Fragwürdige Berufe – der Coach.

Coach Coaching Seminar Flipcharts Buntstifte Bauklötze

Coach: Liebe Teilnehmer, ist es nicht schön, dass Sie sich alle heute Zeit für dieses wichtige Seminar genommen haben?

Teilnehmer: Ich bin wegen der Häppchen hier.

Coach: Kennt denn jemand das Thema des Seminars?

Teilnehmer: Erfolgreiches Schnittchenstellen-Management?

Coach (lacht verkrampft): Ist es nicht schön, wenn man Humor hat?

Teilnehmer: Sie verwechseln hier – denke ich – zwei artverwandte, aber dennoch verschiedene, tief menschliche Bedürfnisse miteinander, aber: Humor ist nicht Hunger. Coach ist ja auch nicht Couch. Leider.

Coach: Haben Sie denn alle Ihre Vorbereitungsarbeit gemacht und daran gedacht, einen Gegenstand mitzubringen, der Ihren Führungsstil beschreibt?

Teilnehmer: Ich habe eine Tupperdose mitgebracht.

Coach: Aha, ist das nicht interessant? Was fühlen Sie, wenn Sie diesen Gegenstand betrachten?

Teilnehmer: Hunger.

Coach: Auf Führungsarbeit?

Teilnehmer: Ja. Auf das Führen eines Häppchens in meinen Mund.

Coach: Nun, was erhoffen Sie sich von diesem Tag?

Teilnehmer: Ich erhoffe mir, dass Sie mal zum Punkt kommen und wenigstens einen Satz nicht mit ihrem Lieblingsgegenstand – dem Fragezeichen – beenden.

Coach: Supi, wollen wir beginnen?

Teilnehmer: …aber ich gehe nicht mit allzu viel Hoffnung in diesen Tag.

Coach: Was halten Sie davon, wenn Sie Ihre heutigen Emotionen auf diese unterschiedlichen Karten malen und an die Pinnwand hängen?

Teilnehmer: Gegenfrage: was halten Sie davon, wenn ich Ihnen mit diesem wasserfesten Filzstift eine hübsche Mono-Braue male und neben ihre Naselöcher „Coaching Zone“ schreibe?

Coach Coaching Flipcharts Seminar Wachsmalstifte Edding

Coach: Kann ich ein kurzes Echo zu dieser Idee bekommen?

Teilnehmer: Ein kurzes Echo bekommen…bekommen..kommen.

Coach: Kann es sein, dass Sie Humor als Schutzmechanismus benutzen, um sich nicht mit Ihren eigenen Gefühlen auseinander setzen zu müssen?

Teilnehmer: Auseinander setzen zu müssen…müssen…üssen.

Coach: Möchten Sie diese Situation vielleicht ansonsten mit diesen Bauklötzen nachstellen?

Teilnehmer (greift nach einem Bauklotz und führt ihn zum Mund): Ich verstehe ja, dass der Kostendruck das gesamte Unternehmen erfasst hat. Aber muss man da wirklich jeden Cent umdrehen und jetzt auch noch ausgerechnet bei den Häppchen für Seminarteilnehmer sparen? So trockene, pappige Briketts würde man doch nicht mal einer Taube füttern. Da geht meine Tupperdose lieber leer aus. Könnte man dann nicht wenigstens diese Pappkarten aus Esspapier machen?

Coach Coaching Bauklötze Seminar

Coach (geht zu einem Flipchart): Ist das nicht eine tolle Idee, die wir hier in unserem Themenspeicher notieren wollen?

Teilnehmer: Ich finde ja im Allgemeinen, dass alles, was man auf Flipcharts notiert, so flippig ist wie Chartmusik oder eine Unterhaltung mit diesen Holzkeilen. Daher verdient es diesen Namen nicht. Flopchart oder Umblätterboard fände ich angemessener. Notieren Sie das mal bitte in Ihrem Themenspeicher –  den ich im Übrigen auch eher Kein-Esspapierkorb nennen würde.

Coach: Da bin ich ganz bei dir, darf ich trotzdem fragen, warum?

Teilnehmer: Nein.

Coach: Nein?

Teilnehmer: Sie dürfen mich nichts fragen.

Coach: Wie fühlt es sich dann für Sie an, dass ich nur in Fragen spreche?

Teilnehmer: War das eine Frage?

Coach: Was denkst du?

Teilnehmer: Ich denke: bitte machen Sie mal einen Punkt. Wollten Sie das wissen?

Coach: Hast du auch das Gefühl, dass wir hier nicht weiterkommen?

Teilnehmer: Ja.

Coach: Was macht das mit dir?

Teilnehmer: Ich merke nicht, dass hier heute irgendjemand irgendetwas macht. Ich habe ein tiefes Gefühl der Machlosigkeit.

Coach: Wissen Sie, dass es ein wichtiger erster Schritt ist, sich dieses Gefühls bewusst zu werden?

Teilnehmer: Da staune ich aber Bauklötze.

Coach: Darf ich – damit wir pünktlich (Teilnehmer lacht) zum Ende kommen – eine letzte Frage stellen?

Teilnehmer: Lassen Sie mich raten „Gibt es noch Fragen – die ich nicht gestellt habe?“ Ich denke nein.

Coach: Was nehmen Sie nach diesem Tag mit?

Teilnehmer: Eine Tupperdose, die so leer ist wie Ihr Themenspeicher, und den Vorsatz, nie wieder ein Seminar zu besuchen. Punkt.

Coach: Ist das nicht schön? Wer möchte das Schlusswort sprechen?

Teilnehmer (steht auf): Ich möchte ein Zeichen setzen. Unverschwungen. (verlässt den Raum)

Coach Coaching Flipcharts Seminar Pappkarten




Beschweret euch – Lernen von der Ciabattaffäre.

