LebenTiefgang

Wie dumm kann man eigentlich sein.

Wie dumm kann man sein Klimawandel Boot bis zum Hals

Wenn jemand in seinem Wohnzimmer sitzt, Fernsehen schaut und Erdnussflips isst, während sein Dachstuhl brennt, sein Keller vollläuft und sein Carport wegfliegt – was würde man ihm raten? „Wir möchten ja nicht stören, aber vielleicht sollten Sie etwas unternehmen, weil ihr Dachstuhl brennt, ihr Keller vollläuft und ihr Carport wegfliegt.“ Und wenn der- oder diejenige dann stoisch sitzen bleibt, weil die Füße ja noch nicht nass seien und das bisschen Wärme von oben eigentlich ganz angenehm ist, was würde man dann sagen? Richtig, wie ignorant, wie kurzsichtig, wie dumm kann man eigentlich sein.

Blöd nur, dass wir alle so dumm sind. Jetzt in diesem Moment. Alle zusammen hocken wir in unseren warmen Nestern und bewegen uns nicht. Kein Stück. Oder vielleicht ein kleines Stück, weil wir neuerdings ja die Äpfel in unser mitgebrachtes Einkaufsnetz stecken und dieses Jahr nicht in Urlaub geflogen sind. Das muss doch fürs Erste reichen.

Das tut es aber leider nicht. Die Fakten sind seit Jahren, nein Jahrzehnten bekannt. Die Wissenschaft, an deren Lippen wir dieses Jahr auf einmal alle so hängen, spielt uns die gleiche Platte seit sehr, sehr langer Zeit vor. Quasi der Extended Longplayer mit A- und B-Seite, der sich „Der Klimawandel und seine Folgen“ nennt. Wir hören einfach nicht – mehr – hin. Die Medien berichten seit 40 Jahren und wir schalten um oder ab. So lange schon? Ja. Wenn man diesen (hier) Beitrag zur ersten Klimakonferenz aus dem Jahr 1979 hört, fragt man sich, was sich seitdem außer der Mode wirklich geändert hat. Die Fakten jedenfalls nicht. Zur Einordnung: 1979 wurde der erste Walkman erfunden.

Und so sitzt man in diesem Krisenjahr 2020, in dem sich so viel auf einmal veränderte, was man niemals für möglich hielt (keine Schwarze Null, kein Oktoberfest, kein Ballermannurlaub) und räsoniert: Wann beginnt man ein langfristiges Problem zu lösen? Mit welcher Dringlichkeit geht man Herausforderungen an, die über Generationen entstehen und wirken? Wie geht man mit Krisenjahrzehnten um?

Aber vor allem fragt man sich: worauf genau warten wir (außer darauf, dass es in Kalifornien einfach wieder kälter wird)? Dass uns jemand etwas verbietet, verteuert oder unliebsam macht?

Wenn alle anderen weitermachen, warum soll dann ausgerechnet ich damit aufhören? Wenn alle schneller, höher, weiter wollen, ist Stillstand schließlich Rückstand. Man will schon Teil der ganzen Show sein. Das heißt dann aber auch, dass wir alle Teil des Problems sind. Und wir bedeutet eben auch du. Du, ja, du. Nein, nicht die anderen, nicht die Chinesen, nicht die Autoindustrie, nicht Donald Trump, du. Denn für „die anderen“ bist du Teil der anderen. Und so ist jeder immer irgendwie „die anderen“.

Und vor allem bist du für jemanden ein Wähler. In spätestens vier Jahren. Immer. Und so löscht die Politik den Brand mit einem Teelöffel. Weil sie Angst hat, ihre Macht, derer sie sich nicht traut zu bedienen, zu verlieren. Eine Macht, die wir ihnen leihweise geben. Eine Macht, derer sie sich nur bedient, wenn wir akut mal so richtig in der Klemme stecken. Finanzkrise, Atomunfall, Pandemie. Dann sprudelt das Löschwasser durch die Geldhähne. Aber die Probleme von überübermorgen gewinnen heute keine Wahl. Legislaturperioden sind das Narkosemittel gegen den Klimawandel.

Aber was kann ein einzelner schon bewegen? Sehr wenig. Aber gehen wir deswegen nicht wählen oder halten uns nicht an die Verkehrsordnung (ok, bis auf diese eine lebenszeitverachtende Fußgängerampel)? Wir akzeptieren so viele Regeln, Kodexe und Gesetze in der Hoffnung und Annahme, dass alle anderen dies auch tun. So wird unser aller gemeinsames Leben erst möglich. Das nennt sich dann wohl Gesellschaft. Es sind keine großen Hebel, die ein einzelner bewegt. Sondern zig Millionen kleine, die in Summe etwas bewegen.

