KulturLeben

Ausverkauftes Hallen.

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Die Bilder sind ähnlich. Die Menschen stehen in Schlangen gekauert vor dem Einlass. Mühsam haben sie ein Ticket ergattert. Jeder Platz ist besetzt. Der Abend ist ausverkauft – und trotzdem leer. Bühne frei! Und der Rest irgendwie auch…

Nachdem wir monatelang unsere Tanzbeine und Klatschhände verkümmern ließen (bis auf den einen peinlichen Moment, als man das eine Glas zu viel Wein trank und die Musik zuhause aufdrehte), sehnen wir uns nach – ja, wonach eigentlich? Den Ellbogen eines Fremden in den Rippen zu spüren? Knietief im Biermorast zu stehen? Den Konzertabend an der Garderobe zu „verringen“? Den Punkt auf dem Spielfeld zu suchen, der sich Ball nennt?

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Nach Monaten der digitalen Teilhabe, die schnell in reale Teilnahmslosigkeit überging, sehnt man sich nach echten Erlebnissen. Nach Eindrücken, die riechen, schmecken, laut sind, eben irgendwie menschengemacht. Mit Gefühl und so. Nicht mit Login und so. Live-Streams, Video-Banalitäten und mein Tagebuch als Podcast sind wie vegane Würste: sie können dir schmecken, wenn du gar nicht erst erwartest, dass sie wie eine richtige Wurst schmecken. Sondern wenn du eher von Raufasertapete ausgehst. Dann sind sie ok.

Und so treibt einen die Seh-, Hör, Fühllust zaghaft zurück in die Konzerträume, Opernhäuser und Sportarenen. Kontrolliert, registriert und irritiert sitzen wir in ausverkauften Hallen und lauschen dem Hallen unseres Klatschens. Dem Hüsteln des Sängers. Dem Keuchen des Spielers. Anstatt nach Bier riecht es nach hundertprozentigem Alkohol. Anstatt Mensch sieht man Sitzmöbelvariationen. Man sitzt regungslos hinter seiner Maske kauernd und wartet darauf, dass man gebeten wird zu gehen. Zu intim wirkt die ansonsten vertraute Kulisse. Zu abgezählt und auserwählt ihre Beiwohner. „Ich muss in die Generalprobe geplatzt sein.“

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Doch dann beginnt das Spiel. Wirklich. Real und doch irgendwie surreal. Und man ertappt sich dabei, wie man auf einmal etwas spürt, was man seinen bewunderten Idolen gegenüber nie empfand: Mitleid. Nicht weil das Publikum klein ist, sondern weil der Raum, in dem es regungslos sitzt, so riesengroß. Und still. Die Größe suggeriert, dass hier viel mehr Menschen sein müssten und dass dem nicht so ist, kann ja nur an dem da auf der Bühne liegen. Man zweifelt automatisch an der Güteklasse der Spieler, Sänger und Darsteller. Nicht am Zustand der Welt. Man wähnt sich im Damensport, in der Kreisliga oder in der Nachwuchsförderung (rein auf die Besucherzahl bezogen!). Man schämt sich heimlich für die gähnende Leere, die einen unangenehm berührt, die einem ins Gesicht schreit „so viel mehr wäre möglich!“ Und gleichzeitig spürt man die Verantwortung, die auf einem lastet. Man muss klatschen und lächeln – als maximaler Ausdruck von Ekstase – für alle die, die gerne hier wären. Auch der größte Beifallsboykottierer haut wild in die Pranken, da er den Blick des Künstlers zu spüren glaubt und weiß, dass nur jeder einzelne diesen Ort mit dem füllen kann, wofür er geschaffen wurde: mit Applaus.

Doch was ist ein Konzert, ein Fußballspiel, ein Theaterstück, wenn ihm der eigentliche Resonanzraum, für den es geschaffen wurde, fehlt: das Publikum? Und seine Bewegungen, sein Mitsingen, sein Auspfeifen? Ist man nicht genau wegen dieser emotionalen Atmosphäre hierher gekommen? Wegen dieser Ansteckungsgefahr?

Doch mindestens einer ist ja immerhin da, um uns anzustecken. Spätestens wenn das Ohr diese Stimme wieder singen hört oder das Auge diese Bewegungen sieht, wenn wir die – vielleicht verzweifelte – Leidenschaft der Akteure spüren, dann wacht da in uns etwas auf, was man nicht so genau beschreiben kann. Eine Spannung, die keine Technik vermitteln kann. Eine Energie, die man zuhause auf seiner Couch nicht spürt. Ein Erlebnis, was man sehr lange Zeit nicht hatte. Einen Abend, von dem die da vorne vermutlich ebenfalls sagen werden: besser als nichts, diese Dehnübung für die Sinne, dieser Maskenball ohne Aufforderung zum Tanz, dieser Labortest mit Publikum, dieses ausverkaufte Hallen. Alles besser, als gar kein Echo.

Ein Gedanke zu „Ausverkauftes Hallen.

  1. Wieder passt hier der oft zitierte Spruch:“Wenig ist oft mehr!“ Lieber wenige Zuschauer als keine, lieber selten in ein Konzert, Oper, Fussballstadion gehen,als garnicht! Dieses Gefühl mit Gleichgesinnten etwas Schönes zu erleben, kann durch keine digitale Welt ersetzt werden! Der Wunsch Musik, Kunst Sport miteinander zu bestaunen, zu genießen ist menschengemacht! Darum schafft es auch kein ,noch so kleiner Virus, uns davon abzuhalten! Arenen gibt es schon seit Urzeiten (Man schaue nur nach Rom in eine der ältesten Arenen genannt Coloseum) der Mensch braucht den anderen Menschen! Nicht nur zum Überleben, sondern eben auch zum genießen, miteinander Wunderbares erleben, ist eben 1000× schöner als allein vor dem Bildschirm zu sitzen! Also genießen wir doch das was mit Vorsicht wieder geht, in dieser neuen Normalität, und machen es nicht durch Unvorsichtigkeit zunichte!😊

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