Oh Videotie – das Trauma der bewegten Bilder.

Da ist sie wieder. Diese Stimme. Diese hohe, leicht schrille Frauenstimme, die so fremd, so eigenartig, so anders klingt. Ich kenne sie nicht, diese Stimme. Und doch kenne ich sie: es ist meine eigene Stimme. Verdammt.

Ich sitze in einem Managementtraining und starre auf die Frau auf dem Bildschirm. Ich starre auf mich selbst. Ich fühle mich wie in einem Trainingscamp des DFB. Per Videoanalyse soll mein verbales Verhalten auf dem grauen Raufaserrasen inspiziert und optimiert werden. Während um mich herum Inhalte diskutiert und meine Person analysiert werden, starre ich diese fremde Person unbeirrt an. Ich höre nicht auf die Inhalte, ich nehme nur die äußeren Reize wahr. Ich höre nicht, was die Frau mit der viel zu schnellen Redeweise sagt, ich zähle nur die „ähms“ und unvollendeten Sätze in ihren Ausführungen. Ich möchte ihre gekräuselte Stirn mit Tesafilm fixieren. Ich möchte ihr ins Wort fallen: Was machst du da? Hör auf deine Arme zu bewegen, als seist du eine koffeinsüchtige Krake im Dirigierkurs für Blindfische! Ich möchte sie fragen, ob sie zu Mittag Kohlsuppe gegessen hat, oder warum sie zwischendurch so einen verkniffenen Gesichtsausdruck macht. Gleichzeitig versuche ich ihr Doppelkinn damit zu entschuldigen, dass Kameras ja, wie jeder weiß, dick machen. Mindestens fünf Kilo mehr. Ich frage mich, wie viele Kameras hintereinander auf die Szene gerichtet sind, um sich zu dieser latenten Fettleibigkeit aufzupotenzieren. Kurzum: ich möchte mich auswechseln. Zu eigenartig ist diese Besetzung der Hauptrolle im Film des eigenen Lebens.

Während man sich durch jahrelanges Training an Fotos der eigenen Person gewöhnt hat, so sind die meisten Menschen auch noch nach Jahren des Lebens im eigenen Körper schockiert, traumatisiert, aber zumindest irritiert von der eignen Person, wenn sie sie außerhalb ihres eigenen Körpers sehen und hören. Kann man sich bei Bildern stets einreden, einfach unpassend im falschen Moment, Winkel oder Licht getroffen worden zu sein, gleichen Videoaufnahmen der Aneinanderreihung „unglücklich getroffener Schnappschüsse“. Während man seinem Spiegelbild oft einen unnatürlichen Gesichtsausdruck und eingezogenen Bauch präsentiert, sind Videoaufnahmen ungesteuert. Hat im Kopf die eigene Stimme ein erotisches Timbre, erinnert die Realität an die lieblichen Klänge eines Glasschneiders. Während man schockiert feststellt, dass sich das Scheppern im Kopf scheinbar doch seinen Weg nach außen bahnt, schaut einen das eigene Umfeld gelangweilt an. „Was ist das Problem mit deiner Stimme? Die klingt doch immer so.“ Genau das ist das Problem. Bewegtbilder, die zum Weggehen bewegen.

Video Kamera

Es gibt Menschen, die lieben die Bühne, lieben es im Mittelpunkt der Kamera, der Aufmerksamkeit zu stehen. Doch mindestens so groß, wie das Rudel der Rampensäue, ist die Schar der Stallhasen, die verschreckt dreinblicken, wenn sie doch einmal ein Scheinwerfer trifft. Der Grund ist klar: wir haben es uns in unserer eigenen Wahrnehmung gemütlich gemacht. Der leicht schielende Blickwinkel auf die eigene Person gefällt uns. Wir wissen um die Unschärfe, aber wer will schon Schärfe, wenn er in seinem Kopf singen kann wie Whitney Houston?

Die Erkenntnis des Trainingskurses ist jedenfalls, dass es niemals einen Videobeweis meiner Gesangseinlagen geben darf. Niemals.




Bitte nicht ernst nehmen. Dein Leben.

Humor Lachen

„Ich mag es, dass du Humor hast.“ Ich schaue meinen Gesprächspartner so verwirrt an, als habe er mir gerade gesagt, dass er die Tatsache begrüßen würde, dass ich zwei Augen und zwei Arme besäße. Als würde er es wertschätzen, dass ich in gewisser Regelmäßigkeit ein- und ausatme. Dass die Gegebenheit, dass ich öfter versuche zu lachen als zu weinen, ein erwähnenswertes Qualitätssiegel darstellt, war mir bis zu diesem Moment nicht bewusst. Als Reaktion auf diese – aus meinem von Lachfalten umrandeten Blickwinkel – abstruse Aussage tue ich das, was als einziges zu helfen scheint: ich lache. Mein Gegenüber nicht.

Wie kann man ohne Humor leben? Wie kann man ohne zu Lachen eine Welt ertragen, in der es Dinge wie Windeln für Hühner gibt (hier erhältlich)? Wie kann man ohne Witz das Platzen der eigenen Hose im öffentlichen Raum ertragen? Fühlt sich ein Leben ohne Humor nicht an, als würde einem ein ganzer Sinn fehlen? Die Frage lässt sich wohl ebenso wenig beantworten wie die Frage nach der Lieblingsfarbe eines Blinden.

Die Facetten des Humors sind dabei so vielfältig wie die Farben der Sehenden. Humor ist Waffe und entwaffnend zugleich. Mal fungiert er als verschleierter Wahrheitsbringer, mal als wohlige Entspannungstechnik. Mal ist er ironisch, mal idiotisch. Nichts verletzt so sehr, wie das Gefühl ausgelacht zu werden. Nichts ist wiederum so sympathisch wie ein herzhaftes, ungebremstes Lachen. Ein Ausdruck eines kurzzeitigen, glücklichen Kontrollverlustes. Mal ist er ausgefeilte Schlagfertigkeit, mal ist er nur eine plumpe Geste. Am Lachverhalten eines Menschen erkennen wir, wie es ihm geht. Gleichzeitig hilft und heilt Lachen sorgenvolle Seelen. Freundschaftliche Therapieratschläge lauten nicht umsonst „Nimm es mit Humor“ oder „In fünf Jahren wirst du darüber lachen können“.

