Der Sonnentagsradler.

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In unserer Reihe „Sichtung seltener Spezien“ (siehe auch Vorhaben ist wie Machen – nur im Kopf. Zum Vorsatz keinen Vorsatz zu haben. oder Avantgarde und Altkleider – ein Ausflug in die Kunstszene.) widmen wir uns heute einer besonderen Gattung, die ausschließlich in Horden auftritt und nur dann gesichtet wird, wenn ihre hohen Ansprüche an klimatische Bedingungen erfüllt sind: der langsam scharwenzelnde Sonnentagsradler. Diese radikalisierte Variante des Sonntagsfahrers traut sich in der Regel nur aus seinen behüteten Hupstätten (Autos), wenn die tagesaktuelle Wetterlage es zulässt: bei präzisen 17-23 Grad, einer Regenwahrscheinlichkeit um und bei 0% und Windstärken, die dem eigenen Fortbewegungstempo ähneln (Stillstand). Nichts verunsichert den Sonnentagsradler mehr als ein unerwarteter Regenguss oder Gegenwind, der durch den Flug einer Biene ausgelöst wurde. Zudem besitzt er Gliedmaßen, die bei Temperaturen unter dem Frierpunkt (17 Grad) sofort drohen abzufallen. In der Regel verkriecht er sich nach solch einer Begegnung mit den Elementen der Natur für Monate unter einer Motorhaube.

Um jede Form der Transpiration zu vermeiden (er ist im Übrigen bekannt für seinen Gesang des „Ich kann doch nicht verschwitzt im Büro ankommen!“), ist die Transportation des eigenen Körpers stets von hoher Langsamkeit geprägt. Der Sonnentagsradler ist an seinem Trittverhalten im ¾-Takt zu erkennen: drei Viertel der Zeit rollt er im Schritttempo dahin, ein Viertel der Strecke tritt er geradezu gallopierend in die Pedale seines eleganten, rost- und dreckfreien Citybikes. Der Ausdruck „so gut wie neu“ trifft für gewöhnlich auf sein Fahrzeug zu, dessen Gangschaltung ebenfalls „keinerlei Gebrauchsspuren“ aufweist.

Der Sonnentagsradler ist ein vorrangig im Mai und Juni aktives Zug- und Schwarmtier. Doch anders als perfekt synchronisierte Fisch- oder Vogelschwärme zeichnet sich das Herdenverhalten des Sonnentagsradlers durch eine maximale Asynchronität aus. Die Bahnen der Sonnentagsradler sind meist verwackelt und kreuzen sich für Ausstehende scheinbar wahllos. Es bzw. er gibt keine Zeichen, die die Flugbahn berechenbar machen würden. Er trägt zwar keinen Helm. Aber fährt, als habe er einen am Helm. Ist der gemeine Alltagsradler – sein Näherungsfeind – darum bemüht, anderen Lebewesen seine Routenplanung durch Handzeichen und Blickkontakte mitzuteilen, zeichnet den Sonnentagsradler eine bewundernswerte Zuversicht und Gelassenheit aus. Manch einer missdeutet sie als Kurzsichtigkeit. Durch abruptes Bremsen und schlingernde Anfahrbewegungen macht er in der Regel auf sich aufmerksam. Achtet man im Großstadtlärm auf leises Fluchen und lautes Bremsen des gemeiner werdenden Alltagsradlers in seiner Nähe, kann man ihn sehr einfach in freier Wildbahn entdecken. Die Wildbahn ist ohnehin sein bevorzugtes Habitat.

Doch so plötzlich das Schauspiel begann, so plötzlich endet es wieder. Mit den ersten Sommergewittern und Hitzewellen verschwindet der Sonnentagsradler wieder in seinem klimatisierten Vehikel. Die Radikalisierung findet ein Ende. Der gemeine Alltagsradler erobert sein Gebiet zurück und radelt einsam – an hupenden Blechbergen vorbei – durch eine Feinstaubwolke dem Sommerregen entgegen. Nur noch das Knarzen seiner rostigen Gangschaltung begleitet ihn dabei. 




Hundstage.

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Plötzlich ist er da. Dieser Moment, vor dem man sich lange fürchtete. Man hoffte irgendwie, er würde nie eintreten, auch wenn man weiß, dass dies bedeutete, ein Lebewesen würde an Magersucht oder Darmdetonation sterben. Aber man hofft naiv, dass der Kelch wundersamerweise an einem vorüber gehen würde. Beziehungsweise der Plastikbeutel. Doch dann ist der da, dieser verstörende Moment, da man das erste Mal in diese Plastiktüte greifen muss, wie ein Arzt in die OP-Handschuhe. Und dann tut man es. Man fasst Hundekot an.

Die gebückte Haltung, die würdelose Pose erinnert an Betrunkene, die sich schamvoll in der Öffentlichkeit übergeben. Mit dem Unterschied, dass hierbei der Auslöser des Übels schon zehn Meter weitergelaufen ist, an einem Busch schnuppert und überlegt, ob er ein Taschentuch fressen soll.

In unseren scheppernden Köpfen sind die Dinge, die wir uns vorstellen, meist voller sinfonischer, harmonischer Klänge. Die wenigen Störgeräusche besitzen dafür die Dezibel-Stärke einer startenden Boeing 747 – mit einem Martinshorn auf dem Dach und einer Kita voller hungriger Zweijähriger an Board. Doch wie klingt die Realität dann wirklich? Laut oder leise? Wie rhythmisch oder grässlich? Wie lärmend fühlt es sich an, Hundehaufen von der Straße aufzuheben? Ist es wirklich so klangvoll einen Hund zu besitzen oder erwischt man sich alsbald knietief in einer scheppernden Hundedepression?

Die Wirklichkeit summt nicht. Sie jault und bellt. Und hört – manchmal – auf den Namen Hummel. Hummel ist für das Wochenende zu Besuch. Hummel ist eine eigenartige Besucherin. Hummel hat ihr eigenes Geschirr und Essen mitgebracht, das ihr aber nicht wirklich schmeckt. Hummel hat ihr eigenes Bett mitgebracht, das sie allerdings nur selten der Couch oder dem muffigen Teppich vorzieht. Hummel hat den Wunsch, viele Dinge einmal in Ruhe durchzukauen. Hummel mag keine Treppen und möchte lieber vom Balkon in die Hecke, in die Freiheit hüpfen. Hummel wünscht sich wohl, sie wäre eine Hummel.

