Spuren im Sand und Kopf – von Fernweh und Aussteigerfantasien.

Fernweh Alles könnte anders sein Sticker

Gefühle zu konservieren ist so schwer wie Mango-Grünkern-Marmelade zu mögen. Flüchtig und augenblicklich verschwimmen Emotionen. Sie festzuhalten ist unmöglich. Allein sie zu beschreiben, sich an sie zu erinnern wird ihnen in der Regel schon nicht gerecht. Verklärung und Vergessen verformen die Erinnerung.

Und doch ist es einen Versuch wert, die Gefühle und Gedanken, die Erlebnisse in uns auszulösen vermögen, festzuhalten ehe das, was wir Alltag, was wir Leben nennen die Erinnerung daran verwischt und verläuft – wie Kleckse von Mango-Grünkern-Marmelade im Sand. Und so ist da dieses Gefühl, diese Idee des „Haltet mein Leben an, ich möchte aussteigen.“ Ein Gedanke, der regelmäßig wiederkehrt und ebenso regelmäßig unter einem Sandhaufen an ToDos, Terminen und Tüdelkrams in Vergessenheit gerät. Vergraben und verdrängt unter einem „Ach das war nur so eine Schnappsidee“ – bis zur nächsten Flut. Um trotz stetig steigender Meeresspiegel nicht bis zur nächsten Sturmflut warten zu müssen, darf hier nun dieses Gefühl zu Wort kommen. Ein Gefühl, das kommt und geht – aber nie so ganz.

„Liebes Du, hier spricht dein Fernweh. Ja, ich bin wieder da. Du warst mit mir, nein wegen mir im Urlaub und jetzt bin ich mit dir heimgeflogen. Du wolltest mich zurücklassen, dachtest ich würde nun endlich Ruhe geben, aber ich saß einfach neben dir im Flugzeug nach Hause. Alleine ohne dich zurückbleiben wollte ich nicht und du „musstest“ ja „nach Hause“ reisen. Als ich dich fragte warum, sagtest du irgendwas von „die Arbeit und gutes deutsches Graubrot“. Ich konnte dir nicht ganz folgen. Und so bin ich dir gefolgt, um zu sehen, was dich davon abhält in der Ferne zu verweilen und statt des Fernwehs das „Nahheil“ zu suchen.

Ich hab dich ein paar Tage hier begleitet, auch wenn du dir für mich keine Zeit nimmst. Zeit scheint ohnehin das große Thema in deinem Leben hier zu sein. In deinem Alltag ist Zeit kostbar, du planst ihren Einsatz stoisch genau und leidest unter ihrem Mangel, wie unter dem Essen damals in Mexico. Haha, weißt du noch? Jedenfalls konnte ich kaum Schritt mit dir halten. Unablässlich scheinst du damit beschäftigt zu sein, dein Leben zu managen, zu optimieren, nach Wegen zu suchen glücklicher zu sein. Mehr Sport, neuer Job, diese Theaterpremiere, jener Italiener. Hörst du, wenn ich dir in solchen Moment leise ins Ohr flüstere „Sag dem Taxifahrer, er soll dich bis ans Meer fahren“ oder „Willst du dein Leben rocken, trage besser keine Socken“? Denn im Urlaub warst du barfüßig glücklich. Du warst mir nah. Ohne, dass du es gemerkt hast. Ohne, dass du darüber nachdenken musstest. Du warst es einfach. Zeit war nicht kostbar. Zeit war einfach jetzt. Du hast dich nicht um Geld, Geburtstage oder Gartenarbeit gekümmert. Nur wenig konnte dir über die in der Regel strapazierte Leber laufen. Deine einzige Sorge war vielleicht mal der Lichtschutzfaktor oder Fifty shades of dying. Und doch warst du überlebensfähig. Der Rausch der Eindrücke, die schiere Größe dieses Planeten, die ferne Kultur, die auf einmal zum Greifen, zum Schmecken nah war, all dies raubte dir den Atem. Und war gleichzeitig die Luft, die du zum Leben brauchst.

Fernweh Strand Surfer Australien Urlaub Aussteiger

Und nun bist du zurück in deinem Leben. Und ich bin geblieben. Ich, der ungemütliche Teufel mit Backpack und Lonely Planet. Ich bin nicht greifbar. Ich werde dir immer eine Flugmeile voraus sein. Dir den Weg weisen, ohne ihn selber zu kennen. Ich locke Träume an, wie Motten das Licht. Wie ein kleiner Post-It-Zettel, der auf deinem Leben klebt, erinnere ich dich daran, dass du noch Milch kaufen und die Welt bereisen sollst. Dass du Berge besteigen, Wellen reiten, die Milchstraße wiedersehen und Elefanten berühren wolltest. Ausrechnet jetzt, wo du die Ferne bereist hast, bin ich laut und noch immer da. Ich bin laut, wenn du morgens deine Autoscheibe frei kratzt und sich jemand beim Bäcker vordrängelt. Wenn du Mundwinkel deiner Mitmenschen betrachtest und an ferne Winkel denkst. Ich, dein Fernweh, bin laut und scheppernd, wenn die Ferne schmerzlich weit weg ist. Doch durch den Lärm versuche ich dir nur zu sagen, dass du wie einen neuen Haarschnitt einfach mal etwas anderes ausprobieren sollst (sei es Mango-Grünkern-Marmelade).

Das meiste wächst schließlich nach.

Dein Fernweh.“




Touristische Highlights.

Touristen Selfies Urlauber

Reisen bildet – besondere Fähigkeiten aus. Zum Beispiel die Fähigkeit, egal wo man gestrandet ist auf dieser Welt, kostenloses WLAN zu finden. Oder Steckdosen zu lokalisieren. Oder Selbstportraits ohne Schattenwurf im Doppelkinnbereich zu schießen.

Zumindest ist dies der Eindruck, der entstehen mag, wenn man beginnt, diesen bunten, vielfältigen Planeten zu bereisen und sich von Manila bis Melbourne in einem einheitlichen Tross der Weltenbummler, Frequent Traveller und Backpacker wiederfindet. Egal auf welchem Kontinent man sich bewegt, der Tourismus scheint schon sein Handtuch ausgebreitet zu haben. Überall steht bereits das Heineken kalt, hat TripAdvisor stickerweise das Revier markiert und die Druckwelle des touristischen Anschlags ist spürbar. Jeder Winkel scheint bereits erobert zu sein. Geheimtipps werden zum Garanten maximaler touristischer Abstrusität. Der Selfiestick scheint die Machete ersetzt zu haben. Die Suche nach dem wirklich Einsamen, Unentdeckten, Authentischen, Unbekannten wird zur Herausforderung.

Touristen Selfies Urlauber

Besonders groß wird die Herausforderung:

Wenn man beobachtet, wie im Reisebus durch absolute Wildnis Lockenwickler eingedreht und der Lidschatten nachgezogen werden. Man möchte eben hübsch sein für das selbstausgelöste Blitzlichtgewitter auf dem grünen Teppich der Natur.

Wenn man den immer gleichen Gesprächen lauscht, die sich ausschließlich um ein „Wo kommst du her / Wo gehst du hin“ drehen. Nie um das „Wo bist du gerade“. Nie um den Moment, selbst wenn dieser auch ohne Filter und Lockenwickler von epischer Schönheit geprägt ist.