Doch oft wird Humor missverstanden, mit der Suche nach Menschen, die über die eigenen fragwürdigen Scherze schmerzhaft lachen, während man selber aus Selbstschutz sein gesamtes Umfeld ins Lächerliche zu ziehen versucht. Über andere lacht es sich leicht, mit anderen zu lachen ist schwer. Über sich selber zu lachen ist für manch einen so unvorstellbar, wie der Gedanke einem Huhn eine Windel anzuziehen. Doch fängt nicht erst dort, wo Huhn äh Hohn und Zynismus aufhören, wahrer Humor an? Wahrer Humor, der über Stolperstunts und Flachwitze a la „Wie nennt man ein Kaninchen im Fitnessstudio? – Pumpernickel“ hinausgeht? Humor ist eine Kunst – und damit eben wie jede Form der Kunst eine Frage des persönlichen Geschmacks. Während ich „Pumpernickel“ japsend unter dem Tisch liege, denken andere, das sei so witzig wie eine Scheibe Toastbrot (welch toastloses Leben).

Humor sollte jedenfalls nicht etwas sein, das man hat oder nicht. Am Ende sollte Humor vor allem eine Lebenseinstellung sein, die sich um die Frage dreht „Warum der ganze Ernst?“ Ist das Glas halbvoll, nimm einfach ein kleineres Glas. Anstatt ein Lachen zu unterdrücken, sollten wir nicht das Ziel haben, das eigene Lachen als Markenzeichen, als Wiedererkennungsmerkmal unter Tausenden zu etablieren? Es ist Montag, also der perfekte Tag, dem Leben nicht mit allzu viel Ernsthaftigkeit zu begegnen. Denn: Das Leben ist ein Witz. Das ist die Pointe.




Jede Jeck is anders. Ein Abend im Kölner Brauhaus.

Kölsch Gaffel Köln Kölner Brauhaus

Auf den ersten Blick sind alle Brauhäuser gleich: ein Geruch von Sauerkraut, Toiletten und Bier schwappt ins Gesicht. Geschäftige Kellner tragen Kostüme und schwere Teller mit fleischlastigen Speisen durch die Menschenmengen. Irgendwas dudelt im Hintergrund, doch das Klirren der Gläser und Stimmengewirr der Menschen übertönen alle anderen akustischen Reize. An den holzvertäfelten Wänden hängt Bierwerbung. Selten trifft man hier auf Kammermusik, Vegetarier oder Aquarelle. In einer Welt voller uniformierter sneaker- und smartphonetragender Hipster, die Porridge fotografieren und kalten Kaffee trinken, wirken Brauhäuser wie vergessene Heimatfilmkulissen, die rein zur Klischeeerhaltung bewirtschaftet werden. Man unterdrückt den Impuls sich selber oder den schnauzbärtigen Mann hinter dem Tresen zu kneifen.

Doch wer nun selbstgefällig mit gefährlichem Halbwissen ein Kölner Brauhaus betritt, sei gewarnt: er wird hungriger, ärmer und betrunkener als anvisiert die Gaststätte verlassen. In Köln braut man schließlich sein eigenes Süppchen. Ein dünnes Süppchen, das in Reagenzgläsern serviert wird. Möchte man noch überlegen, welche Biersorte man zum Auftakt eines gemütlichen Abends bestellen möchte, steht bereits der erste Kranz auf dem Tisch. Ein Ring – voller schmaler Gläser – sie zu knechten. Manch ein Bayer wird freundlich an der vermeintlichen Urinprobe nippen und dann sagen „Eins von denen nehm i.“ Und wird sich über den Kellner wundern, der sein Anliegen ignoriert und den nächsten Kranz schnell verwesender Bierkronen auf den Tisch knallt. Vergeblich wartet man auf einen Bunsenbrenner. In Köln trinkt man so wie man lebt: ett kütt wie ett kütt. Es braucht keine Handlungsanweisung, Kölsch fließt wie Honig und Milch. Der Geschmack erinnert ohnehin an halbwarme Milch. Die Frage „Drinks de ejne met?“ ist rein rhetorisch zu verstehen wie das „How are you?“ eines Amerikaners. So wie der Redefluss eines Kölner Karnevalsprinzen, so wird der ungeübte Gast auch den Bierstrom nicht mit Worten, Rülpsern oder winkenden Gesten zum Erliegen bringen – während sich derselbe Gast vermutlich darüber wundert, dass Menschen in einem geschlossenen Raum im Oktober Bierdeckel als Wespenschutz auf ihre Gläser legen.

Kölsch Gaffel Köln Kölner Brauhaus

Die allgemeine Verwirrung geht bei der Speisenauswahl weiter. In Erwartung eines prächtigen Gockel schaut man verwirrt das prachtlose halbe Käsebrötchen auf dem Teller an („Halve Hahn“). Auch der „Kölsche Kaviar“ vermag zu überraschen mit Roggen statt Rogen. Beim achten Kölsch beginnt man sodann „Himmel und Äad“ zu verfluchen und seine Ernährung auf Flüssignahrung umzustellen. Wat wells de maache? – möchte man den verwirrt glotzenden Japanern am Nachbartisch auf die Schulter klopfend zurufen. Verwundert stellt man fest: ein Kölner Brauhaus, der Ort, an dem nicht mal mehr Asiaten ihr Essen fotografieren.

Kölsch Gaffel Köln Kölner Brauhaus

Und doch allen Widrigkeiten zum Trotz beginnt man sich wohl zu fühlen. Die japanischen Touristen sitzen neben der Altherren-Runde. Geschäftsleute neben Einheimischen. Unter einer plörrigen Bierkrone vereint trinkt man zusammen. Keine Trachten trennen, keine schunkelnden Riten, keine sperrigen Brauchtümer. Der Köbes, der kein Kellner sondern ein Chefdramaturg ist, verteilt Bierkränze und freundliche Beleidigungen je nach Trink- und Standfestigkeit, nicht nach Größe der Pappnasen oder Herkunft. Selbst ein Düsseldorfer würde mit einem Bier und den Worten „Trink, bevor es Alt wird.“ bedient werden.

Doch irgendwann stellt man fest, dass selbst die kleinsten Zylinder viele Umdrehungen haben. Die Maß ist voll. Man verlässt das Brauhaus und winkt dem nächtlichen Schatten des Doms zum Abschied – maach et joot, ävver nit zo off.




Sex, Körpersäfte und Schamesröte – wie prüde bist du?

Prüde Mexikaner Esel

Verklemmt. So möchte man weder die eigenen Reißverschlüsse noch den persönlichen Charakter beschrieben wissen. Spießig sind schließlich immer die anderen. Doch wie prüde oder freizügig sind wir eigentlich? Auf einer Skala von 1 („Ich fasse mich nicht mal selber an, selbst wenn ich in einer Mückenfarm im Amazonasdelta nächtige“) bis 10 („Charlotte Roche würde erröten, wenn sie mit mir einen Latte tränke.“)?