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Die pubertäre Dackeldame wurde vornehmlich zur Menschentherapie mit Fokus auf das Abtrainieren einer Schnapsidee (Besitz eines eigenen Hundes) aufgenommen. Sie stellt sich aber zeitgleich als sehr patente Haushaltshilfe heraus. Sie kümmert sich um den Papiermüll, zerkleinert und verteilt diesen so fachhündisch, dass er sich quasi selbst entsorgt. Sie putzt gerne Schuhe und gibt ihnen dabei eine neue Patina (das sogenannte „Hundebiss-Muster“). Sie dekoriert äußerst geschmatzvoll um und entfernt bodennahe, geschmacklose Staubfänger. Sie staubsaugt gründlich, egal ob Speisereste, Stuhlgleiter oder humanoide, nackte Zehen. Auch vor schwer erreichbaren Stellen, wie unter Sitzmöbeln oder hinter Regalen, scheut sich Hummel nicht und reinigt notfalls mit ihrer langen Gesichtsbehaarung höher liegende Staubflocken. Ihr fehlt nur noch die Stirnlampe, dann wäre sie ein echter Kumpel.

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Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass Hummel so viel Kot im Kopf hat, wie aus ihr herauskommt.

Im Freien surrt Hummel sodann wie eine quirlige Biene von Bein zu Bein. Nebensächlich, ob es ein haariges Hundebein, ein haariger Busch oder ein Hosenbein mit einem dieser drolligen , weniger haarigen Menschen drin steckend ist. Dadurch lernen Menschen Menschen kennen, die sie nicht kennenlernen wollten. Kann man auf dem Kinderspielplatz die Kinder in der Regel sich selbst überlassen (anzügliche Übergriffe, Beissattacken und sich verheddernde Leinen sind unter Vierjährigen eher selten) und die Mutter des Sand essenden Friedrichs ignorieren, fühlen sich Hundebesitzer zur Konversation verpflichtet. Geschlecht, Rasse, Alter, Name und Nahrungsunverträglichkeiten werden abgefragt oder ungefragt mitgeteilt. „Ach Pummel heißt er? Ist das ein Standard? Waren Sie schon mal beim Dackeltreffen?“ Man unterdrückt die Frage, ob die stark übergewichtige Fußhupe mit dem Häckeljäckchen eine Standard-Presswurst ist und antwortet kurzbeinig angebunden – und zieht an der Leine, die einem diese Konversationen eingebrockt hat.

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Doch dann blickt Hummel ihre Patienten – oder das Leckerli in ihren Händen – mit diesen braunen Knopfaugen an und was war noch mal die Fragestellung? Egal. Dann wirft man irgendwas, was wohl einmal ein Hundeknotenseil war, aber eher an die derangierte Frisur eines Kelly Family Mitglieds, die im Ausguss steckte, erinnert, und Hummel springt glücklich mit ihren kurzen Beinen hinterher. Dann sucht Hummel unruhig eine angemessene Schlafposition und döst erst zusammengerollt im Schoss des Patienten liegend zufrieden ein. Dann zuckt und bellt Hummel im Traum. Dann steht Hummel um 5:30 morgens am Bett, Schwanz wedelnd, gut gelaunt, latent mit einer Leckage der eigenen Blase drohend – und selbst dann kann man ihr nicht böse sein. Zumindest nicht so böse, wie man seinem in der Regel nicht an der Hand leckenden Wecker wäre. Immerhin kann man so ja besonders frische Brötchen beim Bäcker abgreifen und den so selten gewordenen Vogelgesängen ohne jeden Verkehrslärm lauschen. Dann läuft Hummel tapsig über die Tasta28üz3rhlfq0zr.

Und man stellt fest, das Therapieziel ist auf kurzen Stummelbeinen in weite Ferne gerückt.

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So ein Müll.

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Ehen, Partnerschaften und Beziehungen aller Art entwickeln nach Jahren der Gemeinsamkeit eine bizarre Eigendynamik, die an die Riten in britischen Parlamenten erinnert. Da reicht auf einmal ein Haar im Waschbecken, eine dreckige Tasse auf der Anrichte oder ein recht(s)haberischer Kommentar des Beifahrers und ein Streit endzeitartigen Ausmaßes kann entstehen. Plötzlich steht der unkontrollierte Brexit im Raum – dabei ging es doch nur um die Frage, wer den Müll herunterträgt.

Was jedoch nach einer miefigen Banalität klingt, sollte in der Tat mit Bedacht ausgehandelt werden. Denn: Im Durchschnitt produziert ein Deutscher 220kg Müll – pro Jahr, pro Kopf. Die Frage nach der Gerechtigkeit des Müllentsorgungsschlüssels ist also eigentlich eine Diskussion darum, wer heute das Elefantenbaby mit schlecht verknotetem Rüssel nach unten trägt. Laut einer Studie des Umweltbundesamtes (es würde mich nicht wundern, wenn diese Studie in gebundener, gedruckter Form verfügbar wäre) entsteht die Hälfte dieses Mülls im Haushalt. Zur Einordnung: Das entspricht dem Gewicht von ca. 32.000 Joghurtbechern, die wir in unseren Wohnungen und Häusern ansammeln.

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Deutschland ist damit, anders als es unser Selbstbild erlaubt, absoluter Spitzenreiter. Mülleuropameister. Und gerade bei Kunststoffen ist die Reyclingquote (mit knapp 50%) auch eher abstiegsgefährdet. Doch wie kann das sein? Franzosen laufen doch auch nicht mit Blechdosen und To-Go-Bechern aus Keramik durch ihre Rues und Avenues? Wer denkt beim Gedanken an Großbritannien nicht automatisch an Möwen, die die Fish’n Chips Portion aus dem Cellophan-Teller klauen?

Sind wir so müllenvoll?

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Die Antwort ist leider ja. Wir machen ziemlichen Müll, Müll, Sondermüll. Wir genießen eine Kultur des unterwegs Konsumierens und des Zuhause Einkaufens. Wir kaufen verpacktes Gemüse im Discounter anstelle nackter Gurken auf dem Wochenmarkt. Wir lassen fünf Kleidergrößen vom Online-Kaufhaus verfrachten anstatt den schlecht ausgeleuchteten eigenen Körper in eine Umkleidekabine zu verschiffen. Wir werfen 8 Cent in Form einer Pfandflasche lieber weg, als das Risiko einzugehen, Spuren von Limonade in der Tasche zu finden. Wir werfen Jutebeutel, die wir als Werbegeschenk bekommen, in den Müll. Warum klammern wir uns sogar an Strohhalme, wenn doch eigentlich niemand dieses penetrante Schlürf- und Sauggeräusch vermissen wird?