Touristen Selfies Urlauber

Wenn man hinter einer vierköpfigen Familie mit gesenkten Blicken durch den raschelnden, duftenden, magischen Regenwald wandert und diese vier Personen dabei beobachtet, permanent Selfies exakt der gleichen Motive zu machen. Gerne würde man den Fotoabend daheim moderieren: „Hier seht ihr das gleiche Motiv, nur um dreißig Zentimeter versetzt und erneut mit einem guten Blick auf die Nasenlöcher des Vaters.“

Wenn man auf das tosende, türkisfarbene Meer blickt und neben einem Menschen Selfies mit Mundschutz machen.

Touristen Selfies Urlauber

Dann entsteht dieser Eindruck, dass Reisen nicht mehr bildet. Reisen wird zur Einbildung. Denn es reist nicht mehr der Mensch. Sein Smartphone scheint zu reisen. Ohne es zu merken, wird er selber zum humanoiden Selfiestick degradiert, immer auf der Suche nach der nächsten Kulisse für einen Schnappschuss. Anstatt sich den neuen Kulturen und Blickwinkeln hinzugeben, überlässt er es der Speicherkarte seines Handys, all dies aufzunehmen und abzuspeichern. Doch wenn man seinen gesamten Urlaub, sein ganzes Leben live dokumentiert, braucht man dann nicht ein zweites Leben, um sich die gesamte Dokumentation irgendwann erneut anzuschauen? Oder geht es nur darum, andere Menschen an der eigenen Reise teilhaben zu lassen? Doch was ist dies wert, wenn man selber nicht mal an seiner Reise teilnimmt? Wenn man die Gerüche, Erzählungen und Klänge um einen herum nicht wahrnimmt?

Reisen bildet auch in dieser von einer global verknüpften Menschenhand geprägten Welt – sofern man Begegnungen zulässt. Sofern man mit allen Sinnen wahrnimmt. Sofern man bereit ist, Bilder mit dem Kopf zu schießen. Speichern im Kopf. Genügend Speicherplatz haben wir alle – selbst das kleinste Spatzenhirn.




Fifty shades of dying.

Ich schaue in den furchtlosen Blick meines Gegenübers und denke: Ich möchte heute noch nicht sterben. Nicht heute. Die Sonne scheint, ich habe gerade sehr viel Zeit damit verbracht mich mit Alpina-Farbendicker Sonnencreme einzuspachteln und es ist ein schöner Tag. Außerdem möchte ich nicht in einem Land bestattet werden, wo meine Totenruhe von giftigen Spinnen gestört werden würde – bin ich mir doch sicher, dass Arachnophobie den Menschen selbst überlebt. Doch finster und entschlossen wirkt der Gegner. Groß und bedrohlich der zum Töten perfektionierter Körper – in der Größe eines Fingernagels. Eines Fingernagels eines Babys. Eines Fingernagels eines ungeborenen Babys. Eines Fingernagels eines ungeborenen Schimpansen-Babys. Doch so schnell der Gegner vor mir stand, so schnell ist er verschwunden. Und die Ameise lässt mich in peinlicher Paranoia zurück.

In Australien kann der Tod die Dimension eines Staubkorns besitzen. Oder die Größe eines Ozeans. Das Leben besteht ja bekanntlich aus mehr Kontrasten als das randlose Brille tragende Gesicht eines Günther Jauch. Da gibt es kalorienarme, vegane Eiscreme. Eine lesbische, mit einer Ausländerin in einer Steueroase lebende rechtspopulistischen Politikerin, die an der Spitze einer homophoben, ausländerfeindlichen Partei steht. Und es gibt omnipräsente Todesgefahr ausgerechnet im sonnigen, unberührten Paradies. In Form einer schönen Muschel am Strand. Eines grauen Haies im türkis in der Sonne schimmernden Wasser. Oder eben einer kleinen, fleißigen Ameise auf dem Boden des Regenwaldes.

Australien ist so ein Ort der Kontraste. Alles scheint in diesem durch evolutionäre Isolation zu sehr mit sich selbst beschäftigen Kontinents tödlich zu sein. Da gibt es Kröten, die dem Begriff giftgrün eine neue Bedeutung geben. Wilde Dingos, die wie die flauschige Promenadenmischung des älteren Herren von nebenan aussehen, wohl aber dessen Enkel verspeisen würden. Quallen, die wenn man sie bereits in der Ferne sieht zum qualvollen Dahinraffen führen. Ähnlich wie RTL2. Schlangen, die es sich perfekt getarnt in Birkenstockschlappen oder Badewannen bequem machen. Spinnen, die unter Klodeckeln lauernd das stille Örtchen zum sterbenden Kötchen machen. Man möchte sich angesichts dieser mannigfaltigen Möglichkeiten des vorzeitigen Ablebens sogar auf der Toilette am liebsten in die Hose machen. Australien ist der Kontinent auf dem man sich über seine Altersvorsorge und den eigenen Cholesterinspiegel plötzlich weniger Sorgen macht. Verkalkte Arterien sind wahrscheinlich sogar hilfreich, da das Gift langsamer transportiert wird. Manchmal wünscht man sich in die langweilige Kulisse des Schwarzwalds versetzt. Oder wusste man vielleicht bisher einfach nicht, dass es auch im eigenen Land tödliche Eicheln werfende Eichhörnchen, giftige Marienkäfer und aggressive Rehe gibt? War man bisher einfach blind wie eine Blödauge (diese Schlangenart existiert tatsächlich, mutmaßlich natürlich nach ihrem Entdecker benannt)?

Die Australier selbst reagieren jedenfalls auf die panischen Ängste der Besucher so, als würde man mit Antigiften, Netzen, Gewehren und einem Ranger an der Seite Urlaub im Hunsrück machen wollen. Sie lachen gelassen und wundern sich ein wenig. Manch einer macht sich einen kleinen Spaß daraus surrende Fliegen als Todesdrohnen anzupreisen oder vor sogenannten Drop Bears zu warnen – eine seltene Bärenart ähnlich eines Koalas, die sich von Bäumen herunter auf ihr Opfer fallen lassen würde. Einzig Schutzmöglichkeit gegen diese sichere Art zu Sterben sei es, einen spitzen Hut mit den Händen über dem Kopf zu formen, an dem der Bär dann abrutschen könne. Man möge die Geste am besten direkt einmal demonstrieren.

Und so stehen Australier vor „Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm“ spielenden, panischen Touristen und scheinen längst begriffen zu haben, dass das gefährlichste Lebewesen der Welt ein anderes ist. Eine auf allen Kontinenten weit verbreitete Spezies mit dem Hang, unliebsame Mitatmer mit Giftsprays, lauten Saugmaschinen oder noch lauterem Geschrei zu beseitigen. Die Abwehrmechaniken dieser Rasse sind ein wahres evolutionäres Wunder. Mitunter atem(be)raubend. Gegner, deren Lebensräume oder Nahrung werden zertrampfelt, überfahren oder verseucht. Mitunter trifft es auch die eigene Sitte bzw. Sippe: unliebsame family company wird mittels One shot killing power ebenfalls eliminiert. Geruchlos, wie sich versteht. Und doch reicht am Ende ein kleines Detail des artfremden Gegners, dass ihn überlegen vom Platz gehen lässt: sechs bis acht kleine, haarige Beine statt zweier Hände, mit denen er zitternd ein Sprühdose hält oder ein Dach über seinem Kopf formt. Chapeau, Evolution.




