Spuren im Sand und Kopf – von Fernweh und Aussteigerfantasien.

Gefühle zu konservieren ist so schwer wie Mango-Grünkern-Marmelade zu mögen. Flüchtig und augenblicklich verschwimmen Emotionen. Sie festzuhalten ist unmöglich. Allein sie zu beschreiben, sich an sie zu erinnern wird ihnen in der Regel schon nicht gerecht. Verklärung und Vergessen verformen die Erinnerung.
Und doch ist es einen Versuch wert, die Gefühle und Gedanken, die Erlebnisse in uns auszulösen vermögen, festzuhalten ehe das, was wir Alltag, was wir Leben nennen die Erinnerung daran verwischt und verläuft – wie Kleckse von Mango-Grünkern-Marmelade im Sand. Und so ist da dieses Gefühl, diese Idee des „Haltet mein Leben an, ich möchte aussteigen.“ Ein Gedanke, der regelmäßig wiederkehrt und ebenso regelmäßig unter einem Sandhaufen an ToDos, Terminen und Tüdelkrams in Vergessenheit gerät. Vergraben und verdrängt unter einem „Ach das war nur so eine Schnappsidee“ – bis zur nächsten Flut. Um trotz stetig steigender Meeresspiegel nicht bis zur nächsten Sturmflut warten zu müssen, darf hier nun dieses Gefühl zu Wort kommen. Ein Gefühl, das kommt und geht – aber nie so ganz.
„Liebes Du, hier spricht dein Fernweh. Ja, ich bin wieder da. Du warst mit mir, nein wegen mir im Urlaub und jetzt bin ich mit dir heimgeflogen. Du wolltest mich zurücklassen, dachtest ich würde nun endlich Ruhe geben, aber ich saß einfach neben dir im Flugzeug nach Hause. Alleine ohne dich zurückbleiben wollte ich nicht und du „musstest“ ja „nach Hause“ reisen. Als ich dich fragte warum, sagtest du irgendwas von „die Arbeit und gutes deutsches Graubrot“. Ich konnte dir nicht ganz folgen. Und so bin ich dir gefolgt, um zu sehen, was dich davon abhält in der Ferne zu verweilen und statt des Fernwehs das „Nahheil“ zu suchen.
Ich hab dich ein paar Tage hier begleitet, auch wenn du dir für mich keine Zeit nimmst. Zeit scheint ohnehin das große Thema in deinem Leben hier zu sein. In deinem Alltag ist Zeit kostbar, du planst ihren Einsatz stoisch genau und leidest unter ihrem Mangel, wie unter dem Essen damals in Mexico. Haha, weißt du noch? Jedenfalls konnte ich kaum Schritt mit dir halten. Unablässlich scheinst du damit beschäftigt zu sein, dein Leben zu managen, zu optimieren, nach Wegen zu suchen glücklicher zu sein. Mehr Sport, neuer Job, diese Theaterpremiere, jener Italiener. Hörst du, wenn ich dir in solchen Moment leise ins Ohr flüstere „Sag dem Taxifahrer, er soll dich bis ans Meer fahren“ oder „Willst du dein Leben rocken, trage besser keine Socken“? Denn im Urlaub warst du barfüßig glücklich. Du warst mir nah. Ohne, dass du es gemerkt hast. Ohne, dass du darüber nachdenken musstest. Du warst es einfach. Zeit war nicht kostbar. Zeit war einfach jetzt. Du hast dich nicht um Geld, Geburtstage oder Gartenarbeit gekümmert. Nur wenig konnte dir über die in der Regel strapazierte Leber laufen. Deine einzige Sorge war vielleicht mal der Lichtschutzfaktor oder Fifty shades of dying. Und doch warst du überlebensfähig. Der Rausch der Eindrücke, die schiere Größe dieses Planeten, die ferne Kultur, die auf einmal zum Greifen, zum Schmecken nah war, all dies raubte dir den Atem. Und war gleichzeitig die Luft, die du zum Leben brauchst.

