So eine Dusielei.

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„Können Sie mir sagen, ob der Bus zum Bahnhof fährt?“ Ich schaue verwundert in das von Akne und Hormonschüben gezeichnete Gesicht des Pubertiers vor mir. Bin ich gemeint oder eine ganz plötzlich für ihr hochbetagtes Alter noch sehr agile alte Dame, die hinter meinem Rücken verschwunden sein muss? Ich drehe mich um. Niemand zu sehen. Ich schaue verwunde(r)t in das faltenfreie Antlitz des Teenagers vor mir und sage „Jo, den kannste nehmen.“ Das „und jetzt verrunzel dich selber“ bleibt wiederum in meinem Kopf stecken. Während der Bus und sein Passagier davonbrausen, stehe ich an der Haltestelle und frage mich, was ist geschehen, dass man nicht mehr nach seinem Ausweis gefragt wird, sondern mit Sie gefragt wird.

Ich wurde gesiezt. Ich fühle mich alt.

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Dieses dusielige Gefühl erinnert daran, wie man sich das erste Mal im Leben mit seinem Nachnamen irgendwo vorstellte und sich fühlte, als würde man die Rolle „Erwachsener 3“ spielen, die einem aber eh niemand abkauft. Es erinnert daran, wie man beginnt, Briefe zu erhalten, die nicht mehr mit „Liebes Mäuschen, wir schicken dir herzliche Urlaubsgrüße aus dem Schwarzwald“, sondern mit „Sehr geehrte Frau“  adressiert sind. Wie man in der Oberstufe plötzlich von den Lehrern, die einen Jahrelang duzenderweise vor Tür geschickt haben, auf einmal mit „Könnten Sie diese Aufgabe bitte an der Tafel einmal vorrechnen“ angesprochen wird. Wie man sich des Unterschiedes zwischen Du und Sie langsam bewusst wurde und anfing, eine Entscheidung darüber mit sprachlichen Kunststücken zu umgehen. Man hörte sich am Tisch mit Freunden der Eltern Dinge sagen wie „Könnte man mir das Salz reichen?“.

Ein „Sie“ sagt also mehr als du denkst. Aber was eigentlich? „Sieziert“ man die Untertöne, signalisiert es förmliche Distanz statt ungewollter Nähe. Ernsthaftigkeit, statt lapidarer Kumpelei.  Aber ist der Kellner im Restaurant wirklich respektlos und inkompetent, nur weil er fragt „Kann ich euch schon was bringen?“. Ist die Bitte um ein stilles Wasser und ein lautes Sie eine übertriebene Reaktion?

Während man in Skandinavien selbst Staatsoberhäupter duzt, in Island das Telefonbuch nach Vornamen sortiert ist und in der englischen Sprache wiederum erst bei der Ansprache mit einem Namen eine Entscheidung über die persönliche Nähe getroffen wird, sind die Felder in Deutschland klar abgetrennt. Es gibt kein Raum für Dusielei. Man siezt Abteilungsleiter, Schaffner und den Hausarzt. Man duzt die Fitnesstrainerin, den Barrista im Szene-Cafè und die Menschen, die einem bei einem Konzert die Sicht versperren. Auf die Wechselseitigkeit kommt es dabei an. Entsteht eine Ungleichheit in der Form der Ansprache, wird eine Hierarchie geschaffen oder eine bewusste Provokation gesendet. Annabel vom Empfang darf den Herrn Doktor bitte siezen. Der Schüler duzt seine Lehrer als kleinen Akt der Rebellion. Die Regeln sind klar. Oder waren es.

Denn das Kastensystem befindet sich im Wandel der Generationen. Während man kleinen Kindern ein inkonsistentes „Du, Frau Müller“ noch so eben verzeiht, sind ältere Siezer davon irritiert, dass man beim Bäcker, im Restaurant und vom Busfahrer geduzt wird. In jungen Unternehmen käme wiederum keiner auf die Idee, sich mit seinem Nachnamen vorzustellen. Die Schwiegereltern siezt man auch nicht mehr. Und so verformuliert sich, was lange fest siezte. Gehört das Du anbieten bald zu den Dingen, die wir nicht mehr tun, wie Kassetten aufspulen – weil wir uns eh schon alle duzen? Oder führen wir bald eine neue Art des Gendersternchens ein hinter jedem Du oder Sie, damit sich niemand ausgegrenzt oder diskriminiert fühlt?

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Doch wie so oft beschäftigen wir uns viel zu oft damit, wie etwas gesagt wird. Anstatt damit, was eigentlich gesagt wird. Wenn ein Kellner eifrig eine Bestellung aufnehmen möchte oder ein Schüler mit einem vollständigen Satz höfflich eine Auskunft erbittet, dann ist das schließlich mitunter „Neu für dich“ – aber durchaus erfreulich. Der Schellenaffe wünscht jedenfalls eine gute Woche und freut sich darüber, dass jemand vorbeischaute. Egal, ob du, sie oder einfach nur Mensch.




Wie Heidis Liebesglück 50kg in 3 Tagen abnimmt – 5 Wahrheiten über Schlagzeilen.

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Was Sie schon immer über reißerische Schlagzeilen wissen wollten, erfahren Sie hier. Wir sprachen mit den geschlagenen Opfern und Tätern. Das Ergebnis wird Sie überraschen: Wir sind nicht mehr Papst, aber wissen Ihre gesegnete Sensationslust zu bedienen. Ebenso wie Ihren Wunsch nach wunderheilenden Abnehmtipps, bei denen die Pfunde garantiert von alleine purzeln – und sich die Redaktionen von Frauenzeitschriften kugelnd vor Lachen die runden Bäuche halten.

Ganz leicht: Nehmen Sie 50kg in 3 Tagen ab! Mit der neuen Pastinakensuppen-Diät! In diesen drei Tagen werden sich derweil Helene Fischer und Florian Silbereisen mindestens einmal gegenseitig betrogen, getrennt, wiedervereint, geschwängert und im Rosenkrieg endgültig zerstritten haben. Der Grund hierfür ist klar: die unbekannte GEFAHR in Pastinakensuppen!

