Balkonszenen, komische Vögel und sonderbare Gespräche.

Balkonszene Schloss Romeo Julia

KATRIN.

Willst du schon gehn? Der Vertrag ist ja noch fern.

Es war die Koalition, und nicht die Neuwahl,

Die eben jetzt dein taubes Ohr durchdrang;

Sie singt des Nachts auf dem Konferenztisch dort.

Glaub‘, Anzugonkel, mir: es war die Koalition.

CHRISTIAN.

Die Neuwahl war’s, die Aufmerksamkeitsverkünderin,

Nicht du Grüne; und sieh den verzweifelten Horst,

Der dort im Süden der letzten Tage zählt:

Die Sondierung hat ihre Kerzen ausgebrannt,

Der muntre Medienrummel erklimmt die dunst’gen Höh’n:

Nur Konflikt rettet mich, Kompromiss ist Tod.

KATRIN.

Trau‘ mir, das Licht ist nicht des Braunkohle Licht,

Die Grüne hauchte dieses Luftbild aus,

Dein Moralträger diese Nacht zu sein,

Dir auf dem Weg nach Jamaika zu leuchten;

Drum bleibe noch: zu gehn ist noch nicht Not.

CHRISTIAN.

Laß mich euer Parteiprogramm greifen, ja, laß es mich töten!

Ich gebe es gern in mein Altpapier drein, wenn du es willst.

Nein, jenes Grün ist nicht des Liberalen Geschmack,

Der bleiche, vegane Abglanz nur von Lindners Stirn.

Das ist die Neuwahl, deren Schlag

Hoch über uns Merkel trifft.

Ich bleibe ungern: zum Gehn bin ich verdrossen.

Willkommen, Tod! hat Katrin dich beschlossen. –

Nun, Ökiherz? Noch tagt es nicht, noch plaudern wir.

KATRIN.

Es tagt, es tagt! Auf! eile! fort von hier!

Es ist die Neuwahl, die so heiser singt

Und falsche Liberale, rauhen Mißton gurgeln.

Man sagt, der Neuwahl Harmonie sei süß;

Nicht diese: sie zerreißt die unsre ja.

Die Neuwahl, sagt man, wechselt mit der Minderheitenregierung

Die Angela: möchte sie doch auch die Stimmen!

Die Stimm‘ ist’s ja, die das Volk uns schreckt,

Dich von mir jagt, da sie den Populismus erweckt.

Stets neoliberal und neoliberaler wird’s: wir müssen scheiden.

CHRISTIAN.

Neoliberal? Vegetarisch stets und vegetarischer unsre Leiden!

Die Kanzlerin kommt herein.

KANZLERIN.

Fräulein!

KATRIN.

Angie?

KANZLERIN.

Die gnäd’ge Gräfin kömmt in Euren Kleinkrieg;

Seid auf der Hut: schon regt man sich im Kanzleramt.

Kanzlerin ab.

KATRIN das Fenster öffnend.

Solarenergie, schein‘ herein! und Feinstaub, flieh‘ hinaus!

CHRISTIAN.

Ich steig‘ hinaus: laß dich noch einmal öffentlich attackieren!

Er steigt aus dem Fenster.

KATRIN aus dem Fenster ihm nachsehend.

Feind! Ratte! Schwätzer! Willst du dich verpieseln?

In den Nachrichten du jeden Tag zu jeder Stunde;

Schon die Minut‘ enthält der Tage viel.

Ach, so zu rechnen, bin ich hoch in Jahren,

Eh‘ meine Regierungsbeteiligung ich wiederseh‘.

CHRISTIAN.

Leb wohl! Kein Mittel lass‘ ich aus den Händen,

Um dir, du Grünkernbratling, meine Missgunst zu senden.

KATRIN.

O denkst du, daß wir je uns wiedersondieren?

CHRISTIAN.

Ich zweifle nicht, und all dies Sondieren dient

In Zukunft zu meinem süßen Geschwätz.

KATRIN.

O Gott! ich hab‘ ein Glück ahndend Herz.

Mir deucht, ich säh‘ dich, da du unten bist,

Als lägst du tot in eines Umfragetief.

Mein Auge trügt mich oder du bist unbeliebt.

CHRISTIAN.

So, Bioböhnchen, scheinst du meinen Augen auch.

Der Schlafentzug trinkt unser Blut. Leb wohl! leb wohl!

Ab.




In der Sirene liegt die Kraft.

Tchibo 100% meins

Letzte Woche wirkte ich noch voller Tatendrang. Lebensfroh, hochmotiviert und geradezu ekelerregend optimistisch. Doch nun fühle ich mich schwach und erschöpft von Alltag und Altpapierentsorgung. Der Akku ist leer. Ich schlurfe durch die Tage und Straßen ohne Antrieb, erdrückt von Problemen und Sorgen. Matt und ausgebrannt suche ich Trost – und finde Hoffnung. Denn ich weiß genau, wer mich aus meiner Lethargie befreien und mir neue Energie spenden kann. Ich wende mich an einen alten Freund und verlässlichen Partner.

Tchibo. Trotz gescheiterter Bewerbung (um den besten Job der Welt) weiß dieser Seelenretter mich einfach immer zu elektrisieren. Wie bei einem „originellen“ USB-Ladegerät Zapfhahn legt Tchibo immer wieder den richtigen Hebel um und „schon startet der Ladevorgang“. Ob ein realer oder virtueller Besuch, bei meinem Lebensretter fühle ich mich, als sei ich in einen Trinkbrunnen gefallen – als sei ich in einem „zerlegbaren Brunnen gefiltert und mit einer Pumpe umgewälzt“ worden.

