LebenTiefgang

Minimal besser.

Minimalismus Papperlapapp Pappe Konsum Papiermüll

2 Füße. Ziemlicher Durchschnitt. Nichts Besonderes.

26 Paar Schuhe. Ziemlicher Durchschnitt. Nichts Besonderes.

52 Schuhe für 2 Füße. Das sollte etwas Besonderes sein.

Etwas besonders Dämliches.

Wir leben in einem Meer aus Mehr. Fett und satt schwimmen wir oben auf diesem Mehr. Wir sind übergewichtig. Wir konsumieren bis zur Unkenntlichkeit. Neue Schuhe, neue Apps, neue Serien, neue Kerzenständer. Weil die alten Schuhe zwar eingetragen, aber sattgesehen sind. Weil die neue App bestimmt hält, was die alte versprach. Weil der neue Kerzenständer endlich die Gemütlichkeit bringt, die man niemals spürte. In dieser nicht mehr ganz so neuen Welt konsumieren wir neue Dinge, um alte Probleme zu lösen. Nur noch dieses eine neue Ding, dann bin ich glücklich. Ganz bestimmt. Dieses größere Auto, jener neue Joghurt mit Erdbeerkeksen. Das dauerhafte Glücksgefühl ist nur noch eine Kaufentscheidung von uns entfernt. Das ist die Erzählung, die wir jeden Tag hören. Der wir so gerne lauschen. Die wir so sehr glauben.

Diese Welt hat uns das Konsumieren so einfach gemacht, dass selbst dann, wenn das Einkommen klamm und die Geschäfte geschlossen werden, der Kaufrausch weitergeht. Er wird zur bürgerlichen Pflicht erhoben. Steuern werden gesenkt, damit wir das Gefühl haben, Geld zu sparen, während wir es ausgeben. Die Wahl von Waren und Marken ist so wichtig geworden wie die Wahl von Entscheidern und Parteien. Wir sind der systemrelevante Held, der den Laden am Laufen hält. Gleichzeitig konsumieren wir begeistert, um die Stille in unseren Wohnungen und Köpfen zu übertönen. Dieses Mehr zieht neuerdings ein Meer an Pappkartons und Menschenschlangen vor Postfilialen nach sich. Ansonsten ist alles wie immer. Und so sitzen wir in unserem Zuhause voller Gegenständigem und fühlen uns leer. Ziemlicher Durchschnitt. Nichts Besonderes.

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Nicht besonders erzählenswert wäre dieses possierliche Dilemma des modernen, mündigen Bürgers, wenn der eigene Konsum lediglich Einkommen verschieben würde. Dann hätten alle mehr. Der eine mehr Dinge und jemand anderes mehr Geld, um sich Dinge zu kaufen. Aber da wir nicht in einer realitätsfernen Residenz von Vladimir Putin leben, sondern in einer Wirklichkeit, in der alles abgezählt ist, wird die Geschichte schwieriger. Denn: der Konsum des einen nimmt jemand anderem etwas weg. Die Lieferadresse weicht von der Rechnungsadresse ab. Jemand anderes bezahlt für unseren Konsum. Jemand anderes bezahlt in Form von schlechter Luft, trockener Erde, Plastik im Meer, einer Kindheit voller Arbeit. Die Litanei ist bekannt. Der Begriff „Lastschriftverfahren“ schien noch nie so zeitgemäß zu sein.

Dabei wissen wir es bei aller Payback-Punkte-Sammelei doch eigentlich längst besser. Wir wissen, dass es im Leben nicht um das WMF-Geschirrset für 3.000 Treupunkte oder um Erdbeeren im Januar geht. Wir wissen, dass es nicht darum geht, etwas zu haben, sondern etwas zu sein. Es heißt ja schließlich auch nicht Dahaben, sondern Dasein.

