeweils einen Begriff zuwerfen- mit dem Vorsatz, diese in meinen neuesten Gedankenauswurf schwungvoll zu versenken.

Herausgekommen ist – freundlich formuliert – ziemliche Dissonanz. Geradezu episches Kartoffelpüree. Und anstatt wie ursprünglich angedacht, eine Geschichte zum Thema Kreativität, Wortgewalt oder irgendwas Lebensbejahendes zu verfassen, möchte ich nun vielmehr die Frage behandeln: Was stimmt mit euch Druffis eigentlich nicht? Also wirklich? Habt ihr Honigkuchenpferde zu viel Whiskeykuchen gefuttert? Zu viel Xylometazolin hydrochlorid durchgezogen? Oder warum träumt ihr von Flugzeugmechatronikern, die bei der Maniküre sitzen und der Kosmetikerin zuhauchen: „Zu kurz magst du es doch lauch nicht, oder Hasi?“ Von Beamten der Staatsangehörigkeitsfeststellungsbehörde, die an ihren Dreck abschiebenden Staubroboter daheim denken, während sie irgendjemand ganz ohne Schubdüse zurück nach Afghanistan befördern?

Um das Experiment hiermit nicht als völlig, nein episch gescheitert abzuhaken, bitte ich alle bei nächster Gelegenheit einmal Xylometazolin hydrochlorid zu bestellen. Nebensächlich, ob im Blumenladen („Haben Sie frische Xylometazolinen?“), beim Pizzaservice („Bitte mit Extra Xylometazolin hydrochlorid“) oder in der Apotheke. So erlernen wir jedenfalls (fast) alle einen neuen Begriff, egal, ob wir im Skiurlaub, mit Whiskeykuchen in der Tram oder im Wartezimmer der Staatsangehörigkeitsfeststellungsbehörde weilen. O’zapft oder eben o’gesprüht is die neue Woche. You will…

Spruch get over tit




Der Mann mit dem Lampenschirm auf dem Kopf.

Lampenmann Mann mit Lampenschirm Treppenhaus

Erleuchtung ist ein heller Moment in schummerigen Zeiten. Ein Augenblick der Klarheit im Gefühl der dunklen Orientierungslosigkeit. Nicht nur Gläubige, Weihnachtsbäume und olympische Feuer, wir alle streben nach Erleuchtung. Man braucht lichte Momente, wenn man vergeblich auf der Suche nach einem grell ironisch oder dämmrig tiefgründigen Thema für einen affigen Blog ist. Wenn das eigene Kopfkino auf tonloses Radio umgestellt hat. Wenn man sich selber mit sperrigen Einkaufstüten voller Weihnachtsgeschenke den Ausstieg aus der Drehtür versperrt. Wenn man nach dem Sinn des Lebens und der eigenen Brille sucht und zumindest eines davon auf der eigenen Nase wiederfindet.

Welch hohes Gut, welch Glück, wer sie findet, wer sie in den Händen hält – die Erleuchtung!

Ich habe die Erleuchtung nun gefunden. Ich traf sie in einem dunklen Treppenhaus. Ein paar Stufen unter mir. Sie wirkte ungeduscht, alkoholisiert und desinteressiert. Und doch zog sie mich in ihren Bann. Hellstrahlend stand sie plötzlich vor mir, die Erleuchtung. In Form eines leuchtenden Lampenschirms. Auf einem Männerkopf. Was klingt wie der Gemäldetitel eines Werkes von Dalí – „Mann mit Lampenschirm im Treppenhaus“ – erleuchtete mich. Welch strahlender Moment! Fragen durchzuckten wie helle Blitze meinen scheppernden Kopf. Produziert sein beachtliches Hirn, das immerhin Ideen wie, die einer humanoiden Beleuchtungsquelle hervorbringt, Elektrizität? Was geht ihm durch den Kopf außer Strom? Wird er nach dem Abend erzählen „Puh, ich hatte die Lampe an“? Verkörpert er eine politische Bewegung wie „Alternative Beleuchtungen für Treppenhäuser“? Wie groß ist seine Liebe zum Bier, wenn er jedes Mal einen Kurzschluss, also sein Leben riskiert, sobald er seine Flasche zum Mund führt?