Die Lösungen zur Müllreduktion sind nicht immer einfach verpackt. Eine kurzlebige Papiertüte ist nicht automatisch besser als ihr künstlicher Kollege aus Plastik. Eine eingeschweißte Gurke ist geschützt vor zerbeulter Orangenhaut und wird daher eher konsumiert anstatt direkt kompostiert. In den nächsten Unverpackt-Laden nach Hamburg zu fahren ist vermutlich auch nicht mehr nachhaltig, wenn man in Uelzen lebt. Und so freuen wir uns heimlich wie so oft über die Logikfehler, die fehlenden Klarheit, die es erlaubt „bequem ist weiterhin genehm“ zu sagen. Unbequeme Wahrheiten ersticken wir gerne unter einem unverwüstlichen Haufen synthetischer Polymere.

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Dabei sind wir uns doch der wachsenden Umweltgefahr durch zu viel Plastikmüll bewusst. Wir wundern uns regelmäßig, wie der Müllbeutel schon wieder so voll werden konnte. Wir fragen uns, ob man bei seiner letzten Online-Bestellung statt „Kleider, Größe S“ einfach „Kartonagen, Größe XXL“ bestellt hat. Jeder weiß es, jeder möchte, doch keiner tut. Doch verändern ist nun mal leider ein Tu-Wort, so ein Müll.

Also, pack den Jutebeutel und die Trinkflasche ein. Gehe Einkaufen anstatt „Ein-Klicken“. Lass den Kelch mit dem Strohhalm an dir vorüberziehen. Tue etwas. Irgendetwas. Denn der Elefant verschwindet nicht von allein. Im Englischen gibt es einen Ausdruck, für Probleme, die jeder wahrnimmt, aber keine adressiert: there is a pink elephant in the room. Der Elefant ist in diesem Fall nicht nur pink, er stinkt nach Müll. Da müsste das Ignorieren deutlich schwerer fallen. 220kg schwer.




Fifty shades of dying.

Ich schaue in den furchtlosen Blick meines Gegenübers und denke: Ich möchte heute noch nicht sterben. Nicht heute. Die Sonne scheint, ich habe gerade sehr viel Zeit damit verbracht mich mit Alpina-Farbendicker Sonnencreme einzuspachteln und es ist ein schöner Tag. Außerdem möchte ich nicht in einem Land bestattet werden, wo meine Totenruhe von giftigen Spinnen gestört werden würde – bin ich mir doch sicher, dass Arachnophobie den Menschen selbst überlebt. Doch finster und entschlossen wirkt der Gegner. Groß und bedrohlich der zum Töten perfektionierter Körper – in der Größe eines Fingernagels. Eines Fingernagels eines Babys. Eines Fingernagels eines ungeborenen Babys. Eines Fingernagels eines ungeborenen Schimpansen-Babys. Doch so schnell der Gegner vor mir stand, so schnell ist er verschwunden. Und die Ameise lässt mich in peinlicher Paranoia zurück.

In Australien kann der Tod die Dimension eines Staubkorns besitzen. Oder die Größe eines Ozeans. Das Leben besteht ja bekanntlich aus mehr Kontrasten als das randlose Brille tragende Gesicht eines Günther Jauch. Da gibt es kalorienarme, vegane Eiscreme. Eine lesbische, mit einer Ausländerin in einer Steueroase lebende rechtspopulistischen Politikerin, die an der Spitze einer homophoben, ausländerfeindlichen Partei steht. Und es gibt omnipräsente Todesgefahr ausgerechnet im sonnigen, unberührten Paradies. In Form einer schönen Muschel am Strand. Eines grauen Haies im türkis in der Sonne schimmernden Wasser. Oder eben einer kleinen, fleißigen Ameise auf dem Boden des Regenwaldes.

Australien ist so ein Ort der Kontraste. Alles scheint in diesem durch evolutionäre Isolation zu sehr mit sich selbst beschäftigen Kontinents tödlich zu sein. Da gibt es Kröten, die dem Begriff giftgrün eine neue Bedeutung geben. Wilde Dingos, die wie die flauschige Promenadenmischung des älteren Herren von nebenan aussehen, wohl aber dessen Enkel verspeisen würden. Quallen, die wenn man sie bereits in der Ferne sieht zum qualvollen Dahinraffen führen. Ähnlich wie RTL2. Schlangen, die es sich perfekt getarnt in Birkenstockschlappen oder Badewannen bequem machen. Spinnen, die unter Klodeckeln lauernd das stille Örtchen zum sterbenden Kötchen machen. Man möchte sich angesichts dieser mannigfaltigen Möglichkeiten des vorzeitigen Ablebens sogar auf der Toilette am liebsten in die Hose machen. Australien ist der Kontinent auf dem man sich über seine Altersvorsorge und den eigenen Cholesterinspiegel plötzlich weniger Sorgen macht. Verkalkte Arterien sind wahrscheinlich sogar hilfreich, da das Gift langsamer transportiert wird. Manchmal wünscht man sich in die langweilige Kulisse des Schwarzwalds versetzt. Oder wusste man vielleicht bisher einfach nicht, dass es auch im eigenen Land tödliche Eicheln werfende Eichhörnchen, giftige Marienkäfer und aggressive Rehe gibt? War man bisher einfach blind wie eine Blödauge (diese Schlangenart existiert tatsächlich, mutmaßlich natürlich nach ihrem Entdecker benannt)?

Die Australier selbst reagieren jedenfalls auf die panischen Ängste der Besucher so, als würde man mit Antigiften, Netzen, Gewehren und einem Ranger an der Seite Urlaub im Hunsrück machen wollen. Sie lachen gelassen und wundern sich ein wenig. Manch einer macht sich einen kleinen Spaß daraus surrende Fliegen als Todesdrohnen anzupreisen oder vor sogenannten Drop Bears zu warnen – eine seltene Bärenart ähnlich eines Koalas, die sich von Bäumen herunter auf ihr Opfer fallen lassen würde. Einzig Schutzmöglichkeit gegen diese sichere Art zu Sterben sei es, einen spitzen Hut mit den Händen über dem Kopf zu formen, an dem der Bär dann abrutschen könne. Man möge die Geste am besten direkt einmal demonstrieren.

Und so stehen Australier vor „Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm“ spielenden, panischen Touristen und scheinen längst begriffen zu haben, dass das gefährlichste Lebewesen der Welt ein anderes ist. Eine auf allen Kontinenten weit verbreitete Spezies mit dem Hang, unliebsame Mitatmer mit Giftsprays, lauten Saugmaschinen oder noch lauterem Geschrei zu beseitigen. Die Abwehrmechaniken dieser Rasse sind ein wahres evolutionäres Wunder. Mitunter atem(be)raubend. Gegner, deren Lebensräume oder Nahrung werden zertrampfelt, überfahren oder verseucht. Mitunter trifft es auch die eigene Sitte bzw. Sippe: unliebsame family company wird mittels One shot killing power ebenfalls eliminiert. Geruchlos, wie sich versteht. Und doch reicht am Ende ein kleines Detail des artfremden Gegners, dass ihn überlegen vom Platz gehen lässt: sechs bis acht kleine, haarige Beine statt zweier Hände, mit denen er zitternd ein Sprühdose hält oder ein Dach über seinem Kopf formt. Chapeau, Evolution.