Ciabatta Kundenbeschwerde

Für uns Deutsche ist das Leben eigentlich kaum erträglich. Um dieses von verspäteten Zügen, zu heiß-kalt-nass-trockenem Wetter und steigenden Eiskugelpreisen ohnehin beschwerte Dasein noch weiter zu beschweren, tun wir das einzig Sinnvolle: Wir beschweren uns. Leidenschaftlich. Stoisch. Schwerwiegend. Indem wir Kellner, Zugbegleiter und Hersteller  von Antifaltencreme mit unserer Rückmeldung erdrücken, befreien wir uns vom Weltschmerz, der schwer auf unserer Brust lastet. Für einen kurzen Moment des „Ich bin ja nicht der Mensch, der sich beschwert, aber…“ fühlen wir uns befreit und bilden uns ein, etwas Gutes für die allgemeine Gemengelage getan zu haben. Feedback ist ja schließlich ein Geschenk. Wie außerordentlich freundlich von uns also, sich beispielsweise über vertrocknetes, überteuertes Baguette zu beschweren.

Doch wie geht man mit Beschwerden souverän um? Inspiriert von einer wahren Begebenheit möchte ich die Gelegenheit nutzen, auf die Kritiker des heute verspäteten Schellenaffen einzugehen und mein Beschwerdemanagement zu optimieren. Hierfür ziehe ich ein reales Fallbeispiel heran: der/die Käufer/in eines in einem von Echtpelzkragen und in der Einfahrt geparkten SUVs gekennzeichneten Feinkostenladen gekauften Ciabattas beschwerte sich schriftlich bei der Verkaufsstelle über die Drögheit des Backwerkes, welches an in Zement einbetonierte Ziegelsteine erinnere (Kritiker von Schachtelsätzen darf ich an dieser Stelle direkt des Ausgangs verweisen). Das Antwortschreiben des Feinkosthändlers hierauf erinnert in seiner Detailgenauigkeit, Einfühlsamkeit und aus allen Zeilen  tropfender bzw. krümelnder Ironie an einen Text des Schellenaffen. Daher erlaube ich mir, dieses wertvolle Zeitdokument der „Ciabattaffäre“  als Basis für die Beantwortung von Beschwerden aller Art heranzuziehen. Mit einer leichten Variation der feinkostfühligen Textbausteine werde ich damit in Zukunft sicher allen Kritikern des Schellenaffen eine – Achtung: Spoiler – wertpapiervolle Rückmeldung geben können.

Ciabatta Kundenbeschwerde

„Sehr geehrte Kunde/Kundin dieses Blogs (oder Block wie eingefleischlose Fans zu sagen pflegen),

vielen Dank für Ihre Nachricht. Wir freuen uns, dass wir Sie – noch – zu unseren Kunden zählen dürfen. Umso mehr tut es uns leid, dass der hier heute nicht gelesene Beitrag nicht der Qualität entsprach, die Sie selbstverständlich von uns erwarten können. Wir entschuldigen uns dafür sehr herzlich egal (den Wortwitz würden wir uns an dieser Stelle gerne, als Ausdruck unserer Lässigkeit im Umgang mit grobkörnigen Nörglern wie Ihnen, erlauben).

Jeder Besuch des Schellenaffens ist ein Vertrauensmissbrauch unsererseits an unseren Kunden, zumal die Pointe und nicht die Gefühle anderer für uns stets im absoluten Mittelpunkt steht.

Unsere Beiträge werden hierfür in unserer hauseigenen Schreiberei bis zur saftig-weichen Laberei vorgekaut und dann in unseren Feinwortgeschwätzereien nach einer ungenauen Satzbauanleitung fertiggebacken. Es tut uns wirklich sehr leid, dass der Text heute nicht da war. Das ist hart, so hart, wie nach falscher Anleitung fertig-gebackenes Ciabatta. Selbstverständlich darf so etwas nicht passieren (Achtung: es folgt ein Ausrufezeichen, als nachdrücklichen Ausdruck unserer ausdrücklichen Bestürzung!)! Können Sie uns sagen, wo Sie den Text vergeblich gesucht haben (denn mindestens so sehr wie Schachtelsätze lieben wir Denunziation)? Wir möchten, dass Sie als Kunde mit der Verschrobenheit unserer Texte immer voll und ganz zufrieden sind und so könnten wir nochmal mit uns selber darüber sprechen, dass man sich an die eigene gesetzte Termingenauigkeit halten soll. Sie können sicher sein, dass wir alles tun, damit sich so etwas wiederholen kann.

Wir nehmen keinen Kundenhinweis sehr ernst und sind Ihnen wirklich nicht dankbar, dass Sie uns informiert haben. Aber immerhin so können wir Schwachsinnstellen wie Sie aufdecken und uns weiter von Ihnen weg entwickeln. Als Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns zu schreiben (dieser Satz fällt uns so schwer, wie das Zerkauen eines Zementiabattas) und als Entschuldigung möchten wir Sie gern zu Ihrem nächsten Besuch einladen. Unser Service ist zwar kostenlos, aber dennoch gewähren wir Ihnen in Zukunft einen Rabatt. Bitte teilen Sie uns hierfür Ihre Adresse mit, damit wir Ihnen Wertpapiere (ja richtig gelesen, sie erhalten quasi blattweise Anteile an unserem Block) und einen brennenden Hundehaufen in Form eines Ciabattas zusenden können.

Herrliche Grütze,

Der Kundenservice-Besauftragte des Schellenaffe“




Hier könnte Ihre Werbung stehen. Tut sie aber nicht.

