Ankommen ohne Ziel – Fragen an Sprinter und Life Coaches.

Straße Tunnel Transporter

Bald werde ich endlich schaukeln dürfen. Bald darf ich bei dir übernachten. Bald werde ich in die Schule gehen. Bald werde ich endlich ausziehen. Bald habe ich einen tollen Beruf. Bald ist Wochenende. Bald finde ich die große Liebe. Bald bekommen wir einen Bausparvertrag. Bald bekommen wir Kinder. Bald können unsere Kinder schaukeln. Bald ziehen sie aus.

Und schon bald bekomme ich eine neue Hüfte und denke an früher.

Unser Leben scheint ein ewiges Bald zu sein. Ein konstantes Wollen und Werden. Ein permanentes Planen und Vorhaben. So wie wir reisen, so leben wir. Immer die nächste Etappe im Visier, im Display des unbeseelten Navigationsgerätes. Wir leben auf der Autobahn. Nur in absoluten Notfällen halten wir auf dem Standstreifen. Kurvige Landstraßen bereiten uns Unbehagen. Sackgassen sind zynische Zeitverschwendung, wie ein erneut gelesenes Buch.

Straße Autobahn Sonnenuntergang Schild Vorbeifahren

Wir reisen mit festen Zielen. Wir leben mit festen Zielen. Planlosigkeit gilt als eine mittelschwere Vorstufe der kompletten Verwahrlosung. Man denkt an Kopfläuse und Wundliegegeschwüre. Lehnt man eine Beförderung ab oder möchte man auch ohne Familie in Teilzeit arbeiten gilt man als Karriereverweigerer und selbstverliebtes Opfer der Generation Y. Beantwortet man die Frage „Und wo sehen Sie sich in 10 Jahren?“ mit „ In der festen Umarmung meines Sofas“, wird einem geraten, einen Life Coach aufzusuchen. Coach statt Couch. Doch ist man, wenn man sein Leben daueroptimiert und am Ende einem Arbeitstitel, einer Ziffer auf einem Gehaltszettel oder fremden Erwartungen unterwirft nicht vielmehr ein Lebensverweigerer?

Es geht soweit, dass unsere Lebens-, ach bereits unsere Wochenendgestaltung mitunter an Kriegsplanung erinnert.  Bilder von uniformierten Männern, die mit Schiebern kleine Reiterfiguren über große Kartentische schieben und ernst schauen, kommen in den Sinn. Es gilt die Westfront mit Truppen aus dem Burgund zu sichern (Weinabend mit den Nachbarn), Versorgungstrupps loszuschicken (Einkäufe erledigen), einen Simulationskampf durchzuführen (Spieleabend mit Freunden) und einen Hinterhalt im Morgengrauen vorzubereiten (Brunch bei den Schwiegereltern). Wir scheinen einen permanenten Grabenkampf mit unserer verstreichenden Lebenszeit zu führen.

Der Mensch strebt solange er lebt. Stillstand ist atmender Tod. Wir scheinen in dem festen Glauben zu leben es gäbe eine Ziellinie, als würden wir mit unserer gerannten Lebensleistung genau festlegen können, wann dieses Endziel erreicht wird. Zwar mag die Wade oder gar der Laufpartner irgendwann schlapp machen, aber wir halten uns für den alleinigen Herrscher der Geschwindigkeit und zurückgelegten Distanz unseres Lebens auf der Autobahn. Erwarten wir, dass am Ende jemand applaudiert oder korrigiert „Die Schwungphase musst du etwas verlängern und präziser links abrollen“ ?

Doch was ist, wenn es keinen Sieger, kein Endziel gibt? Was, wenn das Sein gar keine feste Richtung hat? Weder eine Gerade, noch ein Rundkurs ist – sondern sich eher wie eine Wolke oder eine Pobacke darstellt: irgendetwas Deformiertes zwischen Anfang und Ende, etwas Formarmes zwischen Oben und Unten?

