Wenn Legastheniker Tätowierer werden – warum wir werden, was wir sind.

Berufe failed tattoe Berufswahl

Man entscheidet in einem Alter, in dem man Buffalo-Schuhe oder Lady Gaga noch für eine richtig gute Idee hält über seinen weiteren Lebens- und Werdegang. Darüber in welche ungefähre Himmelsrichtung man den Rest seines Lebens berufspendeln wird. Darüber von wie viel Stress, Geld und Flugmeilen das eigene Dasein geprägt sein wird. Darüber, ob man Menschen dauerhafte Erinnerungen an die eigene ausgeprägte Lese-Rechtschreibschwäche unter die Haut stechen wird.

Ein bisschen wirkt diese zwangläufig in jungen Jahren erforderliche Berufswahl so, als könne man auch gleich dazu übergehen, Kinderehen zu erlauben und Teenie-Schwangerschaften zu fördern.  Und so bereitet man die ansonsten für bedingt zurechnungsfähig gehaltene Jugend von langer Hand auf die Frage „Was möchtest du werden?“ vor. Fragt bereits der Opa nach dem Berufswunsch, antwortet der Enkel „Baggerfahrer“. In das Poesiealbum der besten Freundin schreibt man später „Grundschullehrerin“. Man besucht die Berufsberatung des Arbeitsamts – die einem jedoch nahelegt Tankwart zu werden, lediglich weil man gerne mit Menschen zusammenarbeiten möchte und Autos mag. Man schwankt und wandelt, bis die ersten Weichenstellungen tatsächlich  anstehen und das Schlingern auf einmal schwieriger wird. Die Entscheidung kündigt sich lange an und ist doch schneller da als eine Wespe im Limonadenglas.

Doch was ist es, was am Ende unsere Berufswahl tatsächlich beeinflusst? Zufälle oder bewusste Entscheidungen? Sind es die Erwartungen der Eltern, das eigene Milieu, die Schulnoten, der pubertäre Hormoncocktail oder echte eigene Interessen? Auf allzu viel Lebenserfahrung als Entscheidungsgrundlage kann man jedenfalls nicht zurückgreifen. Ein Fakt, der vermutlich gesellschaftlich durchaus begrüßenswert ist, denn sonst würde ja niemand freiwillig den Beruf des Urologen oder Grundschullehrers für Musik ergreifen wollen. Wer schließlich einmal „eitrige Hämorrhoideninfektion“ gegoogelt oder einen Raum voller Erstklässler mit „Klang“-Hölzchen und Glockenspielen betreten hat, würde definitiv andere berufliche Entscheidungen treffen.

Man definiert also einen wesentlichen Bereich seines Lebens mehr oder minder mit Verstand und auf erst kürzlich ausgewachsenen, sehr wackligen Beinen stehend. Doch warum halten wir so sehr an dieser wackligen Entscheidung fest – während wir die Buffalo-Schuhe schon lange abgelegt und Lady Gaga abgedreht haben? Warum gibt es, nein, warum ergreifen wir so selten Möglichkeiten im Laufe des Werdeganges, andere Pfade auszuprobieren? Stattdessen fahren wir fünfzig Jahre lang den gleichen Weg entlang. Wir wechseln vielleicht mal auf die Überholspur, aber dennoch fahren wir immer in die gleiche Richtung. Wäre es für uns persönlich und für die Gesellschaft nicht viel interessanter, wenn wir abbiegen und die Richtung wechseln würden?

Berufe Berufswahl AnzugträgerBei der Frage geht es nicht um Aussteigerfantasien von ausgebrannten Anzugträgern, die plötzlich Schafzüchter in Neuseeland werden möchten (bis sie feststellen, dass sie Flugangst und eine Ziegenhaarallergie haben). Es geht darum mehr als nur ein Talent, ein Interesse in seinem Leben zu nutzen und zu fördern. Es gibt so viele Berufe, warum sollte man nicht mehr als nur diesen einen ausprobieren und erlernen können. Man könnte vom Gärtner zum IT-Berater umschulen und anstelle von Azaleen Algorithmen bewirtschaften. Anstatt Anlagepapiere könnte man Kinder hüten. Oder zunächst kariöse Löcher flicken und später Golfschülern beim Einlochen anleiten. Wie bunt wäre unsere Welt. Wie vielseitig unsere Tischgespräche. Wie spannend unsere Leben. Und selbst wenn man mal in einen Kreisverkehr gerät und nach einer Yoga-Lehrer-Ausbildung doch wieder „im herabschauendem Angestellten“ vor einem Computer hockt, was haben wir zu verlieren?

Die bisschen verprasste Ausbildungsgelder und Staus auf den Straßen, weil 61-jährige Grundschullehrerinnen eine Fortbildung zur Fernkraftfahrerin machen wollen, verkraften wir doch allemal – wenn man dafür geistig aktive, motivierte und engagierte Mitarbeiter anstatt abgestumpfter, gelangweilter Bioandroiden bekommt. Also: mehr kurvige Karrieren. Mehr schlecht frisierte Lebensläufe. Mehr links abbiegen statt links überholen. Getreu dem Motto: Never give up. Always belive.




Wie neugeboren.

Baby Neugeboren Geburt Wunder Kinder Mittelfinger Babyhand

Das wahre Wunder der Geburt ist nicht die Tatsache, dass in einem Bauch ein Lebewesen mit zehn Fingern, zwei großen, unschuldigen Schlupfaugen und einem mitunter zu gut funktionierenden Verdauungstrakt heranwächst und plötzlich da ist. Das Wunder besteht nicht darin, dass da auf einmal eine kleine, bisher unbekannte Stimme gluckst, wo vorher Stille war. Das ist zugegeben recht spektakulär, aber das können auch Schimpansen. Irgendwie primativ, hier von einem Wunder zu sprechen.

Nein, das wahre Wunder der Geburt geschieht weit nach den Wehen, fernab des Kreißsaals. Es wird sichtbar in den gestreckten Armen und verzückten Blicken, die den neuen Erdenbürger in Empfang nehmen. Es zeigt sich in der Reaktion von Eltern, Großeltern und Freunden. Es wird sichtbar im Wandel der Menschen, die sich mit dem Neugeborenen selber neu zu definieren scheinen.

Auf einmal werden Dinge gesagt, wie „Hauptsache er wird nicht so faul, wie ich in der Schule war“. Auf einmal bersten Großeltern vor Stolz, obwohl Enkelkinder zuvor vehement wie die Folgen einer ungewollten Teenieschwangerschaft abgewehrt wurden. Auf einmal merken rationale, eloquente Tanten, dass sie nur noch in Vokallängen-Deklinationen von „sooo süß“ und herzbasierten Emojis kommunizieren können. Auf einmal verbringt man sein Wochenende damit jemandem beim Blinzeln zuzuschauen – und samstagabends muss man beim Spucken zumindest niemandem mehr die Haare zurückhalten.