Ab ins Warme – Weihnachten Down Under durcheinander.

BBQ. Ein saftiges, duftendes Stück Fleisch vom Grill. Dazu ein leichter Salat, würzige Grillsauce und ein kühles Bier – mit Lebkuchengewürz. Fertig ist das Weihnachtsmenü. Das australische Weihnachtsmenü.

Während wir Kalkleisten der nördlichen Hemisphäre Weihnachten mit deftigem Braten, wärmendem Punsch und Backorgien verbinden wird in Australien feierlich gegrillt. Es ist schließlich Sommer.

Es herrscht ausgelassene Sommerferienlaune, nur wenige verspüren die Lust auf einen besinnlichen Kaminabend. Spüren tut man wiederum die von der Sonne gebrannte Haut. Das Knuspern gebrannter Mandeln zwischen den Zähnen bleibt hingegen aus. Statt dicker Kleidung trägt man dick Sonnencreme auf. Man spannt die Kängurus vor den Schlitten und verbringt den Tag Sandmänner bauend am Strand.

Doch gleichzeitig greift der Australier nordisch geprägte Sitten auf. Der Weihnachtsmann trägt vielleicht mal ein Surfbrett unter dem Arm, aber ansonsten die vertraute Thermokleidung samt Mütze. Der Tannenbaum erstrahlt bei – spätem – Einbruch der Dämmerung und die kleinen Koala-Kugeln funkeln im Licht. Häuser werden mit kitschigen Weihnachtsmännern, Rentieren und Delfinen dekoriert.

Dieser Kontrast wirkt auf adventliebende Nestbauer aus Deutschland skurril bis völlig durchgebrannt. Weihnachten heißt für uns Winter und man fragt sich für einen peinlich kurzen Moment, warum sie in Australien nicht einfach sechs Monate später das Fest der Heimeligkeit und deftigen Speisen zelebrieren. Doch dann begreift man die eigene konditionierte Ignoranz und stellt fest, dass für Australier nunmal ein Weihnachtsfest mit Flipflops und dem Duft gegrillter Kängurusteaks das Normalste der Welt ist. Wer sagt also, dass Weihnachten kalt sein muss? Wäre das Christkind im Winter sagen wir in einem Stall in der Eifel geboren würden wir seinen gabenreichen Geburtstag vermutlich garnicht erst feiern können. Und der Weihnachtsmann bringt auch eiskalte Cola, keine nach Anis und Zimt riechende warme Plörre.

Am Ende ist Weihnachten eben hier wie dort die Zeit der Wärme. Der Familie. Und der Völlerei. Down Under sind eben nur die Besucher etwas durcheinander.




Eingecremt und angeschmiert von Vorurteilen – Urlaub auf Mallorca.

Malle Mallorca Palma Insel Spanien Urlaub

Ein von mir verhasstes, aber auf ewig in mein Gedächtnis gebranntes Lied meiner Grundschuljahre schwirrt mir durch den Kopf, als das Flugzeug den Boden verlässt. Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? Meine Gedanken, umgeben von uniformierten Junggesellenabschieden, schreienden Kindern und urlaubsgeifernden Kegelvereinen sind vermutlich sehr leicht zu erraten. Aber noch mehr frage ich mich, wie schwer Gedanken wirklich sind. Ich muss an den aus Migrationsberichten und Adipositas-Therapiegruppen bekannten Ausdruck „Die Vorurteile wogen schwer“ denken.

Malle Mallorca Palma Insel Spanien Urlaub

Ich sitze im Flieger nach Palma de Mallorca. Ich reise mit schwerem Gepäck: einem wuchtigen Koffer voller Vorurteile. Ballermann, Bettenburgen und Bierkönig. Wie zur Bestätigung klatschen die Bierkönige zur Landung.

Malle Mallorca Palma Insel Spanien Urlaub

Der Flughafen wirkt wie eine große Fischauktionshalle:  frische Weiße Haie werden massenweise angespült und gegen wohlgenährte deutsche Rotbarsche, Hummer und Krebse eingetauscht. Ich erröte, ob des Anblickes,  möchte mich als Dänin ausgeben und springe wie eine Forelle in das auf mich wartende Auto. Laut schlage ich die Autotür zu – und gleichzeitig ohne es zu ahnen, ein neues Kapitel auf.

Malle Mallorca Palma Insel Spanien Urlaub

Denn der Zauber dieser Insel beginnt mich zu ergreifen. Über immer einsamer werdende Straßen fahren wir ins Landesinnere. Vorbei an Mandelbäumen, Steinmauern, kargen Weiten und idyllischen Fincas. Die wärmende herbstliche Abendsonne taucht alles in ein Haut, Hirn und Herz erwärmendes Licht. Fern schimmern Bergketten durch die Dämmerung als wollten sie sagen „Geduld, wir werden uns schon noch sehen.“ Mit jedem Kilometer verschwimmt die Erinnerung an die Ankunft im Haifischbecken. Enge Feldwege führen uns schließlich zu unserem Ziel: eine einsame Finca zwischen Orangenbäumen und Schafweiden. Überreife Feigen liegen auf der Einfahrt. Ein unreifer Sprung in den eigenen Pool, ein kühles Glas leichter Weißwein und ich bin angekommen.

Malle Mallorca Palma Insel Spanien Urlaub

Nicht die Stimmen der Maschinen, nein, die Stimmen der Tiere wecken mich am nächsten Morgen. Gockel begegnen einem in der Großstadt viele, aber wann habe ich das letzte Mal einen Hahn krähen gehört? Hunde bellen, irgendwo blökt ein Schaf, eine Mücke surrt an meinem Ohr. Bullerbü statt Ballermann. Der Blick aus dem Fenster lässt einen still verharren. Verharren zwischen „Ich brauche nur hier und jetzt“ und „Ich brauche mehr von dieser Insel.“ Und so verbringe ich eine Woche in familiärer Einsamkeit und entspannter Ausflugerei. Ich entdecke verschlafene Bergdörfer, springe in türkisblaue Badebuchten und atme den Duft von Pinienwäldern.

Malle Mallorca Palma Insel Spanien Urlaub

Ich schramme vorbei am Massentourismus, begaffe im Vorbeigehen meine saufenden Vorurteile. Der weiße Streifen Haut unter ihrem All-Inclusive-Bändchen scheint das hellste an ihrem Körper zu sein. Wie gegrillte Sohlen schmoren sie in der Sonne. Doch obwohl eine Insel, Mallorca bietet genügend Platz, um sich aus dem Weg zu gehen. Zumal die Pfade der trägen, deutschen Krustentiere bestens berechenbar sind.

Malle Mallorca Palma Insel Spanien UrlaubUnd so kurven wir durch schmale Bergstraßen, schlendern durch die engen Gassen Palmas und beobachten Einheimische, die sich abends auf dem Marktplatz auf einen Plausch treffen. Freundlich wirken die Mallorquiner, die auch am Ende einer langen Saison noch neugierig ihrem radebrechenden, nach Schwarzbrot fragenden Gegenüber zu begegnen scheinen. Es fällt ohnehin schwer, unzufrieden zu sein auf einer Insel der salzigen Oliven, süßen Kuchen und saftigen Melonen.

