LebenTiefgang

Mit Abstand betrachtet.

unendliches blau Himmel Wolken blauer Himmel

Was für ein Anblick. Klar, strahlend, frisch und so tief dieses Blau. Durchbrochen von ein paar weißen Wolken, die so wattig wirken, dass man sich in ihnen gerne räkeln und noch mal umdrehen möchte. Nur ganz kurz. Welch ein träumerischer Anblick. Und doch wirkt das Bild irgendwie fremd. Anders. Ungewohnt. Etwas fehlt. Erst beim zweiten Blick sieht das Auge, was das Ohr schon feststellte: es fehlen die Streifen. Die weißen, scharfen Linien, die wie Narben den Himmel durchkreuzen. Und mit ihnen fehlt das dumpfe Rauschen.

Es fehlen die Flugzeuge am Horizont.

Es fehlt der Mensch im Himmel.

Wie lange werden wir uns an diesen Anblick gewöhnen? An die Stille, die von der sonst tosenden Autobahn her weht? An die klare Luft über Peking? An die Delfine, die sich in der Bucht vor Venedig tummeln?

Wir werden uns an das Jahr 2020 gewöhnen und erinnern, als das Jahr, in dem wir uns begannen, einer nie dagewesenen Menschheitsaufgabe zu stellen. Das Jahr, in dem wir zeigten, dass Unvorstellbares plötzlich möglich ist. Dass sich das gesamte Leben der Menschheit plötzlich ins Gegenteil verkehrte. Das Jahr, in dem wir eine unsichtbare Bedrohung bekämpften, die das ganze Leben, wie wir es kennen, bedrohen sollte. Das Jahr, in dem wir dem Rat der Wissenschaftler folgten. Tag für Tag. In dem wir sehnsüchtig auf weltweit geltende Regeln warteten und abgestimmtes Vorgehen zwischen Ländern und Kontinenten bejubelten. Das Jahr, das die deutsche Automobilindustrie in die Knie zwang. Das Jahr, in dem jeder hoffte, wenigstens einmal in den Urlaub fahren zu können und versprachen, dies so sehr zu genießen, als sei es ein Schlummern auf stillen Wolken. In dem wir vergaßen, was Staunachrichten im Radio sind.

Und doch ist 2020 erneut das Jahr, in dem sich noch immer viel zu wenige für den Klimawandel engagierten. In dem sich zu wenig, zu langsam bewegte. In dem wir uns das Mantra „der Umbruch braucht Zeit“ (die wir nicht mehr haben) so häufig aufsagten, wie wir uns die Hände wuschen.

Der Gedanke, was möglich wäre, wenn die globale Erderwärmung so bekämpft würde wie eine globale Pandemie, ist irgendetwas zwischen wut- und mutmachend. Man ist wütend auf sich selbst, weil es erst den Arschtritt bzw. Hinweis eines mikroskopisch kleinen Zwerges braucht, um sein Verhalten radikal zu ändern. Weil es erst Verbote braucht, um all die Dinge zu tun, von denen man weiß, dass man sie tun sollte. Sei es mal herausfinden, wer überhaupt die eigenen Nachbarn sind. Sei es zu erkennen, dass das Wort „Pflegekräftemangel“ kein ferner Laut aus den Medien, sondern ein Wort mit einem verdammt nahen Echo ist. Sei es, dass man nicht fünf Mal im Jahr in Urlaub fahren muss, um glücklich zu sein. Sei es, dass man sich anstatt in ein Flugzeug in eine Videokonferenz setzen kann. Sei es, dass Kinderbeschäftigung mehr sein kann, als die Fahrt mit dem Auto zur Kita.

Zugleich macht der Gedanke Mut, dass die Menschheit erkennt, zu was sie allen Bedenkenträgern zum Trotz imstande ist, wenn alle anpacken. Er macht Mut, da in Zeiten der Krise geifernde Populisten ihren Zauber verlieren (wer traut schließlich Männern, deren größte Hirnleistung darin besteht, sich an ihr Twitter-Passwort zu erinnern oder Hundekrawatten zu binden, schon die Lösung von Menschheitsaufgaben zu). Er macht Mut, weil man beginnt zu begreifen, was man im Leben wirklich braucht, und was nicht. Wir ziehen voller Mut Kondenslinien im Kopf, die Wesentliches von Unwichtigem trennen.

Doch vor allem macht der Gedanke eines: nachdenklich. Was wäre möglich, wenn wir ähnlich zupackend, aber weniger panisch den Klimawandel angehen würden? Warum muss uns erst etwas genommen werden, ehe wir sehen, wie kostbar es ist? Meinte Greta das, als sie sagte „I want you to panic“?

Im Kleinen, wie im Großen erkennen wir: der Preis, den wir 2020 zahlen, ist hoch. Sehr hoch. Ob Milliardenpakete, Aktienabstürze oder die Angst vor der eigenen Mietzahlung, der Kampf um das, was uns so kostbar ist, wird teuer. Schmerzhaft teuer. Umso schöner wäre es doch, wenn dieses horrende Lehrgeld kein einmaliges Experiment bleibt, sondern wenn wir irgendetwas daraus lernen würden. Jeder für sich. Jeder für alle. Denn so wie unsere Lungen verbunden sind, so sind es auch unsere aller Leben.

2 Gedanken zu „Mit Abstand betrachtet.

  1. Gerade lese ich einen schönen Spruch, in diesen Tagen der Angst und Ungewissheit! “ Mir scheint es, dass die Erde uns alle in unsere Zimmer sperrt, wo wir überlegen können, was wir falsch gemacht haben!“
    All den Videos, Gedichten, humoristischen oder wütenden Reden, den Liedern ,die im Moment im Netz kreisen, ist eines gemein, der Wunsch, aus den Erfahrungen der letzten Tage, etwas mitzunehmen in die Zeit nach Corona!
    Möge diese Erholungspause für Mutter Natur, nicht durch Corona Viren ,viele Monate dauern, sondern durch unsere veränderte Lebebseinstellung. Nicht mehr immer weiter, höher ,schneller größer ,öfter, sonder ….überlegter, langsamer ,bedachten, besonnener Umgang mit uns und Mutter Natur wäre neben ,gesund bleiben ,ein schönes Ziel, das es zu erreichen gilt! Und nicht nur für ein Jahr!
    Stay at home und bleib gesund ,lieber Schellenaffe!👍😍

  2. kurzfristig dürfte das kleine Ding neben dem Leid manches Positive bewirken, z.B. die nicht für möglich gehaltene Einhaltung der Klimaziele für 2020, oder eine Atempause für strapazierte Ziele des Massentourismus (Venedig u.a.), bezüglich einer langfristigen, nachhaltigen Wirkung auf unser menschliches Verhalten bin ich aber eher skeptisch – wir hatten schon größere Katastrophen , aus denen wir am Ende nichts gelernt haben, aber anstrengen sollten wir uns trotzdem …

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