Wenn man ehrlich ist, haben wir bisher nur die Hebel bewegt, die leicht von der Hand gingen und dafür relativ wenig bewegen. Die Nummer mit dem Obstnetz und dem Kohleausstieg in 18 Jahren zum Beispiel (anscheinend kann man eher volljährig werden als auf Braunkohle zu verzichten – obwohl von den 160.000 Beschäftigten in der Kohleindustrie eh nur noch ca. 20.000 übrig und Bürgerkriege ausgeblieben sind;  Quelle: https://de.statista.com/)

Die Hebel, die mit Kraft, Angst, Mut, Verzicht oder Tofu verbunden sind, rühren wir erst mal noch nicht an. So warm ist es nun auch wieder nicht. Und ob dieser große, vertraute Hebel, der sich vielleicht Flugreisen, Diesel oder Hackbraten nennt, wirklich etwas bewegt, wenn ich ihn umlege, das muss mir nun wirklich erst einmal jemand beweisen. Natürlich darf man nicht in puren Aktionismus und Planlosigkeit verfallen, aber wenn es fünf – Sekunden – vor Zwölf ist, ist es vielleicht nicht der richtige Moment für einen Uhrenvergleich oder eine Grundsatzdiskussion über das Konzept „Zeit“. Die wesentlichen Fakten sind da. Denn Wissenschaftler streiten über, aber einigen sich eben auch seit Jahren auf die wichtigen Hebel, die zu bedienen sind. Dieselbe Wissenschaft, die Flugzeuge entwickelt, in die wir steigen, ohne dass wir an den physikalischen Kräften zweifeln. Dieselbe Forschung, die Technologien erfindet, denen wir mehr vertrauen als dem eigenen Verstand.

Wie bewegen wir also diese großen Hebel? Indem wir uns mit dem irgendwie unheimlichen, aber auch verkraftbaren Gedanken vertraut machen, dass es keine kleine Frühjahrsdiät ist, die wir brauchen. Sondern eine grundlegende Lebensumstellung. Wir alle, also auch du, werden in einem „neuen Normal“ irgendwann leben. Entweder in einem, in dem wir weniger reisen, konsumieren, verbrauchen, besitzen möchten, oder eben in einem, in dem wir weniger reisen, konsumieren, verbrauchen, besitzen können. Weil die Erde überstrapaziert wurde. Irreversibel. Irreparabel. Die Entscheidung wird uns irgendwann abgenommen. Nutzen wir also die Zeit, die wir noch haben, um die Entscheidung mitzugestalten. Wir das heißt du und ich. Nutze deine Zeit, die dir noch bleibt. Sie ist so endlich, wie die Ressourcen unserer Erde.

Seit 1979 hat sich viel getan auf dieser unserer Erde. Manches hat sich zum Guten gewandelt. Manches nicht. Die weltweiten Emissionen haben sich seitdem verdoppelt (Quelle: https://www.climatewatchdata.org/). Und doch hat 2020 gezeigt, dass wir viel mehr können, als wir glauben. Möge man auf uns im Jahre 2061 zurückblicken und vieles sagen, nur nicht eines: Wie dumm kann man eigentlich sein.

2 Gedanken zu „Wie dumm kann man eigentlich sein.

  1. Die Überschrift und der Schlusssatz sind das was ich im Moment jeden Tag mehrfach denke! Aus vielen Gründen ( ich sage nur Corona und Trump)!
    Was dieser Beitrag noch bewirkt hat, eine Diskussion am Frühstückstisch über unser Verhalten in Zeiten von Rekorden! Rekorde die niemand braucht! Die meisten Stürme, die heißesten Sommer, die verheerendsten Überschwemmungen usw!
    Ja, und was machen wir? Das angesprochene DU, in diesem Artikel?
    Nun wir sind genau die, die nur loses Obst und Gemüse kaufen. Die weniger Reisen auf Grund von Alter und Einschränkungen, die jeder kennt!
    Vielleicht versuchen wir noch weniger zu waschen und nachhaltig produzierte Produkte zu kaufen!
    Das war’s! Zu wenig? Oder sind es doch schon diese besagten kleinen Hebel, die in der Masse was bewirken? Das hoffen wir!? Eigentlich müssten wir unser Auto abschaffen ( ein Neues könnten wir uns allerings nicht leisten) dann also Fahrrad! In unserem Alter eine Herausforderung! Ne das dann doch nicht! Und so ist das vom Tisch. Wie so vieles, was unser komfortables Leben beinträchtigen würde. Also lassen wir es bei den kleinen Hebeln und hoffen auf……. ja auf wen!? Politik, Friday for Future, die Grünen oder doch die Wissenschaft!? Ach, es ist zum Verrückt werden, diese sind zwar steht’s bemüht , aber geschafft haben sie ja auch noch nicht wirklich viel. Da wird es wohl doch auf den zweiten Weg des Schellenaffen hinaus laufen.
    Die Erde, Natur, Kosmos wird uns irgendwann, in naher Zukunft den Weg zeigen….. ein schrecklicher Gedanke!
    Aber wie heißt es so schön……..Wer nicht hören will muss fühlen! Oder dumm sterben! Nein, das soll nicht der letzte Satz bei mir sein. Die Hoffnung stirbt als letztes! Diese Zuversicht brauche ich jetzt!😉

  2. das sind fast zu viele kluge Gedanken auf einmal, um darauf angemessen einzugehen: Von der menschlichen Dummheit im allgemeinen denke ich, dass sie tatsächlich grenzenlos ist (und immer war und wohl auch sein wird – als einer der tiefsinnigsten hat sich an ihr Erasmus von Rotterdam in seinem „Lob der Torheit“ abgearbeitet); der Raubbau an der Natur reicht viel weiter zurück als viele denken (seit dem Altertum werden Wälder gedankenlos abgeholzt); als einzelner kann ich nicht „die Welt retten“, das muss ich auch nicht, aber ich kann die Welt ein winziges Stück weit verändern, indem ich mich verändere, oder anders gesagt: Ich muss nicht jeden Quatsch mitmachen, oder wie meine Oma gerne sagte, wenn ich mit „den anderen“ kam: „Wenn die anderen ins Feuer springen, springst Du hinterher?“, das gehört zum Klügsten, was ich je gehört habe …

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