Doppelkinn und Nasenhaare – das Selfie.

Selfie Selbstportrait Selbstbildnis Selfiestick Fotos Selfie this

Das Selbstportrait besitzt eine lange Geschichte. Spätestens mit der Renaissance begannen immer mehr selbstbewusste Künstler ihre eigenen Nasen zu tupfen, ihre Augen zu pinseln, sich in akribischer Handarbeit durch ihr eigenes Haar zu streichen. Meist malte oder formte man sich in einsamer, nach Darmproblemen aussehender Denkerpose, starr der Blick, schmal der Mund. Ein Lächeln oder debiles Grinsen suchte man in der Regel vergebens. Van Gogh beispielsweise sieht auf seinem berühmten Selbstbildnis aus, als sei er auf dem Weg zu einer Darmspiegelung. So schlicht wie die Emotionalität, so einfach ist die Kulisse. Keine Sehenswürdigkeiten, keine wilden Tiere, keine Umarmung mit den Sauffreunden aus der Spelunke „Zum goldenen Pony“.

Selfie Selbstportrait Selbstbildnis Selfiestick Fotos

Heute ist aus diesem elitären, edlen Kunsthandwerk der Selbstreflexion etwas anderes geworden. Etwas Animalisches, Weltumspannendes, das ewig bleibt und doch vergänglicher ist als Zahnbelag. Es wurde Teil der allgegenwärtigen Selbstperfektion. Niemand sitzt mehr lange still in einer darmverschnürenden Pose. Nur ein „Tupfer“ und das Werk ist fertig: das Selfie. Egal, ob der Eifelturm oder die Badezimmerfliesen, die Kulisse bleibt Nebensache. Der Begriff „Fototapete“ erhält eine neue Bedeutung. Was ins Gewicht fällt, ist das Gesicht. Das eigene. Die Mimik in diesem sehr intim nahen Gesicht changiert zwischen debiler Euphorie und der altbekannten Denkerpose mit Darmproblemen – jedoch weiterentwickelt um die Hommage an die Gesichtszüge eines Erpels (#duckface). Motto „Ich und meine Fratze“. Hinzukommt ein abgeschnittener Oberschenkel. Zumindest sieht der Arm, der die Kamera hält und aus dem Bild ragt, in der Regel aus, als sei er eigentlich ein stattliches Bein. Um das Bein aus dem Bild zu schneiden, greifen einige Selbstportraitierer auch gerne zur Spiegeltechnik, die jedoch die sehr seltene Fähigkeit zum räumlichen Denken erfordert.

Selfie Selbstportrait Selbstbildnis Selfiestick FotosNicht selten wird hingegen die banale Kulisse angereichert durch andere Menschen. Es entsteht das Gruppenselfie – Motto „viel Mensch“. Man rottet sich unter der Achsel seines Nachbarn zusammen und kommt sich näher. In der Regel ist die Sonne, deren Untergang als Kulisse dienen sollte, längst verschwunden, bis das Gruppenselbstportrait erschaffen ist. Irgendjemand blinzelt, redet („Mist, ich habe, glaub ich, hatte die Augen zu.“) oder selbstseziert sich („Nein, das müssen wir noch mal machen. Ich sehe unmöglich aus.“) immer.

Und so spuckt der Hashtag #selfie über 400 Millionen Ergebnisse aus. Ermöglicht hat diese Fast Food(o) – Welle der technische Fortschritt. Jedes Handy und bald jede elektrische Zahnbürste besitzt eine eigens für Selfies erdachte Kamera. Studierte Menschen haben eine Technik entwickelt nur für Nahaufnahmen der Nasenhaare. Wie erhellend. Eine ganze Industrie formte sich um den Verkauf von teleskopischen Stehhilfen für Selfiebehinderungen (Selfiestick). Als es hingegen noch keine digitale Fotografie gab, sind nur sehr wenige Menschen auf die Idee gekommen, sich ihre behäbige Kamera selbst ins Gesicht zu halten. Der Mut wurde in der Regel mit einer verschwommenen Nahaufnahme der eigenen Stirnfalte belohnt.

Selfie Selbstportrait Selbstbildnis Selfiestick Fotos

Doch woher kommt der moderne Drang, diese technische Weiter- bzw. Näher-dran-Entwicklung auch wirklich zu nutzen? Ständig und überall? Sich in Todesgefahr zu begeben (die Todesursache „Selfie“ hat inzwischen ihren Weg in Statistiken gefunden)? Warum machen sich Menschen zum Hofnarren, indem sie ihr Tablet vor dem Taj Mahal gen Himmel strecken, als sei es eine Bibel, nur um ein Selbstportrait zu machen vor einer Kulisse, die aus Menschen besteht, die Selbstportraits machen? Warum schauen wir uns im Nachhinein einer Reise oder eines Lebens vor allem die Bilder an, auf denen wir selber abgelichtet sind? Sind wir alle so selbstverliebt?

Als bräuchten wir die Bestätigung, dass wir selber in dem Moment anwesend waren, machen wir Erinnerungsfotos von uns selbst in einem Moment. Als würde es die Welt interessieren, teilen wir all diese unzähligen Belegbilder mit der Welt. Bevor ein Moment wirklich geschehen ist, wollen wir uns bereits mitteilen. Doch was wird aus dem Moment, wenn der Moment nur noch darin besteht, ein Foto von dem Moment zu machen? Erinnern wir uns wirklich an die beeindruckende Größe eines historischen Bauwerkes, an die Tiefe einer Klippe und den Lärm der Möwen, die über ihr kreischen, wenn wir damit beschäftigt sind, all die Kolossalität in ein Bild mit uns zu zwängen? Das wirkliche Innehalten, nicht nur für ein Bild, fällt uns schwer. Und so scheint das Selfie Ausdruck einer Welt geworden zu sein, die sich gerne um sich selber kreist und die Aufmerksamkeitsspanne eines Nasenhaares besitzt.

Auf den zweiten Blick beginnt man van Goghs Gesichtsausdruck daher anders zu deuten. Als habe er geahnt, was die Menschheit einmal erschaffen würde, blickt er von seinem Werk, das zur Selfiekulisse degradiert wurde, herab, als möchte er uns sagen „Seid nicht so selfiesh. Ihr habt auch nur Blähungen – vor allem im Kopf.“




Vom Freskenmaler zum Neandertaler – die Re-Evolution.

