Menschen, die beigeistern.

Beige Rentner Deutsche Beige Ocker Farblos deutsch Touristen

Beige sind die Kutten schmächtiger Messdiener. Beige ist der löchrige Jutebeutel der Biolehrerin. Beige sind Mehlwürmer. Beige ist farbegewordene Langeweile. Beige ist die abwischbare Version eines strahlenden Weiß, die unfatale bzw. unfäkale Variation eines Brauntons. Beige tut nicht weh. Aber auch selten gut. „Dieses Beige steht dir ausgesprochen gut“ dürfte selten gesagt – und ebenso selten als Kompliment aufgefasst werden.

Und so fragt man sich, ob es Zufall sein kann: Beige ist die Farbe der Rentner. Der deutschen Rentner.

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Zwar ist Beige Kleidung gewordene Unauffälligkeit. Und doch ist es auffällig. Gerade auf Reisen zeigt sich immer wieder, wie einfach der Deutsche jenseits der Sechzig danke seiner unkolorierten Volllaminierung zu identifizieren ist. Die Kleiderwechseljahre sind vorbei. Auffällig unauffällig ist die Wahl der Uniform. Nixdavaganz. Praktisch muss es sein. Mit Trekkingsandalen und ordentlichen Socken, Allwetterrucksäcken mit Stullen für unterwegs und kleinkarierte Wanderhemden in Erdtönen ist er gewappnet für den Auf- und Abstieg – aus dem Reisebus. Für das Erjagen einer Tasse Filterkaffe an der Raststätte. Selbst wenn seine Hüfte, sein Hallux-Zeh und seine allgemeine Multimorbidität es nicht mehr zulassen, seine Kleidung wäre bereit für einen 1000-Meilen-Marsch. Doch das Risiko, in einen Regenguss oder Kälteeinbruch zu geraten, wäre trotz blauem Himmel ohnehin zu hoch. Jede Gefahr muss ebenso wie Signalfarben vermieden werden.

Während der beige, weibliche Rentner mitunter mit einem kecken, kleinen Rucksack mit vertikalem Reißverschluss und einem Regenschirm in der schwitzenden Hand sein Ensemble aufpeppt, mag der beige männliche Rentner gerne viele Taschen – an sich dran. Sein liebstes Kleidungsstück ist daher eine ausgebeulte Weste in der Farbe „Ocker“. Bis auf eine Angelrute führt er so alles, was er nicht braucht, stets an und bei sich. Diese seine Rettungsweste dient nicht nur als primäres Identifikations- und Unterscheidungsmerkmal im Großstadtdschungel. Damit weiß er auch allgegenwärtige, organisierte Taschendieb zu verwirren. In den meisten Fächern befinden sich zur Ablenkung ohnehin nur angeschnäuzte Stofftaschentücher.

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Elegante, aber für den eigenen deutschen Spreizfuß ungeeignete Lederschuhe oder gar eine empfindliche, feine Stoffhose sind dem männlichen Beigetarier zuwider. Stattdessen legt er zur eigenen Stabilisierung die Hände hinter dem Rücken zusammen (auch bekannt als „Rückengebetshaltung“) und setzt sich eine meist beige Schirmmütze auf den Kopf, um die eigene Fleischmütze vor der Sonneneinstrahlung bei der nächsten Kirchenbesichtigung zu schützen. Der weibliche Beigetarier weiß wiederum mit einem praktischen Kurzhaarschnitt, in dem Farbreste aus den wilden Zeiten, als man sich noch die Haare färbte, wiederzufinden sind zu beigeistern.

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Doch bei aller Beigeisterung wird ein „grauenhafter“ Nebeneffekt der eigenen Bebeigung übersehen: beige Farbe besitzt die Eigenschaft stark abzufärben. Sie überträgt sich nicht nur auf andere Teile der vormals bunten Herde, sondern auch auf ihren Farbuntergrund. Sie sickert in alle Poren. Und so beginnt sich das Äußere nach innen zu kehren und den Charakter zu bemehlen. Ein beiger Schleier legt sich auf den Geist. Der im Gehen stets leicht geöffnete Mund beginnt Sätze wie „Die neuen Straßen haben wir hier alle gezahlt.“ oder „Schrecklich, diese Straßen.“ auszuspucken. 