Was ist dann unser permanentes Rennen, wenn nicht eine Flucht vor dieser einen Gegenwart? Pläne, Möglichkeiten gibt es viele – ehrliche Realität nur eine. Wir sammeln Momente, als wären sie Kastanien auf der Straße. Wir fotografieren Erlebnisse, als würden wir sie uns für später aufheben wollen, weil wir gerade keine Zeit für sie haben. Wir kaufen Andenken, an die wir nie wieder denken. Ist unser Fotoalbum irgendwann voll, zu voll nehmen wir uns schließlich eine „Auszeit“ – von uns selbst, von unserem Leben. Im Schweigekloster, in der Hängematte, im Ausbildungskurs für Life Coaches stellen wir dann fest: Mist, du bist ja immer noch da. Man kann sich eben nicht selber auswechseln und durch einen neuen, frischeren Spieler ersetzen lassen. Die Auswechslung übernehmen irgendwann andere für uns.

Spielen müssen wir also selbst. Selber laufen. Oder am besten gemütlich gehen. Wenn der Weg das Ziel sein soll, dann sollte man doch eigentlich so langsam gehen wie es irgendwie geht. Lockeres Traben im Tempo eines Reiner Calmund sollte unsere Höchstgeschwindigkeit sein. Trampelpfad statt Autobahn. Spaziergang statt Wettlauf. Statt den Blinker links zu setzen, rechts den Wegesrand bewundern. Eine zugegeben empirisch schwach belegte These: es gibt schließlich noch immer mehr Blumen als Hundehaufen am Wegesrand zu entdecken. Wir leben in so sicheren Zeiten, wie kaum eine Generation vor uns. Diese Sicherheit ist ein kostbares Privileg. Ein Geschenk – wir sollten das Geschenk auspacken und uns daran erfreuen, anstatt es zu versichern, wegzusperren oder unbenutzt zu verkaufen.

Gehe doch heute mal wieder schaukeln. Es gab eine Zeit, da war das das wichtigste Ziel in deinem Leben. Und sage nicht „Das mache ich bald.“ – irgendwann ist bald zu spät. Für diese Erkenntnis muss man nun wirklich kein Life Coach sein.




Was werde ich, wenn ich doof bin?

Breakfast Bowl Essen von oben

Liebe Kinder,

heute möchte ich euch in unserer Unterrichtsreihe „Was werde ich, wenn ich groß bin“ einen wirklich tollen Beruf vorstellen. Letzte Woche haben wir über Lehrer, Ärzte und Schauspieler gesprochen. Doch das klang nach einer Menge Arbeit, oder? Der heutige Beruf für Sitzenbleiber hingegen verbindet das alles und ist eine viel aufregendere, bedeutsamere Arbeit, die aber nicht jeder von euch erlernen kann. Auch wenn man dafür gar nichts können muss. Und auch nichts lernen.

Ihr arbeitet mit wichtigen Menschen, also eigentlich vor allem mit euch selbst, zusammen. Ihr könnt den ganzen Tag zuhause sein oder einfach verreisen. Ihr werdet ganz viel ausschlafen und nie müde, ganz viel essen und nicht dick, ganz viel besitzen und nicht reich. Ihr werdet zerrissene Hosen tragen und seid trotzdem angezogen. Ihr sammelt ganz viele Freunde und Herzchen-Emojis und seid trotzdem alleine.

Heute geht es um den Beruf des „Influencer“.  

Aber was macht ein Influencer eigentlich? Ich habe euch ein paar Bilder mitgebracht, die euch zeigen, wie der tolle, aber anstrengende Arbeitsalltag eines Influencers aussieht. Er erwacht morgens in aller Frühe, schminkt und frisiert sich, legt sich wieder ins Bett und steht dann mit der Mittagssonne gut gelaunt und total ausgeschlafen auf. Hello World.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram caro_e

Zum Frühstück löffelt der Influencer dann alles, was das Hotelbuffet hergibt – immer aus einer einzigen Schüssel. Das mit dem Schneiden und Zerkauen fester Nahrung mag er nicht. Er mag sein Leben gerne breiig und löffelweise. Meistens legt er alle Zutaten in einer auf halb eins ausgerichteten, geraden Linie in die Schale – die Technik hat er vom frühkindlichen Koksen gelernt – und bedient sich ergänzend bei der Blumendeko am Buffet oder den Süßigkeiten vom letzten Karnevalszug der Kinder.