Malle Mallorca Palma Insel Spanien Urlaub

Gedanken an die baldige Abreise fliehen vorbei wie nächtliche Schatten. Zu schön sind der Sternenhimmel und der nächtliche Ruf der Vögel. Mallorca bereitet eine Kulisse des Bleiben-Wollens. Quédate aquí. Und doch sitze ich wieder viel zu plötzlich in einem Flugzeug, das mich nach Hause bringen soll und ich frage mich, ob man nicht in der Ferne zuhause sein kann. Angesicht der in der Abendsonne unter mir schimmernden Insel rollt – ohne dass ich es bemerke – eine Träne der Rührung über die haselnussbraune Haut. Ich reise zurück – mit leichtem Gepäck und schwerem Herzen. Mallorca, nos vemos pronto. 

Malle Mallorca Palma Insel Spanien Urlaub




What the Fock – fünf Fremde und ein Boot.

Segeln Segeltörn Boot Kroatien

Warnhinweis.
Achtung, der folgende Text enthält sowohl verstörende Pauschalurteile, als auch abschreckendes Bildmaterial und ist für Leser mit einem Anspruch an Respekt und Menschenwürde nicht geeignet. Die dargestellten Inhalte dienen der Autorin zur therapeutischen Aufarbeitung einer besonderen Form der Seekrankheit und sollten von toleranten, zur Menschenliebe neigenden Personen nicht gelesen werden. 

Segeln Segeltörn Kroatien

Einleitung.
Zwei Freundinnen möchten Urlaub machen. Sie träumen von Wellen, Sonne und Mojitos. Sie möchten Küsten fernab überfüllter Strände entdecken. Sie möchten reisen ohne in Staus oder Parkhäusern zu stehen. Sie möchten fortkommen ohne sich selber zu pausenlos zu bewegen. Sie möchten dem Meer und dem Himmel nahe sein. Und so buchen sie einen entspannten Segeltörn entlang der kroatischen Küste (welcher sich zum späteren Zeitpunkt noch als Skippertraining herausstellen soll). Doch auch wenn sie all dies und damit einen herrlichen Urlaub tatsächlich erleben sollten, so buchten sie vordergründig keinen Segeltörn. In Wahrheit buchten sie eine spannende Sozialstudie entlang menschlicher Idiotie.

Nicht das Schwanken der Wellen oder das ungewohnte Essen sollte für säuerliche Übelkeit sorgen. Es waren die fünf fremden Mitreisenden, die die Gischt und Galle zum Sprudeln bringen würden.

Der Skipper: Patriar(s)ch mit dem pädagogischen Talent einer Bratpfanne.

Der Skipper – nennen wir ihn Vitali – begrüßt seine Gäste mit gebrochenem Deutsch und dem eisigen Blick eines Seemannes mit Badelatschen. Der Blick ist trotz schnittiger Sonnenbrille spürbar. Das graue, lichte Haar trägt er offen, um den kahlen Hinterkopf und damit das Eingeständnis in den eigenen Alterungsprozess zu kaschieren. So wirr wie sein Haupthaar, so wirr scheint sein Leben. Vitali ist im Sommer Segeltrainer. Im Winter ist er Skilehrer.  Vitali ist also Mensch gewordene Coolness. Er ist sogar so cool, dass er nicht ins Wasser geht – natürlich nur um die Wassertemperatur nicht unnötig abzukühlen.Und so ist er dazu da die Belegschaft sicher von Hafen zu Hafen zu bugsieren und vieren der sechs Passagiere tatsächlich einen Skipper-Lehrgang zu erteilen. Die anderen beiden Leichtmatrosen auf Erholungskurs dürfen dafür gerne lernen wie man ihm regelmäßig ein Bier bringen oder einen Käsewürfel reichen darf, wenn ihm danach ist. In Firmen mit mehr als sechs Mitarbeitern würde man für solcherlei Tätigkeit wohl Praktikanten (entgeltlich) beschäftigen. Im Gegenzug erklärt der sonderbare Pädagoge den dümmlichen Damen vom Sonnendeck gerne wie man ein Messer richtig hält oder dass man gutes Olivenöl daran erkennt, dass es in der Kehle richtig brennt. Er glänzt dabei mit Halbwissen, das so dünn ist wie seine Haare. Lässig steht er am Steuer, wippt aufreizend mit der Hüfte im Takt der Musik. Vitali ist nämlich nicht nur Herr der Wellen und des Après-Ski. Er ist auch ein begnadeter DJ. Nicht ganz ohne stolz präsentiert er sein Faible für ABBA und die No Angels. Die starrenden Blicke der weiblichen Belegschaft gehen ihm dabei runter wie Olivenöl. Wie richtig gutes Olivenöl.

Das Paar: Nichtwitzigbert und Hörigine negativieren durch die Weltmeere.

Ein hanseatisches Ehepaar mit Aussicht auf einen baldigen Renteneintritt ist Teil der Besatzung und möchte sein Segelwissen auffrischen. Nennen wir sie Nichtwitzigbert und Hörigine. Wobei nur Hörigine noch etwas lernen soll. Nichtwitzigbert weiß schließlich alles. Wirklich alles. Wie man Segelbegriffe dichtholt und über Backbord in jeden Satz einbaut. Dass man Risotto auch auf hoher See jawohl nur mit echter Brühen kochen kann – nicht mit Fertigwürfeln. Dass man mit jenem Taucherbrillenmodell den sicheren Tod sterben wird. Wie man selbst im unendlichen, türkisfarbenen, nautischen Paradies stets das negative Sandkorn finden kann. Nichtwitzigbert ist der heimliche Kapitän dieser MS Sonderbar. Aber vor allem ist Nichtwitzigbert eines. Er ist nicht witzig. Einfach wirklich nicht witzig. Das ist aber nebensächlich, wenn einem das in etwa fünfzig Lebensjahren nie jemand klar vor den Bug gehauen hat. Und Hörigine lacht und lächelt schließlich immer über Nichtwitzigberts Sprüche („Wir üben jetzt das Frau über Bord Manöver“). Hörigine wird von Nichtwitzigbert liebevoll „Babe“ genannt. Und so erklärt er ihr in der Tat wie einer 2-jährigen wie diese große, schreckliche Welt wirklich funktioniert. Dass Fische Gräten besitzen und man diese nicht mitessen sollte. Er sagt ihr wann sie sich die Zähne putzen, ein Skippertraining absolvieren, das Steuer und die Klappe halten darf. Sie lächelt. Und erfreut sich der Delfine im Wasser. „Ach, so schöne Fische“.

Das Gespenst: Ist da jemand? 

Lücke, eine zarte Frau Mitte zwanzig, ist ebenfalls an Bord. Glaubt man. Sicher kann man nicht sein. Denn Lücke ist unsichtbar. Lücke ist lautloser als der Wind, der ihr durch die braunen Haare weht. Lücke ist so dünn und blass, dass sie vor dem weit gespannten Segeltuch verschwindet. Man muss Angst haben, dass sie mit ihren Reiswaffeln in der Hand davon geweht wird. Die Tragfähigkeit der Waffeln, aber auch Lücke selbst sollte man nicht unterschätzen. Lücke ist die einzige Person an Bord, die wirklich etwas lernen möchte. Mit eng gespitzten Lippen folgt sie Vitali`s wirren Einweisungen, lässt sich von ihm ungefragt Fische auf den Teller zum Probieren legen und lauscht dem Seemannsgarn von Nichtwitzigbert.  Lücke`s eigener Beitrag zu den Tischgesprächen besteht hingegen aus einem Lachen, welches wie das Räuspern einer Dorado klingt und einem einzigen Satz. „Nur einen kleinen Schluck, bitte.“

Der Beklobbte: Faultier sucht Delfintherapie. 