Unbeantwortet bleibt wiederum die Frage: Wie geht es Schumi wirklich? Doch wir sprachen mit dem Friseur des Cousins des Schulfreundes der Sprechstundenhilfe des Orthopäden seiner Großmutter. Die Enthüllungen sind so gut frisiert, dass Sie staunen werden, denn: Heidis Liebesglück ist in Gefahr. Bedroht durch Pastinaken und Papparazzi. Dabei sollte Heidi Klum eigentlich das „Endlich – Royalbaby Nummer vier“ austragen. Doch aufgrund der dringenden Eilmeldung „Brexit-Abkommen erneut abgelehnt“, die seit Wochen von Online-Journalisten kopiert und einfach mit einem neuen Datum versehen wird, scheint aus dem Vorhaben ohnehin nichts mehr zu werden. Personenfreizügigkeit hat bald ein Ende und wird auf „Skandal – Annegret Kamp-Karrenbauer entblößt ihre hemmungslosen Reformideen im Playboy!“-Schlagzeilen begrenzt werden.

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Gala Heft 11 / 2019.

Droht der Show Down vor Gericht (zwischen wem ist nebensächlich) oder doch nur das Sinken der Klick- und Auflagenzahlen? 5 Wahrheiten zu Hartz IV-Betrügern/Burka-Trägern/irgendwelchen zwielichtigen Randgruppen sind jedenfalls eine willkommene Ablenkung – bis unser Insider endlich auspackt! Seinen Schlafanzug und eine Zahnbürste. Wie Sie nun in Zukunft nicht mehr auf reißerische Schlagzeilen wie Ausgewischt – der Schellenaffe stellt sich ein. , hereinfallen, erfahren Sie in der neuen Apothekenumschau. Ebenso, dass der 1. April 2024 erneut auf einen Montag fällt.

Und so bleibt am Ende eines inhaltsleeren Schlagzeilen-Gewitters wohl nur die Erkenntnis: Diese Bunte Titel-Gala ist wohl das wahre Spiegel Bild unserer Zeit. Bravo.

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Geschlecht: schnurzpiepegalich.

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Es gibt Filme, die im Gedächtnis bleiben. Genauer sind es Filmszenen, Ausschnitte, Bildfetzen, an die wir uns erinnern, weil sie so stark mit Emotionen verknüpft wurden, dass sie sich festsetzen wie der Schmutz auf unseren von der Frühlingssonne ausgeleuchteten Fensterscheiben. Wie Kaubonbons auf unseren Zähnen. Solche Szenen sind der „Sie springt in den Deckenventilator“-Augenblick bei Dirty Dancing, der Moment, als Bambis Mutter ausradiert wird oder Bridget Jones Rotwein trinkt und all by herself singt. Oder eben diese eine Szene aus Titanic. Nicht sein „Ich bin der König der Welt“-Ruf oder ihre „Jack! Jack!“-Schreie. Ins Gedächtnis hat sich ein andere Ruf gebrannt. Unauffällig. Erwartbar. Und doch klebt er noch immer wie ein Riesen-Schokobonbon in den Hirnzwischenräumen: Dieser Ruf des „Frauen und Kinder zuerst!“ Dieser Satz hat mich damals zunächst gewundert und dann wütend gemacht. Und so spüre ich heute noch immer ein bisschen von dieser Empörung. Einer Empörung, die sich um die unbeantwortete Frage dreht: warum? Dass Kinder, die nicht schwimmen, sprechen oder ein Notausgangsschild erkennen können, schutz- und rettungsbedürftig sind, leuchtet ein. Aber warum Frauen? Sind sie – das bisschen Zwicken im Unterleib während einer Geburt mal abgesehen – nicht leidensfähig genug? Oder sind Frauen etwa mehr wert als Männer? Oder versauen sie einfach mit ihrem hysterischen Gekreische auf einem untergehenden Kahn die heroische Grundstimmung?

Und so schaut man einen Film, der in einer anderen Zeit spielt – und fragte sich, in welcher Zeit leben wir heute eigentlich? Viel hat sich seitdem geändert. Und doch nicht allzu viel. Das aktuelle Gesellschaftsmotto ist zwar kein „Frauen, Demokratie und fettarme Ernährung zuletzt“ mehr. Aber sind wir deswegen, wie man gerne glauben möchte, wirklich in einem „Frauen und Männer zugleich“ angekommen?

Schaut man sich die aktuellen hitzigen und notwendigen Debatten um Gehaltsunterschiede, sexuellen Missbrauch an Frauen und Quoten für weibliche Vorstände an, entsteht der Eindruck, dass noch ein weiter Weg zu gehen ist. Die Genderifizierung nimmt gerade mal Kurs auf unseren Vorstände und Vorstellungen. Doch leider vergessen wir gerne, dass es nicht genügt über die genaue Route zu diskutieren, das Navi zu programmieren und Proviant einzupacken. Wir müssen den Weg auch gehen. Schritt für Schritt, egal was sich im Schritt befindet.

Die ewigen Kreisdiskussionen um das teuflische Patriarchat und den hexischen Feminismus erinnern daran, als würde man immer wieder diskutieren, ob Weihnachtsmann/-frau/-neutrum auch wirklich nicht existiert. Als würde man sicherheitshalber noch mal die Frage diskutieren wollen, ob rothaarige Frauen nicht vielleicht doch besser in der Mikrowelle aufgehoben werden sollten. Wenn man sich doch eigentlich einig ist, dass Männer und Frauen gleichbehandelt werden sollen, warum tut man es dann nicht? Warum behandelt man das Thema nicht gleichgültig? Warum machen wir, anstatt darüber zu reden, Dinge nicht einfach zur schnöden Selbstverständlichkeit? Warum versucht man stattdessen durch Quotierung aus dem „obwohl sie eine Frau ist“ ein „weil sie eine Frau ist“ zu machen? Ist das nicht so, als würde man versuchen die Existenz des Weihnachtsmann durch eine Hexe zu bezeugen?