Soweit so logisch. Was dennoch nur schwer zu begreifen scheint, ist die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Menschen ab einem gewissen Einkommensniveau nicht mehr Glück spüren durch ein Mehr an Geld. Geld, das uns von Hunger, Krankheit und Existenzangst befreit, steigert die Zufriedenheit. Aber die paar Scheine netto mehr zur Finanzierung einer Mitgliedschaft im Golfclub machen uns nicht unbedingt glücklicher. Und doch halten wir fest an dem Glauben, dass Konsum, für den man nun mal Geld braucht, glücklich macht. Wir werden förmlich fest getackert an diesen Glauben. Denn so finanziert sich dieses ganze Kartenhaus, das wir Wirtschaft nennen. Wir leben in einer gigantischen Werbefläche, die erst durch unseren Konsum bezahlt wird. Spätestens jetzt schwirrt einem der Kopf und man möchte sich unter einer Wolldecke in der neuesten Trendfarbe verkriechen.

Und dann? Die vergangenen Monate lehrten uns einiges. Vor allem begriffen wir, dass mehr entbehrlich ist, als wir es für möglich gehalten hätten. Hosen im Büro zum Beispiel. Doch was ist das, was uns am Ende dieser beschwerlichen Reise als unentbehrlich erscheint? Wir vermissen den Schnack mit Kollegen im Büro, nicht den imposanten Elbblick aus dem Konferenzraum. Wir sehnen uns nicht nach der Pizza beim Italiener, sondern nach dem Erlebnis Pizzaessen beim Italiener. Wir vermissen das Stimmengewirr, den Blick auf eine Karte, die wir schon auswendig können, die Erinnerung an den letzten Urlaub in der Toskana, den Sambuca, der schmeckt wie bittere Glückseligkeit. Wir vermissen Begegnungen und Erlebnisse. Noch schlimmer: das, was uns so fehlt, ist zur Gefahr verkommen. Das, was uns fehlt, bringt diejenigen in Gefahr, die uns so sehr fehlen. Das zu verarbeiten, ist schwieriger zu verdauen als Essen 2 aus der Kantine, die wie eine Hexenküche aus einer anderen Welt aus unserer Erinnerung verschwindet. Wir vermissen Menschlichkeit, die den Menschen erst zum Menschen macht.

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Doch nutzen wir die Zeit, die so zäh zu verstreichen scheint und räumen auf. Um Platz schaffen für Menschlichkeit. Und für Dinge, die uns wirklich wichtig sind.

Also: Fang zum Beispiel mit deinen Füßen an, die dich ja irgendwann wieder zu einem Konzert tragen oder auf einer Hochzeit mit dir tanzen sollen. Wie wichtig sind sie dir? Wie häufig schaust du sie an? Bei der Gelegenheit zähle sie auch noch mal ab. Und dann zähle deine Schuhe. Es sind garantiert mehr als du denkst. Und dann frage dich: bin ich ein so großer Fußfan, dass ich jede Woche ein anderes Paar tragen können möchte? Wenn du deinen Füßen diese Achtung entgegenbringen möchtest, freue dich. Du hast etwas gefunden, was dir im Leben wahres Glück bereitet. Nutze die Zeit und baue deinen Schuhen ein riesiges Regal, sodass du sie immer sehen kannst. Putze sie. Sortiere sie. Erinnere dich an die Wege, die ihr zusammen gegangen seid.

Wenn du deinen Schuhen oder deinen Kerzenständern oder deiner Topfsammlung nur etwas weniger Emotionalität und Leidenschaft entgegenbringen kannst, verschenke oder verkaufe sie (siehe Beitrag: Letzte Preis). Und gib ihnen so die Chance, bei einem echten Liebhaber ein erfüllteres, blasenfreies Leben zu erhalten. Verkaufe deinen Spaghetti-Topf, in der Hoffnung, dass du das Problem damit nicht nur in einen anderen Haushalt verschiebst, sondern der unbenutzte Spaghetti-Topf in den Händen eines begnadeten Kochs landet, der Spaghetti selber herstellt und regelmäßig seinen Lieblingsmenschen serviert, weil es das beste Essen ist, das er sich im Leben vorstellen kann. Kein geringerer sollte der Käufer deines Topfes sein. Kein geringerer solltest du sein, wenn du überlegst, dir einen Spaghetti-Topf zu kaufen.