Der letzte Fremde an Board kennt viele Namen: Müllschlucker, Faultier, der Schläfer. Doch am treffendsten dürfte die Bezeichnung Quotenidiot sein. Quotenidiot hat es nicht leicht im Leben. Geschieden. Drei Kinder. Kein Job. Segelprüfung nicht bestanden. Doch dieser Segeltörn soll ihn auf andere Gedanken bringen. Wobei Gedanken an sich nicht wirklich zu ihm passen. Quotenidiot ist kein Freund komplizierter Knoten. Er ist einfach gestrickt. So mag Quotenidiot zum Beispiel einfache Zwei-Wort-Sätze („Glas, halbvoll.“). Wenn er nicht schlingernd am Steuer steht, sitzt er mit einer Tupperdose voller Lernkarten auf dem Schoß irgendwo an Deck. Er starrt ins Nichts, bewegt seine Lippen und zeigt ab und zu lauthals „Dingi“ oder „Fender“ brüllend auf Gegenstände an Bord. Zu Beginn zuckt die Besatzung noch jedes Mal zusammen. Gen Ende der Reise beginnt sie in solchen Moment reflexhaft die Qualität des heutigen Windes zu besprechen. Quotenidiot kann nicht viel, aber eines beherrscht er wie kein anderer: er ist Profi in Sachen effizienter Nahrungsmittelvernichtung. Er beeindruckt mit maximaler Beladung der Mundhöhle bei gleichzeitiger Fixierung etwaiger Reste auf den umliegenden Tellern. Sind die letzten Krümel vom Tisch entfernt hält er gerne ein Sekunden-bis-Stunden-Schläfchen zu Tische. Neben dem Segeln und Tischmanieren stellt das Gehen seine größte Herausforderung dar. Am letzten Tag stolpert Quotenidiot – zu Land – und schürft sich das Bein auf. Er möchte seine Wunde lufttrocknen, wie den Schinken („Schinken, lecker), den er heute Morgen in sich hineingeschoben hat. Und so rinnt den ganzen Tag das Blut über Deck bis er Abends endlich sein Bein im Restaurant auf einer Stuhllehne hochlegen kann. Man möchte sagen „Quotenidiot, what the Fock?“. Aber Reisebegleiter können halt nicht immer sauber durchgebraten sein. Manchmal sind sie eben nicht ganz gar im Kopf. Kein Grund die eigene Urlaubslaune über Bord zu werfen.

Segeln Bein




Das Glück der Erde.

Ich reise. Nicht weil ich mich besonders gerne mit leicht gekleideten, sonnenverbrannten Touristen umgebe und in Restaurants, die mit Fotoalben anstatt mit Speisekarten aufwarten, esse. Nicht, weil ich gerne in meiner Landssprache an andern Menschen vorbeisprechen und “Schnipo“ mal mit einem Klecks Sonnencreme statt Mayonaise verspeisen möchte. Ich reise, weil ich andere Kulturen, Menschen, Landschaften und Lebensweisen kennenlernen möchte.

Daran muss ich denken als ich in einem klapprigen Transporter ohne Gurte und richtig schließender Tür durch kroatische Hügellandschaften ruckele. Ob der Wagen nur nach Stallluft oder doch nach Organhandel riecht, vermag ich nicht zu beantworten. Und so rattere ich meinem nächsten Abenteuer entgegen: eine Woche Wanderreiten durch Dalmatien. Eine Woche an deren Ende ich weder Organe, noch meine Zähne oder den Lebenswillen, aber vor allem eines verloren haben sollte: Alltagssorgen. Und einen Handschuh.

Die Reise auf den Spuren von Winnetou beginnt zunächst mit einem Testritt und einem eigentlich einfachen Akt. Man holt Pferde von einer Weide, putzt und sattelt das Getier und reitet los. Die „einfache“ Bilanz: drei Pferde reißen sich los und galoppieren davon, eines zertrümmert eine Box und den Optimismus seines Reiters, diverse Halfter hängen nur noch in Fransen an den augenrollenden streitbaren Rössern und ich prüfe noch mal schnell meine Auslandskrankenversicherung. Die von ihren Freunden getrennten, aufgewühlten Pferde erreichen damit ihr eigentliches Ziel: Pferdemädchen verschrecken, die am Ende gar nicht mehr so richtig losreiten wollen. Doch gibt es kein Zurück mehr. Und so tänzeln wir los, ein Haufen Ponys auf Koks und ihre Reiter auf dem Weg in den sicher geglaubten Tod. Ob man auch noch mit zertrümmerten Organen handeln kann? Ehe ich den Gedanken zu Ende spinnen kann, steht der erste Galopp an. Mein „Ach du lass mal stecken“ verhallt im Trampeln der davontobenden Pferde. Ich befinde mich auf einem vierbeinigen Erdbeben, rase über ein endloses Feld und gewinne erst durch eine im Gebüsch liegende Mitreiterin wieder das Gefühl für oben und unten zurück. Da muss also unten sein. Und so sitzen wir am Abend des ersten Tages beisammen und sehnen uns nach bebilderten Speisekarten.

Doch wie der Sonnenschein nach einem donnernden Gewitter grüßt der nächste Tag. Mensch und Tier finden zur Ruhe und zueinander. Und so wird der Blick frei für die Welt jenseits des explosiven Fellbüschels. Frei für einsame Berglandschaft, grüne Hügel, erdbeerrote Klatschmohnfelder, farbenfrohe Blumenwiesen und pure Einsamkeit.

Die Nase atmet den Duft von sonnengewärmten Kräutern. Kein Geräusch außer das Rufen des Kuckucks und das gleichmäßige Klappern der Hufe begleitet uns. Wir reiten durch eisblaue Flüsse. Rasen im Jagdgalopp über unendliche Felder. Die Freude und Energie der Pferde springt auf uns über. Je schneller wir reiten, desto langsamer kreisen die Gedanken. Kein Handy, kein Verkehr, keine Entscheidungen, keine Pläne. Wir folgen unserem Guide. Schmetterlinge weisen uns den Weg.

Wir rasten im Schatten großer Eichen neben den grasenden Pferden. Trinken Schnaps, essen frischen Käse und deftigen Eintopf. Schwimmen im eiskalten Bergsee und fühlen uns frei. Weg sind die Gedanken an Organhandel. Die Erinnerung an den erste Tag wirkt wie ein skurriler, melodramatischer Traum. Mensch, Tier und Natur wirken im Einklang. Doch dann meldet sich letzter mit einem eindrücklichen Klang zurück: Donnergrollen in der Ferne.

