GesellschaftLeben

So eine Dusielei.

Du Sie Anrede Sprache Duzen Siezen Dusielei Schellenaffe

„Können Sie mir sagen, ob der Bus zum Bahnhof fährt?“ Ich schaue verwundert in das von Akne und Hormonschüben gezeichnete Gesicht des Pubertiers vor mir. Bin ich gemeint oder eine ganz plötzlich für ihr hochbetagtes Alter noch sehr agile alte Dame, die hinter meinem Rücken verschwunden sein muss? Ich drehe mich um. Niemand zu sehen. Ich schaue verwunde(r)t in das faltenfreie Antlitz des Teenagers vor mir und sage „Jo, den kannste nehmen.“ Das „und jetzt verrunzel dich selber“ bleibt wiederum in meinem Kopf stecken. Während der Bus und sein Passagier davonbrausen, stehe ich an der Haltestelle und frage mich, was ist geschehen, dass man nicht mehr nach seinem Ausweis gefragt wird, sondern mit Sie gefragt wird.

Ich wurde gesiezt. Ich fühle mich alt.

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Dieses dusielige Gefühl erinnert daran, wie man sich das erste Mal im Leben mit seinem Nachnamen irgendwo vorstellte und sich fühlte, als würde man die Rolle „Erwachsener 3“ spielen, die einem aber eh niemand abkauft. Es erinnert daran, wie man beginnt, Briefe zu erhalten, die nicht mehr mit „Liebes Mäuschen, wir schicken dir herzliche Urlaubsgrüße aus dem Schwarzwald“, sondern mit „Sehr geehrte Frau“  adressiert sind. Wie man in der Oberstufe plötzlich von den Lehrern, die einen Jahrelang duzenderweise vor Tür geschickt haben, auf einmal mit „Könnten Sie diese Aufgabe bitte an der Tafel einmal vorrechnen“ angesprochen wird. Wie man sich des Unterschiedes zwischen Du und Sie langsam bewusst wurde und anfing, eine Entscheidung darüber mit sprachlichen Kunststücken zu umgehen. Man hörte sich am Tisch mit Freunden der Eltern Dinge sagen wie „Könnte man mir das Salz reichen?“.

Ein „Sie“ sagt also mehr als du denkst. Aber was eigentlich? „Sieziert“ man die Untertöne, signalisiert es förmliche Distanz statt ungewollter Nähe. Ernsthaftigkeit, statt lapidarer Kumpelei.  Aber ist der Kellner im Restaurant wirklich respektlos und inkompetent, nur weil er fragt „Kann ich euch schon was bringen?“. Ist die Bitte um ein stilles Wasser und ein lautes Sie eine übertriebene Reaktion?

Während man in Skandinavien selbst Staatsoberhäupter duzt, in Island das Telefonbuch nach Vornamen sortiert ist und in der englischen Sprache wiederum erst bei der Ansprache mit einem Namen eine Entscheidung über die persönliche Nähe getroffen wird, sind die Felder in Deutschland klar abgetrennt. Es gibt kein Raum für Dusielei. Man siezt Abteilungsleiter, Schaffner und den Hausarzt. Man duzt die Fitnesstrainerin, den Barrista im Szene-Cafè und die Menschen, die einem bei einem Konzert die Sicht versperren. Auf die Wechselseitigkeit kommt es dabei an. Entsteht eine Ungleichheit in der Form der Ansprache, wird eine Hierarchie geschaffen oder eine bewusste Provokation gesendet. Annabel vom Empfang darf den Herrn Doktor bitte siezen. Der Schüler duzt seine Lehrer als kleinen Akt der Rebellion. Die Regeln sind klar. Oder waren es.

Denn das Kastensystem befindet sich im Wandel der Generationen. Während man kleinen Kindern ein inkonsistentes „Du, Frau Müller“ noch so eben verzeiht, sind ältere Siezer davon irritiert, dass man beim Bäcker, im Restaurant und vom Busfahrer geduzt wird. In jungen Unternehmen käme wiederum keiner auf die Idee, sich mit seinem Nachnamen vorzustellen. Die Schwiegereltern siezt man auch nicht mehr. Und so verformuliert sich, was lange fest siezte. Gehört das Du anbieten bald zu den Dingen, die wir nicht mehr tun, wie Kassetten aufspulen – weil wir uns eh schon alle duzen? Oder führen wir bald eine neue Art des Gendersternchens ein hinter jedem Du oder Sie, damit sich niemand ausgegrenzt oder diskriminiert fühlt?

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Doch wie so oft beschäftigen wir uns viel zu oft damit, wie etwas gesagt wird. Anstatt damit, was eigentlich gesagt wird. Wenn ein Kellner eifrig eine Bestellung aufnehmen möchte oder ein Schüler mit einem vollständigen Satz höfflich eine Auskunft erbittet, dann ist das schließlich mitunter „Neu für dich“ – aber durchaus erfreulich. Der Schellenaffe wünscht jedenfalls eine gute Woche und freut sich darüber, dass jemand vorbeischaute. Egal, ob du, sie oder einfach nur Mensch.

Ein Gedanke zu „So eine Dusielei.

  1. Dieser Schellenaffe ist eine Fortsetzung, Bereicherung und Vertiefung eines Gespräches ,welches ich vor einigen Tagen mit einem lieben Menschen geführt habe! 😉
    Ich gehöre zu den „älteren “ Menschen, die noch mit den hierarchischen Anredeformen groß geworden sind und sich schwer tut, wenn jeder, mir vollkommen Unbekannte, mich duzt! Der bei all der Duzerei an Respektlosigkeit,Sittenverfall und Anbiederei denkt! Doch…..wie der Schellenaffe schon ,in seiner treffender Art vermerkt hat, die Zeiten ändern sich! Oder haben sich in manchen Regionen der Welt schon lange geändert! Erstens weil man dort das förmliche „Sie “ garnicht kennt, oder weil die Generation der „Siezer“ aus Berufsleben und Umfeld verschwindet! Die noch verbleibenden älteren Menschen, haben sich der allgemeinen Duzerei angepasst oder wie so oft im Leben, daran gewöhnt, bei jeder Altagssituation mit einem freundlichen Du gefragt, angesprochen oder begrüßt zu werden! Ob in Hamburg, der „Duz“Zentrale oder in Köln ,wo immer geduzt wurde ,schon durch den Karneval 😁. Ich werde wahrscheinlich bald auch nicht mehr verdu(t)st schauen wenn mich an der Bäckerei Theke eine mir fremde Frau fragt:“ Entschuldigung bist du schon fertig mit deiner Bestellung!“ Sondern einfach freundlich antworten:“ Ja,du kannst jetzt bestellen!“ Ich bin ja noch jung und lernfähig! 😉😊

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