Fragen, die vermutlich nur der Zirkusdirektor, mit dem er sprach, beantworten kann. Fragen, die zu beantworten jedoch eigentlich völlig müßig sind. Geradezu unerhellend. Was zählt, ist die Erkenntnis, dass das verbohrte, langweilig angepasste Brett vor dem eigenen Kopf deutlich sperriger ist als eine Lichtinstallation mit Bierfahne.

Die einzig relevante Frage, die übrig bleibt, ist daher: wie viel habe ich getrunken, um solche Dinge zu sehen?

Lampenmann Mann mit Lampenschirm Treppenhaus




Stehe ich im Telefonbuch? – Unterwegs in der Vergangenheit.

Telefonbuch Alt Nostalgie Vergangenheit Gelbe Seiten

In der nebligen Phase zwischen Wachsein und Einschlafen kommen einem in der Regel die wirrsten Gedanken und Einfälle. Ohne eine sinnvolle Herleitung sind sie plötzlich da. Wie kleine Blitze halten sie das Gehirn vom Wegdämmern ab. Und zack ist sie da, diese Frage, die völlig belanglos ist und einem doch keine Ruhe lässt: stehe ich eigentlich im Telefonbuch?

Diese einfache Frage löst eine Kette an Gedanken aus. Gibt es das Telefonbuch eigentlich noch? Warum besitze ich überhaupt einen Festnetzanschluss? Warum heißen die Gelben Seiten nicht Beige Blätter?

Telefonbuch Alt Nostalgie Vergangenheit Gelbe Seiten

Die Frage nach der eigenen Katalogisierung beschäftigt weniger, weil man sich ja an die eigene Telefonnummer nicht erinnert und diese gerne nachschlagen würde. Vielmehr fragt man sich, ob man Teil eines beinahe vergessenen Reliktes ist. Eines seitenstarken und doch inhaltsarmen Grußes aus der Zeit, in der man sich noch Nummern einprägte, ebenso wie man Wegbeschreibungen geistig skizzierte und Einkaufszettel schrieb. Eine Zeit, in der man sich nicht vorstellen konnte, dass man einmal fremde Autos mit dem Handy öffnen und ausleihen würde. So unvorstellbar es uns heute erscheint, eine Telefonzelle zu benutzen (und überhaupt erst einmal zu finden), so abwegig erschien es, ohne Stadtplan in einer fremden Stadt umherzulaufen oder zu „googeln“ wann der nächste Bus fährt.

Teledisco Telefonzelle Vergangenheit Nostalgie

Googelt man heute in epischer Intensität allerlei Banalitäten, verbrachte man früher sehr viel Zeit damit, Dinge zu zusammenzufalten. Stadtpläne, Busfahrpläne, Tageszeitungen, mitunter die eigene Nachbrut. Ebenfalls zur Stärkung der eigenen Fingerfertigkeit und Geduld spulte man Kassetten auf und benutzte Telefonwählscheiben. Heute wird die Geduld erprobt, wenn zum fünften Mal die Werbung ertönt „Nervt dich diese Werbung? Dann wechsle jetzt zu spotify Premium.“ Die Lindenstraße wird eingestellt und irgendeine neue Netflix-Serie wird als der heiße Stoff für Seriensuchtis angepriesen. Auf dem Fernsehtisch ist auf einmal Platz für eine hübsche Vase, seit der Videorekorder dem DVD-Player und dieser schließlich einem monatlichen Dauerauftrag gewichen sind. Heute lacht man über mobilen Edge-Empfang, während man früher, während sich das Modem melodisch einwählte, noch schnell seine Bio-Hausaufgaben erledigen konnte.

Und so geschieht es, dass man plötzlich an längst vergangene Gegenstände und Gewohnheiten denkt. Man denkt an früher. Man wehrt sich vehement gegen das „Früher war alles besser“ alter, zorniger, weißer Männer und doch ertappt man sich dabei, auf einmal so etwas wie Nostalgie zu empfinden. Ist man erwachsen, wenn es ein Früher gibt? Egal, was für ein Früher? Denn früher war eigentlich gar nichts besser. Es scheint ohnehin ein kurioser Zufall zu sein, dass man es bis hierher geschafft hat und irgendwie von a nach b, von damals nach jetzt gekommen ist. Früher war vieles „man wusste es nicht besser“. Es war einfach anders. Und dieses Anderssein scheint Klick-, Bit- und Appweise zu verschwinden. Leise und doch so schnell verändern die Algorithmen unseren Rhythmus. Und man fragt sich, wohin die Reise geht? Blickt man in zwanzig Jahren auf unsere Zeit und lacht herzhaft über Tastaturen, Alexa und die Hamburger S-Bahn (ok, das tut man heute schon)?