Wie auf einem schwebenden Kugelschreiber gleite ich mit Feuereifer und „möbelschonender Filzunterseite“ durch den Tag. Kleine Probleme und Warzen rasiere ich „sehr gründlich, dabei schonend und gleichmäßig“ mit dem Fusselrasierer weg. Die „galvanische und optische Energie“ des Silk’n-Glide™-Xpress-Haarentfernungsgerätes gibt den großflächigen, haarigen Alltagssorgen dann den Rest. Scheinbar unlösbare Herausforderungen des Alltags benebele ich wiederum einfach mit dem Aromadiffusor – denn „dieser (…) erzeugt einen feinen Nebel, über den (Probleme und Bakterien) im gesamten Raum verteilt“ werden. Wie galvanisch.

Unterwegs lade ich mich auf mit einem Notstrom-Akku im Börsenformat. Doch zuhause entspanne ich endlich wieder, weiß ich doch mein Heim und meinen Schlaf in den sicheren Händen eines Kaffeehändlers. Fliegt eine Amsel oder ein emotional geworfenes Brillen LED-Leselicht gegen die Scheibe, alarmiert mich der Glasbruchsensor – der mit seinem Signalgeräusch das Glas dann sauber zum Bersten bringt. Gleichzeitig wirkt der Sensor auch „nach außen sichtbar (…) zusätzlich abschreckend“. Weniger Besuch ist schließlich mehr Me-Time. Möchte jemand dennoch meine kostbare Ruhe stören – im sanften 90db Sirenengeheule – wird er durch den Türstopper mit Alarm (120db) oder den Fenster- und Türalarm (105db) aufgehalten. Ein Leben „ganz ohne Bohren“ von Freunden. Fühle ich mich dann doch mal einsam, dann verlasse ich mich auf den Multifunktions-Sicherheitssensor mit Steckdose zur „Simulation von Anwesenheit“. So fühle ich mich geborgen „auch ohne, dass sich jemand nähert“. Wie liebenswert.

Tchibo

Völlig ungestört verbrauche ich schließlich Strom und tanke Energie vor der Tageslichtlampe, lausche dem vertrauten Bellen des elektronischen Wachhundes, trockene meine Nägel und selbstgemachte Apfelringe im Nageltrockner, bringe mit dem Char-Broil® Digital Smoker „meine Grill-Fähigkeiten auf ein ganz neues Niveau“, geniesse das was auch immer des Mikrodermabrasionsgerätes oder hüpfe mit meinem elektronischen Springseil in ein glücklicheres Leben. Immer im Takt der diversen Alarmsignale. Welch energetische Symphonie.

Zugegeben: aufgrund der verschiedenen Signaltöne, die meinen Alltag begleiten, ist es mitunter schwerer geworden einzuschlafen. Doch auch mit diesem Problem lässt mich Tchibo nicht alleine und stellt mir eine Einschlafhilfe, ein „Sandmännchen für Erwachsene“ auf den Nachtisch. Dank „sanfter Lichtprojektionen“ genieße ich „automatisches Abschalten nach 3, 8 oder 16 Minuten“. „Denn wer ruhig und gleichmäßig ein- und ausatmet, kann besser“ überleben. Visionär. Mein mit offenen Augen gefundenen Schlaf (sonst sehe ich die Lichtprojektion nicht) lasse ich dann vom Schlaf-Tracker traumgenau überwachen. Der ideale Partner im Bett ist schließlich „kontaktfrei“ und „nicht spürbar“. Und sollte sich durch dieses Sicherheitssystem doch mal jemand in mein Bett verirren, wird er – „am frühen Morgen, am späten Abend“ – mit der LED-Laufmütze entsprechend ausgeleuchtet. Natürlich „mit Vorder- und Rücklicht für bessere Sichtbarkeit“ von großen und kleinen Löffelchen. Wie erhellend.

Nur bei einer Tätigkeit hat mich Tchibo etwas enttäuscht – herbstliche Kastanien muss ich anscheinend immer noch ganz mit eigenem Antrieb und ohne akustische Signalisation durchlöchern. Aber immerhin kann ich so auch gleich „präzise Löcher“ in meine Stromrechnung bohren. Wut und Vandalismus werden damit „zu einer sicheren Sache“. 100% meins.




Sweatdown in der Sauna – textilfreie Würdelosigkeit oder wonniges Pekip für Erwachsene?

Sauna Schwitzen heiss

Mir wird heiß. Immer heißer. Mein Puls beginnt wie ein progressiver Deep House Beat schneller zu schlagen. Schweißperlen bilden sich auf meiner Haut. Der Mann neben mir stöhnt leise. Er ist nackt. Ich bin nackt. Wir starren beide schwer atmend auf den Boden, auf unsere nackten Füße vor uns. Ich spüre seine Nacktheit wie eine Bedrohung. Die Spannung ist zum zerreißen. Ich fühle mich von unsichtbaren Augen beobachtet. Meine Bewegungen fallen schwer. Ich sitze und starre ins Leere. Wie konnte das passieren? Ich und mein Arbeitskollege nackt – nebeneinander.

Ich werde aus meiner panischen Nacktstarre gerissen. Ein Mann betritt den Raum „Moin. Ich hab euch Litschi-Guave mitgebracht. Besonders belebend.“. Das nicht auch noch.

Aufguss. 

Ich stehe abrupt auf. Den Rest Würde zurücklassend und ein unangenehmes Glitschgeräusch von mir gebend laufe ich zunächst in das schwungvoll über die Köpfe kreisende Handtuch des Saunameister. Wie ein Maestro dirigiert er die Schwitzenden. Ich stolpere unrhythmisch zur Tür, hinaus aus der Sauna, hinein ins Freie. Frische Luft strömt durch meine Lunge. Ich atme tief ein und wickele mich wie ein Dürüm in mein Handtuch. Langsam schleicht sich die zwiebelige Erkenntnis in meinen Kopf: Ich habe das Geschlechtsteil meines Arbeitskollegen gesehen. Au Backe, au Pobacke.

Die kühle Luft entfacht Atemzug um Atemzug schließlich eine ungeahnte Empörung in mir. Frustration, Wut, Ärger formiert sich um ein einziges Wort: Textilfrei.