Und nun bist du zurück in deinem Leben. Und ich bin geblieben. Ich, der ungemütliche Teufel mit Backpack und Lonely Planet. Ich bin nicht greifbar. Ich werde dir immer eine Flugmeile voraus sein. Dir den Weg weisen, ohne ihn selber zu kennen. Ich locke Träume an, wie Motten das Licht. Wie ein kleiner Post-It-Zettel, der auf deinem Leben klebt, erinnere ich dich daran, dass du noch Milch kaufen und die Welt bereisen sollst. Dass du Berge besteigen, Wellen reiten, die Milchstraße wiedersehen und Elefanten berühren wolltest. Ausrechnet jetzt, wo du die Ferne bereist hast, bin ich laut und noch immer da. Ich bin laut, wenn du morgens deine Autoscheibe frei kratzt und sich jemand beim Bäcker vordrängelt. Wenn du Mundwinkel deiner Mitmenschen betrachtest und an ferne Winkel denkst. Ich, dein Fernweh, bin laut und scheppernd, wenn die Ferne schmerzlich weit weg ist. Doch durch den Lärm versuche ich dir nur zu sagen, dass du wie einen neuen Haarschnitt einfach mal etwas anderes ausprobieren sollst (sei es Mango-Grünkern-Marmelade).
Das meiste wächst schließlich nach.
Dein Fernweh.“























Und so kurven wir durch schmale Bergstraßen, schlendern durch die engen Gassen Palmas und beobachten Einheimische, die sich abends auf dem Marktplatz auf einen Plausch treffen. Freundlich wirken die Mallorquiner, die auch am Ende einer langen Saison noch neugierig ihrem radebrechenden, nach Schwarzbrot fragenden Gegenüber zu begegnen scheinen. Es fällt ohnehin schwer, unzufrieden zu sein auf einer Insel der salzigen Oliven, süßen Kuchen und saftigen Melonen.







Die Nase atmet den Duft von sonnengewärmten Kräutern. Kein Geräusch außer das Rufen des Kuckucks und das gleichmäßige Klappern der Hufe begleitet uns. Wir reiten durch eisblaue Flüsse. Rasen im Jagdgalopp über unendliche Felder. Die Freude und Energie der Pferde springt auf uns über. Je schneller wir reiten, desto langsamer kreisen die Gedanken. Kein Handy, kein Verkehr, keine Entscheidungen, keine Pläne. Wir folgen unserem Guide. Schmetterlinge weisen uns den Weg.
Wir rasten im Schatten großer Eichen neben den grasenden Pferden. Trinken Schnaps, essen frischen Käse und deftigen Eintopf. Schwimmen im eiskalten Bergsee und fühlen uns frei. Weg sind die Gedanken an Organhandel. Die Erinnerung an den erste Tag wirkt wie ein skurriler, melodramatischer Traum. Mensch, Tier und Natur wirken im Einklang. Doch dann meldet sich letzter mit einem eindrücklichen Klang zurück: Donnergrollen in der Ferne.
Während die Reiter sich vergeblich an Verhaltensregeln für Gewitter zu erinnern versuchen, sich in Regenkleidung zelophonieren und am Pferderücken festklammern wie eine Wäscheklammer an windumtosten Leinen, trotten die Tiere stoisch ihres Weges. Mit vom Regenwasser getränkten Schuhen galoppieren wir über Äcker, Schlamm spritzt, Blitze schlagen unsympathisch nah ein, und ich denke nur: wenn dich jetzt der Blitz trifft stirbst du wenigstens sehr, sehr glücklich. Doch nach einer Woche in der kroatischen Wildnis, Gastfreundschaft und Ursprünglichkeit trifft mich einzig eine Erkenntnis wie ein Blitz: es braucht so wenig im Leben um glücklich zu sein. Eine Auslandskrankenversicherung braucht es dafür nicht.