Während die Reiter sich vergeblich an Verhaltensregeln für Gewitter zu erinnern versuchen, sich in Regenkleidung zelophonieren und am Pferderücken festklammern wie eine Wäscheklammer an windumtosten Leinen, trotten die Tiere stoisch ihres Weges. Mit vom Regenwasser getränkten Schuhen galoppieren wir über Äcker, Schlamm spritzt, Blitze schlagen unsympathisch nah ein, und ich denke nur: wenn dich jetzt der Blitz trifft stirbst du wenigstens sehr, sehr glücklich. Doch nach einer Woche in der kroatischen Wildnis, Gastfreundschaft und Ursprünglichkeit trifft mich einzig eine Erkenntnis wie ein Blitz: es braucht so wenig im Leben um glücklich zu sein. Eine Auslandskrankenversicherung braucht es dafür nicht.




Allerlei on ICE – Gedankenfetzen einer Reise.

Bahn DB ICE Bahnfahrt Reisen Zug Bahnhof Leipzig

Eine Zugfahrt durch die abendliche Dunkelheit. Keine Landschaften, nur diffuse Lichtpunkte rasen vorbei. Der Blick wird klarer für das Innere – das Innere des Geistes. Und des Zuges. Das Gefühl für Zeit, Ziel und Geschwindigkeit schwindet. Mit ihm schwindet die Klarheit der Gedanken. Was bleibt, sind vorbeirasende Gedankenfetzen.

Bahn DB ICE Bahnfahrt Reisen Zug Bahnhof Leipzig

Der Mann neben mir wischt durch eine Dating-App. Dass er Mitte sechzig und äußerst unattraktiv ist, tut seinem Elan keinen Abbruch. Der Klapptisch vor ihm liegt schief auf seinem Bauch auf. Ich befürchte, dass „Beate, 41“ von ihrer wackeligen Unterlage auf meinen Salat rutscht. Rote Beate, 41.

Der Wagen ist so voll, wie die Besucher eines Heavy Metall Konzerts. Bei der nächsten Haltestelle herrscht wilder Trubel. So stelle ich mir Bettenwechsel an der Costa Brava im August vor. Eine freundliche ältere Dame nimmt mir schräg gegenüber Platz. Fällt man in die Kategorie „ältere Dame“, wenn man beginnt bequeme Schuhe aus dem Reformhaus zu tragen? Wenn man „Prosa“ statt „Die Rückkehr der Wanderhure“ liest? Wenn einem dieser eigenartige Geruch aus Rheumasalbe und altem Parfüm, welches geruchlich eher an puren Gin als an Lilien erinnert, anheftet? Die ergraute, rüstige Frau vor mir fällt augenscheinlich in diese Kategorie. Sie nimmt ein geschmiertes Graubrot und ein vergilbtes Taschenbuch aus ihrer quadratischen Handtasche. Umgeben von iPads, Headphones, veganen Wraps und grünen Smoothies scheint sie in einer anderen Zeit zu reisen. Ich schaue sie über den Rand meines Laptops, Handys und Proteinriegels hinweg verstohlen an. Sie blickt mich an, lächelt und fragt: „Kennen Sie vielleicht das W-LAN Passwort?“ Ich schüttele den Kopf. Ertappt. Sie zückt dennoch ihr Smartphone und beginnt eine Whatsapp-Nachricht zu tippen. Ob an ihre Enkel oder ihren Berater für akzessorische Anlagesubstitutionsstragien vermag ich nicht zu erkennen. Ich frage mich, ob sie im nächsten Moment Bluetooth-Kopfhörer aus ihrer Tasche zieht und sich Heavy Metall Musik in die Ohren donnert. Ob sie vielleicht wirklich einen Gin ohne Tonic vor Fahrtantritt getrunken hat?

Jemand nimmt seine Tasche aus der Gepäckablage. Ein Furz fällt dabei in mein Gesicht. Ich brodele wie eine Magmaquelle. In diesem Moment wünsche ich mir, dass durch bunte Seifenblasen sichtbar gemachte Fürze ein evolutionärer Vorteil gewesen wären. So wäre sofort sichtbar, wer für eine dreiste Geruchsbelästigung im öffentlichen Raum bzw. in meinem Gesicht verantwortlich ist. Und so würde mein Kopf nun in einer bunten Wolke aus tanzenden Seifenblasen stecken. So steckt er in einem faulen Ei und ich denke vergeblich an Darwin.

Ich weiß nicht, ob es etwas über meine Evolutionsstufen aussagt, aber ich scheitere am WifionICE. Genauso, wie ich an einer Teilnahme bei Holiday on Ice scheitern würde. Vergeblich frage ich mich, ob mein Zug pünktlich ist. Während der Mann neben mir weiter versucht, reife Damen zu „erwischen“ und ein anderer Passagier videotelefonierenderweise im Gang steht, stelle ich fest, dass der Begriff Funkloch sachlich falsch ist. Korrekt wäre Funkrisse. Ein Geflecht feiner Risse entlang des gesamten Schienenverkehrsnetzes zieht sich durch Deutschland. Und so gleite ich durch eine wohlige Ritze der Unwissenheit, der Unerreichbarkeit. Ich komme eben an, wann ich ankomme. Beim Verlassen des Zuges werde ich feststellen, dass ich die gesamte Fahrzeit über auf dem detaillierten Zeit- und Reiseplan saß. Pfiffig.

Bahn DB ICE Bahnfahrt Reisen Zug

Am Vierertisch neben mir unterhalten sich zwei Männer ohne Worte.Ich schaue ihrer Choreographie aus Gesten, Bewegungen und Gesichtsausdrücken zu. Ihre Mimik wirkt so viel klarer, ihre Blicke intensiver, ihre Gesprächshaltung interessierter. Kann man als Gehörloser eigentlich auch jemandem nicht zuhören? Dazu lausche ich der Musik, die über meine Kopfhörer nur für mich spielt. Ich wippe mit dem Fuß. Singe lautlos mit. Zu spät bemerke ich, dass sich meine Lippen bewegen. Als würde ich versuchen, der taubstummen Unterhaltung beizuwohnen. Ich erwarte, dass mich bald jemand entgeistert ansieht und mit einer internationalen Gestik kommentiert: die flache Hand vor der Stirn hin und her wedelnd. Doch meine Umgebung zeigt sich blind und taub.

Das allgemeine Desinteresse wird schließlich durch eine Lautsprecherdurchsage durchbrochen. „Ein Zugbegleiter mit F bitte in Wagen 21“. Vergeblich warte ich auf eine erneute Durchsage: „Ich weiß es. Ich weiß es: Zugbegleiter mit F ist Florian Fischer.“ Ich stelle mir vor, wie ein Schaffner mit Fischbrötchen, Frotteesocken oder Fritteuse durch den Zug eilt. Doch nichts passiert. Die extrudierten Köpfe tauchen wieder tief ein in ihre Smartphones mit WifionICE. Doch wenige Minuten später folgt tatsächlich eine zweite Durchsage „Wir bitten Sie, auf den Toiletten auf das Verwenden von Haarspray oder Deodorants zu verzichten, da diese den Feuermelder auslösen.“ Eine Frau zwei Reihen vor mir bekommt rote Ohren. Sollte sie beginnen zu schwitzen, dürfte sie immerhin über ausreichenden Deo-Schutz verfügen. Sherlock Holmes kombiniert: F steht dann wohl für Feuerlöscher.

