Alkohol – ein Wechselbad im Punsch der Zurechnungsfähigkeit.

Getränk null.

Du bist müde. Du willst keine Menschen sehen. Und kein Mensch will dich sehen. Du fühlst dich so attraktiv, wie eine fette Raupe. Und jetzt musst du auch noch deinen wohligen, heimischen Kokon verlassen. Verabredungen sind etwas für Drittklässler, die sich zum Ballspielen und Paninibildertauschen treffen. Aber nein, jetzt hast du dich selber schon wieder verabredet – auf ein Abendbier. Nach Feierabend ist dir wirklich nicht zumute. Für eine Absage ist es zu spät. Für eine Zusage an Kräutertee ist leider nie der richtige Zeitpunkt. Nur ein Drink, damit du nicht für schwanger, prüde oder in medizinischer Behandlung befindend gehalten wirst.

Getränk eins.

Ein stilles Wegbier in der Abenddämmerung. Dieser erste Schluck ist wie ein rückwärtsgerichteter Nieser. Du ahnst, dass er kommt. Du kannst dich nicht dagegen wehren. So richtig gut ist es nicht, aber irgendwie auch befreiend. Und ohne wirst du diesen ganzen Rotz nicht ertragen. Diesen lachenden Lärm, diese lächerlichen Menschen, diesen Witz von Geruch. Du bildest dir ein, bereits jetzt betrunken zu sein, allein von dieser alkoholgeschwängerten Luft. Leise sagst du dein Mantra auf:„Nur noch eins“.

Getränk zwei.

Du denkst an dein warmes Bett und die Lasagnereste in deinem Kühlschrank und bestellst dein erstes offizielles Getränk. Der Barkeeper ignoriert dich zunächst. Er schält eine Zitrone, flambiert einen Rosmarinzweig, zerreibt Lavendelblüten und wirft einen silbernen Kelch in Richtung der mit Industrielampen übersäte Rohputzdecke. Du bist versucht, ein Bacardi Rigo zu bestellen. Beim Bezahlen denkst du an das verlorene Pfand deiner Wegbierflasche. Du ahnst, dass dich eine bestimmte Zahl heute in den Abgrund stürzen wird: der PIN deiner Bankkarte.

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Getränk drei.

Genug des Schwardronnays. Wenn du dich beeilst, erwischst du noch die nächste U-Bahn und könntest in 37 Minuten im Bett liegen. Du solltest vor deiner fest terminierten Abreise hier noch mal auf die Toilette gehen. Vielleicht liegen ja ein paar nette Postkarten in den Aushangfächern. Irgendwas mit „Ich bin so erschöpft, ich könnte Datenvolumen sein“ wäre passend.

Getränk vie..viel war es jetzt?

Wie kommt dieser Wein in dein Glas? Das wundersam von Gottes Sohn gegebene Getränk kannst du natürlich nicht zurückgehen lassen. Die Hände zum Gebet um das Getränk falten und ein bisschen Abnippen schadet ja nicht. Jetzt wo du schon mal hier bist. Und die Haare gar nicht so schlecht sitzen, wie du im Toilettenspiegel feststellen durftest. Mensch, wie die Zeit hier rumkola geht. Aber wie spät ist es eigentlich? Du hast seit einer Stunde nichts gegessen. Du hast Hunger. Großen Hunger. Beherzt greifst du in die Schale vor dir und wirfst ein paar Nüsse ein. „Wasabiistdenndas??? Getränk vierzuviel, erlöse mich!“

Getränk ffüneff.

Du fühlst dich inzwischen gut ein- und aufgelegt. Die Stimmung steigt. Du möchtest die Welt umarmen und tust es auch. Dein schwerer werdender Holzkopf schmiegt sich an den Bartresen. Du singst „Verdammt ich lieb dich.“ in das Gesicht deines Gegenübers. Deine wahren Gefühle wurden destilliert und sind rein wie Ethanol. Das Leben ist schön. Du feierabendbierst den Gin des Lebens!  Du brüllst eine „Eine Runde Promilletee für alle!“ in das Gesicht des Kellners – gefolgt von deiner PIN-Nummer.