Baby Neugeboren Geburt Wunder Kinder Babyfuß

Ein Baby verändert weitaus mehr als nur sein eigenes Leben, wenn es endlich beginnt dieses zu leben. Mit dem Durchtrennen der Nabelschnur entstehen neue Bänder, die dieses kleine, junge Leben zusammenhalten sollen. Es spinnt sich ein Netz – wobei hier die Betonung mitunter wirklich auf dem Wort „Spinnen“ liegen darf – aus Fäden und Knoten, die sich schützend um das Wesen legen wollen. Sie zupfen, ziehen, streicheln und drücken manchmal ganz fest. Diese Knoten suchen vor allem auch immer einen Bezug zu einem alten, längst verloren geglaubten Netz. So wird in der Form der Ohren eine klare Verbindung zum Urgroßvater diagnostiziert. Das kecke – zwar rein reflexhafte – Lachen wird eindeutig der Erbtante aus Pinneberg zugeordnet. Die Blähungen sind ganz der Papa.

Doch was löst diesen wundersamen Wandel eigentlich aus?  Ist es nur ein Cocktail aus Kindchenschema und Hormonen, der uns so berauscht? Oder ist es nicht vielmehr die Mischung aus Hoffnungen, Erwartungen, Sorgen und Neugier, die uns vereinnahmt? Denn das tatsächliche Wunder ist die wohl völlig offene Frage: was wohl aus dir wird, du kleiner hilfloser Wurm?

Und der Wurm selber? Den kümmert das alles nicht. Ihn kümmert nur der fließende Nachschub an Milch. Als würden er uns sagen wollen: „entspannt euch mal“, zeigt er dem wundersamen Wirrwarr um sich herum, den an einer perfekten, „sooo süßen“, fünffingrigen, winzigen Hand montierten kleinen Mittelfinger. Babys sind uns damit wohl im Bereich klare Zeichensetzung weitaus überlegen. So süß diese aufgescheuchten Erwachsenen.

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Von Sommerlöchern und gähnender Langeweile – ein Plädoyer für mehr Müßiggang. 

Schön, dass du endlich da bist, liebes Sommerloch. Der Strom der apokalyptischen Meldungen lässt nach, ebenso der hupende Fluss des morgendlichen Stadtverkehrs und die mürrischen Warteschlangen im Supermarkt. Wie schön ist doch diese kurze Zeit des Jahres, in der man mehr automatische Abwesenheitsantworten als tatsächliche Emails erhält. In der man sein Wochenende damit verbringen darf, seinen Körper der thermonuklearen Strahlung einer Plasmakugel auszusetzen, um die Melaninproduktion der eigenen Hautzellen anzukurbeln – und einfach nur in der Sonne herumzuliegen.

Doch warum wirst du als unheilvolles schwarzes Loch wahrgenommen, liebes Sommerloch? Warum veranstalten wir keine Feste deiner zu Ehren, wie wir es für die Sommersonnenwende, die Gründung unseres Staates oder den vor hunderten Jahren entfahrenen Furz irgendwelcher Heiligen tun? Warum ist der 23.07. zum Beispiel nicht der Tag des Sommerloches, ein Tag an dem einfach wirklich gar nichts getan werden darf?

Weil wir das einfach nicht können. Das Nichtstun. Das Unproduktivsein. Wir erfinden mikroprozessorgesteuerte Kniegelenke, aber beherrschen dennoch den einfachsten Gang nicht: den Müßiggang. Warum suchen wir ständig Beschäftigung und geben uns nie wirklich der Langeweile hin?

Mein Deutschlehrer sagte in der 7. Klasse einen Satz, der mich nachhaltig beschäftigen sollte: „Die Hälfte eurer gefühlten Lebenszeit ist jetzt um. Die Hälfte eures bewussten Lebens ist bereits vorbei.“ Wir schauten ihn damals mit großen, ungläubigen Augen an. Doch je mehr Lebenszeit verstrich, desto mehr begriff ich, dass er recht haben sollte. Kinder haben ein gänzlich anderes Zeitempfinden als Erwachsene. Das wird nicht nur bei Autofahrten in die Sommerferien deutlich. Als Kind konnte man in einem einzigen Tag ein ganzes Leben erleben. Emotionale Höhenflüge wechselten sich unmittelbar mit kreischenden Tiefschlägen ab. So viel passierte innerhalb von vierundzwanzig Stunden, von sechzig Minuten. Sechzig, eine schier unendlich wirkende Zahl. Heute wirkt eine Stunde wie ein Wimpernschlag, mit achtzig dann wohl nur noch wie das Zucken des Augenlids.

Als Kind war man immer ungeduldig, fieberte Dingen entgegen und wenn mal nichts passierte, war sie da. Diese Langeweile. Diese gähnende Ödnis. Oft sagte ich den Satz „Mir ist langweilig“ und suchte mir anschließend eine Beschäftigung oder legte mich einfach auf den Boden meines Kinderzimmers und erträumte mir Bilder anhand der Punkte auf der Raufasertapete oder verfolgte den kantigen Flug der Stubenfliegen.  Als Kind waren die Tage so lang, dass ein bisschen gähnende Langeweile unausweichlich war. Und heute?

Vor kurzem war ich auf dem Weg zum Sport. Beim Betreten des Fitnessstudios stellte ich fest, dass ich einen Anruf verpasst hatte und schaute auf mein Handy. Im Gehen. Noch ehe ich überhaupt mein Telefon entsperrt hatte, hörte ich bereits ein Stöhnen hinter mir. Gefolgt von einem „Muss das hier sein?“ und einem Mann der sich an mir vorbeidrängte. Ich fragte mich, ob er glaubte in der Lichtschranke am Eingang werde seine Zeit gemessen. Ich hatte ihn anscheinend von einer neuen Bestzeit abgehalten – und ihn um 0,35 Sekunden seiner Lebenszeit beraubt. Heute halten wir es wohl nicht mal mehr aus, uns 0,35 Sekunden zu „langweilen“. Stattdessen regen wir uns lieber auf. Als Kind wurde im Gefühl der Langweile das Scheppern im Kopf leiser. Es hörte sich an wie das Surren der Fliegen über den Köpfen. Heute wird es in Momenten der Ruhe erst richtig laut.

