Nüchtern betrachtet.

Nüchtern Alkohol Alkoholkonsum Bier Wein Schnaps Trinken Altglas

„Bist du schwanger?“ Kaum eine Frage kann so schnell als Beleidigung empfunden werden wie diese. Sie impliziert: du bist fett geworden und ich wünsche dir, dass deine Leibesfülle der Liebe zu einem Mann und nicht der Liebe zu Dickmännern geschuldet ist. Da die Frage also ein hohes Risikopotential aufweist, wird sie in der Regel nur bei entbindungsnahem Objektstatus gestellt.

Und doch gibt es eine Ausnahme von dieser Regel. Egal ob Greisin, männlich oder abgemagert, allen wird unverblümt unterstellt, trächtig zu sein: wenn sie ein alkoholfreies Getränk bestellen. Anders ist dieses abstruse Verhalten schließlich nicht zu erklären. Und zu akzeptieren.

Wir trinken. Alle. Beharrlich. Das Feierabendbier. Das Sektfrühstück. Die Weinbegleitung. Alkohol ist Geselligkeit und Genuss. In ihm löst sich deutsche Nüchternheit auf. Er sichert ein bisschen rauschhafte Lebensqualität und nüchterne Arbeitsplätze. Über Rhabarberschorle lässt sich dergleichen kaum sagen.

So wird der Schorlensäufer als frigides Date, bemitleidenswerte Spaßbremse oder medikamentenabhängiger Irrer abgestempelt. Irgendwie anstößig ohne anzustoßen. Urteil: Verkorkst statt verkorkt. Der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank – weil er sie dafür nutzt, Kräutertee zu trinken. Kaum zu gebrauchen. Bei Gurkenwasser entstehen schließlich keine Schnapsideen. Welche Party verursachte jemals Lärmbelästigung wegen Eskapaden mit stillem Wasser? Wer nicht mittrinkt, entzieht sich bewusst der Hemmungslosigkeit und Heiterkeit. Und er macht anderen ein schlechtes Gewissen, wenn er als nüchterner Kontrastgeber die Albernheit der anderen vor Augen führt. Wenn er achtsamer fahren und nicht achterbahnfahren möchte. So ein stocknüchterner Vollpfosten, sein alkoholfreies Alibier rettet ihn auch nicht.

Nüchtern Alkohol Alkoholkonsum Bier Wein Schnaps Trinken Rausch Schild

Und so stellt sich das Experiment des Nichttrinkens als ein schwieriger (Selbst-) Versuchsaufbau in unserer Gesellschaft dar. Man muss oder möchte sich oft erklären. Dem Satz „ich trinke heute nichts“ folgt in der Regel ein Komma, kein Punkt. Unser Alltag hält eine Million Promille-Pausen parat. Das Bier zum Anpfiff. Der Sekt zum Anstoßen. Der Drink zum Abtanzen. Die Lust auszugehen schwindet. Warum sollte man auch „etwas trinken gehen“, wenn man keinen Durst hat? In unserer Gesellschaft muss man aktiv Nein zum Alkohol sagen, nicht aktiv Ja. Und so trinkt der Deutsche im Laufe eines Jahres eine Badewanne voll alkoholischer Getränke. Das sind mindestens neun Flaschen puren Alkohols, Ethanol aus dem Chemieunterricht als Lösungsmittel und Kraftstoff bekannt. Prost.

Dabei ist Alkohol doch eigentlich ein Genussmittel. Was hält uns davon ab, ihn als solches zu behandeln und dosierter, bewusster zu konsumieren? Oder zumindest zu akzeptieren, wenn andere dies für sich beschlossen haben?

Alkohol ersetzt Wartungsarbeiten am eigenen Charakter. Er betäubt die Sinne (die sich gerne mit einem Paukenschlag am nächsten Morgen zurückmelden, als habe sich etwas angestaut). Er löst die Zunge („Nüchtern zu schüchtern. Besoffen zu offen.“) und lockert Gefühle. Anstatt uns bewusst mit unseren Emotionen und Bedürfnissen zu beschäftigen und den Mut zu fassen, sie zu artikulieren, überlassen wir dem Alkohol gerne das Handeln. Notfalls dient er als wunderbare Ausrede für misslungenen Tatendrang und Tanzeinlagen. Attestierte Unzurechnungsfähigkeit. Alkohol scheint ein einfaches Lösungsmittel. Nüchterne Wahrheiten sind eben schwieriger herunterzuschlucken als ein Glas Oldesloer Korn.

Nüchtern Alkohol Alkoholkonsum Bier Wein Schnaps Trinken Rotwein

Es geht nicht darum, asketisch zu leben und sich zu kasteien. Es geht darum, das nächste Glas Wein bewusst zu genießen, anstatt sich beiläufig zulaufen zu lassen. Darum, Alkohol als Genussmittel zu schätzen, zu schmecken und genießen. Darum, ungewollte Bierschwangerschaften zu vermeiden. Und darum zu akzeptieren, dass jemandem, der nichts trinkt, nichts über die Leber oder die Gebärmutter gelaufen sein muss.




Skandal: Digitalisierung stellt sich als Bluff heraus.

Silicon Valley. Der technologische Fortschritt wird als Errungenschaft der Moderne gefeiert. Die Digitalisierung ist auf dem Vormarsch. Sie wird stetig neue Bereiche unseres Lebens erobern. Ihre jüngste Errungenschaft sind sprachgesteuerte Häuser, sprechende Uhren und selbstfahrende Autos. Diese Grundannahme unserer modernen Gesellschaft gerät nun jedoch ins Wanken. Neueste Forschungsergebnisse rufen Zweifel hieran auf. Ein internationales Team an Wissenschaftlern untersuchte den Inbegriff der Digitalisierung, das sogenannte „Smartphone“. Was sie beim Blick in das Innere der vermeintlich elektronischen Wundergeräte entdeckten, entsetzt nun die Welt.

Im Inneren aller untersuchten „Smartphones“ fand sie die gleiche Technik: jene, die in den neunziger Jahren bei sogenannten „Tamagotchis“ im Einsatz war. Durch die sich sehr stark ähnelnden Funktionsweisen der Geräte waren die Wissenschaftler zunächst auf eine mögliche Verbindung aufmerksam geworden und untersuchten, ob ein Zusammenhang zwischen den beiden Techniken besteht. Das regelmäßige Fordern von Aufmerksamkeit, die nervtötenden, akustischen Signale und das perfide Gefühl der Unterlegenheit in der Bedienung waren Schlüsselindikatoren.

Der Verdacht bestätigte sich nun und so konnten die Wissenschaftler ein Mysterium der Moderne klären, indem sie die Frage beantworteten, wohin all die Tamagotchis Ende der Neunziger verschwanden. Während Umweltbehörden diese Form des Recyclings begrüßten, sind Technikbegeisterte auf der ganzen Welt entsetzt und fragen sich, wie sie sich so blenden lassen konnten? Von einem glänzenden, bunten Display? In ihrer Studie erklären die Wissenschaftler dieses Phänomen damit, dass die Höhe des Kaufpreises zu einer Überreaktion im Gehirn führen würde, die den Besitzer des Gerätes Dinge sehen, spüren und hören lasse, die nicht da seien (wie zum Beispiel Personen, die sie „Siri“ nennen, oder Vibrationen). Sie nannten das neu entdeckte Phänomen „Algorithmen“. Und so stellten sie sogar einen besonders engen, nicht nur begrifflichen Zusammenhang fest zwischen „Tamagotchis“, welches sich aus den japanischen Worten für „Ei“ und „Uhr“ ableitet und den Geräten der Firma Apple, die stets einen Hinweis auf Eier im Namen enthalten.