Asbach Uralt Vergangenheit Nostalgie

Ebenso wenig wie man das Morgen kennt, kann man das Jetzt festtackern (ein Gegenstand, der vermutlich ebenfalls bald Hand in Hand mit der Büroklammer davontackert). Man kann lediglich die Erinnerung an das, was einmal war, wachhalten und ab und zu auf das Früher zurückspulen und die gespeicherten Erinnerungen abrufen. Egal, ob die Erinnerungen auf einer Diskette oder im Hirn eines personalisierten Bioandroiden mit den Gesichtszügen eines George Clooneys gespeichert sind. Egal, wie „Asbach Uralt“, der Geist der Vergangenheit irgendwann erscheint, ohne dieses Früher ist das Jetzt unerklärlich.

So schwer die Vorstellung unserer Zukunft ist, so einfach sind wenigstens die Antworten auf die schlafraubenden Fragen der Gegenwart: ich stehe nicht im Telefonbuch, weil ich bei meiner Anmeldung damals irgendein Häkchen nicht gesetzt habe, um Werbeanrufe zu umgehen. Die Anrufe erhalte ich nun jederzeit mobil erreichbar auf meinem Handy. Ja, es gibt die Gelben Seiten, ebenso wie das Telefonbuch und das Örtliche weiterhin. Ohne Ö fehlt dir ja auch was. Ich besitze einen Festnetzanschluss, weil ich wie jeder Bürger erpresst wurde: Du bekommst einen Internetanschluss, wenn du diesen nutzlosen Festnetzanschluss dazukaufst. Du brauchst ihn nicht, aber wir, dein fürsorglicher Telekommunikationsdienstleister das Gefühl, dir ein Paket verkauft zu haben. Gegen einen Aufpreis hättest du einen Internetanschluss ohne Telefon bekommen können, aber dafür warst du ja zu geizig. Die Gelben Seiten heißen Gelbe Seiten, weil Braune Blätter – machen wir uns nichts vor – einfach besch..eiden klingt. Da wurde in diesem „Früher“ mal was etwas mit Weitblick entwickelt.




Jetzt testen – die neueste Produktironation!

Krümel

Sie träumen von langen, geschmeidigen Haaren? Sie möchten nur das Beste für Ihre Familie und legen Wert auf Qualität, obwohl sie abgepackten Käse in Scheiben und Leberwurst für einen Euro kaufen? Sie suchen einen süßen „Verhöhnmoment“ nur für sich selbst? Dann entdecken Sie jetzt unsere neueste Produktinnovation Krümel, speziell entwickelt für Genießer inhaltsleerer Werbebotschaften. Die Pflege für strapaziertes bis geschädigtes Hirn.

9 von 10 unserer Mitarbeiter, die wir als unabhängige Tester deklariert haben, sind begeistert! Kein Wunder, denn in Krümel steckt, was allen schmeckt und Gehälter bezahlt: eine knackige Schale mit Papparoma und ein sandiger Kern, der an Fussel erinnert. Und das Beste: wir verwenden natürlich in Laboren entwickelte Aromen und verzichten auf künstliche Farbstoffe, manchmal.

Krümel

Wir sind der Krümelexperte mit feinkörnigen Lösungen für jeden Krümeltypen. Entdecken sie unser breites Sortiment an Krümeln, in unterschiedlichen Formen, Farben und Geschmacksrichtungen. Roggenbrötchen, Streuselkuchen oder doch eher die herbe Note von DreckPur – welches ist ihre Lieblingssorte? Wir beraten Sie gerne. Dank unseres Know-how und qualitativ hochwertiger Produkte können wir Ihnen genau die Lösung anbieten, die Sie nicht brauchen, aber dennoch kaufen. Jahrelange Forschung fließt in unsere Krümel und ihre kontinuierlicher Weiterentwicklung. Unsere Vision ist eine Welt voller feiner Bröckchen, so fein, dass sie eigentlich Sand sind.