Langeweile Müßiggang Warteschlange

Gleichzeitig sind unsere Gespräche von leeren Floskeln geprägt wie „Wo ist die Woche geblieben?“, „Bald gibt es schon wieder Lebkuchen.“, „Ich komme zu nichts“ oder „Wie die Zeit rast!“ Dass wir es sind die mindestens so rasen wie die verstreichende Zeit, sehen wir nicht vor lauter Meetingmarathon, Freizeitstress und Lebensplanung. Langeweile empfinden wir als Unbehagen einem Moment völlig ausgeliefert zu sein. Nichtstun oder sich für den Bruchteil einer Sekunde ausbremsen zu lassen wird als Zeitverschwendung wahrgenommen. Doch warum wird „Erleben“ immer mit „Leben“ gleichgesetzt? Kann man überhaupt viel oder wenig leben? Bedeutet Langweile sodann ich lebe weniger als andere?

Sollte man sich in dem – positiv gerechneten – letzten gefühlten Viertel unseres Lebens dann vielleicht nicht doch eher einer italienischen Lebensweisheit hingeben und dem Dolce far niente fröhnen? Und mit einem Kopfsprung in die dunkelblaue Langweile des Sommerlochs springen?

Für alle, die sich dem Thema mal so richtig hingeben und tiefer eintauchen möchten sei folgende Werbung in nicht ganz uneigener Sache empfohlen. Bisher war der Schellenaffe komplett werbefrei. Dies ändert sich nun – nein nicht dank der praktischen Allzwecktücher von VerwischDich mit Markoidiotentechnologie – jetzt neu mit lieblichem Mettigelduft! Der Schellenaffe möchte Werbung machen für die Ausstellung „Lange Weile“, die noch bis zum 9.9.2018 in der Henrichshütte in Hattingen bestaunt werden darf. Klingt langweilig, ist auch so. Der Schellenaffe hat hierzu einen sehr kleinen, natürlich strunz-öden Beitrag geleistet. Es ist zwar kein Zimmerdeckenflugprofil der Musca domestica, aber etwas ähnlich Narkotisierendes dabei entstanden. Also auf ins langweilige Hattingen.




Das Leben schreibt keine Geschichten – es malt Bilder.

Er ist wieder da, A. Katzler. Diese Frisur, dieser Bart, dieser stechende Blick und diese dümmliche Gier - sie lassen keinen Zweifel.

Ein seltener Moment. Aber manchmal fehlen einem einfach die Worte. Sie fehlen einem, weil man weiß, dass nichts der Wirkung eines Bildes gleichkommen kann. Die Zunge schweigt, weil das Auge weiß, dass es in diesem Moment überlegen ist. Bilder sagen eben einfach mehr als die – mutmaßlich – 753 Worte eines solchen Textes hier. Wenn ich zum Beispiel sage, dass ich die Reinkarnation der unrühmlichsten Personen der modernen deutschen Geschichte als gefräßigen Straßenkater gesehen habe, wird man sagen ich neige zur Übertreibung und sich wieder dem Rausch der Katzenbaby-Videos widmen.  Daher möge man sich bitte selber ein Bild machen. Man möge sich ein Bild davon machen, dass das Leben keine Geschichten schreibt. Es produziert vielmehr eine kontinuierliche Abfolge diffuser Bilder, aus denen wir uns die Geschichten zusammenreimen. Eine Flut an Impressionen, in der wir den roten Faden suchen. Oder die wir in einem Blog hochladen, nach einer Woche in der wir keine Zeit gefunden haben, um aus scheppernden Bilder im Kopf klappernde Worte zu formen.

Das sind dann doch wieder viele Worte für: der Schellenaffe macht ein bisschen Sommerpäuschen.

Er ist wieder da, A. Katzler. Diese Frisur, dieser Bart, dieser stechende Blick und diese dümmliche Gier - sie lassen keinen Zweifel.
Er ist wieder da, A. Katzler.
Diese Frisur, dieser Bart, dieser stechende Blick und diese dümmliche Gier – sie lassen keinen Zweifel.
Dramatische Bilder in Hamburg Eimsbüttel. Plüschtier geflohen.
Wo ist Orry? Dramatische Bilder in Hamburg Eimsbüttel. Plüschtier entflohen.
Ein Hocker zum Niederknien.
Ein Hocker zum Niederknien.
Das kolossal-koitale Rätsel, wie dieses Kunstwerk aussieht und wie jemand es schafft damit 780€ zu "verdienen" wird wohl niemals gelüftet werden.
Das kolossal-koitale Rätsel, wie dieses Kunstwerk aussieht und wie jemand es schafft damit 780€ zu „verdienen“ wird wohl niemals gelüftet werden.
...sprach das Forellenmännchen.
…sprach das Forellenmännchen.
Frauen, Kinder und nun auch alte Leute zuerst - vorm Rewe.
Frauen, Kinder und nun auch alte Leute zuerst – vorm Rewe.
Im mindestens so nachvollziehbar wie die Aussage "Fick auf vollen Zug".
Im mindestens so nachvollziehbar wie die Aussage „Fick auf vollen Zug“.



Fahr()rad!

Fahrrad Radfahren Rad Zweirad

Alle hören Musik. Doch keiner tanzt. Zwischen Ellbogen und Bäuchen zur Bewegungslosigkeit gezwungen schaue ich in die Gesichter der Menschenmasse um mich herum. Alle starren in ihre Handys und ignorieren die Ansagen von dem irgendwo dort vorne, der den nächsten Hit ankündigt. Was sich anfühlt wie ein Konzert im Jahr 2018, ist in Wahrheit eine Busfahrt der Linie 5 an einem Montagmorgen.

Und ich denke nur an eines: an meinen Drahtesel ohne Pferdestärken. An meinen Antrieb ohne Kraftstoff. An mein Zweirad ohne Einspritzpumpe oder Dreitakttumor. Ich stehe bzw. stecke im Bus und denke an mein Fahrrad. Wie konnte ich dich nur zuhause lassen? Warum bist du jetzt nicht bei mir? Warum muss ich mich von fremden Menschen anschwitzen lassen? Und wieso hat der Typ neben mir zum Frühstück scheinbar Döner – ausschließlich aus Zwiebel bestehend – gegessen? Während ich beobachte wie Trauben entspannter Radfahrer vor der Fensterscheibe an uns vorbeifahren, denke ich an Die Prinzen: „Nur Genießer fahren Fahrrad und sind immer schneller da.“

Ich hätte mein Ziel nicht nur zehn Minuten früher erreicht, ich hätte meinen müden Kreislauf auf Fahrt gebracht anstatt meine Psyche in dieser Virenschleuder der schlechten Laune in eine 11-Haltestellen-währende Minidepression zu stürzen. Dass Fahrradfahren gesund ist, dafür muss man nicht die Apothekenumschau lesen. Zudem erspart man sich selber und der Umwelt einiges an Kosten. Trockener als mit dem Saunabus mit Zwiebelaufguss kommt man auch nicht an. So wie eigentlich alles gegen das Rauchen spricht, spricht eigentlich alles für das Radfahren. Man sollte Bilder von Kindern im Abgasqualm auf Busse kleben und Autohersteller zwingen, Warnhinweise auf den Motorhauben ihrer Fahrzeuge anzubringen („Jeder Popel fährt ein Opel.“, „Autofahren verstopft ihre Arterien und Straßen.“ oder „Ihr Auto bedroht ihre Potenz.“)