Zudem erklärt die Studie, die auf einem Overhead-Projektor der Weltöffentlichkeit präsentiert wurde, warum diese Verbindung so lange unbemerkt blieb. Die Geräte, die von den Forschern als „recycelte Eier-Uhren“ betitelt wurden, würden bei einem Defekt (der im Übrigen meist durch das Vergessen des überteuerten Verkaufspreises entstünde) nicht repariert, sondern durch ein neues Gerät ausgetauscht . Dadurch würde nie jemand in das Innere der Geräte schauen und deren Technik genauer untersuchen. Gleiches Vorgehen zeigte sich damals wiederum bei Tamagotchis. Waren sie defekt, wurden sie weggeworfen (gegen eine Wand). Daher vermuten die Wissenschaftler, dass Tamagotchis selber nur weiterverarbeitete Technik sind und ihre Elektronik ursprünglich aus Eieruhren übernommen wurde.

Doch damit nicht genug: Neben diesem Phänomen werden die Forscher als nächstes die Frage untersuchen, ob in unseren modernen Computern Muttis alte Haartrockner verarbeitet wurden. Die Tatsache, dass beide Apparaturen viel heiße Luft erzeugen, brachte sie auf die Fährte. Gespannt wartet die Welt daher nun auf die nächsten Studienergebnisse – und das Klingeln ihrer Eieruhren.




Gute Neuigkeiten.

Gute Neuigkeiten Positive News Optimismus

Überall brennt es. Das Klima der Erde. Der australische Kontinent. Die Flammen des Populismus. Der Sod im Magen. Überall wo man hinsieht, lodern gefährliche Entzündungsherde und Feuerstürme. Traurige Bilder und schlechte Schlagzeilen sprechen täglich zu uns. Es läuft bei uns. Rückwärts und bergab.

Ist das so? Ist das, muss das der Lauf der Dinge sein? Folgt man den Medien und Erzählungen, entsteht dieser Eindruck. Die Welt verkommt zu einer Mischung aus Grau und Grauen. Wir leben in einer Dauerkrise. Wie die große Koalition, der HSV oder eine beachtliche Liste an Kronprinzenpaaren. Krise reiht sich an Krise. Katastrophe an Katastrophe.

Alles ist ganz doll arg schlimm. Diesmal wirklich.

Gute Neuigkeiten Positive News Optimismus

Das Skurrile daran ist: es war schon immer so. Jede Generation rechnete mit dem baldigen Ende der Menschheit. Man muss nicht ins stockdüstere Mittelalter schauen, um dies zu begreifen. Weltkriege, Waldsterben, Kubakrise. Selbst meine eigene Kindheit war geprägt von endzeitartigen Dämonen und Geistern – von denen heute nur noch schlaffe Bettlaken übrig sind. Die Sorgen und Nöten, von denen heute kaum jemand mehr spricht, waren groß. Waren sie große Schreckgespenster?

Deutschland war der kranke Mann Europas, der von hoher Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung sicherlich bald danieder gerafft würde. Heute badet der alte, kranke Mann in Haushaltsüberschüssen und historisch niedrigen Arbeitslosenzahlen.

Das Ozonloch drohte uns alle endgültig zu verschlucken. Jetzt hat es sich irgendwie selber verschluckt.

AIDS und BSE würden die Reste der Menschheit, die nicht durch das Ozonloch und drohende Klassenkämpfe ohnehin schon vernichtet werden, gewiss endgültig eliminieren. Doch die Menschheit gab gemeinschaftlich Gummi und konnte die Krisen überwinden. Die Zahl der HIV-Neuinfizierungen geht seit Jahren zurück, Therapien und damit die Lebenserwartung von Erkrankten haben sich deutlich verbessert. Oder kennt jemand einen Fall von BSE im direkten Umfeld?

Deutsche Kinder sind seit Jahren katastrophales Mittelfeld im PISA-Vergleichstest. Komisch, dass wir noch immer Exportweltmeister sind und bekannt für fingerfertige Ingenieurskunst, die vielleicht Goethes Faust nicht kennt.

Immer mehr Menschen haben Zugang zu Wasser, Strom, medizinischer Versorgung und Internet (und damit zum Rest der Welt). Nicht zuletzt sinken dadurch die Kindersterblichkeit und -armut beachtlich.

Die AfD stellt die Demokratie vor eine anstrengende Bewährungsprobe, die alle Parteien und Bürger vor neue Herausforderungen stellt. Doch vielleicht gehen 80% von uns streitbarer, standfester, klüger aus dieser Erfahrung des Umgangs mit den 20% stark andersdenkenden Menschen heraus.

Die gute Nachricht dieser Woche: Es regnet in Australien und der größte Buschbrand ist inzwischen unter Kontrolle geraten.

Gute Neuigkeiten Positive News Optimismus

Die Liste lässt sich fortführen. Wenn man nur will. Wenn man hinsieht. Doch reflexhaft möchte man sagen: Ja, aber…aber es brennt noch immer. Aber die Konjunktur schwächt ab. Aber bald sind wir ohnehin nicht nur der kranke Mann Europas, sondern Europa ist die gebrechliche, schrullige Sippschaft. Aber der Krebs ist noch immer nicht geheilt.

Aber warum dieses aber? Inwiefern hilft es, schlechte Laune und noch schlechteres Gewissen zu fördern? Panik zu machen? Vom Schlimmsten auszugehen? Es geht nicht darum, die Welt nur noch durch eine rosarote Brille zu sehen. Aber was hält uns davon ab, zumindest ein Glas dieser Brille etwas farbenfroher einzufärben? Inwiefern schadet uns etwas mehr Optimismus?

In diesem Sinne liefern heute nicht der Schellenaffe selbst, sondern seine Leser die passenden Zeilen und Gedankenanstöße. Was gibt es Gutes in dieser Welt? Was ist besser geworden? Wofür ist man dankbar in seinem Leben? Ich bin voller Optimismus, dass sich mindestens ein treuer Kommentar finden wird. Mögen ihm einige oder „triple B“-eispiele folgen. Mögen die guten Nachrichten sprudeln. So wie der Regen über Australien und die Steuereinnahmen.

Und wenn nichts sprudelt oder tröpfelt, ist das auch keine schlechte Nachricht. Denn ich durfte diese Woche lernen, dass auch eine Null etwas Positives sein kann: Beim Blutspenden wurde ich freundlich begrüßt mit den Worten „Ach, Sie sind ja eine positive Null“. Das lernt man nicht im Pisa-Test, sondern im Leben. Im Leben, das mehr zu bieten hat, als Brande und Katastrophen.




Thema: Vergessen.

Vergessen Vergesslichkeit

Welches Gemüse kauft ein Galerist? Nein, welche Banane kauft ein Salafist? Ok, der Witz ging irgendwie anders. Wie er richtig lautet, weiß ich nicht. Nicht mehr. Denn ich vergaß  ihn. Wie jeden anderen Witz auch, der mir erzählt und belacht wurde. Aber Witze sind nicht das Thema heute, sondern, Moment, ich komm gleich drauf, ach ja: ich habe es vergessen.

Mein Hirn kann sich nichts merken, weil es damit ausgelastet ist, Dinge zu vergessen. Witze. Toilettenpapier einzukaufen. Blumen zu gießen. Den Tee zu trinken, den man sich aufgegossen hat. Namen sind ein besonderes, namenloses Grauen. Jedes Mal, wenn sich mir jemand vorstellt, passiert das Gleiche. Ich denke: „Achtung, da kommt gleich eine Hand auf dich zu. Mit der Hand wird dir ein Name gereicht. Merke ihn dir. Sofort! Wichtig!“ Das nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass ein langes Haar auf der Schulter meines Gegenübers lag, während mein Hirn mit der Frage beschäftigt war, ob man jemals herausfinden kann, wie fest sich der eigene Händedruck eigentlich anfühlt. So wie man den eigenen Körpergeruch ja auch nicht wahrnehmen kann, weiß man nie, wie waschlappig oder nussknackerig der eigene Händedruck ist. Aber was wollte ich sagen? Ach ja. Oft habe ich mir schon Tipps geben lassen, um mir das Ermerken von neuen Namen zu erleichtern. Zum Beispiel soll man den neuen Namen direkt aufgreifen und in einem Satz verwenden. „Schön, dich kennenzulernen, Mann mit dem Haar auf der Schulter“ Aber diese Technik vergesse ich natürlich im entscheidenden Moment. Und all diese Tricks, um das eigene Hirn zu überlisten, stoßen eh schnell an ihre Grenzen. Unser Hirn ist uns überlegen. Sich den Namen von Neugeborenen oder von gut gelaunten Fitnesstrainern zu merken (oder soll man sagen: „Toll, dass du uns heute quälst, Bianca.“?), ist so unmöglich, wie sich gegenseitig die Hand zu geben, ohne sich zu berühren. Das kann man direkt vergessen.