Reflexhaft möchte man behaupten, im soliden, entklemmten oberen Bereich des Prüderie-Kontinuums angesiedelt zu sein. Wir sind weltoffene, tolerante Freigeister, mit denen man über alles total locker sprechen kann. Pervers finden wir höchstens frittierte Snickers. Die Messlatte für eigene Schamesröte liegt jedenfalls hoch. Man läuft schließlich nackt durch die eigene Wohnung und beim Wort Latte kichert man schon lange nicht. Das bringt uns alles gar nicht wedelnd auf die Palme.

Man hält sich für normal und unverklemmt – doch dann trifft man Menschen, die einen mit Dingen konfrontieren, die man verstörender findet, als die Vorstellung, dass Donald Trump Kinder gezeugt hat. Denn ehe man allzu „herabblasend“ über die Menschen urteilt, die immer zufällig lieber nach dem Sport zuhause duschen, sei gefragt: verkraftet man beispielsweise die Vorstellung seiner eigenen Entstehungsgeschichte? Oder hofft man eigentlich nicht weiterhin auf empirische Studien, die diese ganze nette Erzählung mit den Blumen und Bienen wissenschaftlich belegen? Wer jedenfalls beim Gedanken an den Geschlechtsverkehr der eigenen Verwandten zumindest kurz schluckt, der ist schon mal keine 10. Wem bei der aufklärerischen Erzählung „Mein schönstes Wochenenderlebnis“ des homosexuellen Arbeitskollegen das Wurstbrötchen im Halse stecken bleibt, sinkt gemeinsam mit dem Niveau der Tischgespräche auf eine wohlwollend gerechnete 8. Wer als Frau dann noch die eigenen Tage mit „Erdbeerwochen“ oder „Ich bin unpässlich.“ beschreibt, rutscht von der Mitte, zur Titte, zum Sack, hinab. Zackzack. Und wer dann noch „Wie sind Amorelie Pakete beschriftet?“ googelt, ist wohl unfreizügiger als Großbritannien nach dem Brexit. Obwohl ihm die Tatsache, dass er Kunde eines Erotikversandhandels ist, mindestens einen halben Punkt einbringen dürfte.

Ehe man sich versieht schwindet der Glaube an den eigenen Schamhochsprung. Und man wünscht sich auf einmal sogar prüde zu sein, wenn es normal ist, jemanden nüchtern zu fragen, ob sie einen Dreier hatten, wo sie gelernt haben, eine Sexschaukel sicher zuverdübeln oder ob sie es eigentlich waren, die vergessen haben, die Klobürste zu benutzen? Die Betonung liegt hier im Übrigen auf „nüchtern“. Durch Alkoholkonsum verschiebt sich schließlich das gesamte Kontinuum. Das ist wiederum durch unzählige Feldversuche unter dem Motto „Nüchtern zu schüchtern. Besoffen zu offen.“ empirisch belegt (siehe auch Alkohol – ein Wechselbad im Punsch der Zurechnungsfähigkeit). Die unterste Stufe des promillisierten Prüderie-Index ist direkt eine solide 3. Eine Promillegrenze nach oben existiert wiederum nicht mehr. Schamesröte setzt schließlich erst am nächsten Morgen wieder ein.

Doch am Ende zeigt dieser zugegeben völlig willkürliche Fragen- und Aussagenkatalog wohl nur eines: es gibt keine standardisierte Skala der Prüderie. Ob prüde oder pervers, ob vulgär oder weltoffen, die Entscheidung wird im eigenen, mehr oder weniger durchtriebenen Kopf gefällt. Jeder schämt sich unterschiedlich, ekelt sich vor anderen Dingen. Den Cocktail der Körpersäfte, über die man sprechen möchte, mischt jeder unterschiedlich. Und nur weil man vielleicht nicht über Themen freimütig spricht und seine Offenherzigkeit zur Schau stellt, heißt es schließlich nicht, dass man Dinge nicht tut. Warum würde es sonst Swingerclubs, Online-Erotikshops und eine gigantische Pornoindustrie geben können, wenn Worte immer notwendigerweise mit Taten verbunden wären. Und wie prüde ist eigentlich jemand, der über Sex so freimütig und ausführlich redet als sei es eine Wurzelbehandlung, aber nicht seine eigenen Gefühle artikulieren kann? Prüderie bleibt wie die Frage nach zweckdienlicher Bekleidung für den Ritt eines Esels eine Ermessensfrage.

Meine eigene Selbstvermessung ergab im Übrigen: ich bin eine 1(,)0. Oder irgendwas dazwischen. Irgendwas in der Grauzone eines schattenspendenden Sombreros.




Katie Pilcherström – eine Reise auf dem Traumschiff durch den Sommer der Liebe.

Katie Pilcherström Katie Fjord Inga Lindström Rosamunde Pilcher zdf

Katie Pilcherström lebt ein aufregendes Leben. Ein Leben voller völlig vorhersehbarer Unwägbarkeiten und wenig überraschender Nahtoderfahrung an Cornwall`s Steilküsten. Katie Pilcherström lebt in einem großflächigen, stets sonnendurchfluteten Landhaus – und am Existenzminimum. Sie ist eine tendenziell wenig gefragte Ballonfahrerin und Verlagsassistentin und verbringt ihre vielen beschäftigungslosen Tage am liebsten im Pferdestall bei ihrer Schimmelstute Almigurth, die unter Atemwegsproblemen leidet.

Neben der Frage, wie sie die Tierarztrechnung für Almigurths`s Nebenhöhlen-OP und ihre geplante Hochzeit mit dem drögen Lokalpolitiker Björn Hanswurstson finanzieren soll, fragt sie sich vor allem, was aus ihrem Vater geworden ist. Dieser ist in ihrer frühen Jugend mit einem Kreuzfahrtschiff nach Südamerika verschwunden. Ihre Mutter, die stets leicht alkoholisiert versucht Katie Pilcherström mit Almigurth`s Tierarzt zu verkuppeln und selber ein leicht schielendes Auge auf ihn geworfen hat, hüllt sich in Schweigen und Rotwein. Doch dann steht plötzlich ein alter, in weiße Leinenkleidung gehüllter Mann im örtlichen Buchladen neben Katie Pilcherström (sie wollte gerade das Werk „Traumschiff nach Hollywood – erfolgreiche Schmonzetten für Millionen“ kaufen) und behauptet ihr Vater zu sein. Er wolle an der Vermählung seiner Tochter teilnehmen. Ihre Welt gerät aus den Fugen. Die Tischordnung steht seit Wochen fest. Sie weist den Mann ab. Doch kurze Zeit später erfährt sie, dass der Mann sehr wohlhabend ist und nach ihrem Treffen einen Herzinfarkt erlitt. Oder einen Unfall. Mit einem Boot, Sportwagen oder Pferd. Mit ein wenig Blut, aber ohne offene Fleischwunden. Sie beginnt, ihre Abfuhr zu bereuen. Ihre Kassen sind schließlich so klamm wie ein Junitag in Cornwall.