Glitzer, Schlamm und ein bisschen Musik – Typologie der Festivalbesucher.

Festival Musik Open Air

Würde man sich Tickets für ein Fußballspiel kaufen, ohne zu wissen, wer eigentlich spielt? Würde man sich ein Jahr im Voraus Konzertkarten besorgen, um die Musikaufführung hindurch in der Toilettenschlange anzustehen und sich mit Fremden über den Zustand der Sanitäranlagen zu unterhalten? Vermutlich eher nicht. Doch genau dieses Verhalten ist den ganzen Sommer hindurch in ganz Deutschland zu beobachten, rund um verlassene Militäranlagen, unglamouröse Kuhweiden und verschlafene Kleinstädte – auf getarnten Volksfesten ohne Riesenräder, die sich Festival nennen.

Festival Musik Open Air Bühne

Ein Jahr, mindestens einige Monate im Voraus kauft man als mutiger und euphorischer früher Vogel Karten für das Festival seiner Wahl. Man erwirbt damit in der Regel eine musizierende Katze im Dudelsack. Man kauft Tickets im Wert der eigenen Nebenkostenabrechnung ohne zu wissen, wer in diesem Jahr für die musikalische Untermalung sorgen wird, während man beim Bierstand anstehen wird. Am Ende ist solch ein Kauf immer eine Wette darauf, dass Helene Fischer es niemals nach Wacken oder schon morgen nach Tomorrowland schaffen wird. Doch ein Restrisiko bleibt immer. Und so fiebert man der Veröffentlichung des Line-Ups entgegen, der Ziehung der Lala-Zahlen. Bei Verkündung der Namen fragt man sich wie so oft, wer seine Band eigentlich Der Butterwegge, Ein Klumpen Hack, Reis against the Spülmaschine oder Rome is not a town nennt. Wie so oft kennt man nur einen Bruchteil der Künstler. Und wie wie so oft stellt man bei Bekanntgabe des Zeitplans fest, dass die wenigen –  zumindest dem Namen nach bekannten – Bands gleichzeitig auf verschiedenen Bühnen spielen werden. Doch das tut der Vorfreude keinen Abbruch und so verfolgt man hochsommerliche Vierwochen-Wetterprognosen.

Und dann beginnen pünktlich mit dem ersten Sommergewitter diese vier Tage des Anarchivals, in denen Ernährungs-, Köperpflege-, Schlafregeln und überhaupt diese Welt da draußen ignoriert werden. Natürlich sind nicht alle Festivals gleich. Die einen warten mit eigenen Apps, Landschaftsarchitekten und veganem Amuse Gueule auf, während andere eher mit Schlamm- und Bierduschen ihre Besucher zu begeistern wissen. Und doch sind die Grundprinzipien sehr kongruent: so gibt es auf keinem Festival Handyempfang, weswegen man den Großteil seiner Zeit damit verbringt auf andere Menschen zu warten, diese zu suchen oder komplexe Absprachen zu treffen („Ich gehe Pfand wegbringen, aufs Klo, neues Bier holen, einen Crêpe essen und treffe dich danach am Marterpfahl neben dem Lachsdönerstand neben der Bühne wo vor drei Jahren die Abstürzenden Brieftauben spielten.“) Nicht zuletzt dank dieses Suchproblems tritt die Musik allgemein in den Hintergrund. Man beschäftigt sich vielmehr mit den Fragen „Was esse ich als Nächstes?“ und „Wie viel kann ich trinken ohne dem Dixieklodilemma („Ich benötige Alkohol, um das Klo zu ertragen, aber je mehr ich trinke, desto häufiger muss ich auf dasselbige“) entgültig zu erliegen?“. Und am Ende der ganzen Orgie nimmt man den Headliner  – egal welchen – nur noch als verschwommene Licht- und Lärmpunkte wahr.

Festival Musik Open Air Dreckige Schuhe

Allen Festivals gemein sind zudem einige mehr oder minder stark mit Glitzertapete ausgelegte Besucherschubladen. Die moderne Festivalbesucherschaft gliedert sich in folgende sechs Gruppen:

Der Verglitzerte: sind Festivals für ihn die Möglichkeit seinen Glitzer-Fetisch, seinen Traum von einer Kosmetikerausbildung und beeindruckende Grundkenntnisse des German Engineering rund um Partysticks offenzulegen, so trägt der Verglitzerte jeden Tag ein neues, abgestimmtes Outfit, sieht stets frisch geduscht aus und hat immer ein leichtes „Woohoo“ auf den Lippen.

  • Regenschuhe: Stiefeletten mit neckischen Punkten.
  • Tanzverhalten: der risikoarme Two-Step kombiniert mit einem regelmäßigen Erheben der Vorderläufe und „Wohoo“-Rufen.

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Der Verlotterte: sichtlich gezeichnet vom Leben auf dem Campingplatz und eigenem Bierkonsum streift der Verlotterte planlos, ungekämmt und ungehemmt über das Gelände – meistens auch dann noch, wenn die Bühnen bereits abgebaut werden.

  • Regenschuhe: barfuß, manchmal klebt ein Klumpen Konfetti oder Stück Pizza unter der Sohle.
  • Tanzverhalten: so seltenes wie unrhythmisches Beugen und Strecken der Knie, der Kopf ist dabei tief in Richtung der im Schlamm feststeckenden nackten Füße gesenkt.

Der, der wegen der Musik da ist: leicht zu erkennen an einem Wolfgang-Petry-haften Arm voller Festivalbändchen und Mannschaftstrikots, die wie eine Trophäe und Drohung zugleich getragen werden. Übliche Vereine sind dabei Die Ärzte, Iron Maiden oder Wacken. Eher selten das Hamburger Bachorchester oder Rihanna.

  • Regenschuhe: Bundeswehrstiefel.
  • Tanzverhalten: rein kopfbasiert, Ausnahme bildet der Ringelpietz mit Schubsen im Moshpit vor der Bühne des Lieblingsvereins.

Der Verstrahlte: sonst nur in Untergrundclubs anzutreffen, nutzt der Verstrahlte die Gelegenheit, einmal sein Koks mit einer Prise Frischluft bzw. bunte Pillen in real existierendem Konfettiregen einzunehmen.

  • Regenschuhe: weiße Sneaker, die weiß bleiben, weil ihn das weiße Koks über die Menge fliegen lässt.
  • Tanzverhalten: epileptisch, ausdauernd, gesponsert von Duracell.