So, wie ich direkt vergesse, was ich eigentlich vom Dachboden holen wollte, sobald ich mich an diesem zugigen, muffigen, unwirtlichen Ort befinde. Und so gehe ich meist nicht nur in Gedanken, sondern auch physisch zurück in den Moment des Loslaufens, um herauszufinden, was ich eigentlich wollte. So bringt man einen ereignislosen Sonntag auch recht schnell über die Bühne.

Manchmal wünscht man sich in seinen dunklen Keller des Vergessens zurück, wenn man vor einem Gesicht steht und sich verzweifelt fragt, woher man diesen Menschen kennt bzw. kennen muss. Man überbrückt den Moment mit einem langgestreckten „Hey na“, als würde die Person Na heißen. Man hofft, dass dieser Na zeitnah Stichworte liefert, die einem dabei helfen, das Gesicht einem Lebensbereich zuzuordnen. Gerne würde man zur Überbrückung der peinlichen Situation einen Witz erzählen. Aber das kann man ja nicht.

Ebenso wenig, wie man sich Träume merken kann. An Telefonnummern, Geburtstage und Passwörter versucht man sich gar nicht mehr zu erinnern. Das übergibt man alles an externe Speichermedien. Unvergesslich wird es nur, wenn man morgens eine Geburtstagserinnerung bekommt und zwei Tage später feststellt, dass man den verfassten Geburtstagsgruß vergessen hat abzusenden. Man kann nur hoffen, dass das Geburtstagskind die eigenen Unzulänglichkeiten schnell wieder vergisst. So wie man selber manchmal sein eigenes Alter vergisst. An die erste Ziffer hat man sich ja hinreichend gewöhnt, aber welches war noch mal die zweite Ziffer? 3 oder 4?

Immerhin hat man sich Zahlen und Buchstaben per se langfristig gemerkt. Auch wenn man sich nicht mehr an den Tag erinnert, an dem man das erste Mal seinen Namen schreiben konnte: in der ersten Klasse lief noch einiges richtig. An vieles, was man in den Jahren danach gelernt hat, erinnert man sich hingegen nicht mehr. Wann war der dreißigjährige Krieg? Wie heißt dieser Baum? An den Namen des Physiklehrers mit der Schuppenflechte erinnert man sich hingegen überraschenderweise noch immer. Je älter man wurde, desto mehr perfektionierte man schließlich das System der Druckbetankung: maximale Aufnahme von Wissen für eine minimale Speicherdauer. Nach jeder Prüfung nieste man das Erlernte sofort wieder aus. Um Platz zu machen für die nächste Prüfung oder die Namen aller Backstreet Boys mitsamt ihrer Hobbys.

Vergessen Vergesslichkeit

Wie eine Batterie scheint sich das Hirn durch dieses mehrfache Auf- und Entladen abgenutzt zu haben. Das mit dem Merken wird merklich schwieriger. Manchmal bleiben nur noch Bruchstücke übrig. Ich weiß, dass ich die Person kenne, aber nicht mehr woher. Ich erinnere mich daran, dass ich zu jemandem sagte „Erinnere mich daran“, aber was es ist oder wer es war, weiß ich nicht mehr. Ich entsinne mich daran, dass mir ein Thema für den nächsten Schellenaffen einfiel, aber ich weiß nicht mehr, welches. Und so greift man zu Hilfsmitteln. Listen. Post-It-Zettel (liebevoll „Gedenktäfelchen“ genannt). Eselsbrücken. Irgendwann wusste man sogar mal, woher der Ausdruck Eselsbrücken stammt. Doch je mehr Hilfsmittel man verwendet, desto waschlappiger wird der eigene Hirnlappen. Und ehe man sich versieht, legt man eine Liste mit allen Listen an. Wie listig.

Ich hatte mir eine ganz pfiffige Pointe für diesen Text ausgedacht. Aber was soll ich sagen. Da niemand zu mir gesagt hat „Ach, vergiss es“ (bekannt als Erinnerungsgarant), habe ich auch diese vergessen. Irgendjemand wird mir jetzt schlau raten: denke nicht dran, dann fällt sie dir wieder ein. Der Hinweis ist so hilf- und inhaltsreich, als ob man einem Hungrigen sagt „wenn du satt bist, brennt irgendwo eine Kerze“. Und doch liegt etwas Wahres in diesem Satz: So wie unser Hirn ohne unser Zutun weiß, wie man Pullover anzieht (siehe Der Autopulliot.), so weiß es eben auch, Dinge zu vergessen. Oder zu erinnern. Viel machen kann man da als Gast im eigenen Kopf jedenfalls eh nicht. Man kann nur hoffen, dass einem der Witz irgendwann wieder einfällt. Um dann festzustellen, dass er nicht ganz so unvergesslich ist, wie gedacht: Welches Obst kauft ein Egoist?

Einen Pfirsich.




Affenzirkus.

Affenzirkus Notfallhirn Grips forte

Man kennt das. Etwas Schlimmes passiert und Blumen und Kerzen werden niedergelegt. Der Spendenaufruf läuft. Eine Trauerfeier für die Opfer wird abgehalten. Irgendjemand hält eine Rede, in der er nach Worten und einem Schuldigen sucht. Alles als Ausdruck von Anteilnahme. Von Betroffenheit. Von Empathie. Für Affen. Für Affen aus dem Zoo: In Krefeld brennt das Affenhaus nieder und die menschlichen Affen trauern. Sie trauern, um die niedlichen Tiere, die sie ein Leben lang in wenigen Quadratmetern gefangen halten, um sie einmal im Jahr begaffen zu können. Wenn diese Kreaturen – sicher sehr qual- und grauenvoll – verbrennen, leidet man mit ihnen. Wenn sie in ihren Käfigen weiterleben, nicht. Mit Verlaub, das ist irgendwie affiges Verhalten. So affig, dass sich der Affe mit den Schellen gegen den Kopf hauen möchte und sich fragt: Ist es nicht eigentlich ebenso schlimm, in einem Käfig zu leben wie in ihm zu verbrennen?

Affenzirkus Affe Fellmantel

Aber dieses affige Verhalten ist gleichzeitig nur menschlich. Zum einen suchen wir das Andersartige. Das Besondere interessiert und die Dramen faszinieren uns. Die Tausende von Affen, die in Zoos leben und sich vielleicht etwas anderes als ein All-Inclusive-Leben in der zugigen deutschen Provinz wünschen würden, sind banaler Alltag. Aber wenn 21 Affen verbrennen, weil irgendjemand seinen guten Neujahrswünschen einheizen musste, eher er sie gen Himmel steigen ließ, dann sind das schockierende Nachrichten und Bilder, die uns wirklich erreichen. Notre Dame muss erst lichterloh brennen, ehe Menschen beginnen, in Denkmalpflege zu investieren (Investitionen in Denk-mal-nach-Pflege scheinen ohnehin spärlich zu sein). Erst mussten unsere Sommer heiß werden und Freibäder der Wurstauslage an der Frischetheke zu ähneln beginnen, ehe uns diese ganze Sache mit dem Klimawandel zu dämmern begann. Wäre der Eisbär auf seiner immer kleiner werdenden Scholle auf der Elbe an uns vorbei getrieben, hätten wir vermutlich eher begonnen zu begreifen. Die Medien befeuern diese Nachfrage nur zu gerne mit glühenden, nachbarschaftlichen Bonmots.