Wie kann man in einer freien, demokratischen Gesellschaft wie der deutschen zur Nacktheit gezwungen werden? Warum zahle ich auch noch Geld dafür? Und warum gibt es keine Warnhinweise und Sicherheitseinweisung beim Betreten einer Saunalandschaft?

„Schwimmbrillen im Pool verboten – sie können zu nachhaltiger Schädigung der Sehfähigkeit führen.“

„Achtung, auch im Falle des sehr wahrscheinlichen Zusammenstoßes mit weisungsbefugten Vorgesetzten, Geschäftspartnern oder Grundschullehrern gilt die Textilfreiheitspflicht. Wir raten dazu Ruhe zu bewahren und hektische Bewegungen, Augenkontakt und bückende Körperhaltungen zu vermeiden. Denken Sie immer daran: ihr Gegenüber hält Sie und Ihre Nippel mindestens genauso bedrohlich wie Sie die Ihnen Gegenübergestellten.“

„Notausgänge sind nur im äußerten Notfall zu benutzen (Erektionen sind keine Notfälle). Sie stehen dann nackt auf der Straße. Ist dann halt doof.“

Sauna Schwitzen Finnische Sauna 90 Grad heiss goldenes Schild

Würde man entsprechend aufgeklärt – Aufklärung ist ohnehin das zentrale Thema der Sauna – wäre das mit der Entspannung viel einfacher. Ein Sauna-Besuch unter dem Motto „Pekip für Erwachsene nur ohne Urinieren“ ist schließlich wie eine Geo-Reportage über Grottenlurche in Papua-Neuginea – mit der nötigen Distanz durchaus faszinierend. Denn über allem schwebt die beruhigende Erkenntnis: alle Menschen werden nackt geboren und sehen nackt einfach naja aus. Live und als farbiges 3D-Bewegtbild sind wir eben doch alle zerdellt und schwabblig. Ist jemand vielleicht straffer als der schwitzende Bundesdurchschnitt hat er zum gerechten Ausgleich Haare an Stellen, die man nicht für möglich gehalten hätte. Der Geschäftsmann mit Schlemmergewölbe, die Putzfrau mit draller Oberweite  – alle egalitär vereint und ohne schützende Statussymbole bedeckt. Ob der wabbelnde Wanst durch Wachteleier oder Wopper angefressen wurde, ist schliesslich selbst für das geschulte Auge nicht auszumachen. Zwar gilt auch hier „Oben wird die Luft besonders dünn“, aber dennoch gibt es in der Sauna keine Hierarchien und Rangordnungen. Das Bisschen an bodenlosem Schamgefühl sollte man da doch irgendwie wegfächern und sich zur Entspannung unter Gleichen zwingen können.

Bleibt die Frage, wie man den normalerweise hierarchisch getrennten Po-Backen beim nächsten angekleideten Zusammentreffen am Kaffeeautomaten begegnet. Wohl kaum mit einem „Die Muttermale solltest du mal untersuchen lassen“ oder „Wirklich genital deine Idee im letzten Meeting“.

Vermutlich eher mit einem „Achtung, sehr warm“.

 




Flugreisen – ein Besuch in der Kita Blauer Kranich

Flugzeug Fliegen über den Wolken Stadt von oben Stadion

Flugreisen sind wie ein Besuch in der Kindertagesstätte Blauer Kranich:

Man ist auf viel zu kleinem Raum eingepfercht mit Menschen, denen man – wenn keiner hinsieht – gerne eine Schippe an den Kopf werfen würde. Denn die Gestalten, mit denen man den Tag verbringt und neben einem hocken, hat man sich nicht selber ausgesucht. Doch wurde beim Betreten der Räumlichkeiten sorgfältig darauf geachtet, dass keine potentiellen Waffen den Weg in die Kita finden. Man überlegt sich stattdessen schreiend auf den Boden fallen zu lassen. 

Flugzeug Flughafen Fliegen Startendes Flugzeug Start Abflug Landebahn

Gesessen wird auf Möbeln, die für Kapuzineräffchen, aber nicht für ausgewachsene Menschen gemacht sind. Gespeist wird breiige Kost oder trockene Brötchen – ohne Besteck, da man damit nicht umgehen kann. Man bekleckert sich dennoch. Kleidung zum Wechseln wurde einem vorsorglich jedoch mitgegeben.

Wenn das freundliche, aber eigentlich herrische Personal immer und immer wieder die gleichen Dinge sagt, hört man nicht zu. Egal, ob sich die vornehmlich weiblichen Betreuer dabei albern verrenken oder die Kita-Leitung mit ernster Stimme aus der Ferne unverständliche Dinge verlauten lässt. Lieber beschäftigt man sich damit Wimmelbilder aus bunten  Miniaturlandschaften anzuschauen und den roten Traktor zu suchen. Die abgenutzten Malbücher, die einem zur Verfügung gestellt werden, findet man eher ignorierenswert.

Flugzeug Fliegen über den Wolken Rocky Mountains

Vornehmlich, aber nicht ausschließlich bei langen Kita-Besuchen schläft man am helllichten Tag ein und träumt davon, einmal Pilot zu werden. Geweckt wird man in der Regel vom Johlen und Klatschen der anderen. Hinausgehen darf die Gruppe aber immer nur geschlossen und zu festen Zeiten, egal wie sehr gedrängelt und geschupst wird oder wie stickig die Luft auch ist.

Den ganzen Tag hofft man aber eigentlich nur, dass man abgeholt wird – und sich bis dahin keiner übergeben musste.

Flughafen Flugzeug Airport Düsseldorf




Ein blindes Huhn sagt mehr als tausend Worte.

Schellenaffe Das Leben ist schön Sonne Kinderspielzeug Affe mit Becken

Das Scheben ist so lön. Es hält so viele Lacher, Freudentränen und Schmunzler für uns bereit, ohne dass man sich besonders anstrengend müsste. Die stetig sprudelnde Quelle dieses unerschöpflichen und unerwarteten Lohfrockens ist eine einfache Lebensweisheit von Millionen von Erdenbürger: erst reden, dann denken.

