Die Würfel sind gefallen.

Würfel Story Cubes Spiele Wortspiel

Es war einmal ein Baum. Der fiel nicht weit von seinem Apfel. Ne anders.

Es war einmal eine Schildkröte, die in einem Zelt ohne Schlüsselloch lebte. Ne anders.

Es war mal jemand müde. Ne anders.

Es war einmal jemand, der hieß L. Er hieß nicht S oder D. Er hieß L, wie Lindenbaum. Unter den Linden saß der L eines Sommers und aß einen Apfel. Er aß ihn langsam und genüsslich und beobachtete dabei die Menschen, die an ihm vorbeiliefen. Auf ihrem eingetretenen Pfad. Nach Hause. Oder irgendwohin, wo sie erwartet wurden. Eilends und doch eintönig liefen sie daher. Und so sah keiner den L. Wie der L dasaß und einen Apfel aß. Unter einem Lindenbaum. Im Müßigsaß. Ein Pfeil hätte auf ihn gerichtet sein können, von irgendeinem übernatürlichen Pfeilgeber auf ihn gesetzt, keiner hätte ihn gesehen. Zu tief gesenkt waren die Blicke und Gedanken.

Als der L seinen Apfel aufgegessen hatte und nur noch einen klebrigen Stummel in der Hand hielt, wollte er aufstehen und nach Hause gehen. Doch er konnte nicht. So sehr er sich auch mühte, er konnte nicht aufstehen. Wie von Zauberhand klebte er fest. An der Mauer, auf der er saß unter den Linden. Der Nektar der Lindenblüten war wie Leim, der an seiner Hose haftete. Kurz überlegte der L, sich aus der Hose zu pellen und sie einfach da zu lassen. Aber es war noch hell. Was sollten denn die Leute denken. Und so suchte er diskret den Blickkontakt zu den Menschen, die an ihm vorbeiliefen. Doch keiner schaute auf. Er begann leise zu rufen. Doch keiner hörte ihn.

Würfel Story Cubes Spiele Wortspiel

Und so tat er das Einzige, was ihm einfiel. Er warf den Apfelstummel als Köder aus. Irgendjemand würde ihn schon sehen oder in ihn hereintreten, wenn er mit gesenktem Kopf an ihm vorbeilief. Und so wartete er. Langsam begann es zu dämmern. Der Schatten des Baumes wurde allmählich aufgefressen von den nächtlichen Schatten. Und mit ihm wurde der L verschluckt.

Er war kurz eingeschlafen, als er von einem leisen Schmatzen geweckt wurde. Er blickte auf. Der Apfel war noch da. Doch war er nicht mehr alleine. Eine Schildkröte knabberte an ihm. Langsam und genüsslich.

„He, Hallo, du. Ja, du, ich brauche Hilfe.“ sprach der L zur Schildkröte.

Die Schildkröte schluckte das letzte Stück des Apfelstummels herunter. Ohne aufzuschauen. Man konnte sehen, wie der Klos langsam ihren Hals herunter wanderte, bis er in ihrem Panzer verschwand.

„Jetzt hilf mir schon. Ich klebe hier fest.“ flehte der L.

Die Schildkröte blickte langsam, schmatzend auf. Dabei sah ihr nach oben gereckter, runder Kopf und ihr immer länger werdender Hals wie ein großes Schlüsselloch aus. Langsam und bedächtig begann sie zu sprechen: „Honigtau.“

„Was? Jetzt hilf mir doch. Oder soll ich hier etwa zelten bis zum Morgentau? Unter dieser schwitzenden Linde, bis sie mich gänzlich mit ihrem Saft verklebt hat? “ sagte der L.

Mit runden Augen blickte die Schildkröte den L an. „Was da klebt, ist kein Saft der Linde. Was da klebt, sind die Ausscheidungen von Blattläusen.“ Langsam setzte sich die Schildkröte in Bewegung und verschwand in der Dämmerung.

Und die Moral von der Geschicht: auch wenn sich der süßeste Nektar manchmal einfach nur als harzige Kacke herausstellt, irgendwas bleibt immer hängen. Und sei es die Erkenntnis, dass man vielleicht auch nicht jedes Würfelspiele mitmachen muss.

Würfel Story Cubes Spiele Wortspiel




Zum Schießen.

Fußball Stadion Spiel Arena Soccer

Männer, die tanzen und Konfetti werfen. Männer, die sich in den Armen liegen und farbenfrohe Kleidung tragen. Männer, die weinen und sich gegenseitig Trost spenden. Männer, die andere Männer begehren und verehren.

Fußball Stadion Spiel Arena Soccer

Was nach einer spritzigen Salve schwuler Vorurteile aus der Klischeekanone oder einem romantischen Nachmittag auf dem Christopher Street Day klingt, beschreibt vielmehr einen vorrangig heterosexuellen Fetisch engagierter Männer jeden Alters, jeder Herkunft, jeder Einkommensteuerklasse. Es geht um Ecken und Kanten und irgendwas Rundes. Was nicht immer rund läuft. Es geht um tiefe Liebe und brodelnden Hass. Es geht um die zweitschönste Nebensache der Welt: Fußball. Es geht um den Sportgottesdienst am Wochenende: den Stadionbesuch.