Unsere neueste Innovation, der Krümel Visionnaire Vissage IQ0 füllt sogar Falten auf und verleiht ihrer Haut eine langanhaltend kratzende Ausstrahlung. Mit seiner innovativen Formel, basierend auf der Piemont-Gurke und einer Essence der wirkungsvollsten Marketing-Textbausteine verleiht Ihnen Krümel Visionnaire Vissage IQ0 eine wertvolle Drögheit und bekämpft Tag für Tag Unebenheiten im Hirnbild.

Besuchen Sie unsere Website mit vielen tollen Rezepten und Anwendungsideen. Haben Sie mal daran gedacht, Krümel im Bett zu verstreuen? Ein Riesenspaß für die ganze Familie. Oder testen Sie jetzt den handlichen Snack-Krümel im To Go-Format für unterwegs. Einfach in die Handtasche kippen und los geht es. So wird der Krümel zum praktischen Begleiter, wenn sie sich verkrümeln möchten. Probieren Sie jetzt den Snack-Krümel und machen Sie mit bei unserer Aktion im Krümelmonat Krümember: Kaufe 2, zahle 2. Und gewinnen Sie eine Reduktion Ihres verfügbaren Grundeinkommens. Gewinnchance eins zu alles bis auf Tiernahrung. Weil Sie es sich wert sind.




Einparken im Kopf und im echten Leben – Lenk- und Rechtsparkschwäche ausgebremster Großstädter.

Einparken Schlecht einparken Auto Parkplatz

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke.“ Nur sehr wenige Menschen werden bei dieser Aussage an einen Roman von Joachim Meyerhoff denken. Eine ebenfalls – hoffentlich – geringe Anzahl wird an ihr eigenes Gebiss denken. Die meisten werden sich vielmehr an ihr letztes traumatisches Einparkerlebnis zurückerinnern. An dieses Gefühl, wenn bereits mit dem Einschlagen des Lenkers feststeht, dass das eigene Vorhaben so erfolgversprechend wie ein Deotest in der Sauna ist. Man schwitzt und flucht.

Das Drama einparkgeschwächter Großstädter beginnt in der Regel mit einer unfreiwilligen, motorisierten Erkundungstour des eigenen Stadtteils. Man fährt nach der einen perfekten Lücke suchend um den Block. Zunächst ignoriert man parkscheinpflichtige Luxuslücken und unpassierbar wirkende Spalte zwischen den geparkten Autos. Man zieht die Tanknadel beobachtend seine Kreise. Die Einkäufe auf der Rückbank und der Zeitzeuge auf dem Beifahrersitz beginnen langsam säuerlich auszusehen. Die Tatsache, dass man sich nicht alleine im Fahrzeug befindet, ist im Übrigen maßgeblich für Parkmissbildung. Parkt man alleine ein, gelingt dies in der Regel in einem Zug, als würde man sich die Schnürsenkel der eigenen Rennschuhe zubindenden geschmeidig auf einer Kloschlüssel Platz nehmen.

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Irgendwann bezieht man jedenfalls angrenzende Stadtteile und Grünstreifen bei der Suche mit ein. Und dann ist sie da. Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Klein, eng, unwirtlich. Direkt unter einem Parkverbotsschild. Eine U-Bahnstation vom eigenen Zuhause entfernt. Und doch gibt es keinen Grund, sie stillschweigend zu passieren. Denn ähnlich wie bei der Partnersuche Ü40 begreift man „Besser wird es nicht mehr“. Während sich der Verkehr bereits hinter einem staut und die Schar der Zuschauer wächst, beginnt nun das Kurbeln. Und damit ein Kampf um die eigene Würde und Versicherungsprämienhöhe. Man denkt an seinen Fahrlehrer, an seine garstigen Worte und die eigene Vergesslichkeit. Gleichzeitig summt die Stimme im Kopf die Melodie von Tetris, während der Beifahrer schwer ein- und ausatmet. Er klammert sich trotz absoluter Geschwindigkeitslosigkeit an den Haltegriff über dem Fenster. Die Bedrohung durch einen explodierenden Airbag scheint jedenfalls greifbar. Mühsam tastete man sich zwischen Bordsteinkante und Stoßstangen vor – und doch ändert sich erschreckend wenig an der Position des eigenen Fahrzeugs in dieser Lücke, dieser entsetzlichen Lücke. In dem Moment, in dem kein Auto mehr hupt, der Verkehr also endlich dieses Schandmal der eigenen Unfähigkeit passieren kann, stellt man den Motor ab. Fluchtartig entfernt man sich von seinem Automobil und schleppt sich und seine schweren Tragetaschen und Getränkekästen nach Hause. Vor der Haustür stellt man fest, dass hier eine große Parklücke freigeworden ist und man beschließt, auf Leitungswasser umzusteigen.