Fahrrad Radfahren Rad Zweirad

Ein nicht zu verachtender Vorteil dürfte zudem sein, dass man keine menschliche Kommunikation ertragen muss in dieser kleinen Oase zwischen Zuhause und Beruf. Zwischen „Erklären Sie mir diese Zahlen“ und „Erzähl, wie war dein Tag, Schatz“. Selten wird ausgiebig geredet auf dem Rad. Und dennoch: gerade ohne schützende Smartphone-Haube kommt man mit Menschen in Kontakt, wenn man möchte. Während man im Bus den Typ mit offenem Rucksack sich seinem Schicksal überlässt, weist man Radfahrer darauf hin, dass ihre Sporttasche vom Gepäckträger zu fallen droht. Man gibt sich an der Ampel wartend Komplimente für das schöne Retrorad oder die neuen Schuhe. Während man in der U-Bahn versucht, seine exponentiell ansteigenden Aggressionen zu unterdrücken, lässt man auf dem Rad aller Emotionalität freien Lauf. Ohne Rücktritt schreit und klingelt man sich an. Mit einem herzhaft vorgetragenen „Das ist kein roter Teppich, du farbenblinder Fußlegastheniker mit Geltungsbedürfnis!“ kommt der Kreislauf doppelt in Fahrt und die Pendelstrecke wird äußerst kurzweilig. Sommerradler werden wie Sonntagsfahrer besonders freundlich willkommen geheißen. Amüsiert schlängelt man sich zwischen hupenden Autos und marodierenden Einparkern durch die Blechlawinen. Fasziniert stellt man fest: oft ist der Verkehrslärm an sich mindestens so laut, wie der Lärm der Verkehrsteilnehmer unter sich.

Fahrrad Radfahren Rad Zweirad Critical Mass

Städte wie Amsterdam oder Kopenhagen machen es vor: mit Straßen, Fahrspuren und Parkplätzen nur für Fahrräder richten sie ihre gesamte Infrastruktur auf zweirädrige Bedürfnisse aus. Und so rollt die eigene Bevölkerung trotz eines ausgeprägten Faible für frittierte Fleischrollen und zuckrige Zimtschnecken schlank und elegant durch Gassen und Radfahrmassen. Fernab der Abgaswolken und U-Bahn-Gerüche wird die Nase frei für die Düfte – nicht nur diejenigen, die aus Fritteusen und Backstuben herbei wehen. Ohne sich hinter Windschutzscheiben oder Kopfhörern zu isolieren entdeckt man nicht zuletzt auf dem Rad ganz neue Wege eine fremde Stadt zu erkunden. Und die eigene Stadt.

Denn, „nur Genießer fahren Fahrrad und sind immer schneller da“.




Leben und Unfug – Geburtstagsgedicht für den Schellenaffen.

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Ein Jahr in zweiundfünfzig Gedanken ist vergangen.

Scheppernd war der Weg, den der Schellenaffe ist gegangen.

Viel hat er mit Worten gerungen.

Doch vor allem das Leben und sehr viel Unfug besungen.

Wirre Vielfalt. Und vertraute Wiederkehr.

Ist der Montag noch schrecklich, zumindest etwas weniger mehr?

Drei Buchstaben kommentieren die Ergüsse.

Scheppernd war es, wie zweiundfünzig sanfte Kopfnüsse.

 

Der Affe ohne Klammern

Lobt das Jammern.

Schwärmt von Einhörnern und Kakteen.

Muss seine Eltern auf Feezbuk kommentieren sehen.

Tchibo lädt ihn nicht zum Bewerbungsgespräch ein.

Dafür lässt er das Kopfkino zum Abendessen rein.

Mit Sneakern springt er durch Hamburger Nieselregen.

Rennt in Handysüchtige, die ihren Kopf nicht mehr gen Himmel bewegen.

Immer hangry trifft er sich auf ein Bier

Mit Özdemir.

Verkleidete Tiere und ein blindes Huhn sagen ihm mehr als tausend Worte.

Verliebt in ein Gefühl schwärmt er der fremden Orte.

In Zwitscherland ist es huere schön.

In Spanien spricht er vom Gesäß – gar nicht obszön.

Mit der Kita „Blauer Kranich“ kommt er dem Meer so nah.

Und ist froh, dass er in der Sauna kurzsichtig war.

 

Der Schellenaffe stellt Fragen und sucht nach dem Sinn.

Was werde ich, wenn ich wirklich dämlich bin?

Warum sind Life Coaches wie Influencer ohne Internet vor allem eines – orientierungslos?

Warum ist ein Leben ohne Tchibo möglich, aber zugegeben durchaus sinnlos?

Warum bricht die Deutsche Bahn mir im Sturm das Herz?

Sind Bewertungen für Toilettenerlebnisse wirklich kein Scherz?

Fragen muss man nicht beantworten, um sie zu stellen.

Er dekoriert und verziert die Fragen lieber, der Affe mit den Schellen.

 

Der Affe snoozed zwischen sonderbaren Sondierungsrunden.

Zwischen Tinder und Thermomix entdeckt er feine Generationswunden.

Er fasst einen tätowierten Marketingplan.

Greift seine Familie unter dem Christbaum an.

Auch ohne Vorsätze ist im neuen Jahr sicher viel für ihn drin.

Er kann zwar nicht alles, aber Hochdeutsch immerhin.

Hoch lebe die Geschwisterliebe.

Tief fällt er in Singapur – auf das Niveau Krimineller und Diebe.

Er träumt vom eigenen Dackel und Altkleiderhandel.

Schläft schlecht beim Gedanken an Koalitionsverhandlungen und Klimawandel.

Der Winter ist kalt.

Der Tatort wird alt.

Frostig sitzt er im Katzencafe.

Lauscht dem Podcast, wenn die Augen tun weh.

Lässt sich von den Sternen den Irrweg weisen.

Genießt es, mit dem ICE und Kanu in den Irrsinn zu reisen.

Er denkt an Stadt, Land, kein Bus.

Lernt nicht, wann mit dem Alkohol ist Schluss.

Fremdscham, du pure Not.

Und der Dativ ist dem Genitiv sein Tod.

Ein Kräutersmoothie auf diese Landpartie.

In Kroatien ist er glücklich, wie noch nie.