Zum anderen fehlt uns, der Spezies, die sich neun Episoden Star Wars ausdenkt und Pizza-Scheren erfindet, mitunter die Vorstellungskraft für alles, was sich nur ein bisschen weiter entfernt von dem Käfig, in dem wir selbst leben, zuträgt. Wenn derzeit Hunderte von Affen und Millionen anderer Tiere in den unbekannten, fernen Wäldern Australiens verbrennen, dann ist das eben 16.000km weit entfernt von unserer alltäglichen Vorstellungskraft. Brennen Affen, die womöglich auch noch von deutschen Steuergeldern durchgefüttert werden, ist das greif- und damit vorstellbar. Uns fehlt Grips für so etwas, wie den Klimawandel (und dessen direkter Verbindung zu unserem alltäglichen Verhalten). Oder dafür, dass Dinge in fernen Ländern geschehen, die Menschen ihre Kinder alleine auf eine lebensgefährliche Fluchtreise schicken lassen. Dafür, wie es ist, in einem Zelt in Griechenland zu erfrieren. Griechenland kennen wir schließlich nur als warm und gastfreundlich. So schlimm kann das schon nicht sein da auf Lesbos, denkt sich der tapfere Pfadfinder in uns. Und das bisschen Buschbrände kann man ja wohl auch noch irgendwie löschen. Eine Fläche so groß wie Belgien ist ja wirklich überschaubar. Hier in unserem Land, in dem wir für Affen Häuser bauen, ist jedenfalls kein Platz mehr für fremdländische Menschen und ferne Dramen.

Zum neuen Jahr wünscht sich ausgerechnet der Schellenaffe daher vor allem eins: ein bisschen weniger Affenzirkus. Und etwas mehr menschliche Akrobatik.




Rücksch(l)au.

Rückschau Rückblick Rückspiegel Jahresrückblick Schellenaffe

„Gibt es ein schöneres Zeichen der Wertschätzung und Hochachtung, als das Anführungszeichen? Ein Symbol der Huldigung des gesprochenen oder geschriebenen Wortes. Eine Ver- und Aufwertung formulierter Gedanken und Visionen.“ Dies könnte ein Zitat von Karl-Theodor zu Guttenberg sein. Ist es aber leider nicht.

„Wie schmeichelhaft wäre es, wenn andere die Worte des Schellenaffen aufgreifen und verwenden würden?“ Dies könnte ein Zitat von Johann Wolfang von Goethe sein. Wir wissen es leider nicht. Ebenso wenig, wie wir wissen woher der Schellenaffe auch in diesem Jahr seine Inspiration (in Fachkreisen bekannt als untherapierter Irrsinn) nimmt. Außer heute. Da bedient sich der Schellenaffe zum einen bei sich selbst und zitiert sich selbst in untherapierter Bescheidenheit.  Zum anderen bedient er sich bei einem seiner liebsten untherapierten Irren, Marc-Uwe Kling, und entleiht ihm seine Idee der „kreativ“ zugeordneten Zitate.

„Wer sagt also, dass Weihnachten kalt sein muss? Man spannt die Kängurus vor den Schlitten und verbringt den Tag Sandmänner bauend am Strand. (…) Außerdem möchte ich nicht in einem Land bestattet werden, wo meine Totenruhe von giftigen Spinnen gestört werden würde – bin ich mir doch sicher, dass Arachnophobie den Menschen selbst überlebt.“ – der Dalai Lama.

„Man möchte sich angesichts dieser mannigfaltigen Möglichkeiten des vorzeitigen Ablebens sogar auf der Toilette am liebsten in die Hose machen.“ – Darth Vader.

„Egal auf welchem Kontinent man sich bewegt, der Tourismus scheint schon sein Handtuch ausgebreitet zu haben.“ – Bürgermeister von Bitterfeld.

„Speichern im Kopf. Genügend Speicherplatz haben wir alle – selbst das kleinste Spatzenhirn.“ – Tweety.

„Wie ein kleiner Post-It-Zettel, der auf deinem Leben klebt, erinnere ich dich daran, dass du noch Milch kaufen und die Welt bereisen sollst“ – Algorithmen.

„Metaphorisch gesprochen braucht es Eierschalensollbruchverursacher, die die eigene weicher werdende Hirnkruste aufbrechen.“ – Erfinder des Überraschungsei.

„Wie viele der uns gegebenen Stunden verbringen wir mit Menschen, die wir lieben?“ – Marc Zuckerberg.

„Warum klammern wir uns sogar an Strohhalme, wenn doch eigentlich niemand dieses penetrante Schlürf- und Sauggeräusch vermissen wird?“ – der kleine Elefant.

„Und hier gilt in der Regel, dass Werbeblindheit mit Werbeblödheit bekämpft werden muss.“ – Marketingleiter bei Seitenbacher.

„Um dieses von verspäteten Zügen, zu heiß-kalt-nass-trockenem Wetter und steigenden Eiskugelpreisen ohnehin beschwerte Dasein noch weiter zu beschweren, tun wir das einzig Sinnvolle: Wir beschweren uns.“ – Gewichtheber.

„Ich habe ein tiefes Gefühl der Machlosigkeit.“ – die Made im Speck.

„Ein Text ohne viele Worte.“ – Karl Marx.

„Die ewigen Kreisdiskussionen um das teuflische Patriarchat und den hexischen Feminismus erinnern daran, als würde man immer wieder diskutieren, ob Weihnachtsmann/-frau/-neutrum auch wirklich nicht existiert. Als würde man sicherheitshalber noch mal die Frage diskutieren wollen, ob rothaarige Frauen nicht vielleicht doch besser in der Mikrowelle aufgehoben werden sollten.“ – Bibi Blocksberg.

„Er möchte seine Sonntage eben auch mal damit verbringen illegalerweise sein Altglas zu entsorgen, einen prägenden Eindruck auf Polstermöbeln zu hinterlassen oder schlecht geparkten Autos Fettgebäcke hinter die Scheibenwischer zu klemmen. Er möchte Zeit haben um Elbisch zu lernen, ein Brexitabkommen zu erarbeiten oder Hochzeitsreden zu schreiben.“ – Michelle Obama.

Aprilscherz ausgewischt Berliner hinter Scheibenwischer

„Und so bleibt am Ende eines inhaltsleeren Schlagzeilen-Gewitters wohl nur die Erkenntnis: Diese Bunte Titel-Gala ist wohl das wahre Spiegel Bild unserer Zeit. Bravo.“ – Johannes Gutenberg.

„Die eigene Logorrhoe – auch bekannt als Sprechdurchfall – scheint jedenfalls spontan geheilt.“ – Donald Trump.

„Musste man früher geduldig eine Woche lang einem geregelten Alltag nachgehen, bis man erfuhr, ob Mutter Beimer vielleicht doch lesbisch ist, so kann man heute ungeregelt seiner Seriensucht nachkommen.“  – Mutter Beimer.

„Karli  sitzt mir gegenüber und bohrt in der Nase. Anstatt den erwachsenen Gesprächen am Tisch zu folgen, schaut er den Vögeln im Garten nach.“  – Bediensteter Karls des Großen.

„Wir löschen fast alle unsere Bilder – in dem wir sie löschen oder vergessen. Warum hält man Momente fest, wenn man sie mit einem Filter in eine andere Form presst oder direkt in den Papierkorb legt?“ – Hochzeitsfotograf mit Sinnkrise.

„Even if life isn’t a pony farm, a wish concert or cherry-picking enjoy life in full trains.“ –  Hotline-Musik der Deutschen Bahn.

„So sieht das Internet also von innen aus.“ – Christoph Kolumbus.