Und wo du gerade in deinem Leben aufräumst, räume deine Zeit gleich mit auf. Schau einmal zum Beispiel nach, wie viel Zeit du an deinem Handy verbringst (neue Modelle können das). Und dann überlege, was du mit der Zeit, die dir ja im Allgemeinen im Leben ach so sehr fehlt, hättest tun können. Wie viel aufrichtige Briefe hättest du schreiben können, anstatt belanglose Emojis zu verschicken. Wie gut wäre dein Klavierspiel, wenn du jeden Tag, direkt nach dem Aufstehen, so viel Zeit mit Üben verbringen würdest. Denke nach, bevor du dich bei Clubtik oder Tokhouse oder was auch immer anmeldest. Denke darüber nach, was du dir von der Investition deiner Zeit erhoffst.

Du musst ja nicht gleich zum asketischen Minimalisten werden, der in seinem einen Leben alles nur einmal besitzt außer seinen Unterhosen. Doch versuche einmal, anstatt in mehr von allem, mehr in das zu investieren, was dir wichtig ist. Dauerhaft. Aufrichtig. Minimiere deinen Konsum materieller und nicht materieller Dinge. Und schaffe Platz zum Denken. Helfen. Sparen. Lieben. Atmen.

Wenn man einmal den Schalter umgelegt hat, ist es schwer, ihn wieder zurück in seine Ausgangsposition zu hieven. Wenn man einmal begriffen hat, was so schwer zu begreifen war, dann ist es umso schwerer, die Erkenntnis zu vergessen. Dieser Griff nach dem Schalter, nach der Erkenntnis, ist das aufrichtige Durchdringen der abgewetzten Aussage: weniger ist mehr.

„Love people, use things. The opposite never works.“ – the Minimalists.

2 Gedanken zu „Minimal besser.

  1. Nun, da die Frequenz des Schellenaffen abnimmt nehmen die Länge und der Inhalt der Beiträge deutlich zu!👍
    Diesen Artikel kann man auf jeden Fall nicht mal eben schnell lesen und schon garnicht  fix kommentieren, dafür ist er viel zu gewichtig.
    Letzte Woche habe ich einen Spruch gelesen, der passt zu der Aussage des Schellenaffen   „Alles was wir hier auf der Welt besitzen ist nur geliehen! Am Ende unseres Lebens müssen wir alles hier lassen!“
    Wie blöd ist dann eigentlich unser, oben beschriebener,Lebensstil !? Wenn man etwas leiht, geht man besonders sorgsam damit um, es gehört einem ja nicht und wenn man es kaputt macht bedeutet das Ärger! Leihen bedeutet  Verantwortung! Wie du es anvertraut bekommst so sollst du es zurück geben! Das klappt ja im Moment schon mal nicht! Leihen bedeutet auch  man kann es einfach wieder abgeben ohne das es schmerzt, denn jemand anders kann es dann weiter nutzen! Leihen kosten nicht viel ,nur eine kleine Gebühr, dafür aber viel Achtsamkeit und Vorsicht! Nun,ja da ist bei uns auch noch viel Spiel nach oben !
    Wir, gehen mit unseren „Leihgabe“ gerade nicht so sorgfältig um.  Eher nach dem Motto:“ Ist mir doch wurscht was der nächste davon hat “
    In den letzten Monaten ist vielleicht dem ein oder anderen etwa bewusster geworden, das Anschaffen,Besitzen,Produzieren ,Erwerben von materiellen Gütern nicht dass ,ach so schöne Leben, wie wir es kannten ,ausmacht!
    52 Paar Schuhe, neue Handys, Autos mit oder ohne Verbrennungsmotor usw , können nicht ersetzen was das Umarmen, das Drücken, das persönliche Gedpräch der feste Händedruck, das gemeinsame Essen usw.aus  unserem Leben macht. „Geliehenes“ kann wunderschön sein, aber nur der Besitz von Glück, Liebe,Zuneigung, Freude, Gesundheit und  Mitmenschlichkeit sind das das was gutes Leben ausmacht!
    Also versuchen wir diese Erkenntnis der letzten Zeit festzuhalten und in den Alltag zu integrieren Schritt für Schritt! Z.B. ich habe in den letzten 14 Monaten keine Schuhe gekauft und nix vermisst 😊👍!
    Danke für diese schönen 1.2.2021 Gott sei Dank ein Montag! Bis zum 1.3 .2021 eine gute Zeit, lieber Schellenaffe 🤗

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