Zwischen Pferderücken und Segelbooten

Beginnt er dieses Jahr zu entknoten.

 

Leben ist reinherziger Unfug.

Es war der Affe, der etwas dazu beitrug.

Soll er nun weitermachen?

Scheppern die Köpfe bis zum Krachen?

Knipst der Datenschutz nun gar die Lichter aus?

Sind alle Gedanken denn schon raus?

Das sind wieder Fragen, die er nicht zu beantworten vermag.

Und so wartet man gespannt – auf den nächsten, scheppernden Montag.

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What the Fock – fünf Fremde und ein Boot.

Segeln Segeltörn Boot Kroatien

Warnhinweis.
Achtung, der folgende Text enthält sowohl verstörende Pauschalurteile, als auch abschreckendes Bildmaterial und ist für Leser mit einem Anspruch an Respekt und Menschenwürde nicht geeignet. Die dargestellten Inhalte dienen der Autorin zur therapeutischen Aufarbeitung einer besonderen Form der Seekrankheit und sollten von toleranten, zur Menschenliebe neigenden Personen nicht gelesen werden. 

Segeln Segeltörn Kroatien

Einleitung.
Zwei Freundinnen möchten Urlaub machen. Sie träumen von Wellen, Sonne und Mojitos. Sie möchten Küsten fernab überfüllter Strände entdecken. Sie möchten reisen ohne in Staus oder Parkhäusern zu stehen. Sie möchten fortkommen ohne sich selber zu pausenlos zu bewegen. Sie möchten dem Meer und dem Himmel nahe sein. Und so buchen sie einen entspannten Segeltörn entlang der kroatischen Küste (welcher sich zum späteren Zeitpunkt noch als Skippertraining herausstellen soll). Doch auch wenn sie all dies und damit einen herrlichen Urlaub tatsächlich erleben sollten, so buchten sie vordergründig keinen Segeltörn. In Wahrheit buchten sie eine spannende Sozialstudie entlang menschlicher Idiotie.

Nicht das Schwanken der Wellen oder das ungewohnte Essen sollte für säuerliche Übelkeit sorgen. Es waren die fünf fremden Mitreisenden, die die Gischt und Galle zum Sprudeln bringen würden.

Der Skipper: Patriar(s)ch mit dem pädagogischen Talent einer Bratpfanne.

Der Skipper – nennen wir ihn Vitali – begrüßt seine Gäste mit gebrochenem Deutsch und dem eisigen Blick eines Seemannes mit Badelatschen. Der Blick ist trotz schnittiger Sonnenbrille spürbar. Das graue, lichte Haar trägt er offen, um den kahlen Hinterkopf und damit das Eingeständnis in den eigenen Alterungsprozess zu kaschieren. So wirr wie sein Haupthaar, so wirr scheint sein Leben. Vitali ist im Sommer Segeltrainer. Im Winter ist er Skilehrer.  Vitali ist also Mensch gewordene Coolness. Er ist sogar so cool, dass er nicht ins Wasser geht – natürlich nur um die Wassertemperatur nicht unnötig abzukühlen.Und so ist er dazu da die Belegschaft sicher von Hafen zu Hafen zu bugsieren und vieren der sechs Passagiere tatsächlich einen Skipper-Lehrgang zu erteilen. Die anderen beiden Leichtmatrosen auf Erholungskurs dürfen dafür gerne lernen wie man ihm regelmäßig ein Bier bringen oder einen Käsewürfel reichen darf, wenn ihm danach ist. In Firmen mit mehr als sechs Mitarbeitern würde man für solcherlei Tätigkeit wohl Praktikanten (entgeltlich) beschäftigen. Im Gegenzug erklärt der sonderbare Pädagoge den dümmlichen Damen vom Sonnendeck gerne wie man ein Messer richtig hält oder dass man gutes Olivenöl daran erkennt, dass es in der Kehle richtig brennt. Er glänzt dabei mit Halbwissen, das so dünn ist wie seine Haare. Lässig steht er am Steuer, wippt aufreizend mit der Hüfte im Takt der Musik. Vitali ist nämlich nicht nur Herr der Wellen und des Après-Ski. Er ist auch ein begnadeter DJ. Nicht ganz ohne stolz präsentiert er sein Faible für ABBA und die No Angels. Die starrenden Blicke der weiblichen Belegschaft gehen ihm dabei runter wie Olivenöl. Wie richtig gutes Olivenöl.

Das Paar: Nichtwitzigbert und Hörigine negativieren durch die Weltmeere.

Ein hanseatisches Ehepaar mit Aussicht auf einen baldigen Renteneintritt ist Teil der Besatzung und möchte sein Segelwissen auffrischen. Nennen wir sie Nichtwitzigbert und Hörigine. Wobei nur Hörigine noch etwas lernen soll. Nichtwitzigbert weiß schließlich alles. Wirklich alles. Wie man Segelbegriffe dichtholt und über Backbord in jeden Satz einbaut. Dass man Risotto auch auf hoher See jawohl nur mit echter Brühen kochen kann – nicht mit Fertigwürfeln. Dass man mit jenem Taucherbrillenmodell den sicheren Tod sterben wird. Wie man selbst im unendlichen, türkisfarbenen, nautischen Paradies stets das negative Sandkorn finden kann. Nichtwitzigbert ist der heimliche Kapitän dieser MS Sonderbar. Aber vor allem ist Nichtwitzigbert eines. Er ist nicht witzig. Einfach wirklich nicht witzig. Das ist aber nebensächlich, wenn einem das in etwa fünfzig Lebensjahren nie jemand klar vor den Bug gehauen hat. Und Hörigine lacht und lächelt schließlich immer über Nichtwitzigberts Sprüche („Wir üben jetzt das Frau über Bord Manöver“). Hörigine wird von Nichtwitzigbert liebevoll „Babe“ genannt. Und so erklärt er ihr in der Tat wie einer 2-jährigen wie diese große, schreckliche Welt wirklich funktioniert. Dass Fische Gräten besitzen und man diese nicht mitessen sollte. Er sagt ihr wann sie sich die Zähne putzen, ein Skippertraining absolvieren, das Steuer und die Klappe halten darf. Sie lächelt. Und erfreut sich der Delfine im Wasser. „Ach, so schöne Fische“.

Das Gespenst: Ist da jemand? 