Ihr durch eine randlose Brille und Halbglatze geradezu entstellte Verlobter Björn Hanswurstson ist zwar stets sehr bemüht ihr zu gefallen, aber Katie Pilcherström und ihre Zuschauer fühlen sich von ihm nur selten verstanden. Als kostengünstiger örtlicher Darsteller wurde er sehr schlecht synchronisiert. Sie versteht nur Schwedisch. Gerade in dieser schweren Krise ist er keine Stütze und ein hässlicher Quotenkiller für Katie Pilcherström.

Katie und ihr Publikum haben eigentlich nur Augen für ihre alte Jugendliebe Steve Sexyström, der plötzlich mit einem alten Auto vor ihrem windschiefen Gartentörchen und der perfekt getrimmten Rosenhecke liegen bleibt. Was für ein Zufall. Ist dieser männliche Hauptdarsteller, nein alter Schulfreund, der so plötzlich wieder in ihr Leben tritt, sehr attraktiv, verläuft der Plot, nein, ihr Leben eher unspektakulär. Viele Großaufnahmen und Badeszenen sind die Folge. Ist er hingegen durchschnittlich attraktiv wird der alte Freund sie umgarnen, ihren Nymphensittich vor einer Darmkolik retten und Katie Pilcherström mit einer zündenden Idee aus ihrer wirtschaftlichen Not retten: er rät ihr, ihre abstruse Lebensgeschichte als Drehbuch an öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten zu verkaufen. Doch Katie zweifelt: wer soll diesen völlig unrealistischen Quatsch glauben?

Mit einem leichten Hang zur Melodramatik beschließt sie stattdessen bei einem einsetzenden Gewitter auszureiten. Sie weint. Warum ist nebensächlich. Vermutlich geschah zuvor ein großes Missverständnis und Steve wurde eine Affäre mit – wie sich später herausstellen wird – seiner Schwester unterstellt. Vielleicht weint sie aber auch nur, weil sich jeden Sonntag ihr schweres Schicksal zu wiederholen scheint. Ob es an den von den Tränen verquollenen Augen oder einfach an Katie Pilcherströms kognitiver Beschränktheit liegt, jedenfalls galoppiert sie mit Almigurth direkt auf die Klippen hinzu. Doch dann schwebt Steve Sexyström zu ihrer Rettung.  Mit freiem Oberkörper in einem Heißluftballon. Er überbringt ihr zugleich frohe Botschaften: ihr Vater und ihre Mutter sind wieder glücklich vereint, Björn Hanswurstson hat beschlossen den Tierarzt zu heiraten, um dem Drehbuch einen mondänen, urbanen Touch zu verleihen und diese Frau, die Teil von Katie Pilcherströms Leben war, aber nicht gemocht wurde, ist in eine schlammige Pfütze gefallen. Warum weiß man nicht genau.

Katie Pilcherström und Steve Sexyström schweben schließlich glücklich vereint in den Sonnenuntergang. Über dem offenen Meer unter ihnen ist nichts mehr zu sehen als unendliches Blau – und ein kleiner weißer Punkt. Das Traumschiff.




Die besten B-Promis der 80er, 90er und von morgen – ein Besuch beim Deutschen Radiopreis.

Deutscher Radiopreis 2018 Preisverleihung Radio

Ich laufe über den roten Teppich und keinen interessiert es. Kein Blitzlichtgewitter. Keine Mikrophone, die mir entgegen gehalten werden. Keine Fragen nach dem Sponsor meines Outfits. Keine „Haben Sie Ihren Mann wirklich mit Ihrem zwanzig Jahre jüngeren Fitness-Trainer Giovanni Detlef Kotzlowski betrogen?“ – Rufe. Stattdessen begrüßen mich gelangweilte Gesichter von Redaktionsassistentinnen und Kameramännern und leichter Nieselregen. Ich bin erleichtert. Und ich bin zu spät. Ich bin erleichtert darüber, dass mich keiner kennt. Und darüber, dass ich es noch rechtzeitig geschafft habe und nicht in eine laufende Fernsehübertragung hineinplatze und am Ende des Abends eher unrühmliche Berühmtheit erlangen muss.

Deutscher Radiopreis 2018 Preisverleihung Radio

So nehme ich pünktlich zum Beginn der Verleihung des Deutschen Radiopreises Platz – in der letzten Reihe. Der Wein fließt auch hier auf den billigen Plätzen kubikmeterweise und die Show beginnt. Mit einer Sicherheitseinweisung. Während die versammelte Gemeinde der deutschen Radio- und Medienprominenz den nächsten Notausgang identifiziert, suche ich die nächste Fernsehkamera, um sicherzustellen, dass ich niemals im Bild sein werde. Ahne ich doch bereits an diesem Punkt, dass mir zu oft das Gesicht entgleisen wird an diesem Abend.

Ein alt bewährtes Mittel öffentlich-rechtlicher Veranstaltungen ist es, einen relativ kontextlosen internationalen Star mit mehr oder minder ausgeprägten Geldsorgen und einer zumindest nahen drogenfreien Vergangenheit für wenige Lieder auf eine Bühne zu stellen, um so der Festivität eine Aura der globalen Bedeutsamkeit zu verpassen. Je unwichtiger das Event desto bekannter wird der internationale Joker. Beim knapp an der Bedeutungslosigkeit vorbeischrammenden Deutschen Radiopreis fiel die Wahl daher auf den Hochkaräter Lenny Kravitz. Und so heizt Lenny mit verdächtig schiefer Afroperücke und Sonnenbrille der Menge zum Beginn der Gala ein. Die Menge kocht, aber eher dank der als Heizpilze fungierenden Scheinwerfer. Ansonsten werden die Tischgespräche relativ unbeirrt weitergeführt und nur kurz unterbrochen von zaghaftem Klatschen.