Der Mensch hält sich gerne für die Krone der Schöpfung. Mit einem aufrechten Gang, einem aufrechten Geist und krummen Daumen fühlt er sich dem restlichen kriechenden, miefenden Getier überlegen. Weitaus überlegen. Niemand vermag ohnehin zu sprechen, um ihm zu widersprechen.  Er erschafft Wolkenkratzer und Kuschelsocken. Er komponiert und kompostiert. Er programmiert und patentiert. Er hält sich lausende Affen gefangen im Zoo und lässt lausige Gedanken im Kopf scheppern. Weit und breit irrt niemand auf dieser Erde umher, der ihm den Thron streitig machen könnte. Einen Thron, den er in einem schwedischen Möbelhaus erwarb und mühsam in der eigenen Behausung zusammenbaute. Ingeniös. Und das bisschen galaktische Unendlichkeit lässt sich auch noch formatieren.

Doch was passiert, wenn ein Zacken aus der Krone bricht? Wenn der Thron Risse bekommt, weil eine Schraube sich lockerte? Wenn das Bild der evolutionären Vollendung, nunja verendet – und mit ihm der Mensch mit seinen Sitten, Gebräuchen, Regeln und Gesetzen?

Was ist der Menschen, wenn er…

Ja, dann ist der Mensch dem Affen näher als der Dusche. Dann ist der Homo sapiens nicht mehr ganz so erectus. Dann ist die Krone der Schöpfung saufhaft geworden im Istmiregal eines Festivals. Dann ist der Mensch kurz ausgeschert – hin zum Weg in das Neandertal. Dann befindet er sich langsam kriechend und sehr stark miefend auf dem wunderlichen Weg der Re-Evolution.




Die Qual nach der Wahl.

Wahl Wahlplakat SPD Wahlniederlage Europawahl

Wie sie sich winden. Die Verlierer. Wie Regenwürmer, die man mit Terpentin betupft. Da liegen sie in den Fernsehstudios. Scheinwerfer sind auf ihre Augenringe gerichtet. Mikrophone liegen bereit, um sie zu sezieren. Mikrophonisch genau.

Und die Verlierer selbst? Sie haben sich auf diesen Moment nicht vorbereitet. Das mussten sie nicht. Denn er ist schauerlich schöne Routine. Sie holen ihre Spickzettel mit vorgedachten Textbausteinen für solche unrühmlichen Momente aus ihren Schubladen. Die Karten sind inzwischen ganz vergilbt, die Worte darauf sind abgenutzt. Zäh und geschmacklos liegen sie im Mund, wie ein vor fünf Jahren das letzte Mal gekautes Kaugummi.

Mit der ersten Hochrechnung beginnt sodann das Schauspiel. Ein Trauerspiel in unzähligen, identischen Akten. Salven an Fragen werden an die Enttäuschten, die Enttäuscher gerichtet. Und diese liefern Antworten. Nicht auf die an sie gestellten Fragen, aber immerhin sind es Antworten. Auf andere Fragen. Bei der Menge der Fragen, die an einen Verlierer in diesen Tagen gerichtet werden, kann man ja schon mal den chronologischen Überblick verlieren. Es würde nicht wundern, wenn auf ein „Treten Sie zurück?“ einmal eine Antwort „Gut, danke der Nachfrage. Wir hatten tolles Wetter auf Ibiza.“ ertönen würde. Bisher ist die gängigste Antwort auf eine solch unverblümte Kritik an der eigenen Daseinsberechtigung in der Regel jedoch „Jetzt ist nicht Zeit für Personaldebatten. Ich möchte zur Geschlossenheit der eigenen Reihen aufrufen.“ Stimmt, man wechselt Trainer und Spieler ja eigentlich meist in Sommerpausen oder während der Meisterfeierlichkeiten aus.

Die Frage nach dem Umgang mit solch einem desaströsen Wahlergebnis wird ebenso souverän abgeschmettert. Man sei zufrieden mit dem – historisch (ein gerne verwendeter Begriff in diesem Schauspiel) schlechtesten – Wahlergebnis. Die gesteckten Wahlziele, die knapp oberhalb derer der Tierschutzpartei lagen, wurden schließlich erreicht. Die Aussage wird untermauert mit einem strahlenden Gesichtsausdruck, der an dröge Brötchen vom Vortag und tote Tauben erinnert, während Bilder der „Wahlparty“ eingespielt werden, auf denen Ballons in den Parteifarben über den staubigen Linoleumboden wehen und immer wieder von jemandem getreten werden. Die Stimmung ist zum Platzen.

Und wie erklärt man sich das – historisch – schlechte Abschneiden? Anscheinend sei man mit seinen Themen zu diesen possierlichen, „Wählern“ genannten Narren nicht durchgedrungen. Woran einzig und allein Berlin schuld sei. Dieses fiese Moloch. Auf die Frage hin, was denn überhaupt die Themen der eigenen Partei seien, bittet man den Kollegen einer anderen Partei, der zufällig vorbeiläuft, er möge doch mal kurz seine Karteikarte für Wahlversprechen ausleihen. Es folgt ein monotoner Monolog, ein Monotonolog, rund um die Schlagwörter „Wohnungsbau, Steuersenkung, Energiewende, Zukunft, grüne Flüchtlinge, Wohlstand für Wahlen“. Oder so.

Wahl Wahlplakat CDU Wahlniederlage Europawahl

Auf die Frage nach den Konsequenzen, die man aus dieser Wahl nun zöge, reagiert man mit einem geradezu brillanten Verwirrspiel: „Die Frage stellt sich nicht.“ – eine Antwort aus der Liga des „Ach schauen Sie mal dort, ein Vögelchen.“ Ehrgeizige Interviewprofis, die sich versuchen an der Frage nach den Konsequenzen konsequent festzubeißen, werden das erste Mal in ihrem Leben die gänzliche Bedeutung des Begriffs „ausweichen“ kennenlernen. Zunächst werde man Ruhe bewahren. Wie ein „Wahlross“ im Porzellanladen. Sehr lange. Vier bis fünf Jahre. Und die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit treffen. Irgendwann. Was die richtigen Entscheidungen sind, müsse erst einmal gründlich analysiert werden. Weitere vier bis fünf Jahre. Redner und Zuhörer sind an dieser Stelle in der Regel kurz eingenickt. Ein Schläfchen von vier bis fünf kurzen Jahren. Beim Erwachen ist die Fragestellung in jedem Fall vergessen. Unausweichlich vergessen.