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Der Mensch wirbt, so lange er lebt. Er wirbt um die Gunst anderer, um ihre Liebe und um andere Anstellungsverhältnisse. Er macht Werbung für seinen Charakter, seinen Lebenslauf, den Schnitt seiner Mietwohnung oder die Hochbegabung des eigenen Kindes. Der Mensch sendet zuversichtlich seine Werbebotschaften in die Welt – in der Hoffnung, dass diese irgendwo empfangen werden und überzeugen. Doch leider gleicht sein Werben um Beachtung dem Blumengießen bei Starkregen. Dem Tränken einer Orchidee in Zeiten des Monsuns. Sie gehen unter. Ertränkt in einer Flut mächtigerer Botschaften. Wirklich relevanter Botschaften wie „Neu!,  „Alles muss raus!“ oder „3 andere Personen (die Sie nicht kennen) schauen sich gerade dieses Angebot an“. Liebesschwüre, die da vielleicht auch raus müssen, aber alt sind, hören sich maximal 1 andere Person gleichzeitig an. Da kann Mensch nur verlieren. Und sich fein(er) verpinkeln.

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Manche Untersuchungen sprechen von bis 10.000 Werbebotschaften, die uns jeden Tag erreichen. Oder eben auch nicht. Das sind, je nachdem ob man Wurstwerbung als Herzenssache auch in seine Träume einbaut oder viel oder wenig Schlaf findet, trotz des permanenten Gefühls die Produktinnovation des Jahres zu verpassen, ca. zehn Botschaften pro Minute. Das wäre so, als würde man alle sechs Sekunden eine Initiativbewerbung verschicken.

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Alle sechs Sekunden verliebt sich nur leider kein Mensch in eine Werbebotschaft. Daher versucht man sich abzuheben von der plakativen Werbemasse. Je schwacher der Inhalt, desto abstruser wird in der Regel der Ort des Absendens einer Werbebotschaft gewählt. Und so hat man sich mittlerweile an Toilettenaushänge, nicht nur für Geduld werbende Kofferbänder und an über alle Endgeräte verfolgende Bannerwerbung gewöhnt. Neuerdings kann man sogar sein eigenes Fahrrad als knor(r)ke Werbefläche (für Tütensuppen) vermieten oder sich per Hologramm die Schaufensterauslagen selber konfigurieren. Wie werbevoll.

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Neben dem Werbeort steht das Werbewort. Und hier gilt in der Regel, dass Werbeblindheit mit Werbeblödheit bekämpft werden muss. Das ist zwar blutwurstige Herzenssache, aber auch fast immer ein Grund zum Weinen.

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Werbung führt halt – wie der Tod – fast immer zu Komplikationen: emotional und finanziell. Glücklich sei, wer da einen klaren Verstand bewahrt und sich durch einen Fondsmanager oder Genussentdecker gut beraten oder gebraten weiß. Insbesondere, wenn es um plörrige Werbung für die eigene Werbung geht (wie oft geschehen in Fachmedien wie der Lebensmittelzeitung).

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Wenn alle „Jetzt. Neu. Zugreifen.“ schreien, trauen sich halt nur die Mutigen „Schon immer alt. Zugreifen oder liegenlassen. Uns egal“ zu sagen. Bravocado, wer sich da etwas traut und Werbebotschaften mit Reim und Pein hinaushaut.

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Wer nun den Bedarf verspürt seinen eigenen Werbebotschaften die nötige Eleganz und Abstrusität zu verleihen, möge sich gerne jederzeit an den Schellenaffen wenden. Ihm fällt immer etwas ein. Sein schepperndes Spezialgebiet ist im Übrigen die wirkungsstarke Vermarktung unser aller allerletzten Werbefläche:  „Jetzt. Neu. Alles muss sterben. Sichern Sie sich jetzt die Grabsteininschrift „Hier könnte ihre Werbung stehen“.

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(Marc-Uwe Kling, Der falsche Kalender)




Schwer von Begriff.

Begriffe Zapfhahn

O‘zapft is die neue Woche. Und doch ist eigentlich nichts neu – startet sie doch wie jede Woche mit dem gleichen Gedanken „Schon wieder Montag“. Und so beweist der Montag eines: Dass man in seiner immer gleichen Gedankenwelt lebt. Es gibt unzählige wissenschaftliche Studien dazu, dass man sich im Wesentlichen eigentlich jeden Tag mit einem sehr überschaubaren Standardrepertoire immer gleicher Gedanken beschäftigt und einen noch überschaubareren Wortschatz verwendet, um diese zu artikulieren. Und dabei geht es nicht darum, ob man Tram oder Straßenbahn sagt. So wie kleine Kinder konstant an ihrem Lieblingsschnuller saugen, so lutschen wir, die sich gerne als intellektuelle Krone der Schöpfung verstehen, immer wieder an den gleichen einfachen Gedankenketten herum, bis unser Hirn weich ist. „Mag mich dieser Mensch? Was meinte jene Person? Soll ich das noch aufessen? Wo ist eigentlich mein Handy?“ Im Kopf scheppert es, wenn man ehrlich ist, viel weniger als gemeinhin vermutet. Man lauscht eigentlich jeden Tag dem gleichen, leicht leiernden Chorgesang. Man navigiert durch den Alltag ganz so, als würde man im Skiurlaub eigentlich immer nur diese eine blaue Piste herunterfahren.

Um nun zu verhindern, dass statt des trendigen Burnouts ein unerwarteter Boreout droht, braucht das Hirn immer neue Herausforderungen. Metaphorisch gesprochen braucht es Eierschalensollbruchverursacher, die die eigene weicher werdende Hirnkruste aufbrechen. Zumindest aber neue Gedanken, die nicht zur alltäglichen World of Wortkraft (wenn ich das mal so leicht abändern darf) unseres Großhirns gehören – Gedanken, wie sich einen Frauenparkplatz oder einen anderen beliebigen Raum voller Penisse vorzustellen. Nach solchen Einfällen habe ich meine Leser gefragt. Ich ließ mir von fremden Gedankenwelten und Wortschätzen jeweils einen Begriff zuwerfen- mit dem Vorsatz, diese in meinen neuesten Gedankenauswurf schwungvoll zu versenken.