„Um die Skurrilität seines Tuns und GEMA-Gebühren muss man sich nicht scheren.“ – Helene Fischer.

„Ich wurde gesiezt. Ich fühle mich alt.“ – Queen Elisabeth II.

„Eine unendliche Unmöglichkeit in einem endlichen Leben.“ – Theresa May.

„Es folgt ein monotoner Monolog, ein Monotonolog, rund um die Schlagwörter „Wohnungsbau, Steuersenkung, Energiewende, Zukunft, grüne Flüchtlinge, Wohlstand für Wahlen“. – [Name SPD-Vorsitz hier einfügen].

„Am Ende geht einem schließlich eh alles am analen Medium vorbei.“ – Annegret Kamp-Karrenbauer.

Wahl Wahlplakat CDU Wahlniederlage Europawahl

„Um jede Form der Transpiration zu vermeiden , ist die Transportation des eigenen Körpers stets von hoher Langsamkeit geprägt.“ – Usain Bolt.

„Nixdavaganz. Praktisch muss es sein. Mit Trekkingsandalen und ordentlichen Socken, Allwetterrucksäcken mit Stullen für unterwegs und kleinkarierte Wanderhemden in Erdtönen ist er gewappnet für den Auf- und Abstieg – aus dem Reisebus.“ – eine Fashion-Bloggerin.

„Pflanzen werden bei mir zu Überlebewesen.“ – Brasilianischer Umweltminister.

„Kakteen suizidieren sich bei mir. Sie erstechen sich.“ – anonym.

„Macht ist eine Frage des Speichels. Sabber, der unter die Haut geht, regiert die Welt.“ – Snoopy.

„Die Mannigfaltigkeit deines absonderlich ingeniösen Lexeminventars mottiert doch am Ende eh keinen Nachtfalter. (…) Am Ende ereilt den Connaisseur und das Croissant das gleiche fortune. Sie sind irgendwann nicht mehr mit einer multilateral resilienten Epidermis ausgestattet. Sie sind nicht mehr ganz knusprig.“ – Till Schweiger zu seiner Logopädin.

„Nun sitzt man als Wir auf der gemeinsam erworbenen Designer-Couch, teilt sich ein gemeinsames Konto und diverse Eigenarten.“ – Ernie und Bert.

„Es geht darum, einfach mal die Pässe zu halten.“ – Bodenpersonal am Flughafen.

„Auch wenn sich der süßeste Nektar manchmal einfach nur als harzige Kacke herausstellt, irgendwas bleibt immer hängen.“ – Hersteller von Schoko-Riesen.

„Es braucht eine so simple Erkenntnis, die zur Grundlage der Mathematik gehört, die beinahe zu banal für unseren Algorithmen programmierenden Menschenverstand ist: die Erkenntnis, dass unendliches Wachstum in einer endlichen Welt nicht möglich ist.“ – der kleine Eisbär.

„Die Hommage an die Gesichtszüge eines Erpels.“ – Cher.

„Doch was wird aus dem Moment, wenn der Moment nur noch darin besteht, ein Foto von dem Moment zu machen?“ – Hochzeitsfotograf mit noch tieferer Sinnkrise.

Selfie Selbstportrait Selbstbildnis Selfiestick Fotos Selfie this

„Ich klaue Karten mit Sicherheitshinweisen aus Flugzeugen. Jetzt ist es raus. Die Wahrheit. Und die Karte aus der Sitztasche vor mir. Ich entwende überlebenswichtige Informationsbroschüren aus stark überwachten Räumen und bringe Menschen willentlich in Not.“- Papst Franziskus.

„Dies wäre der richtige Moment gewesen, zurück zum Parkplatz zu gehen, in ein gemütliches Café zu fahren und ein Stück Sahnetorte zu essen.“ – Hannibal vor der Alpenüberquerung.

„Doch warum löst eine so persönliche Entscheidung, wie die  der eigene Ernährung, so starke Reaktionen bei anderen aus, die weder mit meinem Gaumen noch meinem Magen verbunden sind?“ – Kleinkind in der analen Phase.

„Nein, der öffentliche Zu-nah-Verkehr ist nun wirklich keine Alternative.“ – Verkehrsminister Andreas Scheuer.

„Das Mahl, das mehrheitlich mit Blattgold bedeckt und daher an mit Rettungsdecken eingehüllte Katastrophenopfer erinnerte, liegt schwer im Magen. Wie Heavy Metal.“ – Ludwig XIV.

„Herzlich Willkommen in meinem Satz.“ – Alexa.

„Schon wieder Montag.“ – Gott.

English funny quote language Schellenaffe bellmonkey monkey with bells

„Wirsing verursacht Harndrang.“ – Johann Wolfgang von Goethe.

„Die kalte Jahreszeit ist da. Und mit ihr ist – neben dem schrecklichen Moment, in dem man das erste Mal wieder „Last Christmas“ in irgendeiner Verkaufsstätte hört und verzweifelt feststellt, dass dieses Folterinstrument des modernen Music Boardings noch immer nicht aus dem kollektiven Gedächtnis gespült wurde – der Zeitpunkt gekommen, warme Kleidung zu tragen.“ – George Michael.

„Dabei berühren wir dieses A täglich.“ – Präsident des Berufsverband der Deutschen Urologen.

„Der Körper funktioniert ohne unser Zutun. Denken hilft – wie so oft im Leben – selten.“ – Hippokrates.

„Warum lassen wir nicht öfter Fünfe gerade und P eine Ziffer sein?“  – Finanzminister Olaf Scholz.

„Wen interessiert es eigentlich, was ich hier mache?“ – Trippel B.

„Der Gedanke, dass das eigene Leben eine Unterhaltungssendung ist, beruhigt irgendwie.“ – Mickey Mouse und Kim Kardashian.

„Wenn man selber Fotos von Menschen macht, die Fotos machen, inwiefern unterscheidet man sich dann noch von Menschen, die Fotos machen?“ – Sigmund Freud.

„Sind „Dickmänner“ dann nicht eh die nächste Stufe der diskriminierenden Wortwahl? Warum wird Männern mehr Dicke zugetraut als Frauen? Müsste es nicht sogar „Dickwesen m/w/n“ oder „vom Body Mass Index herausgeforderte Personen“ heißen?“ – der Weihnachtsmann.

„So wie ein Sternchen niemandem weh tut, so sollte auch ein fehlendes Sternchen nicht jedes Mal als eine Verletzung empfunden werden.“ – Barron Hilton.

„Bügeleisen sind hier ein Klassiker der Opfergaben.“ – die Heiligen Drei Könige.

„Dass das ziemliche Geistesschwäche ist, wissen wir.“ – die Menschheit.

„Rückblickend betrachtet sieht man alles von hinten.“ – der Schellenaffe.




Hohoho statt mimimi – Nachhilfe in Sachen Dankbarkeit.

Heul doch Aufkleber Weinerlichkeit

Ach Weihnachten, du bist ist diese schöne Zeit der Besinnlichkeit, der Ein- und Heimkehr, des Friedens und der…blabla. Das klingt ja alles ganz rührselig und gut gemeint. Aber für viele Menschen scheint Weihnachten ein Fest der Völlerei, Hektik und Frustration zu sein. Die Geschäfte sind so voll wie die Autobahnen. Die Gänsepreise sind gen Himmel geflogen. Die Geschenke sind weder erdacht noch besorgt. Originell schon gar nicht. Der Glühwein ist zwar ganz belebend, aber überall diese lebenden Menschen. Und dann noch dieses windschiefe Gerippe im Wohnzimmer, das mehr Nadeln verliert, als der spirrige, eigene Partner noch Haare auf dem Kopf hat.