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Der Verballermannte: Malle ist nur einmal im Jahr, daher besucht der Verballermannte Festivals, um diese Lücke zu schließen. Zu erkennen ist er an Rippshirts mit sexistischen Sprüchen, Sonnenbrand und der Frage nach Sangria Eimern. Zudem besteht meist sehr offenkundiges Interesse an weiblichen Verglitzerten.

  • Regenschuhe: Flipflops gesponsert von einem Schnapshersteller.
  • Tanzverhalten: auf einem Podest, laut, lallend, textfremd.

Die Familie: daran zu erkennen, dass sie ihre mit an Kampfjetpiloten erinnernden Ohrschützern ausgestattete eigene Nachbrut an der Hand hält – als Symbol für den Griff nach dem Strohhalm der Vergangenheit.

  • Regenschuhe: Ganzkörperregenanzug.
  • Tanzverhalten: musikunabhängiges, leichtes Wippen mit Kind im Arm, um dieses ruhig zustellen.

Doch das Schöne ist: mit dem ersten einsetzenden Platzregen sehen alle plötzlich gleich aus. Unter Ponchos vereint ist die Menge nicht mehr voneinander oder vom Zeltplatz zu unterscheiden.

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Der Zeltplatz selbst ist im übrigen Ort großer Träume – und großer Enttäuschungen. Man stellt sich ein Leben dort zunächst sehr idyllisch vor: ein eigenes, kleines Zelt als gemütliche Höhle unter freiem Sternenhimmel umgeben von Freunden. Wie jedes Jahr wird die Höhle nur recht schnell zur Hölle. Morgendliche Hitze wechselt mit nächtlicher Kälte. Eine Emulsion aus Schlamm, Staub, Bierdunst und Schokoriegelresten bildet sich nach ca. 23 Minuten im Zelt und wirkt im allgemeinen lebensfeindlich, außer auf Ameisen. Und spätestens mit dem ersten Betrunkenen, der in einer mondscheinklaren Nacht für „Regenprasseln“ an der Zeltwand sorgt, vergeht die Romantik. Nie still wirkt das Leben auf dem Zeltplatz wie ein geschäftiger Großmarkt – voller zerdelltem Fallobst.

Und doch fährt man am Ende zerdrückt, verschlammt, verstaubt und übermüdet nach Hause und googelt auf dem Heimweg „Vorverkaufbeginn 2019“ – und hofft, dass sich bis zum nächsten Jahr endlich eine Band mit dem Namen Glitzernder Schellenaffe against Lachsdöner ohne Reis formieren möge.

Festival Musik Open Air




Sommernächte – nachts ist es wärmer als draußen.

sommernacht blutmond Sommer Mond Wärme

Die Sonne weicht dem Mond. Langsam und stetig taucht sie in den Horizont ein und doch dämmert sie noch lange weiter, als wolle sie sagen: ich möchte noch nicht gehen, darf ich nicht mit dir Sterne schauen? Doch dann ist da irgendwann nur noch diese flimmernde Ahnung der grellen, heißen Luft des Tages und er ist da: der Sternenhimmel. Klar und frei ist der Blick.

Sommernacht Sonnenuntergang Rhein Bonn

Meidet man bei Tag die schneidende Wärme, sucht man nun die klare Luft der Nacht. Ziehen sich die Menschen mit der Dunkelheit eigentlich zurück, so scheint dieser Sommerabend sie aus ihren Löchern und Höhlen herauszuziehen. Stimmen, Lachen, Küsse, Musikfetzen bilden die Symphonie der Nacht. Und doch ist es der Moment zu schweigen. Zu klein wirken die eigenen Worte angesichts der galaktischen Unendlichkeit, die sich wie eine Decke über einem ausbreitet. Eine Decke mit kleinen Löchern, durch die Lichtpunkte wie Sterne strahlen. Man denkt an greifbar wirkende Wolken und das helle Blau des Tages, das einem Nähe und Endlichkeit vorgaukelte. Kann das der gleiche Himmel sein? Der Gedanke wird durchkreuzt von einer Sternschnuppe – oder war es doch nur ein Flugzeug? Für solche Details interessiert man sich bei Tage, nachts darf die Fantasie in der Dunkelheit ihre Bahnen ziehen.

Sommernacht Sonnenuntergang Dämmerung Sommer

Der Blick wird umschwirrt von den Wesen der Nacht. Die Wespen des Tages sind den Nachtfaltern gewichen. Irgendwo spinnt eine Spinne ihre Falle für den neuen Morgen. Eine Fledermaus beginnt ihr Tagewerk und strudelt durch Baumkronen, wie es ein Vogel nie könnte. Das Flattern der Dämmerung und Flirren der Sonne weicht dem Krabbeln der nächtlichen Tiere. Diese dunkle Nacht raschelt, das Schwarz ist voller Bewegungen. Voller Leben, das wir nur erahnen können.

sommernacht blutmond Sommer Mond Wärme

Diese Nacht riecht nach warmem Asphalt und feuchter Wiese. Nach leichter Weinschorle und glimmender Grillkohle. Nach Unendlichkeit und dem Moment. Und so sitzt man irgendwo. Saugt die Restwärme, die Gerüche, die Geräusche ein und wird von dieser sommerlichen Nacht berührt.

Bis man etwas zu sehr berührt wird  – von einer Spinne, die einem über den Fuß huscht, und beschließt, dass es Zeit ist nach Hause zu gehen. Auf dem Heimweg wird man begleitet von der Stille der Gedanken, der Wärme der Luft und der leise herauskriechenden Dämmerung, die das Ende dieser strahlenden Sommernacht erahnen lässt.

Sommernacht Sonnenuntergang Dämmerung Sommer Hamburg Alster




Das Glück der Erde.

Ich reise. Nicht weil ich mich besonders gerne mit leicht gekleideten, sonnenverbrannten Touristen umgebe und in Restaurants, die mit Fotoalben anstatt mit Speisekarten aufwarten, esse. Nicht, weil ich gerne in meiner Landssprache an andern Menschen vorbeisprechen und “Schnipo“ mal mit einem Klecks Sonnencreme statt Mayonaise verspeisen möchte. Ich reise, weil ich andere Kulturen, Menschen, Landschaften und Lebensweisen kennenlernen möchte.

Daran muss ich denken als ich in einem klapprigen Transporter ohne Gurte und richtig schließender Tür durch kroatische Hügellandschaften ruckele. Ob der Wagen nur nach Stallluft oder doch nach Organhandel riecht, vermag ich nicht zu beantworten. Und so rattere ich meinem nächsten Abenteuer entgegen: eine Woche Wanderreiten durch Dalmatien. Eine Woche an deren Ende ich weder Organe, noch meine Zähne oder den Lebenswillen, aber vor allem eines verloren haben sollte: Alltagssorgen. Und einen Handschuh.