 

Instagram Influencer
Quelle: Instagram annafrost

Er nimmt sich dafür (too) much time – weil er noch auf den Postboten wartet, der ihm vermutlich eine Einladung zur Blogger-Konferenz in Bielefeld und die neue EINKAUFAKTUELL mit dem schwierigen Sudoku vorbeibringt.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram lindarellade

Ausgeschlafen und mit einem ganz dicken, voll gefressenen Bauch startet der Influencer schließlich  mit einer kleinen Fahrradtour (Distanz ca. 20m Holzsteg) in den Tag – ausgestattet mit Blumenkörben, seiner für diesen Moment auserwählten besten Freundin Bestie und diversen Fotofiltern. Der bescheidene Influencer needs nothing else.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram caro_e

Nach der Anstrengung springt er zur Abkühlung mit einem great shot in einen hübschen Pool und in das Gesicht eines Kleinkindes.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram caseyneistat

Nachdem er seinem Kind das Gesicht zertrümmert hat, zeugt er dann im Wasser so gleich ein paar neue kleine Influencer oder reitet auf hübschen aufblasbaren Gummitieren. So adorable.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram collagevintage

Manchmal reitet er auch auf einem richtigen Pferd – im Bikini an tropischen Stränden zum Beispiel in Nordamerika. Summer loving im Mai in Kanada. What an experience.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram luisalion

Naja oder er sitzt halt auf dem Gaul und denkt traurig an seine haarlosen, geruchsneutralen Gummitierchen. Einhörner oder Flamingos sind dem Influencer doch immer noch am liebsten. Schrill, bunt und voller heißer Luft sind sie eben einfach seine soulmates, seine loved ones.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram novalanalove

Natürlich macht der Influencer auch ganz alltägliche Dinge. Wie zum Beispiel Sport im Wattenmeer und Wäsche waschen.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram fionaerdmann (wie passend)

Oder er erledigt – trotz sehr, sehr vieler Nahrungsspenden, die ihn täglich erreichen – ein paar Einkäufe im Edeka. Burritos kauft er dann am liebsten im bequemen Döneroutfit.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram philjacob

Irgendwann ist auch ein Influencer mal müde von so viel Aktivitäten. Er ruht sich dann gerne auf der Straße sitzend aus – vorzugsweise in sonnigen Kurvenlagen. Klingt gefährlich, ist es aber nicht – ein einflussreicher, erhobener Arm, eine dicke Schicht Filter und ein Airbag voller luftleerer Likes schützt ihn ganz doll.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram dagibee

Ich könnte euch noch viel mehr von diesem spannenden Beruf erzählen, aber ihr möchtet jetzt wahrscheinlich nur eines wissen: wie werde ich Influencer?

Das ist ganz einfach. Es gilt einfach ein paar simple Dinge zu beachten:

  • Fotos: deine Hauptaufgabe besteht darin Videos oder Fotos von dir in ein soziales Netzwerk deiner Wahl zu stellen, die tägliche, un- ok überschminkte, schonungslose Wahrheit. Dabei gibt es zwei Arten von Bildern, die du verwenden solltest: zum einen Selfies, bei denen du einen Gesichtsausdruck machen solltest, als ob du gerade die Wurzel aus 34.987 ziehst und als Ergebnis einen Pups entfahren lässt. Zum anderen gibt es Fotos von dir aus der Ferne, bei denen du verklärt in den undefinierten Horizont und niemals in das Gesicht deines Gegenübers schaust. Selbst wenn dein Gegenüber gerade sagt „Ich liebe dich“ oder „You are a little too much for me“. Niemals Blickkontakt zulassen – geradeausschauen fällt dir bei deiner neuen klumpigen Mascara-Vollverschleierung in letzter Zeit eh recht schwer.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram jolinamennen

 

Instagram Influencer
Quelle: Instagram marenwolf

  • Sprache: deine Fotos musst du natürlich entsprechend beschriften und katalogisieren. Keine Angst, du musst dazu weder Deutsch noch Englisch beherrschen, schon gar nicht Groß- und Kleinschreibung. Zu verwenden ist eine ausgeklügelte Zeichensprache, stark gestotterte Emojiglyphen. Aber keine Sorge: die Simpsons, ein braunes Äffchen und deine Follower übernehmen das alles gerne für dich.
  • Kleidung: Die Dienstuniform des Influencer ist einfach, aber strikt: Sneaker, zerrissene Jeans und idealerweise Grabgestecke auf dem Kopf. Eine chiemseegroße Sonnenbrille oder das Gestell von Opa mit Fenstergläsern rundet die Tracht formverendend ab. An einem Bad Hirn Day solltest du dein Outfit durch stilvolle Accessoires wie Hundewelpen, Schwangerschaftsbäuche oder Partner, die dich hocheben (#hebebühne), aufwerten.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram santiagos_munez