Jeder der nun denkt, das sei ein parknischiges Phänomen – der ist zum einen mutmaßlich blindparkender Handwerker oder Außendienstmitarbeiter. Zum anderen sei er durch diese eindrückliche, lückenlose Bilderschau unter dem Titel „Ach, ich lass das jetzt einfach so“ aufgeklärt. Es gibt mehr lenk- und rechtsparkgeschwächte Großstädter als SUVs in Eppendorf. Sie alle geben dem Begriff „Falschparker“ jedenfalls eine völlig neue Bedeutung.




Oh Videotie – das Trauma der bewegten Bilder.

Da ist sie wieder. Diese Stimme. Diese hohe, leicht schrille Frauenstimme, die so fremd, so eigenartig, so anders klingt. Ich kenne sie nicht, diese Stimme. Und doch kenne ich sie: es ist meine eigene Stimme. Verdammt.

Ich sitze in einem Managementtraining und starre auf die Frau auf dem Bildschirm. Ich starre auf mich selbst. Ich fühle mich wie in einem Trainingscamp des DFB. Per Videoanalyse soll mein verbales Verhalten auf dem grauen Raufaserrasen inspiziert und optimiert werden. Während um mich herum Inhalte diskutiert und meine Person analysiert werden, starre ich diese fremde Person unbeirrt an. Ich höre nicht auf die Inhalte, ich nehme nur die äußeren Reize wahr. Ich höre nicht, was die Frau mit der viel zu schnellen Redeweise sagt, ich zähle nur die „ähms“ und unvollendeten Sätze in ihren Ausführungen. Ich möchte ihre gekräuselte Stirn mit Tesafilm fixieren. Ich möchte ihr ins Wort fallen: Was machst du da? Hör auf deine Arme zu bewegen, als seist du eine koffeinsüchtige Krake im Dirigierkurs für Blindfische! Ich möchte sie fragen, ob sie zu Mittag Kohlsuppe gegessen hat, oder warum sie zwischendurch so einen verkniffenen Gesichtsausdruck macht. Gleichzeitig versuche ich ihr Doppelkinn damit zu entschuldigen, dass Kameras ja, wie jeder weiß, dick machen. Mindestens fünf Kilo mehr. Ich frage mich, wie viele Kameras hintereinander auf die Szene gerichtet sind, um sich zu dieser latenten Fettleibigkeit aufzupotenzieren. Kurzum: ich möchte mich auswechseln. Zu eigenartig ist diese Besetzung der Hauptrolle im Film des eigenen Lebens.

Während man sich durch jahrelanges Training an Fotos der eigenen Person gewöhnt hat, so sind die meisten Menschen auch noch nach Jahren des Lebens im eigenen Körper schockiert, traumatisiert, aber zumindest irritiert von der eignen Person, wenn sie sie außerhalb ihres eigenen Körpers sehen und hören. Kann man sich bei Bildern stets einreden, einfach unpassend im falschen Moment, Winkel oder Licht getroffen worden zu sein, gleichen Videoaufnahmen der Aneinanderreihung „unglücklich getroffener Schnappschüsse“. Während man seinem Spiegelbild oft einen unnatürlichen Gesichtsausdruck und eingezogenen Bauch präsentiert, sind Videoaufnahmen ungesteuert. Hat im Kopf die eigene Stimme ein erotisches Timbre, erinnert die Realität an die lieblichen Klänge eines Glasschneiders. Während man schockiert feststellt, dass sich das Scheppern im Kopf scheinbar doch seinen Weg nach außen bahnt, schaut einen das eigene Umfeld gelangweilt an. „Was ist das Problem mit deiner Stimme? Die klingt doch immer so.“ Genau das ist das Problem. Bewegtbilder, die zum Weggehen bewegen.