Die Reise auf den Spuren von Winnetou beginnt zunächst mit einem Testritt und einem eigentlich einfachen Akt. Man holt Pferde von einer Weide, putzt und sattelt das Getier und reitet los. Die „einfache“ Bilanz: drei Pferde reißen sich los und galoppieren davon, eines zertrümmert eine Box und den Optimismus seines Reiters, diverse Halfter hängen nur noch in Fransen an den augenrollenden streitbaren Rössern und ich prüfe noch mal schnell meine Auslandskrankenversicherung. Die von ihren Freunden getrennten, aufgewühlten Pferde erreichen damit ihr eigentliches Ziel: Pferdemädchen verschrecken, die am Ende gar nicht mehr so richtig losreiten wollen. Doch gibt es kein Zurück mehr. Und so tänzeln wir los, ein Haufen Ponys auf Koks und ihre Reiter auf dem Weg in den sicher geglaubten Tod. Ob man auch noch mit zertrümmerten Organen handeln kann? Ehe ich den Gedanken zu Ende spinnen kann, steht der erste Galopp an. Mein „Ach du lass mal stecken“ verhallt im Trampeln der davontobenden Pferde. Ich befinde mich auf einem vierbeinigen Erdbeben, rase über ein endloses Feld und gewinne erst durch eine im Gebüsch liegende Mitreiterin wieder das Gefühl für oben und unten zurück. Da muss also unten sein. Und so sitzen wir am Abend des ersten Tages beisammen und sehnen uns nach bebilderten Speisekarten.

Doch wie der Sonnenschein nach einem donnernden Gewitter grüßt der nächste Tag. Mensch und Tier finden zur Ruhe und zueinander. Und so wird der Blick frei für die Welt jenseits des explosiven Fellbüschels. Frei für einsame Berglandschaft, grüne Hügel, erdbeerrote Klatschmohnfelder, farbenfrohe Blumenwiesen und pure Einsamkeit.

Die Nase atmet den Duft von sonnengewärmten Kräutern. Kein Geräusch außer das Rufen des Kuckucks und das gleichmäßige Klappern der Hufe begleitet uns. Wir reiten durch eisblaue Flüsse. Rasen im Jagdgalopp über unendliche Felder. Die Freude und Energie der Pferde springt auf uns über. Je schneller wir reiten, desto langsamer kreisen die Gedanken. Kein Handy, kein Verkehr, keine Entscheidungen, keine Pläne. Wir folgen unserem Guide. Schmetterlinge weisen uns den Weg.

Wir rasten im Schatten großer Eichen neben den grasenden Pferden. Trinken Schnaps, essen frischen Käse und deftigen Eintopf. Schwimmen im eiskalten Bergsee und fühlen uns frei. Weg sind die Gedanken an Organhandel. Die Erinnerung an den erste Tag wirkt wie ein skurriler, melodramatischer Traum. Mensch, Tier und Natur wirken im Einklang. Doch dann meldet sich letzter mit einem eindrücklichen Klang zurück: Donnergrollen in der Ferne.

Während die Reiter sich vergeblich an Verhaltensregeln für Gewitter zu erinnern versuchen, sich in Regenkleidung zelophonieren und am Pferderücken festklammern wie eine Wäscheklammer an windumtosten Leinen, trotten die Tiere stoisch ihres Weges. Mit vom Regenwasser getränkten Schuhen galoppieren wir über Äcker, Schlamm spritzt, Blitze schlagen unsympathisch nah ein, und ich denke nur: wenn dich jetzt der Blitz trifft stirbst du wenigstens sehr, sehr glücklich. Doch nach einer Woche in der kroatischen Wildnis, Gastfreundschaft und Ursprünglichkeit trifft mich einzig eine Erkenntnis wie ein Blitz: es braucht so wenig im Leben um glücklich zu sein. Eine Auslandskrankenversicherung braucht es dafür nicht.




Alles in Lot auf`m Boot.

Kanu Hamburg

Die größte Sehnsucht des modernen Primaten im hanseatischen Großstadtdschungel ist nach einer arbeitsreichen Woche voller gestresster Bananen doch eigentlich nur eines: Ruhe, Frieden und Entschleunigung. Und so sucht und findet er Entschleunigung- in einer Dornenhecke. In einem Kanu. Alltagsstress gebremst durch Gebüsch. Ein Erfahrungsbericht. 

Hamburg ist ja mithin bekannt als „Sunny tropical Miami des Nordens“. Immer sonnenverwöhnt, nie verregnet, am Wasser gelegen erwartet dieses Juwel seine Besucher und Bewohner zwischen Elbe und Alster funkelnd und strahlend. Wie jede Stadt behauptet es von sich mehr Brücken als Venedig zu besitzen. Neben Autobahnbrücken gibt es in der Tat sehr viele Wasserläufe und Kanäle in diesem Mekka der Sonnenanbeter. Und so scheint sich die gesamte Stadt an einem der unzähligen sonnigen Tage auf dem Wasser paddelnd, „SUPend“ und schippernd  zusammenzufinden. Ich beschließe mich dieser fließenden Bewegung anzuschließen und borge mir mal wieder ein Kanu und eine Freundin für eine mondäne Ausfahrt hoch zur See.

Den Staub des Winters abschüttelnd,wuchten, rollen und schieben wir das Boot zunächst ins Wasser. Bei dieser Trockenübung steigt und schwindet die Vorfreude zugleich. Wie soll man dieses schwergewichtige Monstrum nur navigieren?  Optimistisch boarden wir unser Boot. Niemand fällt ins Wasser. Ein gutes Omen. Los geht die Fahrt. Vorne der Antrieb. Hinten der Lenker. Wir starten und gleiten mit einer sehr äußerst konstanten Geschwindigkeit wie ein dementer Torpedo – von einem Gebüsch ins nächste. Das eigene Fluchen wird begleitet vom Schnattern der Wildgänse. Für die Geschichte übrigens völlig irrelevant ist, an welcher Position ich mich befand.

Nach einer Distanz von 30m bzw. einer Wegstrecke von 3km ist es Zeit für die erste Pause. Ohne Geäst im Sichtfeld wird der Blick frei für die Welt um uns herum. Tretboote, Kajaks, Segelschiffe, Ausflugsdampfer, StandUp Paddler, Drachenboote – sie alle tummeln sich auf dem Wasser. Enten und Gänse ergänzen das Bild und verteidigen ihr Revier gegen Artgenossen und das Heer bedrohlicher Paddel. Als Kulisse dienen die verwaisten Gärten prekärer Wohnsiedlungen besonders einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen. Eine Veuve Clicquot Flasche dümpelt im trüben Wasser. Die Szenerie gleicht einem gefluteten Ameisenhaufen in ständiger Bewegung und ist doch vollkommen friedlich. Der Straßenlärm wirkt wie eine ferne Erinnerung. Geschwindigkeit wird relativ – relativ im Verhältnis zu allen anderen Bewegungen um einen herum. Regeln gibt es. Doch keiner kennt sie. Was zu Land ausgeschlossen scheint, wird zu Wasser möglich: man grüßt sich in Hamburg und wünscht sich ein schönes Leben (siehe: Moin Schätzelein- von Rheinländern, Hanseaten und Mexikanern). 