Fußball Stadion Spiel Arena Soccer

Jeder hat einen. Diesen Verein, den er mag und jeder Arbeitskollege hasst. Um ihm zu huldigen, diesem Verein, pilgern sie jedes Wochenende zu Hunderttausenden an die grüngedeckten Altäre. Sie rotten sich in Prozessionen zusammen, lange vor dem Anpfiff stehen sie bereits in Gruppen beisammen und beten für einen Sieg ihrer Ordensbrüder. Der Messwein sprudelt in Massen und beschwingten Schrittes betritt man die heiligen Hallen. Es wird noch schnell eine Bratwurst in Bier gelegt und dann beginnt das Spektakel. Halbgötter in Schweiß treten irgendwas Rundes und Mann ist angekommen. Mit sich und den Seinen im Reinen. Die Gespräche verstummen. Stattdessen schreit, singt oder pfeift man ab und zu. Man lässt den Emotionen freien Lauf – auf das Tor. Manchmal sprudelt das Glück. Manchmal sind Hopfen und Malz verloren oder einfach nur verschüttet. Neunzig Minuten herrscht anarchischer Frieden.

Fußball Stadion Spiel Arena Soccer

Doch warum sind Fußballstadien einer dieser wenigen Orte, an denen sich vor Herrentoiletten lange Schlangen bilden, während die Damentoiletten an Kreuzfahrtkabinen auf einem untergehenden Boot erinnern? Warum sind Fußballstadien Männersache, wenn doch sonst so vieles „brüstiert“ wird? Eine vielleicht doch eher bananenflankige als steilpassgenaue These: Weil es beim Fußball um den Fußball geht und keine anderen Nebensächlichkeiten. Suchen sich Frauen gerne gemeinschaftliche Hobbys, bei denen man noch möglichst viel reden kann (frau trifft sich zum Stricken, Shoppen oder Nordic Talking), so ist in einem Stadion kein Platz für intime Gespräche. Man spricht nicht über die unglückliche Ehe, wenn jemand „Schieß doch!“ hinter einem schreit – oder über die Diagnose „grauer Star“, wenn jemand die Lebenskrise mit „Bist du blind, oder was?“ kommentiert. In einen Sack aus zwielichtig gefärbtem Polyester gekleidet werden Äußerlichkeiten egal. Man lässt den Emotionen freien Lauf, ohne über Emotionen sprechen zu müssen. Im Lärm eines Stadions lässt es sich wunderbar schweigen. Es geht darum, einfach mal die Pässe zu halten.

Die andere, etwas frigidere These wäre: im Stadion zieht es ganz schön.

Fußball Stadion Spiel Arena Soccer




Sechzigjährige Pärchen.

Sechzigjährige Pärchen Ehepaare

Raus aus dem Anstrengendsten. Rein in die betagte Welt, von Orthesen und Ostseekuren. Mit sechzig ist man angekommen, im letzten Abschnitt seines Lebens. Alles könnte so schön, so rüstig sein. Man bezieht eine wohlgenährte Rente oder nähert sich unbekümmert und unkündbar dem Renteneintrittsalter. Das mit der Altersvorsorge, dem Abnehmwahn und dieser doch eigentlich sehr anstrengenden Lebensplanung im Allgemeinen hat man hinter sich gebracht. Die Bälger sind aus dem abbezahlten Haus und das Verhältnis zum Urologen ist innig. Man besitzt einen selbstfahrenden Rasenmäher und einen Carport für die B-Klasse.

Wäre da nicht dieser Partner, den man seit grauer Zeit nun an der faltig werdenden Backe hat. Ein Überbleibsel und Zeitzeuge der jovialen Jugendzeit, einer Zeit, in der man noch so richtig wild war und zu Rolling Stones Konzerten ging und rauchte wie ein Kohlekraftwerk. Inzwischen ist der Partner so faltig geworden wie Mick Jagger und die Luft so schlecht wie im Schlot eines Hochofens. Im Alltag ist man nur noch selten zu zweit – Loriot sitzt meistens mit bei Tisch. In Gedanken. Nach vierzig Jahren Ehe gleichen die Gespräche einer Kommandozentrale und drehen sich vorranging um die Sicherung der Nahrungskette, besorgniserregende Wetterphänomene und Probleme mit dem Mobiltelefon. Zwar spinnt das Handy genauso oft wie der Ehepartner, aber trennen möchte man sich von beiden dennoch nicht. Für ein neues Gerät ist es jetzt auch irgendwie zu spät, das/der/die Alte funktioniert ja noch – und man hat sich so sehr daran gewöhnt, dass man auch nicht mehr ohne es/ihn/sie leben möchte.

Um die Akkus aufzuladen, lädt man sodann ein. Ein befreundetes Ehepaar – die in Jahre gekommene, gräuliche Version eines befreundeten Pärchens (siehe auch: Dreißigjährige Pärchen) Zu Kaffee und Kuchen und drei Gängen. Der Besuch erscheint militärisch pünktlich mit einem Strauß Blumen und einer Flasche Rotwein. Die Frage, ob man gut hergefunden habe wird wie so oft nicht einfach mit einem „Ja, sonst würdest du ja jetzt mit einem Geist sprechen“ quittiert, sondern mit einem Kurzreferat über diverse Befindlichkeiten rund um den Zustand der Bundesstraße. Der Ehepartner rollt das erste Mal mit den Augen. Kann er sich denn nicht einmal kurzfassen. Er wird folglich unterbrochen mit einem lautstarken Lob der Tischdekoration. Woraufhin der Hausherr aufgefordert wird zu fragen, was die Gäste gerne trinken würden. Wie ein Dolmetscher, der vergessen hat, zwischen zwei Sprachen zu übersetzen, gibt er die Frage an die Gäste weiter. Und die Antwort (sie gab die Bestellung „Wir hätten gerne einen Kaffee“ für beide auf) zurück an die Hausdame.