Dass ein Mann Elternzeit nimmt, sollte so spannend sein, wie das Umfallen eines Sacks Reis in China. Dass eine Frau Physik studiert, sollte genau wie bei einem Mann mit einem „Puh, du bist aber ein komisches Teilchen“ kommentiert werden. Dass ein Mann eine Frau schwängert, sollte dem Arbeitgeber genauso mitgeteilt werden, wie eine Frau über ihre Schwangerschaft informiert. Dass ein Mann beim Yoga oder eine Frau beim Kickboxen den Frust des Alltages wegdiffundiert, sollte so interessant sein, wie das Muster der Tapete, mit dem wir unser Schubladendenken dekorieren.

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Männer und Frauen sind unterschiedlich. Das geht über das Holz vor der Hütte und die Latte in der Hose weit hinaus. Das erkennt auch der Mensch mit dem größten Brett vor dem Kopf. Aber in der Diskussion vergessen wir auch gerne mal, dass Männer an sich sehr unterschiedlich sind. Und Frauen eben auch. Nicht jedem Mann können Muskelmasse und Machtgier, nicht jeder Frau Fürsorge und Feinfühligkeit zugesprochen werden. Es gibt zahlreiche Jungs, die mit Puppen und Mädchen, die mit der Carrera-Bahn spielen wollen. Warum lassen wir sie nicht einfach? Warum fangen wir nicht an, uns die Frage „Und was wird es?“ zu verkneifen und erkundigen uns stattdessen nach dem Gesundheitszustand des ungeborenen Menschenkindes? Warum ist das Geschlecht nicht schnurzpiepegal?

Weil wir diese Kategorien und die damit verbundenen Klischees und Vorurteile brauchen. Sie sind die Eselsbrücken, die uns über den Fluss des Lebens bringen. Sie sind Abkürzungen, die uns dabei helfen, diese Unbegreiflichkeit dieser Welt zumindest in saubere Schubladen zu portionieren. Damit soll das Leben etwas leichter verdaulich sein. Aktuell versuchen wir die Schublade mit der Aufschrift „Frau“ auf die gleiche Höhe wie die Schublade „Mann“ zu hieven. Ein Kraftakt. Warum versuchen wir stattdessen nicht eine Schublade mit der Aufschrift „Mensch“ zusammenzuschustern?

Natürlich ist diese Forderung naiv. Mit guten Gedanken und Gelassenheit alleine lässt sich die über Jahrhunderte gebildete Testosteron-Kruste der Menschheit nicht einfach aufbrechen. Aber sie wird auch nicht verschwinden, wenn wir sie zornig mit einer Make-Up-Schicht überziehen. Vielleicht ist der Wunsch nach einer Filmszene in der „Menschen zuerst!“ gerufen oder nach dem Meldeformular mit „Geschlecht: schnurzpiepegal“ am Ende vor allem eines: eine Utopie. Wie die Vorstellung, dass ein Schiff unsinkbar ist. Aber das ist mir ehrlich gesagt schnurzpiepegal.




So ein Müll.

Müll Verpackung Plastik Abfall

Ehen, Partnerschaften und Beziehungen aller Art entwickeln nach Jahren der Gemeinsamkeit eine bizarre Eigendynamik, die an die Riten in britischen Parlamenten erinnert. Da reicht auf einmal ein Haar im Waschbecken, eine dreckige Tasse auf der Anrichte oder ein recht(s)haberischer Kommentar des Beifahrers und ein Streit endzeitartigen Ausmaßes kann entstehen. Plötzlich steht der unkontrollierte Brexit im Raum – dabei ging es doch nur um die Frage, wer den Müll herunterträgt.

Was jedoch nach einer miefigen Banalität klingt, sollte in der Tat mit Bedacht ausgehandelt werden. Denn: Im Durchschnitt produziert ein Deutscher 220kg Müll – pro Jahr, pro Kopf. Die Frage nach der Gerechtigkeit des Müllentsorgungsschlüssels ist also eigentlich eine Diskussion darum, wer heute das Elefantenbaby mit schlecht verknotetem Rüssel nach unten trägt. Laut einer Studie des Umweltbundesamtes (es würde mich nicht wundern, wenn diese Studie in gebundener, gedruckter Form verfügbar wäre) entsteht die Hälfte dieses Mülls im Haushalt. Zur Einordnung: Das entspricht dem Gewicht von ca. 32.000 Joghurtbechern, die wir in unseren Wohnungen und Häusern ansammeln.

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Deutschland ist damit, anders als es unser Selbstbild erlaubt, absoluter Spitzenreiter. Mülleuropameister. Und gerade bei Kunststoffen ist die Reyclingquote (mit knapp 50%) auch eher abstiegsgefährdet. Doch wie kann das sein? Franzosen laufen doch auch nicht mit Blechdosen und To-Go-Bechern aus Keramik durch ihre Rues und Avenues? Wer denkt beim Gedanken an Großbritannien nicht automatisch an Möwen, die die Fish’n Chips Portion aus dem Cellophan-Teller klauen?

Sind wir so müllenvoll?

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Die Antwort ist leider ja. Wir machen ziemlichen Müll, Müll, Sondermüll. Wir genießen eine Kultur des unterwegs Konsumierens und des Zuhause Einkaufens. Wir kaufen verpacktes Gemüse im Discounter anstelle nackter Gurken auf dem Wochenmarkt. Wir lassen fünf Kleidergrößen vom Online-Kaufhaus verfrachten anstatt den schlecht ausgeleuchteten eigenen Körper in eine Umkleidekabine zu verschiffen. Wir werfen 8 Cent in Form einer Pfandflasche lieber weg, als das Risiko einzugehen, Spuren von Limonade in der Tasche zu finden. Wir werfen Jutebeutel, die wir als Werbegeschenk bekommen, in den Müll. Warum klammern wir uns sogar an Strohhalme, wenn doch eigentlich niemand dieses penetrante Schlürf- und Sauggeräusch vermissen wird?