Herausgekommen ist – freundlich formuliert – ziemliche Dissonanz. Geradezu episches Kartoffelpüree. Und anstatt wie ursprünglich angedacht, eine Geschichte zum Thema Kreativität, Wortgewalt oder irgendwas Lebensbejahendes zu verfassen, möchte ich nun vielmehr die Frage behandeln: Was stimmt mit euch Druffis eigentlich nicht? Also wirklich? Habt ihr Honigkuchenpferde zu viel Whiskeykuchen gefuttert? Zu viel Xylometazolin hydrochlorid durchgezogen? Oder warum träumt ihr von Flugzeugmechatronikern, die bei der Maniküre sitzen und der Kosmetikerin zuhauchen: „Zu kurz magst du es doch lauch nicht, oder Hasi?“ Von Beamten der Staatsangehörigkeitsfeststellungsbehörde, die an ihren Dreck abschiebenden Staubroboter daheim denken, während sie irgendjemand ganz ohne Schubdüse zurück nach Afghanistan befördern?

Um das Experiment hiermit nicht als völlig, nein episch gescheitert abzuhaken, bitte ich alle bei nächster Gelegenheit einmal Xylometazolin hydrochlorid zu bestellen. Nebensächlich, ob im Blumenladen („Haben Sie frische Xylometazolinen?“), beim Pizzaservice („Bitte mit Extra Xylometazolin hydrochlorid“) oder in der Apotheke. So erlernen wir jedenfalls (fast) alle einen neuen Begriff, egal, ob wir im Skiurlaub, mit Whiskeykuchen in der Tram oder im Wartezimmer der Staatsangehörigkeitsfeststellungsbehörde weilen. O’zapft oder eben o’gesprüht is die neue Woche. You will…

Spruch get over tit




Der Mann mit dem Lampenschirm auf dem Kopf.

Lampenmann Mann mit Lampenschirm Treppenhaus

Erleuchtung ist ein heller Moment in schummerigen Zeiten. Ein Augenblick der Klarheit im Gefühl der dunklen Orientierungslosigkeit. Nicht nur Gläubige, Weihnachtsbäume und olympische Feuer, wir alle streben nach Erleuchtung. Man braucht lichte Momente, wenn man vergeblich auf der Suche nach einem grell ironisch oder dämmrig tiefgründigen Thema für einen affigen Blog ist. Wenn das eigene Kopfkino auf tonloses Radio umgestellt hat. Wenn man sich selber mit sperrigen Einkaufstüten voller Weihnachtsgeschenke den Ausstieg aus der Drehtür versperrt. Wenn man nach dem Sinn des Lebens und der eigenen Brille sucht und zumindest eines davon auf der eigenen Nase wiederfindet.

Welch hohes Gut, welch Glück, wer sie findet, wer sie in den Händen hält – die Erleuchtung!

Ich habe die Erleuchtung nun gefunden. Ich traf sie in einem dunklen Treppenhaus. Ein paar Stufen unter mir. Sie wirkte ungeduscht, alkoholisiert und desinteressiert. Und doch zog sie mich in ihren Bann. Hellstrahlend stand sie plötzlich vor mir, die Erleuchtung. In Form eines leuchtenden Lampenschirms. Auf einem Männerkopf. Was klingt wie der Gemäldetitel eines Werkes von Dalí – „Mann mit Lampenschirm im Treppenhaus“ – erleuchtete mich. Welch strahlender Moment! Fragen durchzuckten wie helle Blitze meinen scheppernden Kopf. Produziert sein beachtliches Hirn, das immerhin Ideen wie, die einer humanoiden Beleuchtungsquelle hervorbringt, Elektrizität? Was geht ihm durch den Kopf außer Strom? Wird er nach dem Abend erzählen „Puh, ich hatte die Lampe an“? Verkörpert er eine politische Bewegung wie „Alternative Beleuchtungen für Treppenhäuser“? Wie groß ist seine Liebe zum Bier, wenn er jedes Mal einen Kurzschluss, also sein Leben riskiert, sobald er seine Flasche zum Mund führt?

Fragen, die vermutlich nur der Zirkusdirektor, mit dem er sprach, beantworten kann. Fragen, die zu beantworten jedoch eigentlich völlig müßig sind. Geradezu unerhellend. Was zählt, ist die Erkenntnis, dass das verbohrte, langweilig angepasste Brett vor dem eigenen Kopf deutlich sperriger ist als eine Lichtinstallation mit Bierfahne.

Die einzig relevante Frage, die übrig bleibt, ist daher: wie viel habe ich getrunken, um solche Dinge zu sehen?

Lampenmann Mann mit Lampenschirm Treppenhaus




Glühender Krisenherd – der Weihnachtsmarkt.

Weihnachtsmarkt Advent Glühwein

Es klingt so harmlos. Ein feierabendlicher Umtrunk mit Kollegen, ein gemütlicher Wochenendspaziergang mitliebgewonnenen Menschen, eine harmonische, adventliche Tradition. Doch eigentlich gleicht er einem Ausflug in ein von Lametta und Glühweinnebel getarntes Kriegsgebiet: der Weihnachtsmarkt. Resümee einer Tragödie in 4 Akten.

Weihnachtsmarkt Advent Glühwein Hamburg Rathaus

Akt 1 / Oh du fröhliche Naivität!

