Flora und FaunaReisen

Fifty shades of dying.

Ich schaue in den furchtlosen Blick meines Gegenübers und denke: Ich möchte heute noch nicht sterben. Nicht heute. Die Sonne scheint, ich habe gerade sehr viel Zeit damit verbracht mich mit Alpina-Farbendicker Sonnencreme einzuspachteln und es ist ein schöner Tag. Außerdem möchte ich nicht in einem Land bestattet werden, wo meine Totenruhe von giftigen Spinnen gestört werden würde – bin ich mir doch sicher, dass Arachnophobie den Menschen selbst überlebt. Doch finster und entschlossen wirkt der Gegner. Groß und bedrohlich der zum Töten perfektionierter Körper – in der Größe eines Fingernagels. Eines Fingernagels eines Babys. Eines Fingernagels eines ungeborenen Babys. Eines Fingernagels eines ungeborenen Schimpansen-Babys. Doch so schnell der Gegner vor mir stand, so schnell ist er verschwunden. Und die Ameise lässt mich in peinlicher Paranoia zurück.

In Australien kann der Tod die Dimension eines Staubkorns besitzen. Oder die Größe eines Ozeans. Das Leben besteht ja bekanntlich aus mehr Kontrasten als das randlose Brille tragende Gesicht eines Günther Jauch. Da gibt es kalorienarme, vegane Eiscreme. Eine lesbische, mit einer Ausländerin in einer Steueroase lebende rechtspopulistischen Politikerin, die an der Spitze einer homophoben, ausländerfeindlichen Partei steht. Und es gibt omnipräsente Todesgefahr ausgerechnet im sonnigen, unberührten Paradies. In Form einer schönen Muschel am Strand. Eines grauen Haies im türkis in der Sonne schimmernden Wasser. Oder eben einer kleinen, fleißigen Ameise auf dem Boden des Regenwaldes.

Australien ist so ein Ort der Kontraste. Alles scheint in diesem durch evolutionäre Isolation zu sehr mit sich selbst beschäftigen Kontinents tödlich zu sein. Da gibt es Kröten, die dem Begriff giftgrün eine neue Bedeutung geben. Wilde Dingos, die wie die flauschige Promenadenmischung des älteren Herren von nebenan aussehen, wohl aber dessen Enkel verspeisen würden. Quallen, die wenn man sie bereits in der Ferne sieht zum qualvollen Dahinraffen führen. Ähnlich wie RTL2. Schlangen, die es sich perfekt getarnt in Birkenstockschlappen oder Badewannen bequem machen. Spinnen, die unter Klodeckeln lauernd das stille Örtchen zum sterbenden Kötchen machen. Man möchte sich angesichts dieser mannigfaltigen Möglichkeiten des vorzeitigen Ablebens sogar auf der Toilette am liebsten in die Hose machen. Australien ist der Kontinent auf dem man sich über seine Altersvorsorge und den eigenen Cholesterinspiegel plötzlich weniger Sorgen macht. Verkalkte Arterien sind wahrscheinlich sogar hilfreich, da das Gift langsamer transportiert wird. Manchmal wünscht man sich in die langweilige Kulisse des Schwarzwalds versetzt. Oder wusste man vielleicht bisher einfach nicht, dass es auch im eigenen Land tödliche Eicheln werfende Eichhörnchen, giftige Marienkäfer und aggressive Rehe gibt? War man bisher einfach blind wie eine Blödauge (diese Schlangenart existiert tatsächlich, mutmaßlich natürlich nach ihrem Entdecker benannt)?

Die Australier selbst reagieren jedenfalls auf die panischen Ängste der Besucher so, als würde man mit Antigiften, Netzen, Gewehren und einem Ranger an der Seite Urlaub im Hunsrück machen wollen. Sie lachen gelassen und wundern sich ein wenig. Manch einer macht sich einen kleinen Spaß daraus surrende Fliegen als Todesdrohnen anzupreisen oder vor sogenannten Drop Bears zu warnen – eine seltene Bärenart ähnlich eines Koalas, die sich von Bäumen herunter auf ihr Opfer fallen lassen würde. Einzig Schutzmöglichkeit gegen diese sichere Art zu Sterben sei es, einen spitzen Hut mit den Händen über dem Kopf zu formen, an dem der Bär dann abrutschen könne. Man möge die Geste am besten direkt einmal demonstrieren.

Und so stehen Australier vor „Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm“ spielenden, panischen Touristen und scheinen längst begriffen zu haben, dass das gefährlichste Lebewesen der Welt ein anderes ist. Eine auf allen Kontinenten weit verbreitete Spezies mit dem Hang, unliebsame Mitatmer mit Giftsprays, lauten Saugmaschinen oder noch lauterem Geschrei zu beseitigen. Die Abwehrmechaniken dieser Rasse sind ein wahres evolutionäres Wunder. Mitunter atem(be)raubend. Gegner, deren Lebensräume oder Nahrung werden zertrampfelt, überfahren oder verseucht. Mitunter trifft es auch die eigene Sitte bzw. Sippe: unliebsame family company wird mittels One shot killing power ebenfalls eliminiert. Geruchlos, wie sich versteht. Und doch reicht am Ende ein kleines Detail des artfremden Gegners, dass ihn überlegen vom Platz gehen lässt: sechs bis acht kleine, haarige Beine statt zweier Hände, mit denen er zitternd ein Sprühdose hält oder ein Dach über seinem Kopf formt. Chapeau, Evolution.

2 Gedanken zu „Fifty shades of dying.

  1. Angesichts dieses Artikels, bin ich froh wenn der Schellenaffe gesund und unbeschadet aus Down Under zurück kommt!
    Ach was, ich hab es doch auch schon überlebt! Diese faszinierende Land mit seinen herrlichen, schönen, tödlichenTieren und Pflanzen. Nur sind wir es nicht gewöhnt ,dass wir uns vor der Natur in Acht nehmen müssen. Wir sind doch sonst die jenigen , vor denen sich unsere Umwelt in Acht nehmen muss! In dieser Region der Welt sind wir eben schneller mal die Opfer ,auch wenn wir uns noch soviel Mühe geben mit chemischem und anderen Keulen zur Wehr zu setzen! Eigentlich hilft da nur eins, mit wachem Blick und großem Respekt für seine Umgebung die Schönheiten dieses herrliche Landes genießen! Also, lieber Schellenaffe, noch eine schöne Zeit in Down Under und komm mit dem Blick für’s Wesentliche wieder!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*