Die Lösungen zur Müllreduktion sind nicht immer einfach verpackt. Eine kurzlebige Papiertüte ist nicht automatisch besser als ihr künstlicher Kollege aus Plastik. Eine eingeschweißte Gurke ist geschützt vor zerbeulter Orangenhaut und wird daher eher konsumiert anstatt direkt kompostiert. In den nächsten Unverpackt-Laden nach Hamburg zu fahren ist vermutlich auch nicht mehr nachhaltig, wenn man in Uelzen lebt. Und so freuen wir uns heimlich wie so oft über die Logikfehler, die fehlenden Klarheit, die es erlaubt „bequem ist weiterhin genehm“ zu sagen. Unbequeme Wahrheiten ersticken wir gerne unter einem unverwüstlichen Haufen synthetischer Polymere.

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Dabei sind wir uns doch der wachsenden Umweltgefahr durch zu viel Plastikmüll bewusst. Wir wundern uns regelmäßig, wie der Müllbeutel schon wieder so voll werden konnte. Wir fragen uns, ob man bei seiner letzten Online-Bestellung statt „Kleider, Größe S“ einfach „Kartonagen, Größe XXL“ bestellt hat. Jeder weiß es, jeder möchte, doch keiner tut. Doch verändern ist nun mal leider ein Tu-Wort, so ein Müll.

Also, pack den Jutebeutel und die Trinkflasche ein. Gehe Einkaufen anstatt „Ein-Klicken“. Lass den Kelch mit dem Strohhalm an dir vorüberziehen. Tue etwas. Irgendetwas. Denn der Elefant verschwindet nicht von allein. Im Englischen gibt es einen Ausdruck, für Probleme, die jeder wahrnimmt, aber keine adressiert: there is a pink elephant in the room. Der Elefant ist in diesem Fall nicht nur pink, er stinkt nach Müll. Da müsste das Ignorieren deutlich schwerer fallen. 220kg schwer.




Touristische Highlights.

Touristen Selfies Urlauber

Reisen bildet – besondere Fähigkeiten aus. Zum Beispiel die Fähigkeit, egal wo man gestrandet ist auf dieser Welt, kostenloses WLAN zu finden. Oder Steckdosen zu lokalisieren. Oder Selbstportraits ohne Schattenwurf im Doppelkinnbereich zu schießen.

Zumindest ist dies der Eindruck, der entstehen mag, wenn man beginnt, diesen bunten, vielfältigen Planeten zu bereisen und sich von Manila bis Melbourne in einem einheitlichen Tross der Weltenbummler, Frequent Traveller und Backpacker wiederfindet. Egal auf welchem Kontinent man sich bewegt, der Tourismus scheint schon sein Handtuch ausgebreitet zu haben. Überall steht bereits das Heineken kalt, hat TripAdvisor stickerweise das Revier markiert und die Druckwelle des touristischen Anschlags ist spürbar. Jeder Winkel scheint bereits erobert zu sein. Geheimtipps werden zum Garanten maximaler touristischer Abstrusität. Der Selfiestick scheint die Machete ersetzt zu haben. Die Suche nach dem wirklich Einsamen, Unentdeckten, Authentischen, Unbekannten wird zur Herausforderung.

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Besonders groß wird die Herausforderung:

Wenn man beobachtet, wie im Reisebus durch absolute Wildnis Lockenwickler eingedreht und der Lidschatten nachgezogen werden. Man möchte eben hübsch sein für das selbstausgelöste Blitzlichtgewitter auf dem grünen Teppich der Natur.

Wenn man den immer gleichen Gesprächen lauscht, die sich ausschließlich um ein „Wo kommst du her / Wo gehst du hin“ drehen. Nie um das „Wo bist du gerade“. Nie um den Moment, selbst wenn dieser auch ohne Filter und Lockenwickler von epischer Schönheit geprägt ist.

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Wenn man hinter einer vierköpfigen Familie mit gesenkten Blicken durch den raschelnden, duftenden, magischen Regenwald wandert und diese vier Personen dabei beobachtet, permanent Selfies exakt der gleichen Motive zu machen. Gerne würde man den Fotoabend daheim moderieren: „Hier seht ihr das gleiche Motiv, nur um dreißig Zentimeter versetzt und erneut mit einem guten Blick auf die Nasenlöcher des Vaters.“

Wenn man auf das tosende, türkisfarbene Meer blickt und neben einem Menschen Selfies mit Mundschutz machen.

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Dann entsteht dieser Eindruck, dass Reisen nicht mehr bildet. Reisen wird zur Einbildung. Denn es reist nicht mehr der Mensch. Sein Smartphone scheint zu reisen. Ohne es zu merken, wird er selber zum humanoiden Selfiestick degradiert, immer auf der Suche nach der nächsten Kulisse für einen Schnappschuss. Anstatt sich den neuen Kulturen und Blickwinkeln hinzugeben, überlässt er es der Speicherkarte seines Handys, all dies aufzunehmen und abzuspeichern. Doch wenn man seinen gesamten Urlaub, sein ganzes Leben live dokumentiert, braucht man dann nicht ein zweites Leben, um sich die gesamte Dokumentation irgendwann erneut anzuschauen? Oder geht es nur darum, andere Menschen an der eigenen Reise teilhaben zu lassen? Doch was ist dies wert, wenn man selber nicht mal an seiner Reise teilnimmt? Wenn man die Gerüche, Erzählungen und Klänge um einen herum nicht wahrnimmt?

Reisen bildet auch in dieser von einer global verknüpften Menschenhand geprägten Welt – sofern man Begegnungen zulässt. Sofern man mit allen Sinnen wahrnimmt. Sofern man bereit ist, Bilder mit dem Kopf zu schießen. Speichern im Kopf. Genügend Speicherplatz haben wir alle – selbst das kleinste Spatzenhirn.




Kleider machen Leute – zu Wollidioten.