Einzig, wenn man auf diese bakteriöse Influenza angesprochen und gefragt wird, ob man nicht erwäge, sich ebenfalls die Haare blau zu färben und einen breitkrempigen Schlapphut zu tragen, um sich ein bisschen zum „Narrwahl“ zu machen und die Stelle zu kaschieren, wo sich eigentlich ein aufgeweckter Geist befinden solle – da platzt einem dann doch mal die Hutschnur. Man „rezogiert“ gereizt und eine ehrliche Antwort rutscht heraus. Digital oder analog, das sei doch alles „wahlich“ egal. Am Ende geht einem schließlich eh alles am analen Medium vorbei. Auf irgendeine Reaktion auf dieses Wahlergebnis kann man also getrost warten bis man grün wird.




Nicht ohne Folgen – das Seriensuchten.

Seriensuchten Mad men House of Cards Friends How I met your mother Homeland Der Tatortreiniger Games of Thrones Serien Bingwatching

Früher war die Welt zwar geprägt von kettenrauchenden, latent alkoholabhängigen Mad Men – aber sie war doch irgendwie nicht vollkommen schlecht. Sie war überschaubar. Sortiert. Chronologisch. Sie war vielleicht mal beschwipst, aber niemals berauscht. Stets kontrolliert und bedächtig. Ein Krieg, eine Volkspartei, eine Jahreszeit, eine Lebensmittelunverträglichkeit nach der anderen. Unser Leben gliederte sich in sauber getrennte Staffeln. Wir lebten in der gemütbürgerlichen Lindenstraße. Mal gab es gute Zeiten, mal schlechte Zeiten. Selten verbotene Liebe oder ein Besuch in der Schwarzwald Klinik.

Doch heute sind gemeinhin die Sicherungen durchgebrannt. Sendepausen wurden abgeschafft. Im Lärm der generellen Gemengelage fällt es schwer, leise Klänge wahrzunehmen. Hör mal, wer da hämmert an diesem fragilen, zugigen House of Cards interessiert kaum noch jemand.  Der Prinz von Bel Air dürfte es nicht sein, der an der Tür mit lauter Rapmusik pocht. Wohl eher ein Mann, der wie ein Zeuge Jehova penetrant vor dem Hauseingang steht und erzählen möchte, wie er unsere Mutter kennenlernte. Mit einem lauten Big Bang schlägt man ganz untheoretisch die Tür zu und begibt sich auf seine Insel der Geborgenheit. Auf seinen Throne of Gammeling. Man verschließt die Tür und sich vor der Welt da draußen. Statt Full House schaltet man ab und irgendwas ein, schmiegt sich an jemanden oder etwas – und lässt sich Narkos-isiert. In seinem Homeland.

Seriensuchten Mad men House of Cards Friends How I met your mother Homeland Der Tatortreiniger Games of Thrones Serien Bingwatching

Und so beginnt die Sucht. Ihren Anfang nimmt sie mit der Menüauswahloption „Alle Episoden abspielen“ . Sie nährt sich sodann von Cliffhangern und dem Gedanken „Ach eine geht noch“. Folge um Folge flimmert dahin. Kettengucken. Binge-watchen. Stunden, Tage, Monate vergehen und man beginnt Teil der viereckigen Welten zu werden. Man spinnt politische Intrigen, kämpft gegen verfeindete Clans und sitzt mit seinen Bros und Wingmen in einer Bar und beobachtet die Gilmore Girls. Seine irgendwie witzkargen Friends ruft man in der Regel lediglich an, wenn der Stoff ausgeht und man einen Tipp braucht, um nicht im Emergency Room zu enden. Zur Arbeit geht man eigentlich auch nur noch, um sich mit seinen Arbeitskollegen darüber zu unterhalten, wer die Staffel überleben wird. Die Diskussion schwankt zwischen der Ehefrau des Lord Tabalugadingsbums und der eigenen Person. Es ist schließlich ungewiss, ob man den nächsten Monat überdauern wird aufgrund der Ernährungsumstellung auf überraschend lautstarke Snacks. Das Aufreißen von Popcorntüten und Salzbretzelpackungen der Kategorie breaking bad ist aber auch zu nervtötend.

Seriensuchten Mad men House of Cards Friends How I met your mother Homeland Der Tatortreiniger Games of Thrones Serien Bingwatching

Musste man früher geduldig eine Woche lang einem geregelten Alltag nachgehen, bis man erfuhr, ob Mutter Beimer vielleicht doch lesbisch ist, so kann man heute ungeregelt seiner Seriensucht nachkommen. Erinnert man sich an sein Passwort, ist es in der Regel vernetflixt einfach von einer Folge, von einer Staffel, von einer Serie zur nächsten zu fließen. Keine Downloads, keine DVDs, keine Dauerwerbung. Einfach so geschieht es. Doch dann tritt irgendwann tatsächlich das ein, was man nie für möglich und für eine Übertreibung in einem Sitcom-Drehbuch gehalten hat: ein mit zusammengeklebten Essstäbchen konstruiertes Poking Device bahnt seinen Weg durch das offene Fenster und tippt einem an die fahle Wange, um zu überprüfen, ob man auch noch lebt, bei all der Regungslosigkeit. Das bringt dann wohl das Maß und Dawsons Creek zum Überlaufen. Man beschließt etwas noch Verrückteres zu tun, als Essstäbchen zu verkleben.

Man geht an die frische Luft. Denn schließlich gilt: Sky is the limit.  




Ab ins Warme – Weihnachten Down Under durcheinander.

BBQ. Ein saftiges, duftendes Stück Fleisch vom Grill. Dazu ein leichter Salat, würzige Grillsauce und ein kühles Bier – mit Lebkuchengewürz. Fertig ist das Weihnachtsmenü. Das australische Weihnachtsmenü.

