Außerplanmäßig.

Kopf hoch

„Wir fahren soeben ein in – ja, da steht es – Dortmund.“ Die Zugbegleitung ist hörbar um Menschenwürde bemüht. Sie weiß nicht, wo wir sind, wo wir hinfahren, ob wir jemals dort ankommen, wo niemand mehr auf uns warten wird. Sie scheint den Zug in der Tat nur noch freundlich zu begleiten auf seinem unbestimmten Weg. Den  Plan, für dessen halbwegs gewissenhafte Umsetzung allerhand naive Passagiere Geld bezahlt haben, scheint es nicht mehr zu geben. Ganz urplötzlich scheint sich eine Baustelle vor dem Zug aufgetürmt zu haben. Unvorhersehbar trifft ihn die höhere Gewalt eines Baggers. Er biegt von seinem Weg ab, ohne zu wissen, wohin die Schienen ihn bringen. Der Lauf der Schienen ist ja nicht vorhersehbar. Gar nicht. Null.

Es gibt ein Wort, das der Planlosigkeit einen Plan geben möchte: außerplanmäßig. Jenes Wort sagt alles über uns aus. Es soll auch noch das zersetzende Chaos wegsortieren, beschreiben, verständlich machen.  An dieses Wort muss man in diesen Tagen denken. Was hatten wir alles für Pläne: für Wochenenden, die Weltenrettung und die Maiglöckchen im Blumenbeet. Alles scheint begraben unter Fieber und Neuschnee. Das Gefühl der Vorfreude verkümmert nur noch zu einem Lächeln, wenn doch noch eine Flasche Öl im Regal des Supermarktes auf uns wartet. Die Tränen zu vieler Enttäuschungen versuchen wir mit Klopapier zu trocknen, während wir beginnen, eine wattige Mauer um uns zu bauen. Der Gedanke daran, welche Pläne die Menschen in der Ukraine hatten, ehe sie begraben wurden unter dem Wahn der Welt, in der wir zur Verbundenheit verdammt sind, er gibt uns den Rest.

Alles scheint zu wanken. Nur auf das Chaos scheint noch Verlass.

Und nun?

Der Zug steht seit geraumer Zeit in einem Bahnhof, an dem er nicht stehen sollte. Die zur Geduld verdammten Passagiere starren wahlweise auf die Bauarbeiten am Bahnsteig oder die Baustellen in ihren Telefonen. Man wartet auf einen neuen Zugführer, dessen Erscheinen man für unwahrscheinlich hält. Sein Arbeitsplatz hat sich schließlich um einige Kilometer verlagert. Dass der vorherige Zugführer aussortiert werden muss, hält man hingegen für konsequent. Die Zugbegleiterin versucht sich derweil als „Stand-Around“-Comedian und scheint ihre Rolle als Seelsorgerin mit Lautsprecher anzunehmen. Allerlei voluminöse Kopfhörer werden installiert, um die Erläuterungen zur Außerplanhaftigkeit unserer Situation hinter Chartmusik verstummen zu lassen. Regte man sich früher auf über die „Unfähigkeit dieser Deutschen Bahn“, zuckt man heute nur noch mit den Schultern, rückt sich seine Maske zurecht und googelt günstige Stromtarife. Das mit dem Aufregen hebt man sich nur noch für die ganz großen Probleme auf. Benzinpreise zum Beispiel.

Selbst als der Zug beginnt zu rollen beginnt, dösen die Menschen weiter. „Liebe Fahrgäste. Wir fahren nun einfach mal weiter Richtung Köln und sehen, wann wir ankommen.“

Damit scheint alles gesagt.

Wir rollen einfach mal weiter und schauen, wann wir wo ankommen. Etwas anderes bleibt uns nicht übrig. Denn irgendwie geht es immer weiter. Selbst bei der Deutschen Bahn. Die Alternative wäre auf einer Dortmunder Baustelle gestrandet zu sein. Das kann niemand wollen.

Damit endet dieser außerplanmäßig kurze Text. Alles andere ist Schnee von gestern.

2 Gedanken zu „Außerplanmäßig.

  1. Ja,das Wort,das wir eigentlich nur mit der DB in Verbindung bringen „außerplanmäßig“ trifft im Moment auf das Leben im Ganzen zu. Denn planmäßig läuft im Moment nix mehr. Im Privaten wie im Allgemeinen! Alles wird von nicht geplanten Ereignissen gesteuert. Krankheit, Krieg, Katastrophen, persönlichen Rückschlägen. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass wir, die Menschen doch recht machtlos all diesem „Nichtplanmäßigem“ ausgelieferten sind! Wir können nur noch ausharren und versuchen und hoffen, dass sich bald, ach bitte ganz bald ,wieder ein bisschen alte Normalität einstellen wird! Um Luft zu holen und Energie zu tanken ( und das nicht fürs Auto) um die nächste Wegstrecke unseres Lebens wieder meistern zu können! Eins bleibt uns wenigstens…das planmäßige Erscheinen des Schellenaffen! Das tut so gut! Danke!😊

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