 

Instagram Influencer
Quelle: Instagram marenwolf

  • Ernährung: anders als dir deine Mutter das beigebracht hat, ißt du alles was dir Fremde geben. Egal ob es Kinderriegel oder Gesichtscreme ist. Wobei du verzehrst das alles nicht wirklich – dann würdest du zu breit für das enge quadratische Format. Du machst ein hübsches Foto, schreibst yummy oder #foodporn darunter und verkaufst die nach Tapete schmeckenden, überteuerten Gaben dann bei Ebay. Deine Ernährung basiert einzig und alleine auf klarem Korn, den du in Coffee to go Bechern durch die Fußgängerzone deiner Kleinstadt trägst. Korn ist schließlich einfach ein tolles Produkt.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram luisalion

 

Instagram Influencer
Quelle: Instagram model_bianca_

  • Einkommen: du bist eine Wohltätigkeitsorganisation, die von Sach- und Geldspenden lebt. Das wunderbare daran ist, dass dich die Spender alle ausnahmslos richtig gut kennen. Sie schenken dir immer genau deine allerliebsten Produkte. Alles Dinge, die du wirklich magst und auf die du dein Leben lang gewartet hast – während du mit einer Ananas auf einer Parkbank oder mit Dünnpfiff auf einer Kloschüssel sitzt. Everything is gut verdaute flowers & pineapples.

Instagram Influencer
Quelle: Instagram novalanalove

 

Instagram Influencer
Quelle: Instagram pilotpatrick

Und nun die beste Nachricht zum Ende der Stunde: ihr könnt mit der Influencer-Karriere bereits jetzt als Kindergeldempfänger anfangen. Ihr müsst euch einfach mit eurem Frühstücksmüsli und zusammengekniffenen Wangen fotografieren. Fangt ruhig mal mit euren Smacks morgen früh an. Also hoch die Daumen – wer von euch möchte Influencer werden?

Gut, dann followed mir mal alle in den Tindergarten – dort erkläre ich euch dann die genaue Deklination und Viralität der vielen verschiedenen Herz-Emojis. 😘😍❤️💛💚💙💜🖤💔❣️💕💞💓💗💖💘💝💟♥️😻

 




Sweatdown in der Sauna – textilfreie Würdelosigkeit oder wonniges Pekip für Erwachsene?

Sauna Schwitzen heiss

Mir wird heiß. Immer heißer. Mein Puls beginnt wie ein progressiver Deep House Beat schneller zu schlagen. Schweißperlen bilden sich auf meiner Haut. Der Mann neben mir stöhnt leise. Er ist nackt. Ich bin nackt. Wir starren beide schwer atmend auf den Boden, auf unsere nackten Füße vor uns. Ich spüre seine Nacktheit wie eine Bedrohung. Die Spannung ist zum zerreißen. Ich fühle mich von unsichtbaren Augen beobachtet. Meine Bewegungen fallen schwer. Ich sitze und starre ins Leere. Wie konnte das passieren? Ich und mein Arbeitskollege nackt – nebeneinander.

Ich werde aus meiner panischen Nacktstarre gerissen. Ein Mann betritt den Raum „Moin. Ich hab euch Litschi-Guave mitgebracht. Besonders belebend.“. Das nicht auch noch.

Aufguss. 

Ich stehe abrupt auf. Den Rest Würde zurücklassend und ein unangenehmes Glitschgeräusch von mir gebend laufe ich zunächst in das schwungvoll über die Köpfe kreisende Handtuch des Saunameister. Wie ein Maestro dirigiert er die Schwitzenden. Ich stolpere unrhythmisch zur Tür, hinaus aus der Sauna, hinein ins Freie. Frische Luft strömt durch meine Lunge. Ich atme tief ein und wickele mich wie ein Dürüm in mein Handtuch. Langsam schleicht sich die zwiebelige Erkenntnis in meinen Kopf: Ich habe das Geschlechtsteil meines Arbeitskollegen gesehen. Au Backe, au Pobacke.