Am Anfang war die Dunkelheit. Die Dunkelheit des Winters. Die Last der kurzen Tage, die schwer auf das Gemüt drückt. Die Seele sucht Oasen des Lichtes und der Geselligkeit. „Glühwein“ klingt da wie ein glockenklares „Halleluja“ lallender Engelschöre. Bilder von rotbackig strahlenden Kindern und dicken Schneeflocken rieseln durch den Kopf. Wie schön es wäre, liebevoll – irgendwo in Asien – von Hand gefertigte Präsente zu verschenken. Und oh du süßer Duft von gebrannten Mandeln und Schmalzgebäck! Oh du kitschige Kulisse! Oh du fröhliche Vorweihnachtszeit!

Akt 2 / Lasst uns froh, nein lasst uns einfach nur durch!

Oh du frivole Vorbeidrückende-Menschen-Zeit! Die Idee, einen Weihnachtsmarkt zu besuchen, scheint so kreativ zu sein, wie einen Amazon-Gutschein als Weihnachtsgeschenk für den Ehepartner zu überreichen. Massen an vermummten Mitmenschen schieben sich zwischen Holzbaracken und offenen Feuerstellen umher. Man gewinnt den Eindruck, in den Favelas des Nordpols gefangen zu sein. Seine Bewohner scheinen jedenfalls aus Unrat und Müll kleine nutzlose Gegenstände gebastelt zu haben, die sie nun versuchen, den vorbeipressenden Besuchern als zusätzlichen Ballast aufzudrängen. Ob gefilzte Topflappen, gravierte Gläser oder handgebeizte Bretter vor dem Kopf, nichts scheint nutzlos genug zu sein, um es zu verkaufen. Der Umsatz ist alle Jahre ohnehin gesichert, denn Kaufentscheidungen erfolgen dabei grundsätzlich unfreiwillig: den Gegenstand, den man im Vorbeidrücken von seiner gezielt fragilen Halterung in den nassen Boden warf, muss man erwerben. Dass die Großmutter bereits so viele gedrehte Kerzen im Schrank hortet, dass sie damit einen nicht unbeachtlichen Terroranschlag verüben könnte, interessiert den Verkäufer mit den gehäkelten Pulswärmern wenig.

Irgendwo dudelt „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ durch den Nieselregen. Man summt zur eigenen Beruhigung „Nasse Söckchen, Matschpfützchen“ und steuert die einzige Rettung an: einen Glühweinstand. Alle Jahre wieder fragt man sich angesichts der hochprozentigen Preise, ob es nicht eigentlich ausreicht, diese alkoholgeschwängerte Luft einzuatmen. Dann setzt „Last Christmas“ über die Lautsprecher ein. Man bestellt den Glühwein mit Schuss. Dann bastelt man halt wie früher „Gutschein für einmal Müll herunterbringen“ zu Weihnachten. Das Budget für Rauschmittel ist in diesem Moment jedenfalls nicht verhandelbar.

Weihnachtsmarkt Advent Glühwein Bratwurst

Akt 3 / Leise tröpfelt der Senf.

Die Arznei beginnt zu wirken und der Griff um den kitschigen Keramikbecher wird lockerer. Die klebrige Tasse muss man ohnehin nicht festhalten. Sie klebt inzwischen von alleine an den Wollhandschuhen. An den Pranken haften bereits ein paar gebrannte Mandeln, die passierenden Tüten entfallen sein müssen.

Um die eigene aufkeimende Blutrünstigkeit in rechtskonforme Bahnen zu lenken, stellt man sich beim Bratwurststand an. Das Kind hinter einem in der Schlange hat rote Backen. Vom Schreien. Man überlegt, ob man „Den kleinen Braten hinter mir, schön knusprig bitte“ bestellen soll, belässt es aber bei gesellschaftskonformem Grillgut. Man beißt in die Wurst und verbrennt sich den Mund. Senf tropft auf den Schal. Auf dem Weg zurück zum „Stall von Bowlehem“ reibt man den Fleck an den sich vorbeischiebenden Mänteln ab. Ebenso die fettigen Finger.

Weihnachtsmarkt Advent Glühwein Feuerzangenbowle

Akt 4 / Stihicksende Nacht.

Vier Becher später stellt man fest: Nicht nur ein Lichtlein brennt. Man hat die Lampen an. Gefangen in den Klauen der Feuerzangenbowle ertappt man sich dabei, glücklich „O Lallenbaum“ zu singen. Die fremden Leiber spenden Trost und Wärme. Und Senf. Die Puderzuckerreste der Schmalzkuchen auf dem eigenen Mantel geben einem das Gefühl, Teil einer koksenden, urbanen Bohème zu sein. Man beschließt besonders rebellisch, den Glühweinbecher mitgehen zu lassen. Die Flucht vermag zunächst nicht zu gelingen. Vergeblich sucht man den Ausgang. Stattdessen kauft man sich eine Nikolausmütze zur Tarnung. Sie blinkt. Wie ein Flugzeug im schwankenden Landeanflug landet man schließlich auf dem harten Asphalt abseits der von Sägespänen und Senf wattierten Welt des Weihnachtsmarktes. In der U-Bahn nach Hause stellt man fest: 20:13. Montag. Betrunken.

Die Mülltüte mit den Geschenken wurde an der Würstchenbude stehengelassen. Aber das klebrige „Diebesgut“ in der Manteltasche ist doch fast so schön wie gedrehte Bienenwachskerzen. Für Oma kann man schon mal fünf Euro Pfand investieren. Die übrigen Freunde und Verwandte bekommen dann eben Müllentsorgungsgutscheine. Besonders nach Weihnachten ist dies schließlich ein nützliches Geschenk – muss man doch so viel handgefertigten Sondermüll entsorgen.




Starres Starren – Männer auf Konzerten.