Video Kamera

Es gibt Menschen, die lieben die Bühne, lieben es im Mittelpunkt der Kamera, der Aufmerksamkeit zu stehen. Doch mindestens so groß, wie das Rudel der Rampensäue, ist die Schar der Stallhasen, die verschreckt dreinblicken, wenn sie doch einmal ein Scheinwerfer trifft. Der Grund ist klar: wir haben es uns in unserer eigenen Wahrnehmung gemütlich gemacht. Der leicht schielende Blickwinkel auf die eigene Person gefällt uns. Wir wissen um die Unschärfe, aber wer will schon Schärfe, wenn er in seinem Kopf singen kann wie Whitney Houston?

Die Erkenntnis des Trainingskurses ist jedenfalls, dass es niemals einen Videobeweis meiner Gesangseinlagen geben darf. Niemals.




Eingecremt und angeschmiert von Vorurteilen – Urlaub auf Mallorca.

Malle Mallorca Palma Insel Spanien Urlaub

Ein von mir verhasstes, aber auf ewig in mein Gedächtnis gebranntes Lied meiner Grundschuljahre schwirrt mir durch den Kopf, als das Flugzeug den Boden verlässt. Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? Meine Gedanken, umgeben von uniformierten Junggesellenabschieden, schreienden Kindern und urlaubsgeifernden Kegelvereinen sind vermutlich sehr leicht zu erraten. Aber noch mehr frage ich mich, wie schwer Gedanken wirklich sind. Ich muss an den aus Migrationsberichten und Adipositas-Therapiegruppen bekannten Ausdruck „Die Vorurteile wogen schwer“ denken.

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Ich sitze im Flieger nach Palma de Mallorca. Ich reise mit schwerem Gepäck: einem wuchtigen Koffer voller Vorurteile. Ballermann, Bettenburgen und Bierkönig. Wie zur Bestätigung klatschen die Bierkönige zur Landung.

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Der Flughafen wirkt wie eine große Fischauktionshalle:  frische Weiße Haie werden massenweise angespült und gegen wohlgenährte deutsche Rotbarsche, Hummer und Krebse eingetauscht. Ich erröte, ob des Anblickes,  möchte mich als Dänin ausgeben und springe wie eine Forelle in das auf mich wartende Auto. Laut schlage ich die Autotür zu – und gleichzeitig ohne es zu ahnen, ein neues Kapitel auf.

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Denn der Zauber dieser Insel beginnt mich zu ergreifen. Über immer einsamer werdende Straßen fahren wir ins Landesinnere. Vorbei an Mandelbäumen, Steinmauern, kargen Weiten und idyllischen Fincas. Die wärmende herbstliche Abendsonne taucht alles in ein Haut, Hirn und Herz erwärmendes Licht. Fern schimmern Bergketten durch die Dämmerung als wollten sie sagen „Geduld, wir werden uns schon noch sehen.“ Mit jedem Kilometer verschwimmt die Erinnerung an die Ankunft im Haifischbecken. Enge Feldwege führen uns schließlich zu unserem Ziel: eine einsame Finca zwischen Orangenbäumen und Schafweiden. Überreife Feigen liegen auf der Einfahrt. Ein unreifer Sprung in den eigenen Pool, ein kühles Glas leichter Weißwein und ich bin angekommen.

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Nicht die Stimmen der Maschinen, nein, die Stimmen der Tiere wecken mich am nächsten Morgen. Gockel begegnen einem in der Großstadt viele, aber wann habe ich das letzte Mal einen Hahn krähen gehört? Hunde bellen, irgendwo blökt ein Schaf, eine Mücke surrt an meinem Ohr. Bullerbü statt Ballermann. Der Blick aus dem Fenster lässt einen still verharren. Verharren zwischen „Ich brauche nur hier und jetzt“ und „Ich brauche mehr von dieser Insel.“ Und so verbringe ich eine Woche in familiärer Einsamkeit und entspannter Ausflugerei. Ich entdecke verschlafene Bergdörfer, springe in türkisblaue Badebuchten und atme den Duft von Pinienwäldern.