Lücke, eine zarte Frau Mitte zwanzig, ist ebenfalls an Bord. Glaubt man. Sicher kann man nicht sein. Denn Lücke ist unsichtbar. Lücke ist lautloser als der Wind, der ihr durch die braunen Haare weht. Lücke ist so dünn und blass, dass sie vor dem weit gespannten Segeltuch verschwindet. Man muss Angst haben, dass sie mit ihren Reiswaffeln in der Hand davon geweht wird. Die Tragfähigkeit der Waffeln, aber auch Lücke selbst sollte man nicht unterschätzen. Lücke ist die einzige Person an Bord, die wirklich etwas lernen möchte. Mit eng gespitzten Lippen folgt sie Vitali`s wirren Einweisungen, lässt sich von ihm ungefragt Fische auf den Teller zum Probieren legen und lauscht dem Seemannsgarn von Nichtwitzigbert.  Lücke`s eigener Beitrag zu den Tischgesprächen besteht hingegen aus einem Lachen, welches wie das Räuspern einer Dorado klingt und einem einzigen Satz. „Nur einen kleinen Schluck, bitte.“

Der Beklobbte: Faultier sucht Delfintherapie. 

Der letzte Fremde an Board kennt viele Namen: Müllschlucker, Faultier, der Schläfer. Doch am treffendsten dürfte die Bezeichnung Quotenidiot sein. Quotenidiot hat es nicht leicht im Leben. Geschieden. Drei Kinder. Kein Job. Segelprüfung nicht bestanden. Doch dieser Segeltörn soll ihn auf andere Gedanken bringen. Wobei Gedanken an sich nicht wirklich zu ihm passen. Quotenidiot ist kein Freund komplizierter Knoten. Er ist einfach gestrickt. So mag Quotenidiot zum Beispiel einfache Zwei-Wort-Sätze („Glas, halbvoll.“). Wenn er nicht schlingernd am Steuer steht, sitzt er mit einer Tupperdose voller Lernkarten auf dem Schoß irgendwo an Deck. Er starrt ins Nichts, bewegt seine Lippen und zeigt ab und zu lauthals „Dingi“ oder „Fender“ brüllend auf Gegenstände an Bord. Zu Beginn zuckt die Besatzung noch jedes Mal zusammen. Gen Ende der Reise beginnt sie in solchen Moment reflexhaft die Qualität des heutigen Windes zu besprechen. Quotenidiot kann nicht viel, aber eines beherrscht er wie kein anderer: er ist Profi in Sachen effizienter Nahrungsmittelvernichtung. Er beeindruckt mit maximaler Beladung der Mundhöhle bei gleichzeitiger Fixierung etwaiger Reste auf den umliegenden Tellern. Sind die letzten Krümel vom Tisch entfernt hält er gerne ein Sekunden-bis-Stunden-Schläfchen zu Tische. Neben dem Segeln und Tischmanieren stellt das Gehen seine größte Herausforderung dar. Am letzten Tag stolpert Quotenidiot – zu Land – und schürft sich das Bein auf. Er möchte seine Wunde lufttrocknen, wie den Schinken („Schinken, lecker), den er heute Morgen in sich hineingeschoben hat. Und so rinnt den ganzen Tag das Blut über Deck bis er Abends endlich sein Bein im Restaurant auf einer Stuhllehne hochlegen kann. Man möchte sagen „Quotenidiot, what the Fock?“. Aber Reisebegleiter können halt nicht immer sauber durchgebraten sein. Manchmal sind sie eben nicht ganz gar im Kopf. Kein Grund die eigene Urlaubslaune über Bord zu werfen.

Segeln Bein




Alkohol – ein Wechselbad im Punsch der Zurechnungsfähigkeit.

Getränk null.

Du bist müde. Du willst keine Menschen sehen. Und kein Mensch will dich sehen. Du fühlst dich so attraktiv, wie eine fette Raupe. Und jetzt musst du auch noch deinen wohligen, heimischen Kokon verlassen. Verabredungen sind etwas für Drittklässler, die sich zum Ballspielen und Paninibildertauschen treffen. Aber nein, jetzt hast du dich selber schon wieder verabredet – auf ein Abendbier. Nach Feierabend ist dir wirklich nicht zumute. Für eine Absage ist es zu spät. Für eine Zusage an Kräutertee ist leider nie der richtige Zeitpunkt. Nur ein Drink, damit du nicht für schwanger, prüde oder in medizinischer Behandlung befindend gehalten wirst.

Getränk eins.

Ein stilles Wegbier in der Abenddämmerung. Dieser erste Schluck ist wie ein rückwärtsgerichteter Nieser. Du ahnst, dass er kommt. Du kannst dich nicht dagegen wehren. So richtig gut ist es nicht, aber irgendwie auch befreiend. Und ohne wirst du diesen ganzen Rotz nicht ertragen. Diesen lachenden Lärm, diese lächerlichen Menschen, diesen Witz von Geruch. Du bildest dir ein, bereits jetzt betrunken zu sein, allein von dieser alkoholgeschwängerten Luft. Leise sagst du dein Mantra auf:„Nur noch eins“.

Getränk zwei.

Du denkst an dein warmes Bett und die Lasagnereste in deinem Kühlschrank und bestellst dein erstes offizielles Getränk. Der Barkeeper ignoriert dich zunächst. Er schält eine Zitrone, flambiert einen Rosmarinzweig, zerreibt Lavendelblüten und wirft einen silbernen Kelch in Richtung der mit Industrielampen übersäte Rohputzdecke. Du bist versucht, ein Bacardi Rigo zu bestellen. Beim Bezahlen denkst du an das verlorene Pfand deiner Wegbierflasche. Du ahnst, dass dich eine bestimmte Zahl heute in den Abgrund stürzen wird: der PIN deiner Bankkarte.

Alkohol Bar Getränke Möwesturzflug Hamburg

Getränk drei.

Genug des Schwardronnays. Wenn du dich beeilst, erwischst du noch die nächste U-Bahn und könntest in 37 Minuten im Bett liegen. Du solltest vor deiner fest terminierten Abreise hier noch mal auf die Toilette gehen. Vielleicht liegen ja ein paar nette Postkarten in den Aushangfächern. Irgendwas mit „Ich bin so erschöpft, ich könnte Datenvolumen sein“ wäre passend.

Getränk vie..viel war es jetzt?

Wie kommt dieser Wein in dein Glas? Das wundersam von Gottes Sohn gegebene Getränk kannst du natürlich nicht zurückgehen lassen. Die Hände zum Gebet um das Getränk falten und ein bisschen Abnippen schadet ja nicht. Jetzt wo du schon mal hier bist. Und die Haare gar nicht so schlecht sitzen, wie du im Toilettenspiegel feststellen durftest. Mensch, wie die Zeit hier rumkola geht. Aber wie spät ist es eigentlich? Du hast seit einer Stunde nichts gegessen. Du hast Hunger. Großen Hunger. Beherzt greifst du in die Schale vor dir und wirfst ein paar Nüsse ein. „Wasabiistdenndas??? Getränk vierzuviel, erlöse mich!“

Getränk ffüneff.