Die kühle Luft entfacht Atemzug um Atemzug schließlich eine ungeahnte Empörung in mir. Frustration, Wut, Ärger formiert sich um ein einziges Wort: Textilfrei.

Wie kann man in einer freien, demokratischen Gesellschaft wie der deutschen zur Nacktheit gezwungen werden? Warum zahle ich auch noch Geld dafür? Und warum gibt es keine Warnhinweise und Sicherheitseinweisung beim Betreten einer Saunalandschaft?

„Schwimmbrillen im Pool verboten – sie können zu nachhaltiger Schädigung der Sehfähigkeit führen.“

„Achtung, auch im Falle des sehr wahrscheinlichen Zusammenstoßes mit weisungsbefugten Vorgesetzten, Geschäftspartnern oder Grundschullehrern gilt die Textilfreiheitspflicht. Wir raten dazu Ruhe zu bewahren und hektische Bewegungen, Augenkontakt und bückende Körperhaltungen zu vermeiden. Denken Sie immer daran: ihr Gegenüber hält Sie und Ihre Nippel mindestens genauso bedrohlich wie Sie die Ihnen Gegenübergestellten.“

„Notausgänge sind nur im äußerten Notfall zu benutzen (Erektionen sind keine Notfälle). Sie stehen dann nackt auf der Straße. Ist dann halt doof.“

Sauna Schwitzen Finnische Sauna 90 Grad heiss goldenes Schild

Würde man entsprechend aufgeklärt – Aufklärung ist ohnehin das zentrale Thema der Sauna – wäre das mit der Entspannung viel einfacher. Ein Sauna-Besuch unter dem Motto „Pekip für Erwachsene nur ohne Urinieren“ ist schließlich wie eine Geo-Reportage über Grottenlurche in Papua-Neuginea – mit der nötigen Distanz durchaus faszinierend. Denn über allem schwebt die beruhigende Erkenntnis: alle Menschen werden nackt geboren und sehen nackt einfach naja aus. Live und als farbiges 3D-Bewegtbild sind wir eben doch alle zerdellt und schwabblig. Ist jemand vielleicht straffer als der schwitzende Bundesdurchschnitt hat er zum gerechten Ausgleich Haare an Stellen, die man nicht für möglich gehalten hätte. Der Geschäftsmann mit Schlemmergewölbe, die Putzfrau mit draller Oberweite  – alle egalitär vereint und ohne schützende Statussymbole bedeckt. Ob der wabbelnde Wanst durch Wachteleier oder Wopper angefressen wurde, ist schliesslich selbst für das geschulte Auge nicht auszumachen. Zwar gilt auch hier „Oben wird die Luft besonders dünn“, aber dennoch gibt es in der Sauna keine Hierarchien und Rangordnungen. Das Bisschen an bodenlosem Schamgefühl sollte man da doch irgendwie wegfächern und sich zur Entspannung unter Gleichen zwingen können.

Bleibt die Frage, wie man den normalerweise hierarchisch getrennten Po-Backen beim nächsten angekleideten Zusammentreffen am Kaffeeautomaten begegnet. Wohl kaum mit einem „Die Muttermale solltest du mal untersuchen lassen“ oder „Wirklich genital deine Idee im letzten Meeting“.

Vermutlich eher mit einem „Achtung, sehr warm“.

 




Die Frau und das Meer – Begegnungen zwischen Surfbrettern, Dauerwelle und Glückseligkeit

Surfen Surfer Strand Sonne Portugal Peniche

Das Meer, ich liebe es. Nichts auf dieser gigantischen Erdkugel stimmt mich so ehrfürchtig wie der Anblick dieses unendlich tiefen Blaus. Dieses nie enden wollende Rauschen, diese pure Gewalt lösen in mir eine geradezu ergreifende Demut aus – ein diffuses, salziges Gefühl aus Faszination, Geborgenheit und mehr oder minder nackter Angst. Wie klein wirkt der Mensch, wie belanglos seine Probleme, wie vergänglich sein Rettungsschwimmerabzeichen angesichts dieser Endlosigkeit.