Beige wird, ehe man seine Trekkingsandalen zu – gewieauchimmerderverschlussfunktioniert – hat, ehe man sich mit seinem Kassengestell versieht, zur Haltung. Zur geistigen Rückengebetshaltung. Da kann ein jeder nur noch die Hände zusammenschlagen. Über dem Kopf. Und sich als Däne ausgeben.  




Vom Freskenmaler zum Neandertaler – die Re-Evolution.

Der Mensch hält sich gerne für die Krone der Schöpfung. Mit einem aufrechten Gang, einem aufrechten Geist und krummen Daumen fühlt er sich dem restlichen kriechenden, miefenden Getier überlegen. Weitaus überlegen. Niemand vermag ohnehin zu sprechen, um ihm zu widersprechen.  Er erschafft Wolkenkratzer und Kuschelsocken. Er komponiert und kompostiert. Er programmiert und patentiert. Er hält sich lausende Affen gefangen im Zoo und lässt lausige Gedanken im Kopf scheppern. Weit und breit irrt niemand auf dieser Erde umher, der ihm den Thron streitig machen könnte. Einen Thron, den er in einem schwedischen Möbelhaus erwarb und mühsam in der eigenen Behausung zusammenbaute. Ingeniös. Und das bisschen galaktische Unendlichkeit lässt sich auch noch formatieren.

Doch was passiert, wenn ein Zacken aus der Krone bricht? Wenn der Thron Risse bekommt, weil eine Schraube sich lockerte? Wenn das Bild der evolutionären Vollendung, nunja verendet – und mit ihm der Mensch mit seinen Sitten, Gebräuchen, Regeln und Gesetzen?

Was ist der Menschen, wenn er…

Ja, dann ist der Mensch dem Affen näher als der Dusche. Dann ist der Homo sapiens nicht mehr ganz so erectus. Dann ist die Krone der Schöpfung saufhaft geworden im Istmiregal eines Festivals. Dann ist der Mensch kurz ausgeschert – hin zum Weg in das Neandertal. Dann befindet er sich langsam kriechend und sehr stark miefend auf dem wunderlichen Weg der Re-Evolution.




Der Sonnentagsradler.

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In unserer Reihe „Sichtung seltener Spezien“ (siehe auch Vorhaben ist wie Machen – nur im Kopf. Zum Vorsatz keinen Vorsatz zu haben. oder Avantgarde und Altkleider – ein Ausflug in die Kunstszene.) widmen wir uns heute einer besonderen Gattung, die ausschließlich in Horden auftritt und nur dann gesichtet wird, wenn ihre hohen Ansprüche an klimatische Bedingungen erfüllt sind: der langsam scharwenzelnde Sonnentagsradler. Diese radikalisierte Variante des Sonntagsfahrers traut sich in der Regel nur aus seinen behüteten Hupstätten (Autos), wenn die tagesaktuelle Wetterlage es zulässt: bei präzisen 17-23 Grad, einer Regenwahrscheinlichkeit um und bei 0% und Windstärken, die dem eigenen Fortbewegungstempo ähneln (Stillstand). Nichts verunsichert den Sonnentagsradler mehr als ein unerwarteter Regenguss oder Gegenwind, der durch den Flug einer Biene ausgelöst wurde. Zudem besitzt er Gliedmaßen, die bei Temperaturen unter dem Frierpunkt (17 Grad) sofort drohen abzufallen. In der Regel verkriecht er sich nach solch einer Begegnung mit den Elementen der Natur für Monate unter einer Motorhaube.