Deutscher Radiopreis 2018 Preisverleihung Radio

Doch die mit einer beachtlichen Bühnenpräsenz und schonungsloser Selbstironie ausgestattete Barbara Schöneberger vermag es schließlich den Entertainmentfaktor auf ein bewusstseinserheiterndes Niveau zu bringen. Eine schier endlose Abfolge von vor allem sich selbst laudatierenden Laudatoren, selbstproduzierten Einspielern der Nominierten und kurzen „Ich danke Schmitti und Petra“ -Reden der Gewinner kommt in Gang. Und so treffen Profis vor der Kamera auf unbeholfene Radiomoderatoren, die ohne ihre Kopfhörer und ihre Mikrofone vor der Nase, die an indianische Windspiele erinnern, so verloren wirken, wie Winnetou in Manhatten. Man möchte meinen, um die Tatsache auszugleichen, dass kein Mensch Radioprominenz auf der Straße erkennen würde, ist das Feld der Laudatoren gespickt mit Gesichtern, die jeder kennt, aber vermutlich kaum einer benennen kann. Der Unterhaltungswert steigt, was aber auch am stetig fließenden Getränkenachschub und der fehlenden Essensgrundlage liegen kann. Diese eine Moderatorin (Mareile Höppner) präsentiert sich in einem hautengen und -farbenen Nichts aus Tüll und einem wie eine Frittenbude glänzend geölten Dekolletee. Mit den Worten „Ich hab heute alles reingelegt“ präsentiert sie ihre Brüste, den wahren Gewinner des Abends aus ihrer Sicht – und aus Sicht der Herren in der ersten Reihe. Dieser eine Schauspieler (Heikko Deutschmann), der aufgrund seines Hangs zu Rollen in NS-Filmen nur schwer ohne Uniform zu erkennen ist, verkündet mit ernster Stimme das immer wiederkehrende Mantra des Abends: „Radio ist nicht tot. Lang lebe das Radio.“ Man wartet vergeblich darauf, dass er das Radio mit stark gerolltem „r“ intoniert und salutiert.

Es folgen die lallende Esther Schweins, die die Schauspielerei für den Kokskonsum geopfert zu haben scheint, und Max Giessinger, der wirkt, als dürfe er um diese Uhrzeit eigentlich nicht mehr auf der Bühne stehen. Wie ein kleiner runder Fremdkörper betritt schließlich Norbert Blüm das Podium, der den Anlass zugleich für ein flammendes Plädoyer für ein offenes Europa nutzt und von den Kriegserlebnissen seiner Ahnen berichtet. Doch anstatt Norbi weiter gegen den Populismus wettern zu lassen, setzt Popmusik ein. Die Künstler tragen dabei Namen wie Sushi-Rollen und klingen wie unterwürzte Reisnudeln. Man kennt sie eben aus dem Radio.

Und die Gewinner? Zeigen das völlig normale Verhalten eines Preisträgers: sie weinen und rattern im Stakkato eine Liste an Namen herunter, die sich hierdurch gewertschätzt fühlen dürfen – sofern sie ihren Namen aus der „Ich danke Güntherstefaniejohnnypeterrichardmandybirgitmeinefraumeinenelternundmeinemhund“-Salve identifizieren können. Die Darbietungen changieren meist zwischen Rührseligkeit und Fremdscham. Bezeichnend sind die Worte einer der Gewinnerin „Mein Vater hat gesagt „Willst du dich ein zweites Mal vor ganz Deutschland blamieren?“. Ja, möchte sie. Ich stelle fest, dass das Unterhaltungsniveau hat einen äußerst soliden Pegel erreicht.

Deutscher Radiopreis 2018 Preisverleihung Radio

Doch sodann läutet Barbara Schöneberger das Ende des Bühnenblablas mit den Worten „Es riecht nach Fisch.“ ein. Nach der Schlacht um die Preise beginnt die wahre Schlacht: um das Büfett. Und damit einhergehend beginnt die Fleischbeschauung: ob auf der Tanzfläche, am Büfett oder im „Talkbereich“ man fühl sich beobachteter als nackt auf dem 7m-Turm im Freibad stehend. Fremde Menschen starren sich an. „Das Gesicht kenne ich doch!?“ wird zum Motto der Aftershow-Party. Ich schweife durch die Menge und beobachte bei Seeteufel und Spannferkel das teuflische Gespanne. Ich habe das Bedürfnis „Bingo, Ingo Zamperoni“ zu rufen, während der Komödiant Buddy Ögun mit einer trendigen Plastiktüte in der Hand an mir vorbei streift. Ob er sich Essen eingepackt oder Esther Schweins „medikamentös“ versorgt hat, lässt sich nicht abschließend klären. Ebenso wie die Frage, ob Norbert Blüm frühzeitig abgereist ist oder einfach unbemerkt unter dem Tresentisch stehend seine Hymne auf Europa fortgeführt hat.

Mit einem Moonwalk über den verwaisten roten Teppich verabschiede ich mich schließlich – nicht ohne ganz wie es sich für den Pöbel gehört Becher und Blumendeko als Souvenir einzustecken. Die Trophäen des Abends schenke ich schließlich dem Taxifahrer, der seinen Abend nun mal damit verbracht hat Radio zu hören. Was mir wiederum bleibt ist ein bunter Strauß an Erinnerungen an eine rauschende Nacht, die nicht welken werden – und ein Morgen danach, der leider wenig mit der „Besten Morgensendung“ gemein hat.

Deutscher Radiopreis 2018 Preisverleihung Radio




Die drei ??? – und die gruselige Einschlafhilfe für ewig junge Erwachsene.

Die drei Fragezeichen ??? Hörspiel Justus Peter Bob der Superpapagei

Sprecher: Die Drei ??? sitzen in ihrer Zentrale, einem umgebauten Altkleidercontainer, als plötzlich ein Handy mit dem Klingelton eines alten Telefons aufschrillt.

Justus: Nanu, wer könnte das denn sein?

Peter: Du findest es nur heraus, wenn du den Hörer abnimmst, Erster.

Justus: Da hast ausnahmsweise du einmal recht, Zweiter. Ich schalte den Verstärker ein. Verstärker ist im Übrigen ein Begriff, den ich aus 39-jähriger Tradition verwende, mit dem aber inzwischen wohl niemandem mehr etwas anfangen kann. Ja, Justus Jonas von den drei Detektiven?

Frauenstimme (sehr freundlich, monotoner Tonfall): Guten Tag, Herr Fragezeichen.

Justus: Nein, Jonas ist mein Name.

Frauenstimme: Guten Tag, Herr Jonas Nein. Ich rufe an im Namen Ihres Mobilfunkanbieters. Ich würde gerne mit Ihnen über Ihren Vertrag sprechen. Oder über Gott, wenn Ihnen das zuträglicher ist, Herr Nein. Wir verstehen uns als uns allwissenden Dienstleister.

Justus: Nein, Justus Jonas! Darf ich ihnen zur Klärung dieses Falls per Screenshot ein Foto unserer Visitenkarte zukommen lassen? Das dürfte Ihnen helfen.

Klickgeräusch einer Handykamera. 

Bob (flüsternd aus dem Hintergrund): Ich recherchiere einmal die Nummer des Anrufers, indem ich sie von deinem Display ablese. Hier ist sie.

Justus (flüsternd): Ausgezeichnete Arbeit, Bob.