Mode Kleidung Batik

Es war einmal eine weiche, weiße Socke. Die Tennissocke. Vor langer Zeit begab sie sich auf Wanderschaft. Sie verließ ihre Heimat, den Tennisplatz. Zu viel Asche, zu viel Schweiß ließ sie davon laufen. Zunächst verschwand sie im Untergrund, wurde selten gesichtet, meist als praktischer Schuhputzlumpen oder als Markierung weißer, deutscher Urlauberbeine. Beinahe wurde sie vergessen. Doch die Tennissocke wäre nicht die Tennissocke, wenn sie sich nicht auch im größten Rückstand, beim Matchball gegen sich, sich noch zurückkämpfen würde. Auf leisen Sohlen gelangte sie zunächst nach Paris, wurde dort von Modedesignern, die immer an das Gute in der Socke glaubten, aufgegriffen und stilvoll aufgepäppelt. Plötzlich lief die Socke über Laufstege, wurde von Prada verkauft und erlebt dreißig Jahre nach ihrem Höhenflug und Absturz ein kuschelweiches Comeback. Sie wurde zum Dauerläufer auf Instagram und ziert nun voller Stolz die Füße ganzer Szeneviertel. Heute gilt, was vor wenigen Jahren undenkbar war:

Willst du die Straße rocken, trage weiße Tennissocken.

Die Lebensgeschichte der Tennissocke ist Musterbeispiel für das, was wir gemeinhin Mode nennen. Mode ist, wenn man denkt „Ich muss es tragen“. Wenn man nach zehn Jahren Fotos von sich sieht und denkt „Ich muss es vergraben“. Und wenn man nach zwanzig Jahren die Vogue durchblättert und denkt „Ich muss es ausgraben“.

Mode Kleidung Cap mit Propeller

Doch wo hört Kleidung auf und fängt Mode an? Kleidung ist zunächst einmal Funktionskleidung: sie besitzt die Funktion zu Wärmen und Geschlechtsteile im öffentlichen Raum verbergen. Das spart Erkältungen und Erklärungsprobleme. Doch ist nicht jede Form der Garderobe auch immer eine Aussage über uns selbst, egal ob gewollt oder unbeabsichtigt? Unsere Verhüllung, sei es die der eigenen Füße, entblößt viel von uns. Denn Kleidung kann nie nicht kommunizieren. Bekleidung ist auch immer Verkleidung. Das fängt nicht erst bei Uniformen und Business Outfits an.

Die praktische Jack Wolfskin Jacke kommuniziert – zumindest mir – ich bin praktisch veranlagte Hausfrau mit Hang zu praktischen Kurzhaarfrisuren und praktischem Urlaub an der nahen Ostseeküste. Ich habe meinem Mann praktischerweise direkt das gleiche Jackenmodel gekauft. So sind wir Mensch gewordenes Memory und sorgen für Unterhaltung in deutschen Fußgängerzonen, wie praktisch. Ein quadratischer, bunter Fjällräven Rucksack sagt wiederum, ich bin modebewusst, aber risikoavers. Solvent, aber dezent. Denn mein Gepäckstück bietet weder Tragekomfort noch wirklichen Stauraum – dafür einen kaum erträglichen Preis und die Möglichkeit, sich von der Masse durch die Farbwahl abzuheben. So deutlich wie sich eine Mandarine farblich von einer Orange unterscheidet. Ein Levis Shirt teilt der Umwelt vielleicht mit, dass ich sozialen Medien und Caro Daur folge. Eine randlose Brille sagt, dass ich gerne so unauffällig wie mein Brillengestell durchs Leben laufe und in der örtlichen Volksbank bis zur Randlosigkeit arbeite. Weite Pluderhosen in Erdtönen legen ein Engagement für die Ökumene und gegen das Kükenschreddern nahe. Pelzbommel an den Schuhen oder Mützen mit Propeller – ok, die lassen einen einfach sprachlos zurück.

Mode Kleidung Schuhe mit Fellpüschel

Doch wer legt diese Bilder und Assoziationen eigentlich fest? Was beeinflusst unseren Geschmack? Mode ist immer eine kurzzeitige Momentaufnahme des Zeitgeistes. Schaut man sich allein  die Entwicklung der Jeans an, merkt man, wie wandelbar der eigene Geschmack doch ist. Als Ende der Neunziger die ersten Röhrenjeans ihre (Wieder-)Geburt erlebten, fragte ich mich, warum man durch die baumwollbasierte Volllaminierung der eigenen Schenkel auf deren Unförmigkeit aufmerksam machen wollte. Doch Naht um Naht wurden die Hosen um mich herum schmaler und mein Protest kleiner – bis ich irgendwann meine letzte Schlaghose kopfschüttelnd wegwarf und mich fragte, warum man durch unförmige Textilverschwendung in Knöchelnähe die Optik eines behangenen Brauereipferdes erzielen wollte. Und wenn ich nun heute Karottenhosen an jungen, schlanken Frauen sehe, frage ich mich, ob diese die westliche Form der Burka sind oder lediglich eine Hommage an unsere Mütter. Ich ahne bereits, dass ich in wenigen Jahren Karottenhose tragend meine Röhrenjeans zum Altkleidercontainer bringen werde. Doch eigentlich sollte mir Möhre wie Röhre doch völlig egal sein.

Mode Kleidung Ananasfrisur

Denken wir, dass Mode Ausdruck des persönlichen Geschmacks und damit ein Ausdruck von Freiheit ist, übersehen wir gerne, dass erst durch die Wahrnehmung Anderer Kleidung zu Mode, Socken zu Helden ohne Strumpfhosen werden. Ob Socke oder Jeans, die Beispiele zeigen, wie schnell sich Mode und das, was sie suggeriert, ändern kann. Und wie sehr diese im Auge des Betrachters, aber auch im Auge des Trägers liegt. Denn werden deutsche Mallorca-Urlauber auf einmal zu Modepäpsten, weil sie Tennissocken tragen?

Wenn man ehrlich ist, ist es doch eigentlich alles Jacke wie Hose.

 

P.S.: Wer übrigens weitere visuelle Inspiration – sei es für den nahenden Karneval oder ein besonders mondänes Büro-Ensemble sucht – darf sich gerne hier erneut anregen lassen: Avantgarde und Altkleider – ein Ausflug in die Kunstszene.