Ich beobachte einen Geschäftsmann.Konzentriert starrt er in seinen Laptop. Die Tiefe seiner Denkfalte lässt vermuten, dass es um nichts anderes als die Tilgung der gesamten Staatsverschuldung oder die letzte Ziffer der Zahl Phi gehen muss. Ich male farbenfrohe Geschichten über sein Leben, wie in einem Malbuch aus. Als mein lang gehegter Lebenstraum endlich Wirklichkeit wird – ich steige aus – drehe ich mich um und blicke auf den Bildschirm des Mannes. Er spielt Solitär. Seinen Desktophintergrund ziert dabei ein Bild des drallen, nackten Hinterns seiner Herzdame.

Meine Gedankenfetzen reißen ab.

Bahn DB ICE Bahnfahrt Reisen Zug

P.S.: Der Schellenaffe nimmt es nicht nur mit Bahnreisenden, sondern auch mit ihm gestellten Denksportaufgaben auf. Getreu dem Motto „Ein Fuchs (oder Affe) muss tun, was ein Fuchs (oder Affe) tun muss“ hat er seine Prosa wie ein Sherlock Holmes akzessorisch substituiert und stattdessen feurige neue Begriffe, wie aus einer Magmaquelle extrudiert. Pfiffig.

Hausaufgabe Schellenaffe




Singapur – zwischen Genuss und Gesetz

Singapur bei Nacht

Ich bin eine Verbrecherin, eine skrupellose Kriminelle. Gleich zwei Straftaten habe ich binnen 30 Minuten begangen und spüre nicht einmal Reue. Ich habe in der U-Bahn Cola getrunken, weil ich durstig war. Anschließend bin ich quer über eine Straße gelaufen, ohne eine Ampel zu suchen, weil ich faul war. Es fühlte sich beides richtig und gut an. Doch bin ich zu Gast in einem Land, in dem dies nicht richtig und nicht gut ist.

Ich bin in Singapur – einer Stadt der Genüsse und Gesetze.

Auf den ersten Blick wird man berauscht von dieser Millionenstadt. Hoch sind die Häuser, grün die Alleen, vielseitig die Kulturen, vorzüglich das Essensangebot. Die Menschen zeigen sich freundlich, hilfsbereit und weltoffen. Schwüle Hitze und kühler Luxus benebeln den Geist. Ursprünglicher tropischer Regenwald und mit Palmen verzierte Gucci-Kleider sind einen verschwitzen Steinwurf voneinander entfernt. Die nächtlichen Lichter verleiten zum unbekümmerten Träumen.

Singapur

Alles scheint in Singapur möglich – bis auf eines: Chaos.Sauberkeit und Ordnung sind das S und O in Singapore, dieser isolierten Welt. Herrscht in den zum Greifen nahen Nachbarländern Südostasiens ein sympathisches, allgegenwärtiges Durcheinander aus Straßenlärm, Unordnung und Infektionsgefahr, wirkt Singapur so steril wie das Arztbesteck eines Kieferchirurgen. Alles ist pünktlich, sauber und gesittet. Man stellt sich vor, wie ein Außerirdischer das erste Mal auf der Erde landet und zunächst im possierlichen Singapur auf die wirkliche Menschheit vorbereitet wird. In dieser Quarantänezone für Aliens findet sich schließlich ein Querschnitt so vieler Kulturen – Asien, Indien, Europa – aber in einem überschaubaren und geordneten Rahmen.

Singapur Garden of the trees

Der Grund für diese außerirdisch wirkende Makellosigkeit ist mal offensichtlich, mal verborgen. In jedem Fall trägt er einen faden Beigeschmack: unbeugsame Disziplin. Singapur ist zwar ein Staat, der das Etikett der Demokratie trägt (aber natürlich nirgendwo aufkleben würde). Schaut man jedoch unter die spiegelglatte Fassade, entdeckt man ein Einparteiensystem, das rigorose Gesetze und Strafen androht und verhängt. Würde beispielsweise mein kleinkriminelles, durstiges Verhalten beobachtet, würde mich eine Strafe in Höhe meines Flugticketpreises erwarten. Oder ich dürfte als besonders resilienter Wiederholungstäter gleich für drei Monate ein charmantes Gefängnis besuchen und mir ein gänzlich neues Rückflugticket besorgen. Ein vermutlich außerirdisches Erlebnis.

Doch wo in London, Kapstadt und Los Angeles starke Polizeipräsenz zur Ordnung mahnt und Sicherheit suggeriert, sucht man in Singapur vergeblich nach bewaffneten Ordnungshütern. Stattdessen begleiten einen Videokameras durch den Tag. Wo in anderen Ländern Bettler um eine Spende bitten und vor Taschendieben gewarnt wird, mahnen Hinweisschilder zur Ordnung und bewerben eine WhatsApp-Nummer zur Denunziation. Ich fühle mich beobachtet – wobei dies vermutlich zu gleichen Teilen der Tatsache geschuldet ist, dass ich mir als einziger Passagier in der U-Bahn den Kopf stoße. Ich beginne mich angesichts des Strafmaßes für so banales „Vergehen“ zu fragen, ob der Coffee to Go in der eigenen Hand einem Molotow-Cocktail gleich kommt. Auf welcher Straßenseite muss ich gehen? Wo darf ich meinem nassen Regenschirm ablegen und muss er im rechten Winkel drapiert werden? Fragen, die ich mir bisher im Leben nicht gestellt habe.

Singapur Schilder Regeln Strafen

Und so beginne ich zu recherchieren und stelle zum Beispiel fest, dass ich mit meinem Bruder niemals zusammen nach Singapur fahren sollte: Streit in der Öffentlichkeit wird mit 5.000 SDR bestraft. Ob sich das Strafmaß reduziert, wenn man erklärt, dass es nur um den Besitzanspruch eines Kekses ging, bleibt offen. Schusseligkeit in Form eines fallengelassenen Bonbonpapiers oder Vergesslichkeit in Form einer nicht gespülten Toiletten wird ebenfalls hochpreisig bestraft. „Verwechselt“ man wiederum einen Aufzug mit einem Pissoir, löst der Urin ein Geruchssensor aus, der die Türen bis zum Eintreffen der Polizei verschließt. So sind hier selbst Verhaftungen effizient gestaltet. Es empfiehlt sich also nur große Geschäfte in Fahrstühlen zu machen. Das Sinnbild für Zügellosigkeit, Chaos und Verwahrlosung ist wiederum nicht ein beschmutzter Fahrstuhl, sondern ein Kaugummi. Selbstverständlich. Genauso wie Cannabis kann man daher in diesem Land, in dem man vom Boden essen könnte, es aber nicht dürfte, keine Kaugummis kaufen. Es sei denn man hat ein ärztliches Attest. Die Strafen hierfür sind im Allgemeinen keine wie die von banalen Ordnungswidrigkeiten, sondern so hoch angesetzt, dass einem das Trinken, Kauen und Zetern schnell vergeht.

Dass einem Gast aus der Ferne dieses Ordnungs- und Regelwerk befremdlich erscheint, ist vermutlich normal. Doch wie empfinden die Singapurer selbst ihr System aus kompromissloser Ordnung? So normal, wie dem Deutschen sein festes Brot erscheint. Der Taxifahrer schwärmt stolz davon, wie sauber und sicher seine Stadt sei und dass man hier nicht einmal Waffen kaufen könne. Ich frage mich, ob Kaugummis auch unter Waffen fallen und er mir beibringen kann, wie man denn mit einem Kaugummi jemand tötet. Jüngeren Generationen werden jedoch ein zunehmend lockerer Umgang mit den Regeln und ein zartes Aufbegehren gegen die subtile Despotie zugesprochen. Ich habe sogar junge Menschen bei Rot über die Straße gehen sehen. Irre.