Besonders an Weihnachten scheinen die Erwartung an unsere Realität und die Realität selbst so weit auseinander zu klaffen, dass wir nur noch gestresst und jammernd in ihren Abgrund gaffen. Und so wird besonders an Weihnachten deutlich, wie leicht man sich mit Banalitäten aufhalten und an ihnen wundweinen kann. So wird besonders an Weihnachten deutlich, wie schnell man den Blick für das Wesentliche verlieren kann. Wie schnell man es sich in der Blase der eigenen Problemchen und Sorgen wohlig einrichtet und denkt „Ja, ich habs wirklich nicht leicht im Leben.“ Schließlich zwickt auch noch die Achillesferse und der nächste Männerschnupfen kommt bestimmt.

Dass das ziemliche Geistesschwäche ist, wissen wir. Aber das mit der Zufriedenheit, die ja am Ende nur ein Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber der eigenen Lebenslage ist, ist so eine Sache. Man wäre ja dankbarer im Allgemeinen, wenn da nicht Donald Trump und dieser hässliche Kater wären, die gleichermaßen auf alle Nachbargrundstücke kacken. Man wäre ja zufrieden, wenn man selbst anstelle der rechthaberischen Luftpumpe aus dem Controlling befördert worden wäre. Man wäre ja glücklich, wenn da nicht die Sorge vor Schnabeltassen und dem Altern im Allgemeinen wäre. Man wäre ja glücklich, wenn da nicht das Wenn und Aber wäre.

Anstatt sich die Frage zu stellen, was Donald Trump oder die Karriere eines Menschen, den man nicht mal mag, mit der eigenen Zufriedenheit zu tun haben und ob man sich nicht eher darüber freuen sollte, altern zu dürfen, hadern wir mit allem, was sich uns in den Weg stellt. Wir lassen uns von unseren Problemen und Ängsten im Kopf zuparken. Wir haben Angst davor, keinen Partner, keinen Job, keine Ferienunterkunft zu finden. Angst davor zu erkranken, verarmen, vereinsamen. Eine Leben ohne the German Angst ist das zwar möglich, aber erscheint uns eher sinnlos und irgendwie beängstigend.

Dabei könnte man doch eigentlich sagen: Je mehr Ängste man hat, desto dankbarer kann man am Ende sein. Ängste sind schließlich die Sorgen vor Problemen, die man noch nicht oder nie hat. Ohne Wenn und Aber, es ist Zeit „umzuparken im Kopf“. Denn Probleme verschwinden nicht, indem man ihnen einen All-Inclusive-Urlaub im eigenen Leben anbietet. „Schön, dass Sie da sind. Darf ich ihnen ein Upgrade anbieten? Unsere Paranoia-Suite mit einem fantastischen Blick auf die Bucht der Hysterie ist noch frei.“ Für alle Pessimisten, denen das mit den erhobenen Mundwinkeln noch etwas schwer fällt, sei eine Aufwärmübung für Einsteiger empfohlen: es könnte ja noch viel schlimmer sein. Besser die trockene Gans steht auf dem Tisch, anstatt am Tisch zu sitzen. Bei uns explodieren zwar Silvesterböller vor Mitternacht, aber keine Bomben. Zwar isst jemand eine Dose Thunfisch im Zugabteil, aber immerhin reist kein Opa mit harten Eiern mit.

Wir leben in historischen Zeiten. In historisch guten Zeiten. Wir erleben nachweislich so viel Wohlstand, so wenig Arbeitslosigkeit, so viel Sicherheit, so viel Frieden wie noch keine Generation vor uns erleben durfte. Keine Kriege, keine Kollapse, keine Epidemien. Sicherlich kommen irgendwann auch wieder schlechtere Zeiten – globalgalaktisch oder ganz persönlich betrachtet. Doch anstatt voller Angst zu leben, dass sich dieser wohlige Zustand ändern könnte, könnte man die Wohligkeit des Zustandes bewusst genießen. Man könnte doch einfach mal die Klappe halten, zu viel Wein trinken, zu viel von der zu fettigen Gans essen, zu viel Geld für zu teure Geschenke ausgeben – und zu viel Dankbarkeit den Menschen zeigen, die einem im Leben genau richtig viel bedeuten. Denn an Weihnachten sollte man anstatt die Daumen zu drücken, dass einem nichts Schlimmes passieren möge, Menschen drücken. Ganz feste. Dann verschwinden manche Probleme. Oder sie werden zumindest etwas kleiner gedrückt.




Geschickt verpackt – das Five-Steps-Modell für originelle Geschenke.

Geschenke Schenken Weihnachten Pizzaschere Schrottwicheln Nutzloses

Sehr geehrte/r Notfallhilfe-Suchende/r,

Sie sind auf unsere Dienstleistung aufmerksam geworden, da Ihnen beim 75%-igen Anzünden der mit Wachskerzen angereicherten Gartenabfälle Ihres Nachbarn die Erleuchtung kam: in einer Woche ist Weihnachten. Trotz allerlei Zählhilfen, wie Kerzenkränze oder Kalender und sich stetig vermehrender, visueller Reize trifft Sie diese Erkenntnis völlig überraschend. Langsam werden Sie sich der Konsequenzen dieser Erkenntnis bewusst: Sie haben noch kein einziges Geschenk.

Kurz versuchen Sie die in Ihnen aufkommende Panik mit Glühwein und der Aussage „Aber dieses Jahr schenken wir uns wirklich nichts“ zu beruhigen. Aber Sie wissen, genau wie wir, die Fachberater der Geschenkenothilfe, dass dies ein Trugschluss ist. Das Versprechen, sich gegenseitig nichts zu schenken, bedeutet lediglich, dass man keine Wünsche seines Gegenübers erfährt, aber eine besonders kreative, persönlich ausgesuchte „Kleinigkeit“ im Geldwert jenseits des bewährten Bügelgutscheins erwartet wird. In diese Falle sollten Sie nicht treten. Und werden Sie nicht treten. Denn der erste Schritt zu einem erfolgreichen Weihnachtsfest (Erfolg definieren wir als das Hinauszögern von Trennungen und Geschrei aller Art) ist getan. Sie haben sich an uns, Ihre kompetente Beratungsstelle, gewandt. Unsere jahrelange Expertise der Geschenkeentwicklung und -investition baut auf psychologischer Grundlagenarbeit und weltweiten Feststudien auf. Und so haben wir die verzierte Methode „Five-Steps to originelle Präsente ©“ (5STOP) entwickelt.

Step 1 – starting point.

Versetzen Sie sich in Ihr Gegenüber. Was mag er oder sie – oder es (auch auf Haustiere kann 5STOP natürlich angewendet werden)? Mag er oder sie zum Beispiel gerne schlafen (als Hinweis dient „Jetzt nicht, ich möchte schlafen.“)? Wie wäre es dann mit Schlaftabletten (und den Worten „ich hoffe, du weißt damit etwas anzufangen“)? Oder eine Busfahrkarte für Menschen, die gerne verreisen. Lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf. Der Insider-Tipp unserer Experten: trauen Sie sich, positive Dinge miteinander zu kombinieren. Plus und Plus ergibt schließlich kein Minus, sondern mehr Plus. Mag jemand Senf und Katzenbabys, stecken Sie eine kleine Plüschkatze in ein Senftöpfchen. Wählen Sie süßen Senf, um die Überraschung besonders niedlich zu machen. Mag jemand Sie selbst, Kaffee und Brüste? Wie wäre es mit einer Tasse in Brustform, auf der ihr Gesicht aufgedruckt ist. Die leichten Verzerrungen Ihres Kopfes sollten Ihnen das Strahlen Ihres Partners wert sein, wenn er die Tasse stolz seinen Kollegen im Büro präsentiert.

Step 2 – target setting.