Getränk schecks.

Du singst „Ich find dich scheiße. So richtig scheiße“ in das Gesicht deines Gegenübers. Deine wirklich wahren Gefühle wurden destilliert und sind so giftig wie Ethanol. Du wirst zum ehrlichen Riesling und beginnst deine Sätze mit „Was ich dir schon immer mal sagen wollte..“. Du merkst nicht, ob dir Menschen deine Sätze übelnehmen, denn dir wird selber übel. Das Leben ist dir egal, es dreht sich. Nur um dich. Alles dreht sich nur um dich. Aber eines ist klar wie der Korn vor dir: betrunken bist du nicht. „Auf gar keinen Knall, hast du einen Fall?“

Getränk siehicksen.

Die Sicht wird verschwommen. Durch den Küstennebel glaubst du Captain Morgähn zu erkennen. Du bist müde. Du willst keine Menschen sehen. Und kein Mensch will dich sehen. Du fühlst dich so attraktiv, wie eine fette Raupe. Wie Raupe Nimmersatt, eingelegt in Tequila. Oder in Altbier. In sehr altes Bier. Du hast ein Sixpack im Kopf. Es klirrt und scheppert in deinem Schädel.

Getränk achegal…

Um dich herum dreht sich noch immer alles. Diesmal sind es Dönerspieße. Du lallst „Ich bihn ein Schmedderling. Ich bihicks schöööön. Ich kann fliiie…“ und fällst vom Stuhl. Neben dir liegt eine Zwiebel auf dem Boden. Wie eine Raupe kletterst du am Tischbein hoch und beißt in den Döner vor dir. Du stehst auf, tippst dir an deinen imaginären Cowboyhut, sagst zum Dönerkeeper „ So sieht ein Sheriff Stern aus an dem ein Besoffener hängt!!“. Auf deiner Brust klebt ein Zwiebelring. Du verschwindest durch die Drehtür. Es ist keine Drehtür. Benommen trittst auf die Straße. Und da siehst du das Zeichen. Zunächst ist es eine kleine Flamme der Hoffnung. Doch dann wird sie heller und heller. Wie eine Pforte in eine besser Welt strahlt sie dich an. Du hebst die Arme wie zum Gebet. Die Erlösung ist da. Ein Taxi.

5 Gedanken zu „Alkohol – ein Wechselbad im Punsch der Zurechnungsfähigkeit.

  1. Oha! So als Mutter denke ich sofort ( und immer noch) war das gerade ein Tatsachenbericht oder gut recherchierte? schriftstellerische Freiheit?! Der Artikel könnte auch mit der Überschriften “ Von Feierabend Bier zum Absturz durch Alkohol“überschrieben sein!😉.
    Doch weil er im Blog vom Schellenaffe steht, lege ich alle mahnenden Worte nebst den erhobenen Zeigefinger weg, und freue mich über einen weiteren gut beobachteten,spritzig (ohne Promille) und witzig geschriebene …… Erlebnisbericht!?😉 Vielleicht erkennt sich der/die ein oder andere ja wieder, stimmt lachend dem Geschriebenen zu und denkt:“ Das ist mir genauso schon mal passiert, aber ist schon lange her!:😆 Schönen 1.Mai!!!

  2. Poetry at its best! Spätestens bei Getränk zwei saß ich neben dir: Mit allen Sinnen nachempfunden: Der Genuss, die Lust, das Egal auf morgen, die Stimmung im Lokal, die Geräusche, die nur noch im Unterbewusstsein da sind und der Wunsch, von irgendjemanden in den Arm genommen zu werden. Der Kater war dann auch körperlich zu spüren. Ein literarisches Kleinod, ein Hochgenus bei den vielen Worthülsen ohnd Inhalt. Danke!

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