Da fragt man, ob es das Schuhpaar auch eine Grummer nößer gibt. Man bestellt, eine Flasche Gas ohne Wasser. Man sagt „Links“ und geht nach rechts.  Man bewundert im Amerika-Urlaub, dass die Kinder hier so gut Englisch sprechen. Da winkt man mit dem Pfaunzahl. Da sitzt man im Zugfleug und erklärt der Stewardess gönnerhaft, dass man definitiv auf dem richtigen Platz säße – um dann darauf hingewiesen zu werden, dass man sich auf dem Platz der eigenen Gatenummer befände. Welch bunderwahrer Pauxfas!

Gesichter Augenbrauen

Noch mehr Frund zur Greude birgt das Leben, seit es Autokorrektur gibt. Getreu dem Motto „Erst senden, dann lesen“  freuen wir uns  auf „Endlich Feuerbestattung“ (Feierabend). Wir suchen unsere Brüste (Bürste), wir haken Tod (Todo) Listen ab, wir treffen uns auf ein Weibchen (Weinchen) und dürfen dabei Hunde aufessen (aufpassen). Das Leben weiß es einfach, uns positiv zu überwachen (überraschen). Und für Spannung zu sorgen: klicken wir auf Antworten anstatt auf Weiterleiten sind wir gespannt, ob sich der ursprüngliche Sender bei „Dieses Ausmaß an Inkompetenz habe ich in der Form noch nie erlebt“ tatsächlich geschmeichelt fühlt. Oder die Geschäftsbeziehung feuerbestattet.

Großartig, genau davon brauchen wir mehr. Mehr Lügelzosigkeit! Mehr feinliche Pehler! Mehr linnsose Assaugen! Denn ein blindes Huhn sagt schließlich mehr als tausend Worte.

Ich möchte – trotz inhaltsleerer Wahlplakate und narkotisierender TV-Duelle – regiert werden von Schartin Mulz oder Mangela Erkel. Ich möchte würzigen Bamemcert  an der Trischefheke meines Ekedas bestellen. Ich möchte nach Rostock an der Nordsee fahren und Bischfrötchen essen. Ich möchte die Poffer kacken und kühle, prisch gefresste Camaruja-Schorle unter einem Schonnensirn trinken – in Madrid, Mailand, Hauptsache Italien.

Es hacht das Lerz. Es keppert der Schopf. Oh das Scheben ist so lön!




Wau – wenn ihr nicht werdet, wie die Tiere.

Hund Vermenschlichung Haustiere Verkleidet Hund mit Hut Hund mit Fliege

Ein lauter Ruf hallt durch die Büsche und Bäume des Stadtparks. „Karla-Sophie, komm doch bitte. Wir möchten nach Hause gehen!“ Doch der Ruf verhallt ohne eine Regung oder Bewegung. Karla-Sophie kommt nicht. Karla-Sophie möchte nicht.

Karla-Sophie uriniert stattdessen neben die Rutsche des Spielplatzes und knabbert danach ein Stöckchen an. Karla-Sophie ist kein süßes 5-jähriges Mädchen mit Schleife in den Haaren und dreckiger Latzhose. Karla-Sophie ist ein Beagle. Eine Schleife ist auf die Distanz hin im schon leicht ergrauten Fell nicht zu erkennen – aber auch nicht auszuschließen.

Hunde heißen nicht mehr Balu, Rex oder Wuschel, sondern Emma, Ashley oder Karla-Sophie. Seit wann ist diese neue Stufe der Vermenschlichung zu beobachten?

Seit Hunde in Betten statt in Hütten schlafen. Seit Katzen von Tellern statt aus Mäuselöchern fressen. Seit wir Konjunktive statt Befehle verwenden. Seit Haustiere endgültig keinerlei Funktion mehr haben als menschliche Nähe – in der Regel in Form von Partnern oder Kindern – zu ersetzen. Sie bewachen, transportieren oder ernähren uns nicht mehr. Sie sind einfach nur da – um da zu sein. Diese Form der „Nutztierhaltung“ und Erkenntnis ist nun wirklich nichts Neues. Neu ist das mittlerweile philanthropische Ausmaß der tierischen Liebe in unserer heutigen Gesellschaft. Tiertherapeuten, Katzenorthopäden, Hundekrankenversicherer und Hersteller von Tierbedarfsartikeln erfreuen sich steigender Umsätze. Nichts ist zu teuer, albern oder umständlich für den eigenen Vierbeiner, Kaltblüter oder Federnfreund. Glitzerndes Huffett für mehr Einhorngefühl beim Ausritt, strassbesetzte Halsbänder für mehr Glamour bei der Gassirunde, Terrinentorte für Terriers 5. Geburtstag, Stimmungsaufheller für den Sittich oder Zahnpasta, damit Karla-Sophie auch morgen noch „kraftvoll zubeißt“ – für unseren tierischen Freund tuen wir mitunter mehr als für unsere direkten Artverwandten. Wie könnte es anders sein, selbst Tchibo weiß es erneut diesen Trieb des modernen Menschen auszunutzen und bietet Kapuzenpullover für modebewusste Hunde, ferngesteuerte Spielmäuse für technikaffine Katzen oder Hundepools für die Delfintherapie zwischen Hund und Halter.

Katze Einhorn Siamkatze Plüschtier Plüscheinhorn Haustier Kuscheltiere Cat

Doch bei aller Haustierliebe, militanter Aufrüstung und Namensvielfalt beginnen wir scheinbar eines schleichend zu vergessen: dass der Lebenspartner, den wir hier gewählt haben, sich gerne in der Öffentlichkeit an deplatzierten Stellen leckt, sein eigenes Spiegelbild nicht erkennt oder sich vor Plastiktüten und Regenschirmen erschrickt. Diese feinen Tatsachen sollte man vielleicht nicht unter den mit Fellbüscheln unterspülten Teppich kehren und sich stattdessen fragen: macht es Sinn mit jemandem Geburtstag zu feiern, der sich seiner eigenen Existenz, geschweige denn seines eigenen Alterungsprozesses nicht bewusst ist? Nur so ein ganz unvoreingenommener, kafkaesker Gedanke.