Auf dieser Endlosigkeit treibe ich nun dahin – auf einem Stück Hartschaum, welches kleiner ist als ein Badehandtuch. Ich sitze auf einem schmächtigen Brett, schaue in dieses dunkle, klare, gewaltige Blau hinein und frage mich wie ich eigentlich hierhergekommen bin. Eine einfache Überlegung trieb mich in meine klamme Lage: ich schwimme gerne, mag es aktiv zu sein, dürste  nach Sonne und salziger frischer Luft – und das Meer finde ich ja dem Hörensagen nach auch so überaus bezaubernd. Warum also sollte ich nicht einfach mal eine Woche dem Meer besonders nahe sein und unter der portugiesischen Sonne das Wellenreiten erlernen?

Gestrandet an der Altantikküste beginnt das kurzweilige Abenteuer zunächst mit einer beruhigenden Erkenntnis: Surfer sind wirklich genauso wie man sie sich vorstellt. Während sie zu Wasser wie Gekos in einer Salatschleuder zu tanzen scheinen, ist ihre Entspannung zu Land so tief wie der Marianengraben. Energieverbrauch – in Form einer artikulierten Ausdrucksweise oder akkurater Termin- und Lebensplanung – wird komplett vermieden. Man lebt in einem an der Klippe geparkten Bulli oder Camper, der so niedrig ist, dass man sich offensichtlich nicht mal mehr die Haare kämmen kann. Verfilzt, barfuß, gebräunt und drahtig wie ein Kaninchenbraten schlurft diese gestrandete Surfwelt an mir vorbei. Ein Leben in purer Lässigkeit statt permanenter Lästigkeit. Klischees bestätigt, wie beruhigend, bro.


Nachdem ich mich äußerst ungraziös wie durch eine Ganzkörperlaminiermaschine in meinen Neoprenanzug geprügelt und einige gar nicht peinlichen Trockenübungen zu Land absolviert habe, springe ich endlich in die Fluten. Geradezu wohltuend ist die Kühle, die durch den Anzug wie durch ein gekipptes Fenster spürbar ist. Wie schön es wäre den ganzen Tag hier einfach im Wasser zu treiben. Ich könnte FLATSCH…die Augen aufmachen, um zu sehen wenn eine Welle auf meinem Nasenrücken brechen möchte. Und dieses unredige Brett in meinem Arm ist vermutlich auch keine figurbewusste Rettungsboje, an der ich mich einfach festhalten und an Land spülen lassen kann. Wellenreiten, nicht Wellenbegleiten war das Motto.

Wie eine ausrangierte Mätresse auf die Guillotine wartend liege ich nun auf meinem Brett, Blick Richtung Strand gerichtet und warte auf die nächste Welle. Sie bricht weit hinter meinen Füßen und rauscht als weiße Wand heran. Ich beginne – wie ich finde – äußerst kraftvoll zu paddeln und habe dennoch das Gefühl gen blaue Unendlichkeit hinausgezogen zu werden. Um im nächsten Moment wie auf einer Schaukel nach vorne zu katapultieren. Auf dem Bauch liegend, mit ungeahnter Schnelligkeit und vor Begeisterung aufgerissenem Mund rase ich gen Strand. Laut lachend falle ich ins Wasser und finde mich im Leichtschleuderprogramm meiner Waschmaschine wieder. Mit gereinigten Nebenhöhlen tauche ich nicht mehr lachend wieder auf. Erkenntnis: beim Surfen besser die Klappe halten.

Frage: Wolltest du nicht aufstehen?

Ich wusste ja schon immer, dass ich ein koordinativer Legastheniker bin, aber dass ich als erwachsene Frau das Stehen erneut erlernen würden müsse, erstaunt selbst mich. Doch wie ein unbeirrbares Baby im Strampelanzug wanke ich in den nächsten Tagen immer wieder in die Fluten und unternehme – angeleitet von meinem ungekämmten Lehrer – wacklige Stehversuche im weiß sprudelnden Wasser. Als eine vor der Guillotine geflohene Volksheldin gleite ich schließlich aufrechten Standes bis zum Strand hervor. Ich bilde mir ein im Schreien der Möwen und Tosen der Wellen so etwas wie gebührenden Beifall zu hören. Die Freude ist groß – und währt nicht allzu lange.