Du fühlst dich inzwischen gut ein- und aufgelegt. Die Stimmung steigt. Du möchtest die Welt umarmen und tust es auch. Dein schwerer werdender Holzkopf schmiegt sich an den Bartresen. Du singst „Verdammt ich lieb dich.“ in das Gesicht deines Gegenübers. Deine wahren Gefühle wurden destilliert und sind rein wie Ethanol. Das Leben ist schön. Du feierabendbierst den Gin des Lebens!  Du brüllst eine „Eine Runde Promilletee für alle!“ in das Gesicht des Kellners – gefolgt von deiner PIN-Nummer.

Getränk schecks.

Du singst „Ich find dich scheiße. So richtig scheiße“ in das Gesicht deines Gegenübers. Deine wirklich wahren Gefühle wurden destilliert und sind so giftig wie Ethanol. Du wirst zum ehrlichen Riesling und beginnst deine Sätze mit „Was ich dir schon immer mal sagen wollte..“. Du merkst nicht, ob dir Menschen deine Sätze übelnehmen, denn dir wird selber übel. Das Leben ist dir egal, es dreht sich. Nur um dich. Alles dreht sich nur um dich. Aber eines ist klar wie der Korn vor dir: betrunken bist du nicht. „Auf gar keinen Knall, hast du einen Fall?“

Getränk siehicksen.

Die Sicht wird verschwommen. Durch den Küstennebel glaubst du Captain Morgähn zu erkennen. Du bist müde. Du willst keine Menschen sehen. Und kein Mensch will dich sehen. Du fühlst dich so attraktiv, wie eine fette Raupe. Wie Raupe Nimmersatt, eingelegt in Tequila. Oder in Altbier. In sehr altes Bier. Du hast ein Sixpack im Kopf. Es klirrt und scheppert in deinem Schädel.

Getränk achegal…

Um dich herum dreht sich noch immer alles. Diesmal sind es Dönerspieße. Du lallst „Ich bihn ein Schmedderling. Ich bihicks schöööön. Ich kann fliiie…“ und fällst vom Stuhl. Neben dir liegt eine Zwiebel auf dem Boden. Wie eine Raupe kletterst du am Tischbein hoch und beißt in den Döner vor dir. Du stehst auf, tippst dir an deinen imaginären Cowboyhut, sagst zum Dönerkeeper „ So sieht ein Sheriff Stern aus an dem ein Besoffener hängt!!“. Auf deiner Brust klebt ein Zwiebelring. Du verschwindest durch die Drehtür. Es ist keine Drehtür. Benommen trittst auf die Straße. Und da siehst du das Zeichen. Zunächst ist es eine kleine Flamme der Hoffnung. Doch dann wird sie heller und heller. Wie eine Pforte in eine besser Welt strahlt sie dich an. Du hebst die Arme wie zum Gebet. Die Erlösung ist da. Ein Taxi.




Stadt, Land, kein Bus.

Stadt Land Schwan Straße

Ich bin gestrandet. Im Nirgendwo. Ich komme nicht weg. Man lässt mich nicht. Es ist 22.17 Uhr und ich stehe an einer Bushaltestelle – die das nächste Mal am nächsten Morgen angefahren wird. Ich fühle mich wie eine Mülltonne am Straßenrand, die nicht abgeholt wurde. Ich bin stinkig.

Dabei hätte ich es besser wissen müssen. Groß geworden in ländlichen Gegenden, weiß ich um die logistischen Tücken des Dorflebens. Ich weiß, dass ein Hinweg immer und unmittelbar die Planung des Rückweges beinhalten muss. Dass öffentliche Verkehrsmittel ausschließlich für schreiende Schüler und schweigsame Rentner auf dem Weg zum Orthopäden vorgesehen sind. Dass der letzte Bus immer zu früh abfährt.

Erinnerungen an dieses andere Leben prasseln auf mich nieder. Ich denke an das Herumtollen auf weichem Waldboden. Daran, dass man einfach in fremde Häuser gegangen und nach einem Spielkameraden gefragt hat. Daran, dass man sich zum „Shoppen“ verabredet hat und mit geschmierten Broten in die „Stadt“ gefahren ist. Es gab den einen Italiener, den einen Bäcker und den einen Schreibwarenladen, der das kindliche Grundeinkommen verschlingen durfte. Eine Kindheit ohne Termine, Handyempfang und Systemgastronomie. Frei, ungebändigt und doch voller natürlicher Grenzen. Jenseits dieser Grenzen funkelten die mehr als zweistöckigen Häuser der Großtadt. Diese Welt voller Möglichkeiten wirkte verlockend und auch ein bisschen beängstigend. Wie Center Shock Kaugummis.

Stadt Land

Und so begibt man sich irgendwann hinaus in diese urbane Welt. Man stürzte sich hinein in den Rausch der 24-Stunden-voller-Möglichkeiten. Die Großtadt bietet alles, jederzeit, egal ob ich es brauche oder nicht. Rund um die Uhr ist alles möglich (Ausnahme Bayern). Döner zum Frühstück, Wocheneinkauf nach den Tagesthemen, Zahnarzttermin in der Mittagspause. Jeden Tag eröffnen und schließen mehr Restaurants als es in einem Landkreis Bushaltestellen gibt. Man gibt sich begeistert der veganen Schnitzeljagd um den besten Kaffee, Burger oder eiweißbasierten Longdrink der Stadt hin. Dabei versucht man immer das zu entdecken, was noch keiner kennt und von dem jeder redet. Auf dem Land geht man in das Restaurant, das jeder kennt und von dem keiner redet. Die Ungewissheit, ob der Bus oder die Bahn schon vorbeigefahren sind, gibt es nicht, an jeder Haltestelle steht jederzeit jemand. Leise rauscht irgendwo immer der Verkehr, wie zum Refrain heult regelmäßig ein Martinshorn.

Stadt Land

Immer und überall begegneten man Menschen. Man ist nie alleine und doch nicht geschützt vor Einsamkeit. Seine Nachbarn kennt man nicht. Redet man auf dem Land mit-, aber vor allen Dingen übereinander, so verschwindet man in der Stadt in einlullender Anonymität. Beschäftigt sich die eine Welt mit der Aussaat des Rasens, der Scheidung von Frau Müller und dem undichten Carport, ärgert man sich in der anderen Welt über den Dachschaden der WG über einem.