Ach, das war dieses Jahr? – Vorbereitung auf den Rückblick 2018.

Jahresrückblick 2018

Wer stand im Finale der Fußballweltmeisterschaft 2018?

Na? Allen, die an dieser Stelle kurz nachdenken mussten oder gar noch immer in den gedanklichen Schubladen des Sommers wühlen, sei gesagt: Schlagzeilendemenz ist normal. So normal wie die Tatsache, dass wohl kaum einer noch den Namen dieses tollwütig kühnen Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz buchstabieren kann, der im Frühherbst für ein politisches Kammerspiel sorgte. Warum es sein Amt eigentlich genau gibt und was damals in Cottbus passiert ist, daran erinnert sich vermutlich auch nur noch der Bürgermeister von – ach, ne es war ja Chemnitz.

Und so nähern wir uns langsam dem alljährlichen Klassentreffen des Vergessens. Während wir noch versuchen, ein kleines bisschen Restsommer im Herzen zu behalten, bricht sich um uns herum der Weihnachtstrubel Bahn. Menschen beginnen nach den Silvesterplänen zu fragen, die Zeiten ohne Socken sind vorbei und Firmen verteilen Budgetreste, als gäbe es kein Morgen. Als gäbe es kein 2019. Gleichzeitig beginnen sich Rundfunkanstalten – und Günther Jauch – auf eine alterprobte Tradition vorzubereiten: den Jahresrückblick. In der Regel wird mit Beginn des letzten Monats eines jeden Jahres die Rückschau auf die vergangen elf Monate gewagt. Politische Affären, sportliche Großereignisse und irr()witzige Einzelschicksale werden zusammengeworfen, durchleuchtet, erneut durchlebt. Und in der Regel sitzen die Zuschauer, Leser und Zuhörer sodann vor den Medien und fragen sich: ach, das ist dieses Jahr passiert?

Längst vergessen sind die olympischen Winterspiele – irgendwo in Asien. Apropos Asien: da war doch dieser etwas missglückte Ausflug in irgendeiner Höhle in Thailand. Je niedriger der Sauerstoffgehalt in der Grotte wurde, desto höher wurde doch damals die Brennpunktdichte. Zum Thema heldenhafte Befreiung: Wie hieß eigentlich noch mal dieser türkisch-deutsche Journalist, der von Kameras und Mikrofonen begleitet aus der Haft entlassen wurde? Hat Prinz Harry wirklich dieses Jahr geheiratet? Wurden da nicht auch wieder irgendwelche Thronerben produziert, denen man allen einfach nur einen möglichst geringen großväterlichen Gen-Anteil wünscht? Mensch, und der Martin ist 2018 auch wieder endgültig nach Würselen gezogen.

In dem „Maaßen“ wie Medien Schlagzeilen produzieren, wir uns tagelang monothematisch fesseln lassen und wochenlang sich im Kreis drehende Debatten geführt werden, in dem Maße scheinen wir in der Regel diese Themen wieder zu vergessen. Wir scheinen fließend zu neuen Katastrophen überzugehen. Immer in der Annahme, dass diesmal wirklich das Ende der uns bekannten Welt droht. Dass uns diesmal das Wasser wirklich bis zur Unterkante Oberlippe steht. Und dass uns kein internationales Expertenteam uns mehr retten können wird.

Oder wer erinnert sich noch an die dramatischen Schlagzeilen 2017? Das Jahr, in dem gewählt und wir alle gequält wurden. In dem Kohl starb und Hamburg auf „G20 Grad“ erhitzt wurde. Und was war das noch mal mit diesen Shitcoins?

Doch anders als die längst defekt in einer Ecke liegenden Fidget Spinner dreht sich die Erde anscheinend wirklich immer weiter. Weder mit der Jahrtausendwende und dem Millenium-Computer-Bug noch nach der Wahl Donald Trumps ist sie stehengeblieben und hat gesagt „Nö, keine Lust mehr. Wirklich nicht. Ihr könnt selber zusehen, wie ihr mit dieser fönfrisierten Luftpumpe zurechtkommt.“

Fidget Spinner

Die mediale Debatte und hysterische Diskussionskultur gleichen manchmal dem Versuch, eine Krebserkrankung mit einem Defibrillator zu behandeln. Immer droht das Weltende. Mindestens aber muss jemand zurücktreten. Oder eine historische Strafe, Niederlage oder Krise werden heraufbeschworen. Dabei übersehen wir dann gerne den schleichend langsamen Wandel unserer Welt. Wir erfreuen uns eines heißen Sommers und warten gleichzeitig darauf, dass sich mal langsam jemand um den ganzen Plastikmüll in unseren steigenden Weltmeeren kümmert – während wir erneut dem verbalen Vogelschiss einer Beatrix Storch erbost lauschen.

Anstatt eines depressiven Rückblickes wünscht man sich zum Jahresende mal mehr optimistischen Weitblick. Denn viel spannender als die Frage, welche Lehren Berlin mal wieder nicht aus der Bayernwahl zieht, ist doch der Gedanke, ob im Jahr 2118 jemand – mit einem Fidget Spinner in der dritten elektronischen Hand spielend – auf unser Jahr zurückblicken und sagen wird: „mein Gott, haben die das damals vergeigt!“ An das Endspiel zwischen Frankreich und Kroatien wird sich spätestens dann jedenfalls niemand mehr erinnern.




Tinderland – Paradies sapiosexueller Weltenbummler von dunkler Macht bedroht

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Hoffnung. Hoffnung ist eine zerbrechliche Pflanze, insbesondere in diesen von populistischen Gedankenfürzen und welkenden Normvorstellungen geplagten Zeiten. Doch es gibt sie. Zart, unschuldig und dennoch omnipräsent. Die Welt steht nicht am kargen Abgrund, nein die Welt ist eine nach Gras und Gülle duftende Blumenwiese. Die sprudelnde Quelle dieser euphorisierten Weltanschauung: Tinderland.