Beide Paare denken das erste Mal an diesem Abend: Gott sei Dank sind wir nicht wie die beiden. Es folgen Gesprächigkeiten über die letzte Mittelmeerkreuzfahrt, den neuen Job von der Sandra und irgendwelche Vereine, die das Thema Arbeit seit vielen Jahren schon ersetzt haben. Sie fragt sie standesgemäß nach dem Rezept der tollen Schmandtorte. Komplimente für Äußerlichkeiten gibt man sich schon lange nicht mehr. Was soll man auch sagen? „Toll, du wirst langsamer dick, oder“? Er fragt ihn nach der Leistungsstärke des Gasgrills oder e-Bikes. Es werden ungefragt Bilder der Enkel und mit ihnen Bilder einer Ehe rumgereicht.

Wenn man alles gemeinsam im Leben erlebt hat, wer darf dann darüber berichten? Wer kann der Erzählung des anderen noch interessiert zuhören, wenn er jede Pointe kennt? Ist es pedantisch, den anderen zu korrigieren oder ist es nur präzise und essentiell, wenn klargestellt wird, dass dem Wolfgang auf Sardinien, nicht auf Korsika, der Kellner beinahe beim Rausdrehen des Korkens aus der Chiantiflasche, nicht der Pinot-Grigio-Flasche, ein blaues Auge geschlagen habe. Versehentlich natürlich – glaubt zumindest einer am Tisch.

Jedes „ach, du schon wieder“ und „nein, das war anders“ hinterlässt die Frage, ob mit den Zärtlichkeiten auch der Respekt für den anderen seine Koffer gepackt und nach Sardinien oder Korsika ausgewandert ist? Wann hörte man eigentlich auf, sich gegenseitig zu küssen und stattdessen verbale Korken ins Gesicht zu knallen? Wann war man nicht mehr verknallt, sondern bekam einen Knall?

Während die Korken knallen, wird die Erdbeercreme gereicht. Bis es reicht. Es ist schon spät. Während man irgendwann das Gelage aufräumt, über die Bundestraße nach Hause fährt, fragt man sich, ob man auch so einen Knall hat? Stattdessen stellt man fest „Du musst morgen Fleischwurst kaufen.“




Jetzt sei doch nicht so eloquiert.

Worte Buchstaben Sätze Sprache

Weißt du was? Du und deine Eloquenz, die tranchieren mich nur prekär. Sprich du nur dingsdiguiert. Die Mannigfaltigkeit deines absonderlich ingeniösen Lexeminventars mottiert doch am Ende eh keinen Nachtfalter. Die Inhaltsleere deiner wortvergewaltigenden Exklamationen rettet dich auch nicht, egal ob du mit Chuzpe oder Bonmotten um dich wirfst. Wen möchtest du damit eigentlich düpieren, fatigieren oder kontaminieren? Es ist schon pittoresk, wie du von prätentiösen Dörfern sprichst. Oder eben clownplementär konträr. Wie du primär frankophile Fremdwörter in deine Sätze einbaust und Trottoir statt Gehweg sagst, wird bei mir niemals en vogue sein. Oder wenn du von Mayonnaise statt Vorhängen sprichst, gehen bei mir die Lichter aus. Wie du einen desagreablen Smell perzipierst, stinkt – um es mal laissez-faire zu sagen.

Doch frage ich dich impregniert und direkt: welche larmoyante Causa diktiert dein paranormales, verbales Kommunikationsgebaren eigentlich? Also: warum redest du so putzig? Das changiert doch nur zwischen nicht ganz sauber und psychoalbernytisch.

Eines sei dir gesagt: die Hyperbel kommt vor der Degeneration. Oder einem kursiv geschriebenen Anglizismus oder frei von dir erfundenen Fremdwort. Deine Fremdwörter sind so befremdlich, dass sie im Wortheim für exotische Diktion an Unterverwendung verhungern. Daher sei dir ein kohortativer Ratschlag gegeben: am Ende ereilt den Connaisseur und das Croissant das gleiche fortune. Sie sind irgendwann nicht mehr mit einer multilateral resilienten Epidermis ausgestattet. Sie sind nicht mehr ganz knusprig.




So eine Dusielei.

Du Sie Anrede Sprache Duzen Siezen Dusielei Schellenaffe

„Können Sie mir sagen, ob der Bus zum Bahnhof fährt?“ Ich schaue verwundert in das von Akne und Hormonschüben gezeichnete Gesicht des Pubertiers vor mir. Bin ich gemeint oder eine ganz plötzlich für ihr hochbetagtes Alter noch sehr agile alte Dame, die hinter meinem Rücken verschwunden sein muss? Ich drehe mich um. Niemand zu sehen. Ich schaue verwunde(r)t in das faltenfreie Antlitz des Teenagers vor mir und sage „Jo, den kannste nehmen.“ Das „und jetzt verrunzel dich selber“ bleibt wiederum in meinem Kopf stecken. Während der Bus und sein Passagier davonbrausen, stehe ich an der Haltestelle und frage mich, was ist geschehen, dass man nicht mehr nach seinem Ausweis gefragt wird, sondern mit Sie gefragt wird.

Ich wurde gesiezt. Ich fühle mich alt.

