Jesus Smartphone Handy Religion

Kopf hoch – genug der frommen Gesichtsbestrahlung!

Gemeinhin wird behauptet, unsere westliche Gesellschaft habe jeden Glauben verloren. Gottlos, ohne religiösen Halt taumeln wir durch unser Leben. Wir scheinen an nichts zu glauben außer an uns  selbst und vielleicht noch an die Kraft von Misteltee. Wir meiden Gotteshäuser und kennen Kirchendiener nur als Karnevalskostüme. Doch der frevelhafte Schein trügt. Immer wieder ist zu beobachten, wie Menschen allen Alters fromm ihre Häupter neigen. Wie sie ihre Hände vor der Brust vereinen. Wie sie innehalten, um sich erleuchten zu lassen.

Und sie werden erleuchtet.

In der Regel vom Display eines Samsung Galaxy oder iPhone 6S.

Smartphones sind unsere neue Religion geworden – sie weisen uns den Weg durch dieses diffuse irdische Leben. Wir spüren ihre erbebende Nähe, auch wenn wir sie nicht sehen. Wir bekreuzigen uns vor ihnen (PIN). Wir lauschen ihren Chorälen. Wir studieren ihre Psalme. Mit geneigten Häuptern und der Geschwindigkeit einer Springprozession laufen wir durch diese Wirklichkeit – mit dem stetigen Gedanken an unsere Funkverbindung nach da oben.

Die vereinnahmende Stärke dieser auf der Leistungsfähigkeit eines Akkumulators basierenden Glaubensgemeinschaft besteht zum einen in ihrer Einbindung in den Alltag. Wir brauchen keine Tempel, keine Festtage, keine Opferkerzen. Dem Smartphone-Gott huldigen wir überall. Konzerte erleben wir durch unser göttliches Auge. Abendessen werden durch Bibelzitate erhellt.  U-Bahnfahrten werden durch geistliche Gesänge begleitet. Selbst im Bett halten wir noch für gewöhnlich für ein kurzes, letztes Stoßgebet inne. Die Verbreitung dieser Religion ist gewaltig: hartnäckig wie Zahnbelag hält sich das Gerücht, dass mehr Menschen ein Mobiltelefon besäßen, als eine Zahnbürste. Egal, ob es stimmt oder nicht, die Tatsache, dass es stimmen könnte spricht für sich.

Zum anderen bietet diese LTE-ligion so viele Antworten – auf Fragen, die wir uns vielleicht gar nicht gestellt haben. Wir interagieren mit unseren Telefonen im Schnitt 140-mal – pro Tag. Ich kenne Menschen, die weniger Schritte an einem Tag absolvieren, geschweige denn mit so vielen Erdenbürgern sprechen. Neben der „Kommunikation“  mit anderen Glaubensbrüdern und –schwestern verbringen wir die meiste Zeit jedoch damit Dinge zu suchen  und unseren Gott allerhand zu fragen. Das Ganze gleicht weniger der Suche nach dem Sinn – als der Suche nach dem Unsinn:

Unsinnige Google Search Anfragen Google Suchanfragen

Doch bleibt die Frage: verblendet so viel Frömmigkeit den Blick für das Irdische? Denn die Kehrseite der Religiosität ist: Das Dogma der blauen Doppelhäkchen. Wir spüren den permanenten Druck des Reagieren-Müssens und die Angst etwas zu verpassen. Auch wenn sich nicht jeder ohne Handy direkt dem Jüngsten Gericht ausgeliefert fühlen mag – irgendwie unbehaglich ist es schon. Und sei es, weil man nichts in der Hand hat, mit dem man einem ermüdenden Gespräch oder erdrückendem Schweigen aus dem Weg gehen kann.

Doch eigentlich gibt es keinen Grund für Unbehagen: Wie oft hast du tatsächlich mal eine wichtige Nachricht verpasst? Wie oft hat dich dein Handy schon in eine Sackgasse navigiert? Wie oft konnte ein Telefonat nicht warten, bis du die U-Bahn verlassen hast? Durch welche Linse hast du dein letztes Konzert gesehen? Und die wichtigste Frage: musst du genau jetzt ein Katzenbaby-Video mit „Gefällt mir“ in den globalen Kontext einordnen?

 

Alte Frau ohne Handy Frau Menge Smartphone (c) Boston Globe
© Boston Globe, John Blanding
Lass den kleinen Kasten aus Plastik, Metall und Algorithmen doch einfach mal zuhause. Auch wenn dein Gegenüber vielleicht nicht gottgleich ist – schaue ihm oder ihr doch einfach mal wieder ins Gesicht. Laufe mal wieder ohne Ziel und Zeitplan los. Mach mal wieder Bilder – mit deinen Augen. Sei unfrömmig!

Und um dich von deiner drängendsten existentialistischen Frage zu erlösen: 1.70. So groß ist Putin. Und ja Schnittlauchblüten kann man essen. Muss man aber nicht. Herrgott!

(Du kannst das Ding eigentlich gleich die ganze Woche ausgeschaltet lassen – bis Montag verpasst du eh nichts.)

Ein Gedanke zu „Kopf hoch – genug der frommen Gesichtsbestrahlung!

  1. Oh mein Gott…oder soll ich schreiben oh mein Handy 😉! Wie recht der kleine Affe hat! Wie immer, im Leben,das rechte Maß wäre auch hier angebracht. Ich für meinen Teil,der ich ein sehr gläubiger Mensch bin,werde in mich gehen und meinem lieben Smartphone weniger Beachtung schenken. Denn die Fragen der Zeit können warten ,nur meine Freunde und Familie bleiben mir, durch dieses erhellende Gerät ,nach wie vor eng verbunden . Denn schon oft habe ich erlebt wie ich durch diese kleine „Teufelswerk“Hilfe,Rat,Freude und Ideen schnell an den Mann/die Frau bringen konnte!

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