Doch bevor Sie übereifrig zu den ersten Geschenkideen springen, sollten Sie sich zunächst eine entscheidende Frage stellen: wie sehr mag ich ihn, sie oder es? Step 2 ist der wichtigste Prozessschritt des 5STOP-Modells. Er definiert, abgeleitet aus der emotionalen oder finanziellen Abhängigkeit des Geschenkopfers, den sogenannten Gehässigkeitsindex Ihres Geschenkes. Denken Sie über diese Frage ausreichend nach und ziehen Sie auch längst verjährte Enttäuschungen aller Art in Ihre Analyse mit ein. Je höher die definierte Zuneigung ist, desto niedriger fällt in der Regel (Ausnahmen sind insbesondere unter Geschwistern verbreitet) der Gehässigkeitsindex aus. Doch Vorsicht: der Index sagt jedoch nichts über die Geld- und Zeitinvestition in ein Geschenk aus, er bestimmt lediglich dessen Hässlich- und absolute Nutzlosigkeit.

Geschenke Geschenke Schenken Weihnachten Bügeleisen Schrottwicheln Nutzloses

Step 3 – sustainable sourcing.

Auch das Thema Nachhaltigkeit spielt eine entscheidende Rolle im 5STOP-Modell. Das Hauptziel von 5STOP ist Ressourcenschonung. Recycling und Minimierung von Fahrtstrecken sind die wesentlichen Bausteine hierfür. Daher beinhaltet Step 3 die Beantwortung der Frage: was möchte ich in meinem Haushalt los werden? Bügeleisen sind hier ein Klassiker der Opfergaben. Doch setzen Sie auch hier Ihrem Denken keine Grenzen. Der Berg an Pfandflaschen unter der Spüle könnte beispielsweise eine besonders kreative Version eines Einkaufsgutscheins sein (siehe auch Step 5 – Packaging). Oder die ungenutzte Pizzaschere könnte beispielsweise unglücklich Beschenkten bei der Weiterverarbeitung Ihrer Geschenke helfen oder Botanikern mit besonders stark wachsenden Petunienhecken Freude bereiten. Eine beliebte Quelle solch nützlicher Geschenke ist im Übrigen das sogenannte „Wichteln“ (mitunter trägt es den Zusatz „Schrottwichteln“, gemeint ist aber stets das Gleiche). Der Begriff Wichteln stammt aus der Logistikbranche und beschreibt den in sich in Gänze geschlossenen, kauf- bzw. verbrauchsneutralen Prozess des globalen Warenumschlags. Auch bekannt als Nippes Trading. Ein weiterer Geheimtipp unserer Experten: verstecken Sie persönliche Gegenstände des Opfers. Wir garantieren, die Freude wird groß sein, wenn das verlorene Handy, der verlegte Hausschlüssel oder der vor dem Supermarkt vergessene Hund unter dem Weihnachtsbaum liegen.

Step 4 – pragmatic purchasing.

Sind alle Scheusslich- und Nutzlosigkeiten nichthumaner (!) Art aus dem eigenen Haushalt verbannt, folgt Step 4, der Expresseinkauf. Dieser Schritt ist jedoch rein optional und birgt einige Risiken und Gefahren, auf die wir Sie im Folgenden hinweisen. Ein weit verbreiteter Fehler ist beispielsweise der Glaube durch Online-Shopping besonders effizient Geschenke erwerben zu können. Vertrauen Sie uns: Sie sind nicht der Einzige, der diesen naiven Gedanken hat. Spätestens in der Telefonschleife ihres Versanddienstleisters oder der Warteschlange ihrer Poststelle, in der mittlerweile Decken und Heißgetränke verteilt werden, werden Sie feststellen, wie ineffizient diese Verfahrensweise ist. Ein Geschenk, das Sie erst an Silvester überreichen, birgt höchste Sprengkraft. Wagen Sie daher den Schritt, also den Schritt vor die Haustüre. Und keine Sorge, sie müssen nicht weit gehen. Halten Sie zunächst Ausschau nach alten Fahrrädern, an denen diese neonfarbenen Warnzettel angebracht sind (Wortlaut in etwa: „ist das noch ein Fahrrad oder kann das weg?“). Hier machen Sie nicht nur den Menschen, der sein Fahrrad „vergessen“ hat, glücklich, sondern die Stadtreinigung freut sich ebenfalls über Ihr Weihnachtsgeschenk. Und den Beschenkten erheitern Sie sowieso, wer freut sich schließlich nicht über ein so wertiges Geschenk wie ein Fahrrad? Oder sammeln Sie ein paar Blätter am Straßenrand und verschenken Sie einen Gutschein für „1x Laubsammeln“. Direkt eingelöste Versprechen sind schließlich wertvoller als jeder Laubbläser und ein Ausdruck echter Nächstenliebe. Also das Mögen des am nächsten Liegenden. Auch für personalisierte Geschenke muss es nicht zu spät sein. Kleben sie zum Beispiel einen schönen Urlaubsschnappschuss auf einen Kaffee-To-Go-Becher oder auf ein quadratisches Stück Pappe aus Ihrer Cornflakespackung. Fertig ist das Müslipad. Geschenke, die dem Opfer helfen, Geld zu sparen, sind auch gerne gesehen. Rechnen Sie die Ersparnisse stets präzise auf, wenn Sie beispielsweise ein Packung Zahnpflege-Kaugummis (2x Zahnreinigung p.a.) oder die geöffnete Chips-Tüte der Sorte „Nichts“ überreichen (1x Geburtstagsgeschenk für Sie und 1x Diätratgeber).

Geschenke Schenken Weihnachten Verpackung Plastiktüten

Step 5 – professional packaging.

Die Verpackung macht die Musik. Das Auge schenkt mit. Man muss nicht immer hinter die Fassade schauen. Die bekannteste Technik zur Umsetzung von Step 5 heißt: Papperlapapping (PLP). Doch gerade bei der Wahl der Geschenkverpackung gilt es ein Gespür für Trends zu haben. Plastiktüten beispielsweise sind derzeit stark in Verruf und Ozeane geraten. Dennoch sollten Sie bereits jetzt mit der Bevorratung beginnen, denn die Prognose-Experten der Notfallhilfe sagen voraus, dass Plastiktüten aufgrund ihrer Verknappung in naher Zukunft zum Ausdruck von Sammlergeist und Wertigkeit werden. Die Vorhersagen gehen sogar so weit, dass in wenigen Jahren Plastiktüten verschenkt werden. Leer. Eine ähnliche Entwicklung durchliefen Weinkisten, Zigarrenkästen und Einmachgläser. Ein letzter Tipp für Unschlüssige: haben Sie kein Geschenkpapier zu Hand, verpacken Sie das Geschenk doch einfach in einem Stück Papier, das Sie garantiert zur Hand haben und die Hochwertigkeit Ihrer Gaben unterstreicht: dem Kassenzettel.

Wir wünschen harmonische Festtage und viel Erfolg beim Nippes Trading,

Ihre Geschenkenotfallhilfe.




Maximalpigmentierte Schaumküsse and Mohr.

Dickmann Negerkuss Mohrenkopf Toleranz Rassismus Sprache Wortwahl

Meine Oma war ein weit gereister, belesener und toleranter Mensch. Sie widmete den Großteil ihres Daseins anderen und vererbte ihren Humor und ihre positive Sicht auf das Leben. Sie erzählte gerne Witze, am liebsten über sich selbst. Diese meine Oma sagte das Wort „Neger“. Sie sagte es in der Öffentlichkeit und Zuhause. Beiläufig wie das Wort „Fahrkarte“ baute sie es in Gespräche über ihre Vergangenheit oder ihren Alltag ein. Sie dachte sich nichts dabei. Wies man sie darauf hin, dass man das nicht sagen dürfe, fragte sie, warum das nach all den Jahren nicht mehr erlaubt sei? Als neunmalkluger Enkel gingen einem dann schnell die Argumente aus und man knabberte unsicher an seinem Schokoladen-Schaumkuss mit Fettglasur.

Meine Oma, die mir jeden Abend liebevoll einen Apfel in Stückchen schnitt und mich Fußball in ihrer Wohnung spielen ließ, ist eine Befürworterin der Sklaverei und Diskriminierung dunkelhäutiger Menschen – zumindest wenn man den öffentlichen Debatten Glauben schenkt. Nur Rassisten oder ungebildete Menschen, die sich einen feuchten Schaumkuss um die Vergangenheit scheren, verwenden das N-Wort. Klarer Fall.