Du Sie Anrede Sprache Duzen Siezen Dusielei Schellenaffe

Dieses dusielige Gefühl erinnert daran, wie man sich das erste Mal im Leben mit seinem Nachnamen irgendwo vorstellte und sich fühlte, als würde man die Rolle „Erwachsener 3“ spielen, die einem aber eh niemand abkauft. Es erinnert daran, wie man beginnt, Briefe zu erhalten, die nicht mehr mit „Liebes Mäuschen, wir schicken dir herzliche Urlaubsgrüße aus dem Schwarzwald“, sondern mit „Sehr geehrte Frau“  adressiert sind. Wie man in der Oberstufe plötzlich von den Lehrern, die einen Jahrelang duzenderweise vor Tür geschickt haben, auf einmal mit „Könnten Sie diese Aufgabe bitte an der Tafel einmal vorrechnen“ angesprochen wird. Wie man sich des Unterschiedes zwischen Du und Sie langsam bewusst wurde und anfing, eine Entscheidung darüber mit sprachlichen Kunststücken zu umgehen. Man hörte sich am Tisch mit Freunden der Eltern Dinge sagen wie „Könnte man mir das Salz reichen?“.

Ein „Sie“ sagt also mehr als du denkst. Aber was eigentlich? „Sieziert“ man die Untertöne, signalisiert es förmliche Distanz statt ungewollter Nähe. Ernsthaftigkeit, statt lapidarer Kumpelei.  Aber ist der Kellner im Restaurant wirklich respektlos und inkompetent, nur weil er fragt „Kann ich euch schon was bringen?“. Ist die Bitte um ein stilles Wasser und ein lautes Sie eine übertriebene Reaktion?

Während man in Skandinavien selbst Staatsoberhäupter duzt, in Island das Telefonbuch nach Vornamen sortiert ist und in der englischen Sprache wiederum erst bei der Ansprache mit einem Namen eine Entscheidung über die persönliche Nähe getroffen wird, sind die Felder in Deutschland klar abgetrennt. Es gibt kein Raum für Dusielei. Man siezt Abteilungsleiter, Schaffner und den Hausarzt. Man duzt die Fitnesstrainerin, den Barrista im Szene-Cafè und die Menschen, die einem bei einem Konzert die Sicht versperren. Auf die Wechselseitigkeit kommt es dabei an. Entsteht eine Ungleichheit in der Form der Ansprache, wird eine Hierarchie geschaffen oder eine bewusste Provokation gesendet. Annabel vom Empfang darf den Herrn Doktor bitte siezen. Der Schüler duzt seine Lehrer als kleinen Akt der Rebellion. Die Regeln sind klar. Oder waren es.

Denn das Kastensystem befindet sich im Wandel der Generationen. Während man kleinen Kindern ein inkonsistentes „Du, Frau Müller“ noch so eben verzeiht, sind ältere Siezer davon irritiert, dass man beim Bäcker, im Restaurant und vom Busfahrer geduzt wird. In jungen Unternehmen käme wiederum keiner auf die Idee, sich mit seinem Nachnamen vorzustellen. Die Schwiegereltern siezt man auch nicht mehr. Und so verformuliert sich, was lange fest siezte. Gehört das Du anbieten bald zu den Dingen, die wir nicht mehr tun, wie Kassetten aufspulen – weil wir uns eh schon alle duzen? Oder führen wir bald eine neue Art des Gendersternchens ein hinter jedem Du oder Sie, damit sich niemand ausgegrenzt oder diskriminiert fühlt?

Du Sie Anrede Sprache Duzen Siezen Dusielei Schellenaffe

Doch wie so oft beschäftigen wir uns viel zu oft damit, wie etwas gesagt wird. Anstatt damit, was eigentlich gesagt wird. Wenn ein Kellner eifrig eine Bestellung aufnehmen möchte oder ein Schüler mit einem vollständigen Satz höfflich eine Auskunft erbittet, dann ist das schließlich mitunter „Neu für dich“ – aber durchaus erfreulich. Der Schellenaffe wünscht jedenfalls eine gute Woche und freut sich darüber, dass jemand vorbeischaute. Egal, ob du, sie oder einfach nur Mensch.




#Digitaltanzformation – Offline-Besuch einer Online-Messe. 

OMR 2019 Hamburg Online Marketing Rockstars

Was darf man von einer Fachmesse, die den Begriff „Rockstars“ im Namen trägt, erwarten ? Richtig, viel Lärm. Um nichts. Welches wiederum ja die altbekannte Definition von Influencer Marketing an sich ist (siehe auch Was werde ich, wenn ich doof bin?). Und so begibt man sich als Besucher des „Online Marketing Rockstars“-Kongresses auf eine Customer Journey. Auf eine Reise, an deren Ende man sich eigentlich mit einer blockchain erhängen möchte. Oder man jemandem mit besonderes schwerem Content eine Platzwunde im Upper Funnel zufügen möchte. #youonlyliveonce und das nur kurz.

Der Messebesuch beginnt zunächst theoretisch mit dem Download einer App, mit der man sein ausgedrucktes Zutrittsticket scannen und auf seinem Handy hinterlegen kann. Es braucht einen Moment, um die Uniqueness dieses Arbeitsschrittes zu begreifen. „Schon drollig diese Onliner“ denkt sich der Analogbleiber und reicht der gelangweilten Wollmütze am Empfang die ausgedruckte Eintrittskarte. Ausgestattet mit einem Chip-Armband betritt man schließlich die Welt der endlosen 010001011-Kombinationen.