Auf dem Wasser gibt es kein Ziel. Nur den Moment. Man lässt sich treiben. Wir nehmen dies weiterhin sehr wörtlich und bleiben unserem ziellosen Zickzackkurs treu. Ich muss an Hein Blöd denken. Bei jeder Brücke schauen wir uns stets beide Pfeiler von sehr Nahem an. Die Architektur ist durchaus anziehend. Als vor uns schließlich ein Kanu wie auf dem Teller drehend einparkt, wird die restliche Würde über Board geworfen und wir stellen den beiden rüstigen Kapitänen die unvermeidliche Frage: „Wie lenkt man eigentlich ein Kanu?“ Ich bilde mir ein, in diesem Moment das Lachen einer Gans zu hören und rupfe mir einen Ast aus dem Haar.

Doch die auf unsere Frage folgende kurze Einweisung zeigt Wirkung. Ungeachtet der Tatsache, dass die Alster weitläufig und brückenlos ist, werten wir es als Erfolg, bei ihrer Überquerung in keinen Brückenpfeiler gefahren oder in ein Gebüsch abgedriftet zu sein. Es sind Babyschritte, nein Babyschläge zum Erfolg (#unglücklichewortwahl). Wir trauen uns schließlich wieder in die schmalen Kanäle und Flussläufe. Wir folgen dem Geruch frisch gebackener Waffeln und tanken an einem nur über ein Fenster am Wasser zugänglichen Cafê. Der Anblick des Manövers ist beinahe grazil. Immerhin wird nichts verschüttet. Das Alsterwasser bleibt im Glas und außerhalb des Bootes.

Und so paddeln wir schließlich ziellos umher. Und kommen doch an. Wir genießen den ungewohnten Blick von unten nach oben auf die Stadt. Wir verlieren das Gefühl für Zeit und Distanz, bis uns die Dämmerung schließlich nach Hause ruft. Nur leise hören wir den Ruf. In unserem Kopf summen wir hingegen die Melodie von „Alles in Lot auf‘m Boot“ und denken an Hein Blöd. Was hat er doch für ein schönes Leben.

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Ein Besuch im „Menschencafé “ für Katzen.

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Sonntagsnachmittags halb vier in Deutschland. Es ist Zeit für Kaffee und Kuchen. Der siebenunddreißigste aus Katzenkot produzierte Cold Brew Coffee mit veganem Haferbrikett vermag jedoch nicht mehr zu begeistern. Und so begibt sich der unterforderte, hippe Großstädter auf die Suche nach neuen Erlebnissen und Formen des kurzweiligen Amüsements. Die Jagd treibt ihn schließlich in eine neue Variante des naturverbundenen Konsums: das Katzencafé . Umgarnt von vierbeinigen Freunden verbringt er dort seine wenige freie Zeit. Seine Sorgen von der Seele streichelnd gibt er sich diesem Stubentiger-Balsam für urbane Psychen hin, schlürft puristische, warme Milch und kommt mit einer Perserkatze auf dem Schoß endlich zur Ruhe. Oder wie muss man sich das vorstellen? Genau dies gilt es herauszufinden und so begebe ich mich in die Höhle des Löwen – auf eine Expedition in die Tier- und Menschenwelt.

Der „Katzentempel“ begrüßt seine Besucher zunächst mit einer doppeltürigen Schleuse, an deren Ende eine kratzige, humanoide Kellnerin mit Desinfektionsspray wartet. Ich fühle mich so willkommen wie ein Grippevirus. Bevor ich mit Tieren in Kontakt kommen darf, die sich an ihrem eigenen Gesäß lecken, werde ich zunächst Keim befreit. Dies erscheint mir so logisch wie die Algebrafähigkeiten einer Siamkatze. Aber gut. Ich beuge mich der ersten Regel und hoffe am Ende des Besuchs wenigstens erneut besprüht und mit einer Fusselrolle gereinigt zu werden.

Der Frage nach einer zwingend erforderlichen Reservierung (schon verstanden, das ist hier grade the shit in der Stadt) folgt ein Kurzreferat über die allgemeinen, unbedingt zu befolgenden Geschäftsbedingungen. Während das Regelwerk auf mich niederprasselt frage ich mich, ob ich eigentlich ein Café, eine Boeing 747 oder eine Säuglingsstation betrete. Nicht anfassen beim Schlafen, nicht hochheben, nicht füttern solle man die Katzen. Ob diese Regeln auch auf das weitere Personal oder andere Besucher zutreffen, wird nicht erklärt. Ich wittere eine Lücke im System und lasse mich zu meinem Tisch geleiten. Leicht verspannt setze ich mich und lasse meinen Blick schweifen – bzw. öffne meine Ohren. Die Stimmung ist gedämpft. Niemand lacht. Es wird nur sehr leise gesprochen. Keine Katze weit und breit. Kein Wunder, mir wäre das hier auch zu fad. Ich frage mich, ob ich etwas missverstanden habe und die Katzen als günstiges Küchenpersonal eingesetzt werden. Bekommen die Tiere hier eigentlich den Mindestlohn?

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Die Inneneinrichtung des Katzentempels scheint jedenfalls auf die Huldigung der Katzen hin ausgerichtet zu sein: überall stehen Häuschen, Kartons, Kratzbäume und Kletterregale zur Entzückung der Zwei- bis Vierbeiner bereit. Es gibt sogar mit Federn bestückte kleine Angelruten. Ob zum neckischen Spiel mit anderen Gästen oder zum Abstauben der Katzentreppen ist wohl jedem selbst überlassen. Der große, vollgestellte Raum bietet die Atmosphäre eines Zoofachgeschäfts ohne Aquarien. Der Geruch weckt ähnliche Assoziationen.

Da das Café freundlich – durch ein Hinweisschild an der Eingangstür – mitteilt kein Streichelzoo, sondern ein normales Café mit beweglichem Interieur zu sein, fühlt man sich schließlich verpflichtet etwas zu konsumieren. Das Chili kommt nicht in Frage, zu leicht lässt sich hier unbeliebtes Katzenfutter nachhaltig weiterverarbeiten. So fällt die Wahl auf ein einfaches Stück Kuchen. Doch so recht möchte es nicht schmecken. Man glaubt permanent ein Haar in seinem Mund zu spüren. Ich möchte jedoch nicht melodramatisch wirken und schlucke die Paranoia und Nahrung herunter. Kurz stelle ich mir vor, wie ich beim Verlassen des Tempels ein Büschel Haare hochwürge und auf den Bordstein spucke.