Um jede Form der Transpiration zu vermeiden (er ist im Übrigen bekannt für seinen Gesang des „Ich kann doch nicht verschwitzt im Büro ankommen!“), ist die Transportation des eigenen Körpers stets von hoher Langsamkeit geprägt. Der Sonnentagsradler ist an seinem Trittverhalten im ¾-Takt zu erkennen: drei Viertel der Zeit rollt er im Schritttempo dahin, ein Viertel der Strecke tritt er geradezu gallopierend in die Pedale seines eleganten, rost- und dreckfreien Citybikes. Der Ausdruck „so gut wie neu“ trifft für gewöhnlich auf sein Fahrzeug zu, dessen Gangschaltung ebenfalls „keinerlei Gebrauchsspuren“ aufweist.

Der Sonnentagsradler ist ein vorrangig im Mai und Juni aktives Zug- und Schwarmtier. Doch anders als perfekt synchronisierte Fisch- oder Vogelschwärme zeichnet sich das Herdenverhalten des Sonnentagsradlers durch eine maximale Asynchronität aus. Die Bahnen der Sonnentagsradler sind meist verwackelt und kreuzen sich für Ausstehende scheinbar wahllos. Es bzw. er gibt keine Zeichen, die die Flugbahn berechenbar machen würden. Er trägt zwar keinen Helm. Aber fährt, als habe er einen am Helm. Ist der gemeine Alltagsradler – sein Näherungsfeind – darum bemüht, anderen Lebewesen seine Routenplanung durch Handzeichen und Blickkontakte mitzuteilen, zeichnet den Sonnentagsradler eine bewundernswerte Zuversicht und Gelassenheit aus. Manch einer missdeutet sie als Kurzsichtigkeit. Durch abruptes Bremsen und schlingernde Anfahrbewegungen macht er in der Regel auf sich aufmerksam. Achtet man im Großstadtlärm auf leises Fluchen und lautes Bremsen des gemeiner werdenden Alltagsradlers in seiner Nähe, kann man ihn sehr einfach in freier Wildbahn entdecken. Die Wildbahn ist ohnehin sein bevorzugtes Habitat.

Doch so plötzlich das Schauspiel begann, so plötzlich endet es wieder. Mit den ersten Sommergewittern und Hitzewellen verschwindet der Sonnentagsradler wieder in seinem klimatisierten Vehikel. Die Radikalisierung findet ein Ende. Der gemeine Alltagsradler erobert sein Gebiet zurück und radelt einsam – an hupenden Blechbergen vorbei – durch eine Feinstaubwolke dem Sommerregen entgegen. Nur noch das Knarzen seiner rostigen Gangschaltung begleitet ihn dabei. 




Die Qual nach der Wahl.

Wahl Wahlplakat SPD Wahlniederlage Europawahl

Wie sie sich winden. Die Verlierer. Wie Regenwürmer, die man mit Terpentin betupft. Da liegen sie in den Fernsehstudios. Scheinwerfer sind auf ihre Augenringe gerichtet. Mikrophone liegen bereit, um sie zu sezieren. Mikrophonisch genau.

Und die Verlierer selbst? Sie haben sich auf diesen Moment nicht vorbereitet. Das mussten sie nicht. Denn er ist schauerlich schöne Routine. Sie holen ihre Spickzettel mit vorgedachten Textbausteinen für solche unrühmlichen Momente aus ihren Schubladen. Die Karten sind inzwischen ganz vergilbt, die Worte darauf sind abgenutzt. Zäh und geschmacklos liegen sie im Mund, wie ein vor fünf Jahren das letzte Mal gekautes Kaugummi.

Mit der ersten Hochrechnung beginnt sodann das Schauspiel. Ein Trauerspiel in unzähligen, identischen Akten. Salven an Fragen werden an die Enttäuschten, die Enttäuscher gerichtet. Und diese liefern Antworten. Nicht auf die an sie gestellten Fragen, aber immerhin sind es Antworten. Auf andere Fragen. Bei der Menge der Fragen, die an einen Verlierer in diesen Tagen gerichtet werden, kann man ja schon mal den chronologischen Überblick verlieren. Es würde nicht wundern, wenn auf ein „Treten Sie zurück?“ einmal eine Antwort „Gut, danke der Nachfrage. Wir hatten tolles Wetter auf Ibiza.“ ertönen würde. Bisher ist die gängigste Antwort auf eine solch unverblümte Kritik an der eigenen Daseinsberechtigung in der Regel jedoch „Jetzt ist nicht Zeit für Personaldebatten. Ich möchte zur Geschlossenheit der eigenen Reihen aufrufen.“ Stimmt, man wechselt Trainer und Spieler ja eigentlich meist in Sommerpausen oder während der Meisterfeierlichkeiten aus.