Während wir Kalkleisten der nördlichen Hemisphäre Weihnachten mit deftigem Braten, wärmendem Punsch und Backorgien verbinden wird in Australien feierlich gegrillt. Es ist schließlich Sommer.

Es herrscht ausgelassene Sommerferienlaune, nur wenige verspüren die Lust auf einen besinnlichen Kaminabend. Spüren tut man wiederum die von der Sonne gebrannte Haut. Das Knuspern gebrannter Mandeln zwischen den Zähnen bleibt hingegen aus. Statt dicker Kleidung trägt man dick Sonnencreme auf. Man spannt die Kängurus vor den Schlitten und verbringt den Tag Sandmänner bauend am Strand.

Doch gleichzeitig greift der Australier nordisch geprägte Sitten auf. Der Weihnachtsmann trägt vielleicht mal ein Surfbrett unter dem Arm, aber ansonsten die vertraute Thermokleidung samt Mütze. Der Tannenbaum erstrahlt bei – spätem – Einbruch der Dämmerung und die kleinen Koala-Kugeln funkeln im Licht. Häuser werden mit kitschigen Weihnachtsmännern, Rentieren und Delfinen dekoriert.

Dieser Kontrast wirkt auf adventliebende Nestbauer aus Deutschland skurril bis völlig durchgebrannt. Weihnachten heißt für uns Winter und man fragt sich für einen peinlich kurzen Moment, warum sie in Australien nicht einfach sechs Monate später das Fest der Heimeligkeit und deftigen Speisen zelebrieren. Doch dann begreift man die eigene konditionierte Ignoranz und stellt fest, dass für Australier nunmal ein Weihnachtsfest mit Flipflops und dem Duft gegrillter Kängurusteaks das Normalste der Welt ist. Wer sagt also, dass Weihnachten kalt sein muss? Wäre das Christkind im Winter sagen wir in einem Stall in der Eifel geboren würden wir seinen gabenreichen Geburtstag vermutlich garnicht erst feiern können. Und der Weihnachtsmann bringt auch eiskalte Cola, keine nach Anis und Zimt riechende warme Plörre.

Am Ende ist Weihnachten eben hier wie dort die Zeit der Wärme. Der Familie. Und der Völlerei. Down Under sind eben nur die Besucher etwas durcheinander.




Glühender Krisenherd – der Weihnachtsmarkt.

Weihnachtsmarkt Advent Glühwein

Es klingt so harmlos. Ein feierabendlicher Umtrunk mit Kollegen, ein gemütlicher Wochenendspaziergang mitliebgewonnenen Menschen, eine harmonische, adventliche Tradition. Doch eigentlich gleicht er einem Ausflug in ein von Lametta und Glühweinnebel getarntes Kriegsgebiet: der Weihnachtsmarkt. Resümee einer Tragödie in 4 Akten.

Weihnachtsmarkt Advent Glühwein Hamburg Rathaus

Akt 1 / Oh du fröhliche Naivität!

Am Anfang war die Dunkelheit. Die Dunkelheit des Winters. Die Last der kurzen Tage, die schwer auf das Gemüt drückt. Die Seele sucht Oasen des Lichtes und der Geselligkeit. „Glühwein“ klingt da wie ein glockenklares „Halleluja“ lallender Engelschöre. Bilder von rotbackig strahlenden Kindern und dicken Schneeflocken rieseln durch den Kopf. Wie schön es wäre, liebevoll – irgendwo in Asien – von Hand gefertigte Präsente zu verschenken. Und oh du süßer Duft von gebrannten Mandeln und Schmalzgebäck! Oh du kitschige Kulisse! Oh du fröhliche Vorweihnachtszeit!

Akt 2 / Lasst uns froh, nein lasst uns einfach nur durch!

Oh du frivole Vorbeidrückende-Menschen-Zeit! Die Idee, einen Weihnachtsmarkt zu besuchen, scheint so kreativ zu sein, wie einen Amazon-Gutschein als Weihnachtsgeschenk für den Ehepartner zu überreichen. Massen an vermummten Mitmenschen schieben sich zwischen Holzbaracken und offenen Feuerstellen umher. Man gewinnt den Eindruck, in den Favelas des Nordpols gefangen zu sein. Seine Bewohner scheinen jedenfalls aus Unrat und Müll kleine nutzlose Gegenstände gebastelt zu haben, die sie nun versuchen, den vorbeipressenden Besuchern als zusätzlichen Ballast aufzudrängen. Ob gefilzte Topflappen, gravierte Gläser oder handgebeizte Bretter vor dem Kopf, nichts scheint nutzlos genug zu sein, um es zu verkaufen. Der Umsatz ist alle Jahre ohnehin gesichert, denn Kaufentscheidungen erfolgen dabei grundsätzlich unfreiwillig: den Gegenstand, den man im Vorbeidrücken von seiner gezielt fragilen Halterung in den nassen Boden warf, muss man erwerben. Dass die Großmutter bereits so viele gedrehte Kerzen im Schrank hortet, dass sie damit einen nicht unbeachtlichen Terroranschlag verüben könnte, interessiert den Verkäufer mit den gehäkelten Pulswärmern wenig.

Irgendwo dudelt „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ durch den Nieselregen. Man summt zur eigenen Beruhigung „Nasse Söckchen, Matschpfützchen“ und steuert die einzige Rettung an: einen Glühweinstand. Alle Jahre wieder fragt man sich angesichts der hochprozentigen Preise, ob es nicht eigentlich ausreicht, diese alkoholgeschwängerte Luft einzuatmen. Dann setzt „Last Christmas“ über die Lautsprecher ein. Man bestellt den Glühwein mit Schuss. Dann bastelt man halt wie früher „Gutschein für einmal Müll herunterbringen“ zu Weihnachten. Das Budget für Rauschmittel ist in diesem Moment jedenfalls nicht verhandelbar.

Weihnachtsmarkt Advent Glühwein Bratwurst

Akt 3 / Leise tröpfelt der Senf.

Die Arznei beginnt zu wirken und der Griff um den kitschigen Keramikbecher wird lockerer. Die klebrige Tasse muss man ohnehin nicht festhalten. Sie klebt inzwischen von alleine an den Wollhandschuhen. An den Pranken haften bereits ein paar gebrannte Mandeln, die passierenden Tüten entfallen sein müssen.

