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Dreißigjährige Pärchen. 

Spieleabend Dreißigjährige Pärchen Brettspiel Trinkspiel

Raus aus dem Gröbsten. Rein in die feine Welt, von Rewe und Instagram. Mit dreißig ist man fein angekommen. Man verdient Geld, um sich Dinge leisten zu können. Man besitzt freie Wochenenden und Jahresurlaub, um dieses Geld auszugeben und die Sinnkrise zu kaschieren, die eine 60-Stunden-Woche so nach sich zieht. Man hat es sich gemütlich gemacht in seinem Leben mit programmierbarer Waschmaschine, Weinregal – und diesem Partner, den man seit geraumer Zeit nun an der noch faltenfreien Backe hat. Ein Überbleibsel und Zeitzeuge der jovialen Jugendzeit, einer Zeit, in der man noch so richtig wild war und Instant Kaffee trank und sich Trinkspielen traf.

Mit Scham und Wehmut blickt man auf dieses „ach damals“. Nun sitzt man als Wir auf der gemeinsam erworbenen Designer-Couch, teilt sich ein gemeinsames Konto und diverse Eigenarten. Du und ich gibt es nicht mehr. Wir schauen den Tatort. Wir mögen keine Fertiggerichte. Wir lieben Barcelona im Mai. Und wir beginnen uns ein wenig zu langweilen. Gegenseitig. In unserem hyggeligen Wohn- und Wir-Raum. Und so verspürt man den Drang sich herausfordern zu müssen, ehe man mit dreißig bereits im geistigen Rentenalter angekommen ist. Man kriecht hervor unter seiner Kaschmirkuscheldecke und den Unterlagen für die Steuererklärung und meldet sich an für einen sportlichen Wettstreit. Für ein Messen der Kräfte. Für den Vierkampf um den Titel. Den Wirkampf des besten Paares.

Man verabredet sich zum Pärchenabend.

Man trifft sich mit einem BFP, einem befreundeten Pärchen. Irgendjemand kennt sich flüchtig über die Arbeit oder einen anderen zwielichtigen Verein. Um der Einsamkeit in der Zweisamkeit zu entfliehen, verabredet man sich zu „wirt“. Und beschließt, befreundet zu sein.

Spieleabend Dreißigjährige Pärchen Brettspiel Trinkspiel

Um das Reden zu vermeiden, wird ein Erlebnis mit der doppelten Zwangsehe verbunden. Ein Spieleabend oder eine Weinverkostung wäre doch sehr schön. Das kommt BFPs sehr gelegen. Bei selbstgemachten Ravioli, selbstgerolltem Sushi (wie doll) und selbstgewählter Lounge-Musik, die über die Bose-Boxen plätschert, geht das Duell der dreißigjährigen Pärchen dann los.

Wer baut mehr Wir in seine Sätze ein.

Wer riecht besonders lange am Wein.

Wer darf zur miefenden Käseplatte referieren.

Wer den Punktestand notieren.

Wer kann sich leiser in der Küche streiten.

Wer die meisten trockenen Küsse verteilen.

Wer nennt seinen dreißigjährigen Partner häufiger Bärchen.

Wer ist das bessere dreißigjährige Pärchen.

Gute Miene ist das Ziel.

Auch wenn einem einiges missfiel.

Die eine ist devot.

Der andere ein Idiot.

Er will nur dozieren.

Sie kann nicht verlieren.

Der eine kriegt den Mund nicht auf.

Die andere haut ständig irgendwas heraus.

Manchmal sind es auch nur Brotkrümel – die so trocken sind wie der Abend. Konnte man sich früher einfach betrinken und erheiternde Bewusstseinszustände erlangen, so besinnt man sich heute. Auf die Zitrusnoten des Riesling aus Rheinhessen. Es schmeckt so wunderbar, auch wenn man noch nie in Rheinhessen war. Man redet über teure Möbel, die ihr Geld wert sind, und darüber, dass man schon lange nicht mehr zu IKEA geht. Über Rennradtouren und selbstgebaute Bässe. Tauscht Rezepte und Reiseziele aus. Meidet Gespräche über Politik und Persönliches. Über die SPD oder die schwere Kindheit wird nicht gesprochen. Stattdessen plant man ein Weinwochenende im Burgund und lacht darüber, dass man bitte nie wie seine provinziellen, Geranienkästen bepflanzenden und Kreuzfahrten buchenden Eltern werden möchte. Gott, wie spießig, sagt man beim Abräumen der Käseglocke. Darf es noch etwas sein? Hut, Stock oder Mantel?

Haben die Gäste das Heim verlassen, beginnt die zweite Runde „Mensch ärgere dich nicht“ – über seine Angeberei und ihr aufdringliches Parfüm. Über diese Macken, die wir sicherlich nicht haben. Was für ein Paar. Wie abschreckend. Und wie edel, dass wir Zeit mit ihnen verbringen. Aber wir sind schließlich befreundet. Wir, das dreißigjährige Pärchen. Nicht ich. Und nicht du. Zum Einschlafen spielt die Soundanlage, die ihr Geld absolut wert, aber doch irgendwie eigenwillig ist,  Rainald Grebe Dreißigjährige Pärchen„. Und das dreißigjährige Pärchen merkt: verdammt, wir haben den Rettich vergessen.

3 Gedanken zu „Dreißigjährige Pärchen. 

  1. Beim Lesen dieses, ach so wahren, ach so traurigen, ach so vor Ironie triefenden Artikels, kommen mir so manche Erinnerungen an Abende, nein nicht mit 30jährigen Pärchen, sondern mit 65jährigen Paaren,in den Sinn! Ja,ich glaube, dass nicht nur 30jährige Paare ihre Probleme mit der Partnerschaft haben, sondern auch die, die diese Phase des vergessenen „Ich’s“ und „Du’s“ überstanden haben! Denn kurz vor der Goldhochzeit, geht es in diesen Partnerschaft sehr oft nur noch ruppig, desinteressiert, lieblos und genervt zu! Man bleibt zusammen, weil das dass geringere Üble ist, oder nun auch schon egal ist nach 50 Jahren trennt Mann /Frau sich nicht mehr, man erduldet den Partner,nach dem Motto,wir haben schon soviel überstanden, da schaffen wir die letzten Jahre auch noch!!! Ach, nun ist die große Liebe, das Glück, die Freude, das Verständnis, die Rücksicht auf /für den Partner endgültig verloren gegangen man erträgt sich nur noch. Bei Treffen mit befreundeten Paaren geht es dann manchmal sehr ruppig zu und unerfreulich für den Gastgeber, denn Mann/Frau streiten sich nicht in der Küche, sondern am Tisch!
    Ja, es ist in jeder Generation von Paaren wichtig, sich täglich daran zu erinnern, was für ein Glück es vor 10.20,30,40,50 Jahren war diesen tollen Menschen kennen und lieben gelernt zu haben, und dabei nie zu vergessen das am Anfang unserer Liebe das du und ich gestanden haben und dadurch erst ein wir möglich wurde . Das gild es zu pflegen! Dann klappt es auch mit der fröhlichen,liebevollen Godhochzeit!

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