Es ist Zeit für die wirklichen Wellen. Warum dieser Schritt notwendig ist, weiß ich nicht. Doch folge ich meinem lässigen Lotsen über schwappende Wasserhügel hinaus aufs Meer. Hier bin ich nun. Alleine. Die anderen Surfer nehme ich nicht mehr wahr. Ich sitze auf meinem Brett und starre ins von der Sonne erstrahlte Blau. Die Frau und das Meer. Da ist sie wieder, diese Ehr…Furcht! Wie in einem Endzeitfilm türmt sich die H2O gewordene Aigernordwand vor mir auf. Groß, düster, unüberwindbar. Strampelnd drehe ich mich um und beginne um mein Leben zu paddeln. Dabei möchte ich die Welle gar nicht erwischen. Ich möchte einfach nur, dass die Welle mich nicht erwischt.

Und dann passiert es.

Ein gewaltiger Schub erfasst mich. Ich paddele auf der Welle. Meine Rettungsboje neigt sich nach vorne. Doch plötzlich stehe ich. Irgendwie. Und rase in die Tiefe. Gewelltes Haar, über Wasser schwebend, ein Gefühl göttlicher Nähe – für einen Augenblick denke ich, ich sei Jesus. Doch nein, es ist nur ein irdischer Moment surfender Glückseligkeit. Ich möchte diesen Moment mit einem Schrei für immer festhalten. Welch Gewalt! Welch Wucht! Welch Rausch! Doch stattdessen beschließe ich es ist nunmehr der richtige Zeitpunkt, um diese ganze frivole Euphorie zu beenden und bremse meine rasante Fahrt mit meinem Gesicht.

Welch Salzgehalt im Wasser.

Benommen, prustend und grinsend tauche ich auf. Eine junge Surferin beobachtet mich und paddelt herbei. Sie lächelt und sagt mit eindeutigem Akzent: „Huere schön, oderrr?

Huere gut, dude.




Flugreisen – ein Besuch in der Kita Blauer Kranich

Flugzeug Fliegen über den Wolken Stadt von oben Stadion

Flugreisen sind wie ein Besuch in der Kindertagesstätte Blauer Kranich:

Man ist auf viel zu kleinem Raum eingepfercht mit Menschen, denen man – wenn keiner hinsieht – gerne eine Schippe an den Kopf werfen würde. Denn die Gestalten, mit denen man den Tag verbringt und neben einem hocken, hat man sich nicht selber ausgesucht. Doch wurde beim Betreten der Räumlichkeiten sorgfältig darauf geachtet, dass keine potentiellen Waffen den Weg in die Kita finden. Man überlegt sich stattdessen schreiend auf den Boden fallen zu lassen. 

Flugzeug Flughafen Fliegen Startendes Flugzeug Start Abflug Landebahn

Gesessen wird auf Möbeln, die für Kapuzineräffchen, aber nicht für ausgewachsene Menschen gemacht sind. Gespeist wird breiige Kost oder trockene Brötchen – ohne Besteck, da man damit nicht umgehen kann. Man bekleckert sich dennoch. Kleidung zum Wechseln wurde einem vorsorglich jedoch mitgegeben.

Wenn das freundliche, aber eigentlich herrische Personal immer und immer wieder die gleichen Dinge sagt, hört man nicht zu. Egal, ob sich die vornehmlich weiblichen Betreuer dabei albern verrenken oder die Kita-Leitung mit ernster Stimme aus der Ferne unverständliche Dinge verlauten lässt. Lieber beschäftigt man sich damit Wimmelbilder aus bunten  Miniaturlandschaften anzuschauen und den roten Traktor zu suchen. Die abgenutzten Malbücher, die einem zur Verfügung gestellt werden, findet man eher ignorierenswert.

Flugzeug Fliegen über den Wolken Rocky Mountains

Vornehmlich, aber nicht ausschließlich bei langen Kita-Besuchen schläft man am helllichten Tag ein und träumt davon, einmal Pilot zu werden. Geweckt wird man in der Regel vom Johlen und Klatschen der anderen. Hinausgehen darf die Gruppe aber immer nur geschlossen und zu festen Zeiten, egal wie sehr gedrängelt und geschupst wird oder wie stickig die Luft auch ist.

Den ganzen Tag hofft man aber eigentlich nur, dass man abgeholt wird – und sich bis dahin keiner übergeben musste.

Flughafen Flugzeug Airport Düsseldorf