OMR 2019 Hamburg Online Marketing Rockstars

So sieht das Internet also von innen aus. Bunt, überfüllt, stickig und es riecht nach Popcorn. Menschen stehen herum wie eine 1, sind aber eigentlich wohl eher eine 0. Sie sind in der Regel immerhin 1a bewaffnet. Mit einem Smartphone – in der Hand oder lässig geschultert an einem Schnürsenkel baumelnd. Die Menge der Smartschützen schaut konzentriert nach unten auf den Boden, als würden sie irgendetwas suchen. Das muss diese Search Optimization sein, von der gerne gesprochen wird. Man notiert sich gedanklich „Wasserpistole in Schuh einbauen“ als erfrischende Aufmunterungsidee für den nächsten Messebesuch und flaniert durch die „Big Meuta“. Man lauscht den Gesprächsfetzen und wähnt sich in Dengland. Die Dialoge, Werbetafeln und Broschüren sind gespickt mit Buzzwords wie Buzzword. Es geht um Rehmarketing und man denkt an Bambi. Um Storytelling, das einen an irgendwelchen Touchpoints konvertieren, penetrieren oder sonst wie frivol jucken soll. Um Omnichannel statt Omis und Chanel. In die Customer Audience Segmentation Group „alt“ fällt man ohnehin anscheinend bereits jenseits der 24. Man ist demnach bereits unwissentlich zum Best Ager avanciert, auch wenn man noch gar kein Nest produzieren konnte, dass nun empty wäre. Eine Erkenntnis, die eher wenige Likes provoziert und schwer zu vermagen ist.

OMR 2019 Hamburg Online Marketing Rockstars Vortrag Keynote Speach

Man drückt sich vorbei an mehreren Gigabyte Menschenvolumen, die sich vor allem dort zu bündeln scheinen, wo es Steckdosen gibt. Das WLAN ist wiederum überall verfügbar, aber überlastet. Die Organisatoren der Veranstaltung scheinen einen beruhigenden Hang zur Anarchie zu haben.

Beim followen einiger tablets mit analogen Sattmachern beginnt sich sodann eine Frage im Kopf zu formieren, die einmal gestellt den scheppernden Kopf nicht mehr loslassen möchte: woher kommt das Geld? Das Geld, um die Wollmützen, Messestände mit Schaukeln und Schnittchen zu finanzieren? Die Gehälter auf den Konten und die Schnürsenkel an den Diensthandys? Wie werden aus 010001011-Kombinationen 1-mit-vielen-0-Reihenfolgen? Womit verdienen die hier eigentlich ihr Geld? Steht OMR etwa für „Ohne Mühe Reich“?

Anscheinend verdient man echtes Geld mit Online Mobile Digital, ja mit was eigentlich? Doch die Antwort ist sehr einfach und greifbar. Man verdient sein Geld mit einem eigentlich als Nebenprodukt getarnten Teil des Rahmenprogramms: mit Vorträgen. Mit Referaten darüber, wie man mit Online Mobile Digital Geld verdient. Oder eben Bitcoins verdingst. Die Qualifikation der Redner besteht darin eine maximale Anzahl an englischen Buzzwords in einen deutschen Satz zu verbauen. Die Zuhörer sind gefesselt (siehe Abbildung), entweder weil sich in ihren Handykordeln verheddert haben oder sich gebannt fragen, wird das noch ein deutscher Satz? Oder not?

OMR 2019 Hamburg Online Marketing Rockstars Masterclass

Technisches Verständnis ist für einen erfolgreichen Vortrag unwesentlich. Alle passenden Textbausteine für eine auf die audience getargetete presentation zum Thema Online Marketing finden sich im Übrigen in diesem Text. Und so startet man den Präsentationslaptop neu, pustet in sein Mikrophon, stellt als lehrreiches Best Practise Beispiel aus der Praxis einen Showcase der evangelischen Kirche vor (#was1lebennachdemtod) und unterlegt seine Präsentation mit „Kauf mich“ von den Toten Hosen. Um die Skurrilität seines Tuns und GEMA-Gebühren muss man sich nicht scheren.

OMR 2019 Hamburg Online Marketing Rockstars Vortrag Masterclass

Der Heilige Prahl ist es schlussendlich Keynote Speaker zu sein. Als Keynote Speaker ist man Hauptredner unter den Marktschreiern. Man wird dies indem man einmal im Silicon Valley war, sei es zur Durchreise, und bei einer Internet-Konzernzentrale auf Toilette gegangen ist. Der Zuhörer verspürt wiederum irgendwann nur noch eine note. Und zwar das dringende Bedürfnis sich zu verscrollen und über eine einsame Blumenwiese zu laufen.

Auf dem Weg zum Exit seiner Customer Journey läuft man sodann an schaukelnden Hipstern vorbei, die anscheinend einmal eine wahnsinnig realistische 3D experience erleben wollten (#affenschaukel), und fragt sich, wer wollte einen hier eigentlich verschaukeln.

Das Internet ist jedenfalls noch immer Neuland für uns – fast – alle.

OMR 2019 Hamburg Online Marketing Rockstars Schaukel




The bellmonkey – nice to read you.

English funny quote language Schellenaffe bellmonkey monkey with bells

We always like to believe that we are one single person. One individual with one personality only. We think with one brain, we survive with one beating heart and we speak with one tongue. People with more than one identity have a bird. Or not all cups in the cupboard. But it is us who are mistaken and walk ignorantly on the wood way. People can actually have more than one personality. In fact they can have up to 6500 personalities. As this is the number of languages that exist in this babbling world.

When people switch languages they become a different person. Suddenly the eloquent, witty and charming person of your dreams becomes a arm candle holder that understands only train station. Your shy friend turns into a passionate latina and you think „There fries me someone a stork.“ Your self-confident boss suddenly metamorphoses into a stuttering first-grader, whose tongue is knotted together with its poor vocabulary and you shame yourself in ground and floor.