Aber nun zur viel wichtigeren Frage: was machen wir mit den unzähligen vom Aussterben bedrohten Tiernamen? Möchte man diese Artenvielfalt leichtfertig auf dem Hundefriedhof oder in der Biotonne begraben? Nein, wir sollten ihnen als Form des nachhaltigen Recyclings eine neue Würdigung zukommen lassen. Wir sollten sie wiederverwenden. Egal für wen oder was. Die Vielfalt, Einzigartigkeit und Bilderwelt, die sich eröffnen, sind überwältigend. Vor Aufregung möchte man direkt selber auf den Wohnzimmerteppich nässen.

Wie herrlich haarig wäre es, wenn Garfield Gottschalk, Janosch Jauch oder Piggy Klum unsere Lieblingssendung moderieren würde. Wenn Bello Müller Bällen hinterherjagen und Tore schießen würde. Wenn Lori Fischer Lieder zwitschern würde. Wer möchte nicht Black Beauty aus Oberursel oder Flipper aus Köln-Nippes kennenlernen? Wer sich zu Edlerem und Individuellerem berufen fühlt, benenne sich gerne nach einem potenten Rennpferd oder Zuchthengst. „Hallo. Ich heiße Totilas und entstamme aus einer Donnerhall-Mutter“. Wem das wiederum zu hochtrabend ist, dem sei ein schlichtes Hansi, Flinky oder Tweety angeraten. Tschiep, ist das toll.

Selbst die Politik könnte hier weiter an Schwung (s. letzte Woche) gewinnen. Der delikate Wahlwerbe-Spot für Peterle Altmaier und Muschi Merkel wäre derweil schon fast fertig (unbedingt hier anschauen) – und würde zumindest Millionen Katzenfans zu einem süffisanten Miau auf dem Stimmzettel bewegen.

Ich denke, ich kann im Namen meiner liebreizenden Stubenfliege Angela sprechen, wenn ich sage: wir wären begeistert, wau!

 




Poesie und Politik – Plädoyer für mehr Stabreime für Stabschefs

Auf ein Bier mit Özedmir Bundestagswahl 2017 Wahlkampf Die Grünen Wahlplakat

Man möchte denken, der Bundestagswahl“kampf“ 2017 habe bereits seinen spektakulären Höhepunkt darin erlebt, dass bei einer Wahlkampfveranstaltung der Kanzlerin an der Siegbrücke in Siegen (kein Witz) Papptafeln mit „I ♥ Raute“ hochgehalten wurden. Wir nähern uns damit dem Zeitalter des Merkel-Emojis! Wow. Der bisherige Wahlkampf ist spannungsgeladen, unvorhersehbar und quotenstark, wie die dritte Wiederholung einer Traumschiff-Folge. Im Hessischen Rundfunk. Das Wort „Kampf“ erfährt eine völlig neue Bedeutung – die Ermüdungstaktik wird neu und sehr wörtlich interpretiert.

Merkel Raute Siegen Wahlkampf I love Raute Angela Merkel Kanlzerin
Foto: Westfalenpost

Doch nun kommt Schwung in die ganze Sache. Aber so richtig. Was ist der Vorbote dafür, dass uns sehr bald scharfe Attacken und spannende Duelle in ihren Bann ziehen und der Wahlkampf eine apokalyptische Intensität entwickelt wird? Cem Sessions! Plakate verkündigen die verheißungsvolle Botschaft – im Salon bei Hopfen und Malz darf hemmungslos gecemt werden. Wer sich unter dem Begriff Cem Session nichts vorstellen kann oder sich fragt, was ein nordalbanischer Fluss mit den Grünen zu tun hat, der sei beruhigt: Wortwitz und Poesie füllen an dieser Stelle und jeder anderen Stelle des Wahlkampfes die wunderbare Leere, die die fehlenden Inhalte hinterlassen.

Doch was macht den Zauber dieses Wahlplakates und damit dieses Wahlprogramms genau aus? Der Mut zum Reim! Welch Magie liegt in der Poesie. Sie fördert die Einprägsamkeit und öffnet gleichzeitig ganz neue Bild- und Assoziationsketten. Was trinkt der Özdemir wohl für eine Sorte Bier? Ab wann fängt er an zu nuscheln und wie alle anderen mit der Autoindustrie zu kuscheln? Hab ich meine Zeit vertan, wenn die Häppchen alle sind vegan?

Genau deshalb brauchen wir mehr Stabreime für Stabschefs! Hier direkt ein paar sicherlich mehrheitstaugliche Vorschläge:

  • Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben – und inhaltsleere Wahlplakate kleben.
  • Zeit für mehr Gerechtigkeit – und Martins Leben in baldiger Einsamkeit.
  • Zukunft wird aus Mut gemacht – diesen Slogan hat ein Praktikant vollbracht.
  • Denken wir neu – Zahnarztgattinen kauft anderes Katzenstreu!
  • Die Zukunft, für die wir gerne kämpfen – während die Grünen Bio-Brokkoli-Röschen dämpfen.
  • Programm für Deutschland – der Eintritt kostet den Verstand.

Dem Wahlkampfslogan der Grünen folgend, wäre es doch umso mutiger, wenn nicht nur temporäre Parteiprogramme, an die sich niemand weder in der Gegenwart noch in der Zukunft zu erinnern vermag, poetisiert würden. Warum nicht gleich die ganze Partei:

  • CDU – 16 Jahre Regierungszeit vergehen wie im Nu.
  • CSU – schaut her, was ich Drolliges in Dirndl und Lederhose tu.
  • SPD – ich werde Kanzler, ach nee.
  • Die Linke – nimm mich jetzt, auch wenn ich stinke.
  • Die Grünen – dank Tofu sollt ihr alle sühnen.
  • FDP – ohje.
  • AfD – tut der Petry mal endlich jemand weh?
  • Piratenpartei – und ihr dachtet die Zeit für LAN-Partys sei vorbei!