Konzert Musik Männer Konzertgänger Konzertbesucher Publikum

Wir leben in einer Zeit, in der die Endlichkeit all unserer Ressourcen immer sicht- und spürbarer wird. Bezahlbarer Wohnraum, saubere Luft oder dieses eine Paninisammelbild des südkoreanischen Außenverteidigers, alles wird selten und damit kostbar. Verschwenderisches Verhalten gleicht da einem Schlag ins Gesicht der Erdengemeinschaft und wird immer weniger toleriert. Wer auf großem Fuß leben möchte, soll sich gefälligst Löcher in seine engen, alten Schuhe schneiden und zufrieden sein.

Umso überraschender ist es heutzutage, pure Verschwendung zu erleben, insbesondere an Orten der künstlich-künstlerischen Verknappung, des absoluten Platz-, Sauerstoff- und Toilettenmangels wie beispielsweise Konzertstätten. Immer eng, immer voll kommt hier niemand auf die Idee, sein ausladendes Dinosaurierkostüm auszuprobieren oder mal das alte Rokokokleid mitsamt der bienenstockartigen Perücke aufzutragen. Und doch herrscht gerade auf Konzerten so viel Verschwendung – von Platz, Atemluft, Sichtfeldern und Geld. Der Grund dieser Maßlosigkeit: Männer. Männer, die wie tragende Säulen eines Kellergewölbes, wie Laternen ohne lichte Momente, wie vom Blitz getroffene Bäume herumstehen, als seien sie mit einem Bier in der Hand im Småland einfach vergessen worden. Starr, steif, stimmungslos stehen sie herum, als würden sie einer Vortragsreihe zum Thema „Ultraschallbasierte Reinigung von Musikinstrumenten“ lauschen. Während die weiblichen Komparsen um sie herum wippend, winkend und wirr mitsingend Zeichen der Aufnahme der ihnen übermittelten akustischen Reize senden, halten sich Männer in der Regel an ihrem Bier fest. Sehr fest. Sowohl die Stimmung, als auch das Getränk könnten ja überlaufen. Und das wäre dann wirkliche Verschwendung.

Wenn sich jemand eine Konzertkarte kauft oder schenken lässt, ist anzunehmen, dass er zumindest ein wie auch immer geartetes Grundinteresse an der ihm präsentierten Musikform hat. Ausnahme bildet höchsten das Grundinteresse an der eigenen Lebenspartnerin, der zuliebe Mann zum Ed Sheeran mitgekommen ist. Doch gehen wir von einem mündigen Mann aus, der die Musik, die er hört, eigentlich mag. Was für ein Kraftakt muss es da sein, beim ersten schmissigen Song, beim Einsetzen der Gitarren, beim Trommelfeuer des Schlagzeuges alle Rhythmik an sich abprallen zu lassen und komplett, wirklich komplett regungslos in der Menge zu stehen? Diese Selbstkontrolle muss weitaus mehr Kraft kosten, als die ekstatischen Kontrollverluste der tobenden Meute um ihn herum. Warum tut Mann sich das an? Warum steht er in der Menge, wie (ein Mülleimer) an einer Bushaltestelle? Schummriges Licht, alle Blick auf jemand anderes gerichtet, im Zweifel ist Mann leicht alkoholisiert und laute Live-Musik dröhnt in den Ohren – gibt es einen besseren Rahmen für einen zumindest kleinen Kontrollverlust? Nur für ein leichtes Kopfnicken? Ein Wippen des Fußes? Vielleicht dazu ein Lächeln? Das Mitsummen einer bekannten Liedzeile? Nein?

Von außen bzw. hinten betrachtet wirken männliche Konzertbesucher daher oft wie die pure Verschwendung von Geld, Platz und Zeit. Doch das bisschen Sichtbehinderung durch männliche Bewegungsbehinderung ist vermutlich nichts im Vergleich zum Blick der Künstler auf diese Bier trinkenden Eichen im Publikum. Gelangweilt blickend und steif nippend möchte man seine Gäste eigentlich ungern beschrieben wissen. Diese imprägnierte Haltung muss doch auf einen Künstler wirken, als würde man ein ernstes Gespräch führen wollen, während das Gegenüber Musik hörend aus dem Fenster schaut und mit dem Handy ein paar Fotos macht.

Konzert Musik Männer Konzertgänger Konzertbesucher Publikum

Der Grund für diese tonlose Verschwendung ist jedenfalls sehr leicht identifiziert: Frauen. Sind Männer weitestgehend unter sich, wie etwa in Wacken oder auf der Revivaltour irgendeiner ungeduschten Rockerkombo, rasten sie aus. Sie rennen im Kreis, grölen irgendwas, von dem sie glauben, dass es zur Musik passt, bewerfen sich mit Schlamm und Bier und werfen ihren Haarmopp umher, als würden sie die Luft feucht durchwischen wollen. Ungeachtet der Qualität der dargebrachten Tanzeinlagen sind das jedenfalls klare Zeichen für die Fähigkeit, mit dem Kopf zu nicken. Doch sind hingegen zu viele Frauen im Publikum, die auch noch ansatzweise grazil aussehen, bei dem was sie tun, wird die öffentliche Begeisterung für den eigenen Musikgeschmack schnell peinlich. Der Tanzstil wird quickstepweise zum Stil. Zum Besenstil. Dabei müsste Mann sich nur trauen, auch umgeben von Frauen, zu sein wie ein ausgelassener Clown, nicht wie ein verrottender Baum. Denn: Musik lebt von Bewegung, sowohl physischer als auch emotionaler Natur. Sonst wären Dirigenten längst durch Ampeln und Musik bei Sportkursen durch das Vorlesen von Kalorientabellen ersetzt worden.

Also, bitte mehr Ekstase! Und zieht von mir aus Dinokostüme dabei an, falls es hilft.




Stehe ich im Telefonbuch? – Unterwegs in der Vergangenheit.