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Ich schramme vorbei am Massentourismus, begaffe im Vorbeigehen meine saufenden Vorurteile. Der weiße Streifen Haut unter ihrem All-Inclusive-Bändchen scheint das hellste an ihrem Körper zu sein. Wie gegrillte Sohlen schmoren sie in der Sonne. Doch obwohl eine Insel, Mallorca bietet genügend Platz, um sich aus dem Weg zu gehen. Zumal die Pfade der trägen, deutschen Krustentiere bestens berechenbar sind.

Malle Mallorca Palma Insel Spanien UrlaubUnd so kurven wir durch schmale Bergstraßen, schlendern durch die engen Gassen Palmas und beobachten Einheimische, die sich abends auf dem Marktplatz auf einen Plausch treffen. Freundlich wirken die Mallorquiner, die auch am Ende einer langen Saison noch neugierig ihrem radebrechenden, nach Schwarzbrot fragenden Gegenüber zu begegnen scheinen. Es fällt ohnehin schwer, unzufrieden zu sein auf einer Insel der salzigen Oliven, süßen Kuchen und saftigen Melonen.

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Gedanken an die baldige Abreise fliehen vorbei wie nächtliche Schatten. Zu schön sind der Sternenhimmel und der nächtliche Ruf der Vögel. Mallorca bereitet eine Kulisse des Bleiben-Wollens. Quédate aquí. Und doch sitze ich wieder viel zu plötzlich in einem Flugzeug, das mich nach Hause bringen soll und ich frage mich, ob man nicht in der Ferne zuhause sein kann. Angesicht der in der Abendsonne unter mir schimmernden Insel rollt – ohne dass ich es bemerke – eine Träne der Rührung über die haselnussbraune Haut. Ich reise zurück – mit leichtem Gepäck und schwerem Herzen. Mallorca, nos vemos pronto. 

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Unentschieden.

Scheideweg Entscheidungen unentschieden

Du hast dich entschieden, diesen Text zu lesen. Du hättest deine begrenzte Zeit auch anderweitig nutzen können, zum Beispiel um dir dieses Video anzuschauen (hier klicken) oder in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit mit dem Arbeitskollegen, den du nicht magst, zu sprechen. Du hättest vielleicht erfahren können, dass er leidenschaftlicher Train-Spotter ist, dir Dampfloks auf seinem Handy anschauen und feststellen können, dass dich sein Geruch an deinen Großvater erinnert. Herb, leicht fischig. Du hättest beginnen können, ihm von deinem Großvater und dessen Leidenschaft für das frühmorgendliche Angeln von Karpfen zu erzählen, einfach nur weil du nicht gewusst hättest, was du ihm sonst erzählen solltest, um die Flut an Eisenbahnbildern zu stoppen. Der attraktive Geschäftsmann mit Headset auf dem Sitz neben dir hätte sich in das Gespräch einmischen können, mit der Bitte man möge leiser sprechen, da er sich gerade in einer Telefonkonferenz zur Vertragsverhandlung mit Geschäftspartnern in Guangzhou befände. Zudem sei die Karpfenfischerei eine äußerst stumpfe Art des Angelns und er habe sich der Harpunen basierten Thunfisch-Jagd verschrieben. Während er scheinbar dem Zugabteil etwas auf Chinesisch sagt, hätte er auf seinem stattlichen Smartphone durch eine Flut an Bildern gewischt, auf denen er mit großen Fischen auf dem Arm zu sehen gewesen wäre. Du hättest vor dem ersten Kaffee in die weit aufgerissenen Augen toter Tiere geblickt und entschieden, es sei Zeit auszusteigen. Egal wo du gerade gewesen wärst. Du wärst an der falschen Haltestelle ausgestiegen und wärst in die Arme eines alten Schulkameraden gelaufen, der…und so weiter.

Aber nein, du hast dich heute Morgen für den Schellenaffen entschieden – das freut mich natürlich ungemein, aber du hast dich damit gegen unzählige Alternativen, gegen unzählige andere Geschichten, die du hättest lesen oder selber schreiben können entschieden. War dir diese Tragweite deines Beschlusses bewusst? Vermutlich nicht. Wir entscheiden jeden Tag, jede Minute so viele Dinge. Würden wir für all diese Entscheidungen eine Pro-Contra-Liste erstellen, kämen wir nicht einmal dazu eine Liste zu erstellen, weil wir uns nicht für den Stift, mit dem wir die Liste verfassen wollen, entscheiden könnten. Die Katze beißt sich in den Schwanz – oder in die Pfote. Das ist ganz ihre Entscheidung.