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Doch meine Gedanken werden durchkreuzt – von einer Katze. So einer echten, mit Fell und Schnurrbart. So einer, wie sie mir tagtäglich in meiner Nachbarschaft begegnet. Irre – ist das, was nun folgt. Allgemeines Kopfdrehen und Stühlerücken. Handykameras werden gezückt. Die ohnehin wenigen Gespräche verstummen. Eine Katze! Die gespannte Stille wird durchbrochen von den hysterischen Quietschgeräuschen einer asiatischen Dame am Nachbartisch, die die Verfolgung aufnimmt. Man selber möchte mit dem Kater flüchten. Ein zu einfacher Witz („Denkt die das ist hier Running Muschi?“) liegt mir auf der Zunge. Ich unterdrücke ihn und tue stattdessen etwas mir irgendwie logisch Erscheinendes. In die Stille hinein miaue ich. Scheinbar äußerst akzentfrei, denn Kater und Asiatin drehen sich ruckartig zu mir um. Und im nächsten Moment passiert das, was passieren musste: die Dame miaut und mauzt sich die Seele aus dem Leib und kriecht fotografierend zwischen den Stühlen umher. Ein schönes, menschliches Schauspiel.

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Und die Tiere? Die Katzen tuen das, was sie schon immer getan haben. Sie ignorieren Menschen. Dabei ist es egal, ob die Menschen ein Stück Kuchen essen oder ein Rad schlagen. Sie verstecken sich, schlafen oder putzen sich. Sie klettern selten, nämlich nur dann, wenn keiner hinsieht. Und sie spielen nicht mit den Federn und Püscheln, die ihnen die Kaffeehausbesucher vor die Pfoten halten. Sie steigen würdevoll wie eh und je über die Utensilien, die ihnen in den Weg gelegt werden und verschwinden in irgendeiner Paketkiste. Was sollen sie auch machen? Jeden Besucher mit einem Milk Tonic begrüßen? Zum gemeinsamen Selfie einladen? Oder eine kurzweilige Revue am Kratzbaum aufführen? Der „Katzentempel“ ist eben nicht Lalaland.

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Eigentlich ist es ja begrüßenswert, wenn die Tierliebe berufstätiger Großstädter nicht in in einem wenig tierliebenden Zoobesuch oder mit dem Kauf einer halbherzig gepflegten Hauskatze endet. Aber warum man sich dann nicht einfach mit einer Thermoskanne und einem Stück Butterkuchen ins nächste Tierheim begibt und seine Hilfe anbietet, bleibt wohl eines der vielen Rätsel des Großstadtdschungels.

Mit der Frage „Wer hat hier eigentlich wen beobachtet?“ im Kopf verlasse ich schließlich das „Menschencafé “ für Katzen. An der frischen Luft läuft ein Hund an mir vorbei. Er wedelt mit dem Schwanz, schnüffelt neugierig an meinem Hosenbein und blickt zu mir hinauf, als wolle er sagen: „Siehste. Hund sind eh die besseren Katzen.“




Brrrrr – zitternde Gedanken zum Winter.

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Dumpf und still wirkt die Luft. Kein Vogelgezwitscher, kein Rauschen der Blätter im Wind. Die Kälte verschluckt jeden Klang. Tief hinein in diese klare und kalte Stille fräsen sich die Klänge des Winters: das Geräusch eines Eiskratzers auf der Windschutzscheibe. Das Knirschen der Schuhe im Schnee. Das feine Knarzen und Knacken des Eises.

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Und so kratzt der Winter an all unseren Sinnen.Er macht Unsichtbares sichtbar. Den eigenen Atem. Karge Äste. Spuren im Schnee. Doch vor allem entblößt er eines: den unwirklichen Kampf des Menschen gegen die wahrhaftige Gewalt der Natur. Surreale Räumfahrzeuge kämpfen sich durch die weiße Unendlichkeit. In dicke Stoffe gehüllte Gestalten huschen um Häuserecken. Groß wie Theatervorhänge sind die Schals, rot wie Kirschbonbons die Gesichter, die zu zerklirren scheinen.

Aufgeplusterte Vögel beäugen das zitternde Treiben unter sich. Gehetzt und doch gelähmt wirken die Menschen. Kurz sind die Momente in der unerbittlichen Kälte. Langsam wirken die Bewegungen. Zäh tropfen Worte über die blauen Lippen. Der Mund will nicht mehr gehorchen. Die Gedanken frieren fest. Es zittert im Kopf. Wir hören nur noch das Schreien frierender Hände und Füße. Schnell huschen wir in die Wärme unserer Häuser. Mit der Hitze beginnt das Blut in uns zu pulsieren. Ein undefinierbarer Schmerz. Kälteweh. Wir haben das Gefühl innerlich in Scherben zu zerfallen. Das Gefühl des Winters.

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So geschärft das Gehör, so sensibel der Körper, so erstarrt ist die Welt der Düfte und Geschmäcker.Die Aromen der Natur sind erkaltet. Nichts blüht, nichts verwest. Alles ruht und wartet auf den Beginn des bekannten Kreislaufs. Betäubt ist die Wahrnehmung und doch bilden wir uns ein sie zu schmecken, zu riechen: diese Reinheit der Luft. Klar und pur atmen, saugen wir sie ein. Wie ein kaltes Getränk in der sommerlichen Hitze merken wir wie sie den Weg in unsere Glieder findet. Doch fühlen wir uns beinahe überfrischt. Und beginnen vom Sommer zu träumen.

Wir sind es nicht gewohnt, dass wir etwas nicht kontrollieren, steuern und beeinflussen können. Doch den Jahreszeiten sind wir ausgeliefert – zum Abwarten, Akzeptieren und Träumen verdammt. Wir wärmen uns mit Erinnerungen an den Sommer. An wärmende Sonnenstrahlen auf der nackten Haut. An eine leichte Sommerbrise im Haar. An Geruch von warmem Regen. An die Unbeschwertheit flüchtiger Sommernächte. Wir kennen die Antwort und doch beginnen wir wehmütig zu zweifeln: Sommer, wirst du wirklich wiederkommen?

Doch mit dem ersten wärmenden Sonnenstrahl, dem ersten zarten Ruf der Vögel, der ersten Knospe im Schnee wächst die Hoffnung. Die kalten, dunklen Gedanken werden stiller und stiller – bis sie so leise sind wie der Laut, den eine Schneeflocke macht, wenn sie zu Boden fällt. Ja, der Sommer wird zurückkehren. Gewiss.