The more languages we speak, the more tongues we use, the more multi-faceted we become. Even dialects and local accents can change the way we perceive a person. A strong Saxon accent can endanger the conservation of your bloodline, whilst a loose flaky Rhenish „Juten Tach, Schätzelein“ can open doors and hearts at the same time. The clattering in our heads may be noisy or melodic, loud or silent – but in the end it is our mouth, our language that translates the clatter into words and creates connections with other people. Our spoken words speak to or with others. These connections help us form a personality. They let the little monkey in our head become more than a fuzzy furball of ringing thoughts. Language has the power to form us – and to create new things such as the Schellenaffe. Its DNA consists of twentysix letters. But how much is it formed by its writers tongue, by being German? What is the Schellenaffe anyway?

English funny quote language Schellenaffe bellmonkey monkey with bells

To answer this question the Schellenaffe left its cosy row home of harsh sounding, never-ending words such as Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung and started an experiment. Instead of saying something through the flower or in German as usual, it tries to say something in the language that the monkey in the brain of Queen Elizabeth II uses when she sits on the toilet:

Dear tourists and people passing by. You may wonder what this is – a „Schellenaffe“. It sounds like just another German politician with a deficient laughing muscle (known as the „ mouth angel(a) syndrome“). Or maybe it’s the German way of writing Seychelles – though you`d expect it to include at last one of these weird umlauts and much more harsh sounding consonants. Schrztelzlenrtäftte. Yes, this is more likely the way Germans would spell paradise.

No, the Schellenaffe is something different. It describes the little monkey in our head that is more „annoisy“ than a debate in the British parliament that is accompanied with music from Rammstein. You could call him bellmonkey. The bellmonkey uses a bunch of sophisticated sounding phrases and a whole lot of adjectives in order to impress its readership, bring thoughts to life and make mondays less mimimi. It has a simple message it tries to tell its observers every monday: even if life isn’t a pony farm, a wish concert or cherry-picking enjoy life in full trains.

Everthing is in butter. No matter how well oiled the language is that you use.

English funny quote language Schellenaffe bellmonkey monkey with bells




Sichtbehindert.

Sichtbehindert Behinderung Behindertenparkplatz Rollstuhl Schild Vorurteile

Karli  sitzt mir gegenüber und bohrt in der Nase. Anstatt den erwachsenen Gesprächen am Tisch zu folgen, schaut er den Vögeln im Garten nach. Unruhig scharrt er mit den Füßen und rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Vielleicht drückt ihm der Magen. Er hat immerhin drei Stücke Kuchen gegessen. Vom vierten Stück konnte man ihn nur schwerlich abbringen. Und jetzt isst er Nasenauswurf zum Nachtisch.

Plötzlich unterbricht er die dahinplätschernde Unterhaltung über Urlaubsziele und Wetterphänomene. „Ich möchte ein Foto mit meiner Kamera machen.“ Freundlich lächelt die Runde. Gerne. Karli stellt sich hin und fokussiert die Gruppe durch den Sucher. Sehr lange fokussiert er und macht dabei winzige Schritte vor und zurück, als würde er auf einer sehr, sehr kleinen Tanzfläche tanzen. Sein Gesichtsausdruck ist pure Konzentration. Endlich drückt er den Auslöser. Das angestrengte Lächeln fällt der Gesellschaft förmlich aus den Gesichtern.

„Möchtest du mit auf das Bild, Karli?“

„Ja. Karli möchte mit auf das Bild.“

„Karli, lach doch mal.“

Karli macht ein Geräusch, das an einen stotternden Rasenmäher erinnert, der eine bronchial erkrankte Ente verschluckt hat – und verzieht keine Miene. Und so entsteht ein erheiterndes Gruppenfoto, auf dem eine Traube erwachsener Menschen zu sehen ist, die sich fröhlich lachend die Bäuche halten, während in ihrer Mitte ein älterer Mann sitzt, der konzentriert und ernst in die Linse starrt.

Karli ist kein Kind. Karli ist 60 Jahre alt. Und Autist. Ich habe ihn seit vielen Jahren das erste Mal wiedergesehen. Er hat sich nicht verändert – im Gegensatz zu mir und meiner Sicht auf ihn. Früher fand ich Karli unheimlich, wenn er plötzlich ohne jeden Grund grinste und im nächsten Moment wieder mit tiefer Denkerfalte auf der Stirn den Stubenfliegen hinterher zu schauen schien. Oder aufstand und wegging, um in fremden Zimmer fremde Schubladen zu öffnen. Irgendwie tat er mir leid, wie er so in einer anderen Welt zu leben schien, die keinem zugänglich war. Und auch heute ist man verleitet, Karli zu bedauern. Er wird nie alleine verreisen, sich nie verlieben, nie über den Sinn des Lebens streiten, nie nach einer durchzechten Nacht mit dem Fahrrad, den ersten Sonnenstrahlen und Vogelgesängen nach Hause wehen können. Doch welche Erwartungen stellen wir an ein Leben? Welche Maßstäbe setzen wir an das Leben eines anderen Menschen? Weil Karli nie mein Leben führen wird, führt er deswegen ein schlechteres? Ein bedauernswerteres?