Scheideweg Entscheidungen Pro Contra Liste

Das Leben wirkt manchmal wie eine einzige Aneinanderreihung von Entscheidungen, nichts passiert von alleine. Welchen Beruf soll ich wählen? Welchen Partner? Welchen Mobilfunkvertrag? Was ziehe ich heute an? Löse ich eine Fahrkarte? Schaue ich dieses Katzenvideo an? Mal sind die Entscheidungen unterbewusst, mal gewaltig, mal einfach, mal kompliziert, mal banal, mal unerträglich. Das Gefühl stellt sich ein: Entscheide ich mich für etwas, bedeutet dies, dass ich mich gleichzeitig gegen etwas anderes entschieden habe. Egal, ob ich das „andere“ benennen oder begreifen kann.

Stehen wir vor großen Lebensentscheidungen, stehen wir oft wie gelähmt vor diesem bedrohlichen Scheideweg. Biege ich links oder rechts ab? Gerade große Lebenskreuzungen wirken oft weniger wie eine Entscheidung zwischen links und rechts, zwischen a und b, wie bei der Menüwahl im DriveIn. Es sind eher Entscheidungen zwischen a.567.xd.12 oder c.234.jk.78. Zwischen 43° in nordöstlicher Richtung und 2,345 Lichtjahre südlich des Sternenbildes des Zentauren entlang. Selbst das Nichtstun, wird zur bewussten Entscheidung. Behalte ich meinen Partner, meinen Job, meine Wohnung oder ziehe ich mein Leben um? Egal welchen Weg ich einschlage, eines ist klar, ich kann nicht mehr zurück fahren. Ich kann versuchen, umzukehren, aber der Weg wird nicht mehr der gleiche sein. Den selben Weg kann ich nicht erneut befahren. Es gibt keine Funktion des „Bearbeiten > Rückgängig“. Die Route wird nach jeder Entscheidung neu berechnet. Doch gleichzeitig werde ich nie erfahren, wie es gewesen wäre links abzubiegen. Hätte es hier mehr Knipser, Staus und Unfälle gegeben? Stehen wir am Scheideweg, verlaufen wir uns schnell in der Konjunktiv Avenue. Hätte, könnte, würde – beschreibt unseren mitunter verzweifelten Versuch, die Ereignisse zu kontrollieren und die Folgen zu berechnen. Wir versuchen zwischen Bauch und Verstand, zwischen Herz und Hirn zu vermitteln. Und doch sind die Ereignisse hinter der nächsten Linkskurve auf dem Scheideweg und die Geschehnisse auf der Konjunktiv Avenue schlussendlich unergründlich.

Denn ist das Leben nicht vielmehr eine einzige Aneinanderreihung von Zufällen, deren Wahrscheinlichkeit wir versuchen mit unseren Entscheidungen zu beeinflussen? Wenn ich mich entscheide, nach Australien zu reisen, erhöhe ich die Wahrscheinlichkeit ein Känguru in freier Wildbahn zu sehen – signifikant. Garantieren kann mir dies nur niemand, ebenso wie nicht auszuschließen ist, dass im Hamburger Hafen ein Känguru in einem Hochseecontainer entdeckt wird und auf der Flucht vor unerfahrenen deutschen Hundefängern durch meine Straße hüpft. Genau in dem Moment, in dem ich am Flughafen auf meinen dreißigstündigen Flug warte.

Eigentlich sollte uns diese Erkenntnis beruhigen. Das Leben ist am Ende so unergründlich wie die Wege der Kängurus. Entschuldigt sei an dieser Stelle die saloppe Ausdrucksweise der Schlussworte, aber ich habe mich mehr oder weniger bewusst an dieser Stelle dafür entschieden folgende Frage – mit einem Augenzwingern – zu stellen: Geht am Ende nicht auch der Scheideweg nur am Arsch vorbei?

Scheideweg Entscheidungen unentschieden