Wer sich nun wundert, warum dieser Beitrag vergleichsweise kurz und inhaltsleer war – der stelle sich schon mal auf den „Wahlkrampf“ ein. Er wird genauso. Einzig die folgende Frage könnte doch noch etwas Spannung in die ganze Scharade bringen: Trinkt Özdemir Bier auch vor vier?

Damit könnten wir gut und gerne leben.




I`m hangry – nice to eat you.

Hangry Foodart peaches Pfirsich angry sad traurig wütend

Ein Geständnis: Ich neige dazu hangry zu sein. Ich werde – wie der Bayer so treffend sagen würde – grantig, wenn ich nicht regelmäßig mit Nahrung versorgt werde. Egal wie das Wetter, der Kontostand oder die Weltpolitik sich mir präsentieren – meine Gemütslage wird im Wesentlichen von meinem Gastralsystem gesteuert. Die Laune hört einzig und alleine auf meinen Bauch. Genauer: auf den Füllstand meines Bauches. Der Einfachheit halber kennt dieser eigentlich nur zwei Aggregatzustände: hungrig oder überfressen. Dazwischen gibt es nur flüchtige Phasen, die so schnell verfliegen, wie der wohlige Klang eines Bäuerchens. Erlebst du mich in der hungrigen Phase fantasiere ich abwesend von Cupcakes und Cannelloni. Bin ich überfressen sprichst du mit einer körperlichen Hülle, die ihrem Verdauungsapparat gerade Kampfparolen (Go, Dickdarm, go!) zuruft . Ich bin also nie wirklich geistig anwesend – das wollte ich dir hiermit medium rare einfach mal sagen. Ich hab einen an der Waffel. Waffel? Hat jemand Waffel gesagt? Wo?

Menschen, die behaupten sie machten sich nichts aus Essen verachte und bewundere ich zugleich – so wie DJ Bobo. Aber mal ehrlich, welcher seriöse, selbst respektable Menschen, der auf einem Planeten lebt auf dem es Handbrot gibt, sagt so etwas überhaupt? Um alle diejenigen, die sich aufgrund gesellschaftlicher Konventionen zur geistigen Magenverkleinerung zwingen und sagen „Nein, nein ich bin satt“, zu entlarven, bediene ich mich eines anerkannten Analyse-Werkzeuges: des völlig willkürlichen zweistufigen Selbsttests – gemeinhin bekannt aus Frauenzeitschriften und Büchern von David Precht.

Stimmst du einer der untenstehenden, in einem aufwendigen Auswahlverfahren definierten Fragen mit Ja zu erhältst du ein Grillhähnchen. Am Ende der Befragung zählst du deine Grillhähnchen zusammen und erfährst, wie es um deinen Körperfettanteil bestellt ist. Und wie du ihn reduzieren kannst! Garantiert.

  • Ich teile nicht gerne mein Essen.
  • Ich wäge ab, wie viel du mir von meinem Essen weggenommen hast, wenn ich dich aus aufrichtiger Zuneigung dennoch probieren lasse.
  • Ich versuche stets unauffällig das größere Stück zu bekommen.
  • Ich esse schnell – aus reiner Gier.
  • Ich finde Essen manchmal besser als Sex.
  • Wenn im Büro Kuchen herumsteht, nehme ich mir meist mehr als ein Stück. Manchmal sogar ohne dem Geburtstagskind gratuliert zu haben.
  • Ich mache mehr Fotos von Essen als von Freunden.
  • Ich sage beim Frühstück, Mittagessen und Abendessen jeweils , dass es definitiv meine Lieblingsmahlzeit ist.
  • Ich erreiche maximale Sättigung durch den stetigen Wechsel zwischen süß und salzig – und bin immer wieder beeindruckt, was ich durch diese ausgefeilte Technik erreichen und -essen kann.

Ist die Anzahl deiner Grillhähnchen größer gleich eins, gehe zum zweiten Teil des Tests über. Wenn nein, verlasse bitte meinen Blog. Unmittelbar. Danke. Der zweite Bestandteil des Selbsttests besteht aus einer Formdeutungsanalyse – dem aus der Psychologie bekannten Tintenfischringetest. An dieser Stelle warne ich vor etwaigen pornografischen, lustfördernen Inhalten. Schaue dir folgende Abbildung eingehend an:

Essen Hunger Foodporn Gerichte Kuchen Kaffee Burger Sushi Drinks Fisch Steak

Bewerte nun deinen eigenen Speichelfluss auf einer Skala von 1 (so trocken wie der Humor von Angela Merkel) bis 10 (die afrikanischen Victoria Fälle im indischen Monsun). Multipliziere diese Zahl mit der Wurzel der Anzahl Grillhähnchen und dividiere diese wiederum mit der Quersumme deines Body Mass Indexes. Dann addiere die Kilogrammzahl deines letzten Steaks oder Tofubratlings und subtrahiere dieses Ergebnis wiederum mit der Anzahl angebrochener Nudelpackungen in deinem Schrank – quadriert mit der letzten Ziffer deiner Telefonnummer. Das Ergebnis deiner Berechnungen lässt sich dann wie folgt bewerten:

Was stimmt eigentlich nicht mit dir?

Hast du all diese albernen Berechnungen vorgenommen, weil du sehnsüchtig auf die ankündigten Diättipps wartest, mit denen du deinen Hunger in passable Konfektionsgrößen lenken möchtest? Doch das war eiskalt – wie gutes italienisches Eis – gelogen. Diäten sind fett- und geschmacklose Selbstverstümmelung – mit mageren 0,1% Sinnanteil. Für alle diejenigen, die nun mehr angry als hangry sind angesichts dieser Unverfrorenheit – esst Grillhähnchen. Ruhig ein paar. Die trösten dich. Oder Waffeln. Waffeln? Hat jemand Waffeln gesagt? Wo?