Frauenstimme: Uns ist aufgefallen, dass Sie Ihr inkludiertes Datenvolumen in der Regel Mitte des Monats aufgebraucht haben, da Sie vornehmlich eloquente Begrifflichkeiten in ihrem Online-Wörterbuch zu recherchieren scheinen. Für dieses Problem können wir ihnen eine attraktive Paketlösung anbieten..

Peter (mit angstvoller Stimme flüsternd aus dem Hintergrund): Oh Gott, das ist ja unheimlich. Woher weiß diese Frauenstimme das? Ich habe Angst.

Justus: Darf ich Sie an dieser Stelle unterbrechen. Sie dürften nun eine Bilddatei auf ihrem Endgerät empfangen haben, die ich Sie nun bitte zu öffnen und den Inhalt der darin abgebildeten Karte laut und irritierend langsam vorzulesen? Hören Sie bitte jedoch vor der angebenden Telefonnummer auf. Diese wird niemals vorgelesen, aus Datenschutzgründen, die sich uns nicht erschließen. Vermutlich möchte man vermeiden, dass Liebhaber einer Kinderhörspielreihe wiederholt bei einer willkürlichen amerikanischen Telefonnummer anrufen und für Unmut sorgen.

Ein Papagei krächzt im Hintergrund.

Bob: Halt den Schnabel, Blacky!

Frauenstimme (nun plötzlich zornig, schrill): Junge, halt du den Schnabel und nenn mich nicht Baby! Mit deinem Drecksfoto hast du mein Datenvolumen aufgebraucht! Warum schickt ihr mir das als hochauflösende Datei? Spinnt ihr?

Justus (nachdenklich): Die Antwort auf Ihre zweite Frage stellt einen spezialgelagerten Sonderfall dar, der so einfach nicht zu beantworten ist. Ich möchte mich aber an einem Erklärungsansatz versuchen. Wir verbringen unsere meiste Zeit in einem unter Schrott begrabenen Altkleidercontainer, leben unsere pubertären Aggressionen an einem Ara aus und unsere Erziehungsberechtigten wechseln ihre Stimmen so oft, wie andere ihre Socken.

Die drei Fragezeichen ??? Hörspiel Justus Peter Bob der Superpapagei

Geräusch eines rückenden Stuhls. 

Peter: Na, warte. Den schnapp ich mir!

Bob: Wen?

Peter: Wie, wen?

Bob: Na, wen schnappst du dir? Hier ist doch niemand außer Justus und mir.

Peter: Egal, ich sag das immer.

Poltern, Geräusch einer öffnenden Tür, schnelle Schritte. 

Bob: Ist der jetzt einfach weggerannt?

Justus: …daraus resultierend, lässt sich vermuten, dass wir zwar nicht alle Fragezeichen im Schrank haben, aber nicht abschließend die Diagnose getroffen werden kann, dass wir tatsächlich spinnen.

Tuten in der Telefonleitung. 

Justus: Hallo? Hallo? Einfach aufgelegt.

Poltern an der Tür.

Bob: Peter, was ist los? Warum betrittst du den Raum mit erhobenen Händen und wieso beschreibe ich was ich sehe, wenn wir alle doch eigentlich das gleich sehen sollten? Und wer, wer ist der große Mann mit der dunklen Sonnenbrille, der hinter dir steht?

Mann (fiese Stimme eines Bösewichts zur einfachen Einordnung): Ich bin John Fiesling.

Peter: Ich hab ihn vor dem Schrottplatz erwischt, als er versucht hat rückwärts einzuparken. Und es nicht geschafft hat. Er meinte er sei der für den dramaturgischen Spannungsaufbau in das Manuskript geschriebene Bösewicht, der uns im letzten Drittel der Folge überrumpelt.

Mann: Klappe, Kleiner. Oder möchtest du den Lauf meines Revolvers spüren.

Justus: Ein Revolver? Ist das nicht ein bisschen antiquiert. Werden die überhaupt noch hergestellt und verkauft?

Bob: Ich könnte in die Bibliothek fahren und recherchieren. Bei der Gelegenheit würde ich wie gehabt mit der alten Dame vom Empfang flirten, auch wenn der Altersunterschied zwischen uns länger ist als die Geschichte dieser Hörspielreihe.

Justus: Nanu, was liegt denn da? Ein…auf ihn!

Gerangel, Stöhnen und Rufe. 

Peter: Ich hab ihn! So Freundchen. Nicht mit uns.

Bob: Super, Peter. Aber was machen wir jetzt mit ihm?

Justus: Das tut nichts mehr zur Sache, da unsere Zuhörer spätestens an diesem Punkt eingeschlafen sein sollten. Wir können uns nun Tante Mathildas Kirschkuchen zuwenden.

Peter (einwerfend): Den schnapp ich mir!

Justus: …zuvor müssen wir allerdings noch einmal abschließend laut gemeinsam lachen.

Bob (lachend): Mir fällt nichts Witziges ein.

Justus (lachend): Mir auch nicht.

Lautes Lachen. Progressive Deep House Musik, die mit 80er-Jahre Beats unterlegt wurde, setzt ein. 




Das Leben schreibt keine Geschichten – es malt Bilder.

Er ist wieder da, A. Katzler. Diese Frisur, dieser Bart, dieser stechende Blick und diese dümmliche Gier - sie lassen keinen Zweifel.

Ein seltener Moment. Aber manchmal fehlen einem einfach die Worte. Sie fehlen einem, weil man weiß, dass nichts der Wirkung eines Bildes gleichkommen kann. Die Zunge schweigt, weil das Auge weiß, dass es in diesem Moment überlegen ist. Bilder sagen eben einfach mehr als die – mutmaßlich – 753 Worte eines solchen Textes hier. Wenn ich zum Beispiel sage, dass ich die Reinkarnation der unrühmlichsten Personen der modernen deutschen Geschichte als gefräßigen Straßenkater gesehen habe, wird man sagen ich neige zur Übertreibung und sich wieder dem Rausch der Katzenbaby-Videos widmen.  Daher möge man sich bitte selber ein Bild machen. Man möge sich ein Bild davon machen, dass das Leben keine Geschichten schreibt. Es produziert vielmehr eine kontinuierliche Abfolge diffuser Bilder, aus denen wir uns die Geschichten zusammenreimen. Eine Flut an Impressionen, in der wir den roten Faden suchen. Oder die wir in einem Blog hochladen, nach einer Woche in der wir keine Zeit gefunden haben, um aus scheppernden Bilder im Kopf klappernde Worte zu formen.

Das sind dann doch wieder viele Worte für: der Schellenaffe macht ein bisschen Sommerpäuschen.