Doch so klar das Urteil vornehmlich weißer Eliten, so schwer empfinden es viele, den Überblick zu behalten, welche Worte erlaubt und welche verdorben sind, wie die Packung Milch aus der letzten Jahreszeit. Wie soll man Menschen, die ohne zu erröten durchs Leben kommen (um es mal umständlich zu umschreiben), denn nun nennen? Schwarz, farbig, dunkelhäutig, maximalpigmentiert? Und wie um Gottes/Göttinnen willen nicht? Neger oder Mohr? Oder sollte man eh nur über Haarfarben (und – zustände) sprechen, aber nicht über Hautfarben? Meine Oma verwendete das Wort Neger, weil sie nach 91 Jahren keinen Grund darin sah, ihre Sprache zu ändern. Schnell trifft man die Annahme, dass sie, weil sie das Wort nie abänderte, ihre Einstellung andersfarbigen Menschen gegenüber überkommen sein könnte. Doch anstatt sich in Debatten um einzelne Worte zu verlieren, könnte man eigentlich auch auf die vom Verwender beabsichtige Intention hinter den Worten schauen – anstatt pauschal alle Fans von Mohrenköpfen und Negerküssen ein schikanierendes Wesen zu unterstellen. Sind „Dickmänner“ dann nicht eh die nächste Stufe der diskriminierenden Wortwahl? Warum wird Männern mehr Dicke zugetraut als Frauen? Müsste es nicht sogar „Dickwesen m/w/n“ oder „vom Body Mass Index herausgeforderte Personen“ heißen? So wird Wortwahl schnell zur Wortqual. Wenn man liest, dass als neuestes Wortopfer der Begriff „exotisch“ in Verruf gerät, fragt man sich, ob man bald nicht mehr von „Drogeriemärkten“ (vermitteln einen lockeren Umgang mit Suchtmitteln) und „Kindergärten“ (suggeriert, man würde Kinder anpflanzen oder alleine im Garten leben lassen) sprechen darf.

In den Diskussionen um politisch korrekte Sprache geht es primär um die Wirkung der Sprache. Um den Empfänger der Sprache. Die Sicht des Senders, sei er eine friedfertige, alte Frau, die den Diskussionen nicht mehr folgen kann oder will, wird gerne vergessen. Dass es aber einen riesendickmanngroßen Graben zwischen dem, was ich sage und dem, was ich meine, geben kann, wird jeder Paartherapeut bestätigen. Oder es wird gerne allen Sendern die gleiche Intention unterstellt. Verwendet ein AfD-Politiker Begriffe wie „Volk“ und „Neger“, sagt und meint er etwas Bestimmtes. Er möchte vermutlich bewusste Verbindungen zur Vergangenheit schaffen, provozieren oder einfach nur seinen braunen Hirnfürzen Erleichterung verschaffen. Meine Großmutter hingegen nicht.

Doch gleichzeitig stellt sich die Frage, ob wir, wenn man jedem erlaubt, alles zu sagen – er meint es ja nicht so – abdriften in eine verrohende Gesellschaft ohne Bezug zu Vergangenem und klaren Grenzen. Was tut so weh daran, ein Gendersternchen zu setzen, um den Raum für bewusste und unbewusste Diskriminierung sternchenweise zu verkleinern? Wenn man eben nicht mehr nur von dem „Arzt“ redet, zeichnen vielleicht mehr Kinder das Bild einer Ärztin in ihr Malbuch oder in das Traumbuch ihrer eigenen Zukunft. Schaden kann es nicht.

Wie so oft gibt es nicht nur schwarz oder weiß. Die Mitte ist vermutlich auch hier das Maß der Dinge. So wie ein Sternchen niemandem weh tut, so sollte auch ein fehlendes Sternchen nicht jedes Mal als eine Verletzung empfunden werden. Man sollte sich vielleicht einfach öfters einen herzlichen Kuss geben. Und Schaum über den Neger wachsen lassen.




Im Visier.

Handy Fotografieren Fotos Visier

Diese armen Menschen. Sie müssen verloren sein in dieser Welt. Allein gelassen mit einer Sonderbegabung, die kaum einer wahrnimmt oder gar wertschätzt. Sie sind alleingelassen mit einer Besonderheit, einer Mischung aus Zwangsstörung und Sehbehinderung, die sie die Welt gänzlich anders wahrnehmen lässt als ihre ordinären Mitmenschen, denen sie gerne einen farbenfrohen Teint, einen hübschen Bilderrahmen und Katzenschnurrbarthaare zuführen.

Die Rede ist von Menschen mit einem fotografischen Zellgedächtnis.

Auslöser für diese querformatige Form der Alltagsbeeinträchtigung ist ein Auslöser. Also das Auslösen. Das Auslösen der Handykamera. Es dient der Befriedigung des Zwanges, alles zu foto- oder videodokumentieren und zur Erlösung von der Ödnis einen Moment erleben zu müssen, in dem man sich gerade mit seiner vor dem Gesicht angesiedelt Suchthilfe befindet. Das will ja auch keiner erleben, dass einem die ganze Zeit etwas die Sicht behindert. Da lenkt man sich lieber mit etwas ab, was einem die Sicht behindert. Äh ja.

Menschen mit dieser ausgeprägten Vorliebe für den fotografischen Irrealismus sind zahlreich. Sie sind nicht nur an einem Brett aus Metall und Glas vor dem Kopf zu erkennen. Man identifiziert sie leicht dank ihres befremdlichen Verhaltens. Sie tanzen nicht auf Konzerten. Sie kennen als einziger im Stadion nicht den Spielstand. Sie klatschen keinen Beifall. Sie stehen, wenn alle anderen sitzen. Man hat den Eindruck, sie kriegen im Allgemeinen wenig von ihrer Umwelt mit. Das ist der traurige Nebeneffekt dieser Sonderbegabung.

Das Schöne daran ist jedoch, dass man sich mit dieser psychologischen Eigenschaft an nichts, rein gar nichts mehr erinnern muss. Sehfähigkeit und Hirnleistung werden komplett outgesourct. Alles ist dokumentiert. Der unzähligste Besuch auf einem Weihnachtsmarkt. Die gesamte Playlist eines Konzertes. Das Schreiben eines 129. Blogbeitrags. Das Bild im Museum. Jeder Tag eines jeden Urlaubes. So muss man nicht mehr wissen müssen, wann man wo jemals gewesen ist. Das fotografische Zellgedächtnis weiß es. Ebenso weiß es, wie das Konzert war. Welche Chance der Mittelstürmer in der letzten Minute vergeben hat. Welche Fische im Meer schwammen. Es weiß lediglich nicht, wie die Wassertemperatur war.

Handy Fotografieren Fotos Visier
Fussball auf dem Bildschirm.
Handy Fotografieren Fotos Visier
Beifällig.
Handy Fotografieren Fotos Visier
Whale watching irgendwie anders.
Handy Fotografieren Fotos Visier
Tolle Musik.
Handy Fotografieren Fotos Visier
Tolles Bild.
Handy Fotografieren Fotos Visier
Neuester Trend: man hat ja zwei Hände.

Als Mensch ohne Sonderbegabung kratzt man sich regelmäßig – mit zwei freien Händen – am Kopf und denkt sich „bei denen klickts wohl“. Aber am Ende bleibt die Frage: Wenn man selber Fotos von Menschen macht, die Fotos machen, inwiefern unterscheidet man sich dann noch von Menschen, die Fotos machen? Oder ist man nur, wie bei einer dieser russischen Matrojschka Puppen, eine weitere Bilderschicht, die noch weiter weg vom eigentlichen Herzstück entfernt ist? Der Kern des Lebens trägt jedenfalls eher selten Katzenöhrchen, Schnurrbarthaare und einen Bilderrahmen um sich herum.