Hangry Foodart peaches Pfirsich happy




Der beste Job der Welt – fighting #firstworldproblems

Kennst du das auch: du möchtest eine Kiwi mit ins Büro nehmen, wirfst sie frohgemut in deine Tasche und kaum am Schreibtisch angekommen stellst du fest, dass du Kiwi-Smoothie auf dem Weg zu Arbeit produziert hast? Passierte Kiwi – passiert mir ständig. Ein Problem der Kategorie bestürzend.

Oder du möchtest dir ein frisches Müsli mit Banane machen. Messer und Banane in der Hand haltend fängst du an zu zittern, Schweißperlen bilden sich auf deiner Stirn, dieser Projektaufbau bestehend aus scharfem Gegenstand und erotisierender Frucht überfordert dich. Du legst dich weinend auf den Küchenboden und nuckelst abwechselnd an deinem Daumen und besagter, ungeschnittener Banane. Ein wiederkehrendes Trauma.

Oder du triffst dich mit Freunden zum Picknick im Park. Einer bringt ein Sixpack-Bier mit und du fragst dich im Laufe des Abends wie viel Bier in dem Sixpack war? Sieben? Drei Flaschen? So schnell verliert man den Überblick über sein Leben.

Doch gibt es Hoffnung und eine Lösung für alle deine Lebenskrisen. Wirklich alle.

Tchibo.

Kein Konzern ist so visionär und einflussreich wie dieser Bauchladen aus Hamburg. Ob die Kiwi-to-go-Box („Geschützter Transport und einfaches Essen unterwegs“), der Bananen-Blitzschneider („Mit einem Schnitt 6 Scheiben“) oder der mitzählende Flaschenöffner („Wow-Sound nach der 6. Flasche“) Tchibo nimmt sich der Ängste und Nöte einer von zu viel unsauber geschnittenen Bananenscheiben übersättigten Gesellschaft an.

Du denkst, du hast keine Probleme – dann schafft dir Tchibo gerne welche. Den feindlichen Früchten abgeschworen, entdeckst  du vielleicht Sport als gesunden Ausgleich. Du gehst joggen. Merkst jedoch schnell, dass du deiner eigenen Kondition leichtfüßig davonläufst und dich wie ein Energiefrosch („Ein kleiner Frosch mit großer Ausstrahlung“) fühlst. Tchibos Antwort auf diese Überheblichkeit: der Sprintfallschirm. In einem Sprintfallschirm über der Stadt fliegend, wirken die #firstworldproblems in der Tat gleichmäßig zerkleinert.

Kann man sich also einen besseren Beruf, als den des Produktentwicklers bei Tchibo vorstellen? Du zerschneidest (Kirschtomatenschneider), vakuumierst (Vakuum-Weinverschluss) oder dekorierst (Butterstempel „Skala für leichtes Portionieren und Blumenmotive zum verzieren“) tagtäglich die Probleme eines zur Lebensunfähigkeit veranlagten Millionenpublikums. Stell dir vor, du kannst deinem Date sagen, du hast den Smartphone-Schmuckstecker, Fuchs und Eule oder den Bommel-Maker (für „Pudelmütze oder putziges Tierchen“) erfunden. Die Fußmatte „Just married“ und die WC-Bürste mit Kindersicherung („damit man die Bürste nicht irgendwann im Kinderzimmer wiederfindet“) solltest du von deinen Firmenrabatten zeitnah bestellen. James Bonds Q wirkt gegen dich wie ein debiler Opi, dem die Gelenkwärmer, die Blutzufuhr zum Kopf abschnüren.

Firstworldproblems Tchibo Sprintfallschirm Kiwi To Go Box Bommel Maker Eule WC-Bürste mit Kindersicherung Bananen Blitz Schneider Enegriefrosch

Ein echter Traumjob. Um nun meinem Wunsch ins Entwicklungsteam aufgenommen zu werden sanft vakuumierten Nachdruck zu verleihen,  hier ein paar erste Produktinnovationsideen:

„Döner-To-Go Box inklusive Federung für sanften Anpressdruck – Ali wird staunen.“

„Schnittblumen-Vakuumierer in Form einer Vase in Eulengestalt – für zwar zerdrückte, aber dauerhaft frische Blumen.“

„Mohn-Zahnzwischenraumreinigungsset – der praktische Pinsel mit Ultraschall-Sensorik entfernt lästige Mohnkügelchen auch aus der verwinkeltesten Hackfresse. Mit Aufsteckbürste für Schnittlauch.“

„Avocado-Schneideset bestehend aus einem Kettenhandschuh und stumpfen Messer. Ideal auch für Mittelalterfestspiele.“

Bei aller Innovationskraft und Erfahrung für saisonale Trends wundert es mich, dass Tchibo eine Marktlücke scheinbar übersehen hat.  Aus gegebenem Anlass wäre doch ein G20-Protest-Paket eine wahrlich zündende Konsumidee gewesen: Mit Sprintschirm in Form einer geballten Faust (vor einem Polizisten in kompletter Einsatzuniform kann ja selbst der alte Q weglaufen), ein Rauch-Zerschneide-Set („Für das saubere Filetieren besonders heißer Luft“), den Blitz-Bierhalter („mitsamt Anzündvorrichtung für blitzschnelles Besaufen und Bombardieren“) und den Label-Maker-To-Go („Der ideale Begleiter für das Basteln kreativer Protestschilder im Wegrennen“).

So wäre Bangladesch wenigstens indirekt ein Teilnehmer des Gipfels gewesen.




Die Kraft der Symbole – von Eulen, Kakteen und Einhorn-Toilettenpapier.