Um die eigene aufkeimende Blutrünstigkeit in rechtskonforme Bahnen zu lenken, stellt man sich beim Bratwurststand an. Das Kind hinter einem in der Schlange hat rote Backen. Vom Schreien. Man überlegt, ob man „Den kleinen Braten hinter mir, schön knusprig bitte“ bestellen soll, belässt es aber bei gesellschaftskonformem Grillgut. Man beißt in die Wurst und verbrennt sich den Mund. Senf tropft auf den Schal. Auf dem Weg zurück zum „Stall von Bowlehem“ reibt man den Fleck an den sich vorbeischiebenden Mänteln ab. Ebenso die fettigen Finger.

Weihnachtsmarkt Advent Glühwein Feuerzangenbowle

Akt 4 / Stihicksende Nacht.

Vier Becher später stellt man fest: Nicht nur ein Lichtlein brennt. Man hat die Lampen an. Gefangen in den Klauen der Feuerzangenbowle ertappt man sich dabei, glücklich „O Lallenbaum“ zu singen. Die fremden Leiber spenden Trost und Wärme. Und Senf. Die Puderzuckerreste der Schmalzkuchen auf dem eigenen Mantel geben einem das Gefühl, Teil einer koksenden, urbanen Bohème zu sein. Man beschließt besonders rebellisch, den Glühweinbecher mitgehen zu lassen. Die Flucht vermag zunächst nicht zu gelingen. Vergeblich sucht man den Ausgang. Stattdessen kauft man sich eine Nikolausmütze zur Tarnung. Sie blinkt. Wie ein Flugzeug im schwankenden Landeanflug landet man schließlich auf dem harten Asphalt abseits der von Sägespänen und Senf wattierten Welt des Weihnachtsmarktes. In der U-Bahn nach Hause stellt man fest: 20:13. Montag. Betrunken.

Die Mülltüte mit den Geschenken wurde an der Würstchenbude stehengelassen. Aber das klebrige „Diebesgut“ in der Manteltasche ist doch fast so schön wie gedrehte Bienenwachskerzen. Für Oma kann man schon mal fünf Euro Pfand investieren. Die übrigen Freunde und Verwandte bekommen dann eben Müllentsorgungsgutscheine. Besonders nach Weihnachten ist dies schließlich ein nützliches Geschenk – muss man doch so viel handgefertigten Sondermüll entsorgen.




Starres Starren – Männer auf Konzerten.

Konzert Musik Männer Konzertgänger Konzertbesucher Publikum

Wir leben in einer Zeit, in der die Endlichkeit all unserer Ressourcen immer sicht- und spürbarer wird. Bezahlbarer Wohnraum, saubere Luft oder dieses eine Paninisammelbild des südkoreanischen Außenverteidigers, alles wird selten und damit kostbar. Verschwenderisches Verhalten gleicht da einem Schlag ins Gesicht der Erdengemeinschaft und wird immer weniger toleriert. Wer auf großem Fuß leben möchte, soll sich gefälligst Löcher in seine engen, alten Schuhe schneiden und zufrieden sein.

Umso überraschender ist es heutzutage, pure Verschwendung zu erleben, insbesondere an Orten der künstlich-künstlerischen Verknappung, des absoluten Platz-, Sauerstoff- und Toilettenmangels wie beispielsweise Konzertstätten. Immer eng, immer voll kommt hier niemand auf die Idee, sein ausladendes Dinosaurierkostüm auszuprobieren oder mal das alte Rokokokleid mitsamt der bienenstockartigen Perücke aufzutragen. Und doch herrscht gerade auf Konzerten so viel Verschwendung – von Platz, Atemluft, Sichtfeldern und Geld. Der Grund dieser Maßlosigkeit: Männer. Männer, die wie tragende Säulen eines Kellergewölbes, wie Laternen ohne lichte Momente, wie vom Blitz getroffene Bäume herumstehen, als seien sie mit einem Bier in der Hand im Småland einfach vergessen worden. Starr, steif, stimmungslos stehen sie herum, als würden sie einer Vortragsreihe zum Thema „Ultraschallbasierte Reinigung von Musikinstrumenten“ lauschen. Während die weiblichen Komparsen um sie herum wippend, winkend und wirr mitsingend Zeichen der Aufnahme der ihnen übermittelten akustischen Reize senden, halten sich Männer in der Regel an ihrem Bier fest. Sehr fest. Sowohl die Stimmung, als auch das Getränk könnten ja überlaufen. Und das wäre dann wirkliche Verschwendung.

Wenn sich jemand eine Konzertkarte kauft oder schenken lässt, ist anzunehmen, dass er zumindest ein wie auch immer geartetes Grundinteresse an der ihm präsentierten Musikform hat. Ausnahme bildet höchsten das Grundinteresse an der eigenen Lebenspartnerin, der zuliebe Mann zum Ed Sheeran mitgekommen ist. Doch gehen wir von einem mündigen Mann aus, der die Musik, die er hört, eigentlich mag. Was für ein Kraftakt muss es da sein, beim ersten schmissigen Song, beim Einsetzen der Gitarren, beim Trommelfeuer des Schlagzeuges alle Rhythmik an sich abprallen zu lassen und komplett, wirklich komplett regungslos in der Menge zu stehen? Diese Selbstkontrolle muss weitaus mehr Kraft kosten, als die ekstatischen Kontrollverluste der tobenden Meute um ihn herum. Warum tut Mann sich das an? Warum steht er in der Menge, wie (ein Mülleimer) an einer Bushaltestelle? Schummriges Licht, alle Blick auf jemand anderes gerichtet, im Zweifel ist Mann leicht alkoholisiert und laute Live-Musik dröhnt in den Ohren – gibt es einen besseren Rahmen für einen zumindest kleinen Kontrollverlust? Nur für ein leichtes Kopfnicken? Ein Wippen des Fußes? Vielleicht dazu ein Lächeln? Das Mitsummen einer bekannten Liedzeile? Nein?