Singapur Skyline

Läuft man nun ob bei Rot oder Grün durch diese Stadt erfreut man sich beschämt der Vorzüge, die dieser denunziatorische Polizeistaat mit sich bringt.Nirgendwo habe ich mich bisher so sicher – ok und beobachtet – gefühlt. Anstatt mir Gedanken über die Fahrtauglichkeit des Taxifahrers, die Sauberkeit der Toilette oder die Zwielichtigkeit meiner Wohngegend zu machen, kann ich die Eindrücke dieser Stadt sorgenfrei aufnehmen und geniessen. Doch bei all der Schönheit und Pracht, sollte wohl beim Entdecken neuer Welten  der kritische Blick hinter die Kulissen nicht fehlen.

Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Urlaub und Reisen.

Egal auf welcher Reise, ein bisschen Aufbegehren hat noch nie geschadet: kurz vor der Rückkehr ins geradezu anarchisch wirkende Deutschland, setze ich noch einmal alles auf eine Karte und laufe illegalerweise nackt durch mein eigenes Zimmer. Und frage mich, ob es eigentlich eine Strafe fürs Spannen gibt in diesem Singapur, der Stadt zwischen gepflegter Ironie und ordentlichem Wahnsinn.




Deutschland, du Land der Dichter, Denker und Erfinder – von Slogans.

Deutschland

Des Deutschen liebstes Reiseziel ist und bleibt Deutschland. So rational wir Deutschen sind, so verständlich ist dieser Schritt. Kann es ein schöneres Reiseziel geben als dieses ordentliche, pünktliche, unaufgeregte, Funktionskleidung tragende Wunderland, welches geteilt ist in 15 kleine, paradiesische Oasen der Vielfalt – und Bayern? Wer braucht da schon fernöstliche Darmviren, italienische Unpünktlichkeit oder amerikanische Fettleibigkeit, die sich zunehmend im Gehirn abzusetzen scheint, wenn er Schwarzbrot, einheitliches Wetter (13° und Nieselregen) und flauschiges Toilettenpapier haben kann.

Jetzt zu Beginn eines jeden Jahres plant und bucht der gewissenhafte Deutsche daher seinen Jahresurlaub im eigenen Land. Doch wo soll die Reise hingehen bei all den Möglichkeiten? So bunt ist die Auswahl, so schwarzrotgolden sind die Aussichten. Längst haben die Bundesländer den Kampf um Besucher, Bewohner und Sanifair-Anlagen-Nutzer aufgenommen. Mit emotional aufwühlenden Werbekampagnen buhlen sie um unsere Gunst und laden uns zum Verweilen ein. Pointierte Slogans lachen uns von Autobahnschildern an und man fährt mit Stolz und Neugier durch dieses vielfältige Land. Ein Land in dem so viel möglich zu sein scheint –  sei es hanseatische Haarentfernung mit Panoramablick (Hamburg: „Wachsen mit Weitsicht.“) oder wohltuende, mecklenburgische Starkstromtherapien mit Megavolt („MV tut gut.“). In diesem Land, das einst geteilt war, gibt es keine Grenzen: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ (Baden-Württemberg) – ok und bescheiden sein, Feinstaub reduzieren und Elektroautos bauen. Aber dafür haben unsere grünen Landesväter einen feschen Borstenschnitt.

Deutschland Hamburg Elphi Landungsbrücken

Eine Reise durch die Republik zeigt uns, dass wir ein Land der Lässigkeit und Toleranz sind. In der Hauptstadt darf gestottert („Be Berlin.“) werden. In Brandenburg darf ein jeder „Neue Perspektiven entdecken.“. Da ist es dann auch völlig in Ordnung, wenn man die „neuen“ Perspektiven der AfD entdeckt und einer Partei der Rückwärtsgewandtheit zu einem 22%-Wahlerfolg verhilft. Dabei denkt die AfD  genau wie NRW, sie sei „Germany at its best.” Das Beste von Germany schlussfolgern wir sind dann also permanente Staus – des Verkehrs oder der Blutzufuhr zum Gehirn.

Deutschland Ruhrgebiet NRW

Im Saarland gilt wiederum „Großes entsteht immer im Kleinen.“ – und es liefert direkt anschauliche Belege, wie zum Beispiel den Größenwahn im Kleingeiste eines Oscar Lafontaine. Großartig. Ehrlicher und direkter agiert man beim Nachbarn Rheinland-Pfalz. Dort gilt „Wir machen’s einfach.“  – nach einem Glas Dornfelder mit der eigenen Cousine. Einfach sind dann auch die Kinder, die hieraus entstehen. Ehrlich ist auch Bremen mit seinem „Bremen erleben.“. Der Besucher ahnt bereits, dass es hier weniger um ein „Bremen genießen oder lieben“ denn um ein „Bremen überleben“ gehen wird. Die hohe Arbeitslosigkeit, Kriminalität und schlechten Schulen der Stadt sind in der Tat ein Erlebnis der Kategorie eindrücklich. Die Weiterreise führt den reiselustigen Bürger sodann nach „Niedersachen. Klar.“…wie Küstennebel. Doch „der echte Norden“ist dann nur in Schleswig-Holstein zu finden. Nur echt mit Güllegeruch und Mittelohrentzündung.

Deutschland Ostsee Küste Strandkorb

Egal ob man sich nach so viel norddeutschem Kulturreichtum auf den Weg nach Helsinki, Honolulu oder Heilbronn aufmacht – „An Hessen führt kein Weg vorbei.“  Das ist so sicher, wie der Durchfall nach zu viel Apfelwein. Kaum in Hessen angekommen wird man dann aber auch direkt gen neue Bundesländer abgeführt. Hier merkt man den Klassenneulingen an, dass sie sich um mehr Seriosität, Inhalte und Traditionsbewusstsein bemühen. Sachsen-Anhalt brüstet sich neunmalklug als „Ursprungsland der Reformation.“ und möchte dafür bewundert werden, dass jemand mal vor sehr langer Zeit einen Zettel an eine Tür geklebt hat. Thüringen kommt geradezu Freudsch daher mit einem „Hier hat Zukunft Tradition.“ Einzig Sachsen bereitet etwas Zukunftssorgen und scheint sich aus Tradition in einer permanenten Findungsphase aufzuhalten. Im „Land der Frühaufsteher“steht man früh auf, um regelmäßig neue Slogans zu erfinden. Und landet am Ende beim denkbar Unattraktivsten, was dieses Land zu bieten hat: „(So geht) Sächsisch.“ Doch glaubte man Sachsen abgeschlagen auf dem letzten Platz, so überholen uns die Frühaufsteher prompt. Modern, wortwitzig und visionär verkünden die sächsischen digital natives ab diesem Jahr: „Hier macht das Bauhaus Schule. #moderndenken“. #modernEUgelderverschwenden

Und Bayern? Bereitet sich anscheinend auf den geplanten bayexit vor und verweigert sich des albernen Werbeblocks. Bayern kann demzufolge nichts. Nicht einmal Hochdeutsch. Und macht doch wieder einmal alles richtig.