Und so erwischt man sich irgendwann dabei, wie man dem Ruf einer Amsel lauscht und sich ganz plötzlich und hinterhältig ein bisschen nach dem Ausbleiben all dieser Möglichkeiten sehnt. Der Rausch der Möglichkeiten endet irgendwann in Überforderung und Abstumpfung. Es ist einfach anstrengend, jeden Tag etwas Neues zu entdecken. Man interessiert sich plötzlich für Urban Gardening, Schrebergärten, Wochenmärkte und Baumpatenschaften. Spätestens wenn Kinder in die Lebensplanung treten, fragt man sich, ob man möchte, dass der eigene Nachwuchs eher die schnellste U-Bahn-Verbindung oder die lokalen Singvögeln bestimmen kann. Plötzlich sieht das Gras auf der anderen Seite nicht nur weniger vermüllt, sondern auch wieder grüner aus. Doch dann steht man wieder gestrandet an einer Bushaltestelle. Die Singvögel sind einem verdammt egal und man sehnt sich nach Spätis, Taxischlangen und Menschen ohne praktische Kurzhaarschnitte.

Stadt Land

Und so erinnere ich mich an eine weitere alte Weisheit des Landlebens: man ist nie zu alt, um sich von seinen Eltern abholen zu lassen. Auf dem Heimweg fahren wir an dem alten Schreibwarenladen vorbei. Beruhigt stelle ich fest, dass er noch immer keinem Vapianobucks gewichen ist. Und so kehre ich beruhigt von der einen zurück in die andere Welt. Und bleibe doch eine Reisende zwischen den Welten.




Alles in Lot auf`m Boot.

Kanu Hamburg

Die größte Sehnsucht des modernen Primaten im hanseatischen Großstadtdschungel ist nach einer arbeitsreichen Woche voller gestresster Bananen doch eigentlich nur eines: Ruhe, Frieden und Entschleunigung. Und so sucht und findet er Entschleunigung- in einer Dornenhecke. In einem Kanu. Alltagsstress gebremst durch Gebüsch. Ein Erfahrungsbericht. 

Hamburg ist ja mithin bekannt als „Sunny tropical Miami des Nordens“. Immer sonnenverwöhnt, nie verregnet, am Wasser gelegen erwartet dieses Juwel seine Besucher und Bewohner zwischen Elbe und Alster funkelnd und strahlend. Wie jede Stadt behauptet es von sich mehr Brücken als Venedig zu besitzen. Neben Autobahnbrücken gibt es in der Tat sehr viele Wasserläufe und Kanäle in diesem Mekka der Sonnenanbeter. Und so scheint sich die gesamte Stadt an einem der unzähligen sonnigen Tage auf dem Wasser paddelnd, „SUPend“ und schippernd  zusammenzufinden. Ich beschließe mich dieser fließenden Bewegung anzuschließen und borge mir mal wieder ein Kanu und eine Freundin für eine mondäne Ausfahrt hoch zur See.

Den Staub des Winters abschüttelnd,wuchten, rollen und schieben wir das Boot zunächst ins Wasser. Bei dieser Trockenübung steigt und schwindet die Vorfreude zugleich. Wie soll man dieses schwergewichtige Monstrum nur navigieren?  Optimistisch boarden wir unser Boot. Niemand fällt ins Wasser. Ein gutes Omen. Los geht die Fahrt. Vorne der Antrieb. Hinten der Lenker. Wir starten und gleiten mit einer sehr äußerst konstanten Geschwindigkeit wie ein dementer Torpedo – von einem Gebüsch ins nächste. Das eigene Fluchen wird begleitet vom Schnattern der Wildgänse. Für die Geschichte übrigens völlig irrelevant ist, an welcher Position ich mich befand.

Nach einer Distanz von 30m bzw. einer Wegstrecke von 3km ist es Zeit für die erste Pause. Ohne Geäst im Sichtfeld wird der Blick frei für die Welt um uns herum. Tretboote, Kajaks, Segelschiffe, Ausflugsdampfer, StandUp Paddler, Drachenboote – sie alle tummeln sich auf dem Wasser. Enten und Gänse ergänzen das Bild und verteidigen ihr Revier gegen Artgenossen und das Heer bedrohlicher Paddel. Als Kulisse dienen die verwaisten Gärten prekärer Wohnsiedlungen besonders einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen. Eine Veuve Clicquot Flasche dümpelt im trüben Wasser. Die Szenerie gleicht einem gefluteten Ameisenhaufen in ständiger Bewegung und ist doch vollkommen friedlich. Der Straßenlärm wirkt wie eine ferne Erinnerung. Geschwindigkeit wird relativ – relativ im Verhältnis zu allen anderen Bewegungen um einen herum. Regeln gibt es. Doch keiner kennt sie. Was zu Land ausgeschlossen scheint, wird zu Wasser möglich: man grüßt sich in Hamburg und wünscht sich ein schönes Leben (siehe: Moin Schätzelein- von Rheinländern, Hanseaten und Mexikanern). 

Auf dem Wasser gibt es kein Ziel. Nur den Moment. Man lässt sich treiben. Wir nehmen dies weiterhin sehr wörtlich und bleiben unserem ziellosen Zickzackkurs treu. Ich muss an Hein Blöd denken. Bei jeder Brücke schauen wir uns stets beide Pfeiler von sehr Nahem an. Die Architektur ist durchaus anziehend. Als vor uns schließlich ein Kanu wie auf dem Teller drehend einparkt, wird die restliche Würde über Board geworfen und wir stellen den beiden rüstigen Kapitänen die unvermeidliche Frage: „Wie lenkt man eigentlich ein Kanu?“ Ich bilde mir ein, in diesem Moment das Lachen einer Gans zu hören und rupfe mir einen Ast aus dem Haar.

Doch die auf unsere Frage folgende kurze Einweisung zeigt Wirkung. Ungeachtet der Tatsache, dass die Alster weitläufig und brückenlos ist, werten wir es als Erfolg, bei ihrer Überquerung in keinen Brückenpfeiler gefahren oder in ein Gebüsch abgedriftet zu sein. Es sind Babyschritte, nein Babyschläge zum Erfolg (#unglücklichewortwahl). Wir trauen uns schließlich wieder in die schmalen Kanäle und Flussläufe. Wir folgen dem Geruch frisch gebackener Waffeln und tanken an einem nur über ein Fenster am Wasser zugänglichen Cafê. Der Anblick des Manövers ist beinahe grazil. Immerhin wird nichts verschüttet. Das Alsterwasser bleibt im Glas und außerhalb des Bootes.

Und so paddeln wir schließlich ziellos umher. Und kommen doch an. Wir genießen den ungewohnten Blick von unten nach oben auf die Stadt. Wir verlieren das Gefühl für Zeit und Distanz, bis uns die Dämmerung schließlich nach Hause ruft. Nur leise hören wir den Ruf. In unserem Kopf summen wir hingegen die Melodie von „Alles in Lot auf‘m Boot“ und denken an Hein Blöd. Was hat er doch für ein schönes Leben.

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