Er ist wieder da, A. Katzler. Diese Frisur, dieser Bart, dieser stechende Blick und diese dümmliche Gier - sie lassen keinen Zweifel.
Er ist wieder da, A. Katzler.
Diese Frisur, dieser Bart, dieser stechende Blick und diese dümmliche Gier – sie lassen keinen Zweifel.
Dramatische Bilder in Hamburg Eimsbüttel. Plüschtier geflohen.
Wo ist Orry? Dramatische Bilder in Hamburg Eimsbüttel. Plüschtier entflohen.
Ein Hocker zum Niederknien.
Ein Hocker zum Niederknien.
Das kolossal-koitale Rätsel, wie dieses Kunstwerk aussieht und wie jemand es schafft damit 780€ zu "verdienen" wird wohl niemals gelüftet werden.
Das kolossal-koitale Rätsel, wie dieses Kunstwerk aussieht und wie jemand es schafft damit 780€ zu „verdienen“ wird wohl niemals gelüftet werden.
...sprach das Forellenmännchen.
…sprach das Forellenmännchen.
Frauen, Kinder und nun auch alte Leute zuerst - vorm Rewe.
Frauen, Kinder und nun auch alte Leute zuerst – vorm Rewe.
Im mindestens so nachvollziehbar wie die Aussage "Fick auf vollen Zug".
Im mindestens so nachvollziehbar wie die Aussage „Fick auf vollen Zug“.



Schwarz-Rot-Gold angeschmiert – ein Markt im Abseits.

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Aus. Aus. Das Spiel ist aus. Deutschland ist – in der Vorrunde ausgeschiedener – Weltmeister. Prompt gerät die gesamte Welt aus den Fugen. Die deutsche Regierung ist so schlecht gelaunt und bewegungsunfähig, wie deutsche Abwehrketten. Es herrscht heiterer Hochsommer in Deutschland pünktlich zu den Sommerferien, was im Allgemeinen nur verwirrend und überfordernd auf das eher trübe deutsche Gemüt wirkt. Und Belgien könnte noch immer Weltmeister werden.

Überraschenderweise war es nicht Nord-, sondern ausgerechnet Südkorea, das uns letzte Woche in die Katastrophe stürzte. Ja, es scheint eine Katastrophe galaktischen Ausmaßes zu sein, wie sonst ließen sich Sondersendungen und das Meer an Schlagzeilen erklären. Die Welt ist nicht mehr die gleiche. Ein Weiterleben ist möglich, erscheint jedoch sinnlos. Doch bei all den Analysen, Sinnkrisen und Brennpunkten wird ein wesentlicher Teil dieses Endes der modernen Zeitrechnung außer Acht gelassen. Als würden wir hinter den kreisrunden Gläsern unserer JB by Jerome Boateng „Visionary 1“ Sonnenbrillen nicht mehr klar schauen können, übersehen wir neben den Millionen gebrochener Herzen die Millionen versprochener Euros, die nun in der Vorrunde ausgeschieden sind.

Was 2006 erstmals mit einem kollektiven Fahnenrausch begann, ist seitdem ein vertrautes Ritual geworden. Im Jahr der Weltmeisterschaft im eigenen Land beschäftigten sich die Deutschen erstmals mit der Frage, wie man Autofähnchen fixiert, und weniger mit der Frage, mit welchem Grauton man die eigene nationale Identität besser kaschieren solle. Das Land erwachte aus seinem Dornröschen-Schlaf und berauschte sich an einem schwarz-rot-goldenen Sommermärchen. Endlich durfte man.

Seitdem wird nun pünktlich alle zwei Jahre dieses Gefühl wieder heraufbeschworen. Dass das „endlich dürfen wir“ langsam in ein „schon wieder sollen wir“ abdriftet, scheint niemand zu bemerken. Wie uns der Lebkuchen ab August in den Supermärkten angeboten wird, so überfluten uns Monate vor dem ersten Anpfiff bereits weltmeisterliche Angebote, Rabattaktionen und Sondereditionen. Echte Fans  – und jeder andere Deutsche, weil ihm die Alternativen fehlen – kaufen nur noch Chips, Deoschutz, Grillsaucen, Spülmittel und Wassereis, das dem eigenen Nationalstolz entspricht. Sie sammeln beim Kauf sportlicher Süßwaren Bilder von Nationalspielern, die es zwar niemals in den Kader, aber in die Verpackung eines Schokoriegels geschafft haben. Immerhin besitzen diese Spieler so bis zum WM-Finale noch eine Relevanz, während Plattenweich (oder wie hieß er noch mal?) und seine Kollegen schon längst im Sonderflug nach Hause sitzen. Duplo bietet die wahrscheinlich längst WM-Präsenz der Welt.

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Und selbst, wenn es mal bescheiden läuft und die dünnpfiffigen Pässe des deutschen Mittelfeldes Übelkeit verursachen sollten – dank Toilettenpapier und WC-Stein fühlt sich der deutsche Fan weltmeisterlich aufgehoben. „Papierdekor mit den Spielzügen legendärer deutscher WM-Finaltore!“ dürfte mitunter edukativer sein als Bela Rethys Auswürfe. Auch Tchibo ist sich natürlich seiner Verantwortung als Lieferant kurzlebiger Scherzartikel bewusst und beglückt mit Flagge bekennenden Schnürsenkeln, Reizunterwäsche und WM-Jubelkugel echte Fanherzen.

Doch was geschieht nun mit all diesen Artikeln? Wohin mit der Jubelkugel, wenn einem nicht nach Jubeln ist, aber „die Stimmung kein Ende“ hat? Was macht man mit WM-Blumensträußen, die nun wie Grabgestecke wirken? Ist es unangemessen oder avantgardistisch mit Fan-Schminke ins Büro zu gehen? Wohin also mit dem schwarz-rot-goldenen Sondermüll?

Die Antwort ist sehr einfach: Recycling. Ab sofort steht Deutschland geschlossen hinter der belgischen Nationalmannschaft. Und für die EM 2020 lautet die Antwort: Müllvermeidung.




Sommer im Büro – ein Tag voller Konzentroh ein Vögelchen.

Büro Alltag Arbeitsplatz Firma Computer

Heute bist du mal so richtig produktiv. Heute bist du eine Mensch gewordene Ballmaschine, die alle Aufgaben schwungvoll wegschmettert. Bis zum Home Run bleibt deine Seite des Feldes heute so sauber, dass daneben Sagrotan wie Trinkwasser aus den Slums von Bogota wirkt. Heute stammelst du nicht wie Edmund Stoiber, wenn er von Flughäfen spricht, heute sitzt jeder Satz. Weil das ja klar ist. Pointiert und fokussiert erarbeitest du dir heute einen frühen Feierabend in der Sonne statt im Elektrosmog zu verstrahlen. Keine Nachspielzeit. Keine Fehlpässe.