Doch je länger man Karli aufmerksam beobachtet, desto mehr beginnt man sich zu fragen, wie bedauernswert und zumindest eigenartig das eigene Leben ist. Man ertappt sich dabei, wie man über Karlis Verhalten lacht – ohne ihn auszulachen. Das Lachen ist warmherzig und mit ihm versucht man das Unsagbare auszudrücken: wer ist hier eigentlich komisch? Karli fotografiert zum Beispiel gerne. Anstatt unkontrolliert ein Handy in Gesichter oder vor berühmte Bauwerke zu halten und wahllos auf den Auslöser zu drücken, als habe man ein Einfingernervenleiden, gibt sich Karli Mühe. Er nimmt sich Zeit für ein Motiv, er druckt die Bilder später alle aus und klebt sie in ein Album. Egal, wie verwackelt oder unvorteilhaft eine Aufnahme auch sein mag. Es war wert, ein Foto davon zu machen, dann muss es auch wert sein, dies einzukleben. Wir löschen fast alle unsere Bilder – in dem wir sie löschen oder vergessen. Warum hält man Momente fest, wenn man sie mit einem Filter in eine andere Form presst oder direkt in den Papierkorb legt?

Mit Karli zu telefonieren, ist ein besonderes, ein besonders kurzes Erlebnis. „Hier ist Karli. Wie hieß Tante Petra Müller mit Mädchennamen?“ Die Antwort wird quittiert mit einem Tuten in der Leitung. Keine Floskeln, keine sich wiederholenden Gespräche über Rückenschmerzen und das deutsche Steuersystem. Und zugleich weiß man, dass Karli eine für ihn wichtige Frage gestellt hat und sich die Antwort merken wird. Er merkt sich alles. „Im August 1992 war ich mit meinen Eltern auf Kreta. Ich habe Fisch gegessen.“ Welche Fragen stellen wir, deren Beantwortung uns wirklich wichtig ist? Was merken wir uns?

Karli lebt ohne Umschweife, ohne gesellschaftliche Riten. Im Gegenteil: Karli spiegelt einem das Phrasenhafte unserer Aussagen und Gebärden wider. Gratuliert man ihm zu Geburtstag, geht er irgendwann dazu über, mit jedem Händeschütteln ebenfalls „Alles Gute und herzlichen Glückwunsch“ zu sagen. Das Gegenüber lacht in der Regel verkrampft und wendet sich schnellstmöglich ab, an jemanden,  mit dem es über das Wetter sprechen kann. Karli schaut in Schubladen, weil er wissen möchte, was dort drin ist. Karli trinkt Gläser, egal wie heiß, wie teuer, wie promillehaltig der Inhalt ist, in einem Schluck aus – weil er Durst hat. Bietet man ihm trotz Verneinung ein zweites Mal etwas an, erwidert er „Nein. Ich mag das nicht.“ – in einem frostigen Tonfall, der einem sagt:  bist du behindert, ich hab dir doch schon gesagt, dass ich das nicht möchte, warum fragst du noch mal?

Legt man seine eigene Sichtbehinderung ab, merkt man schließlich: Karli tut viele Dinge, die wir eigentlich selber gerne tun würden, aber für die wir zu gesellschaftlich behindert sind, um sie zu tun. Sei es ein bevormundendes „Lach doch mal.“ mit einem Lachgeräusch ohne jede Mundwinkelregung zu quittieren. Man kann Karli sonderbar oder liebenswert finden, man kann mit ihm lachen oder ihn bedauern, man kann versuchen, ihn zu verändern oder akzeptieren, wie er ist – doch eines kann man nicht: darüber urteilen, ob sein Leben lebenswerter ist als das eigene.  Das wäre geistig behindert.




Komm raus, du Schweinehund – über Herausforderungen.

Herausforderung Maislabyrinth

Jeden Montag. Eine Idee.

Jede Woche. Eine Herausforderung.

Jedes Mal. Ein Labyrinth der Worte.

Warum macht man das? Warum nimmt man den Kampf mit dem Schweinehund auf, anstatt ihn zu verbellen? Warum laufen wir nicht vor den Herausforderungen weg, sondern beißen uns immer wieder an ihnen fest? So richtig „mais“ man es nicht. Und je mehr man darüber nachdenkt, desto größer werden die Herausforderungen dann auch noch. Denn sie zehren sich gerne von Sorgen. Sie kommen auf dem Gedankenkarussell erst richtig in Schwung. Das Was-wäre-wenn ihrer Natur ist es, was uns so fordert.

Und doch suchen wir sie, stetig, schonungslos, diese selbstgesetzten Prüfungen. Eine Beförderung. Ein Marathon. Ein neues Rezept. Ein ernstes Gespräch. Warum? Je herausfordernder die Aufgabe, je steiler der Weg, desto mehr wird das Ergebnis, das Ziel wertgeschätzt. Von uns selbst. Ein Gefühl der Selbstschätzung entsteht, ein Rausch, der uns mutig immer wieder neue Aufgaben ergreifen lässt. Das Was-wäre-wenn-ich-das-schaffe treibt uns an. Und so herausfordern wir uns durchs Leben. Denn: Herausforderungen schafft man und Herausforderungen schaffen – Dinge, die man greifen kann oder auch nicht. Herausfordern ist, wie das Wort uns sagen möchte, etwas nach außen bringen, was nicht war. Nicht sichtbar, nicht spürbar. Alles kommt aus uns. Heraus. Worte auf Papier. Gedanken zu Sätzen. Träume zu Taten. Indem sie Handlung, Haltung, Veränderung fordern, formen sie uns. Halten uns in Bewegung. Bewegen uns.

Wie das Erwachen nach einer kurzen Nacht.

Wie das Schweigen im passenden Moment.

Wie das Sprechen im richtigen Augenblick.

Wie der Berg, der sich erhebt.

Wie der Abgrund, in den man blickt.

Wie ein Labyrinth ohne Wände.

Wie ein Text ohne viele Worte.