Einhorn Toilettenpapier

Symbole besitzen eine eigene Kraft. Sie sind Stellvertreter für Worte. Sie erzählen ohne zu sprechen. Universell in ihrer Art kennen sie keine Ländergrenzen oder komplizierten Deklinationen. Denkt man an das christliche Kreuz, die weiße Friedenstaube, das Hakenkreuz oder das @-Zeichen beginnt man zu begreifen, welche Gewalt Zeichen besitzen können. Fahnen, Wappen, Firmenlogos, sie alle zehren von der simplifizierend und zugleich facettenreich Kraft der Symbolik.

Genau wie unsere Polkappen, wird diese natürliche, beständige Kraft nun von der modernen Gesellschaft bedroht. Denn: Symbole werden zur Mode, mit Symbolik lässt sich plötzlich Geld verdienen. Tätowierer, Modehäuser und Inneneinrichter erfreuen sich der stetig steigenden Zahl der süchtigen Symboliker. Doch wie kam es dazu? Den Anfang nahm ein harmloses Wesen der Gattung Strigiformes.

Die Eule.

Ihre großen Telleraugen und die das Kindchenschema-bedienende rundliche Statur erfreuten bald nicht nur Ornithologen und Förster, sondern fanden sich auf Goldkettchen, Handyhüllen und Geburtstagskarten wieder. Damit sich weder Vegetarier noch Fleischfreunde ausgeschlossen fühlen wechseln sich fortan Motive der Flora und Fauna halbjährlich ab. Es folgten demnach Kissenbezüge, Knöcheltattoos und Kaffeetassen mit Palmen, Füchsen und Ananas. Zwar lassen sich nicht immer Tattoos umgestalten und mit der Zeit wird, je nach Körperstelle und Erbgut des Bindegewebes, aus dem schönen Schmetterling ein bedrohlicher Flugsaurier – doch die Bebilderung unseres modernen Lebens lässt sich davon nicht aufhalten.

Derzeit befinden wir uns – ich denke, dass ist allen bewusst – im Zeitalter des Einhorns. Wer, wenn nicht ein Fantasiewesen, scheint das Umsatz- und Entzückungspotential der Symboliker auf eine magische Ebene gebracht zu haben. Es gibt beeinhornte Schokoladen, Verhütungsmittel, und Toilettenpapier. Wer nun erschöpft und mit unförmigen Tattoos übersät denkt, dass er mit dem Einhorn-Kondom seinen Höhepunkt erlebt habe und dass man nun wieder Schönheit der Farbe uni entdecken werde, sei bitte an Artenvielfalt unseres Planeten erinnert. Flamingo, gefolgt von Kaktus, Wassermelone und (Schellen-)Affe stehen bereits in den Startlöchern.

Das Einhorn war nicht der Endgegner, es war erst der Anfang.

Doch warum wischen wir uns mit Einhorn bedrucktem Toilettenpapier das Gesäß ab? Zum einen entfliehen wir dadurch blattweise der mitunter grauen Realität. Ein bisschen Glitzer wertet selbst den unglamourösesten Gang zu Toilette auf. Wir fühlen uns besonders – nur so lange es uns nicht alle gleich tun. Denn gleichzeitig sind Einhörner und ihre Nachkommen Ausdruck einer sich rasant selbstüberholenden Modewelt. Die Halbwertszeit unseres Zeitgeschmacks scheint sich stetig zu halbieren. Wer Silvester 2016 mit Einhorn-Sekt anstieß, galt als Visionär. Wer es 2017 tut, als Verlierer. Spätestens wenn wir jemanden, den wir unsympathisch und unmodisch finden wie z.B. Donald Trump, mit einem magischen Einhorn-Tshirt sehen, ist der Zauber vorbei. Und wir suchen nach dem nächsten kurzzeitigen Rauschmittel.

Einhorn Kostüm Mancorn

So vielfältig wie ihre Rauschmittel ist auch die Gruppe der Symbol-Suchtis selbst. Der gemeine Beobachter identifiziert jedoch drei Gattungen der Symboliker.

Die erste Gruppe der Tchibos sind Symboliker, die der Masse folgen. Sie konsumieren, ohne zu hinterfragen. Beliebte Motive sind hier der Anker (eine seltene Ausnahme aus der Flora-Fauna-Regel) oder die Schwalbe, die sich vermutlich auf dem Oberkörper deiner Zahnhygienikerin befinden wird. Als Quelle der Inspiration dient dieser Gattung das Sortiment eines Kaffeerösters.

Die größte und bekannteste Gruppe sind die Hipster. Symbole dienen hier zur uniformen Demonstration der Individualität. Hipster heben sich vom Mainstream durch einheitliche Screensaver und Socken ab. Die Eule nahm hier ihren Ursprung. Jeder Hipster würde jedoch leugnen jemals mit Eulen in Berührung gekommen zu sein. Beliebte Motive wie Ananas, mustache und Kakteen verdeutlichen: der Hipster mag es gerne bunt und stachelig. Inspiration findet er über das „Followen super nicer Influencer auf Insta“ – und durch Kindergeburtstagsdekorationsartikel. Genau hier hat die Eule übrigens ihren Ursprung.

Die eigentlichen Trendsetter sind die kleine Minderheit der liebevoll zu bezeichnenden Bekloppten. Sie sind äußerst progressiv in ihrer Bildsprache. Man denke an mit Strass versehene Totenköpfe oder Bockwürste als Motiv einer Oberarmtätowierung. Sie lassen sich weder von Menschen noch Tieren inspirieren, sondern ziehen ihre kreative, schöpferische Kraft einzig und alleine aus ergiebigen Drogenrauschen.

Wenn du nun leichtfertig denkst „Symboliker, wie albern. Den Quatsch habe ich doch noch nie mitgemacht“, drehe einmal deine Handyhülle, Kaffeetasse oder Bettwäsche um. Zum Trost alle derer, die nun in die Augen eines Einhorns oder Flamingos blicken: Nachts sind alle Symbole dunkel. Sei einfach froh, dass du selber keine Eule bist.