Von außen bzw. hinten betrachtet wirken männliche Konzertbesucher daher oft wie die pure Verschwendung von Geld, Platz und Zeit. Doch das bisschen Sichtbehinderung durch männliche Bewegungsbehinderung ist vermutlich nichts im Vergleich zum Blick der Künstler auf diese Bier trinkenden Eichen im Publikum. Gelangweilt blickend und steif nippend möchte man seine Gäste eigentlich ungern beschrieben wissen. Diese imprägnierte Haltung muss doch auf einen Künstler wirken, als würde man ein ernstes Gespräch führen wollen, während das Gegenüber Musik hörend aus dem Fenster schaut und mit dem Handy ein paar Fotos macht.

Konzert Musik Männer Konzertgänger Konzertbesucher Publikum

Der Grund für diese tonlose Verschwendung ist jedenfalls sehr leicht identifiziert: Frauen. Sind Männer weitestgehend unter sich, wie etwa in Wacken oder auf der Revivaltour irgendeiner ungeduschten Rockerkombo, rasten sie aus. Sie rennen im Kreis, grölen irgendwas, von dem sie glauben, dass es zur Musik passt, bewerfen sich mit Schlamm und Bier und werfen ihren Haarmopp umher, als würden sie die Luft feucht durchwischen wollen. Ungeachtet der Qualität der dargebrachten Tanzeinlagen sind das jedenfalls klare Zeichen für die Fähigkeit, mit dem Kopf zu nicken. Doch sind hingegen zu viele Frauen im Publikum, die auch noch ansatzweise grazil aussehen, bei dem was sie tun, wird die öffentliche Begeisterung für den eigenen Musikgeschmack schnell peinlich. Der Tanzstil wird quickstepweise zum Stil. Zum Besenstil. Dabei müsste Mann sich nur trauen, auch umgeben von Frauen, zu sein wie ein ausgelassener Clown, nicht wie ein verrottender Baum. Denn: Musik lebt von Bewegung, sowohl physischer als auch emotionaler Natur. Sonst wären Dirigenten längst durch Ampeln und Musik bei Sportkursen durch das Vorlesen von Kalorientabellen ersetzt worden.

Also, bitte mehr Ekstase! Und zieht von mir aus Dinokostüme dabei an, falls es hilft.




Kleider machen Leute – zu Wollidioten.

Mode Kleidung Batik

Es war einmal eine weiche, weiße Socke. Die Tennissocke. Vor langer Zeit begab sie sich auf Wanderschaft. Sie verließ ihre Heimat, den Tennisplatz. Zu viel Asche, zu viel Schweiß ließ sie davon laufen. Zunächst verschwand sie im Untergrund, wurde selten gesichtet, meist als praktischer Schuhputzlumpen oder als Markierung weißer, deutscher Urlauberbeine. Beinahe wurde sie vergessen. Doch die Tennissocke wäre nicht die Tennissocke, wenn sie sich nicht auch im größten Rückstand, beim Matchball gegen sich, sich noch zurückkämpfen würde. Auf leisen Sohlen gelangte sie zunächst nach Paris, wurde dort von Modedesignern, die immer an das Gute in der Socke glaubten, aufgegriffen und stilvoll aufgepäppelt. Plötzlich lief die Socke über Laufstege, wurde von Prada verkauft und erlebt dreißig Jahre nach ihrem Höhenflug und Absturz ein kuschelweiches Comeback. Sie wurde zum Dauerläufer auf Instagram und ziert nun voller Stolz die Füße ganzer Szeneviertel. Heute gilt, was vor wenigen Jahren undenkbar war:

Willst du die Straße rocken, trage weiße Tennissocken.

Die Lebensgeschichte der Tennissocke ist Musterbeispiel für das, was wir gemeinhin Mode nennen. Mode ist, wenn man denkt „Ich muss es tragen“. Wenn man nach zehn Jahren Fotos von sich sieht und denkt „Ich muss es vergraben“. Und wenn man nach zwanzig Jahren die Vogue durchblättert und denkt „Ich muss es ausgraben“.

Mode Kleidung Cap mit Propeller

Doch wo hört Kleidung auf und fängt Mode an? Kleidung ist zunächst einmal Funktionskleidung: sie besitzt die Funktion zu Wärmen und Geschlechtsteile im öffentlichen Raum verbergen. Das spart Erkältungen und Erklärungsprobleme. Doch ist nicht jede Form der Garderobe auch immer eine Aussage über uns selbst, egal ob gewollt oder unbeabsichtigt? Unsere Verhüllung, sei es die der eigenen Füße, entblößt viel von uns. Denn Kleidung kann nie nicht kommunizieren. Bekleidung ist auch immer Verkleidung. Das fängt nicht erst bei Uniformen und Business Outfits an.

Die praktische Jack Wolfskin Jacke kommuniziert – zumindest mir – ich bin praktisch veranlagte Hausfrau mit Hang zu praktischen Kurzhaarfrisuren und praktischem Urlaub an der nahen Ostseeküste. Ich habe meinem Mann praktischerweise direkt das gleiche Jackenmodel gekauft. So sind wir Mensch gewordenes Memory und sorgen für Unterhaltung in deutschen Fußgängerzonen, wie praktisch. Ein quadratischer, bunter Fjällräven Rucksack sagt wiederum, ich bin modebewusst, aber risikoavers. Solvent, aber dezent. Denn mein Gepäckstück bietet weder Tragekomfort noch wirklichen Stauraum – dafür einen kaum erträglichen Preis und die Möglichkeit, sich von der Masse durch die Farbwahl abzuheben. So deutlich wie sich eine Mandarine farblich von einer Orange unterscheidet. Ein Levis Shirt teilt der Umwelt vielleicht mit, dass ich sozialen Medien und Caro Daur folge. Eine randlose Brille sagt, dass ich gerne so unauffällig wie mein Brillengestell durchs Leben laufe und in der örtlichen Volksbank bis zur Randlosigkeit arbeite. Weite Pluderhosen in Erdtönen legen ein Engagement für die Ökumene und gegen das Kükenschreddern nahe. Pelzbommel an den Schuhen oder Mützen mit Propeller – ok, die lassen einen einfach sprachlos zurück.