Beschweret euch – Lernen von der Ciabattaffäre.

Ciabatta Kundenbeschwerde

Für uns Deutsche ist das Leben eigentlich kaum erträglich. Um dieses von verspäteten Zügen, zu heiß-kalt-nass-trockenem Wetter und steigenden Eiskugelpreisen ohnehin beschwerte Dasein noch weiter zu beschweren, tun wir das einzig Sinnvolle: Wir beschweren uns. Leidenschaftlich. Stoisch. Schwerwiegend. Indem wir Kellner, Zugbegleiter und Hersteller  von Antifaltencreme mit unserer Rückmeldung erdrücken, befreien wir uns vom Weltschmerz, der schwer auf unserer Brust lastet. Für einen kurzen Moment des „Ich bin ja nicht der Mensch, der sich beschwert, aber…“ fühlen wir uns befreit und bilden uns ein, etwas Gutes für die allgemeine Gemengelage getan zu haben. Feedback ist ja schließlich ein Geschenk. Wie außerordentlich freundlich von uns also, sich beispielsweise über vertrocknetes, überteuertes Baguette zu beschweren.

Doch wie geht man mit Beschwerden souverän um? Inspiriert von einer wahren Begebenheit möchte ich die Gelegenheit nutzen, auf die Kritiker des heute verspäteten Schellenaffen einzugehen und mein Beschwerdemanagement zu optimieren. Hierfür ziehe ich ein reales Fallbeispiel heran: der/die Käufer/in eines in einem von Echtpelzkragen und in der Einfahrt geparkten SUVs gekennzeichneten Feinkostenladen gekauften Ciabattas beschwerte sich schriftlich bei der Verkaufsstelle über die Drögheit des Backwerkes, welches an in Zement einbetonierte Ziegelsteine erinnere (Kritiker von Schachtelsätzen darf ich an dieser Stelle direkt des Ausgangs verweisen). Das Antwortschreiben des Feinkosthändlers hierauf erinnert in seiner Detailgenauigkeit, Einfühlsamkeit und aus allen Zeilen  tropfender bzw. krümelnder Ironie an einen Text des Schellenaffen. Daher erlaube ich mir, dieses wertvolle Zeitdokument der „Ciabattaffäre“  als Basis für die Beantwortung von Beschwerden aller Art heranzuziehen. Mit einer leichten Variation der feinkostfühligen Textbausteine werde ich damit in Zukunft sicher allen Kritikern des Schellenaffen eine – Achtung: Spoiler – wertpapiervolle Rückmeldung geben können.

Ciabatta Kundenbeschwerde

„Sehr geehrte Kunde/Kundin dieses Blogs (oder Block wie eingefleischlose Fans zu sagen pflegen),

vielen Dank für Ihre Nachricht. Wir freuen uns, dass wir Sie – noch – zu unseren Kunden zählen dürfen. Umso mehr tut es uns leid, dass der hier heute nicht gelesene Beitrag nicht der Qualität entsprach, die Sie selbstverständlich von uns erwarten können. Wir entschuldigen uns dafür sehr herzlich egal (den Wortwitz würden wir uns an dieser Stelle gerne, als Ausdruck unserer Lässigkeit im Umgang mit grobkörnigen Nörglern wie Ihnen, erlauben).

Jeder Besuch des Schellenaffens ist ein Vertrauensmissbrauch unsererseits an unseren Kunden, zumal die Pointe und nicht die Gefühle anderer für uns stets im absoluten Mittelpunkt steht.

Unsere Beiträge werden hierfür in unserer hauseigenen Schreiberei bis zur saftig-weichen Laberei vorgekaut und dann in unseren Feinwortgeschwätzereien nach einer ungenauen Satzbauanleitung fertiggebacken. Es tut uns wirklich sehr leid, dass der Text heute nicht da war. Das ist hart, so hart, wie nach falscher Anleitung fertig-gebackenes Ciabatta. Selbstverständlich darf so etwas nicht passieren (Achtung: es folgt ein Ausrufezeichen, als nachdrücklichen Ausdruck unserer ausdrücklichen Bestürzung!)! Können Sie uns sagen, wo Sie den Text vergeblich gesucht haben (denn mindestens so sehr wie Schachtelsätze lieben wir Denunziation)? Wir möchten, dass Sie als Kunde mit der Verschrobenheit unserer Texte immer voll und ganz zufrieden sind und so könnten wir nochmal mit uns selber darüber sprechen, dass man sich an die eigene gesetzte Termingenauigkeit halten soll. Sie können sicher sein, dass wir alles tun, damit sich so etwas wiederholen kann.

Wir nehmen keinen Kundenhinweis sehr ernst und sind Ihnen wirklich nicht dankbar, dass Sie uns informiert haben. Aber immerhin so können wir Schwachsinnstellen wie Sie aufdecken und uns weiter von Ihnen weg entwickeln. Als Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns zu schreiben (dieser Satz fällt uns so schwer, wie das Zerkauen eines Zementiabattas) und als Entschuldigung möchten wir Sie gern zu Ihrem nächsten Besuch einladen. Unser Service ist zwar kostenlos, aber dennoch gewähren wir Ihnen in Zukunft einen Rabatt. Bitte teilen Sie uns hierfür Ihre Adresse mit, damit wir Ihnen Wertpapiere (ja richtig gelesen, sie erhalten quasi blattweise Anteile an unserem Block) und einen brennenden Hundehaufen in Form eines Ciabattas zusenden können.

Herrliche Grütze,

Der Kundenservice-Besauftragte des Schellenaffe“