Also, guten Morgen, liebe gemeinschaftlich verbundenen Arbeitssklaven. Heute bin ich so produktiv, dass ihr…der Laptop verbindet sich schon wieder nicht mit dem Bildschirm. Neustart. Alle Stecker überprüfen. Erneuter Start in den Morgen.

„Ihr Windows-Passwort (firmenname01) ist abgelaufen.“

„Das Passwort erfüllt die Anforderungen nicht.“

„Das Passwort wurde bereits verwendet.“

Nachdem dein neues Passwort (bAllmaschinE123) akzeptiert wurde, fährt dein Computer hoch. Während das Emailprogramm geladen wird, holst du dir den ersten Kaffee des Tages. Effiziente Wartezeitnutzung nennt sich das. Beim erneuten Gang in die Kaffeeküche – Löffel vergessen –  kann man sich ja auch eigentlich direkt einen kleinen Obstteller zubereiten. Vitamine und Energie sind wichtig für leistungsstarke Bürolympioniken, wie dich. Durch diesen Ausflug lernst du schlussendlich, wo sich der Firmenverbandskasten befindet und die einfache Frage „Wie war der Urlaub?“ nicht mehr zu stellen. Nach einem Pflastereinsatz und fünfzehnminütigen Kurzvortrag zu den Wind- und Wetterverhältnisse auf Norderney im Mai kehrst du zu deinem Platz zurück.

 

Büro Alltag Arbeitsplatz Kaffee

Zunächst bearbeitest du die wirklich wichtigsten Emails. Du meldest dich zum Firmengrillen an. In der Beitragsliste trägst du Nudelsalat ein und druckst schnell ein paar einfache Rezepte für mediterrane Pastavariationen aus. Aus Versehen in Farbe. Einseitig bedruckt. Zur Wiedervorlage markierte Emails leuchten plötzlich auf einmal auf deinem Bildschirm auf. Du markierst sie orange. Die bereits orange markierten Emails des Vortages markierst du sodann rot. Die bereits rot markierten Emails der Vorwoche bearbeitest du mit STR-A + ENTF. Zufrieden lehnst du dich auf dem wippenden Bürostuhl zurück. Du hast das Gefühl, heute schon viel geschafft zu haben. Das Klingeln des Telefons reißt dich jedoch aus deiner Siegerpose. Doch der Kollege deutet deinen konzentrierten Blick ins Nichts als kreative Schaffensphase und ist so freundlich den Anruf entgegen zu nehmen. „Nein, ist gerade nicht am Platz. Kann ich etwas ausrichten?“ Er malt ein Blümchen auf seine Schreibtischunterlage.

Die Blume erinnert dich daran, dass du dich um den traurigen Farn in der Ecke kümmern wolltest. Der knusprige Herbert leidet unter dem warmen Sommer, wie die gesamte Belegschaft, und lässt die wenigen verbliebenen Blätter hängen. Du gießt ihn und holst dir bei der Gelegenheit selber eine Karaffe mit Wasser. Hydration ist das ü und o fürs Büro. Es fördert schließlich die Gehirnleistung. Und die Betriebsamkeit der Blase. Du gehst auf Toilette und beantwortest dabei deine privaten Nachrichten auf dem Handy. Und schaust dir Tierbabyvideos an. Und likest die Urlaubsfotos diverser Angehöriger und Freunde. Diese Oasen der Erholung müssen bei einem so hochkonzentrierten Job, wie deinem, schließlich sein.

Mit einem gemurmelten „Sorry war noch in einem anderen Meeting“ stolperst du verspätet in deinen ersten Termin des Tages herein. Auch wenn du der Unterhaltung nicht folgen kannst, kritzelst du Notizen auf deinen Block. Ein hübsches Kunstwerk entsteht. Am Endes der Sitzung sagst du „Richtig gutes Meeting. Wer übernimmt welche Aufgabe?“. Die auf dich gerichteten Blicke ignorierst du versiert.

Büro Büro Alltag Arbeitsplatz

Deine Mittagspause verbringst du in der Warteschleife der IT-Hotline. Du kannst dich nicht mehr mit dem Laufwerk verbinden und kommst so an die Bilder des Sommerfestes nicht heran. Du wolltest überprüfen, ob du so betrunken auf den Fotos aussiehst, wie du es tatsächlich warst. Während du beobachtest, wie dein Mauszeiger per Fernwartung aus Indien gesteuert über deinen Bildschirm huscht, tropft Salatdressing auf deine Tastatur.

Nach dem Mittag steht ein unangenehmes Telefonat an. Es geht um Geld. Doch du fasst den eigentlich sicheren Plan, es nur zweimal klingeln zu lassen und beim dann erforderlichen Rückruf selber wiederum nicht abzunehmen. Dieses endlose Ding-Dong-Ping-Pong hat dich schon oft sehr weit gebracht. Die meisten Probleme verschwinden schließlich von selbst, wenn man sich nicht über sie spricht. Doch dieses Mal nimmt jemand beim zweiten Klingelton am anderen Ende ab. „Gut, dass Sie sich melden.“ Du erwiderst „Das ist doch selbstverständlich“ und beschließt, es in Zukunft nur noch einmal klingeln zu lassen.

Kaum hast du aufgelegt, wählst du dich in eine Telefonkonferenz ein. Du bist zu spät, weil du erst beim dritten Versuch den Einwahlcode korrekt eingegeben hast. Das Telefonat hat eigentlich bereits begonnen, kommt jedoch nicht richtig in Gang, da der Vortragende wiederholt von „Lautes Rascheln has joined the conference“ und „Unheimliche Atemgeräusche has left the conference“-Ansagen unterbrochen wird. Nach einer Stunde des „Könnt ihr mich hören?“ und „Kannst du die Frage noch mal wiederholen?“ beendet ihr schließlich erleichtert und „ergebnisoffen“ die Telco.

Du gönnst dir ein drittes Stück vom Geburtstagskuchen des Kollegen aus der Buchhaltung, auch wenn das Backwerk in seiner Drögheit an den Charakter des Bäckers erinnert. Krümel emulgieren mit den Spuren vom Mittagessen. Das tippt sich alles fest. Erschrocken stellst du fest, dass du 34 Fenster auf deinem PC geöffnet hast. Wie lange es alleine dauern wird, all diese begonnen Aufgaben abzubrechen. Daher beschließt du den Feierabend einzuläuten und schließt alle Fenster. Das bringt dich auf die Idee, einmal zu lüften. Ach wie süß, ein Spatz sitzt auf der Fensterbank. Du machst ein Foto. Auf dem Heimweg postest du im Fahrstuhl das Bild mit dem Kommentar „Uff. Für heute ausgeflogen“.

Am nächsten Tag kurz vor dem Mittag liken deine Arbeitskollegen das Bild – während du dich fragst, wer in der Kabine neben dir sitzt.

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