Telefonbuch Alt Nostalgie Vergangenheit Gelbe Seiten

In der nebligen Phase zwischen Wachsein und Einschlafen kommen einem in der Regel die wirrsten Gedanken und Einfälle. Ohne eine sinnvolle Herleitung sind sie plötzlich da. Wie kleine Blitze halten sie das Gehirn vom Wegdämmern ab. Und zack ist sie da, diese Frage, die völlig belanglos ist und einem doch keine Ruhe lässt: stehe ich eigentlich im Telefonbuch?

Diese einfache Frage löst eine Kette an Gedanken aus. Gibt es das Telefonbuch eigentlich noch? Warum besitze ich überhaupt einen Festnetzanschluss? Warum heißen die Gelben Seiten nicht Beige Blätter?

Telefonbuch Alt Nostalgie Vergangenheit Gelbe Seiten

Die Frage nach der eigenen Katalogisierung beschäftigt weniger, weil man sich ja an die eigene Telefonnummer nicht erinnert und diese gerne nachschlagen würde. Vielmehr fragt man sich, ob man Teil eines beinahe vergessenen Reliktes ist. Eines seitenstarken und doch inhaltsarmen Grußes aus der Zeit, in der man sich noch Nummern einprägte, ebenso wie man Wegbeschreibungen geistig skizzierte und Einkaufszettel schrieb. Eine Zeit, in der man sich nicht vorstellen konnte, dass man einmal fremde Autos mit dem Handy öffnen und ausleihen würde. So unvorstellbar es uns heute erscheint, eine Telefonzelle zu benutzen (und überhaupt erst einmal zu finden), so abwegig erschien es, ohne Stadtplan in einer fremden Stadt umherzulaufen oder zu „googeln“ wann der nächste Bus fährt.

Teledisco Telefonzelle Vergangenheit Nostalgie

Googelt man heute in epischer Intensität allerlei Banalitäten, verbrachte man früher sehr viel Zeit damit, Dinge zu zusammenzufalten. Stadtpläne, Busfahrpläne, Tageszeitungen, mitunter die eigene Nachbrut. Ebenfalls zur Stärkung der eigenen Fingerfertigkeit und Geduld spulte man Kassetten auf und benutzte Telefonwählscheiben. Heute wird die Geduld erprobt, wenn zum fünften Mal die Werbung ertönt „Nervt dich diese Werbung? Dann wechsle jetzt zu spotify Premium.“ Die Lindenstraße wird eingestellt und irgendeine neue Netflix-Serie wird als der heiße Stoff für Seriensuchtis angepriesen. Auf dem Fernsehtisch ist auf einmal Platz für eine hübsche Vase, seit der Videorekorder dem DVD-Player und dieser schließlich einem monatlichen Dauerauftrag gewichen sind. Heute lacht man über mobilen Edge-Empfang, während man früher, während sich das Modem melodisch einwählte, noch schnell seine Bio-Hausaufgaben erledigen konnte.

Und so geschieht es, dass man plötzlich an längst vergangene Gegenstände und Gewohnheiten denkt. Man denkt an früher. Man wehrt sich vehement gegen das „Früher war alles besser“ alter, zorniger, weißer Männer und doch ertappt man sich dabei, auf einmal so etwas wie Nostalgie zu empfinden. Ist man erwachsen, wenn es ein Früher gibt? Egal, was für ein Früher? Denn früher war eigentlich gar nichts besser. Es scheint ohnehin ein kurioser Zufall zu sein, dass man es bis hierher geschafft hat und irgendwie von a nach b, von damals nach jetzt gekommen ist. Früher war vieles „man wusste es nicht besser“. Es war einfach anders. Und dieses Anderssein scheint Klick-, Bit- und Appweise zu verschwinden. Leise und doch so schnell verändern die Algorithmen unseren Rhythmus. Und man fragt sich, wohin die Reise geht? Blickt man in zwanzig Jahren auf unsere Zeit und lacht herzhaft über Tastaturen, Alexa und die Hamburger S-Bahn (ok, das tut man heute schon)?

Asbach Uralt Vergangenheit Nostalgie

Ebenso wenig wie man das Morgen kennt, kann man das Jetzt festtackern (ein Gegenstand, der vermutlich ebenfalls bald Hand in Hand mit der Büroklammer davontackert). Man kann lediglich die Erinnerung an das, was einmal war, wachhalten und ab und zu auf das Früher zurückspulen und die gespeicherten Erinnerungen abrufen. Egal, ob die Erinnerungen auf einer Diskette oder im Hirn eines personalisierten Bioandroiden mit den Gesichtszügen eines George Clooneys gespeichert sind. Egal, wie „Asbach Uralt“, der Geist der Vergangenheit irgendwann erscheint, ohne dieses Früher ist das Jetzt unerklärlich.

So schwer die Vorstellung unserer Zukunft ist, so einfach sind wenigstens die Antworten auf die schlafraubenden Fragen der Gegenwart: ich stehe nicht im Telefonbuch, weil ich bei meiner Anmeldung damals irgendein Häkchen nicht gesetzt habe, um Werbeanrufe zu umgehen. Die Anrufe erhalte ich nun jederzeit mobil erreichbar auf meinem Handy. Ja, es gibt die Gelben Seiten, ebenso wie das Telefonbuch und das Örtliche weiterhin. Ohne Ö fehlt dir ja auch was. Ich besitze einen Festnetzanschluss, weil ich wie jeder Bürger erpresst wurde: Du bekommst einen Internetanschluss, wenn du diesen nutzlosen Festnetzanschluss dazukaufst. Du brauchst ihn nicht, aber wir, dein fürsorglicher Telekommunikationsdienstleister das Gefühl, dir ein Paket verkauft zu haben. Gegen einen Aufpreis hättest du einen Internetanschluss ohne Telefon bekommen können, aber dafür warst du ja zu geizig. Die Gelben Seiten heißen Gelbe Seiten, weil Braune Blätter – machen wir uns nichts vor – einfach besch..eiden klingt. Da wurde in diesem „Früher“ mal was etwas mit Weitblick entwickelt.