In diesem wundersamen Land leben die Bewohner friedlich und glücklich einen Wisch voneinander entfernt. Ob links oder rechts, die Nachbarn reiten mit Selfiesticks bewaffnet die Wellen des Lebens, sind travel addicted und sapiosexuell (was auch immer das sein mag, aber es klingt zumindest nicht wie eine außergewöhnlich schwere Form der Beleidigung oder Behinderung). Drall und bierselig posieren sie in Dirndl und Lederhosen, um im nächsten Moment in gummimattierten Spiegelsälen ihre atmungsaktiven Körper und athletischen Sportoutfits zu präsentieren. Sie fahren Ski oder Rennrad, niemals U-Bahn. Sie sind Gründer, CEOs, selbstständige „Irgendwas – vermutlich sapiosexuelles – mit Medienmacher“. Sie tanzen den Discofox takt- und wischsicher (links, links, rechts). Sie stehen mit beiden – im Durchschnitt 1.78m langen Beinen – mitten im Leben. Fest und unverwischbar.

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Doch die unter der rot flammenden Flagge geeinte Nation ist in Gefahr. Mitbürger links und rechts des Superlikes sehen sich von einer düsteren Macht bedroht. Sie zucken zusammen (meist im Bereich der Körpermitte), wenn von dieser finsteren Bedrohung die Rede ist. Stand Mittelerde unter dem Bann ungewaschener, blutrünstiger Orgs, so scheint Tinderland von einer noch stoßkräftigeren wilden Horde bedroht zu sein.

ONS.*

Nur hinter vorgehaltenen Daumen redet man von dieser abscheulichen Bedrohung. ONS fallen im Dunkel der Nacht nackt, stöhnend und keuchend über ihre Opfer her und lassen diese perfide befriedigt zurück. Danach verschwinden sie ohne ein Wort des Triumphes in die dunkle Ewigkeit, während die Ausgewischten vergeblich auf zwei blaue Häkchen ihrer Whatsapp Nachrichten warten. Doch das Tinderwonderland wäre nicht ein Land der Hoffnung, Zuversicht und Sapiosexualität, wenn es sich nicht widersetzen würde. Die Wischlappen wehren sich mit Wischpetitionen und Spruchbändern. Sie skandieren dabei mantrahaft immer wieder eine Parole:

„Keine ONS! Keine ONS!“

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Doch bei all den eifrigen „Onsländer raus“-Rufen übersehen die Tinderaner den zeitgleich stattfindenden, viel schleichenderen Verfall ihrer Gemeinschaft. Eine überwischte Gefahr. Eine geradezu transzendente Bewegung unermüdlicher Traditionalisten hat sich in Gang gesetzt. Ihr politisches Programm ist in seiner Simplizität brillant und zerstörerisch zugleich. Es spielt nicht nur den ONS in die Karten, es macht gleichzeitig mühsam gestellte Fitness-Studio-Schnappschüsse, Surf-Urlaube und ein Interesse an Sapiosexualität obsolet. Vorbei die wischiwaschi Welt. Die unterschätzte Bedrohung lässt sich auf eine ganz einfache Formel reduzieren:

„Hey. Dein Glas ist leer. Darf ich dir einen Drink ausgeben?“

 

*ONS ist eine Abkürzung für One Night Stand und die Tatsache, dass du diese Erläuterung lesen musst spricht vermutlich eher für als gegen dich.




Schwarz-Rot-Gold angeschmiert – ein Markt im Abseits.

WM WM-Aus Fußball Deutschland Nationalstolz schwarz rot gold

Aus. Aus. Das Spiel ist aus. Deutschland ist – in der Vorrunde ausgeschiedener – Weltmeister. Prompt gerät die gesamte Welt aus den Fugen. Die deutsche Regierung ist so schlecht gelaunt und bewegungsunfähig, wie deutsche Abwehrketten. Es herrscht heiterer Hochsommer in Deutschland pünktlich zu den Sommerferien, was im Allgemeinen nur verwirrend und überfordernd auf das eher trübe deutsche Gemüt wirkt. Und Belgien könnte noch immer Weltmeister werden.

Überraschenderweise war es nicht Nord-, sondern ausgerechnet Südkorea, das uns letzte Woche in die Katastrophe stürzte. Ja, es scheint eine Katastrophe galaktischen Ausmaßes zu sein, wie sonst ließen sich Sondersendungen und das Meer an Schlagzeilen erklären. Die Welt ist nicht mehr die gleiche. Ein Weiterleben ist möglich, erscheint jedoch sinnlos. Doch bei all den Analysen, Sinnkrisen und Brennpunkten wird ein wesentlicher Teil dieses Endes der modernen Zeitrechnung außer Acht gelassen. Als würden wir hinter den kreisrunden Gläsern unserer JB by Jerome Boateng „Visionary 1“ Sonnenbrillen nicht mehr klar schauen können, übersehen wir neben den Millionen gebrochener Herzen die Millionen versprochener Euros, die nun in der Vorrunde ausgeschieden sind.

Was 2006 erstmals mit einem kollektiven Fahnenrausch begann, ist seitdem ein vertrautes Ritual geworden. Im Jahr der Weltmeisterschaft im eigenen Land beschäftigten sich die Deutschen erstmals mit der Frage, wie man Autofähnchen fixiert, und weniger mit der Frage, mit welchem Grauton man die eigene nationale Identität besser kaschieren solle. Das Land erwachte aus seinem Dornröschen-Schlaf und berauschte sich an einem schwarz-rot-goldenen Sommermärchen. Endlich durfte man.