Mode Kleidung Schuhe mit Fellpüschel

Doch wer legt diese Bilder und Assoziationen eigentlich fest? Was beeinflusst unseren Geschmack? Mode ist immer eine kurzzeitige Momentaufnahme des Zeitgeistes. Schaut man sich allein  die Entwicklung der Jeans an, merkt man, wie wandelbar der eigene Geschmack doch ist. Als Ende der Neunziger die ersten Röhrenjeans ihre (Wieder-)Geburt erlebten, fragte ich mich, warum man durch die baumwollbasierte Volllaminierung der eigenen Schenkel auf deren Unförmigkeit aufmerksam machen wollte. Doch Naht um Naht wurden die Hosen um mich herum schmaler und mein Protest kleiner – bis ich irgendwann meine letzte Schlaghose kopfschüttelnd wegwarf und mich fragte, warum man durch unförmige Textilverschwendung in Knöchelnähe die Optik eines behangenen Brauereipferdes erzielen wollte. Und wenn ich nun heute Karottenhosen an jungen, schlanken Frauen sehe, frage ich mich, ob diese die westliche Form der Burka sind oder lediglich eine Hommage an unsere Mütter. Ich ahne bereits, dass ich in wenigen Jahren Karottenhose tragend meine Röhrenjeans zum Altkleidercontainer bringen werde. Doch eigentlich sollte mir Möhre wie Röhre doch völlig egal sein.

Mode Kleidung Ananasfrisur

Denken wir, dass Mode Ausdruck des persönlichen Geschmacks und damit ein Ausdruck von Freiheit ist, übersehen wir gerne, dass erst durch die Wahrnehmung Anderer Kleidung zu Mode, Socken zu Helden ohne Strumpfhosen werden. Ob Socke oder Jeans, die Beispiele zeigen, wie schnell sich Mode und das, was sie suggeriert, ändern kann. Und wie sehr diese im Auge des Betrachters, aber auch im Auge des Trägers liegt. Denn werden deutsche Mallorca-Urlauber auf einmal zu Modepäpsten, weil sie Tennissocken tragen?

Wenn man ehrlich ist, ist es doch eigentlich alles Jacke wie Hose.

 

P.S.: Wer übrigens weitere visuelle Inspiration – sei es für den nahenden Karneval oder ein besonders mondänes Büro-Ensemble sucht – darf sich gerne hier erneut anregen lassen: Avantgarde und Altkleider – ein Ausflug in die Kunstszene.




Jede Jeck is anders. Ein Abend im Kölner Brauhaus.

Kölsch Gaffel Köln Kölner Brauhaus

Auf den ersten Blick sind alle Brauhäuser gleich: ein Geruch von Sauerkraut, Toiletten und Bier schwappt ins Gesicht. Geschäftige Kellner tragen Kostüme und schwere Teller mit fleischlastigen Speisen durch die Menschenmengen. Irgendwas dudelt im Hintergrund, doch das Klirren der Gläser und Stimmengewirr der Menschen übertönen alle anderen akustischen Reize. An den holzvertäfelten Wänden hängt Bierwerbung. Selten trifft man hier auf Kammermusik, Vegetarier oder Aquarelle. In einer Welt voller uniformierter sneaker- und smartphonetragender Hipster, die Porridge fotografieren und kalten Kaffee trinken, wirken Brauhäuser wie vergessene Heimatfilmkulissen, die rein zur Klischeeerhaltung bewirtschaftet werden. Man unterdrückt den Impuls sich selber oder den schnauzbärtigen Mann hinter dem Tresen zu kneifen.

Doch wer nun selbstgefällig mit gefährlichem Halbwissen ein Kölner Brauhaus betritt, sei gewarnt: er wird hungriger, ärmer und betrunkener als anvisiert die Gaststätte verlassen. In Köln braut man schließlich sein eigenes Süppchen. Ein dünnes Süppchen, das in Reagenzgläsern serviert wird. Möchte man noch überlegen, welche Biersorte man zum Auftakt eines gemütlichen Abends bestellen möchte, steht bereits der erste Kranz auf dem Tisch. Ein Ring – voller schmaler Gläser – sie zu knechten. Manch ein Bayer wird freundlich an der vermeintlichen Urinprobe nippen und dann sagen „Eins von denen nehm i.“ Und wird sich über den Kellner wundern, der sein Anliegen ignoriert und den nächsten Kranz schnell verwesender Bierkronen auf den Tisch knallt. Vergeblich wartet man auf einen Bunsenbrenner. In Köln trinkt man so wie man lebt: ett kütt wie ett kütt. Es braucht keine Handlungsanweisung, Kölsch fließt wie Honig und Milch. Der Geschmack erinnert ohnehin an halbwarme Milch. Die Frage „Drinks de ejne met?“ ist rein rhetorisch zu verstehen wie das „How are you?“ eines Amerikaners. So wie der Redefluss eines Kölner Karnevalsprinzen, so wird der ungeübte Gast auch den Bierstrom nicht mit Worten, Rülpsern oder winkenden Gesten zum Erliegen bringen – während sich derselbe Gast vermutlich darüber wundert, dass Menschen in einem geschlossenen Raum im Oktober Bierdeckel als Wespenschutz auf ihre Gläser legen.

Kölsch Gaffel Köln Kölner Brauhaus

Die allgemeine Verwirrung geht bei der Speisenauswahl weiter. In Erwartung eines prächtigen Gockel schaut man verwirrt das prachtlose halbe Käsebrötchen auf dem Teller an („Halve Hahn“). Auch der „Kölsche Kaviar“ vermag zu überraschen mit Roggen statt Rogen. Beim achten Kölsch beginnt man sodann „Himmel und Äad“ zu verfluchen und seine Ernährung auf Flüssignahrung umzustellen. Wat wells de maache? – möchte man den verwirrt glotzenden Japanern am Nachbartisch auf die Schulter klopfend zurufen. Verwundert stellt man fest: ein Kölner Brauhaus, der Ort, an dem nicht mal mehr Asiaten ihr Essen fotografieren.