Die Frage nach dem Umgang mit solch einem desaströsen Wahlergebnis wird ebenso souverän abgeschmettert. Man sei zufrieden mit dem – historisch (ein gerne verwendeter Begriff in diesem Schauspiel) schlechtesten – Wahlergebnis. Die gesteckten Wahlziele, die knapp oberhalb derer der Tierschutzpartei lagen, wurden schließlich erreicht. Die Aussage wird untermauert mit einem strahlenden Gesichtsausdruck, der an dröge Brötchen vom Vortag und tote Tauben erinnert, während Bilder der „Wahlparty“ eingespielt werden, auf denen Ballons in den Parteifarben über den staubigen Linoleumboden wehen und immer wieder von jemandem getreten werden. Die Stimmung ist zum Platzen.

Und wie erklärt man sich das – historisch – schlechte Abschneiden? Anscheinend sei man mit seinen Themen zu diesen possierlichen, „Wählern“ genannten Narren nicht durchgedrungen. Woran einzig und allein Berlin schuld sei. Dieses fiese Moloch. Auf die Frage hin, was denn überhaupt die Themen der eigenen Partei seien, bittet man den Kollegen einer anderen Partei, der zufällig vorbeiläuft, er möge doch mal kurz seine Karteikarte für Wahlversprechen ausleihen. Es folgt ein monotoner Monolog, ein Monotonolog, rund um die Schlagwörter „Wohnungsbau, Steuersenkung, Energiewende, Zukunft, grüne Flüchtlinge, Wohlstand für Wahlen“. Oder so.

Wahl Wahlplakat CDU Wahlniederlage Europawahl

Auf die Frage nach den Konsequenzen, die man aus dieser Wahl nun zöge, reagiert man mit einem geradezu brillanten Verwirrspiel: „Die Frage stellt sich nicht.“ – eine Antwort aus der Liga des „Ach schauen Sie mal dort, ein Vögelchen.“ Ehrgeizige Interviewprofis, die sich versuchen an der Frage nach den Konsequenzen konsequent festzubeißen, werden das erste Mal in ihrem Leben die gänzliche Bedeutung des Begriffs „ausweichen“ kennenlernen. Zunächst werde man Ruhe bewahren. Wie ein „Wahlross“ im Porzellanladen. Sehr lange. Vier bis fünf Jahre. Und die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit treffen. Irgendwann. Was die richtigen Entscheidungen sind, müsse erst einmal gründlich analysiert werden. Weitere vier bis fünf Jahre. Redner und Zuhörer sind an dieser Stelle in der Regel kurz eingenickt. Ein Schläfchen von vier bis fünf kurzen Jahren. Beim Erwachen ist die Fragestellung in jedem Fall vergessen. Unausweichlich vergessen.

Einzig, wenn man auf diese bakteriöse Influenza angesprochen und gefragt wird, ob man nicht erwäge, sich ebenfalls die Haare blau zu färben und einen breitkrempigen Schlapphut zu tragen, um sich ein bisschen zum „Narrwahl“ zu machen und die Stelle zu kaschieren, wo sich eigentlich ein aufgeweckter Geist befinden solle – da platzt einem dann doch mal die Hutschnur. Man „rezogiert“ gereizt und eine ehrliche Antwort rutscht heraus. Digital oder analog, das sei doch alles „wahlich“ egal. Am Ende geht einem schließlich eh alles am analen Medium vorbei. Auf irgendeine Reaktion auf dieses Wahlergebnis kann man also getrost warten bis man grün wird.