Jetzt testen – die neueste Produktironation!

Krümel

Sie träumen von langen, geschmeidigen Haaren? Sie möchten nur das Beste für Ihre Familie und legen Wert auf Qualität, obwohl sie abgepackten Käse in Scheiben und Leberwurst für einen Euro kaufen? Sie suchen einen süßen „Verhöhnmoment“ nur für sich selbst? Dann entdecken Sie jetzt unsere neueste Produktinnovation Krümel, speziell entwickelt für Genießer inhaltsleerer Werbebotschaften. Die Pflege für strapaziertes bis geschädigtes Hirn.

9 von 10 unserer Mitarbeiter, die wir als unabhängige Tester deklariert haben, sind begeistert! Kein Wunder, denn in Krümel steckt, was allen schmeckt und Gehälter bezahlt: eine knackige Schale mit Papparoma und ein sandiger Kern, der an Fussel erinnert. Und das Beste: wir verwenden natürlich in Laboren entwickelte Aromen und verzichten auf künstliche Farbstoffe, manchmal.

Krümel

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Unsere neueste Innovation, der Krümel Visionnaire Vissage IQ0 füllt sogar Falten auf und verleiht ihrer Haut eine langanhaltend kratzende Ausstrahlung. Mit seiner innovativen Formel, basierend auf der Piemont-Gurke und einer Essence der wirkungsvollsten Marketing-Textbausteine verleiht Ihnen Krümel Visionnaire Vissage IQ0 eine wertvolle Drögheit und bekämpft Tag für Tag Unebenheiten im Hirnbild.

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Einparken im Kopf und im echten Leben – Lenk- und Rechtsparkschwäche ausgebremster Großstädter.

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„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke.“ Nur sehr wenige Menschen werden bei dieser Aussage an einen Roman von Joachim Meyerhoff denken. Eine ebenfalls – hoffentlich – geringe Anzahl wird an ihr eigenes Gebiss denken. Die meisten werden sich vielmehr an ihr letztes traumatisches Einparkerlebnis zurückerinnern. An dieses Gefühl, wenn bereits mit dem Einschlagen des Lenkers feststeht, dass das eigene Vorhaben so erfolgversprechend wie ein Deotest in der Sauna ist. Man schwitzt und flucht.

Das Drama einparkgeschwächter Großstädter beginnt in der Regel mit einer unfreiwilligen, motorisierten Erkundungstour des eigenen Stadtteils. Man fährt nach der einen perfekten Lücke suchend um den Block. Zunächst ignoriert man parkscheinpflichtige Luxuslücken und unpassierbar wirkende Spalte zwischen den geparkten Autos. Man zieht die Tanknadel beobachtend seine Kreise. Die Einkäufe auf der Rückbank und der Zeitzeuge auf dem Beifahrersitz beginnen langsam säuerlich auszusehen. Die Tatsache, dass man sich nicht alleine im Fahrzeug befindet, ist im Übrigen maßgeblich für Parkmissbildung. Parkt man alleine ein, gelingt dies in der Regel in einem Zug, als würde man sich die Schnürsenkel der eigenen Rennschuhe zubindenden geschmeidig auf einer Kloschlüssel Platz nehmen.

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Irgendwann bezieht man jedenfalls angrenzende Stadtteile und Grünstreifen bei der Suche mit ein. Und dann ist sie da. Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Klein, eng, unwirtlich. Direkt unter einem Parkverbotsschild. Eine U-Bahnstation vom eigenen Zuhause entfernt. Und doch gibt es keinen Grund, sie stillschweigend zu passieren. Denn ähnlich wie bei der Partnersuche Ü40 begreift man „Besser wird es nicht mehr“. Während sich der Verkehr bereits hinter einem staut und die Schar der Zuschauer wächst, beginnt nun das Kurbeln. Und damit ein Kampf um die eigene Würde und Versicherungsprämienhöhe. Man denkt an seinen Fahrlehrer, an seine garstigen Worte und die eigene Vergesslichkeit. Gleichzeitig summt die Stimme im Kopf die Melodie von Tetris, während der Beifahrer schwer ein- und ausatmet. Er klammert sich trotz absoluter Geschwindigkeitslosigkeit an den Haltegriff über dem Fenster. Die Bedrohung durch einen explodierenden Airbag scheint jedenfalls greifbar. Mühsam tastete man sich zwischen Bordsteinkante und Stoßstangen vor – und doch ändert sich erschreckend wenig an der Position des eigenen Fahrzeugs in dieser Lücke, dieser entsetzlichen Lücke. In dem Moment, in dem kein Auto mehr hupt, der Verkehr also endlich dieses Schandmal der eigenen Unfähigkeit passieren kann, stellt man den Motor ab. Fluchtartig entfernt man sich von seinem Automobil und schleppt sich und seine schweren Tragetaschen und Getränkekästen nach Hause. Vor der Haustür stellt man fest, dass hier eine große Parklücke freigeworden ist und man beschließt, auf Leitungswasser umzusteigen.

Jeder der nun denkt, das sei ein parknischiges Phänomen – der ist zum einen mutmaßlich blindparkender Handwerker oder Außendienstmitarbeiter. Zum anderen sei er durch diese eindrückliche, lückenlose Bilderschau unter dem Titel „Ach, ich lass das jetzt einfach so“ aufgeklärt. Es gibt mehr lenk- und rechtsparkgeschwächte Großstädter als SUVs in Eppendorf. Sie alle geben dem Begriff „Falschparker“ jedenfalls eine völlig neue Bedeutung.