Kölsch Gaffel Köln Kölner Brauhaus

Und doch allen Widrigkeiten zum Trotz beginnt man sich wohl zu fühlen. Die japanischen Touristen sitzen neben der Altherren-Runde. Geschäftsleute neben Einheimischen. Unter einer plörrigen Bierkrone vereint trinkt man zusammen. Keine Trachten trennen, keine schunkelnden Riten, keine sperrigen Brauchtümer. Der Köbes, der kein Kellner sondern ein Chefdramaturg ist, verteilt Bierkränze und freundliche Beleidigungen je nach Trink- und Standfestigkeit, nicht nach Größe der Pappnasen oder Herkunft. Selbst ein Düsseldorfer würde mit einem Bier und den Worten „Trink, bevor es Alt wird.“ bedient werden.

Doch irgendwann stellt man fest, dass selbst die kleinsten Zylinder viele Umdrehungen haben. Die Maß ist voll. Man verlässt das Brauhaus und winkt dem nächtlichen Schatten des Doms zum Abschied – maach et joot, ävver nit zo off.




Katie Pilcherström – eine Reise auf dem Traumschiff durch den Sommer der Liebe.

Katie Pilcherström Katie Fjord Inga Lindström Rosamunde Pilcher zdf

Katie Pilcherström lebt ein aufregendes Leben. Ein Leben voller völlig vorhersehbarer Unwägbarkeiten und wenig überraschender Nahtoderfahrung an Cornwall`s Steilküsten. Katie Pilcherström lebt in einem großflächigen, stets sonnendurchfluteten Landhaus – und am Existenzminimum. Sie ist eine tendenziell wenig gefragte Ballonfahrerin und Verlagsassistentin und verbringt ihre vielen beschäftigungslosen Tage am liebsten im Pferdestall bei ihrer Schimmelstute Almigurth, die unter Atemwegsproblemen leidet.

Neben der Frage, wie sie die Tierarztrechnung für Almigurths`s Nebenhöhlen-OP und ihre geplante Hochzeit mit dem drögen Lokalpolitiker Björn Hanswurstson finanzieren soll, fragt sie sich vor allem, was aus ihrem Vater geworden ist. Dieser ist in ihrer frühen Jugend mit einem Kreuzfahrtschiff nach Südamerika verschwunden. Ihre Mutter, die stets leicht alkoholisiert versucht Katie Pilcherström mit Almigurth`s Tierarzt zu verkuppeln und selber ein leicht schielendes Auge auf ihn geworfen hat, hüllt sich in Schweigen und Rotwein. Doch dann steht plötzlich ein alter, in weiße Leinenkleidung gehüllter Mann im örtlichen Buchladen neben Katie Pilcherström (sie wollte gerade das Werk „Traumschiff nach Hollywood – erfolgreiche Schmonzetten für Millionen“ kaufen) und behauptet ihr Vater zu sein. Er wolle an der Vermählung seiner Tochter teilnehmen. Ihre Welt gerät aus den Fugen. Die Tischordnung steht seit Wochen fest. Sie weist den Mann ab. Doch kurze Zeit später erfährt sie, dass der Mann sehr wohlhabend ist und nach ihrem Treffen einen Herzinfarkt erlitt. Oder einen Unfall. Mit einem Boot, Sportwagen oder Pferd. Mit ein wenig Blut, aber ohne offene Fleischwunden. Sie beginnt, ihre Abfuhr zu bereuen. Ihre Kassen sind schließlich so klamm wie ein Junitag in Cornwall.

Ihr durch eine randlose Brille und Halbglatze geradezu entstellte Verlobter Björn Hanswurstson ist zwar stets sehr bemüht ihr zu gefallen, aber Katie Pilcherström und ihre Zuschauer fühlen sich von ihm nur selten verstanden. Als kostengünstiger örtlicher Darsteller wurde er sehr schlecht synchronisiert. Sie versteht nur Schwedisch. Gerade in dieser schweren Krise ist er keine Stütze und ein hässlicher Quotenkiller für Katie Pilcherström.

Katie und ihr Publikum haben eigentlich nur Augen für ihre alte Jugendliebe Steve Sexyström, der plötzlich mit einem alten Auto vor ihrem windschiefen Gartentörchen und der perfekt getrimmten Rosenhecke liegen bleibt. Was für ein Zufall. Ist dieser männliche Hauptdarsteller, nein alter Schulfreund, der so plötzlich wieder in ihr Leben tritt, sehr attraktiv, verläuft der Plot, nein, ihr Leben eher unspektakulär. Viele Großaufnahmen und Badeszenen sind die Folge. Ist er hingegen durchschnittlich attraktiv wird der alte Freund sie umgarnen, ihren Nymphensittich vor einer Darmkolik retten und Katie Pilcherström mit einer zündenden Idee aus ihrer wirtschaftlichen Not retten: er rät ihr, ihre abstruse Lebensgeschichte als Drehbuch an öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten zu verkaufen. Doch Katie zweifelt: wer soll diesen völlig unrealistischen Quatsch glauben?

Mit einem leichten Hang zur Melodramatik beschließt sie stattdessen bei einem einsetzenden Gewitter auszureiten. Sie weint. Warum ist nebensächlich. Vermutlich geschah zuvor ein großes Missverständnis und Steve wurde eine Affäre mit – wie sich später herausstellen wird – seiner Schwester unterstellt. Vielleicht weint sie aber auch nur, weil sich jeden Sonntag ihr schweres Schicksal zu wiederholen scheint. Ob es an den von den Tränen verquollenen Augen oder einfach an Katie Pilcherströms kognitiver Beschränktheit liegt, jedenfalls galoppiert sie mit Almigurth direkt auf die Klippen hinzu. Doch dann schwebt Steve Sexyström zu ihrer Rettung.  Mit freiem Oberkörper in einem Heißluftballon. Er überbringt ihr zugleich frohe Botschaften: ihr Vater und ihre Mutter sind wieder glücklich vereint, Björn Hanswurstson hat beschlossen den Tierarzt zu heiraten, um dem Drehbuch einen mondänen, urbanen Touch zu verleihen und diese Frau, die Teil von Katie Pilcherströms Leben war, aber nicht gemocht wurde, ist in eine schlammige Pfütze gefallen. Warum weiß man nicht genau.

Katie Pilcherström und Steve Sexyström schweben schließlich glücklich vereint in den Sonnenuntergang. Über dem offenen Meer unter ihnen ist nichts mehr zu sehen als unendliches Blau – und ein kleiner weißer Punkt. Das Traumschiff.