Seitdem wird nun pünktlich alle zwei Jahre dieses Gefühl wieder heraufbeschworen. Dass das „endlich dürfen wir“ langsam in ein „schon wieder sollen wir“ abdriftet, scheint niemand zu bemerken. Wie uns der Lebkuchen ab August in den Supermärkten angeboten wird, so überfluten uns Monate vor dem ersten Anpfiff bereits weltmeisterliche Angebote, Rabattaktionen und Sondereditionen. Echte Fans  – und jeder andere Deutsche, weil ihm die Alternativen fehlen – kaufen nur noch Chips, Deoschutz, Grillsaucen, Spülmittel und Wassereis, das dem eigenen Nationalstolz entspricht. Sie sammeln beim Kauf sportlicher Süßwaren Bilder von Nationalspielern, die es zwar niemals in den Kader, aber in die Verpackung eines Schokoriegels geschafft haben. Immerhin besitzen diese Spieler so bis zum WM-Finale noch eine Relevanz, während Plattenweich (oder wie hieß er noch mal?) und seine Kollegen schon längst im Sonderflug nach Hause sitzen. Duplo bietet die wahrscheinlich längst WM-Präsenz der Welt.

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Und selbst, wenn es mal bescheiden läuft und die dünnpfiffigen Pässe des deutschen Mittelfeldes Übelkeit verursachen sollten – dank Toilettenpapier und WC-Stein fühlt sich der deutsche Fan weltmeisterlich aufgehoben. „Papierdekor mit den Spielzügen legendärer deutscher WM-Finaltore!“ dürfte mitunter edukativer sein als Bela Rethys Auswürfe. Auch Tchibo ist sich natürlich seiner Verantwortung als Lieferant kurzlebiger Scherzartikel bewusst und beglückt mit Flagge bekennenden Schnürsenkeln, Reizunterwäsche und WM-Jubelkugel echte Fanherzen.

Doch was geschieht nun mit all diesen Artikeln? Wohin mit der Jubelkugel, wenn einem nicht nach Jubeln ist, aber „die Stimmung kein Ende“ hat? Was macht man mit WM-Blumensträußen, die nun wie Grabgestecke wirken? Ist es unangemessen oder avantgardistisch mit Fan-Schminke ins Büro zu gehen? Wohin also mit dem schwarz-rot-goldenen Sondermüll?

Die Antwort ist sehr einfach: Recycling. Ab sofort steht Deutschland geschlossen hinter der belgischen Nationalmannschaft. Und für die EM 2020 lautet die Antwort: Müllvermeidung.




I bims 1 Genitiv – Was ist Sprache?

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Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Doch wie sieht dann eigentlich die Beerdigung des Genitivs aus? Vielleicht wird die Trauerrede mit den Worten „I bims 1 trauriger Dativ“ eröffnet. Mit gebeugten Häuptern steht die Trauergemeinde am knie- bis genitiven Grab und blickt auf ihre autokorregierenden Handys. Sie verteilt blaue Daumen und Kommentare wie „#nicefuneral“ und „schöne rede von dem dativ“ unter dem Live-Video der Veranstaltung. Beim anschließenden Leichenschmaus wird Buchstabensuppe gelöffelt und vergeblich ein # gesucht.

Dabei ist die deutsche Sprache eigentlich alles andere als bestattungswürdig. Sie ist drollig: sie bringt Schätze wie Donaudampfschiffahrtsgesellschaftskapitänsmützenschirm und Kladderadatsch hervor. Sie ist gerissen: kein Stotterer kann das Wort „Stottern“ aussprechen, kein Lispeler das Wort „Lispeln“ sagen, kein Legastheniker das Wort „Legasthenie“ buchstabieren. Die deutsche Sprache ist vor allem eines: markant. Ihr Klang erinnert Sprachfremde an ihre eigene Kindheit, nämlich an die gebrüllten Ermahnungen ihrer Eltern. An Irgendwas, das man nicht versteht, aber definitiv nach Ärger klingt. Ist sanft „ge`auchtes“ Französisch oder emotional wallendes Italienisch vielleicht wie eine liebreizende, melodische Massage für das Innenohr, erinnert das harte, abgehackte Deutsch wohl eher an einen Knochenbrecher, der Ohrmuscheln mit einem Nagelknipser behandelt.

Zu gerne würde ich nur für einen Tag meine eigene Sprache nicht mehr verstehen. Alleine um diesen Klang einmal zu hören. Um dieses Gefühl nachzuempfinden, wie unsere Sprache auf andere wirkt. Klingt sie wirklich so, als würden wir uns mit unserem Erzfeind, der uns unserer Vorfahren, unserer Würde und des letzten Parkplatzes beraubt hat, streiten? Hört es sich wie eine Kriegserklärung an, wenn wir Dinge sagen wie „Wie möchten Sie ihr Steak gebraten haben“ ? Vielleicht tönt unsere Sprache in fremden Ohren ein bisschen so wie für uns Tonaufnahmen aus den 20er Jahren. Vielleicht klingt es wirklich wie feinsäuberlich gehacktes Stakkato, durchzogen von gerollten Rs und kontrollierter Emotionalität –angereichert durch eine Prise mimimi und blablabla.

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Allen, die sich verzweifelt angesichts der modernen Jugendsprache am Innenohr kratzen oder glauben das Wort „dessen“ sei gegessen, sei gesagt: Sprache verändert sich. Lauscht man alten Tonaufnahmen, liest alte Texte wundert man sich über die Wandlung der eignen Sprache.  Werden Wissenschaftler in zweihundert Jahren anhand von YouTube-Tutorials konstatieren, dass wohl damals ein leicht gequäcktes„Heeeey ihr Süßen“ die gängige Begrüßungsformel unserer Zeit war?

Wäre Sprache nur eine Aneinanderreihung von Worten, gäbe es keine Missverständnisse. Doch Worte werden erst durch Grammatik, Klang und Interpretation zur Sprache. Sprache kann lautlos sein und doch schweigt sie nie. Selbst im Schweigekloster sind wir umgeben von den Stimmen in unserem Kopf. Wir denken und reden in unseren Träumen. Wir sagen Dinge mit unserem Blick. Wir sprechen selbst mit Babys, Tieren und Pflanzen, auch wenn diese uns nicht verstehen. Warum? Sprache ist am Ende vor allem eines: Ausdruck unseres Bewusstsein. Dessen sollten wir uns bewusst sein. Und mit diesem „dessen“ möge der Genitiv wieder von den Toten auferstehen – „ihr Süßen“.